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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 107
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Fink saß in Antons Stube, eifrig beschäftigt, den Freund auszuschelten. «Seit du nicht mehr Zigarren rauchst, ist dein besserer Genius von dir gewichen, nachdem er sich alle Haare über deine Ungemütlichkeit ausgerupft hat. Jetzt ist er im Himmel unter den psalmierenden Engeln durch eine Tour auffällig, und unser Herrgott muß von Zeit zu Zeit den Hofmarschall fragen: ‹Wer ist denn dieser unglückliche Genius mit der Perücke?› Dann antwortet Raphael: ‹Der Kavalier war früher dem Scheusal Anton Wohlfart zugeteilt.› Dann fragt der Herr: ‹Weshalb hat er diesen verlassen?›, und Raphael muß antworten: ‹Weil der Unselige die Trabukos abgeschworen hat.› Und der Herr wird zornig sprechen: ‹Fort mit Master Anton zur Hölle; seine Seele soll in ein Rübenblatt eingenäht und dort alle Tage von kleinen Speiteufeln verraucht werden.›»

«Bist du in Amerika Mitglied einer frommen Gemeinde geworden, daß du im Himmel so genau Bescheid weißt?» fragte Anton, von seiner Rechnung aufsehend.

«Schweig!» sagte Fink. «Sonst hattest du doch noch einige Stunden, wo du zu faulenzen verstandest, jetzt vollführst du eine ewige Buchrechnung, und beim Tantalus, um nichts und wieder nichts.»

Der Bediente trat ein und lud Anton zum Freiherrn. Als Anton an der Tür war, rief Fink ihm nach. «Apropos, ich habe dem Freiherrn angeboten, die fünfhundert Morgen von ihm zu pachten. Zweieinhalb Taler Pachtgeld für den Morgen; nach fünf Jahren Rückgabe der Wiesen gegen Erstattung der Anlagekosten, Zahlung bar oder in Hypothek. Jetzt geh, mein Junge.»

Als Anton bei dem Freiherrn eintrat, saß die Baronin an der Seite ihres Gemahls und hielt seine Hand in der ihren, Lenore ging unruhig im Zimmer auf und ab. «Haben Sie von dem Vorschlag gehört, den Herr von Fink meinem Vater gemacht hat?» fragte sie.

«In diesem Augenblick hat er mir davon gesagt», erwiderte Anton. Der Freiherr verzog den Mund.

«Und was ist Ihre Meinung, darf mein Vater das Anerbieten annehmen?»

Anton schwieg. «Für das Gut ist es vorteilhaft», sagte er endlich mit innerer Überwindung. «Die Anlage könnte die beste Hilfe für diese Besitzung werden.»

«Nicht das will ich wissen», entgegnete Lenore ungeduldig, «sondern ob Sie als unser Freund den Rat geben, diesen Vorschlag anzunehmen.»

«Nein», sagte Anton.

«Ich wußte, daß Sie so sprechen würden», rief Lenore und trat hinter den Stuhl ihres Vaters.

«Sie sagen nein, und weshalb, wenn's beliebt?» fragte der Freiherr.

«Die gegenwärtige Zeit, welche alles in Frage stellt, scheint mir wenig geeignet für eine so große Spekulation. Außerdem glaube ich, daß Fink bei seinem Anerbieten durch Rücksichten geleitet wurde, welche vielleicht ihm selbst Ehre machen, die aber Ihnen, Herr Baron, die Annahme seiner Vorschläge erschweren müssen.»

«Sie werden mir erlauben, selbst darüber zu entscheiden, was ich annehmen darf und was nicht», erwiderte der Freiherr. «Das Unternehmen wäre als Geschäft für beide Parteien vorteilhaft.»

«Das muß ich einräumen», sagte Anton.

«Und wie man die gegenwärtige politische Lage ansieht, ist Sache der persönlichen Auffassung. Wer sich dadurch in seinen Unternehmungen nicht stören läßt, verdient doch wohl mehr Lob als der, welcher in einer unbestimmten Furcht das Nützliche zu tun versäumt.»

«Auch das muß ich zugeben.»

«Würde dies Unternehmen die Folge haben, daß Herr von Fink in unserer Gegend seinen dauernden Aufenthalt nähme?» fragte die Baronin.

«Das glaube ich nicht, gnädigste Frau; die Arbeiten selbst wird er jedenfalls einem Techniker übertragen, sein lebhafter Geist wird ihn schnell genug wieder in die Welt treiben. Was ihn bestimmt, dem Herrn Baron sein Anerbieten zu machen, das kann ich nur mutmaßen. Ich glaube, daß großen Anteil daran die Verehrung hat, welche er gegen Ihr Haus empfindet, und der Wunsch, Ihnen und vielleicht auch mir in diesen unruhigen Tagen mit einigem Recht nahe zu sein. Gerade das, was andern jetzt diese Gegend verleidet, die Gefahr, das hat für sein kühnes Herz viel Lockendes.»

«Und würde Ihnen nicht lieb sein, den Freund hierzubehalten?» fragte die Baronin weiter.

«Ich habe dies bis heut noch nicht gehofft», erwiderte Anton. «In früherer Zeit war zuweilen meine Aufgabe, ihn von schnellen Entschlüssen zurückzuhalten, bei denen er um einer Laune willen vieles auf das Spiel setzte.»

«Sie halten es also für vorschnell», sagte der Freiherr, «daß Ihr Freund mir einen solchen Antrag gemacht hat?»

«Sein Antrag ist gewagt für ihn selbst», antwortete Anton nachdrücklich, «und es ist etwas darin, Herr Freiherr, was mir auch in Ihrem Interesse nicht gefällt, obgleich ich in Verlegenheit käme, wenn ich aussprechen sollte, was es ist.»

«Wir danken Ihnen», sagte der Freiherr, «und wollen Sie nicht weiter bemühen, die Sache hat ja keine Eile.» Anton verbeugte sich und verließ das Zimmer.

Lenore stand schweigend am Fenster, ein langer Blick folgte dem Abgehenden. «Ich kann nicht aussprechen, was es ist», wiederholte sie Antons letzte Worte, und ein Heer von ängstlichen Bildern und Ahnungen flog durch ihre Seele. Sie zürnte der Schwäche ihres Vaters, sie war empört über Fink, der es wagte, ihnen Wohltaten anzubieten. Ob der Vater annahm, ob er ablehnte, ihr aller Verhältnis zu dem Gast war ein anderes geworden. Sie waren ihm verpflichtet; er war ihnen kein Fremder mehr, er selbst hatte sich als Vertrauter in ihre stillen Leiden eingedrängt. Sie dachte an das Zucken seines Mundes, an seine zusammengezogenen Augenbrauen, sie hörte, wie er spottete über den Vater und über sie. Keck war er in ihr Haus getreten, und nach wenigen Tagen faßte er gleichgültig wie im Scherz nach den Zügeln, um ihr Schicksal nach seinem Willen zu leiten. Seiner übermütigen Laune sollten die Eltern vielleicht die Rettung verdanken. Heut hatte sie noch mit ihm, dem glänzenden Manne aus der großen Welt, scherzen können, er war ein Gast, mit dem man auf gleichem Fuße steht, wie sollte sie ihn ansehen von morgen ab? Von morgen war er ein großer Herr für sie und ihr Vater in Wahrheit sein Untergebener. Ihr Stolz bäumte sich hoch auf gegen sein Wesen, dessen Macht sie in dieser Stunde so lebhaft fühlte; sie nahm sich vor, ihn mit Kälte zu behandeln; sie grübelte über die Worte, die er zu ihr sprechen könnte, und über ihre Antworten, und immer flog ihre Seele um das Bild des mächtigen Fremden wie der aufgescheuchte Vogel um den Feind seines Nestes.

«Was wirst du tun, Oskar?» fragte die Baronin.

«Der Vater darf nicht annehmen», rief Lenore mit Energie.

«Und was ist deine Meinung?» sprach der Freiherr, zu seiner Frau gewandt.

«Wähle, was dich am ersten von diesem Gute befreit, was die Sorge von dir nimmt, den Trübsinn, die Unsicherheit, die dich jede Stunde im stillen quälen. Laß uns in die Ferne ziehen, wo die Leidenschaften weniger häßlich sind, weit weg aus diesem Lande. In den engsten Verhältnissen werden wir ruhiger sein als hier.»

«Du rätst also, seinen Vorschlag anzunehmen», sagte der Freiherr. «Wer den Teil gepachtet hat, übernimmt wohl auch das Ganze.»

«Und zahlt uns eine Pension», rief Lenore.

«Du bist ein törichtes Mädchen», sagte der Vater. «Ihr regt euch beide auf, das ist unnütz. Der Vorschlag ist zu bedeutend, um ihn kurz von der Hand zu weisen oder im Sprunge anzunehmen. Ich will mir das Nähere überlegen. Dein Wohlfart wird Gelegenheit haben, die Bedingungen zu prüfen», fügte er in besserer Laune hinzu.

«Höre, mein Vater, auf das, was Wohlfart dir sagt, und ehre auch, was er verschweigt.»

«Ja, er soll gehört werden», schloß der Freiherr, «und jetzt gute Nacht, ihr beiden, ich werde mir's überlegen.»

«Er wird annehmen», sagte Lenore im Zimmer der Baronin, «er wird annehmen, weil Wohlfart abgeraten hat und weil der andere ihm Geld gibt. Mutter, warum hast du ihm nicht gesagt, daß wir Frauen diesem Fremden nicht mehr ins Gesicht sehen können, wenn er uns in unserm eigenen Haus die Almosen zuteilt?»

«Ich habe keinen Stolz, ich habe keine Hoffnung mehr», klagte die Mutter leise. -

Als Anton langsam in sein Zimmer zurückkehrte, rief Fink ihm lustig entgegen: «Wie steht's, Prokurist, darf ich Pächter werden, oder will der Baron die Anlage selbst machen? Er hatte große Lust dazu. In diesem Falle erhebe ich Anspruch auf Finderlohn: freie Station für mich und mein Pferd, solange sie hier Krieg spielen.»

«Er wird deinen Vorschlag annehmen», erwiderte Anton, «obgleich ich ihm abgeraten habe.»

«Du?» fragte Fink. «Ja, das sieht dir ähnlich. Wenn eine ertrinkende Maus sich an einen Holzklotz klammert, du hältst ihr eine Rede über das Drückende moralischer Verpflichtungen und schleuderst sie ins Wasser zurück.»

«Du bist nicht so unschuldig wie ein Holzklotz», versetzte Anton, wider Willen lachend.

«Höre», fuhr Fink fort, «ich habe keinen Überfluß an Sentimentalität, aber in diesem Falle würde ich es doch nicht für freundschaftlich halten, wenn du mich mit einer Strafrede erbauen wolltest. Ist dir's denn so unangenehm, daß ich dir helfe, eine verrückte Zeit durchzumachen?»

«Ich kenne dich lange genug, du Schelm», sagte Anton, «um zu wissen, daß deine Freundschaft für mich an deinem Anerbieten viel Anteil hat.»

«Wirklich?» spottete Fink. «Und wie groß war dieser Anteil? Es ist eine nichtsnutzige Zeit, mag man so tugendhaft handeln als nur irgend möglich, man wird so lange seziert, bis die Tugend sich unter dem Messer der Bosheit in Egoismus verwandelt.»

Anton streichelte ihm die Wange. «Ich seziere nicht», sagte er. «Du hast ein großartiges Angebot gemacht, und ich bin nicht mit dir unzufrieden, wohl aber mit mir. In der ersten Freude über deine Ankunft habe ich dir über die Verhältnisse des Freiherrn und über den stillen Kummer der Frauen mehr mitgeteilt, als sich mit meiner Pflicht vertrug, ich selbst habe dich in die Geheimnisse dieses Hauses eingeweiht, und du hast dieses Wissen auf eine behende Weise in Anspruch genommen. So habe ich selbst dich mit der Familie verflochten und deine Kapitalien mit diesem unruhigen Lande. Daß dies so plötzlich geschehen, ist gegen mein Gefühl, und daß meine Unvorsichtigkeit die Veranlassung gegeben, das ärgert mich.»

«Natürlich», lachte Fink, «für dich ist der süßeste Genuß, wenn du dir um deine Umgebung Sorge machen kannst.»

«Zweimal ist mir begegnet», fuhr Anton fort, «daß ich, dessen Vorsicht du so oft verspottest, über die Lage der Familie ohne Beruf mit Freunden gesprochen habe. Das erstemal erbat ich Hilfe für die Rothsattel, sie wurde mir verweigert, und dieser Vorgang hat mich mehr als etwas anderes aus dem Kontor und in dies Haus getrieben. Jetzt führt meine zweite Indiskretion die nicht mehr erbetene Hilfe in das Haus; was wird die Folge sein?»

«Daß sie dich wieder aus dem Hause und in das Kontor wirft», lachte Fink. «Hat man je einen so spitzfindigen Hamlet in Transtiefeln gesehen? – Wenn ich nur dahinterkommen könnte, ob du einen solchen logischen Ausgang in der Stille ersehnst oder fürchtest!» Er zog ein Geldstück aus der Tasche: «Kopf oder Schrift, Anton? – Blond oder Schwarz? Werfen wir!»

«Du bist nicht mehr in Tennessee, du Seelenverkäufer!» erwiderte Anton, wider Willen lachend.

«Es sollte ehrliches Spiel sein», sagte Fink gleichmütig, das Geldstück wieder einsteckend. «Ich wollte dir die Wahl lassen. – Denke in Zukunft daran.»

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