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Soll die plattdeutsche Sprache gepflegt oder ausgerottet werden?

Ludolf Wienbarg: Soll die plattdeutsche Sprache gepflegt oder ausgerottet werden? - Kapitel 8
Quellenangabe
typeessay
authorLudolf Wienbarg
titleSoll die plattdeutsche Sprache gepflegt oder ausgerottet werden?
publisherHoffmann und Campe
year1834
firstpub1834
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12660
created20080806
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Das sind sehr exotische Ideen in Niedersachsen! Ich weiß, ich weiß. Ich will sie aber aussprechen, ich will sie vertheidigen, ich will das Meinige dazu thun, daß einheimische Ideen, Fragen und Wünsche daraus werden. Lange genug ist die Bildung ein ausschließliches Vorrecht einiger Menschen, gewißer Stände gewesen. Das muß aufhören, gebildet sollen alle Menschen sein, gelehrt wer will. Volksbildung, und nicht bloß wie bisher Volksunterricht, soll und wird das Ideal, das Feldgeschrei der Zeit werden. Unsere Gelehrten, unsere Beamte, unsere guten Köpfe unter den Schriftstellern werden ihren Hochmuth fahren lassen, sich des Volkes erbarmen, und sich einmal erinnern, daß sie selber in der Mehrzahl aus dem Volke stammen. Noch im vorigen Jahrhundert gab sich so ein Gelehrter, Philosoph, Dichter, der vielleicht aus dem dunkelsten Stande geboren war, die lächerliche Miene, als ob er unmittelbar aus dem Haupt des Gottes der Götter entsprungen sei und den Olymp besser kenne, als das Haus der armen Frau: die ihn mit Schmerzen geboren und mit Thränen, Sorgen und Entbehrungen groß gezogen hatte. Kein Dichter stürmte seinen Schmerz und Unmuth über die Erniedrigung des Volks in die Saiten, kein Gelehrter schämte und grämte sich, die ihm von Natur nächsten und liebsten Wesen von sich getrennt zu sehn durch eine ungeheure geistige Kluft, welche nur die Bildung der alten und neuen Welt auszufüllen vermogte. Lessing schreibt den Nathan, und beweist, daß der Jude eben so viel Ansprüche habe auf den Himmel als der Christ, aber er schreibt nichts, worin er beweist, daß der Bauer, sein Vetter, eben so viel Ansprüche habe den Nathan zu lesen, als der vornehme und gebildete Stadtmensch. Winkelmann steht am Fuße des Vatikans und erfüllt die Welt mit Orakelsprüchen über die Schönheiten des Apoll von Belvedere, über das göttliche zornblickende Auge, die geblähten Nasenflügel, die verächtlich aufgeworfene Unterlippe, »eben hat er den Pfeil abgesandt nach den Kindern der Niobe, noch ist sein Arm erhoben,« und im selbigen Augenblicke vielleicht, als er dieses spricht, hebt sein Vater, ein armer Altflicker, gedrückt und gebückt über den Leisten hingebogen, Pfriem und Nadel in die Höhe, blickt mit geisttodten, stumpfen Augen auf einen Kinderschuh und gewährt den Anblick eines Menschen, gegen den gehalten der letzte Sclave des Praiteles, der an die Paläste der altrömischen Großen wie ein Hund angekettete Thürwächter apollinische Gestalten waren.

Volksbildung, o das Wort hat einen griechischen Klang in meinen Ohren und ich muß daher fast bezweifeln, ob es auch von meinen Landsleuten gehörig verstanden wird. Schulleute und Gelehrte werden schon wissen, was ich meine, ich brauche nur die Wörter zu nennen: [Griechisch: gymnasticha], studia liberalia, id est, wie mein alter Schuldirektor glossirend hinzufügte, studia libero homine digna. Für das größere Publikum muß ich mich wol zu einer etwas umständlichern Erklärung anschicken und besonders für diejenigen, welche nicht begreifen, wie das Volk nicht bloß unterrichtet, in Lesen und Schreiben geübt, sondern auch gebildet werden solle.

Zur Volksbildung, wie zu jeder Bildung gehört zweierlei, etwas Negatives und etwas Positives. Sage ich aber vorher, daß ich die Saiten nicht zu hoch spanne und daß ich so dem natürlichen Muthwillen der Knaben die ganze körperliche Gymnastik, und der Gunst der Götter ihren Schönheitssinn, ihre musikalische Praxis und dergleichen überlasse. Im Negativen ist die Aufgabe der Bildung, die vis inertiae der rohen Natur vertreiben und bezwingen zu helfen – das Kapitel ist weitläufig – es besteht aber die vis inertiae, die Erbsünde des menschlichen Geschlechts, darin, daß im Allgemeinen der ungebildete Mensch – was nun gar der norddeutsche Bauer – Selbstdenken scheut, Vorurtheile pflegt, fremde Meinungen herleiert, Thier der Gewohnheit, tausendstes Echo, Sclave von Sclaven ist, besteht, wie schon die Bibel sagt, darin, daß er Augen hat zu sehen und nicht sieht, Ohren um zu hören und nicht hört, besteht, um alles kurz zusammenzufassen, darin, daß er sich seines eigenen Verstandes, seines eigenen Gefühls, seines eigenen Willens nur in den wenigsten Augenblicken des Lebens bewußt wird. – Der weichenden Kraft der Trägheit folgt, wie eine elastisch nachdrückende Feder, die allmählich hervorspringende Kraft der Thätigkeit. Diese soll beschäftigt werden, angemessenen Stoff finden, eine bestimmte Richtung erhalten. Das ist das Geschäft der Bildung im Positiven, das ist das Säen des Weizenkorns, wenn der Acker von Steinen gereinigt, von unfruchtbarer träger Last befreit, durchbrochen, gepflügt und gefurcht. Trieb, Lust und Kraft zum Verarbeiten des Saamenkorns in sich spürte. Mensch und Acker, diese beiden urältesten, natürlichsten und durch den religiösen Stil aller heiligen Urkunden gleichsam geweihten Vergleichungsobjekte, sind sich hauptsächlich darin ähnlich, daß der Schöpfer über beide das Wort ausgesprochen hat: erst gepflügt und dann gesäet – – – – erst den starren trägen Zusammenhang der Oberfläche, der Gemüthsdecke durchbrochen, dann hinein mit dem lieben Korn und – jedem Feld das seinige nach Art des Bedürfnisses, nach Güte und Beschaffenheit des Bodens.Wollte ich zu diesem, wie gesagt, naturrohen Bilde ein mehr dem Spiel der Phantasie angehöriges hinzufügen, so vergliche ich den bloßen Lese- und Schreibunterricht unserer Landkinder mit der Unvernunft und Thorheit eines Ackermannes, der seinem Acker die Instrumente zur Bearbeitung, Spaten und Pflug, zur Selbstbearbeitung hinwirft.

Lehrer, wollt ihr mehr als Lehrer, wollt ihr Bildner des Volks sein, lehrt denken, denken und abermals denken. Gedankenlosigkeit für eine Sünde, bestraft sie wie einen Fehler, bindet meinetwegen euren Schülern ein symbolisches Brett vor den Kopf oder stellt sie mit dem Kopf an die bretterne Wand, oder hängt ihnen, wie die Engländer thun, Eselsohren an, oder setzt sie, wie unsere Alten thaten, mit dem Steiß auf hölzerne Esel und vor allen Dingen, hütet euch, selbst die Esel zu sein.

Ich bin aber gar nicht gesonnen, bloß den Lehrern ex professo die Volkserziehung anheim zu stellen – ihnen dieselbe auf den Stücken zu laden, sollte ich wol sagen, bedenke ich das Loos so vieler tausend braven Männer, die bei kümmerlichem Brod ihre tägliche Noth und Sorge haben. Nur immer die Lehrer, nur alles auf ihre Kappe, nur alle Sorge, allen schlechten Erfolg der Erziehung auf ihren Antheil gewälzt. Das ist bequem, bequem freilich, aber nicht patriotisch. Jeder Patriot ist gelegentlich und er sucht die Gelegenheit – Erzieher, Bildner der Menschen, in deren Umgebung er lebt, hier hebt er einen Stein auf, dort ist sein Wort eine Pflugschaar, welche ein Stück harter Kruste aufreißt, dort ein Saamenkorn, das sich heimlich und zu einstiger Frucht in die Spalten des Gemüths einsenkt.

Volksbildung, Wunsch meiner Wünsche, Ideal, nicht träumerisches, abgöttisches, rückwärts gewandtes, aufwärts in den leeren Himmel blickendes, ich glaube an Dich; Ideal, das keinem Dichter vielleicht Stoff zum Besingen gibt, das vielleicht unter der Würde des Metaphysikers steht, das die scholastische Zunft Ketzerei schilt und der Politiker belächelt, Ideal meiner Seele, Ideal aller Patrioten, im Namen aller spreche ich es aus, ich glaube doch und noch immerfort an Dich.

Laßt ihr gebildeten Niedersachsen die alten Feudalvorurtheile über den Stand eurer Bauern die unreifen Ansichten über ihre Bildungsfähigkeit fallen und fahren; erstere sind so roh, wie leider der Bauernstand jetzt noch selber, letztere so intellektuell hochmüthig, wie man nur immer von einem Stand exklusiv Gebildeter im und über'm Volk erwarten kann. Bedenkt aber, was ich sage. Ein Leibnitz, zehn Jahr mit sich allein im dunkeln feuchten Kerker, kann so dumm und albern werden, daß Gänsejungen und Kuhhirten ihren Witz an ihm versuchen. Nun, Monaden sollen unsere Bauern freilich nicht erfinden, Leibnitze nicht werden, aber doch mit denselben Atomen ihres Hirns über die Erscheinungen in der Welt, über Natur und Staat ihre Begriffe zusammensetzen, verbinden und auflösen, Gedanken bilden, Urtheile fällen und überhaupt sollen sie geistige Operationen vornehmen, welche in Leibnitzens Kopf schärfer oder abstrakt einseitiger durchgeführt die Lehre von urtheilbaren beseelten Weltstäubchen zum Resultat hatten.

Doch, das alles wird euch ein mecklenburgischer Bauer besser auseinandersetzen – wenn ihr nach einem Hundert oder Zweihundert Jahren zu reveniren Gelegenheit finden solltet.


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