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Soll die plattdeutsche Sprache gepflegt oder ausgerottet werden?

Ludolf Wienbarg: Soll die plattdeutsche Sprache gepflegt oder ausgerottet werden? - Kapitel 7
Quellenangabe
typeessay
authorLudolf Wienbarg
titleSoll die plattdeutsche Sprache gepflegt oder ausgerottet werden?
publisherHoffmann und Campe
year1834
firstpub1834
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12660
created20080806
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Allein, höre ich Jemand einwerfen, wenn auch die plattdeutsche Sprache ganz dem Bilde gleicht, das du von ihr entworfen, wenn sie selbst auch unfähig ist, Element der Volksbildung zu sein, so erwartet eigentlich auch Niemand dieses Geschäft von ihr, das ja von der allgemein verbreiteten und verstandenen hochdeutschen Sprache längst übernommen und verwaltet wurde.

Antwort: übernommen aber nicht verwaltet. Damit behauptet man einen Widerspruch gegen alle Vernunft und Erfahrung. Selbst die allgemeinste Erlernung und Verbreitung der hochdeutschen Sprache übt so lange gar keinen oder selbst nachteiligen Einfluß auf die Volksbildung, als neben ihr Plattdeutsch die Sprache des gemeinen Lebens bleibt.

Allerdings wird die hochdeutsche Sprache als Organ der Volksbildung überall in Niedersachsen angewendet. Es gibt wol wenig Dörfer, wo die Jugend nicht Gelegenheit findet, das Hochdeutsche ein wenig verstehen, ein wenig sprechen, ein wenig lesen und ein wenig schreiben zu lernen. Die Leute müssen wol. Amtmann, Pfarrer, Bibel, Gesangbuch, Katechismus, Kalender sprechen hochdeutsch. Ohnehin sind die Kinder schulpflichtig und beim Hobeln setzt es Spähne ab.

Allein, Jedermann weiß, plattdeutsch bleibt ihr Lebenselement. Das sprechen sie unter sich, zu Hause, im Felde, vor und nach der Predigt. Das kommt ihnen aus dem Herzen, dabei fühlen sie sich wohl und vergewissern sich, daß sie in ihrer eigenen Haut stecken, was ihnen, sobald sie hochdeutschen, sehr problematisch wird.

Der erste Schulgang macht in der Regel auch die erste Bekanntschaft mit der hochdeutschen Sprache. Mit Händen und Füßen sträubt sich der Knabe dagegen. Ich bedaure ihn, er soll nicht bloß seine bisherige Freiheit verlieren, unter die Zuchtruthe treten, buchstabiren lernen, was auch andern Kindern Herzeleid macht; er soll überdies in einer Sprache buchstabiren und lesen lernen, die er nicht kennt, die nicht mit ihm aufgewachsen ist, deren Töne er nicht beim Spiel, nicht von seiner Mutter, seinem Vater, seinen kleinen und großen Freunden zu hören gewohnt war. Alles was er von diesem Augenblick an liest, lernt, hört in der Schule und unter den Augen des Lehrers, klingt ihm gelehrt, fremd, vornehm und tausend Meilen von seinem Dorf entfernt. Daß der rothe Hahn in seiner Fibel kräht und der lebendige in seinem Hause krait, scheint ihm sehr sonderbar. In der Bibel nennen sich alle Leute du, der Unterlehrer sagt zum Oberlehrer sie, er aber ist gewohnt, bloß seine Kameraden zu dutzen, Vater, Mutter und andere Erwachsene mit he und se anzureden. Kommt an ihn die Reihe zu lesen, laut zu lesen, so nimmt er die Wörter auf die Zunge und stößt sie heraus wie die Scheiben einer Frucht, die er nicht essen mag, weil er sie nicht kennt. Was er auswendig lernt, lernt er nicht einwendig. Was ihm allenfalls noch Vergnügen macht, ist der gemeinschaftliche Gesang am Schluß der Schule und auf Kirchbänken. Von Natur mit einer hellen durchdringenden Stimme begabt, wetteifert er mit dem Chor um die höchsten Noten, betäubt seinen Kopf und findet eine Art Vergnügen und Erholung darin, dieselben Verse des Gesangbuches bloß herauszuschreien, die er zu anderer Zeit auswendig lernen muß.

Erreicht er das gesetzliche Alter, so wird er konfirmirt. Wer ist froher als er. Nun tritt er völlig wieder in das plattdeutsche Element zurück, dem er als Kind entrissen wurde. Er hat die ersten Forderungen des Staates und der Kirche erfüllt. Er hat seinen Taufschein durch seinen Confirmationsschein eingelös't. Ersteren bekam er ohne seinen Willen zum Geschenk, um letzteren mußte er sich, auch wider seinen Willen, redlich abplacken.

Auf beide Scheine kann er später heiraten und Staatsbürger werden.

Was ist die Frucht dieses Unterrichts? Er hat rechnen, lesen und schreiben gelernt. Er kann auch lesen und schreiben, aber er lies't und schreibt nicht. (Umgekehrt der französische Bauer, der kann nicht lesen, aber er läßt sich vorlesen). Ich frage also, was ist die Frucht dieses hochdeutschen Unterrichts? Welchen Einfluß übt derselbe auf sein Geschäft, auf seine Stellung als Familienvater, Staatsbürger, Glied der Kirche, der sichtbaren, wie der unsichtbaren?

Folgen wir ihm, wenn er aus der Kirche kommt. Die Predigt ist herabgefallen, der Gesang verrauscht wie ein Platzregen auf seinen Sonntagsrock, zu Hause zieht er diesen aus und hängt ihn mit allen Worten und himmlischen Tropfen, die er nicht nachzählt, bis zum künftigen Sonntag wieder an den Nagel. Frage: kann er die hochdeutsche Predigt hochdeutsch durchdenken, spricht er mit Nachbaren, mit Frau und Kindern hochdeutsch vom Inhalt derselben, ist er gewohnt und geübt, ist er nur im Stande, den religiösen Gedankengang in's Plattdeutsche zu übersetzen? Antwort: schwerlich. Frage: hat ihn die Predigt das Herz erwärmt, den Verstand erleuchtet? Antwort ein Schweigen. Armer Bauer, vor mir bist du sicher, ich lese dir darüber den Text nicht. Kannst du etwas dafür, daß der Kanzelton nicht die Grundsaite deines Lebens berührt, daß jener Nerv, der von zart und jung auf gewohnt ist, die Worte der Liebe, der Herzlichkeit, des Verständnisses in dein Inn'res fortzupflanzen, nicht derselbe ist, der sich vom Klang der hochdeutschen Sprache rühren läßt. Wer auf der Gefühlsleiter in deine Herzkammer herabsteigen will, muß wollene Strümpfe und hölzerne Schuh anziehen, in schwarzseidenen Strümpfen dringt man nicht bis dahin. Wüßte man nur, begriffe man nur, wie es in deinem einfältigen Kopf zusteht und daß die hochdeutschen Wörter und die plattdeutschen Wörter, die du darin hast sich gar nicht gut mit einander vertragen, sich nicht verstehn und sich im Grund des Herzens fremd, ja feind sind. Die plattdeutschen Wörter sind deine Kinder, deine Nachbaren, dein alter Vater, deine selige Mutter, die hochdeutschen sind der Schulmeister, der Herr Pastor, der Herr Amtmann, vornehme Gäste, die dir allzuviel Ehre erweisen, in deinem schlechten Hause vorzukehren, mit dir vorlieb zu nehmen, Wörter in der Perrücke, in schwarzem Mantel, welche deine und deiner plattdeutschen Wort Familie Behaglichkeit stören, dich in deiner Luft beeinträchtigen, dir bald von Abgaben, bald von Tod und jüngsten Gericht vorsprechen, Grablieder über deinen Sarg singen werden, ohne sich über deine Wiege gebückt und Eia im Suse und andere Wiegenlieder gesungen zu haben. Armer Bauer, ich habe dich immer in Schutz genommen und diese Schrift, obgleich du sie nicht lesen wirst, ist eigentlich nur für dich und zu deinem Heil und Besten geschrieben. Viele Leute aus der Stadt klagen dich an, daß du trotz deiner Einfalt verschmizt bist, trotz deiner Rohheit nicht weniger als Kind der Natur bist, sie sagen, daß du dir eine und die andere Gewissenlosigkeit gar wenig zu Herzen nimmst. Aber ich habe ihnen immer geantwortet, unser Bauer hat nicht zu wenig Gewissen, er hat zu viel. Er hat zwei Gewissen, ein hochdeutsches und ein plattdeutsches, und das eine ist ihm zu fein, das andere uns zu grob und dickhäutig. Zu diesem wird ihm in seinem eigenen Hause der Flachs gesponnen, jenes webt ihm die Moral und die Dogmatik; in dem einen sitzt er wohl und warm und es ist sein Kleid und Brusttuch so lange er lebt, in dem andern friert ihn und er hält es nur deswegen im Schrank, um damit einmal anständig unter die Schaar der Engel zu treten.

Ist ihm sein Verhältniß zum Staat durch den hochdeutschen Unterricht vielleicht klarer geworden, als sein Verhältniß zur Kirche? Erwirbt er sich durch das hochdeutsche Medium, das einzige, das ihm Aufschlüsse über eine so wichtige Angelegenheit geben kann, Kenntnisse von seinen Rechten und Pflichten im Staats-Verein, ist ihm dadurch ein Gefühl von Selbstständigkeit, ein Bewußtsein von den Grenzen der Freiheit und des Zwanges, von Gesetz und Willkühr aufgegangen, Gemeinsinn geweckt: sein dumpfes egoistisches Selbst zu einem Bruderkreise erweitert, der Wohl und Weh an allen Gliedern zugleich und gemeinschaftlich spürt? Wie das alles? Seine Beamte klären ihn nicht auf und er selber – er liest nicht, er nimmt keine Schrift, kein Blatt zur Hand, er läßt sich auch nicht vorlesen, das ist gelehrt, hochdeutsch, geht über seinen Horizont, läßt sich nicht weiter besprechen, sein Verstand hat kaum einen Begriff, seine Sprache kein analoges Wort dafür. Armer Bauer. Und wenn Wunder geschähen und die tausend Stimmen der Zeit, die für dich und an dich gesprochen, dein Ohr nicht erreichen, wenn sie sich verwandelten und ergößen in eine göttliche Stimme, die vom Himmel riefe: Bauer, hebe dein Kreuz auf und wandle – du würdest liegen bleiben und sprechen: das ist hochdeutsch.

Wie er seine Acker vorteilhafter bestellen, seine Geräthe brauchbarer einrichten, nützlicher dieses und jenes betreiben, wohlfeiler dieses und jenes haben könne, das lehren ihn Blätter und Schriften, von Gesellschaften oder Einzelnen herausgegeben, vergebens: er liest sie nicht. Schlägt man ihm sonstige Verbesserungen und Veränderungen vor, so schüttelt er den Kopf und bleibt starrsinnig beim Alten. Dat geit nich, dat wil ik nich, dat kan ik nich, ne dat do ik nich; unglückselige, stupide Worte, wie viele beabsichtigte Wohlthaten macht ihr täglich scheitern, habt ihr scheitern gemacht. Unseliger Geist der Trägheit, der hier mit der Sprache Hand in Hand hinschlentert, mit dieser vereint, durch diese gestärkt allem Neuen und Bewegenden Feindschaft erklärt. Wann erlebt der Menschenfreund, daß dieses unsaubere Paar geschieden wird. Wann erscheint die Zeit, wo diese Eselsbrücke zwischen Gestern und Vorgestern abgebrochen wird, wo die einzig; mögliche Verbindungsstraße zwischen der heutigen Civilisation und dem norddeutschen Bauer, die hochdeutsche Sprache, diesem wahrhaft zugänglich gemacht wird? Aermster, ich klage dich ja nicht an, ich bedaure dich ja nur.

Oder muß es so sein, muß der deutsche Bauer ein Klotz, ich sage ein Klotz bleiben. Ist es sein ewiges Schicksal nur die Plage des Lebens und nicht deßen Wohlthaten zu genießen? Wird sich nicht einmal seine enggefurchte Stirn menschlich erheitern, ist es unvereinbar mit seinem Stande, seinem Loose, gebildeter Mensch zu sein, mit gebildeten Menschen auf gleichem Fuß zu leben, sich nicht allein mit Spaten und Pflug, sondern auch mit Kopf und Herzen zu beschäftigen?


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