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Soll die plattdeutsche Sprache gepflegt oder ausgerottet werden?

Ludolf Wienbarg: Soll die plattdeutsche Sprache gepflegt oder ausgerottet werden? - Kapitel 12
Quellenangabe
typeessay
authorLudolf Wienbarg
titleSoll die plattdeutsche Sprache gepflegt oder ausgerottet werden?
publisherHoffmann und Campe
year1834
firstpub1834
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12660
created20080806
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Bis hierher hatte ich das Niedergeschriebene einem Freunde vorgelesen. Ich fragte diesen um sein Urtheil. Ich bin überrascht, sagte er nach einigem Zögern: Ich habe über den Einfluß der plattdeutschen Sprache bisher nicht weiter nachgedacht, und das mögte wohl der Fall mit den meisten künftigen Lesern dieser Bogen sein. Nichts destoweniger habe ich diesen Einfluß dunkel und unangenehm empfunden; er macht, besonders wenn man aus dem Süden zurückkehrt, einen ähnlichen Eindruck, wie die veränderte Athmosphäre, die fahle Luft und das häufige Regenwetter des Nordens. Man findet sich darein, wie in ein nothwendiges Naturübel. Allein mit der Sprache ist es wol ein Anderes. Sie haben Recht, wenn Sie einmal früher äußerten, man müsse sich selbst gegen das Nothwendige, das der physischen oder moralischen Ordnung angehört, in Position setzen. Sie haben mir, darf ich sagen, ordentlich die Brust erleichtert, indem Sie mich auf einen bestimmten Landesfeind aufmerksam machen, mit dessen Vertilgung das Feld für die norddeutsche Civilisation gewonnen scheint. Das wird und muß nach Lesung Ihrer Schrift, das Gefühl aller Patrioten sein, denen es in dieser Zeit wie Alpdrücken auf dem Herzen liegt. O wohl! o wohl! Die plattdeutsche Sprache ist das absolute Hemmniß des öffentlichen Lebens, der Bildung und Humanität in Niedersachsen. So lange diese Sprache dem gemeinen Leben angehört, werden, wie bisher, Mastochsen, Gänsebrüste und westphälische Schinken die Hauptprodukte unserer Civilisation bleiben. Gegen die Civilisation selbst macht die plattdeutsche Sprache nicht allein gleichgültig, sondern tückisch und feindselig gestimmt. Warum ist das nicht längst zur Sprache gebracht, Gegenstand des allgemeinsten und lebhaftesten Interesses geworden.

Sie vergessen, sagte ich, daß Voß, Harms, Scheller, Bärmann und andere wackere Männer die Theilnahme des Publikums für diese Sprache, selbst für eine Literatur in derselben, haben in Anspruch nehmen wollen.

Ich weiß, erwiederte er, ich habe unter andern den » Bloottügen«, den Henrik von Züphten vom Pastor Harms gelesen. Damals dachte ich nichts anderes dabei, als daß so ein plattdeutsches Buch unbequem und schwer zu lesen und wahrscheinlich noch unbequemer zu schreiben sei.

Was den Henrik von Züphten betrift, bemerkte ich dagegen, so scheint mir der Verfasser einen Ungeheuern Mißgriff in der Wahl des Stoffes gethan zu haben. Ich schätze die alten Dithmarsen sehr hoch. Sie waren ein tapferer, unbezähmlicher, ordentlich nach Freiheit und Unabhängigkeit dürstender Menschenschlag, Bauern zu Pferde mit dem Schwerdt in der Hand, die Schweizer des Nordens oder vielmehr Wittekinds und seiner Sachsen ungebeugte und ungebrochene Enkel bis in's fünfzehnte und sechszehnte Jahrhundert hinein. Nur weiß ich nicht, ob ein lutherischer Pfarrer von Heute, selbst wenn er geborner Dithmarse ist, einer so durchaus heidnischen Mannheit Gerechtigkeit widerfahren lassen kann; denn obwol die dithmarsische Größe und Freiheit in christliche Zeiten fiel und die Verehrung der Jungfrau Maria in diesem Lande gerade höher getrieben wurde, als, wie es scheint, andeswo im Norden, so erhielt doch der hochfahrende und kampflustige Sinn der Einwohner durch sie nur eine sehr schwache christliche Färbung und wol schwerlich hat die Brust eines mutigen Dithmarsers aus Furcht vor dem Himmel, der Geistlichkeit oder eigener Gewissenszartheit christliche Demuth dem Muth übergeordnet, wie man solches in den Ritterbüchern des Mittelalters liest. Doch mag es damit sein, wie es will; ich muß bekennen, daß ich überhaupt keinen Geistlichen zum Geschichtschreiber wünsche, speziell nicht zum Dithmarsischen. Was mir aber auffiel, war, daß Pastor Harms sich grade einen Moment aus der dithmarsischen Geschichte gewählt hatte zur plattdeutschen Darstellung, der auf so schneidende Weise mit der altväterischen, derben Bonhommie, die er dieser Sprache im Eingang nachrühmt, im Kontrast steht: der Märtyrertod des ersten lutherischen Predigers in Dithmarsen. Diese kalte Wuth, dieser Hohn menschlichen Gefühls, diese Spurlosigkeit alles Barmherzigen, womit hier der arme Mann einem langsamen und schauderhaften Tode überliefert wird, macht nicht nur an sich einen bösen Fleck in der dithmarsischen Geschichte aus, sondern erinnert auch sehr zur Unzeit, daß diese beste Zucht niedersächsischer Männer, die Dithmarsen, von jeher neben ihrer Tapferkeit und eisernen Sitte, mit asiatischer Barbarei an Gefühllosigkeit gegen Feind und Freund gewetteifert haben, was den allerdings wol auf eine derbe und rohe, aber keineswegs auf so eine »alte und gemüthliche« Sprache hindeutet, wie's so etwa von einem unserer friedlichen und gutmüthigen Philister heutiger Zeit verstanden wird. – Fügen Sie noch hinzu, sagte hierauf mein Freund, daß das Dithmarsen der Gegenwart, das noch ganz und gar plattdeutsch ist, und wo auch noch wirklich das beste plattDoch nicht rein, sondern mit friesischen Wörtern untermischt gesprochen wird, weder in moralischer noch in gesellschaftlicher Berührung ein sehr glänzendes Lob auf dasselbe zuzulassen scheint. Die Armuth, Trunkfälligkeit, die ungeheure Zahl der verübten Mordbrände in Dithmarsen deuten auf einen sehr versunkenen sittlichen und bürgerlichen Zustand. Eben er, der mit herrlichem Eifer für die Verbreitung religiöser und moralischer Lebensflammen erfüllte Pastor Harms hat in patriotischen Schriften seinen Schmerz darüber ausgesprochen. Was kann er aber, sage ich jetzt mit vollster Ueberzeugung, von der Mithülfe einer Sprache erwarten, welche aller Mittheilung unbesiegliche Schranken entgegenstellt und das wahre Grab des höheren Leben ist. Es stände zu wünschen, daß ein dithmarsischer Patriot den nachteiligen Einfluß der Sprache auf die Fortschritte der Civilsation und selbst auf die schönere Humanität einer ausgezeichneten Einzelbildung aus der Allgemeinheit Ihrer Schrift übertragen möge auf Dithmarsen und die Dithmarsen, wie sie sind und was sie vermöge ihrer Sprache sind und nur sein können.

Ihr Wunsch ist der meinige, ich werde ihn, wie überhaupt unser Gespräch, vor's Publikum bringen, und zwar als integrirenden Theil meines Aufsatzes. Denn, glauben Sie mir, ohne Ihr Hinzukommen würde ich mich nie zur Herausgabe desselben bestimmt haben.

Sie scherzen, oder wollen etwas sagen, was mir nicht klar ist.

Hören Sie nur und urtheilen Sie selbst. Ich habe bisher darzustellen gesucht, daß die plattdeutsche Sprache sowol an sich unfähig sei, die Keime der Civilisation zu fassen als auch, so lange sie tägliche Umgangssprache in Niedersachsen bliebe, alles Bemühen zur Civilisation durch das Mittel der hochdeutschen Sprache vereiteln müsse. Ich habe diese Wahrheit nicht allein auf die unteren Kreise beschränkt, ich habe fühlbar zu machen gesucht, wie ohne unterliegende allgemeine Volksbildung, auch die höhere Bildung des Einzelnen gefährdet sei und zum Beispiel die Extreme auf der jetzigen Leiter unserer Kultur, Bauer und Student oder Studirter, sich in demselben rohen und bildunglosen Medium wieder berühren. Habe ich, wie ich meine und getrost der öffentlichen Stimme überlasse, dieses mit unabweisbarer Handgreiflichkeit nachgewiesen, so werde ich allerdings der Uebereinstimmung aller Patrioten in der Behauptung gewiß sein, es sei nicht wünschenswerth, daß die ohnehin aussterbende und vermodernde plattdeutsche Sprache, gehegt und gepflegt werde, es sey im Gegentheil wünschenswerth, daß sie sich je eher je lieber aus dem Reiche der Lebendigen verliere. Und somit wäre denn im verhofften guten Fall hie und da eine Meinung, eine Ansicht über das Wünschenswerthe und nicht Wünschenswerthe in dieser Angelegenheit öffentlich angeregt. Aber sagen Sie mir, was ist eine Privat-Meinung, die einen frommen Wunsch zur Folge hat, im Angesicht eines öffentlichen Gegenstandes, oder Widerstandes, der nichts meint und wünscht, der nur so eben sich seiner breiten Füße bedient, um seine plumpe und gedankenlose Existenz durch alle Meinungen hindurch zu schieben und sich trotz aller Meinungen auf den Beinen zu behaupten, bis er etwa von selbst umfällt, Meinungen und Ansichten haben wir im Ueberfluß, vortrefliche. Woran fehlt's? Am Korporativen der Meinung, welches die öffentliche Meinung ist, welche die That mit sich führt. Würde ich sonst, wenn ich nicht das fruchtlose Hin- und Hermeinen des Publikums zu gut kennte, mir die Beantwortung der ironischen Frage aufgelegt haben, ob man den wünschenswerthen Untergang der Sprache ruhig sich selbst und der Zeit überlassen oder etwas dafür thun, denselben möglichst beschleunigen solle? Sie sehen aber wol, daß es mir damit nicht Ernst gewesen sein kann; denn bringt die wahre und lebhafte Darstellung eines großen Uebels nicht unmittelbar und für sich das Gegenstreben, den Wunsch und das Umsehen nach Mitteln zur Abstellung desselben hervor, so ist alles weitere Reden und Zureden rein überflüssig, falls es nicht, wie bei manchen Maaßregeln gegen die Cholera, mit äußerm Zwang und obrigkeitlichem Befehl verbunden ist.

Ich weiß aber nicht, was mir sagt, daß Sie im Auffassen dieser Angelegenheit der Repräsentant von sehr vielen Norddeutschen sind. Die Wahrheit hat auf Sie ihren vollen Eindruck nicht verfehlt, Sie freuen sich, ihren allgemeinen trüben Mißmuth einem bestimmten Feind gegenübergestellt zu sehen, Sie sinnen auf Mittel, ihn anzugreifen, Sie halten ein allgemeines lebhaftes und daher wirksames Interesse als durchaus in der Sache begründet.

So ist es, erwiederte mein Freund. Und ich glaube, auch darin irren Sie nicht, wenn Sie mich nach Ihrem Ausdruck für den Repräsentanten einer sehr namhaften Zahl und Klasse von Norddeutschen halten. Bedenken Sie nur allein den Stand des Schullehrers, der Jahr aus Jahr ein an der plattdeutschen Jugend sich fruchtlos abquält und gleichsam tagtäglich Wasser ins Faß der Danaiden schöpft. Ihm vor allen wird ihre Schrift neuen Muth und Anstoß geben. Das Hauptmittel, davon sind Sie ohne Zweifel auch überzeugt, liegt in den Händen dieser Männer.

Aber, fügte er fragend hinzu, welchen Schluß geben Sie ihrer Arbeit? Ich denke doch, Sie lassen, wenn auch die zweite Frage billig ausfällt, die dritte nicht ganz unbeantwortet. Welche Mittel halten Sie für die Ausrottung der plattdeutschen Sprache für die wirksamsten? Mir und meinen Kollegen, wie gesagt, liegt vorzüglich daran.

Ich trug meinem Freunde darauf den folgenden Abschnitt vor, bemerkte aber, daß ich von ihm selbst oder von einem Genossen seines Standes etwas Erschöpfenderes in dieser Hinsicht verhoffte.


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