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Soll die plattdeutsche Sprache gepflegt oder ausgerottet werden?

Ludolf Wienbarg: Soll die plattdeutsche Sprache gepflegt oder ausgerottet werden? - Kapitel 11
Quellenangabe
typeessay
authorLudolf Wienbarg
titleSoll die plattdeutsche Sprache gepflegt oder ausgerottet werden?
publisherHoffmann und Campe
year1834
firstpub1834
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12660
created20080806
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Aber die plattdeutsche Sprache, ist, wie erwähnt, Lieblingssprache auf allen norddeutschen Universitäten und das wenigstens wird ihr wärmster Freund nicht gut heißen können.

Hier tritt sie als gefährlichste Bundesgenossin aller jener zahlreichen Uebel und Hemmnisse auf, die sich von Anfang an auf unsere Universitäten verschworen zu haben scheinen, um die Humanität im Keim zu ersticken. Hier legt sie die idyllische ehrbare Miene ab, wodurch sie sich in ländlichem Pfarrhause Frau und Töchtern empfiehlt, zwanglos grob, ungenirt gemütlich wandert sie in den Auditorien aus und ein, den Mund immer offen und nur pausirend, wenn der Professor spricht und der Student Religionsphilosophie, Metaphysik, Naturlehre und andere hochdeutsche sublimia in sein Heft einträgt. Zum Teufel ihr Herren favete linguis! wie kommt die Sprache Böotiens in Minervens Tempel. Ihr könnt freilich antworten, wie kommt Minervens Tempel zu unserer Universität, die nur eine alte wankende Ruine aus dem Mittelalter ist. Recht! aber wo euer Fuß hintritt, da soll Athen sein, geweihter Boden sein – soll, sage ich, denn warum sonst haben die Götter dem jugendlichen Fuß die Sehne der Ungeduld und des heiligen Zorns verliehen, die mit einem Tritt zerstampft, was das Alter mit beiden Händen nicht aus dem Wege schaffen kann, warum anders, als damit ihr Schöneres, Besseres, Heiligeres aus dem Boden zaubern sollt. Ihr versteht mich nicht? Ich verstehe euch auch nicht, ich verstehe die edle norddeutsche Jugend nicht, die sich auf dem Musensitz einer Sprache bedient, die dem Dunkel des Geistes, der Barbarei vergangener Zeiten angehört. Macht es dieser Jugend Scherz, ihre eigenen Studien, das akademische Leben, den dürren Scholastizismus und die Pedanterie des akademischen Instituts zu parodiren, zu travestiren, so sehe ich allerdings weder großen Uebermuth in diesem Scherze, noch verkenne ich, wie sehr die plattdeutsche Sprache, ja schon ihr Klang, zu diesem Zweck sich eignet;Wo willst Du hin, fragte Jemand einen Meklenburgischen Scholaren, der gerade auf den Postwagen stieg. Die Antwort war: Na Rostock, ik will mi op de Wissenschaften leggen. allein Scherz muß Scherz, das heißt flüchtig und wechselnd bleiben, und wenn derselbe Scherz und dieselbe Travestie drei Jahre alt wird, so muß man ein sehr ernsthaftes und langweiliges Gesicht dazu machen.

Kann man nicht heiter, gesellig, witzig, selbst wenn Lust und Laune danach, derb und spaßhaft im Element des Hochdeutschen sein. Ist die Sprache unserer Bauern humoristischer als die Sprache Abrahams a Sancta Clara, Lichtenberg, Jean Pauls. O ich kenne die niedersächsischen Witze, sie stehen alle in einem kleinen groblöschpapiernen Buch mit feinen Holzschnitten, das jährlich in diesem Jahre gedruckt wird. Es tritt darin auf »der Rübezahl der Lüneburger Haide,« der Repräsentant des niedersächsischen Volkshumors, der geniale Till und rülpst auf die anmuthigste Weise lauter Witze vor sich hin, die aus einer Zeit stammen, wo das Volk nur den groben Wanst, dagegen die Ritterschaft den Arm, die Geistlichkeit den Kopf des Staatsungeheuers repräsentirte.

Oder was zieht ihr vor an der plattdeutschen Sprache? Ich weiß die Antwort nur zu gut, »sie macht uns Spaß;Weniger Späße sie ist uns gemüthlich.« Chorus von Göttingen, Rostock, Greifswalde, Kiel, sie macht uns Spaß, sie ist uns gemüthlich, es wird uns wohl dabei! Auch in Jena, Heidelberg, Berlin, Bonn, wohin wir kommen und wo unserer zwei bis drei beisammen sind, da ist sie mitten unter uns. Sie gehört mit zum Wesen der norddeutschen Landsmannschaft und das wäre kein braver Holsat oder Meklenburger, oder Oldenburger, der nicht wenigstens drei Plattitüden am Leibe hätte, plattes (Mütze) auf dem Kopf, plattes (Mappe) unter'm Arm und das liebe Platt im Munde.

O Jugend, akademische, Blüthe der Norddeutschen, sei nicht so duftlos. Dufte etwas nach dem Geist der Alten – ich meine nicht deiner eigenen - bethaue deine Blüthen und Blätter mit etwas Naß aus der Hippokrene, durchdringe sie mit etwas Oel aus der Lampe der Philosophie, empfinde, fühle wenigstens nur die heiße Thräne des Unmuts und des Schmerzes, die der Genius deines Vaterlands auf dich herabträufelt.

O Jugend, akademische, ihm ist übel, wenn dir wohl ist. Mephistopheles freilich lacht und spöttelt dazu und wenn er dich in Auerbachs Keller platt und wohlbehaglich sitzen sieht so ruft er seinem Begleiter zu:

Da siehst du nun, wie leicht sich es leben läßt?
Dem Völkchen da wird jeder Tag zum Fest.

Wie hat sich seit den Tagen des Faustus die Welt verändert, was ist nicht alles in den letzten 30, in den letzten 13, in den letzten 3 Jahren geschehen und dieses Völkchen ist noch immer das alte geblieben? Wo kommt es her? Wo geht es hin?

Es gibt Ausnahmen, wie sollte es nicht. Aber ich spreche, wie immer in dieser Schrift, vom großen Haufen, und der ist auf unsern Universitäten noch immer der alte Stamm und das Plattdeutsche seine hartnäckigste Wurzel.

Es hat fast den Anschein, als müßte der Bauer erst mit gutem Beispiel vorangehn und die Sprache der Bildung gegen den Dialekt der Rohheit eintauschen, ehe der Student sich dazu entschließt.

Wie nöthig thäte es Manchem, um auch nur den äußern Schein seines Standes im Gespräch und Umgang mit Gebildeten zu retten. Ich schäme mich's zu sagen, welche Erfahrungen ich gemacht habe.

Wie nöthig aber thut es Jedem, sich unablässig in einer Sprache zu bewegen, die ihm erst zu der Herrschaft über sein Wissen verhelfen soll; wie nöthig Jedem, sich einer Sprache zu entschlagen, welche diese Herrschaft mißgönnt und streitig macht, welche wie das lichtlose dumpfe Chaos dicht hinter seiner aufzubauenden Welt lauert.

Ohnehin fordert die hochdeutsche Sprache Uebung, viel Uebung. Sie fällt Einem nicht so in den Mund, wie dem Franzosen das französische. Das Talent sich fertig und geläufig auszudrücken, ist immer noch ein selteneres, am seltensten in Nord-Deutschland. Sprache und Gedanke, Sprache und Gelehrsamkeit stehen häufig im ungeheuersten Mißverhältniß. Fern sei es von mir, den bloßen Fluß der Worte, die Geschwätzigkeit als eine Tugend zu preisen. Aber diese Wortangst, diese Wortplage, die so viele Sprechende befällt, dieses Stottern, Ringen, Rädern und Brächen, das am Ende oft doch nur etwas Verschrobenes oder Triviales zu Tage fördert, das alles deutet bei unsern Gelehrten auf eine klägliche Unangemessenheit zwischen todtem Studiren und lebendigem Umtausch hin.

Von dieser Seite betrachtet zeigt sich der gerügte Uebelstand auf norddeutschen Universitäten im häßlichsten Licht. Der tüchtigste Kopf kann sich kaum vor der Masse des Fertigen, Vorgedachten, Positiven erwehren, das so regelmäßig wie der Rinnenguß einer Wassermühle Tag für Tag auf ihn eindringt. Es gehören elastische Denkfibern, glückliches Gedächtniß (auch glückliches Vergessen) und vor allem Freundesgespräche dazu, um die ewige Nothwehr mit Erfolg fortzusetzen und das heiligste Gut der Persönlichkeit, das Stoffbeherrschende, selbstbewußte, selbstdenkende Ich siegreich davonzutragen. Vor allem Freundesgespräche, sage ich. Einsames Lernen, stilles Sammeln, Betrachten, Denken sind nothwendig; aber wer nicht spricht, erstickt, wird verwirrt, chaotisch und das eben ist der geistige Zustand der meisten jener Gelehrten, deren Sprechen ich so eben als Sprachangst und Sprachplage bezeichnet habe.

Mit welchen Farben soll ich den barocken, lächerlich traurigen Geisteszustand einer plattdeutschen Studentenmasse schildern. Ochsen nennt sie selbst die mechanische Arbeit, die sie zum Behuf des Examens täglich vornimmt. Jeden Tag schiebt sie fleißig ihren Karren Pandekten, Dogmatik u.s.w. in die Scheune ihres Gedächtnisses.

Liegt da das tägliche Pensum zu Hauf, so spannt sie sich aus, läßt's liegen, wo es liegt und – wird gemüthlich, plattdeutsch.

Humaniora, erfrischende, belebende, höher hinantreibende Vorträge, hört sie nicht, oder bekommt sie nicht zu hören, da leider an vielen Orten die Humaniora nur als Antiquitäten gelesen werden.

Klingt es nicht manchmal als Ironie, wenn der Bauer seinen Sohn, oder des Amtmanns, Schulzen, einen Studeermakergesellen nennt? – O norddeutsche, studirende Jugend, nimm das platt aus dem Munde!


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