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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 113
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Lenore eilte nach dem Zimmer des Freiherrn; Anton blieb in trüben Gedanken zurück. Unterdes fiel das helle Sonnenlicht auf den Hofraum des Schlosses, die Männer gingen aus der Wachtstube und stellten sich an der Schwelle auf, auch die Weiber drängten aus den finstern Räumen und mußten mit Ernst zurückgewiesen werden. Nachdem der erste Schreck überstanden war, hatten die Leute wieder Mut und allerlei Gedanken. «Wer weiß, ob sie das Schloß nicht vergessen haben», sagten die einen, «oder ob sie den Mut haben, uns anzugreifen», die andern, und ein kluger Schneider bewies durch geschicktes Zusammenflicken der verschiedenen Nachrichten, alle polnischen Röcke seien längst bis hinter Rosmin gezogen. Aber so eifrig auch jeder die Überzeugung aussprach, daß die Gefahr vorüber sei, so hörten doch alle ängstlich auf den Tritt der Wachen im Hause und sahen immer wieder nach dem Turm, ob nicht von dort ein Signal komme. Auch Anton fand das Warten unleidlich, er stieg endlich auf den Turm. Dort war auf der Plattform die befehlende Macht des Schlosses versammelt, der blinde Freiherr saß auf seinem Sessel, hinter ihm lehnte die hohe Gestalt Lenorens, welche ihren Sonnenschirm über die Augen des Vaters hielt; in den breiten Schießscharten saßen vier Büchsenschützen, oben auf dem Mauerwerk ließ Fink die Beine in die freie Luft hinaushängen und blies die blauen Wolken einer Zigarre in den Wind.

«Nichts zu sehen?» fragte Anton.

«Nichts», erwiderte Fink, «als ein betrunkener Haufe unserer Dorfleute, welcher dort auf dem Wege nach Tarow abzieht.» Er wies auf eine dunkle Masse, welche gerade im Walde verschwand. «Es ist gut, daß wir das Gesindel los sind. Sie haben Furcht vor den grauen Joppen und halten für ratsamer, woanders zu plündern. Noch ist jede Stunde Verzögerung ein Gewinn; wir haben eben berechnet, daß Hilfe im besten Fall vor morgen mittag nicht zu erwarten ist. Für einen Besuch von vollen vierundzwanzig Stunden sind die Herren hinterm Wald nicht interessant genug. – Ein vortrefflicher Punkt, Herr von Rothsattel, dieses Dach hier. Zu sehen ist nicht viel, etwas Kiefernwald, Ihre Felder und Sand. Aber eine gloriose Höhe zur Verteidigung. Daß es um das Schloß herum so kahl ist und kein Baum und kein Strauch steht, ist von gefühlvollen Herzen als unangenehm beklagt worden. Ich finde gerade das prachtvoll; mit Ausnahme der ersten Scheuer des Hofes, die immerhin in gerader Linie gegen dreihundert Schritt von diesem Punkt entfernt ist, gibt es für einen feindlichen Schützen keinen Versteck, der größer wäre als ein Maulwurfshügel. So weit eine Büchsenkugel reicht, beherrscht man von hier die Ebene souverän. Nur das Gebüsch dort ist im Wege, ich glaube, es ist eine Anpflanzung von Fräulein Lenore.»

«Ich bekenne mich schuldig», sagte Lenore.

«Wohlan», entgegnete Fink nachlässig, «dann sollen Sie die Kurkosten bezahlen, wenn wir getroffen werden. Ein halbes Dutzend Schützen findet Versteck darin.»

«Es ist Lenorens Lieblingsplatz», sagte der Freiherr entschuldigend, «sie hat dort eine Rasenbank, es ist die einzige Stelle, wo sie im Freien sitzen kann.»

«Ah», sagte Fink, «das ist etwas anderes.» Er sah sich nach Lenore um, sie war von der Seite ihres Vaters verschwunden. Gleich darauf wurde das Hoftor geöffnet, Lenore eilte, gefolgt von einigen Arbeitern, auf den Busch zu. Fink rief verwundert hinunter: «Was wollen Sie, Fräulein?» Lenore machte mit der Hand die entschlossene Gebärde des Niederschlagens, sie selbst faßte ein Fichtenstämmchen und hob es mit Anstrengung aller Kräfte aus der Erde. Die Männer folgten ihrem Beispiel. Nach wenigen Augenblicken war die junge Pflanzung ausgerissen. Dann nahm Lenore im Eifer selbst die Hacke und schlug auf die Rasenbank, diese zu zerstören.

Anton hatte die Bäume mit dem Fräulein gepflanzt, beide hatten sich lebhaft über die gute Wirkung gefreut, die das Gebüsch hervorbrachte, täglich war seitdem Lenore dort gewesen, jeder von den kleinen Stämmen war ihr ein persönlicher Freund. Jetzt sah Anton schweigend der Vernichtung zu, zuletzt konnte er sich nicht enthalten, mit einiger Kälte zu sagen: «Die schwache Pflanzung hätte uns wenig geschadet, du hast sicher eine unnütze Zerstörung veranlaßt.»

«Ei», erwiderte Fink, «Fräulein Lenore handelt wie ein vorsichtiger Festungskommandant. Die erste Bravour solcher Talente ist immer, die Anlagen um ihre Festung zu rasieren, und dieses Gebüsch kann an jedem Frühlingstage wieder gesetzt werden. – Tragt das Holz weiter ab nach dem Wirtschaftshofe», rief er den Männern zu, «werft auch die hölzerne Einfassung des Brunnens auseinander, schafft die Bohlen nach dem Hofe und verdeckt die Öffnung.»

Als Lenore wieder hinter den Stuhl des Freiherrn trat, nickte Fink ihr zu wie ein älterer Genosse dem jüngeren, nahm sein Fernrohr und untersuchte wieder den Rand des Waldes.

So blieb die Gesellschaft wohl eine Stunde lang, niemand hatte Lust zu sprechen; was Fink gelegentlich scherzte, fiel auf unfruchtbaren Boden. Anton stieg hinunter, die Leute in Ordnung zu halten, aber es trieb ihn wieder auf die Zinne, und wie die andern sah er unverwandt nach dem Waldwege. Endlich sagte Fink nach längerem Stillschweigen, seine Zigarre wegwerfend: «Es wird Abend, wir erweisen unsern Gästen zuviel Ehre, wenn wir dabei beharren, sie in solcher stillen Andacht zu erwarten. Als die Nachricht von dem Anmarsch zu uns kam, waren Wohlfart und ich hier im Hause nötig, und da Karl in der Ferne meinem armen Pferde die Beine bricht, so hatten wir niemand, den wir als Patrouille zum Rekognoszieren ausschicken konnten. Jetzt rächt sich die Unterlassungssünde, wir sitzen hier im Bau gefangen, und die Leute ermüden, bevor der Feind kommt. Es wird unvermeidlich, daß sich einer von uns mit ein paar Leuten auf die Gäule wirft und weiter Nachricht über den Feind einholt. Diese Stille ist unnatürlich; man sieht auf dem ganzen freien Felde keinen Menschen, keinen auf all den Feldwegen, es scheint mir seltsam, daß seit zwei Stunden keine Flüchtlinge mehr vom Walde herkommen, auch die Rauchwolke auf Neudorf zu ist verschwunden.»

Anton schickte sich schweigend an, den Turm zu verlassen. «Geh, mein Sohn», sagte Fink, «nimm dir die sichersten Leute mit, sieh nach, wie es im Dorfe steht, und hüte dich vor dem Kiefernwald. Halt, noch einen Augenblick, ich will den Wald noch einmal mit dem Fernrohr durchsuchen.» Er sah lange hin, betrachtete jeden Baum und setzte das Rohr endlich ab. «Es ist nichts zu sehen», sagte er nachdenkend. «Trügen die Herren, die wir erwarten, etwas anderes als Bauernsensen, so müßte man annehmen, daß eine Teufelei am Werke wäre. So aber ist alles Ungewißheit. Hüte dich vor dem Walde.»

Anton verließ den Turm, rief den Techniker und zwei Knechte, ließ das Pferd des Barons und drei der schnellsten Ackerpferde losbinden und vom Schmied das Tor öffnen. Die Reiter ritten zuerst auf den Wirtschaftshof. Alles war still und im tiefsten Frieden. Die Hühner, welche Karl vor einigen Wochen gekauft hatte, scharrten auf dem Mist, seine Tauben gurrten auf dem Strohdach, ein kleiner Hund, der mit dem Schmied aus Kunau gelaufen war, hatte sich unterdes selbst zum Wächter des verlassenen Hofes gemacht und bellte die Reiter argwöhnisch an. Geschlossen trabten sie durch das Dorf vor die Schenke, die Schenkstube war leer. Anton rief nach dem Wirt. Nach einer Weile kam der Mann bleich an die Tür gestürzt und schlug die Hände zusammen, als er Anton sah. «Gerechter Gott, Herr Wohlfart, daß Sie noch hier sind: ich habe geglaubt, Sie wären längst mit der Herrschaft geflüchtet nach Rosmin oder unter unsere Soldaten. Gott, ist das ein Unglück! Der Bratzky ist hier in der Stube gewesen und hat die Leute aufgeredet gegen die Herrschaft im Schlosse und gegen die Deutschen. Er konnte sie aber nicht dazu bringen, daß sie vor das Schloß rückten. So ist der größte Teil der Dorfleute auf Tarow zu den Polen gezogen; die zurückgeblieben sind, haben sich versteckt; ich bin dabei, zu vergraben, was ich in der Eile wegschaffen kann.»

«Wo stehen die Feinde jetzt?» fragte Anton.

«Ich weiß es nicht», rief der Schenkwirt, «aber ich weiß, daß es ist ein großes Heer, auch Ulanen dabei in Uniform.»

«Wißt Ihr, ob der Wald sicher ist nach Neudorf zu?»

«Wie kann er sicher sein, es ist in den letzten Stunden niemand von Neudorf hergekommen. Wäre der Weg frei, so müßte jetzt das halbe Dorf hier sein in meiner Schenke oder bei Ihnen auf dem Schloß.»

«Ihr habt recht. Wollt Ihr die Banden hier erwarten?» fragte Anton, zum Abritt bereit. «Ihr seid im Schlosse sicherer.»

«Wer weiß!» rief der Wirt. «Ich kann nicht fort; wenn ich gehe, wird mir verwüstet der ganze Kretscham.»

«Aber Eure Weiber?» fragte Anton, das Pferd anhaltend.

«Ich muß Leute haben zur Hilfe», klagte der verzweifelte Wirt. «Wenn sie auch jung sind, sie müssen es durchmachen. Da ist die Rebekka, meiner Schwester Kind, sie ist aus einer Familie, die gewöhnt ist an den Handel. Sie versteht das Wesen mit den Bauern, sie weiß Geld zu kriegen, auch wenn einer ganz betrunken ist. – Rebekka», rief er zurück, «der Herr Wohlfart lassen dich fragen, ob du willst aufs Schloß, daß du sicher bist vor den wilden Männern.» Das volle Gesicht Rebekkas, von rötlichem Haar eingefaßt, tauchte aus dem Kellerloch des Hauses hervor.

«Was tu ich mit dem Schloß, Onkel?» rief sie entschlossen. «Wie heißt wilde Männer? Unsere Bauern sind die wildesten Männer in der ganzen Gegend, wenn ich mit den fertig werde, werde ich auch fertig mit den andern. Die Muhme hat verloren ihren Kopf, es muß doch ein Mensch da sein, der mit den Gästen hantiert. Ich bedanke mich, gnädiger Herr, ich fürchte mich nicht; die Herren, welche sind bei den Haufen, werden nicht leiden, daß mir einer etwas antut.»

«Vorwärts, ihr Männer!» rief Anton. Sie trabten weiter durch das Dorf, alle Türen waren geschlossen, aus den kleinen Fenstern sah hier und da ein Frauenkopf verstört den Reitern nach. So kamen sie auf den breiten Feldweg bis in die Nähe des Waldes. «Wo der Weg in den Wald hineinläuft», sagte der eine Knecht zu Anton, «ist zur linken Hand junges Holz. Dort können viele hundert Mann im Versteck liegen, und wir sehen sie nicht, sie werden uns wegputzen oder den Weg nach dem Schlosse abschneiden.»

«Du hast recht», sagte Anton, «wir reiten über das Feld bis an die hintere Seite des jungen Schlages, dort stehen die Stämme einzeln, wir können hinein und wieder zurück. Von dort suchen wir zu Fuß das junge Holz ab.» So lenkten sie von der Straße, ritten über das Br[*]achfeld, und ihre Pferde betraten in Schußweite von der Schonung den Wald. «Jetzt herunter von den Pferden», sagte Anton zu den Knechten. Anton und die Knechte gaben die Zügel dem Techniker, nahmen die Gewehre in die Hand und schritten vorsichtig an das Buschwerk. «Schießt hinein», befahl Anton, «und dann zurück zu den Pferden, so schnell ihr laufen könnt.» Die Schüsse rasselten in das junge Holz, einige Sekunden darauf antwortete ein unregelmäßiges Feuer aus mehreren Gewehren, ein lautes Geschrei folgte. Die Kugeln pfiffen über den Kopf Antons, aber die Entfernung war nicht gering, und im schnellen Lauf kamen die Männer unbeschädigt zu ihren Pferden. «Galopp, wir wissen genug! Sie waren nicht so schlau, ruhig zu bleiben.» Eilig rasselte die kleine Schar auf der Landstraße dem Schlosse zu, hinter ihnen klang der laute Ruf der Verfolger. Atemlos kamen die Reiter vor dem Schlosse an, im Hofe fand Anton alles alarmiert. Fink erwartete ihn am Eingange.

«Du hattest recht», rief ihm Anton entgegen, «sie lagen im Hinterhalt, gewiß schon mehrere Stunden, vielleicht war ihnen zumeist daran gelegen, dich oder uns beide auf dem Wege nach Neudorf zu fassen. Sie hätten dann das Schloß ohne Kampf in die Hände bekommen.»

«Wieviel mögen ihrer sein?» fragte Fink.

«Du sahst, wir hatten keine Zeit zum Zählen», entgegnete Anton. «Sicher ist ein Haufe vorgeschoben, und die größere Masse liegt weiter hinten im Walde.»

«Wir haben sie aufgestört», erwiderte Fink, «jetzt können wir ihren Besuch erwarten. Es ist unserer Leute wegen besser jetzt vor Sonnenuntergang als bei Nacht.»

«Sie kommen!» rief Lenorens Stimme vom Turme herunter.

Die Freunde eilten auf die Plattform. Als Anton über die Zinne des Turmes sah, neigte die Sonne zum Untergang. Der Himmel strahlte in blendender Goldfarbe und verwandelte das Grün der Wälder in bräunliche Bronze. Aus dem Waldwege trabte ein Trupp Reiter, etwa eine halbe Schwadron, in geordnetem Zuge auf das Dorf zu, mehr als hundert Mann zu Fuß folgten, der erste Zug mit Gewehren, der andere mit Sensen bewaffnet. Das schöne Abendlicht umstrahlte die Gestalten auf dem Turme. Ein Käfer summte lustig um Antons Ohr, und oben in der Luft klang das Abendlied der Lerche. Unterdes zog unten die Gefahr heran. Immer näher wand sie sich auf dem gekrümmten Wege, eine dunkle langgestreckte Masse, unhörbar, nur dem Auge erkenntlich. Vor dem Ohre summte der Käfer fort, und die Lerche sang weiter in ihrem Freudenlied. Endlich verschwand der Zug hinter den ersten Hütten des Dorfes. Es waren Augenblicke lautloser Stille, alle sahen unverwandt auf die Stelle, wo der Feind wieder sichtbar werden mußte; neben Anton stand Lenore, sie umklammerte mit der Linken ein Gewehr und hielt die Rechte in einer Jagdtasche, in der ihre Hand, ohne daß sie es wußte, die Kugeln klappernd in Bewegung setzte. Als die Reiter in der Mitte des Dorfes sichtbar wurden, griff Fink an seine Mütze und sagte feierlich: «Jetzt auf unsere Posten, ihr Herren. Du, Anton, habe die Güte, den Freiherrn hinunterzuführen.» Als Anton, den Blinden stützend, die Stufen hinabstieg, wies er zurück auf Lenore, welche unbeweglich auf den heranziehenden Feind hinstarrte. «Auch Sie, gnädiges Fräulein, bitte ich, an Ihre Sicherheit zu denken», fuhr Fink fort.

«Ich bin am sichersten hier», erwiderte Lenore trotzig und stieß mit dem Kolben ihres Gewehres auf den Stein. «Sie werden nicht verlangen, daß ich jetzt den Kopf in das Sofa drücke, wo Sie im Begriffe sind, um das Leben zu spielen.»

Fink sah voll Bewunderung in das schöne Antlitz und sagte. «Ich habe nichts dagegen. Wenn Sie sich entschließen können, auf diesem Sessel Platz zu nehmen, so sind Sie hier so sicher wie irgendwo im Schloß.»

«Ich werde vorsichtig sein», erwiderte Lenore mit einer abwehrenden Bewegung der Hand.

«Und ihr verbergt euch hinter der Mauer, meine Knaben», sagte Fink, «hütet euch, eine Schulter oder den Zipfel eurer Mütze zu zeigen; und feuert nicht eher, als bis ich euch mit diesem Schreihals ein Zeichen gebe, ihr werdet den Ton auch hier oben hören.» Er holte eine breite Pfeife von fremdartigem Aussehen hervor. «Auf Wiedersehen», sagte er, Lenore mit strahlendem Blick betrachtend.

«Auf Wiedersehen», antwortete Lenore, ihren Arm erhebend, und sah dem Hinabsteigenden nach, bis die Tür hinter ihm zufiel.

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