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Soll die plattdeutsche Sprache gepflegt oder ausgerottet werden?

Ludolf Wienbarg: Soll die plattdeutsche Sprache gepflegt oder ausgerottet werden? - Kapitel 13
Quellenangabe
typeessay
authorLudolf Wienbarg
titleSoll die plattdeutsche Sprache gepflegt oder ausgerottet werden?
publisherHoffmann und Campe
year1834
firstpub1834
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12660
created20080806
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Wer aber soll helfen gegen das Plattdeutsche im Volk? Wie kann dem Hochdeutschen geholfen werden?

Wer? Alle Welt, nur der Staat nicht. Was der Staat gegen das plattdeutsche und für das Hochdeutsche thun konnte, hat er gethan, indem er jene aus der Kirche verbannt und sie vom Gerichtshofe ausschloß.

Wer diese Schrift verbreitet, sie selbst oder ihre Ideen, wer sie öffentlich angreift oder vertheidigt, wer ihr neue Gesichtspunkte hinzufügt, deren es noch so viele giebt, wer die bereits aufgestellten modificirt, rektificirt, der hilft, er mag wollen oder nicht; denn er hilft eine öffentliche Meinung bilden. Beleuchtet dieses gedankenlose Monstrum, Hannoverisches Platt, Meklenburgisches Platt und wie es sich überall nennt, von hinten oder von vorne, von der besten oder von der schlechtesten Seite, beleuchtet es nur, und glaubt mir, jedes Licht übt eine chemische Zerstörung auf sein Volumen aus. Besprecht es, besprecht es nur und seid überzeugt, jedes Wort im Guten oder Bösen ist ein Zauberbann, der ihm einen Fuß seines Gebietes verengt.

Das ist das Schöne mit der guten Sache und der öffentlichen Meinung und der neuen Zeit; wenn die drei einmal in Bewegung sind und sich auch nicht suchen, so verfehlen sie sich doch nicht.

Ja, ich zweifle nicht, die öffentliche Meinung wird sich bilden und sie wird grollen, wie ich, mit dem Plattdeutschen und das Grollen wird über die Köpfe unserer Bauern hinfahren und wird – ansteckend sein.

Die Ansteckung ist die Hauptkraft der öffentlichen Meinung und das Wunderbarste an ihr.

Die wichtigsten Exekutoren der legislativen Gewalt öffentlicher Meinung sind aber in unserm Fall unstreitig die Schullehrer, insbesondere die auf dem Lande. Auf den Grad des Anteils, der Einsicht, des guten Willens dieser großen, nützlichen, im Stillen wirkenden Klasse von Staatsbürgern, deren Einfluß auf die Bildung der Landleute bedeutend größer ist, als der Pastoraleinfluß, kommt unendlich viel an.

Fassen diese, wie es ihnen zukommt und wie zu erwarten, die Sache der Civilisation mit Eifer auf, durchdringen sie sich von der Nothwendigkeit einer ununterbrochenen Attake auf das Plattdeutsche, stehen sie, wie es ihre Gewohnheit ist, beharrlich auf ihrem Stück, so will ich sehen, welche wundergleiche Veränderung dieses schon im Ablauf von zehn Jahren in einem Verhältniß von Hoch zu Platt hervorbringen wird.

Ihre Hauptaufgabe wäre, dahin zu streben, das Hochdeutsche vertraulicher und herzlicher zu machen – ein Weg, der nur durch die Fertigkeit und Unbekümmertheit der Zunge hindurchgeht. Ihre Arbeit ist in der Schule, in den Familien, vor der Kommüne. Was die Schule betrift, so würde ich den Rath geben, in den ersten Schuljahren die Kinder weder zum Schreiben noch zum Lesen anzuhalten, nur zum Sprechen. Das Warum leuchtet ein. Auch die Aelteren müßten häufiger mit Sprech- und Denkübungen beschäftigt werden – welche Gelegenheit zugleich auf den Verstand und durch diesen gegen die plattdeutsche Sprache zu wirken, in welcher dem Knaben von Haus aus alle frühere Vorurtheile und Dummheiten eingepropft sind. Besondere Rücksicht verdienen die Mädchen. Ihre Gemüther sind weicher, empfänglicher, ihr Organ, gewöhnlich auch ihr Verstand leichter zu bilden und – sie sollen einmal Mütter, Hausfrauen, das heißt auf dem Lande, für das jüngste Geschlecht im Hause alles in allem werden. Auch im älterlichen Hause bleibt viel zu wirken, besonders auf Hausfrauen und ältere Töchter; der heiterste, zwangloseste Gesellschafter ist hier der beste, er bringt bald ein unterhaltendes Buch (kurze und erbauliche Geschichten, keine langweilige faselnde), bald einen interessanten Gegenstand zur Erzählung mit, eine Anekdote aus der Zeitgeschichte, oder meinentwegen einen Fall aus der Nachbarschaft, dem Dorfe mit, der, wie er versichert, sich im Plattdeutschen nicht ausnimmt. Für die ganze Komüne ist er wirksam durch Einführung periodischer Blätter, Zeitungen, auf gemeinschaftliche Kosten zu halten und regelmäßig in Versammlung der Männer vorzulesen, allenfalls durch ältere, der Konfirmation entgegengehende Knaben, als beneidete und ehrenvolle Belohnung ihrer Fortschritt im Lesen und Sprechen des Hochdeutschen.

Ich deute nur an, aber ich komme mir vor, ich wüßte es auch auszuführen als Schullehrer auf dem Lande, und Tausende besser als ich.

So viel ist gewiß, wäre ich Schullehrer, so würde ich für's Erste nur ein Ziel kennen: mein Dorf zu verhochdeutschen.

Leeres Stroh würde ich glauben zu dreschen, so lange nicht die Garbe der hochdeutschen Sprache und Bildung mir auf dem freien Felde wächst.

Eine Bürgerkrone würde ich glauben verdient zu haben, wenn man mir im Alter nachrühmte: er hat diesen Flecken, sein Dorf, das sonst so dunkle, dumpfe, plattdeutsche Nest, mit der Kette der Civilisation in Kontakt gesetzt durch Ausrottung der plattdeutschen und Einführung der Bildungssprache Deutschlands.

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