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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 112
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Anton eilte durch den Korridor nach dem andern Flügel. Schon von weitem hörte er im Zimmer des Barons heftig mit den Stühlen rücken. Auf ein zorniges Herein trat er in das Zimmer. Der Freiherr stand hoch aufgerichtet in der Mitte der Stube und fuhr ihn an: «Ich höre, daß etwas vorgeht; ich muß es als einen unverzeihlichen Mangel an Aufmerksamkeit betrachten, daß man mich von nichts unterrichtet.»

«Verzeihung, Herr Baron», erwiderte Anton, «vor wenigen Minuten ist die Nachricht gekommen, daß ein feindlicher Haufe von Sensenmännern und Reitern gegen Ihr Gut heranzieht, wir haben in größter Schnelligkeit einen Boten nach dem nächsten Militärkommando geschickt, dann haben wir das Tor verriegelt und erwarten Ihre Befehle.»

«Rufen Sie mir Herrn von Fink», erwiderte der Baron herrisch.

«Er ist in diesem Augenblick in der Wachtstube.»

«Ich lasse ihn bitten, sich sogleich zu mir zu bemühen», rief der zornige Herr. «Mit Ihnen kann ich über militärische Maßregeln nicht sprechen. Fink ist Kavalier und ein halber Soldat, ihm will ich die nötigen Instruktionen geben. Was warten Sie noch?» fuhr er rauh fort. «Glaubt ihr jungen Leute, mit mir spielen zu können, weil ich das Unglück habe, blind zu sein? Wer bei mir in Brot und Lohn steht, der wenigstens soll meine Befehle respektieren.»

«Vater!» rief Lenore, die Hände zusammenschlagend, auf der Schwelle und sah mit flehendem Blick auf Anton.

«Sie haben recht, Herr Baron», erwiderte Anton, «ich bitte Sie um Verzeihung, daß ich in der Verwirrung meine erste Pflicht vergessen habe. Ich werde Herrn von Fink im Augenblick herschicken.» Er eilte aus dem Zimmer und benachrichtigte Fink in der Vorhalle von der gereizten Stimmung des Freiherrn.

«Er ist ein Narr», sagte Fink.

«Geh nur sogleich hinauf», bat Anton, «die Frauen müssen unter seiner Laune leiden.» Darauf hing Anton die Jacke eines Arbeiters um und sprang durch die Hinterpforte hinaus in den Regen nach dem Wirtschaftshofe.

Auf dem Hofe sah er ein wüstes Durcheinander. Deutsche Familien aus den Nachbardörfern hatten sich in das Alarmhaus geflüchtet und saßen dort mit den Kindern und einigen Stücken ihrer Habe. Es hatten sich wohl an zwanzig Personen auf der Tenne gelagert, Männer, Frauen und Kinder; d[*]ie Weiber jammerten, die Kinder weinten, die Männer starrten finster vor sich hin, mehrere gehörten zum Landsturm der Dörfer, einer oder der andere war mit seiner Flinte bewaffnet. Auf dem Hofraum standen die kleinen Wagen der Flüchtigen. Knechte, Pferde und Kühe rannten durcheinander. Anton rief den Techniker zur Hilfe bei der nötigen Aufsicht. Dem zuverlässigsten Knecht und der deutschen Großmagd übergab er die Ackerpferde und die Rinderherde. Er nahm den Knecht, einen entschlossenen Mann, beiseite und besprach mit ihm einige Stellen im Dickicht unweit der Sandgrube, wo für Menschen und Tiere Verborgenheit und einiger Schutz vor dem Wetter zu hoffen war. Dorthin sollte der Knecht die Herde treiben und fleißig nach dem Vogt vom Vorwerk aussehen, der im Walde die Aufsicht zu führen hatte. Dann befahl er der Magd, eine Kuh zurückzulassen, öffnete der Herde selbst das Hintertor und sah, wie die Leute, mit Lebensmitteln bepackt, auf den Wald zutrieben.

«Was aber tun wir mit den Pferden des Barons und der Fremden?» fragte der Techniker in Eile.

«Sie müssen mit einigen Wagen ins Schloß, wie es auch gehen mag. Wer weiß, ob wir nicht fliehen, wenn's zum Letzten kommt.»

So ließ Anton schnell in die neuangestrichenen Wagen Karls einige Säcke Kartoffeln laden, Mehl, Hafer, und was von Heubündeln Raum hatte. Auch an die Feuertonne ließ er ein Gespann haken und die Tonne mit frischem Wasser füllen. Noch immer goß es vom Himmel wie mit Kannen, und in dem strömenden Regen warfen die Knechte Säcke, Kasten und Bündel auf die Wagen; alles lief durcheinander, weinte und fluchte in deutscher und polnischer Sprache. Als Anton unter die Flüchtlinge trat, wurde das Geschrei der Frauen noch lauter, die Männer umringten ihn und fingen an, ihr Unglück zu erzählen, die Kinder hingen sich um seine Füße, es war ein trauriger Anblick. Anton tröstete: «Vor allem haltet Ruh, wir werden euch schützen, so gut wir können. Ich hoffe, daß Militär zu unserer Hilfe kommt, unterdes sollt ihr aufs Schloß in Sicherheit. Ihr habt treu zu uns gehalten in dieser bösen Zeit; solange wir Brot haben, soll es auch euch nicht fehlen.»

Nach einer Viertelstunde angestrengter Arbeit trieb Anton nach dem Schlosse. Die Knechte fuhren mit den Wagen an der Hintertür vor, der Trupp der Flüchtlinge folgte. Noch immer kamen Leute an, welche sich aus den deutschen Dörfern gerettet hatten, auch der Schmied von Kunau stand mit einem großen Haufen seiner Dorfnachbarn vor dem Schloßtor. Der ganze Zug wurde jetzt geordnet und der Reihe nach hereingelassen, die Pferde abgeschirrt, die Wagen entladen. Die Frauen und Kinder führte Anton in zwei Stuben des Unterstocks, welche zwar finster, aber immer noch behaglicher waren als die Alarmhäuser oder das regendurchweichte Feld. Die größte Mühe machte das Unterbringen der Pferde; eng aneinander gedrängt stand ein Dutzend Tiere unter einem offenen Schuppen, notdürftig geschützt vor dem Regen und vor einschlagenden Kugeln. In die Mitte des Hofraums wurde der Wasserbottich gestellt und die Kartoffelwagen an das Pfahlwerk geschoben, um den Schützen im Notfall einen Stand zu geben. Darauf wurden die wehrhaften Männer durch den Schmied gesammelt, außer dem Wiesenbauer und vier Knechten waren es noch fünfzehn deutsche Kolonisten, die meisten bewaffnet. Wuchtig tönte ihr Tritt in dem langen Gange des Schlosses; sie zogen in die Vorhalle und stellten sich an der Seite der Arbeiter auf. So war die streitbare Macht der Festung versammelt, Fink ging in seinem Jagdrock vor der Arbeiterkompanie auf und ab. Anton trat an ihn heran und meldete, was bis jetzt geschehen war.

«Du bringst uns Männer», erwiderte Fink, «das ist in der Ordnung, aber auch einen ganzen Clan Weiber und Kinder, das Schloß ist voll wie ein Bienenkorb, über sechzig Mäuler und fast ein Dutzend Pferde, wir werden trotz deiner Kartoffelwagen noch vor vierundzwanzig Stunden die Steine anbeißen müssen.»

«Konnte ich sie draußen lassen?» fragte Anton unwillig.

«Sie wären im Walde ebenso sicher gewesen als hier», sagte Fink, die Achseln zuckend.

«Möglich», erwiderte Anton, «aber die Leute im strömenden Regen nach dem Walde zu jagen, ohne Nahrung und in der furchtbaren Angst einer Flucht ohne Ziel, das wäre eine Grausamkeit gewesen, die ich nicht verantworten will. Und meinst du, daß wir die Männer bekommen hätten ohne die Weiber und Kinder?»

«Die Männer wenigstens können wir brauchen», schloß Fink, sich zu den Angekommenen wendend. «Sorge du für Verproviantierung der Masse.» Fink gab den Unbewaffneten Gewehre und teilte die Mannschaft in vier Abteilungen, die eine für den Hof, zwei für den Unter- und Oberstock und eine als Reserve in die Wachtstube. Dann ließ er sich durch den Schmied von Kunau und einige andere genauen Bericht über den Feind abstatten. Unterdes war Anton in das unterste Geschoß geeilt, dort übergab er dem Wiesenbauer die Aufsicht über die Vorräte und ließ durch den Diener des Freiherrn Holz und Wasser zusammentragen. Ein Sack Kartoffeln und einer mit Mehl wurde in der Nähe des Herdes aufgestellt und der große Kessel über das Feuer gesetzt. Im Herausgehen vertraute er der Köchin, daß eine Milchkuh in den Stall gezogen war, wo das Pferd des Herrn von Fink gestanden hatte, damit wenigstens die Herrschaft in diesen Tagen die Milch nicht entbehre. Der alten Babette flogen vor Angst die Hände. «Ach, Herr Wohlfart, was für ein schreckliches Unglück», rief sie, «die Kugeln werden in meine Küche fliegen.»

«Behüte», sagte Anton, «das Fenster liegt zu tief, es kann Sie keine treffen, kochen Sie ruhig weiter. Die Leute sind ausgehungert, ich werde Ihnen zwei von den fremden Frauen zur Hilfe herunterschicken.»

«Wer wird essen bei solcher Gefahr!» rief die Köchin.

«Wir alle werden essen», beruhigte Anton.

«Befehlen Sie eine Suppe oder Kartoffelbrei?» fragte Babette in ihrer Verzweiflung und schwenkte mit dem Löffel fieberhaft hin und her.

«Beides, Mütterchen.»

Die Köchin hielt ihn zurück. «Aber Herr Wohlfart, es fehlt an Eiern für die Herrschaft, auch nicht ein Ei ist im ganzen Hause. Gott erbarme, daß das Unglück gerade heute kommen mußte. Was wird der Herr Baron sagen, wenn er heut abend kein geschlagenes Ei bekommt!»

«Zum Teufel mit den Eiern», rief Anton ungeduldig; «es wird heut nicht so genau genommen.»

Als er zurückkehrte, rief ihm Fink zu: «Die Posten sind aufgestellt, wir können jetzt ruhig den Anmarsch erwarten. Ich gehe auf den Turm und nehme einige Schützen mit. Wenn etwas vorfällt, bin ich dort zu treffen.»

So wurde es leer in der Halle und wieder still im Hause. Die Wachen standen schweigend und starrten auf den Saum des Waldes; in der Wachtstube saß die Mannschaft in leisem Gespräch, nur unten in den Kinderstuben hörte der Lärm nicht auf; und ein emsiger Verkehr entstand zwischen den besetzten Räumen des Unterstocks und der Küche. In unruhiger Erwartung schritt Anton auf und ab, von dem Hause in den Hof und wieder in sein Zimmer, wo er die Papiere des Freiherrn zusammenband, und durch die Gänge und Stuben, in denen die Bewaffneten standen. So verstrich eine Viertelstunde nach der andern, endlich trat Lenore aus dem Zimmer der Mutter und rief: «Die Ungewißheit ist unerträglich!»

«Auch von dem Vorwerk kommt keine Nachricht», erwiderte Anton finster. «Aber der Regen hört auf, und was heut noch geschehen soll, wird im Sonnenschein vor sich gehen. Dort zerreißen die Wolken, der blaue Himmel scheint durch. – Wie geht es der Frau Baronin?»

«Sie ist gefaßt», sagte Lenore, «gefaßt auf alles.»

Beide gingen schweigend im Vorsaal auf und ab. Endlich trat Lenore vor Anton und rief mit leidenschaftlichem Ausdruck: «Wohlfart, es ist mir fürchterlich, daß Sie um unsertwillen in diese Lage gekommen sind!»

«Ist diese Lage so schrecklich?» fragte Anton mit trübem Lächeln.

«Für Ihr Gefühl vielleicht nicht», sagte Lenore, «aber Sie opfern uns mehr, als wir verdienen. Wir sind undankbar gegen Sie, Sie würden in andern Verhältnissen glücklicher sein.» Sie stellte sich an das Fenster und weinte bitterlich. Erschrocken trat Anton an sie heran, sie zu beruhigen. «Wenn Sie die lebhaften Äußerungen Ihres Herrn Vaters von vorhin meinen», sagte er, «so ist kein Grund, mich zu bedauern; Sie wissen, was wir über diesen Punkt bereits früher gesprochen haben.»

«Es ist nicht das allein», rief Lenore weinend.

Anton wußte wie sie, daß es nicht das allein war; er fühlte, daß ein Geständnis in den Worten lag. «Was es immer sein mag», sprach er heiter, «wollen Sie nicht auch mir die Freude gönnen, ein Abenteuer zu erleben? Freilich bin ich ein ungeschickter Soldat, aber wie es scheint, wollen die Feinde mir auch nur wenig Gelegenheit geben, ihnen Schaden zu tun.»

«Niemand dankt Ihnen, was Sie für uns ertragen, niemand!» rief Lenore wieder.

«Niemand?» fragte Anton. «Habe ich nicht eine Freundin hier, welche nur zu sehr geneigt ist, das zu überschätzen, was ich etwa tun kann? Lenore, Sie haben mir erlaubt, Ihnen näherzutreten, als in gewöhnlichen Verhältnissen möglich wird. Rechnen Sie für nichts, daß ich einige von den Rechten eines Bruders an Sie gewonnen habe?»

Lenore ergriff heftig seine Hand und drückte sie. «Auch ich bin in der letzten Zeit anders gegen Sie gewesen, als ich hätte sein sollen. Ich bin sehr unglücklich», rief sie leidenschaftlich aus. «Keinem Menschen kann ich gestehen, was in mir vorgeht, der Mutter nicht, auch Ihnen nicht. Alles Vertrauen habe ich verloren und alle Fassung.» Sie preßte ihr Tuch an die Augen.

«Lenore!» rief ungeduldig der Vater aus seinem Zimmer.

«Es ist jetzt keine Zeit zu Erklärungen», sagte sie ruhiger. «Wenn wir diesen Tag überstanden haben, will ich mir Mühe geben, stärker zu sein als jetzt. Helfen Sie mir dabei, Wohlfart.»

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