Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustav Freytag >

Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 109
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
Schließen

Navigation:

Am nächsten Tage begann die neue Tätigkeit. Der Wiesenbauer zog mit seinen Instrumenten auf das Feld, die Arbeiter wurden an ihr Werk gestellt. Karl suchte Tagelöhner in den deutschen und polnischen Orten, auch im Dorf waren einige Leute willig, nach wenigen Tagen wurde ein halbes Hundert Arbeiter auf dem gepachteten Land beschäftigt. Nebenbei bemerkt, nicht ohne Störung, die Leute waren unruhig und zerstreut, und die Arbeiter aus den nächsten Dörfern kamen unregelmäßiger, als wünschenswert war; aber der Stamm hielt doch fest, und Finks Einrichtung bewährte sich, vielleicht deshalb, weil sowohl er als Karl die Leute zu bändigen wußten, er selbst durch stolze Energie, Karl durch gute Laune, mit der er lobte und schalt. Die militärischen Übungen zu leiten, kam der Förster unermüdlich aus seinem Walde hervor, das Schloß wurde alle Nächte durch Wachen besetzt, die Patrouillen nach den Nachbardörfern pünktlich versehen. Der kriegerische Geist verbreitete sich von dem Schlosse über die ganze deutsche Gegend. Schnell lebte in der Schar mit den aufgekrempten Hüten ein Korpsgeist auf, der die Handhabung der Disziplin erleichterte, und Fink wurde von fremden Leuten überlaufen, welche ihn baten, sie ebenfalls mit einem Anzuge und einer Flinte, mit guter Kost und Löhnung zu versehen und in seine Garde aufzunehmen.

«Die Wachtstube ist in Ordnung», sagte Fink zu Anton, «in die Fensterverschläge des Unterstocks laß noch Schießlöcher schneiden.»

So trug man im Schloß die Lasten der Zeit mit neuem Mut. In das Leben jedes einzelnen kam durch den Gast ein neuer Zug, auch die Wirtschaft empfand seine Gegenwart, und der Förster war stolz, einem solchen Herrn die Honneurs des Waldes zu machen. Fink war viel mit Anton auf dem Felde, und dieser wie Karl gewöhnten sich, ihn um Rat zu fragen. Er kaufte zwei derbe Wagenpferde, wie er sagte, für die eigene Bequemlichkeit und für die Wiesen, aber er ließ sie tüchtig in der Wirtschaft arbeiten und lachte den Freund aus, als dieser ein besonderes Konto für die beiden Rosse einrichtete und ihnen alle Wochen ihre Anzahl Pferdetage gutschrieb. Anton selbst war glücklich, den Freund in der Nähe zu haben. Etwas von der fröhlichen alten Zeit war wiedergekommen, jene Abende, wo die beiden Jünglinge miteinander geplaudert hatten, wie nur junge Männer vermögen, bald in kindlicher Tollheit, bald weise über die höchsten Dinge. In vielem hatte sich Fink verändert, er war ruhiger geworden und, wie Anton in der Sprache des Kontors sich ausdrückte, solider. Aber er war freilich noch mehr als früher geneigt, andere Menschen für seine wechselnden Interessen zu benutzen und auf sie herunterzusehen wie auf ein Spielzeug. Seine Lebenskraft war noch dieselbe. Wenn er den Morgen bei seinen Wiesenarbeitern gestanden, mit dem Förster den Wald durchstreift hatte, wenn er am Nachmittag auf seinem Pferde, trotz Antons Vorstellungen, meilenweit in das unsichere Land hineingeritten war, um Nachrichten zu holen oder Verbindungen anzuknüpfen, und wenn er auf dem Rückwege die Posten des Guts und der Bauerndörfer besichtigt hatte, dann war er noch abends am Teetisch der Baronin ein heiterer Gesellschafter, der unermüdlich aushielt und oft durch Antons Winke erinnert werden mußte, daß die Kraft der Hausfrau nicht so unzerstörbar war wie seine eigene. Den Freiherrn hatte er bald vollständig überwunden. Gegen die gallige Laune, welche dem armen Herrn zur Gewohnheit geworden war, zeigte er nicht die mindeste Nachsicht, er gestattete ihm keine bittere Bemerkung, keinen Ausfall gegen Wohlfart oder gegen die eigene Tochter, ohne ihm sein Unrecht auf der Stelle fühlbar zu machen. So setzte er durch, daß der Gutsherr wenigstens in seiner Gegenwart sich gewaltig zusammennahm. Dagegen tat er ihm auch manchen Gefallen, der ihm selbst bequem war. Er half ihm dazu, eine Partie Whist zu spielen, indem er ihm den Rat gab, sich in die Karten kleine Zeichen zu stechen, die er mit dem Finger fühlen konnte; er führte Lenore zu dem Whisttisch und brachte ihr die Anfänge des Spiels bei. Wie von selbst machte sich's, daß Wohlfart zur Partie herangezogen wurde. So half er dem Freiherrn über langsame Stunden weg und bewirkte, daß sein Freund von jetzt ab fast alle Abende in der Familie zubrachte und noch nicht zu Bett war, wenn Fink die Laune hatte, ein Nachtgespräch zu halten und in Gesellschaft ein Glas Kognakpunsch und eine letzte Zigarre zu genießen.

Nur die Frauen des Schlosses schienen die Vorteile nicht zu empfinden, welche Finks Anwesenheit allen übrigen brachte. Die Baronin erkrankte. Es war keine heftige Krankheit, und doch kam sie plötzlich. Noch am Nachmittag hatte sie heiter mit Anton gesprochen und ihm einige Briefe abgenommen, die der Briefbote für den Freiherrn gebracht. Am Abend erschien sie nicht am Teetisch; der Freiherr selbst betrachtete ihr Unwohlsein als vorübergehend. Sie klagte über nichts als Schwäche; der Arzt, welcher sich von Rosmin auf das Gut wagte, wußte ihre Krankheit nicht zu nennen. Lächelnd wies sie alle Arznei zurück und sprach selbst die feste Zuversicht aus, daß die Abspannung vorübergehen werde. Um Lenore und ihren Gemahl nicht an das Krankenzimmer zu fesseln, äußerte sie zuweilen den Wunsch, an den Familienabenden teilzunehmen, sie vermochte dann nicht auf dem Sofa zu sitzen und legte ihr Haupt auf das Kissen der Lehne.

So war sie die stille Gesellschafterin der andern, ihr Auge sah unruhig auf den Freiherrn und prüfend auf Lenore, bis beide am Spieltisch saßen, dann lehnte sie sich in die Kissen zurück und schien auszuruhen wie von einer Arbeit.

Anton betrachtete die Kranke mit inniger Teilnahme. Wenn er im Spiel einen Robber zu pausieren hatte, versäumte er nie, leise zum Sofa zu treten und nach ihrem Befehl zu fragen. Es war ihm eine Freude, wenn er ihr ein Glas Wasser überreichen oder einen Auftrag ausrichten konnte. Immer sah er mit Bewunderung in das feine Antlitz, das noch jetzt, bleich und abgespannt, die schönen Umrisse zeigte. Es war ein stilles Einverständnis zwischen ihm und der Kranken. Sie sprach mit ihm noch weniger als mit den andern. Denn wenn sie in der Nähe ihres Gemahls oft in munterm Ton das Wort ergriff und den Erzählungen ihres Gastes mit den Augen und dem Haupte folgte, so bemühte sie sich nicht, vor Anton ihre Schwäche zu verbergen. Sie sank dann in sich zusammen oder starrte teilnahmslos in das Zimmer hinein, aber wenn sie ihn ansah, war es mit dem ruhigen Vertrauen, das man einem alten Hausgenossen schenkt, vor dem man Geheimnisse nicht mehr zu hüten hat. Vielleicht war es, weil die Baronin den Wert seines Gemüts vollkommen zu würdigen wußte, vielleicht weil sie ihn seit dem Tage, wo er ihr seine Dienste anbot, bis zu dieser Stunde immer als einen zuverlässigen Diener ihres Hauses angesehen hatte. Aber wäre auch diese Auffassung unserm Helden bemerkbar geworden, sie hätte seine ritterliche Treue gegen die Edelfrau nicht erschüttert. So wie sie war, erschien sie ihm fertig und in ihrer Art vollkommen als ein Bild, welches das Herz eines jeden erfreut, der ihm nahetritt. Er konnte den stillen Verdacht nicht loswerden, daß eine Einwirkung von außen, vielleicht ein Schreiben, das er selbst am Tage ihrer Erkrankung übergeben, die Veränderung ihrer Gesundheit hervorgebracht habe; denn damals war auf einem Briefe die Adresse von einer zitternden Hand geschrieben, der Brief hatte ein bösartiges Aussehen gehabt, und Anton hatte ahnend empfunden, daß er Unwillkommenes enthalten müsse. An einem Abend, als die andern am Spieltisch saßen, war der Kopf der Kranken von dem seidenen Kissen heruntergeglitten. Als Anton das Kissen zurechtgerückt und die Kranke ihr Haupt mit Mühe wieder darauf gelegt hatte, sah sie ihn dankend an und sagte ihm leise, wie schwach sie sei. «Ich wünsche noch einmal allein mit Ihnen zu reden», fuhr sie nach einer Pause fort, «nicht jetzt, aber die Zeit wird kommen», und dabei sah sie mit einem tiefen Ausdruck von Schmerz in die Höhe, daß Anton voll trüber Befürchtungen wurde.

Weder der Freiherr noch Lenore hatten große Sorge. «Mama hat schon einigemal an solcher Schwäche gelitten», sagte Lenore, «immer war die Sommerluft ihre beste Heilung, ich hoffe alles von der Zeit, wo es wärmer wird.» Lenore selbst war nicht unbefangen genug, ihre Umgebung mit scharfen Augen anzusehen, auch sie hatte sich verändert. Manchen Abend saß sie stumm am Teetisch und fuhr auf, wenn das Wort an sie gerichtet wurde, an andern war sie ausgelassen heiter. Sie vermied Fink, sie mied aber auch Antons Nähe, beiden gegenüber war sie befangen. Ihre blühende Gesundheit schien erschüttert, die Mutter trieb sie oft aus der Krankenstube ins Freie; dann ließ Lenore ihr Pferd satteln und ritt allein hinaus in den Wald, wo sie stundenlang umhertrabte und zuletzt nicht darauf achtete, wenn der erzürnte Pony, ohne ihren Befehl abzuwarten, sie nach dem Hofe zurückbrachte. Anton sah diese Veränderung mit stiller Trauer. Er fühlte tief, daß es anders wurde zwischen Lenore und ihm, aber er vermied, mit ihr darüber zu sprechen, und verschloß in seinem Herzen, was er empfand.

Es war ein schwüler Nachmittag im Mai. Über den Wäldern hingen dunkle Gewitterwolken, und die Sonne warf ihre Strahlen heiß auf das trockene Land; da kam der Mann, der als Patrouille nach den Bauerndörfern ausgeschickt war, eilig nach der Wachtstube des Schlosses zurück und meldete, fremdes Volk lauere im Kunauer Wald, die Kunauer ließen fragen, was zu tun sei. Fink gab seinen Arbeitern das Lärmzeichen und sandte Botschaft zum Förster und nach dem neuen Vorwerk. Während die Arbeiter das Gerät dem Schlosse zutrugen und die Knechte mit ihrem Gespann vom Felde heimritten und sich für den Aufbruch rüsteten, jagte ein Reiter von Kunau mit der Nachricht heran, eine polnische Bande sei in ein Gehöft des Dorfes eingebrochen, die Landleute ließen um Hilfe bitten.

Alle Männer waren in der mutigen Aufregung, welche ein Alarm hervorruft, wenn er die Aussicht auf Abenteuer bringt.

«Behalte einige der Arbeiter zurück», sagte Fink zu Anton, «und übernimm die Wache im Schloß und im Dorfe, den Förster schicke mit der Gutswehr nach Kunau, ich reite mit dem Amtmann und den Knechten voraus.» Er sprang nach dem Stall des Schlosses und sattelte selbst sein Pferd, während Karl neben ihm das Reitpferd des Barons für sich herausführte. «Achten Sie auf die Wolken, Herr von Fink», sagte Karl, «nehmen Sie Ihren Mantel mit, es gibt ein tüchtiges Gewitter. Heut regnet's Hafer für das Gut.» Fink rief nach seinem Plaid, und die kleine Schar rasselte auf Kunau zu.

Als sie in den Wald kamen, merkten sie, wie stickend die Schwüle war, selbst die rasche Bewegung der Pferde vermochte nicht das unbehagliche Gefühl zu bannen. «Sehen Sie die Unruhe in den Tieren», sagte Karl, «mein Pferd spitzt die Ohren, es ist etwas im Walde.» Die Reiter hielten still. «In dem Gebüsch trabt jemand, dort rasselt's in den Ästen.» Das Pferd, welches Karl ritt, fuhr mit dem Kopf auf das Gehölz zu und schnaubte laut.

«Es ist ein Bekannter, einer von uns», versetzte Fink, auf das Pferd blickend.

Die Zweige des jungen Holzes fuhren auseinander, auf ihrem Klepper kam Lenore herausgesprengt und verlegte den Reitern den Weg. «Halt, wer da?» rief sie lachend.

«Alle Wetter, das Fräulein!» schrie Karl.

«Die Losung!» gebot Lenore martialisch.

Fink ritt vor, salutierte und sagte leise: «Potz Blitz, das ist ja die Gustel von Blasewitz.»

Lenore errötete und lachte. «Passiert», sagte sie. «Ich reite mit.»

«Natürlich», rief Fink, «nur vorwärts!» Der Pony warf nach Leibeskräften seine Beine neben dem großen Pferde des Gastes durcheinander. So kamen sie nach Kunau und hielten vor dem Alarmhaus. Dort war die Bauernwehr aufgestellt, der Schmied als Befehlshaber kam ihnen sorgenvoll entgegen.

«Was in unserm Holze steckt, ist verwegenes Volk», rief er, «bewaffnete Polacken. Heut in der hellen Mittagstunde ist ein Haufe von zehn Männern mit Flinten an des Leonhard Hof gekommen, der dort hinaus liegt auf den Wald zu, sie haben die Hoftüren besetzt, dann ist der Anführer mit seiner Bande in die Stube getreten, wo die Leute gerade um den Tisch saßen, und hat Geld verlangt und das Kalb aus dem Stall. Es war ein schändlicher Kerl mit einer langen Flinte, er hatte eine Pfauenfeder auf dem Hut und die roten Schnüre auf dem Rock wie ein echter Bandit. Der Bauer hatte sich geweigert, das Geld zu geben, da haben sie ihm ein Gewehr an den Kopf gesetzt, bis sein Weib in der Angst zu dem Kasten gelaufen ist und den Kerlen ein Säckel mit Geld hingeworfen hat. Darauf haben sie das Kalb aus dem Haus gerissen und vier Gänse aus dem Hofe und sind mit ihrem Raube wieder nach dem Wald gezogen. Vier Männer mit Flinten haben sie im Hofe stehenlassen als Wache, so daß niemand heraus konnte, bis die andern mit den gestohlenen Sachen im Walde waren. Zuletzt haben zwei von dem Raubvolk ihre Gewehre in das Dach abgeschossen, dann sind auch die vier weggelaufen. Das Dach fing an zu glimmen, aber wir haben's glücklich gelöscht.»

«Seitdem sind Stunden vergangen», sagte Fink, «die Schurken sind über alle Berge.»

«Ich glaub's nicht», erwiderte der Schmied. «Den Leonhard habe ich mit unsern Berittenen sogleich um den Wald herumgeschickt an die Grenze, damit sie aufpassen, wenn das Räubervolk sich aus dem Wald schleicht. Und eine Frau aus Neudorf, die im Wald war, hat noch vor zwei Stunden polnische Leute gesehen, auf der Grenze nach dem Neudorfer Wald, gerade da, wo der Grenzstein unter der alten Eiche steht. Sie hatten ein Vieh bei sich, ob es ein Kalb war oder ein Hund, hat die Frau in ihrer Angst nicht gesehen; wenn's das Kalb war, so haben's die Hungerleider lieber aufgegessen als fortgetragen. Ich komme eben von Neudorf, die Neudorfer sind gesammelt wie wir. Wir möchten ein Treiben durch die Wälder anstellen, wenn Ihre Leute uns helfen und wenn Sie uns die Richtung geben wollten.»

«Gut», sagte Fink, «frisch ans Werk.» Er sandte einen Boten dem Förster entgegen, damit die aus dem Schloß gleich von ihrer Seite das Treiben begönnen, und besprach mit dem Schmied Aufstellung und Richtung der Kunauer. Karl mit den Knechten schickte er zu den Kunauer Reitern auf die entgegengesetzte Seite des Waldes, nach welcher das Treiben zugehen sollte. «Machen Sie keine Umstände mit den Schuften», rief er dem abreisenden Karl zu und klopfte auf die Pistolen im Halfter. «Vorwärts», sagte er zum Schmied, «ich selbst reite nach Neudorf. Wenn ihr euer Vorholz abgesucht habt, erwartet uns, dort soll die Neudorfer Kette sich an eure schließen.»

So zogen sie von Kunau aus, den Diebstahl zu rächen. Fink galoppierte, von Lenore begleitet, nach dem Nachbardorf. Auf dem Wege sagte er zu ihr: «Hier werden wir uns trennen, Fräulein.» Lenore schwieg.

Fink sah sie von der Seite an. «Ich glaube nicht», fuhr er fort, «daß die Schelme uns die Freude machen werden, unsern Besuch im Walde zu erwarten. Und wenn sie weglaufen wollen, der Abend ist nahe, wir werden sie schwerlich hindern. Aber die Jagd ist eine gute Übung für unsere Leute, und deshalb soll sie uns willkommen sein.»

«Dann gehe ich mit nach dem Walde», sagte Lenore entschlossen.

«Notwendig ist das gerade nicht», erwiderte Fink. «Ich fürchte zwar keine Gefahr für Sie, aber Ermüdung und vielleicht Regen.»

«Lassen Sie mich mit», bat Lenore, zu ihm aufsehend.

«Ich habe verständig abgeraten, mehr ist von einem Menschen nicht zu verlangen, und im Vertrauen gesagt, mich freut's, daß Sie so mutig sind. Galopp, Kamerad!»

In Neudorf stellte Fink die Pferde in den Hof des Schulzen und führte die Schar der Neudorfer an den Waldrand. Die Linie stellte sich auf, die Durchsuchung des Forstes begann. In langer Kette betraten die Männer das Holz, die Entfernung zwischen den einzelnen Gliedern mußte größer sein, als wünschenswert war, Fink schritt mit Lenore auf dem äußersten rechten Flügel, wo der Anschluß an die Linie der Kunauer geschehen sollte, der Nebenmann Finks hatte die Richtung anzugeben. Die Jäger gingen im tiefen Schweigen vorwärts und spähten mit scharfem Auge von Baum zu Baum. Als sie den Wald betraten, rauschte es in den Baumgipfeln, durch die Lücken des Nadelholzes sah man den bleischwarzen Himmel. Unten aber lag noch die Schwüle des heißen Tages, die Vögel saßen in die Zweige geduckt, die Käfer waren in die Büsche der Heidelbeeren gekrochen.

«Der Himmel selbst kommt den Spitzbuben zu Hilfe», sagte Fink, auf die Wolken deutend, zu seiner Begleiterin, «es wird so finster dort oben, daß wir in einer halben Stunde hier unten nicht zehn Schritte vor uns sehen werden.»

Das Holz schloß sich dichter, das Tageslicht nahm ab, die am Flügel hatten Mühe, die Reihe der Männer zu erkennen. Der Grund wurde morastig, Lenore versank bis an die Knöchel in dem Bruch. «Wenn's nur kein Katarrh wird», lachte Fink sie aus.

«Es wird keiner», erwiderte Lenore herzhaft, aber der Zug in den Wald erschien ihr nicht mehr so harmlos wie vor einer Stunde.

 << Kapitel 108  Kapitel 110 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.