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Soll die plattdeutsche Sprache gepflegt oder ausgerottet werden?

Ludolf Wienbarg: Soll die plattdeutsche Sprache gepflegt oder ausgerottet werden? - Kapitel 3
Quellenangabe
typeessay
authorLudolf Wienbarg
titleSoll die plattdeutsche Sprache gepflegt oder ausgerottet werden?
publisherHoffmann und Campe
year1834
firstpub1834
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12660
created20080806
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Man kann Werth und Würde der deutschen Schriftsprache lebhaft anerkennen und dennoch wünschen, daß die ober- und niederdeutschen Dialekte sich im Munde des Volkes lebendig erhalten. Ich theile diesen Wunsch nicht. Was namentlich die Frage betrift, welche den Gegenstand dieser kleinen Schrift ausmacht: » ist die niedersächsische Volkssprache zu pflegen oder auszurotten?« so antworte ich aus innigster Ueberzeugung und aus Gründen, welche ich darlegen werde: sie ist auszurotten, durch jedes mögliche Mittel auszurotten.

Verständigen wir uns über etwas sehr Wesentliches. Daß die plattdeutsche Sprache der Zeit verfallen und aussterben wird, ist keine Frage mehr.

Eine jede Sprache, die nicht Schriftsprache, Sprache der Bildung, des gerichtlichen Fortschrittes, der politischen, religiösen, wissenschaftlichen, artistischen Bewegung ist, muß bei dem Stand und Gang unserer Kultur einer Schrift- und Bildungssprache Platz machen, muß wie die frisische in Holland, wie die zeltische in Bretagne, die baskische in Spanien allmählig aussterben. Auszusterben ist das nothwendige und natürliche Schicksal der plattdeutschen Sprache. Nichts kann sie vom Untergang retten. Schreibt plattdeutsche Lustspiele, Idyllen, Lieder, Legenden - umsonst; das Volk liest euch nicht – liest es nur den Reineke de Vos? – ihr begründet keine plattdeutsche Literatur, ihr macht die verblühende Sprachpflanze durch euren poetischen Mist nicht blühender – sie wird aussterben. Ihr preiset diese Sprache als alt, ehrlich, treu, warm, gemüthlich, wohlklingend – ihr habt Recht oder nicht – sie wird aussterben. Das ist das unerbittliche Gesetz der Notwendigkeit.

Allein, es ist wahr, das Nothwendige ist nicht immer das Wünschenswerthe. Gar vieles begiebt sich in Natur und Geschichte mit Nothwendigkeit, was nicht bloß die Klage des Thoren, sondern auch den gerechteren Schmerz des Weisen erregt. Immer ist es des denkenden Menschen würdig, sich dessen, was geschehen wird und muß, bewußt zu werden, immer der sittlichen Kraft und Würde desselben schädlich und unwürdig, sich willen- und wunschlos vor der Nothwendigkeit zu beugen. Nicht selten gelingt Aufschub Vertagung, wo auch nicht, der Mensch darf sich frei sprechen von Leichtsinn, träger Sorglosigkeit, er hat sich das Recht und die Beruhigung erworben, animam salvavi auszurufen.

Darum frage ich eigentlich, ist es wünschenswerth, daß Niedersachsens alte Sprache sich aus der Reihe der lebendigen verliert; wenn das, soll man ihren Untergang der Zeit überlassen oder soll man diesen beschleunigen; wenn letzteres, welches sind die Mittel dazu?


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