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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 108
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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3

Der Freiherr nahm an. In der Tat war schwer, dem Anerbieten Finks zu widerstehen, selbst Anton mußte zugeben, daß eine Zurückweisung kaum erfolgen konnte, nachdem es einmal im Ernst ausgesprochen war. Allerdings kam der Freiherr zu seiner Einwilligung nicht auf der geraden Linie, in welcher der gemeine Menschenverstand sonst irdischen Interessen nachgeht. Seine Seele machte mehr Quersprünge. Immer wieder fiel ihm ein, daß er einen ansehnlichen Gewinn aus seinem Gute für einige Jahre einem Fremden lassen sollte; und wenn er sich seufzend die Unmöglichkeit eingestanden hatte, diesem Verluste zu entgehen, so fiel ihm wieder ein, wie zudringlich es von dem Fremden sei, am dritten Tage nach seiner Ankunft einen solchen Antrag zu machen, und wie Lenorens fortgesetztes Widerstreben noch einen Grund habe. Dann erschien er sich armselig, unselbständig und unter Antons Vormundschaft und kam erbittert bis zu dem Gedanken, die Sache aufzugeben. Aber nach solchen Wallungen schwankte er zuletzt doch immer wieder auf die Straße seines Vorteils zurück. Er wußte sehr wohl, welche Hilfe die vorausbezahlte Pacht für das laufende Jahr sein mußte; er ahnte, daß die Anlage in einigen Jahren den Wert des Gutes um die Hälfte erhöhen könnte. Ja er gab zu, daß Fink selbst in den Unruhen dieses Jahres ein wünschenswerter Bundesgenosse sei. Gegen die Frauen beobachtete er ein hartnäckiges Stillschweigen; Lenorens wiederholte Versuche, ihn zu bestimmen, wies er mit einem auffallenden Anflug von guter Laune ab; sein ganzes Wesen war in dieser Periode der Überlegung gehobener.

Nach einigen Tagen rief er den alten Diener und sagte im engsten Vertrauen: «Gib acht, Johann, ob Herr Wohlfart im Laufe des Tages einmal ausgeht und Herr von Fink allein in seinem Zimmer ist, dann melde mich bei ihm und hole mich ab.» Als er ganz in der Stille bei Fink eingeführt worden war, sagte er ihm in verbindlicher Weise, daß er seinen Vorschlag annehme und ihm überlasse, gelegentlich mit dem Anwalt in Rosmin den Kontrakt zu entwerfen.

«Abgemacht», rief Fink, ihm die Hand schüttelnd. «Haben Sie aber auch bedacht, Herr Freiherr, daß ich durch Ihre freundschaftliche Einwilligung in die Lage kommen kann, noch auf Wochen, vielleicht auf Monate die Gastfreundschaft Ihres Hauses in Anspruch zu nehmen? Denn ich halte meine Gegenwart für wünschenswert, wenigstens bis die Arbeit in Gang kommt.»

«Es wird mir eine große Freude sein», erwiderte der Freiherr aufrichtig; «wenn Sie in unserm noch nicht eingerichteten Haushalt vorliebnehmen. Ich werde mir die Freiheit nehmen, Ihnen einige Zimmer in diesem Flügel wohnlich zu machen und ganz zu Ihrer Disposition zu stellen. Haben Sie einen Diener, an den Sie gewöhnt sind, so bitte ich, ihn kommen zu lassen.»

«Einen Diener nicht», sagte Fink, «wenn Sie Ihrem Johann gestatten wollen, meine Zimmer in Ordnung zu halten. Aber etwas Besseres habe ich, wovon ich mich nicht lange trennen möchte, ein Halbblut, das noch im Stalle meines Vaters steht.»

«Sollte es nicht möglich sein, das Pferd herzuschaffen?»

«Wenn Sie das erlauben», sagte Fink, «ich bin Ihnen sehr dankbar.»

So besprachen die beiden im besten Einvernehmen ihre Verbindung, und der Freiherr verließ Finks Zimmer mit dem Gefühl, daß er doch einen klugen Streich gemacht habe.

«Die Sache ist in Richtigkeit», sagte Fink zu dem eintretenden Anton. «Jetzt lamentiere nicht, sondern finde dich darein, das Unglück ist einmal geschehen. In zwei Zimmern auf der Ecke des Flügels werde ich mich einquartieren, die Einrichtung besorge ich selbst. Morgen fahre ich nach Rosmin und von dort weiter. Ich bin einem geschickten Mann auf der Spur, der das Technische der Anlage leiten soll; den Mann und einige Arbeiter bringe ich mit. Kannst du mir unsern Karl auf acht Tage überlassen?»

«Er ist hier schwer zu entbehren, indes, wenn es sein muß, werde ich ihn zu vertreten suchen. Laßt mir nur ein Bündel mit weisen Lehren zurück.»

Am nächsten Morgen reiste Fink in Begleitung des Husaren ab, und die alte Ordnung im Schloß kehrte zurück. Die kleine Gutswehr hielt regelmäßig ihre Übungen, Patrouillen wurden gemacht wie früher; arge Gerüchte wurden eifrig erzählt und angehört; einmal kam die Meldung, daß auf der nächsten Landstraße ein Haufe Sensenmänner marschiere, ein andermal betrat ein Trupp feindlicher Reiter die Feldmark, ritt aber, ohne das Dorf zu berühren, auf dem Waldwege vorüber. Auch Militär erschien als Einquartierung auf einzelne Nächte, kleine Abteilungen, welche weiter ins Land hineinzogen. Die Offiziere waren willkommene Gäste des Schlosses, sie erzählten von dem Kampf der Leidenschaften jenseits der Wälder und beruhigten die Frauen durch das mutige Versprechen, daß dem Aufstand ein schnelles Ende bereitet werde. Nur Anton empfand die schwere Last, welche selbst durch die kleinen Truppenmärsche auf das Gut gelegt wurde.

Fast vierzehn Tage waren vergangen, Fink und Karl wie verschwunden. An einem sonnigen Tage war Lenore bei ihrer Pflanzung beschäftigt, sie ließ durch einen Arbeiter Löcher für die Wurzelballen kleiner Waldbäume ausgraben. Schon bildete ein halbes Hundert von Fichten und jungen Birken ein anspruchsloses Gebüsch, das zur Zeit einem Rebhuhn mehr Schatten gab als einem Menschen. In ihrem Strohhut, einen kleinen Spaten in der Hand, erschien Lenore dem vorübereilenden Anton so anmutig, daß er sich nicht versagen konnte, stehenzubleiben und ihr zuzusehen.

«Halte ich Sie endlich, treuloser Herr», rief ihm Lenore zu. «Seit acht Tagen haben Sie sich gar nicht um meine Bäume gekümmert, ich habe alles allein begießen müssen. Hier ist Ihr Spaten, kommen Sie und helfen Sie mir die Löcher graben.»

Anton ergriff gehorsam den Spaten und begann, tapfer den Rasen auszustechen. «Ich habe im Walde junge Wacholder gesehen, vielleicht können Sie die brauchen.»

«An den Rändern», antwortete Lenore versöhnt.

«Ich hatte in den letzten Tagen mehr zu tun als sonst», fuhr Anton fort, «Karl fehlt uns überall.»

Lenore stieß ihren Spaten tief in die Erde und beugte sich herab, den aufgeworfenen Boden anzufühlen. «Hat Ihr Freund noch nicht geschrieben?» fragte sie gleichgültig.

«Ich weiß nicht, was ich denken soll», sagte Anton, «der Postweg ist nicht unterbrochen, denn andere Briefe sind angekommen. Fast fürchte ich, daß den Reisenden ein Unglück zugestoßen ist.»

Lenore schüttelte den Kopf. «Können Sie sich denken, daß Herrn von Fink ein Unglück zustößt?» fragte sie weitergrabend.

«Es ist schwer zu denken», sagte Anton lachend, «er sieht nicht aus, als ob er sich ein boshaftes Schicksal leicht über den Kopf wachsen ließe.»

«Das meine ich auch», erwiderte Lenore trocken.

Anton schwieg eine Weile. «Es ist merkwürdig, daß wir miteinander noch nicht über die Veränderung gesprochen haben, welche durch Finks Hierbleiben entsteht», sagte er endlich, nicht ohne Zwang, denn er empfand undeutlich, daß zwischen Lenore und ihm selbst eine Befangenheit gekommen war, ein leichter Schatten auf goldgrünem Rasen, von dem man nicht weiß, woher er fällt. «Sind Sie auch nicht unzufrieden mit seiner Ansiedelung?» Lenore wandte sich ab und ließ einen Zweig durch ihre Finger gleiten. «Sind Sie zufrieden?» fragte sie zurück.

«Ich für meinen Teil kann mir die Anwesenheit des Freundes wohl gefallen lassen», sagte Anton.

«Dann tu' ich's auch», versetzte Lenore aufsehend. «Aber es ist doch auffallend, daß auch Herr Sturm nicht geschrieben hat. Vielleicht kommen sie gar nicht wieder», rief sie aus.

«Für Karl leiste ich Bürgschaft», sagte Anton.

«Aber für den andern? Der sieht aus, als ob er veränderlich wäre wie eine Wolke.»

«So ist er nicht», erwiderte Anton. «Wenn er Schwierigkeiten zu bekämpfen hat, erwacht alle Energie seines Lebens; nur was ihm keine Mühe macht, das langweilt ihn.»

Lenore schwieg und grub eifrig weiter.

Da hörte man aus dem Wirtschaftshofe das Gesumme von fröhlichen Stimmen, die Leute liefen von ihrem Mittagstisch auf die Landstraße. «Herr Sturm kommt», rief ein Knecht den Grabenden zu. – Ein stattlicher Zug bewegte sich durch das Dorf nach dem Schlosse. Voran schritt ein halbes Dutzend Männer in gleicher Tracht; sie trugen graue Juppen, breitkrempige Filzhüte, die an einer Seite aufgeschlagen und mit einem grünen Busch verziert waren, auf der Schulter eine leichte Jagdflinte, an der Seite ein Matrosenmesser. Hinter ihnen kam eine Reihe beladener Wagen, der erste voll von Schaufeln, Grabscheiten, Hacken und Erdkarren, welche wohlgeordnet ineinandergesetzt waren, dahinter andere Wagen mit Mehlsäcken, Kisten, Kleiderbündeln und eingepackten Möbeln. Den Zug schloß wieder eine Anzahl Männer in grauer Uniform und denselben Waffen. In der Nähe des Schlosses sprang Karl mit einem Fremden von dem letzten Wagen herab. Karl stellte sich an die Spitze des Zuges, ließ die Wagen an der Front des Schlosses auffahren, ordnete die Männer in zwei Reihen und kommandierte mit einigem Erfolg: «Präsentiert das Gewehr!» Hinter dem Zuge galoppierte Fink auf seinem Pferde heran.

«Willkommen!» rief Anton dem Freunde entgegen.

«Sie bringen eine Armee mit Bagage», lachte Lenore, ihn begrüßend. «Ziehen Sie immer mit so schwerem Gepäck ins Feld?»

«Ich bringe ein Korps, das von heut ab in Ihrem Dienst stehen soll», erwiderte Fink, vom Pferde springend. «Es scheinen ordentliche Leute», sagte er, zu Anton gewandt, «sie sollen den Stamm bilden für meine Arbeiter. Doch hat es Mühe gemacht, sie zusammenzufinden. Hände sind jetzt rar, und doch wird nichts gearbeitet. Wir haben in deiner Heimat getrommelt und gelockt wie Werbeoffiziere. Zur Arbeit allein wären sie schwerlich gekommen. Die grauen Jacken und die Jägerhüte haben's ihnen angetan. Einige gediente Männer sind darunter, dein Husar weiß sie zusammenzuhalten wie ein geborener General!»

Der Freiherr und seine Gemahlin traten in die offene Halle. Die Arbeiter brachten auf Karls Kommando ein dreimaliges Hoch aus, dann zogen sie auf die vordere Seite des Hauses und lagerten sich in der Sonne.

«Hier sind Ihre Pioniere, mein Chef», sagte Fink nach den ersten Begrüßungen zum Freiherrn. «Da Ihre Güte mir erlaubt hat, für die nächste Zeit Ihr Hausgenosse zu werden, so habe ich auch das Recht gewonnen, etwas für die Sicherung Ihres Schlosses zu tun. Es sieht bedenklich aus in dieser Provinz. In Rosmin selbst hält man sich keinen Tag für sicher. Ihre Einrichtung einer Bauernwehr ist auch dem Feind nicht entgangen und hat seine Aufmerksamkeit auf Ihr Haus gelenkt.»

«Es ist mir eine Ehre», unterbrach der Freiherr, «diesen Herren zu mißfallen.»

«Gewiß», stimmte Fink höflich bei. «Um so mehr haben Ihre Verehrer die Verpflichtung, für Ihre und Ihrer Familie persönliche Sicherheit zu wachen. Noch sind Sie kaum stark genug, dies Schloß gegen abgeschmackte Einfälle ihrer Ortsangehörigen zu schützen. Das Dutzend Arbeiter, welches ich herbringe, könnte eine Schutzwache für Ihr Haus bilden, die Leute haben Waffen und wissen zum Teil damit umzugehen. Ich habe die Arbeiter auf ein Reglement verpflichtet, welches so viel militärischen Anstrich hat, daß es helfen kann, sie in Ordnung zu halten. Sie sollen täglich einige Stunden weniger arbeiten und sich in dieser Zeit einexerzieren, Patrouillen machen und, soweit ihnen, Herr Freiherr, dies wünschenswert erscheint, eine regelmäßige Verbindung mit der Umgegend erhalten. Unterhalt und Beköstigung der Leute liegen natürlich mir ob; ich habe vorläufig für die ersten Wochen gesorgt. Mein Wunsch ist, ihnen ein leichtes Haus auf dem Felde zusammenzuschlagen; bis dahin aber wird es nötig sein, die Männer nahe beieinander zu halten, womöglich in der Nähe des Schlosses. Und deshalb bitte ich Sie auch um Quartier für diese Leute.»

«Alles, was Sie wünschen, lieber Fink», rief der Freiherr, fortgerissen von dem unternehmenden Geist des Jüngern. «Was wir von Räumlichkeiten haben, stelle ich zu Ihrer Verfügung.»

«Dann erlaube ich mir den Vorschlag», begann Anton, «im Schloß ein Zimmer des untern Stocks als Wachtstube einzurichten. Dort werden die Waffen und Werkzeuge der Leute aufbewahrt, und jede Nacht ziehen einige dorthin auf Posten. Die übrigen müssen in dem Wirtschaftshof untergebracht werden. Dadurch werden die Männer gewöhnt, dies Schloß als ihren Sammelplatz zu betrachten.»

«Vortrefflich», sagte Fink, «wenn nur die Damen der Unruhe, welche dadurch auch in das Schloß kommt, nicht zu sehr zürnen.»

«Die Frau und Tochter eines alten Soldaten werden die Maßregeln, welche für ihre Sicherheit getroffen werden, mit dem größten Dank aufnehmen», erwiderte der Freiherr mit Würde.

So wurde von allen Seiten bereitwillig zugegriffen, die neue Kolonie anzusiedeln. Die befrachteten Wagen wurden abgeladen, der Techniker und die Arbeiter fanden ein notdürftiges Unterkommen auf dem Wirtschaftshofe.

Die erste Tätigkeit der Arbeiter war, Leinwand und Strohseile von Möbeln abzuwickeln und diese in die Zimmer ihres neuen Brotherrn zu tragen. Die Dienerschaft vom Schlosse stand herum und sah neugierig auf den einfachen Hausrat. Ein Stück aber erregte so laute Verwunderung, daß auch Lenore zu der Gruppe trat. Es war ein kleines Sofa von abenteuerlichem Aussehen. Die Polster waren überzogen mit dem Fell eines großen Raubtieres, gelbbrauner Grund mit regelmäßigen schwarzen Flecken. Zur Rücklehne und den Seitenkissen waren drei ungeheure Katzenköpfe in Polster verwandelt; das Gestell war, statt von Holz, von kunstvoll geschnitztem Elfenbein.

«Wie allerliebst!» rief Lenore aus.

«Wenn das Ding Ihnen nicht mißfällt», sagte Fink gleichgültig, «so schlage ich einen Tausch vor. In meinem Zimmer steht ein kleiner Diwan, in dem sich's so bequem ruht, daß ich ihn gern behalten möchte. Erlauben Sie den Leuten, dies Ungetüm in einem andern Zimmer des Schlosses niederzusetzen, und überlassen Sie mir dafür den Diwan.»

Lenore fand auf den bündigen Vorschlag nicht sogleich eine Antwort, sie verbeugte sich zu stummer Einwilligung. Und doch war sie unzufrieden mit sich, daß sie den Tausch nicht im Augenblick ablehnte. Als sie in ihr Zimmer kam, fand sie das Katzensofa darin aufgestellt. Darüber ärgerte sie sich noch mehr, sie rief Suska und den Diener, das Möbel in eine andere Stube zu tragen, aber beide protestierten und erhoben großen Lärm, als sie behaupteten, das prächtige Tier stehe nirgends besser als in dem Zimmer des gnädigen Fräuleins, bis endlich Lenore, um nicht Aufsehen zu verursachen, beide hinaustrieb und sich leidend in den Tausch ergab. So ruhte jetzt Lenorens schöner Leib auf den Jaguarfellen, die Fink in fernen Wäldern erbeutet hatte.

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