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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 100
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Der Förster raffte sechs Schützen zusammen, winkte dem Schulz und einem Haufen der Landleute und zog sich mit dem Haufen ohne großes Geräusch in die offene Seitengasse. Auch Anton fühlte das Blut an seine Schläfen hämmern in der Erwartung der nächsten Augenblicke. Endlich hörte man Trommelwirbel, gleich darauf ein lautes Hurra. Wie Löwen sprangen die Bürger durch den Hof, der Hauptmann voran, seinen Säbel schwingend, neben ihm Anton. So drangen sie in den Hausflur, bevor jemand auf sie achtete. Alles im Hause war an die Fenster und an die Tür gestürzt.

«Hurra», rief der Hauptmann, «wir haben sie», und ergriff in dem Hausflur einen der Herren im Genick. «Keiner soll entrinnen. Schließt die Tür!» schrie er und hielt sein Opfer am Kragen fest, wie eine Kuh bei den Hörnern. Durch die Kraft von zehn Leibern wurde die Haustür von innen zugedrückt und verschlossen, so daß die Eifrigen auch die Feinde, welche in der Tür standen, hinausdrängten. Darauf stürzten die Schützen in die Stube, ein Teil nach dem obern Stock. Wer von den Herren in der Stube war, sprang zum Fenster hinaus. So kam es, daß die Bürger in der Weinstube nichts ergriffen als eine Namenliste, einen Haufen zusammengebundener Sensen und in der Ecke ein halbes Dutzend Gewehre, welche den Edelleuten gehörten. Der Schlosser faßte sogleich die Gewehre und rannte mit Anton und einigen andern, die er anrief, wieder hinten zum Haus hinaus in die Quergasse zu dem Zuge, den der Förster führte. Sie fanden den Zug in bedenklicher Lage. Er war mutig hinter dem Förster vorwärts gestürmt bis an den Ausgang der Gasse. Die Trommel und das Hurra und gleich darauf der feindliche Angriff im Hause hatten die Gegner in Verwirrung gebracht. Die Sensenmänner waren von dem Hause weggeeilt, sie standen in ungeordneten Haufen mitten auf dem Markte, der Mann in der Schärpe, selbst ohne Gewehr, war beschäftigt, die Unbehilflichen aufzustellen. Dagegen war der Trupp mit Gewehren, Ökonomen, Jäger und einige junge Herren, den Anrückenden kühn entgegenmarschiert und hatte Front gegen sie gemacht. Vor der bewaffneten Schar stutzten die Bürgerschützen und drängten an den Ausgang der Gasse zurück, der Förster stand allein mitten zwischen den feindlichen Parteien. In dieser Verlegenheit fing der Trommler wieder an, aus Leibeskräften zu trommeln, die Polen hielten ihre Gewehre an die Backen, der Förster kommandierte ebenfalls: «Legt an!», und beide Haufen blieben im Anschlage voreinander stehen, jeder auf Augenblicke zurückgehalten durch die Scheu vor den furchtbaren Folgen, welche das erste Kommando haben würde. Da drang der Schlosser mit seinen Begleitern vor, die Gewehre wurden blitzschnell den Männern, welche danach griffen, in die Hand gegeben, Anton und der tapfere Schlosser sprangen in die erste Reihe der Bürgerschützen. Ein blutiger Kampf schien unvermeidlich.

In diesem Augenblick erscholl aus dem Fenster der Weinstube die Stimme des Hauptmanns laut über den Marktplatz: «Mitbürger, wir haben sie. Hier ist der Gefangene. Es ist der Herr von Tarow selber!» Alles setzte die Gewehre ab und hörte nach der Stimme. Der Hauptmann hielt den Kopf des Gefangenen zum Fenster hinaus, der, in sein Schicksal ergeben, keinen Versuch machte, sich aus der unbequemen Lage zu befreien. «Und jetzt hört auf meine Worte. Alle Fenster dieses Hauses sind besetzt, alle Straßen sind besetzt, wie dort auf dieser Seite zu sehen; sobald ich einen Finger hebe, werdet ihr Leute alle zu Grund und Boden geschossen.»

«Hurra, Hauptmann», rief eine Stimme gerade gegenüber von den mittlern Häusern des Marktes, und der Kaufmann, welcher dort wohnte, steckte seine Entenflinte zum Fenster des ersten Stocks hinaus, neben ihm der Apotheker und der Postmeister, die Pächter der städtischen Jagd.

«Guten Morgen, meine Herren», rief der Fleischer erfreut hinüber, denn eine kühne Sicherheit war auf ihn gekommen. «Ihr seht, Leute», fuhr er fort, «daß jeder Widerstand nutzlos ist, werft eure Sensen weg, oder ihr seid sämtlich Kinder des Todes.» Eine Anzahl Sensen klirrten auf das Pflaster.

«Und ihr, ihr Herren Jäger», fuhr der Hauptmann fort, «sollt freien Abzug haben, wenn ihr eure Gewehre abgebt, denn wenn nur einer von euch noch ein Gesicht schneidet, so soll dieses Mannes Blut über euer Haupt kommen.» Dabei ergriff er den Kopf Tarowskis, hielt ihn wieder zum Fenster hinaus und zog ein großes Schlachtmesser aus seiner Uniform. Er warf die Scheide auf die Straße und schwenkte das Messer so fürchterlich um das Haupt des Gefangenen, daß der brave Fleischer in diesem Augenblicke wahrhaftig gräßlich und wie ein Kannibale aussah.

Da rief der Förster begeistert: «Hurra, wir haben sie, vorwärts, marsch!» Der Trommler fing an zu trommeln, und im Sturm drangen die Deutschen vor. Auch die Schützen warfen sich aus dem Hause hervor auf die Treppe und die Straße. Der Haufe der polnischen Flintenjäger geriet in Unordnung, einige der Beherzten schossen ihre Gewehre ab, auch aus den Reihen der Angreifer fielen einzelne Schüsse. Die übrigen Sensen fielen zusammen, und die Sensenmänner zerstreuten sich zuerst in wilder Flucht, gleich darauf flohen die mit den Gewehren. Die Deutschen stürmten ihnen nach, noch einige Schüsse wurden abgefeuert, die Flüchtigen wurden rund um den Markt gejagt, einzelne versteckten sich in den Häusern, andere liefen zum Stadttor hinaus. Der Trommler schritt um den ganzen Marktplatz und schlug Alarm. Von allen Seiten kamen jetzt bewaffnete Bürger herzugerannt, auch die säumigen Schützen erschienen einer nach dem andern. Der Hauptmann übergab seinen Gefangenen einigen handfesten Leuten und rief, die Glückwünsche seiner Freunde mit der Hand abwehrend: «Der Dienst vor allem, meine Herren! Das Nötigste ist, daß wir die Tore schließen und besetzen. Wo ist der Hauptmann unserer Bundesgenossen?»

Anton trat herzu. «Herr Kamerad», sagte der wackere Fleischer salutierend, «ich denke, wir sammeln unsere Leute, wir halten eine Musterung und teilen die Wachen ein.»

Die einzelnen Korps stellten sich auf dem Markte auf, zuerst die Schützen, daneben unter Anführung des Försters die Landleute, auf der andern Seite eine Schar Freiwilliger, die sich fortwährend vergrößerte. Es war eine lange Reihe, und mit Stolz sahen die von Rosmin, wie stark sie waren. Der Hauptmann ließ schwenken und in Zügen vorbeimarschieren. Darauf wurde der Wachtdienst eingeteilt, die Tore besetzt und Ehrenwachen vor die Ämter gestellt, halb Bürger, halb Landleute. Die heruntergerissenen Wappen wurden gesäubert, einige Frauenhände trugen aus den Gärten der Stadt die ersten Blumen zusammen und schmückten die Wappenschilder mit Kränzen und Gewinden. In feierlichem Zuge wurden sie an das Steueramt und die Post getragen, die ganze Mannschaft marschierte auf, präsentierte das Gewehr, und der Hauptmann brachte eine Anzahl patriotischer Hochs aus, welche von vielen hundert Kehlen nachgerufen wurden. Anton stand zur Seite, und als er die Frühlingsblumen auf dem Wappen sah, fiel ihm aufs Herz, wie er heut morgen gezweifelt hatte, ob er in diesem Jahr welche erblicken werde. Jetzt glänzten ihre Farben so lustig auf dem Schildzeichen seines Vaterlandes. Aber was hatte er seit dem Morgen erlebt!

Aus seinem Sinnen wurde er durch den Hauptmann geweckt, der ihn auf das Rathaus in den Ausschuß einlud, welcher sich für die Sicherheit der Stadt gebildet hatte. So sah er sich auf einmal in der Ratsstube vor dem grünen Tisch mitten unter fremden Männern, als einer der Ihrigen. Bald hatte er eine Feder in der Hand und schrieb einen Bericht über die Ereignisse des Tages an die Behörde. Der Ausschuß entwickelte große Tätigkeit, Boten wurden an das nächste Militärkommando abgesandt, die Häuser Verdächtiger wurden nach Flüchtigen durchsucht, für die Landleute, welche sich bereit erklärt hatten, bis zum Abend in der Stadt zu bleiben, wurde durch freiwillige Beiträge der Bürger Speise und Trank besorgt, Streifwachen wurden nach allen Richtungen ausgeschickt, einzelne Gefangene gehört und die Nachrichten, welche jetzt aus der Nachbarschaft einliefen, gesammelt. Von allen Seiten kamen Meldungen. Aus mehreren Dörfern waren polnische Banden auf dem Wege zur Stadt, in dem Nachbarkreise war in ähnlicher Weise ein Aufstand versucht worden, und dort war er geglückt, die Stadt war in den Händen der polnischen Jugend, die Flüchtlinge erzählten von Plünderung, von Fanalen, welche durch das ganze Land brannten, von einem allgemeinen Aufstand der Polen und von dem Gemetzel, das sie unter den Deutschen anfangen wollten. Die Gesichter der von Rosmin wurden länger, die Siegesfreude, welche durch einige Stunden in dem Rathaussaal geherrscht hatte, wich der Sorge um eine gefahrvolle Zukunft. Einige sprachen davon, daß die Stadt sich mit dem gefangenen Herrn von Tarow verständigen müsse, weil man der Bürger selbst nicht sicher sei, viele polnisch Gesinnte säßen innerhalb der Mauern, auch feindliche Gewehre wären noch versteckt. Doch wurden die Furchtsamen durch den kriegerischen Mut der Mehrheit überstimmt. Es ward beschlossen, die Nacht über in Waffen zu bleiben und die Stadt gegen fremde Banden zu halten, bis Militär einrücke.

So kam der Abend heran. Da verließ Anton, beunruhigt durch die zahlreichen Gerüchte von Plünderungen auf dem offenen Lande, den Sitzungssaal des Rathauses und schickte den Schulz aus, um die Deutschen aus ihrer Gegend zum gemeinschaftlichen Abmarsch zu sammeln. Zwischen dem Schützenhauptmann und dem Schlosser schritt er unter dem Gerassel der Trommel und einem dreimaligen Hoch der Bürgerschützen mit seinen Leuten durch das Tor bis zu den letzten Häusern der Vorstadt. Dort an der hölzernen Brücke, welche über den Bach führt, nahmen die Städter und die vom Lande brüderlich Abschied.

«Ihr Wagen ist der letzte, der heute hinüber soll», sagte der Schlosser. «Wir brechen hinter Ihnen die Bohlen von der Brücke und stellen einen Posten daneben.» Der Hauptmann zog seinen Hut und sagte: «Im Namen der Stadt und einer löblichen Bürgerschützenkompanie bedanke ich mich für die freundliche Hilfe bei euch allen. Wenn eine schwere Zeit kommt, wie wir alle fürchten, so wollen wir Deutsche immer zusammenhalten.»

«Das Wort soll gelten», rief der Schulz, und die Landleute riefen es nach.

So zogen die Landleute hinaus auf die dunkle Ebene. Anton ließ seinen Wagen langsam nachfahren und ging mit dem Haufen zu Fuß. Der Förster zog einige junge Burschen, welche die erbeuteten Gewehre trugen, aus dem Trupp und formierte sie zu einer Art Vortrab. Der Schmied von Kunau, der jeden Mann aus dem Kreise kannte, stellte das vor, was der Förster die Spitze nannte. Alle Gebüsche und unsicheren Stellen wurden sorgsam abgesucht, einzelne Leute, auf die sie stießen, wurden angehalten und ausgefragt. Sie hörten vieles Gefährliche, fanden aber ihren Weg durch keinen Haufen verlegt. So schritten die Männer in ernstem Gespräch vorwärts. Alle fühlten sich gehoben durch ihr Tun an diesem Tage, aber keiner verbarg sich, daß dies erst der Anfang sei und daß noch Schweres nachfolgen werde. «Wie sollen wir vom Lande die Zeit ertragen?» sagte der Schulz. «Die in der Stadt haben ihre Mauern und wohnen dicht aneinander, wir aber sind der Rachgier jedes Bösewichts ausgesetzt, und wenn ein halbes Dutzend Landstreicher mit Flinten in das Dorf kommt, so sind wir geliefert.»

«Es ist wahr», sagte Anton, «vor den großen Scharen können wir uns nicht hüten, und der einzelne muß in solcher Zeit ertragen, was der Krieg ihm auferlegt, aber die großen Haufen, welche unter dem Kommando von festen Befehlshabern stehen, sind für uns auch nicht das Schlimmste. Das Ärgste sind die Banden von schlechtem Gesindel, die sich zusammenrotten, die Brandstifter und Plünderer, und gegen solche müssen wir uns von heut ab zu verteidigen suchen. Haltet euch morgen zu Hause, ihr von Neudorf und Kunau, und beschickt mit euren Boten die andern Deutschen in der Nähe, welche zu uns halten. Morgen bei guter Zeit komme ich zu euch hinüber, dort laßt uns beraten, ob wir etwas tun können für unsere Sicherheit.»

So kamen die Männer an den Kreuzweg, wo der Weg nach dem Schlosse abgeht durch den herrschaftlichen Wald. Anton stand mit dem Schulzen und dem Schmied noch eine Weile in Beratung zusammen, dann grüßten sich die drei wie alte Freunde, und jeder Haufe eilte nach seinem Dorfe.

Anton bestieg seinen Wagen und nahm den Förster mit sich, damit dieser zur Nacht das Schloß bewachen helfe. Mitten im Walde wurden sie durch ein lautes «Halt, wer da?» angerufen.

«Karl!» rief Anton erfreut. – «Hurra, hurra, er lebt!» schrie Karl außer sich vor Freude und sprengte an den Wagen. «Sind Sie auch unverwundet?»

«Ich bin es», erwiderte Anton, «wie steht's auf dem Schlosse?»

Jetzt begann ein schnelles Erzählen. «Daß ich nicht dabei war!» klagte Karl einmal um das andere.

Als sie beim Schloß vorfuhren, flog eine helle Gestalt auf den Wagen zu. «Fräulein Lenore!» grüßte Anton herunterspringend.

«Lieber Wohlfart!» rief Lenore und faßte seine beiden Hände. Sie legte sich einen Augenblick auf seine Schulter, und die Tränen stürzten ihr aus den Augen. Anton hielt ihre Hand fest und sagte, indem er ihr mit zärtlicher Teilnahme in die Augen sah: «Es kommt eine schreckliche Zeit, ich habe den ganzen Tag an Sie gedacht.»

«Da wir Sie wiederhaben», versetzte Lenore, «will ich alles ruhig anhören; kommen Sie schnell zum Vater, er vergeht vor Ungeduld!» Sie zog ihn die Treppe hinauf.

Der Freiherr öffnete die Tür und rief Anton auf dem Gang entgegen: «Was bringen Sie?»

«Krieg, Herr Freiherr», antwortete Anton ernst. «Den häßlichsten aller Kämpfe habe ich gesehen, blutigen Krieg zwischen Nachbar und Nachbar. Das Land ist im Aufstand.»

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