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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 114
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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In der Vorderhalle fand Fink den Freiherrn. Der arme Herr war durch die Spannung des langen Tages und durch das Gefühl seiner Unbrauchbarkeit da, wo er tätig zu sein für ein Vorrecht seines Standes hielt, in einen Wirbel von schmerzlichen Empfindungen versetzt. In früheren Jahren hätte er jede persönliche Gefahr mit der besten Haltung durchgemacht. Wie sehr seine Kraft gebrochen war, zeigte sich jetzt, wo es ihm nicht gelang, seine Fassung zu bewahren. Seine Hände griffen unruhig umher, als suchten sie eine Waffe, und ein schmerzliches Stöhnen drang aus tiefer Brust herauf. «Mein gütiger Gastfreund», redete Fink ihn an, «da Ihre Unpäßlichkeit Ihnen noch unbequem machen muß, mit den Fremden zu verhandeln, so bitte ich Sie um die Erlaubnis, dies in Ihrem Namen zu tun.»

«Sie haben Vollmacht, lieber Fink», erwiderte der Freiherr mit heiserer Stimme. «In der Tat ist das Befinden meiner Augen nicht so, daß ich hoffen kann, etwas zu nützen. Ein jämmerlicher Krüppel!» rief er laut und bedeckte das Gesicht mit seinen Händen. Fink wandte sich achselzuckend ab, öffnete einen Schieber in der eichenen Bohlentür, welche bestimmt war, auf die noch nicht aufgeschüttete Rampe zu führen, und sah hinaus.

«Erlauben Sie mir», bat Anton den Freiherrn, «Sie an einen Platz zu führen, wo Sie den Kugeln nicht unnötig ausgesetzt sind.»

«Bekümmern Sie sich nicht um mich, junger Mann», sagte der Freiherr. «Es ist heut an mir weniger gelegen als an dem ärmsten Tagelöhner, der um meinetwillen ein Gewehr in die Hand nimmt.»

«Hast du mir noch etwas aufzutragen?» sagte Anton zu Fink, sein Gewehr ergreifend.

«Nichts», erwiderte dieser lächelnd, «als daß du deine Vorsicht nicht vergißt, wenn du selbst ins Handgemenge kommst. Gute Geschäfte.» Er streckte ihm die Hand hin, Anton ergriff sie und eilte in den Hof. -

«Jetzt begutachten die Feinde Ihre Wirtschaft», sagte Fink zu dem Freiherrn. «In wenigen Augenblicken werden wir die Herren hier haben. Da kommen sie, Reiter und Fußvolk. Sie machen halt an der Scheuer, ein Reitertrupp avanciert, es ist der Stab, hübsche Jungen darunter, ein paar elegante Pferde, sie reiten außer Schußweite um das Schloß. Sie sind vorsichtiger, als ich erwartete. Sie suchen einen Eingang, wir werden sogleich den Hammer am Hintertor hören.»

Alles blieb still. «Merkwürdig», sagte Fink. «Es scheint mir Kriegsgebrauch, die Besatzung vor dem Angriff zur Übergabe aufzufordern; dort kommen die Offiziere um das Schloß herum in Karriere zu ihrem Fußvolk zurück. Hat ihnen Wohlfart solchen Schrecken eingejagt, daß sie Hals über Kopf geflohen sind?»

Das Dröhnen der Pferdehufe und der dumpfe Tritt des Fußvolkes wurde gehört.

«Wetter», fuhr Fink fort, «das ganze Korps marschiert wie zur Parade auf unserer Seite des Schlosses auf; wenn sie von dieser Seite Ihre Festung erstürmen wollen, so müssen sie merkwürdige Begriffe von Berennung eines festen Platzes haben. Sie machen Front gegen uns, zweihundert Schritt Distanz. Das Fußvolk zwei Mann hoch in der Mitte, die Reiter an den Flügeln. Ganz römische Schlachtordnung, der reine Julius Cäsar. Seht, sie haben einen Tambour, der Kerl tritt vor; das Geklapper, welches Sie hören, ist ein Trommelwirbel. – Ah, der Anführer reitet vor die Front. Er kommt heran und hält gerade vor dieser Tür. Die Artigkeit erfordert, daß wir nach dem Begehr dieses Herrn fragen.» Fink faßte den schweren Riegel der Tür und schob ihn zurück, die Tür flog auf, Fink trat auf die Schwelle, den Eingang deckend, die Doppelflinte nachlässig in der Hand. Als der Reiter die schlanke Gestalt im weidgerechten Kostüm so ruhig vor sich stehen sah, parierte er sein Pferd und griff an den Hut, Fink dankte durch eine leichte Neigung des Kopfes.

«Ich wünsche den Besitzer dieses Gutes zu sprechen», rief der Reiter hinauf.

«Nehmen Sie unterdes mit mir vorlieb», antwortete Fink, «ich stehe an seiner Stelle hier.»

«So sagen Sie dem Gutsherrn, daß wir einen Befehl der Regierung in seinem Hause zu erfüllen haben», rief der Reiter.

«Möge Ihre Ritterlichkeit mir die Frage erlauben, welche Regierung so leichtsinnig war, Ihnen einen Befehl für den Freiherrn von Rothsattel zu übergeben. Wie ich höre, sind hierzulande die Ansichten über Regierung in Unordnung gekommen.»

«Das polnische Zentral-Komitee ist Ihre wie meine vorgesetzte Behörde», rief der Reiter.

«Es ist sehr artig von Ihnen, daß Sie einem Zentral-Komitee die Disposition über Ihren Hals einräumen; Sie werden uns erlauben, in diesem Punkte der entgegengesetzten Ansicht zu sein.»

«Sie sehen, daß wir die Mittel haben, Gehorsam für die Befehle des Gouvernements zu erzwingen, und ich rate Ihnen, uns nicht durch Widersetzlichkeit zur Anwendung von Gewalt zu zwingen.»

«Ich danke Ihnen für diesen Rat und würde Ihnen noch mehr verbunden sein, wenn Sie in Ihrem Diensteifer nicht vergessen wollen, daß der Grund, auf dem Sie stehen, kein öffentlicher Marstall, sondern Privateigentum ist und daß fremde Pferdehufe ihre Sprünge darauf nur mit Bewilligung des Gutsherrn machen dürfen. Soviel ich weiß, haben Sie diese nicht eingeholt.»

«Genug der Worte, mein Herr», rief der Reiter ungeduldig. «Wenn Sie in der Tat das Recht haben, den Besitzer dieses Gutes zu vertreten, so fordere ich Sie auf, den Zugang zu diesem Schloß ohne Verzug zu öffnen und Ihre Waffen auszuliefern.»

«Leider», erwiderte Fink, «bin ich in der unbequemen Lage, Ihren Wunsch nicht zu gewähren. Ich füge noch die Bitte hinzu, daß Sie nebst den Herren in zerrissenen Stiefeln, welche dort hinten stehen, so schnell als möglich diesen Ort verlassen. Meine jungen Leute sind gerade im Begriff, zu untersuchen, ob sie die Maulwürfe unter ihren Füßen treffen können. Es würde mir leid tun, wenn wir dabei die nackten Zehen Ihrer Begleiter beschädigen sollten. Gehen Sie, mein Herr!» rief er plötzlich, seinen nachlässigen Ton verändernd, mit einem so kräftigen Ausdruck von Zorn und Verachtung, daß das Pferd des Reiters bäumte und der Mann nach der Pistole im Halfter griff.

Während dieser Unterredung hatten sich die Reiter und einzelne Haufen des Fußvolks näher herangezogen, um die Worte des Gesprächs aufzufangen. Mehr als einmal senkte sich ein Flintenlauf, er wurde aber jedesmal durch einzelne Reiter, welche ihr Pferd vor die Reihe der Bewaffneten drängten, zurückgeschlagen. Bei den letzten Worten Finks legte eine wüste Gestalt in einer alten Friesjacke die Waffe an, ein Schuß knallte, die Kugel fuhr neben Finks Wange in die Bohlen der Tür. In demselben Augenblick erscholl in der Höhe ein unterdrückter Schrei, an der Zinne des Turmes flammte es hell auf, der vorschnelle Gesell stürzte getroffen auf den Boden. Der Parlamentär warf sein Pferd herum, die Angreifer fuhren zurück, und Fink verschloß die Tür. Als er sich umwandte, stand Lenore auf dem ersten Absatz der Treppe, das abgeschossene Gewehr in der Hand, die großen Augen verstört auf Fink geheftet. «Sind Sie verwundet?» rief sie außer sich.

«Durchaus nicht, mein treuer Kamerad», rief Fink. Lenore warf das Gewehr weg und sank zu den Füßen des Vaters nieder, ihr Gesicht auf seinem Knie verbergend. Der Vater beugte sich über sie, faßte ihr Haupt mit den Händen, und die nervöse Erschütterung der letzten Stunden verursachte, daß ein krampfhaftes Schluchzen über ihn kam. Die Tochter umschloß leidenschaftlich die bebende Gestalt des Vaters und hielt ihn lautlos in ihren Armen. So hielten sie einander umschlungen, ein gebrochenes Leben und ein anderes, in welchem die Glut des Lebens zu hellen Flammen aufschlug. Fink sah zum Fenster hinaus, die Feinde hatten sich zurückgezogen, die Führer ritten außer Schußweite zusammen, wie es schien, zur Beratung. Schnell trat er zu Lenore, und die Hand auf ihren Arm legend, sagte er: «Ich danke Ihnen, gnädiges Fräulein, daß Sie so entschlossen die Strafe an dem Elenden vollzogen. Jetzt bitte ich Sie, mit Ihrem Herrn Vater diese Stelle zu verlassen. Wir werden uns besser halten, wenn nicht die Sorge um Sie unser Auge vom Feinde abzieht.» Lenore schreckte bei seiner Berührung zusammen, und eine heiße Röte stieg ihr auf Wangen und Stirn.

«Wir werden gehen», antwortete sie mit niedergeschlagenen Augen, «komm, mein Vater.» Sie führte den Freiherrn, der ihr widerstandslos folgte, die Treppe hinauf in das Zimmer der Mutter. Dort rang sie mit Heldenkraft nach Fassung, sie setzte sich an das Lager der Kranken und erschien den Abend nicht wieder in Finks Nähe.

«Jetzt sind wir unter uns», rief Fink den Wachen zu, «jetzt kurze Distanz und ruhiges Zielen. Wenn sie diesen Steinhaufen anstürmen, so sollen sie sich nichts als blutige Köpfe holen.»

So stand er mit seinen Genossen und sah mit scharfem Auge auf die Reihen der Gegner. Dort war große Rührigkeit, einzelne Abteilungen zogen nach dem Dorf, die Reiter ritten auf der Straße hin und her, es war etwas im Werke. Endlich schleppte ein Trupp dicke Bretter und eine Reihe leerer Wagen herbei. Die oberen Teile der Wagen wurden heruntergehoben und die Untergestelle in einer Reihe aufgefahren, die Deichseln vom Schloß ab, die Hinterräder dem Schloß zugekehrt; dann wurden Bretter auf dem Boden übereinandergenagelt und Schirmdächer gemacht, welche, durch Stangen schräg an dem Hinterteil der Wagen befestigt, einige Fuß über das Wagengestell vorragten und fünf bis sechs Männern erträglichen Schutz gaben.

«Bittet Herrn Wohlfart, sich hierherzubemühen», rief Fink einem der Schützen zu.

«Hier wurde geschossen», fragte Anton, in die Halle tretend, «ist jemand verwundet?»

«Diese dicke Tür und einer von dem Gesindel dort», entgegnete Fink. «Sie gaben vom Turm ohne Befehl Antwort auf den ersten Schuß der Feinde.»

«Im Hofe ist kein Feind zu sehen. Vorhin kam ein Trupp Reiter an das Tor; einer wagte sich bis dicht an die Planken und versuchte durchzusehen. Als ich mich aber über den Zaun erhob, stob er wie entsetzt davon.»

«Sieh dorthin», sagte Fink, «sie machen sich ein Familienvergnügen, kleine Barrikaden. Solange dies Abendlicht uns zu sehen gestattet, ist die Gefahr nicht groß. Aber in der Nacht können sie mit diesen Räderdächern nahe genug heran.»

«Der Himmel bleibt klar», sagte Anton, «es wird eine helle Sternennacht.»

«Wenn ich nur wüßte», sagte Fink, «weshalb sie die Tollheit haben, gerade die stärkste Seite unserer Festung anzugreifen. Es ist nicht anders, dein friedliches Gesicht hat auf sie gewirkt wie das Haupt der Gorgo. Du wirst von jetzt ab als Scheuche verschrieben werden in allen Slawenkriegen.»

Es war dunkel geworden, als das Hämmern an den Wagen aufhörte. Ein Kommando wurde gehört, die Befehlshaber riefen einzelne Leute bei Namen an die Deichseln, sechs bewegliche Dächer fuhren mit großer Schnelligkeit etwa dreißig Schritt vor der Vorderseite des Schlosses auf.

«Jetzt gilt's», rief Fink. «Bleibe hier und wahre den Unterstock.» Fink sprang die Treppe hinauf, die lange Reihe der Vorderzimmer war geöffnet, man konnte von einem Ende des Hauses zum andern sehen. «Hütet eure Köpfe», rief er den Wachen zu. Gleich darauf fuhr eine unregelmäßige Salve nach den Fenstern des Oberstocks, der bleierne Hagel rasselte durch die Glasscheiben, klirrend flogen die Splitter auf die Dielen. Fink ergriff seine Pfeife, ein gellender Ton drang mit langen Schwingungen durch das ganze Haus, oben vom Turm und aus beiden Stockwerken antworteten die Salven der Belagerten. Und jetzt folgten von beiden Seiten unregelmäßig die knatternden Schüsse. Die Belagerten waren im Vorteil, ihr Schutz war besser und die Dunkelheit in den Zimmern größer als im Freien. In den kurzen Pausen hörte man Finks laute Stimme: «Ruhig, ihr Männer, deckt euch!» Er war überall, sein leichter Tritt, der helle Klang seines Zurufs, zuweilen ein wildes Scherzwort ermutigten jeden Schützen des Hauses. Sie erfüllten mit Entzücken und Schauer auch die Seele Lenorens, welche das Fürchterliche ihrer Lage nicht mehr empfand und bei den krampfhaften Bewegungen des Vaters und dem leisen Stöhnen der Mutter nicht verzweifelte, denn wie ein Gruß des Heils tönten die Worte des geliebten Mannes in ihr Ohr.

Wohl eine Stunde dauerte der Kampf um die Mauern des Hauses. Finster lag der riesige Bau in dem matten Licht der Sterne, kein Licht, keine Gestalt war von außen zu erblicken, nur der Feuerstrahl, welcher zuweilen aus einer Ecke der Fensteröffnung herunterfuhr, verkündete den draußen, daß tödliches Leben im Schlosse war. Wer durch die Zimmerreihe schritt, der konnte hier und da eine dunkle Gestalt hinter dem Schatten eines Pfeilers erkennen, er sah vielleicht das Auge in Spannung glänzen und das Haupt sich vorbeugen, um eine Blöße des Feindes zu erspähen. Wohl keiner der Männer, welche jetzt Kriegsdienste taten, war an blutige Arbeit gewöhnt; vom Pfluge, von der Werkstatt, aus jeder Art von friedlicher Tätigkeit waren sie hier zusammengekommen, und ängstliche Spannung, fieberhafte Erwartung war den ganzen Tag über auch im Gesicht der Stärksten sichtbar gewesen.

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