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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 104
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Unterdes rüstete man im Schloß für den fremden Gast. Der Freiherr ließ durch den Bedienten nachsehen, ob ein genügender Vorrat von weißem und rotem Wein im Keller war, und schalt auf den Knecht, der einen Schaden am Reitzeug nicht hatte ausbessern lassen; die Baronin befahl, ein Kleid hervorzusuchen, das sie seit der Ankunft auf dem Gute nicht mehr angesehen hatte; auch Lenore dachte mit geheimem Bangen an den Übermütigen, der ihr schon in der Tanzstunde so gründlich imponiert hatte und den sie seit dieser Zeit oft wie ein Traumbild vor sich gesehen hatte. Im untersten Geschoß war die Aufregung nicht geringer, außer flüchtigen Geschäftsbesuchen war dies der erste Gast. Die treue Köchin beschloß, eine künstliche Mehlspeise zu wagen, dazu fehlten ihr aber in diesem unglücklichen Lande die wichtigsten Stoffe; sie dachte daran, einige Hühner aus dem Wirtschaftshofe zu schlachten, dagegen aber empörte sich Suska, eine kleine Polin, die Vertraute Lenorens, sie vergoß Tränen über den entschlossenen Charakter der Köchin und drohte das Fräulein zu rufen, bis die Köchin zur Besinnung kam und einen barfüßigen Jungen in der größten Eile nach der Försterei schickte, um von dort etwas Außergewöhnliches zu erlangen. Gegen Spinnenweben und Staub wurde ein schneller Streifzug angestellt und ein Zimmer neben Anton eingerichtet. Der kleine Diwan Lenorens, der Samtstuhl und Teppich ihrer Mutter wurden hineingetragen, um die Familie repräsentieren zu helfen.

Fink ahnte wenig von der Unruhe, welche seine Ankunft verursachte, er zog neben Anton über die Felder in einer heitern Stimmung, wie er sie lange nicht empfunden hatte. Er erzählte von seinen Erlebnissen, von den raffinierten Geldgeschäften und von dem riesigen Wachstum der Neuen Welt. Und Anton hörte mit Freude, daß aus den Scherzen des Freundes eine tiefe Empörung über die Schlechtigkeit, die er erlebt hatte, hervorbrach. «Es ist ein mächtiges Leben dort», sagte er, «aber ich habe in dem Gewühl erst rech[*]t deutlich empfunden, daß ihr hier auch etwas wert seid.» So kamen sie in das Schloß zurück, sie wechselten ihre Kleidung, Anton warf einen erstaunten Blick auf die Ausstattung des Gastzimmers, bald wurden sie durch den Bedienten zur Baronin hinüber geladen. Jetzt, wo die Sorge der Einrichtung überstanden war und die Lampen ihren milden Glanz über die Zimmer breiteten, fühlte die Familie sich durch den Besuch des reichen Lebemannes doch heiter angeregt. Es war wieder wie sonst in ihrem Hause, der leichte Ton der flatternden Unterhaltung, die zarte Rücksicht, welche jedem das Gefühl zu geben weiß, daß er das Behagen des andern erhöhe, es waren die alten Formen, die sie gewöhnt waren, zuweilen auch derselbe Gesprächsstoff. Und Fink löste die Aufgabe, welche dem Gast am ersten Abend eines Familienbesuches wird, mit einer Fertigkeit, die allen Erwartungen voll und ganz entsprach. Er behandelte den Freiherrn mit der achtungsvollen Vertraulichkeit eines jüngeren Standesgenossen, die Baronin mit Ehrerbietung, Lenore mit einfacher Offenheit. Gern richtete er das Wort an diese, und schnell hatte er ihre Befangenheit überwunden. Die Familie fühlte, daß er einer der Ihrigen war, es war eine stille Freimaurerei unter ihnen. Auch Anton fragte sich, wie es möglich sei, daß Fink, der neue Gast, ganz als ein alter Freund des Hauses erscheine und er selbst als ein Fremder. Und wieder kam etwas von dem Respekt in seine Seele, den er als Jüngling vor allem gehabt hatte, was elegant, vornehm und exklusiv erschien. Aber diese Empfindung war nur noch ein leichter Schatten, der über sein klares Urteil hinflog.

Als Fink aufbrach, versicherte der Freiherr mit aufrichtiger Wärme, wie gern er ihn als Gast recht lange bei sich halten möchte, und selbst die Baronin sagte nach seiner Entfernung, die englische Art kleide ihn gut und er mache den Eindruck eines großen Herrn. Lenore dachte nicht über sein Wesen nach, aber sie war redselig geworden wie lange nicht. Sie begleitete die Mutter in das Schlafzimmer, setzte sich noch auf eine Fußbank neben das Bett der Ermüdeten und fing lustig an zu plaudern, nicht von dem Gast, aber von vielem, was sie sonst interessierte, bis die Mutter ihre Stirn küßte und ihr sagte: «Jetzt ist es genug, mein Kind; geh zu Bett und träume nicht.»

Fink streckte sich behaglich auf dem Diwan aus. «Diese Lenore ist ein prächtiges Weib», rief er vergnügt. «Einfach, offen, kurz ab, nichts von der weichlichen Schwärmerei eurer Mädchen. – Setze dich noch eine Stunde neben mich wie sonst, Anton Wohlfart, freiherrlicher Rentmeister in einer slawischen Sahara. Höre, du bist in einer so abenteuerlichen Lage, daß mir vor Verwunderung noch immer die Haare zu Berge stehn. Du hast mir früher bei meinen Streichen manches liebe Mal als verständiger Schutzgeist beigestanden; jetzt steckst du selbst mitten in der Tollheit, und da ich gegenwärtig den Vorzug genieße, bei gesunden Sinnen zu sein, so verbietet mir mein Gewissen, dich in dieser Konfusion zu verlassen.»

«Fritz, lieber Freund», rief Anton freudig.

«Schon gut», sagte Fink. «Ich wünsche also die nächste Zeit in deiner Nähe zu bleiben. Überlege, wie sich das machen läßt. Mit den Frauen wirst du wohl fertig werden, aber der Freiherr?»

«Du hast gehört», erwiderte Anton, «auch er hält für einen günstigen Zufall, daß gerade jetzt ein Ritter wie du in sein einsames Schloß zieht; es ist nur» – er sah sich bedenklich im Zimmer um,[*] «du wirst vorliebnehmen müssen.»

«Hm, ich verstehe», nickte Fink, «ihr seid genaue Leute geworden.»

«So ist es», sagte Anton. «Wenn ich den gelben Sand am Walde in Säcke füllen und als Weizen verkaufen könnte, ich müßte viele Säcke verkaufen, um in unsere Kasse einen kleinen sicheren Bestand zu bringen.»

«Da du dich hier als Kassenführer eingedrängt hast, konnte ich mir denken, daß die Kasse leer sein würde», versetzte Fink trocken.

«Ja», fuhr Anton fort, «meine Hauptkasse ist ein alter Toilettenkasten, und ich versichere dich, es würde mehr hineingehen, als darin ist. Ich fühle jetzt manchmal einen unbesiegbaren Neid gegen Herrn Purzel und seine Kreide im Kontor. Wenn ich nur einmal das Glück hätte, eine Reihe grauleinener Beutel zu erblicken, an Banknoten und an eine Mappe mit Aktien wage ich gar nicht zu denken.»

Fink pfiff einen Marsch. «Du armer Junge! Es sind aber doch große Güter und eine geordnete Wirtschaft, sie müssen entweder bringen oder kosten; wovon lebt ihr denn?»

«Das», sagte Anton, «ist ein Geheimnis der Frauen, welches ich kaum verraten darf. Unsere Pferde kauen Diamanten.»

Fink zuckte mit den Achseln. «Aber wie ist es möglich, daß die Rothsattel so zurückgekommen sind?»

Mit Schonung schilderte Anton den Vorfall des Freiherrn. Dann sprach er mit Begeisterung von den Frauen, von der würdigen Resignation der Baronin, der gesunden Kraft Lenorens.

«Ich sehe», versetzte Fink, «daß es noch schlechter steht, als ich annahm. Und wie ist es möglich, daß du selbst eine solche Wirtschaft erträgst? Die Vögel auf den Bäumen sind ja Rentiers gegen euch.»

«Wie die Sachen einmal liegen», fuhr Anton fort, «gilt es, bis zu ruhiger Zeit sich durchzuschlagen, zunächst bis zur Subhastation des Familiengutes. Die Gläubiger werden jetzt nicht drängen, und die Gerichte sind fast ganz außer Tätigkeit. Der Freiherr kann ohne große Kapitalien diesen Besitz nicht behaupten, er kann ihn jetzt nicht aufgeben, sonst wird das wenige verwüstet, was einen Verkauf in Zukunft möglich macht, und die Familie hat kein Obdach für ihr Haupt. Alle meine Versuche, sie in diesen unruhigen Wochen zur Abreise aus dieser Provinz zu bewegen, waren vergeblich, sie sind wie Verzweifelte entschlossen, hier ihr Schicksal zu erwarten. Der Stolz des Freiherrn sträubt sich gegen eine Rückkehr in den Kreis, in dem er einst gelebt, und die Frauen wollen ihn nicht verlassen.»

«So schicke sie doch wenigstens nach einer größeren Stadt in der Nähe und setze sie nicht dem Anfall jedes betrunkenen Bauernhaufens aus.»

«Ich habe getan, was ich konnte, in dem Punkte bin ich machtlos», entgegnete Anton finster.

«Dann, mein Sohn, laß dir sagen, daß dein kriegerischer Apparat nicht sehr ermutigend ist. Mit dem Dutzend Leute, das du in diesem Dorfe erst zusammenblasen mußt, wirst du schwerlich eine Rotte Spitzbuben abhalten. Du kannst damit nicht den Hofraum verteidigen, ja nicht einmal die Flucht der Frauen decken. Habt ihr keine Aussicht, Militär zu erhalten?»

«Keine», erwiderte Anton.

«Ein recht gemütlicher, trostreicher Zustand!» rief Fink. «Und bei alledem habt ihr Felder bestellt, und die kleine Wirtschaft schnurrt in ihrer Ordnung ab. Ich habe mir von Karl erzählen lassen, wie das Gut aussah, als er herkam, und was ihr bis jetzt gebessert habt. Ihr habt euch respektabel benommen. Das hätte kein Amerikaner und kein anderer Landsmann durchgesetzt, in so verzweifelter Lage lobe ich mir den Deutschen. Die Frauen sowohl als eure junge Wirtschaft müssen besser geschützt werden. Miete dir zwanzig Männer mit tüchtigen Fäusten, sie sollen dieses bewachen.»

«Du vergißt, daß wir zwanzig müßige Brotesser ebensowenig beköstigen können wie der Kauz auf dem Turme.»

«Sie sollen arbeiten», rief Fink. «Ihr habt hier eine Bodenfläche, bei der hundert Hände nützliche Beschäftigung finden. Hast du keinen Sumpf zu entwässern und Gräben zu ziehen? Dort unten breitet sich ja eine Reihe trauriger Wasserlachen.»

«Das ist Arbeit für eine andere Jahreszeit», wendete Anton ein, «der Grund ist jetzt zu naß.»

«Laß einige hundert Morgen Waldland besäen oder bepflanzen. Hält der Bach im Sommer aus?»

«Ich höre, ja», erwiderte Anton.

«So laß sie irgend etwas schaffen.»

«Vergiß nicht», sagte Anton lächelnd, «wie schwer es sein wird, zuverlässige Arbeiter, die noch außerdem kriegerische Anlagen haben, gerade jetzt in unserer berüchtigten Gegend zu werben.»

«Zum Henker mit deinen Bedenklichkeiten!» rief Fink. «Schicke den Karl in eine deutsche Gegend auf Werbung, er schafft dir Leute genug.»

«Wir haben kein Geld, du hörst's ja. Der Freiherr ist gar nicht imstande, eine größere Melioration durchzuführen, die sich erst in einiger Zeit bezahlt macht.»

«Dann laß mich's tun», versetzte Fink.

«Du wirst einsehen, Fritz, daß dies unmöglich ist; der Freiherr kann von seinem Gast ein solches Opfer nicht annehmen.»

«Ihr zahlt mir's zurück, wenn ihr Geld habt», beredete Fink.

«Es ist unsicher, ob wir jemals imstande sein werden, die Rückzahlung zu leisten.»

«Nun denn, so braucht er's nicht gerade zu wissen, was die Leute kosten.»

«Er ist blind», antwortete Anton mit leisem Vorwurf, «und ich stehe in seinem Dienst und bin verpflichtet, ihm Rechnung abzulegen. Er freilich wird ein Darlehen von dir nach einigen Kavalierbedenken wohl annehmen, denn seine Ansichten über seine Lage wechseln mit der Stimmung. Die Frauen aber machen sich solche Täuschungen nicht. Du würdest sie durch jede Stunde deiner Gegenwart demütigen, wenn sie die Empfindung hätten, daß sie deinem Vermögen eine Erleichterung ihres Lebens danken.»

«Und das größere Opfer, das du ihnen gebracht, haben sie doch angenommen», sagte Fink ernster.

«Vielleicht halten sie meine bescheidene Tätigkeit für kein Opfer», erwiderte Anton errötend. «Sie haben sich gewöhnt, mich als Rechnungsführer, als Beamten des Freiherrn in ihrer Nähe zu sehen. Du bist ihr Gast, ihr Selbstgefühl wird sie veranlassen, dir das Bedenkliche ihrer Lage nach Kräften zu verhüllen. – Um dir das Zimmer wohnlich einzurichten, haben sie die eigenen Stuben geplündert, der Diwan auf dem du liegst, ist aus der Schlafstube des Fräuleins.»

Fink sah den Diwan neugierig an und legte sich wieder zurecht. «Da es mir nicht gefällt, auf der Stelle abzureisen», sagte er, «so wirst du die Güte haben, mir einen Weg anzugeben, auf dem ich mit Anstand hierbleiben kann. Erzähle mir schnell einiges über die Hypotheken und Aussichten des Gutes. Nimm an, ich wäre ein unglücklicher Käufer dieses Paradieses.»

Anton berichtete.

«Das wenigstens ist so verzweifelt nicht», sagte Fink. «Jetzt höre meinen Vorschlag. In der bisherigen Weise darf das hier nicht fortgehen, diese knappe Wirtschaft ist ungesund. für alle Beteiligten, zumeist für dich. Die Güter mögen furchtbar verwüstet sein, aber es scheint mir wohl möglich, etwas daraus zu machen. Ob ihr die Leute seid, das Gut zu behaupten, will ich nicht entscheiden; wenn du Lust hast, noch einige Jahre deines Lebens dranzusetzen und dich fernerhin für die Interessen anderer zu sakrifizieren, so ist auch das nicht unmöglich, vorausgesetzt, daß ihr in ruhigerer Zeit das nötige Betriebskapital schaffen könnt. Unterdes gebe ich einige, vielleicht fünftausend Taler, und der Freiherr gibt mir dafür eine Hypothek auf dieses Gut. Diese Anleihe wird euch nicht viel schlechter stellen, und sie wird es euch leichter machen, dies verrückte Jahr zu überstehen.»

Anton stand auf und ging unruhig in der Stube umher. «Es geht nicht», rief er endlich aus, «Wir können deinen hochherzigen Antrag nicht annehmen. Sieh, Fritz, im vorigen Jahr, ehe ich hier diese Menschen so genau kannte wie jetzt, habe ich lebhaft gewünscht, daß unser Prinzipal ein Interesse an den Verhältnissen des Barons nehmen möchte; ich wäre damals sehr glücklich gewesen, wenn du mir dasselbe Anerbieten gemacht hättest. Wie ich jetzt den Freiherrn und seine Lage kenne, halte ich es für ein Unrecht gegen dich und gegen die Frauen, deinen Antrag anzunehmen.»

«Soll der Diwan aus Lenorens Schlafstube durch die Tabaksasche eurer Einquartierung beschmutzt werden? Jetzt tu' ich's, später werden es die polnischen Sensenmänner tun.»

«Wir müssen es durchmachen», erwiderte Anton traurig.

«Trotzkopf», rief Fink, «du sollst mich doch nicht loswerden. Jetzt mache, daß du hinauskommst, halsstarriger Tony.»

Seit dieser Unterredung erwähnte Fink sein Anleiheprojekt nicht weiter, dagegen hatte er den nächsten Tag mehrere vertrauliche Unterredungen mit dem Husaren. Und am Abend sagte er zum Freiherrn: «Darf ich Sie für Morgen um Ihr Reitpferd bitten? Es ist ein alter Bekannter von mir. Ich möchte über Ihre Felder reiten. Zürnen Sie nicht, gnädige Frau, wenn ich morgen mittag nicht erscheine.»

«Er ist reich, er kommt her, um zu kaufen», sagte sich der Freiherr im stillen. «Dieser Wohlfart hat seinem Freund gemeldet, daß hier ein Geschäft zu machen ist, die Spekulation fängt an, nur vorsichtig!»

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