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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 111
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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4

Noch immer regnete es. Bei Anbruch des Tages hatte der Himmel eine Pause gemacht, aber nur, um seine feuchte Arbeit in doppelter Stärke fortzusetzen. Die Wiesenarbeiter waren am frühen Morgen auf das Feld gezogen und bald wieder zurückgekehrt. Jetzt saßen sie schweigsam in der Wachtstube des Schlosses und trockneten ihre durchnäßten Kleider am Ofen.

Der Freiherr lag im Ledersessel seiner Hinterstube; er ließ sich von dem alten Johann aus den Zeitungen vorlesen, welche am Tage zuvor wieder einmal in das Schloß gedrungen waren. Die eintönige Stimme des Dieners meldete nur Unwillkommenes, die Regentropfen klapperten an der Dachrinne, und der Sturmwind schlug heulend an die Hausecke, sie begleiteten in Mißtönen die Worte des Lesenden.

Anton war an seinem Schreibtisch beschäftigt. Vor ihm lag ein Brief des Justizrats Horn, er meldete, daß der Termin zum gerichtlichen Verkauf des Familienguts auf die Mitte des nächsten Winters festgestellt sei; gleich nach Bekanntmachung des Termins seien in Hypotheken des Guts aus einer Hand in die andere übergegangen, wie er fürchte, aufgekauft von einem Spekulanten, der sich hinter verschiedenen Namen zu verbergen wisse. So überdachte Anton in trüber Stimmung die gefährliche Lage des Freiherrn.

In dem Zimmer daneben leistete Fink den Damen Gesellschaft; die Baronin lag in die Kissen des Sofas gedrückt, zugedeckt mit einem Tuch Lenorens. Sie sah schweigend vor sich hin, und nur wenn die Tochter mit zärtlicher Frage zu ihr trat, nickte sie ihr lächelnd zu und sprach beruhigende Worte. Lenore war am Fenster mit einer leichten Arbeit beschäftigt und hörte mit Entzücken auf die Scherze, durch welche Fink das trübe Grau des Zimmers aufzuhellen wußte. Er war heute trotz dem Regen in der übermütigsten Laune. Zuweilen klang Lenorens Lachen durch die eichene Tür in Antons Ohr, dann vergaß Anton Güterverkauf und Hypotheken, sah mit umwölktem Gesicht auf die Tür und empfand nicht ohne Bitterkeit, daß ein neuer Kampf für ihn und die Familie heranziehe.

Draußen aber strömte der Regen, stürmte die Luft. Laut rief der Wind vom Walde her seinen Klageruf nach dem Schloß. Von den Wipfeln der Föhren wogten die Nadelbüsche rastlos auf das Schloß zu; in den Birnbäumen auf dem Ackerland fuhren die Blätter und die weißen Blüten zitternd durcheinander. Zornig warf der Sturm die Blüten zur Erde, schlug sie mit seinen Regentropfen fest auf den nassen Boden und heulte: «Herunter mit eurem lachenden Glanz, graue Trauerfarbe soll heut tragen, was zum Schlosse gehört.» – Von den Bäumen fuhr der wilde an die Mauern des Schlosses, er schüttelte die Fahnenstange auf dem Turm, er schleuderte das Wasser der Wolken in schrägen Linien an die Fensterscheiben, er fuhr stöhnend in den Schlot und donnerte an die Türen. Zu jeder Öffnung rief er herein: «Wahret euer Haus!» So trieb er es stundenlang, aber die drin verstanden nicht seine Sprache.

So achtete auch niemand auf den Reiter, der sein ermüdetes Pferd in eiligem Jagen durch das Dorf dem Schlosse zutrieb. Endlich schlug der Hammer an das Pfahlwerk des Hofes, ungeduldig tönten die Schläge, und Stimmen wurden laut im Hofe und auf der Treppe. Anton öffnete die Tür, ein bewaffneter Mann, triefend von Wasser, bespritzt mit dem Kot der Straße, trat in die Stube.

«Du bist es!» rief Anton erstaunt.

«Sie kommen», meldete Karl, sich vorsichtig umsehend. «Machen Sie sich gefaßt, diesmal gilt es uns.»

«Die Feinde?» fragte Anton schnell. «Wie stark ist der Haufe?»

«Es ist kein Haufe, den ich gesehen», erwiderte Karl ernst, «es ist ein Heer; an die tausend Sensenmänner, wohl hundert Reiter. Sie sind auf dem Zuge zum Hauptkorps. Ich hörte, sie haben Befehle, alle polnischen Männer mitzunehmen und die deutschen Gemeinden zu entwaffnen.»

Anton öffnete die Tür des Nebenzimmers und bat Fink, hereinzukommen.

«Ah», rief Fink eintretend, mit einem Blick auf Karl, «wer so die halbe Landstraße in die Stube trägt, bringt nichts Gutes. Von welcher Seite kommt der Feind, Sergeant?»

«Vom Neudorfer Birkenwald her zieht sich's in hellen Haufen auf uns herunter. Die Leute im Dorf sind in der Schenke versammelt, trinken Branntwein und zanken.»

«Kein Fanal hat gebrannt, es ist noch kein Rapport von den nächsten Dörfern gekommen», rief Anton am Fenster. «Haben die Deutschen in Neudorf und Kunau geschlafen?»

«Sie sind selbst überrascht worden», fuhr der Unglücksbote fort. «Ihre Wachen hatten schon gestern am Abend den Feind gesehen; er zog eine halbe Meile von Neudorf auf der großen Straße nach Rosmin zu. Als er die Stelle passiert hatte, wo der Weg nach Neudorf von der Straße abgeht, wurden die Neudorfer guten Mutes. Ihre Reiter folgten von fern den Sensenmännern, bis ihnen der letzte Haufe aus dem Gesicht war. In der Nacht aber sind die Banden umgekehrt, heut morgen haben sie das Dorf überfallen, sie haben gewirtschaftet wie die Teufel. Der Schulz liegt auf dem Stroh voll Wunden, ein gelieferter Mann, das Alarmhaus ist in Brand geraten, dort über den Wald hin müßte man den Rauch sehen, wenn dieser dicke Regen nicht wäre. Jetzt haben sich die Feinde geteilt; sie durchsuchen die deutschen Dörfer, ein Trupp zieht nach Kunau, ein Haufe auf unser neues Vorwerk, ein großer Haufe kommt hierher.»

«Wieviel Zeit haben wir noch, die Herren zu empfangen?» fragte Fink.

«Bei dem Wetter braucht das Fußvolk eine Stunde bis hierher.»

«Ist der Förster gewarnt», fragte Anton, «und wissen sie's auf dem Vorwerk?»

«Es war keine Zeit, sie anzurufen, das Vorwerk liegt von Neudorf weiter ab als das Gut, ich wäre vielleicht zu spät hierhergekommen. Unser Fanal habe ich angezündet, aber bei diesem Regen ist weder Feuer noch Rauch zu sehen, und jedes Signal ist vergeblich.»

«Wenn sie nicht für sich selbst ausgesehen haben», sagte Fink beistimmend, «wir können nichts weiter für sie tun.»

«Der Förster ist ein Fuchs», erwiderte Karl, «den fängt keiner, aber der Vogt auf dem Vorwerk und des Vogts junge Frau; der Himmel sei ihnen gnädig!»

«Retten Sie unsere Leute!» rief eine flehende Stimme neben Fink: Lenore stand in der Stube, bleich, mit gefalteten Händen.

Anton eilte an die Tür, durch welche Lenore geräuschlos eingetreten war. «Die gnädige Frau!» rief er besorgt.

«Noch hat sie nichts gehört», erwiderte Lenore hastig. «Senden Sie nach dem Vorwerk, helfen Sie unsern Leuten!»

Fink ergriff seine Mütze. «Führen Sie mein Pferd heraus», sagte er zu Karl.

«Du darfst jetzt nicht fort», rief Anton, ihm in den Weg tretend. «Ich werde dein Pferd nehmen.»

«Um Vergebung, Herr Wohlfart», warf Karl dazwischen, «wenn ich das Pferd des Herrn von Fink reiten darf – ich bin noch imstande, den Weg zu machen.»

«Meinetwegen», entschied Fink. «Den Förster, und wen Sie von den Männern auftreiben können, senden Sie hierher, die Weiber, die Pferde und Schafe schicken Sie nach dem Wald. Der Vogt soll sich mit dem Vieh tief in das Holz hineinziehen und von den alten Kiefern an der Sandgrube das Schloß beobachten. Sie aber bleiben auf meinem Pferde, das ich leider Ihren Beinen für die nächsten Tage überlassen muß. Reiten Sie auf Rosmin zu und suchen Sie die nächste Abteilung unserer Truppen, wir lassen dringend um Hilfe bitten, womöglich Kavallerie dabei.»

«Unsere Rotmützen sollen eine Stunde hinter Rosmin stehen», sagte Karl im Abgehen; «der Schmied von Kunau rief mir's zu, als ich bei ihm vorbeiritt.»

«Was Sie von Militär in Bewegung setzen, bringen Sie hierher. Während Sie das Pferd satteln, schreibe ich eine Zeile an den Kommandierenden.»

Karl machte militärisch grüßend kehrt und sprang hinunter, Anton mit ihm. Während Karl am Sattelgurt schnallte, sagte Anton eilig: «Im Vorbeireiten ruf die Leute auf dem Hofe an, ich gehe sogleich hinüber. – Armer Junge, du hast heut noch kaum gefrühstückt und hast wenig Aussicht, in den nächsten Stunden etwas zu bekommen.» Er sprang in das Haus zurück, holte aus der Küche eine Flasche Likör, ein Brot und Überreste eines Schinkens, steckte die Zehrung in einen Sack und reichte diesen mit dem Briefe dem Reiter, der gerade im Begriffe war, den Hofraum zu verlassen.

«Ich danke», sagte Karl, Antons Hand ergreifend, «Sie sorgen für alles. Jetzt aber noch eine Bitte an Sie, denken Sie auch an sich selbst, Herr Wohlfart; diese polnische Wirtschaft hier und da draußen ist nicht wert, daß Sie Ihr Leben dafür in die Schanze schlagen; es gibt bei uns daheim Leute, die es schwer ertragen würden, wenn ihnen etwas zustieße.»

Anton schüttelte herzhaft die Hand des Treuen. «Lebe wohl, ich werde meine Pflicht tun; vergiß nicht, den Förster zu uns zu schicken, und rette vor allem die Frau. Das Militär führe auf dem Waldwege hierher.»

«Keine Sorge», sagte Karl lustig, «der vornehme Braune soll heut merken, was ein Kommißschenkel durchsetzen kann.» Bei diesen Worten schwenkte er seine Mütze und verschwand im gestreckten Galopp hinter den Gebäuden des Wirtschaftshofes.

Anton verriegelte das Tor, dann eilte er in die Wachtstube und zog die Lärmglocke, er befahl dem Obmann, die Leute antreten zu lassen, das Hintertor zu besetzen und niemand ohne Anfrage einzulassen, auch die Flüchtlinge nicht. «Eßt reichlich und trinkt mit Maß, wir werden heut zu tun bekommen», rief er ihnen zu. Oben in seinem Zimmer stand Fink am Tische und lud die Gewehre, Lenore reichte ihm von der Wand, was er forderte, sie war bleich, aber die Augen glühten ihr in einer Aufregung, welche dem eintretenden Anton nicht entging. «Lassen Sie diese ernsten Spielereien uns allein besorgen», bat er, zu ihr tretend.

«Es ist das Haus meiner Eltern, das Sie verteidigen», rief Lenore, «mein Vater ist außerstande, Sie anzuführen. Sie sollen um unsertwillen Ihr Leben nicht auf das Spiel setzen, ohne daß ich dabei bin.»

«Verzeihen Sie», erwiderte Anton, «ihre erste Pflicht ist jetzt wohl, die Baronin vorzubereiten und in den nächsten Stunden nicht zu verlassen.»

«Meine Mutter, meine arme Mutter!» rief Lenore, die Hände zusammenschlagend, legte das Pulverhorn hin und eilte in das Nebenzimmer.

«Ich lasse die Leute essen», sagte Anton zu Fink. «Von jetzt an übernimm du den Befehl.»

«Gut», erwiderte Fink, «hier ist deine Ausrüstung, diese Doppelflinte ist leicht, ein Lauf Kugel, der andere Rehpost. Der Kugelsack liegt unter deinem Bett.»

«Du gedenkst eine Belagerung auszuhalten?» fragte Anton.

«Wir dürfen uns entweder gar nicht zur Wehr setzen und müssen uns dem freundlichen Wohlwollen der heranziehenden Haufen übergeben, oder wir müssen uns zu halten suchen bis zur letzten Kugel. Auf diesen äußersten Fall haben wir uns immer vorbereitet, vielleicht ist Ergebung das Klügere, ich gestehe, daß sie nicht nach meinem Geschmack ist. Da aber noch ein Hausherr vorhanden ist, so mag er sprechen, geh zum Freiherrn.»

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