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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 106
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Als Anton gegen Abend dem Schäfer eine Bestellung auftragen wollte, war weder Karl noch ein Bote zu finden, und da die Herde in keiner großen Entfernung vom Schlosse trieb, so ging Anton selbst in dem Wege, welcher nach dem Brennereigute führte, auf den Schäfer zu. Er war nicht wenig verwundert, als er auf den letzten Äckern an der Straße seinen Freund Fink zu Pferde entdeckte, Karl und den Vogt geschäftig in seiner Nähe. Fink ritt wie ein Kunstreiter kurze Strecken im Galopp, die andern trugen sich mit schwarz und weiß bemalten Stangen, die sie in den Boden steckten und wieder herausrissen. Und dabei sah Karl durch ein kleines Fernrohr, das er über seine Stange befestigt hatte.

«Fünfundzwanzig Galoppsprünge», rief Fink.

«Zwei Zoll Fall», schrie Karl von hinten.

«Fünfundzwanzig, zwei, steht», sagte der Vogt und notierte die Zahlen.

«Kommst du auch herangeschlichen?» rief Fink dem Freunde lachend zu. «Wart eine Weile, wir sind sogleich fertig.» Noch eine Anzahl Galoppsprünge, Blicke durch das Fernrohr und einige wichtige Notizen, dann nahmen die Männer ihre Stangen zusammen, Fink ergriff die Brieftasche des Vogts und rechnete eifrig. Endlich gab er die Tasche mit einem Lächeln zurück und sagte: «Komm weiter herauf, Anton, jetzt will ich dir etwas zeigen. Stelle dich mit dem Gesicht gegen Norden auf den Bach und das Schloß zu. Dann bildet der Bach, wenn du ihn als gerade Linie ansiehst, eine Sehne, die von West nach Ost läuft, der Rand des Waldes hinter dir einen Kreisbogen. Wald und Bach begrenzen einen Kreisabschnitt.»

«Das ist deutlich», sagte Anton.

«In alter Zeit lief der Bach anderswo», fuhr Fink fort, «hier längs dem Walde in der Bogenrundung, das alte Flußbett ist noch zu erkennen. Wenn man am Waldesrand in der alten Wasserrinne hinaufgeht, kommt man dort oben im Westen zu einem Punkt, wo das alte Bett von dem gegenwärtigen abgeht. Es ist der Punkt, wo eine schlechte Brücke über den Bach führt und das Wasser in seinem jetzigen Bett einen Fall von mehr als einem Fuß hat, stark genug, die beste Mühle zu treiben. Die verfallenen Gebäude eines Vorwerks stehen daneben.»

«Ich kenne den Punkt gut genug», sagte Anton.

«Unterhalb des Dorfes krümmt sich das alte Flußbett vom Walde ab, wieder dem Bache zu. Es umschließt eine mächtige Fläche, über fünfhundert Morgen, wenn ich mich auf die Sprünge dieses Gauls verlassen kann. Dieses ganze Stück Land hat einen Abfall von dem alten Flußbett nach dem neuen. Es sind nur einige Morgen Wiesen und erträgliches Ackerland darin, das meiste ist Sand und Weideland, wie ich höre, der schlechteste Teil eurer Gutsfläche.»

«Das alles gebe ich zu», sagte Anton neugierig.

«Jetzt merke auf. Wenn man den Bach wieder in sein altes Bett zurückführt und ihn zwingt, im Bogen zu laufen statt in der Sehne, so kann man mit dem Wasser, das jetzt zu eurer Schande unnütz in die Welt fließt, die ganze Fläche von fünfhundert Morgen berieseln und den dürren Sand in grünes Wiesenland verwandeln.»

«Du bist ein Schlaukopf», rief Anton, aufgeregt durch die Entdeckung.

«Was kostet euch der Morgen im Durchschnitt?» fragte Fink.

«Dreißig Taler.»

«Und ebensoviel höchstens betragen bei diesem Boden die Kosten der Wiesenanlage. Macht zusammen sechzig Taler, also drei Taler jährliche Zinsen; dazu schlage an Unterhaltungskosten, Abgaben usw. für den Morgen jährlich zwei Taler, so hast du fünf Taler Kosten. Rechnest du dagegen vom Morgen zwanzig Zentner Heu zum halben Taler, so erhältst du vom Morgen fünf Taler Reinertrag, also bei fünfhundert Morgen zweitausendfünfhundert jährlicher Gewinn. Um diesen zu erhalten, ist ein Anlagekapital von höchstens fünfzehntausend Talern nötig. Das war's, Anton, was ich dir erzählen wollte.»

Anton stand überrascht. Es war nicht zu verkennen, daß die Zahlen, welche Fink hingeworfen hatte, nicht ganz aus der Luft gegriffen waren, weder die Kosten noch die Erträge. Und die Aussicht, welche eine solche Anlage dem Gute eröffnete, beschäftigte ihn so, daß er lange in tiefem Schweigen neben dem Freund vorwärts schritt. «Du zeigst mir in der Wüste Wasser und grüne Wiesen», rief er endlich bekümmert, «das ist grausam von dir, denn nicht der Freiherr wird imstande sein, diese Verbesserungen zu machen, sondern ein Fremder. Fünfzehntausend Taler!»

«Vielleicht werden's auch zehn tun», sagte Fink spottend. «Ich habe dir dies Luftbild nur vor Augen geführt, um dich für deinen Trotz von gestern abend zu strafen. Jetzt laß uns von anderem reden.»

Am Abend rief der Freiherr mit wichtiger Miene seine Frau und Lenore: «Kommt nach meiner Schlafstube, ich habe euch etwas mitzuteilen!» Er setzte sich dort in seinem Lehnstuhl zurecht und sagte mit größerem Behagen, als er seit langer Zeit an den Tag gelegt hatte: «Es war leicht zu merken, daß dieser Besuch Finks nicht ganz zufällig war und nicht durch Freundschaft zu Herrn Wohlfart veranlaßt, wie die jungen Männer sich den Schein gaben. Ihr waret beide klüger als ich; ich habe doch recht gehabt, der Besuch hat einen Grund, der uns näher angeht als unsern Rechnungsführer.» Die Baronin warf einen erschreckten Blick auf die Tochter, aber Lenorens Augen waren so groß auf ihren Vater gerichtet, daß sich die Mutter wieder beruhigte.

«Und was, glaubt ihr wohl, hat den Herrn aus der Fremde hierhergeführt?» fuhr der Freiherr fort. Die Frauen schwiegen. Endlich sagte Lenore: «Vater, Herr von Fink ist seit alter Zeit mit Wohlfart eng befreundet, sie haben einander seit mehreren Jahren nicht gesehen. Es ist so natürlich, daß Fink eine flüchtige Bekanntschaft mit dir benutzt, um einige Wochen bei seinem nächsten Freunde zuzubringen. Wozu wollen wir einen andern Grund für seine Anwesenheit suchen?»

«Du sprichst, wie die Jugend solche Verhältnisse auffaßt. Die Menschen werden weniger durch ideale Empfindungen und mehr durch Eigennutz regiert, als deine junge Weisheit annimmt.»

«Eigennutz?» fragte die Baronin.

«Was ist dabei zu erstaunen?» fuhr der Freiherr ironisch fort. «Beide sind Kaufleute, Fink hat auch so viel von den Reizen des Handels kennengelernt, daß er nicht umhin kann, ein gutes Geschäft zu machen, wo sich eine Gelegenheit dazu findet. Ich will euch sagen, wie er hergekommen ist. Unser vortrefflicher Wohlfart hat ihm geschrieben: Hier ist ein Gut, und dieses Gut hat einen Herrn, der gegenwärtig verhindert ist, die Wirtschaft selbst zu übersehen. Es ist ein Geschäft hier zu machen, du hast Geld, komm her. Ich bin dein Freund, es wird wohl etwas für mich abfallen.»

Die Baronin sah starr auf ihren Gemahl, Lenore aber sprang auf und rief mit der Energie eines tief gekränkten Herzens: «Vater, ich will nicht hören, daß du so von einem Manne sprichst, der uns nie etwas anderes gezeigt hat als die größte Uneigennützigkeit. Seine Freundschaft für uns geht soweit, daß er die Entbehrungen dieses einsamen Aufenthaltes und das Peinliche, das seine Stellung vielen andern verleiden würde, mit einer grenzenlosen Langmut erträgt.»

«Seine Freundschaft?» sagte der Freiherr. «Auf einen so hohen Vorzug haben wir niemals Anspruch gemacht.»

«Wir haben es getan», rief Lenore in aufloderndem Eifer. «In einer Zeit, wo die Mutter niemanden fand, der uns beigestanden hätte, da war es Wohlfart, der treu zu uns hielt. Er allein hat von dem Tage an, wo der Bruder ihn bei uns einführte, bis zu dieser Stunde für uns gesorgt und dich vertreten.»

«Nun», lenkte der Freiherr ein, «ich sage ja nichts gegen seine Tätigkeit, ich gebe gern zu, daß er die Rechnungen in Ordnung hält und für ein geringes Gehalt viel Fleiß beweist. Wenn du das Treiben der Menschen mehr verständest, würdest du meine Worte ruhiger aufnehmen. Zuletzt ist kein Unrecht bei dem, was er getan», setzte er gedrückt hinzu. «Mir fehlt es gegenwärtig an Kapitalien, und ich bin, wie ihr wißt, auch sonst verhindert. Was ist dagegen zu sagen, wenn andere mir Vorschläge machen, die ihnen Vorteile bringen und mir keinen Schaden?»

«Um Gottes willen, Vater, was für Vorschläge? Es ist unwahr, daß Wohlfart irgendein anderes Interesse dabei hat als dein eigenes.»

Die Mutter forderte durch eine Handbewegung Lenore auf, zu schweigen. «Will Fink dir das Gut abkaufen», sagte sie, «so werde ich diesen Entschluß als ein Glück für dich segnen, als das größte Glück, das dir gerade jetzt widerfahren kann, geliebter Oskar.»

«Vom Kaufen war vorläufig nicht die Rede», erwiderte der Freiherr, «ich würde mich auch unter den jetzigen Aussichten bedenken müssen, das Gut so schnell wegzugeb[*]en. Fink hat mir einen andern Vorschlag gemacht. Er will mein Pächter werden.»

Lenore sank lautlos in einen Stuhl.

«Er will mir fünfhundert Morgen von der Gutsfläche abpachten, um diese in Kunstwiesen zu verwandeln. Ich kann nicht leugnen, daß er offenherzig und als Ehrenmann mit mir gesprochen hat. Er hat mir mit Zahlen bewiesen, wie groß sein Vorteil sein würde; er hat sich erboten, den Pachtbetrag für die ersten Jahre auf der Stelle zu zahlen, ja er hat sich erboten, dies Pachtverhältnis nach fünf Jahren aufzulösen und mir die Wiesen zu übergeben, wenn ich ihm die Kosten der Anlage zurückerstatte.»

«Großer Gott», rief Lenore, «du hast diesen edelmütigen Vorschlag doch zurückgewiesen?»

«Ich habe Bedenkzeit verlangt», erwiderte der Freiherr behaglich. «Dieses Anerbieten ist, wie gesagt, auch für mich nicht gerade nachteilig; indes wäre es doch unvorsichtig, einem Fremden durch fünf Jahre so große Vorteile einzuräumen, da Hoffnung ist, daß ich selbst in einem Jahr über Summen verfügen kann, um diese Anlagen für unsere eigene Rechnung zu machen.»

«Du würdest sie niemals selbst machen, mein geliebter, armer Mann», rief die Baronin unter Tränen, sie umschlang den Hals ihres Gemahls und hielt ihre Hand über seine Augen. Der Freiherr sank vernichtet zusammen und legte wie ein Kind sein Haupt an ihre Brust.

«Ich muß wissen, ob Wohlfart von diesem Plane weiß und was er dazu sagt», rief Lenore entschlossen. «Wenn du erlaubst, Vater, schicke ich sogleich hinüber und lasse ihn holen.» Da der Freiherr keine Antwort gab, klingelte sie dem Bedienten und verließ das Zimmer, Wohlfart vor der Tür zu erwarten.

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