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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 102
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Anton zuckte die Achseln und mußte sich's gefallen lassen. Lenore ritt neben Karl und machte die kriegerischen Bewegungen mit, soviel der Damensattel das erlaubte, aber Anton sah aus der Reihe des Fußvolkes unzufrieden nach der hellen Gestalt hinüber. Sie hatte ihm nie so wenig gefallen. Wenn sie wild mit den andern vorsprengte, ihr Pferd herumriß und mit dem Säbel in die Luft schlug, wenn ihr helles Haar sich im Wind löste und ihr Auge vor Kampflust strahlte, so war sie hinreißend schön. Aber was Anton beim leichten Spiel entzückt hätte, das kam ihm jetzt, wo diese Übungen bitterer Ernst waren, sehr unweiblich vor, er mußte an eine Kunstreiterin denken. Einst hatte gerade diese Ähnlichkeit sein ganzes Herz gefangengenommen, heut erkältete sie ihm die Seele. Und als die Übung vorüber war und Lenore mit heißen Wangen in seiner Nähe hielt, damit er sie anrede, da schwieg er, und Lenore selbst mußte an ihn heranreiten und ihn lachend fragen: «Sie sehen so mürrisch aus, mein Herr, wissen Sie, daß Ihnen das gar nicht gut steht?»

«Es gefällt mir nicht, daß Sie so wild sind», erwiderte Anton. Lenore wandte sich schweigend ab, übergab das Pferd einem Knecht und ging ärgerlich nach dem Schloß zurück.

Seit der Zeit verzichtete sie auf die Teilnahme an den Übungen, aber sie fehlte niemals, wenn die bewaffnete Macht sich versammelte; dann sah sie sehnsüchtig von weitem zu. Und wenn Anton nicht zugegen war, suchte sie doch heimlich mit Karl auf die Nachbardörfer zu reiten, oder sie besichtigte wohl auch auf ihren Spaziergängen aus eigener Begeisterung die Fanale, sie strich allein durch Feld und Wald, mit einem Taschenterzerol bewaffnet, und war glücklich, wenn sie einen Wanderer anhalten und ausfragen konnte.

Auch darüber machte ihr Anton Vorstellungen. «Die Gegend ist unsicher», sagte er, «wie leicht, daß Ihnen ein Strauchdieb etwas zuleide tut. Und ist's kein Fremder, so sind's vielleicht gar Leute aus dem Dorfe.»

«Ich fürchte mich nicht», sagte dann Lenore, «und die Männer aus unserm Dorfe tun mir nichts.» Und in der Tat wußte sie mit diesen besser fertig zu werden als Anton und irgendein anderer. Sie allein wurde von jedem, auch von dem Rohesten, ehrerbietig in polnischer Weise gegrüßt; sooft ihre hohe Gestalt durch die Dorfgasse schritt, neigten sich die Männer herab bis an ihre Knie, und die Weiber liefen an die Fenster und sahen ihr bewundernd nach.

Sie erlebte die Freude, daß die Leute selbst ihr in Antons Gegenwart das sagten. An einem Sonntagabend, während die Bauern in der Schenke tranken, saßen Karl, der Förster und der Schäfer als Wachtposten im Wirtschaftshofe; denn der Sonntag war für die im Schlosse am gefährlichsten. Karl hatte im Amtmannshaus eine Stube für militärische Zwecke eingerichtet, einige Bund Stroh zum Schlafen, einen Tisch, Bänke und Stühle hineingesetzt. Heute trug Lenore mit eigener Hand eine Flasche Rum und Zitronen aus dem Schloß zu den Wächtern hinüber und gab dem Amtmann den Rat, daraus einen Kriegspunsch zu kochen. Der Schäfer und der Waldmensch zogen beglückt über diese Aufmerksamkeit den Mund von einem Ohr zum andern, Karl sprang herbei, setzte dem Fräulein einen Stuhl zurecht, der Förster begann sogleich eine schreckliche Geschichte von einer Räuberbande aus dem Nachbarkreis, und so machte sich's von selbst, daß Lenore sich auf einige Minuten niedersetzte und ihre Ansichten über den Lauf der Welt mit den Getreuen austauschte. Da trat, gerade als der Punsch fertig war und von dem Fräulein selbst in zwei Gläser und einen Topf gegossen wurde, auch Anton herein. Er kam ihr ungelegen, das war wieder nichts für ihn. Indes, er schalt nicht, sondern wandte sich zur Tür und winkte einen Fremden aus dem Hausflur herein. Ein schlanker Bauernbursch in blauem Rock mit hellen Wollschnüren, eine Soldatenmütze in der Hand, die weiten Leinwandhosen in die Stiefel gesteckt, trat stolz in das Zimmer. Da fiel sein Auge auf das Fräulein. Wie der Blitz fuhr er zu ihren Füßen, küßte ihr das Knie und blieb dann mit gesenktem Haupt, die Mütze in der Hand, die Augen auf den Boden geheftet, vor ihr stehen. Karl trat zu ihm. «Nun, Blasius, was Neues aus der Schenke?»

«O nichts», erwiderte der Bursch in dem melodischen Tonfall, mit dem der Pole sein gebrochenes Deutsch spricht, «Bauer sitzt und trinkt und ist lustig.»

«Sind Fremde hier, ist jemand von Tarow gekommen?»

«Nichts», sagte Blasius. «Niemand ist da, als dem Wirt seine Muhme ist gekommen, das Judenmädel, die Rebekka.» Dabei sah er unverrückt Lenore an als die Herrin, der er seine Meldung zu machen habe. Lenore trat zum Tisch, goß ein Glas voll und reichte es dem Burschen. Glückselig nahm der schmucke Junge das Glas, wandte sich zur Seite, trank ohne abzusetzen aus, setzte das leere wieder auf den Tisch und neigte sich wieder auf Lenorens Knie, alles mit einem Anstand, um den ihn ein Prinz hätte beneiden können. «Sie dürfen keine Furcht haben», redete er in plötzlicher Begeisterung das Fräulein an, «keiner im Dorfe tut Ihnen was, wer sich gegen Sie wagt, den schlagen wir tot.»

Lenore errötete und sagte, auf Anton sehend: «Du weißt, ich fürchte mich nicht, am wenigsten vor euch», und der Amtmann verabschiedete den Kundschafter mit dem Auftrag, in einigen Stunden wiederzukommen.

Beim Herausgehen sagte Lenore zu Anton: «Wie gut seine Haltung ist!»

«Er war bei der Garde», erwiderte Anton, «und ist nicht der Schlechteste im Dorfe, aber ich bitte Sie doch, sich nicht zu sehr auf die Ritterlichkeit des ehrlichen Blasius und seiner Freunde zu verlassen. Ich habe heut wieder den ganzen Nachmittag Sorge um Ihr Ausbleiben gehabt und habe Ihnen gegen Abend Ihr Mädchen auf den Weg nach Rosmin entgegengeschickt. Denn ein erschrockener Handwerksbursch kam auf das Schloß gelaufen und erzählte, er sei auf dem Wege von einer bewaffneten Frau angehalten worden und habe ihr sein Wanderbuch vorzeigen müssen. Nach seiner Erzählung hatte die Frau einen ungeheuren Hund so groß wie eine Kuh hinter sich; er klagte, sie hätte schrecklich ausgesehen. Der Mann war ganz außer sich.»

«Es war ein Hase», sagte Lenore verächtlich. «Als er mich mit dem Pony sah, lief er davon wie vom bösen Gewissen gejagt. Da rief ich ihm nach und drohte mit einer Pistole.»

Unter solchen Vorbereitungen erwarteten die vom Gute täglich den Ausbruch der Empörung auch auf ihrer Waldinsel. Unterdes verbreitete sich die Glut des Aufstandes wie ein Waldbrand über die ganze Provinz. Wo die Polen dicht aneinander saßen, schlug die helle Flamme zum Himmel, an den Rändern flackerte das Feuer bald hier, bald da, wie der Brand im grünen Holze. An mancher Stelle wurde gelöscht, eine Zeitlang blieb alles still, dann loderte die Flamme plötzlich wieder auf.

An einem Sonntagnachmittag war große Übung der verbündeten Dörfer. Mit ihren Fahnen kamen die von Neudorf und Kunau herab, das Fußvolk an der Spitze, die Burschen zu Pferde hinterher, vom Schloßhofe zog die kleine Reihe der berittenen Knechte, von Karl geführt, ihnen entgegen, außerdem einige Mann zu Fuß, denen der Förster als Generalissimus der drei Heerscharen voranmarschierte. Auch Anton hatte sich unter das Kommando des Försters gestellt. Als Lenore ihn aus dem Hause treten sah, befahl sie, den Pony zu satteln.

«Ich will zusehen» sagte sie zu Anton.

«Aber nur zusehen, gnädiges Fräulein», bat dieser.

«Schulmeistern Sie nicht», rief ihm Lenore nach.

Am Rande des Waldes war der Exerzierplatz. Der Förster hatte sich aus alten Erinnerungen und nach mehrfachen Beratungen mit dem Freiherrn ein Kommando gebildet, welches ungefähr ausreichte, die Leute zu dem zu bringen, was er wollte, und Karl führte seine Schwadron mit einem Feuer, welches die Mängel in der Führung und in den Leistungen ersetzen mußte. An der Seite war ein Kugelfang aufgeworfen, und Karl hatte mit dem Rest seiner Ölfarbe eine Scheibe gemalt, auf welcher ein Drache mit drei Schwänzen und sechs Beinen zwar rotes Feuer spie, aber, wenn man von dieser Familienunart absah, wieder durch die Gutmütigkeit versöhnte, mit der er sein großes Herz dem Schützen darbot. Es wurde eine Zeitlang marschiert, geschwenkt, abgebrochen und zuletzt geladen. Lustig knallten die blinden Schüsse in den Wald. Lenore sah den Übungen von weitem zu; endlich konnte sie der Lust nicht widerstehen, die Schwenkungen der Reiter mitzumachen, sie trabte an die Züge heran und sagte leise zu Karl: «Nur ein paar Augenblicke.»

«Wenn's aber Herr Wohlfart sieht?» fragte Karl ebenso.

«Er wird's nicht sehen», erwiderte Lenore lachend. So stellte sie sich mit dem kleinen Pferd in die Reihe. Die Burschen sahen neugierig auf die schlanke Gestalt, welche neben ihnen trabte und als Vedette vorritt wie sie. Bei der Bewunderung, mit welcher sie nach dem Fräulein schauten, exerzierten sie schlecht, und Karl hatte viel zu tadeln. «Das Fräulein macht's am besten!» rief in der Pause einer der Neudorfer, die Bewunderer schwenkten die Hüte und brachten ihr ein Hoch aus. Lenore verneigte sich und zwang den Pony zu einigen anmutigen Beinbewegungen. Aber die Freude dauerte nicht lang, denn Anton kam über das Feld herüber und trat neben das Fräulein. «Es ist wirklich nicht gut», sagte er leise, im Ernst erzürnt über ihre kriegerische Tätigkeit, «Sie setzen sich einer dreisten Bemerkung aus, die gewiß nicht böse gemeint ist, die Sie aber doch verletzen würde. Hier ist kein Ort für Ihre Reitkunst.»

«Sie gönnen mir auch keine Freude», erwiderte Lenore aufgebracht und warf den Pony zur Seite.

So tummelte sie ihr Pferd allein, ließ es in der Nähe eines großen Birnbaums Volten machen und grollte in der Stille mit Anton. ‹Wie unzart, daß er mir das sagt›, dachte sie, ‹der Vater hat recht, er ist sehr prosaisch. Damals, als ich ihn zuerst sah, war es auch auf dem Pony, da gefiel ich ihm besser, damals waren wir beide Kinder, aber sein Wesen war rücksichtsvoller.› Der Gedanke schoß ihr durch die Seele, wie glänzend, schön und leicht das Leben früher gewesen war und wie herb die Gegenwart. Und während sie darüber träumte, ließ sie das Pferd eine Acht nach der andern machen.

«Nicht übel – aber mehr Faust, Fräulein Lenore», rief eine sonore Männerstimme neben ihr. Erschrocken sah Lenore zur Seite. An dem Baume lehnte die schlanke Gestalt eines fremden Mannes, die Arme übereinandergeschlagen, auf dem edel geformten Gesicht ein spöttisches Lächeln. Der Fremde schritt langsam auf sie zu und griff an seinen Hut. «Es wird dem alten Herrn sauer», sagte er, auf das Pferd weisend. «Hoffe, Sie kennen mich noch.»

Lenore sah ihm starr ins Gesicht, wie einer Erscheinung, und glitt endlich in ihrer Verwirrung vom Pferde herunter. Ein Bild aus alter Zeit trat ihr leibhaftig entgegen, das kühle Lächeln, die elegante Gestalt, die nachlässige Sicherheit dieses Mannes gehörten auch zu der Vergangenheit, an die sie eben gedacht hatte. «Herr von Fink», rief sie verlegen, «Wie wird sich Wohlfart freuen, Sie zu sehen.»

«Und ich», erwiderte Fink, «habe ihn schon aus der Ferne betrachtet, und wenn ich nicht aus gewissen untrüglichen Kennzeichen» – hier sah er wieder auf Lenore – «erkannt hätte, daß er es ist, der dort als geharnischter Mann durch den Sand watet, ich hätte es nicht für möglich gehalten.»

«Kommen Sie schnell zu ihm», rief Lenore, «Ihre Ankunft ist die größte Freude, die ihm werden konnte.»

So schritt Fink neben ihr zu dem Schießplatz, wo jetzt die Männer sich anschickten, auf den Drachen zu zielen. Fink trat hinter Anton und legte die Hand auf seine Schulter. «Guten Tag, Anton», sagte er.

Anton drehte sich erstaunt um und warf sich an den Hals des Freundes. Heftiges Fragen und kurze Antworten flogen durcheinander. «Wo kommst du her, du lieber Wiedergefundener?» rief Anton endlich.

«Ziemlich auf geradem Wege von drüben», erwiderte Fink, in die Ferne weisend. «ich bin erst seit wenigen Wochen wieder im Lande. Der letzte Brief, den ich von dir erhielt, war aus dem vorigen Herbst. Durch ihn wußte ich ungefähr, wo ich dich zu suchen hatte. Bei der Konfusion, die unter euch herrscht, halte ich es für ein merkwürdiges Glück, daß ich dich gefunden. Da ist auch Meister Karl», rief er, als Karl mit lautem Freudenrufe heransprengte. «Jetzt ist die halbe Firma versammelt, und wir können auf der Stelle anfangen, Kontor zu spielen. Ihr freilich macht euch hier ein anderes Vergnügen.» Er wandte sich zu Lenoren und fuhr fort: «Ich habe mich dem Freiherrn vorgestellt und von der gnädigen Frau erfahren, daß ich die kriegerische Jugend im Freien finden würde. Jetzt möchte ich noch Ihre Fürsprache für mich erflehen. Ich kenne hier diesen Mann ein wenig und würde gern einige Tage in seiner Nähe zubringen; ich fühle lebhaft, wie unbescheiden es ist, in solcher Zeit selbst von Ihrem gastfreien Hause die Aufnahme eines Fremden zu erbitten. Tun Sie um seinetwillen, der doch im ganzen ein guter Junge ist, ein übriges und gönnen Sie mir die Freude, hierbleiben zu dürfen, bis ich über die Fasson der unerhörten Jagdstiefel ins reine gekommen bin, die der Knabe auf seine Knie gezogen hat.»

Ebenso artig erwiderte Lenore: «Mein Vater wird Ihren Besuch stets für eine große Freude halten, in dieser Zeit hat ein guter Freund doppelten Wert. Ich gehe, unsern Leuten zu sagen, daß sie alle Stiefel von Herrn Wohlfart in Ihrem Zimmer aufstellen, damit Sie recht lange über ihre Fasson nachdenken müssen.» Sie verneigte sich und schritt, den Pony am Zügel führend, dem Schlosse zu.

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