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Soll die plattdeutsche Sprache gepflegt oder ausgerottet werden?

Ludolf Wienbarg: Soll die plattdeutsche Sprache gepflegt oder ausgerottet werden? - Kapitel 5
Quellenangabe
typeessay
authorLudolf Wienbarg
titleSoll die plattdeutsche Sprache gepflegt oder ausgerottet werden?
publisherHoffmann und Campe
year1834
firstpub1834
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12660
created20080806
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Halte ich einen Augenblick inne. Ob diese Schrift auch Leser findet, die in hohe aristokratische Privilegien eben in dem gerügten Gebrechen, eben in dem Umstand, daß die plattdeutsche Sprache seit drei Jahrhunderten nichts gelernt, eine Tugend derselben entdecken? Soll ich Rücksicht auf solche Leser nehmen? Soll ich die reine Absicht, die mir vorschwebt, durch alle Blätter mir verbittern?

Aber es giebt solche, du kennst solche! Wolan denn, mache ich es gleich und auf einmal mit ihnen ab.

Ja, ihr Herren, diese Sprache hat nichts gelernt seit dem sechszehnten Jahrhundert, sie hat sich mit keiner einzigen Idee, keinem einzigen Ausdruck der neuen Geschichte bereichert, sie hat nicht einmal ein Wort für Bildung, nicht einmal ein Wort für Verfassung – ja, ihr Herren, sie ist noch ganz und gar die Sprache des sechszehnten Jahrhunderts, die Sprache der Hetzjagden, der Peitschenhiebe, der Hundelöcher, die Sprache des Bauernkrieges und – spürt ihr nichts vom kurzen Takt der Dreschflegel darin, und seht ihr nicht etwas von kurzem Messer, geschwungener Sense, geballter Faust als Titelvignette vor den Ausgaben plattdeutscher Lexika paradiren? – Täuscht euch nicht, sie ist noch immer die Sprache des sechszehnten Jahrhunderts und schleppt die gebrochenen Ketten sichtbar mit sich umher, und pflügt und ackert jeden Frühling und jeden Herbst den alten Grimm in die alten Furchen hinein. O sie ist schrecklich treu, schrecklich dumm und gemüthlich; aber laßt euch sagen, sie hat wenig Religion, nur sehr wenig und sie kennt, wenn sie wild wird, den Teufel besser als den lieben Gott. Worüber ihr euch nicht sehr zu verwundern habt; denn als sie katholisch war, da war das Christenthum, die Messe nämlich, lateinisch und als sie lutherisch wurde, wurde das Christenthum, Predigt und Katechismus hochdeutsch. Bedenkt auch nur, betet denn gegenwärtig ein einziger Bauer oder Bauernknecht das Vaterunser und den Glauben in der Sprache, worin er seinen Gevatter bewillkommt, im Kruge Schnaps und Bier fordert oder dem Steuereinnehmer einen derben Fluch zwischen den Zähnen hinterherschickt? Wahr ist es also, diese Sprache hat nichts gelernt, allein sie hat auch nichts vergessen, es sei denn ihre alten Lieder, ihren fröhlichen Gesang und eben das Vaterunser, das sie früher doch, wie ich glaube, hat beten können.

Nehmt euch ein Bild zu Herzen, das ich euch, – das ich Allen vorhalte.

Eine Sprache, die stagnirt, ist zu vergleichen mit einem See, dem der bisherige Quellenzufluß versiegt oder abgeleitet wird. Aus dem Wasser, worüber der Geist Gottes schwebte, wird Sumpf und Moder, worüber die unreinen Geister brüten. Der Wind mag wehen woher er will, er gleitet spurlos über die stürmisch grüne Decke hin Der Himmel ist blau und heiter oder stürmisch gefärbt, das rührt ihn nicht, keine Sonne keine Wolke spiegelt sich mehr auf der trüben Fläche. Bild der Unzufriedenheit, der Gleichgültigkeit, der Tücke, der Gefahr. Wehe dem Mann, der im Trüben fischen will und ausgleitet – was helfen ihm rüstige Arme, Schwimmkunst, er versinkt, er erstickt im tauben Schlamm.

Die Sprache ist das Volk.


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