Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Rudyard Kipling >

Soldatengeschichten

Rudyard Kipling: Soldatengeschichten - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorRudyard Kipling
titleSoldatengeschichten
publisherBerlin Vita Deutsches Verlagshaus
translatorGeneral von Sichart
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida1058433
created20070411
Schließen

Navigation:

In Angelegenheiten eines Gemeinen.

Leute, die es gesehen haben, behaupten, eins der merkwürdigsten Schauspiele menschlicher Schwachheit sei der Ausbruch von Hysterie in einer Mädchenschule. Sie bricht ohne vorherige Anzeichen, meistens an einem heißen Nachmittage, unter den älteren Zöglingen aus. – Ein Mädchen fängt an zu lachen und lacht, bis es die Gewalt über sich verliert. Dann wirft sie den Kopf in die Höhe und giebt Töne von sich, wie eine wilde Gans, und Thränen mischen sich in ihr Gelächter ein. – Wenn die Lehrerin Erfahrung hat, wird sie in diesem Moment dazwischen fahren, um die Sache zu unterdrücken. Ist sie aber weichherzig und schickt nach einem Glase Wasser, dann ist große Gefahr vorhanden, daß ein anderes Mädchen von dem Lachen der ersten angesteckt wird, und dieses zusammenbricht. So verbreitet sich das Unglück und endet so, wie es der Untersexta einer Jungensschule entsprechen würde, mit einem Durcheinander von wüstem Geschrei und Toben. Gebt ihnen dagegen in einer solchen Woche heißen Wetters zwei tüchtige Promenaden täglich, einen ordentlichen Hammelbraten und Reismehl zum Mittagsessen, zur rechten Zeit gehörige Schelte seitens der Lehrer und einige andere Dinge, und Ihr werdet eine ganz erstaunliche Wirkung verspüren. Wenigstens sagen dieses Leute, die Erfahrung haben.

Aber die Oberin eines Pensionats und der Oberst eines Britischen Infanterie-Regimentes würden mit Recht betroffen sein, wenn man zwischen dem Berufe beider Vergleiche anstellen wollte. – Und doch ist es ein Faktum, daß unter gewissen Verhältnissen auch der Thomas in Massen bis in eine sinn- und willenlose Hysterie hineingebracht werden kann. Er weint nicht, aber er zeigt unverkennbare Zeichen eines qualvollen Zustandes, und alle die guten und tugendhaften Leute, die kaum ein Martini- von einem Schneider-Gewehr unterscheiden können, schreien: nehmt dem unzurechnungsfähigen Menschen die Waffen weg. Aber der Thomas ist durchaus nicht unzurechnungsfähig, und seine Aufgabe, die tugendhaften Leute zu beschützen, verlangt, daß er seine Waffen zur Hand hat. Er trägt keine seidenen Strümpfe, und er verdiente wirklich, mit einzelnen neuen Kraftwörtern ausgerüstet zu werden, um seinen oft bedrängten Gefühlen noch besser Luft machen zu können; aber nichts desto weniger ist er ein großer Mann. – Wenn Ihr ihn eines Tages als den »heroischen Verteidiger der nationalen Ehre« und am folgenden als »brutales und freches Kriegsvolk« tituliert, so macht Ihr ihn natürlich verwirrt, und er wird argwöhnisch auf Euch herabblicken. Es giebt niemanden, der für den Thomas spricht, außer den Leuten, die Theorien auf ihm zu verarbeiten haben, und niemand versteht den Thomas, als der Thomas selbst, und er weiß es oft gar nicht, was mit ihm los ist.

Dies wäre der Prolog. Nun kommt die Geschichte.

Der Korporal Slane war mit Miß Ihansi Mc-Kenna verlobt, die im Regimente und auch anderswo wohl bekannt war. Er hatte vom Oberst die Erlaubnis dazu erhalten, und da er bei den Mannschaften sehr beliebt war, waren alle Anordnungen getroffen, um die Hochzeit, wie der Gemeine Ortheris dieses nannte, mit »Eklat« stattfinden zu lassen. Sie fiel gerade in die heißeste Zeit, und nach der Hochzeit wollte sich Slane mit seiner jungen Frau in die Berge begeben. Nicht sein geringster Kummer war es aber, daß die Sache nur eine Mietskutschen-Hochzeit sein würde, denn er fühlte, daß der »Eklat« davon nur sehr mager ausfallen konnte. Miß Mc-Kenna berührte dieses weniger. Die Frau des Sergeanten half ihr bei der Anfertigung des Hochzeitskleides, und sie war sehr thätig dabei. Slane war gerade zu dieser Zeit der einzige Mann in den Kasernen, der einigermaßen wohlauf war; der ganze Rest befand sich mehr oder weniger in erbärmlicher Verfassung.

Und dabei hätten sie doch Ursache genug gehabt, sich glücklich fühlen zu können. Ihre ganze Tagesarbeit war um 8 Uhr Morgens beendet, und den Rest des Tages konnten sie auf dem Rücken liegen, Kantinentabak rauchen und auf die Punka-Kerls fluchen. Sie genossen Mittags eine schöne, reichliche Fleisch-Mahlzeit, und dann warfen sie sich auf ihr Lager nieder, um zu schlafen und zu schwitzen, bis es kühl genug geworden war, um mit ihren Stadtfreundinnen spazieren zu gehen, deren Vokabelschatz weniger enthielt, als 600 Wörter, ungerechnet der Kraftausdrücke, und deren Ansicht über jede erdenkliche Frage ihnen schon seit Monaten bekannt war.

Da war zunächst die Kantine und dann das Mäßigkeitsvereins-Zimmer mit den abgelesenen Zeitungen, aber niemand, er sei von jeder möglichen Profession, kann 8 Stunden täglich hintereinander lachen, bei einer Temperatur von 96–98 ° im Schatten, die zuweilen bis Mittag auf 103 ° aufläuft. Auch können nur sehr wenige Menschen, selbst wenn sie nur eine Kanne von mattem, schalem und mudligem Biere bekommen und unter ihrer Lagerstelle verstecken, 6 Stunden des Tages über fortwährend trinken. Einer versuchte es mal, aber er starb, und fast das ganze Regiment kam zu seinem Begräbnis, weil es ihnen etwas zu thun gab. – (Es war noch zu früh zur Aufregung über Fieber oder Cholera.) Die Leute kannten nichts anderes als warten und warten und warten und zusehen, wie der Schatten der Kasernengebäude langsam über den blendenden weißen Staub dahin kroch. Das war ein schönes Leben.

Sie lungerten in den Kantonnements herum – es war zu heiß dazu, irgend welche Spiele vorzunehmen, und beinahe war es auch zu heiß, um Untugenden zu begehen – betranken sich abends und füllten sich nach Herzenslust mit der gesunden stickstoffhaltigen Nahrung, die für sie vorgesehen war; und je mehr sie damit einheizten, desto weniger Bewegung machten sie sich, und desto mehr wurden sie geneigt, bei jeder Gelegenheit überzuschäumen. Dann fing diese Stimmung aber an zu verflauen, und die Leute verfielen in ein Brüten über wirkliche oder eingebildete Beleidigungen. Sie hatten eben nichts anderes zu denken. Der Ton der Entgegnungen veränderte sich, und anstatt daß sie sich offenherzig sagten: »Ich werde Dein einfältiges Gesicht einschlagen,« wurden sie ausgetiftelt höflich und gaben sich zu verstehen, daß die Kasernen für sie und ihre Gegner nicht groß genug seien, und daß für einen von beiden an einem anderen Orte mehr Platz sein würde.

Es mag der Teufel gewesen sein, der die Sache einfädelte, aber Faktum war es, daß Losson schon seit langer Zeit den Simmons in liebloser Weise gequält hatte. Es gab ihm Beschäftigung. Die beiden Leute hatten ihre Schlafstellen dicht nebeneinander und verbrachten zuweilen den ganzen langen Nachmittag damit, gegenseitig auf einander zu fluchen; aber Simmons hatte Furcht vor Losson und wagte es nicht, ihn zum Kampfe herauszufordern. Er grübelte bei der Hitze nicht weiter über die Worte und ließ dann die Hälfte seines Haßes gegen Losson an den armen Punka-Negern aus.

Losson kaufte im Bazar einen Papagei, steckte ihn in ein kleines Bauer und ließ dieses in die kühle Dunkelheit eines Brunnens herunter; dann setzte er sich an den Brunnenrand und sagte die schlechtesten Wörter, die er kannte, dem Papagei vor. Er lehrte ihn sprechen »Simons Du soor«, was so viel heißt, wie Schwein, und verschiedene andere Ausdrücke, die zur Veröffentlichung gänzlich ungeeignet sind. Er war ein großer, starker Mann und schüttelte sich immer, wie Gallerte, wenn der Papagei einen Satz richtig wiedergab.

Simmons war darüber außer sich vor Wut, denn das ganze Zimmer lachte über ihn. Der Papagei war solch ein unanständiges grünes Federklümpchen und sah dabei so menschlich aus, wenn er schwatzte. – Losson pflegte auf seiner Bettkante zu sitzen, mit den fetten Beinen zu baumeln und fragte dann den Papagei, was er über Simmons dächte. Der antwortete: »Simmons, Du soor«. Guter Junge, sagte dann Losson, indem er ihm das Köpfchen kratzte. »Hast Du gehört, Sim?« Und Simmons wendete sich um und rief: »Habe es gehört; nimm Du Dich nur in Acht, daß Du nicht nächstens auch mal was zu hören bekommst.«

In den ruhelosen Nächten, nachdem er den Tag über geschlafen, bekam Simmons Anfälle von blinder Wut, die so lange anhielten, bis er am ganzen Leibe zitterte, während er darüber nachgrübelte, auf was für verschiedene Arten er Losson umbringen könnte. Zuweilen malte er sich aus, wie er ihn mit seinen schweren Kommißstiefeln niedertrampeln und ihm das Lebenslicht ausblasen wollte, dann dachte er ihm das Gesicht mit dem Kolben zu zerschmettern, und dann wieder wollte er ihm auf die Schultern springen und seinen Kopf zurückbiegen, bis der Nackenwirbel knackte. – So brachte er sich immer in die größte Hitze hinein, bis er fieberte und oft den Arm ausstrecken mußte, um einen Schluck Bier aus der Kanne zu thun. – Aber seine Einbildungskraft beschäftigte sich doch am häufigsten und am längsten mit der großen Fettgeschwulst, die sich unter Lossons rechtem Ohr befand. Er bemerkte sie zuerst in einer mondhellen Nacht, und seitdem stand sie ihm immer vor Augen. Es war eine fascinierende Fettgeschwulst. Man konnte sie mit der Hand anfassen und dann die ganze Seite des Halses fortreißen, oder man konnte auch die Mündung eines Gewehres drauf richten und den ganzen Kopf mit einem Blitz wegblasen. – Losson hatte kein Recht, sorglos und zufrieden zu sein und sich wohl zu befinden, während er – Simmons – die Zielscheibe des ganzen Zimmers war. Eines Tages würde er denen, die immer über den Witz von »Simmons, Du soor« lachten, schon zeigen, daß er ebenso viel wert sei, wie sie, und daß er das Leben eines Mannes in der Krümmung seines Zeigefingers halte.

Wenn Losson schnarchte, haßte ihn Simmons noch grimmiger als sonst, warum konnte Losson schlafen, während er Stunde auf Stunde wachen und sich auf seinem Lager herumwälzen mußte mit dem dumpfen Schmerz, der in seiner rechten Seite nagte, und sein Kopf dabei hämmernd und schmerzend an den Folgen der Kantine. – Er dachte manche Nacht darüber nach, und die Welt schien für ihn keinen Nutzen mehr zu haben. Er stumpfte auch seinen von Natur so guten Appetit durch Bier und Tabak vollständig ab, und während alledem raisonnierte der Papagei weiter und trieb seinen Spott mit ihm.

Die Hitze hielt an, und die Stimmung sank immer mehr. Eine Sergeantenfrau starb in der Nacht am Hitzschlage, und das Gerücht verbreitete sich, es wäre Cholera. Die Mannschaften freuten sich offen darüber in der Hoffnung, diese würde um sich greifen und sie ins Lager führen. Aber das war ein falscher Alarm.

Es war spät an einem Dienstag Abend, und die Leute warteten in der tiefen Doppel-Veranda auf die letzten Posten der Retraite, als Simmons an den Schrank am Fußende seines Bettes trat, die Pfeife hervorzog und ihren Deckel mit einem Schlag zumachte, der durch die verlassenen Stuben einen Wiederhall hervorrief, wie den Knall einer Flinte. In gewöhnlicher Unterhaltung würden die Leute gar keine Notiz davon genommen haben, aber ihre Nerven waren angespannt, wie Violinsaiten. Sie sprangen auf, und drei oder vier von ihnen flogen in die Kasernenstube, um dort nur Simmons zu finden, bei seinem Schranke niederknieend.

»Ach – Du bist es?« riefen sie und lachten närrisch; »wir dachten, es wäre –«

Simmons erhob sich langsam. Wenn das zufällige kleine Ereignis seine Kameraden schon so aufregte, was würde nicht erst ein wirklich ernstes thun?

»Ihr dachtet, es wäre – sagt Ihr? Nun, was dachtet Ihr?« rief er, indem er in wahnsinnige Wut geriet und auf sie zu ging, »in die Hölle mit Eurem Denken, Ihr schmutzigen Spione.«

»Simmons, Du soor«, kicherte da der Papagei schläfrig in der Veranda, als er die wohlbekannte Stimme vernahm. Und das war in der That alles.

Die Bombe platzte. Simmons sprang an das Gewehrgestell zurück – die Leute befanden sich am anderen Ende des Zimmers – und entnahm demselben sein Gewehr und ein Paket Munition.

»Mach Dich nicht lächerlich, Sim,« rief Losson, »und stelle das Gewehr wieder weg,« aber seine Stimme zitterte dabei; ein anderer Mann aber bückte sich, zog seinen Stiefel aus und schleuderte ihn Simmons an den Kopf. Die prompte Antwort war ein Schuß, der, ins Geratewohl abgefeuert, sein Ziel in Lossons Kehle fand. Losson stürzte, ohne ein Wort zu sagen, vornüber, und die übrigen stoben auseinander.

»Das dachtet Ihr, wäre es?« schrie Simmons. »Ihr habt mich dazu getrieben. Ich sage Euch, Ihr treibt mich dazu. Steh auf, Losson, und verstelle Dich nicht. Du und Dein verfluchter Papagei, Ihr tragt die Schuld.«

Aber die ungekünstelte Wirklichkeit, wie Losson da lag, zeigte Simmons, was er gethan hatte. Die Leute schrieen in der Veranda durcheinander. Simmons steckte noch 2 Pakete mehr Munition zu sich und lief hinaus in den Mondschein, murmelnd: »Das soll eine Nacht werden! Dreißig Schuß scharf und der letzte für mich. Merkt Euch das, Ihr Hunde.«

Er ließ sich aufs Knie nieder und feuerte in den dunkelen Haufen der Leute in der Veranda, aber das Geschoß ging zu hoch und schlug mit einem fatalen »phwit« in die Backsteinwand ein, wodurch einige der jungen Kerls ganz bleich wurden. Es ist etwas anderes, wie Theoretiker schon sagen, selbst zu schießen, als beschossen zu werden.

Instinktiv loderte dann aber das Verlangen auf, den Missethäter zu verfolgen. Die Neuigkeit verbreitete sich von Baracke zu Baracke, und die Leute schwärmten aus, um Simmons einzufangen, dieses wilde Tier, welches nach dem Kavallerie-Exerzierplatz entsprungen war und hin und wieder stehen blieb, um einen Schuß und einen Fluch in die Richtung seiner Verfolger zurückzuschicken.

»Ich will Euch lehren, mich zufrieden zu lassen,« schrie er. »Ich will Euch lehren, mir Hundenamen zu geben. Kommt heran, alle, wie Ihr da seid. Herr Oberst John Anton Deever, C. B.« – er wandte sich gegen die Infanterie-Offiziermesse und drohte mit dem Gewehr – »Ihr haltet Euch für einen Hauptkerl, aber ich sage Euch, sobald Ihr mit Eurem garstigen alten Gerippe dort aus der Thür tretet, werde ich Euch zum jämmerlichsten Mann der ganzen Armee machen. Kommt heraus, Kolonel John Anton Deever, C. B.; kommt heraus und seht, wie ich im Feuer exerziere. Ich bin der schneidigste Schütze des ganzen verfluchten Bataillons.« Und um diese Behauptung zu bekräftigen, feuerte er nach den erleuchteten Fenstern des Meßhauses.

»Der Gemeine Simmons von der E.-Kompagnie, auf dem Kavallerie-Exerzierplatz mit 30 Schuß scharf,« meldete ein Sergeant atemlos dem Obersten. »Er schießt nach rechts und links und erschoß den Gemeinen Losson. Was sollen wir machen?«

Der Oberst John Anton Deever, C. B. fuhr in die Höhe, nur um durch Aufspritzen einer Staubwolke zu seinen Füßen begrüßt zu werden.

»Brecht auf, Kolonel,« rief sein Nachfolger im Kommando, »Ich würde mich nicht in seine Nähe begeben; er ist gefährlich, wie ein toller Hund.«

»Dann schießt ihn nieder, wie so einen,« rief der Oberst bitter, »wenn er es nicht anders haben will. »Und das in meinem Regiment! Wenn es die »Flachsköpfe« gewesen wären, könnte ich es eher verstehen.«

Der Gemeine Simmons hatte eine feste Position in der Nähe eines Brunnens an der Ecke des Exerzierplatzes eingenommen und forderte das ganze Regiment auf, heranzukommen. Das Regiment war aber durchaus nicht darauf versessen, dieser Aufforderung zu entsprechen, denn es ist nur eine geringe Ehre, von einem Kameraden erschossen zu werden. Nur Korporal Slane warf sich, das Gewehr in der Hand, auf den Boden und kroch wie ein Wurm auf den Brunnen zu.

»Schießt nicht,« rief er den Leuten um sich herum zu, »sonst trefft Ihr mich. Ich werde den Lump lebendig einfangen.«

Simmons hörte eine Weile lang mit Schießen auf, und das Geräusch von Wagenrädern konnte über die Ebene hinaus vernommen werden. Major Oldyne, Kommandeur der Reitenden Batterie, kam von einem Diner bei den Civilfamilien zurück und fuhr, wie es seine Gewohnheit war, das heißt, so rasch, als das Pferd laufen konnte.

»Ein Offizier, ein prachtvoller, glänzender Offizier,« kreischte Simmons. »Ich werde eine Vogelscheuche aus ihm machen.« Das Gefährt stoppte.

»Was ist hier los?« fragte der Artillerie-Major. »Was machst Du da? nimm das Gewehr ab.«

»Ah! Ihr seid es, Jerry Blazes. Mit Euch habe ich keinen Streit bekommen. Passiert in Freundschaft und damit gut.«

Aber Jerry Blazes hatte nicht die geringste Lust, bei einem gefährlichen Mörder vorbeizugehen. Er kannte keine Furcht, was die Männer seiner geliebten Batterie fest und pflichtschuldigst beschwören konnten, und sie waren sicher auch die besten Richter, denn Jerry Blazes, das war notorisch, hatten jedes Mal seinen vollen Mann gestanden, wenn die Batterie ins Feld gerückt war.

Er ging auf Simmons los mit der Absicht, sich auf ihn zu stürzen und ihn niederzuschlagen.

»Bleibt mir vom Leibe, Herr,« rief dieser. »Ich möchte Euch nichts zu Leide thun. So? Wollt Ihr doch?« Der Major rannte auf ihn los. »He, dann nehmt das!«

Der Major stürzte, von einer Kugel durch die Schulter geschossen, zusammen, und Simmons trat an ihn heran. Er hatte nicht die Genugthuung gehabt, Losson so zu töten, wie er gewollt; hier lag nun ein hilfloser Körper vor ihm. Sollte er noch eine Patrone laden und ihm den Kopf wegblasen oder sein weißes Gesicht mit dem Kolben zerschmettern? Er wurde in seiner Ueberlegung gestört, denn ein Schrei scholl über den Exerzierplatz herüber: »Er hat Jerry Blazes getötet.« – Aber unter dem Schutze der Brunnenpfeiler war Simmons gesichert, ausgenommen, wenn er heraustrat, um zu feuern. – »Ich werde Deinen Prachtkopf noch fortblasen, Jerry Blazes,« sagte er nachdenklich.

»Sechs und drei sind neun, und eine macht zehn, dann bleiben mir noch neunzehn und eine für mich selbst.« Er zerrte an dem Bindfaden des zweiten Munitions-Pakets. Korporal Slane kroch aus dem Schatten eines Hügels im Mondenschein hervor.

»Ich sehe Euch,« rief Simmons, »kommt ein bischen näher heran, ich werde Euch was schenken.«

»Ich komme,« rief Slane kurz. »Du verrichtest heute nichts Gutes, Sim. Komm da heraus und geh mit mir zurück.«

»Jawohl,« lachte Simmons, eine Patrone mit dem Daumen einschiebend. »Aber nicht eher, als bis ich Euch und Jerry Blazes erledigt habe.«

Der Korporal lag in voller Länge auf dem Boden des Exerzierplatzes, das Gewehr unter sich. Einige der weniger vorsichtigen Leute riefen ihm aus der Entfernung zu: »Schieß ihn, schieß ihn, Slane!«

»Wenn Ihr auch nur die Hand oder den Fuß bewegt,« rief Simmons, »so schieße ich zuerst Jerry Blazes den Kopf ein und nachher Euch.«

»Fällt mir auch nicht ein, mich zu bewegen,« rief der Korporal, den Kopf erhebend. »Du hast ja aber keinen Mut, Dich mit einem Mann zu schlagen, der noch auf seinen Beinen steht. Laß Jerry Blazes liegen und komm heraus zu mir mit Deinen Fäusten. Komm und schlag Dich mit mir. Aber das wagst Du ja nicht, Du niederträchtiger Lump von einem Schützen.«

»Und ob ich es wage!«

»Du lügst, Du Totschläger. Du niederträchtiger erbärmlicher Wüterich, Du lügst. Sieh her!« Slane warf sein Gewehr weg und stand auf bei Gefahr seines Lebens. »Nun komm heran.«

Die Versuchung war zu groß, als daß ihr Simmons widerstehen konnte, denn der Korporal bot in einer weißen Kleidung ein zu vorzügliches Ziel dar.

»Beschimpft mich nicht,« schrie Simmons und schoß, während er sprach. Der Schuß ging fehl, und der Schütze, blind vor Wut, warf sein Gewehr fort und stürzte aus der Deckung des Brunnens heraus auf Slane los. Als er an ihn heran war, versetzte er ihm ungestüm einen Schlag auf den Magen, aber der gewandte Korporal kannte Simmons seine schwache Seite und wußte außerdem Bescheid, wie solch ein Schlag durch ein wirksames Mittel am besten zu parieren ist. Indem er sich vorwärts beugte und das rechte Bein aufzog, bis sich der Absatz des rechten Fußes etwa 3 Zoll über der inneren Seite der linken Kniescheibe befand, begegnete er dem Stoße, auf einem Beine stehend – wie die Flamingos, wenn sie nachdenken – und auf den Niedersturz vorbereitet, der erfolgen mußte.

Ein Fluch, und der Korporal fiel hintenüber auf seine linke Seite, daß die Schienbeine an einander prallten, aber der Gemeine Simmons brach zusammen, sein rechtes Bein einen Zoll über dem Knöchel gebrochen.

»Schade, daß Du diese Parade nicht kanntest, Sim,« sagte Slane, den Staub ausspuckend, indem er aufstand. – Dann rief er mit lauter Stimme: »Kommt her, und tragt ihn fort; ich habe ihm das Bein gebrochen.« Das war nicht ganz zutreffend, denn der Gemeine hatte seinen Niederbruch selbst verschuldet, da es das besondere Verdienst jener Parade ist, daß, je stärker der Stoß, desto größer auch die Niederlage des Stoßenden wird.

Slane ging zu Jerry Blazes und beugte sich mit ängstlicher Besorgnis über ihn, während Simmons, vor Schmerzen wimmernd, weggetragen wurde. »Hoffentlich seid Ihr nicht schwer verletzt, Herr,« sagte Slane.

Der Major war ohnmächtig, und man konnte ein fürchterliches zerrissenes Loch in seinem Oberarm erkennen. Slane kniete nieder und murmelte: »Herr des Himmels, ich glaube, er ist tot. Dann wäre auch mein schönes Glück aus.«

Aber es sollte dem Major beschieden sein, seine Batterie noch manches Jahr mit ungeschwächten Nerven in das Feld zu führen.

Er wurde zurückgebracht und gehegt und gepflegt, bis er wieder gesund war, während seine Batterie über die Weisheit diskutierte, mit der Simmons ergriffen und von seinem Gewehr entfernt worden war. Sie vergötterten ihren Major, und sein Wiedererscheinen auf der Parade rief eine Szene hervor, die niemals in den Armee-Bestimmungen vorgesehen war.

Groß war auch der Ruhm, der auf Slanes Anteil kam. Die Artilleristen würden ihn am liebsten wenigstens 14 Tage lang täglich dreimal betrunken gemacht haben. Selbst der Oberst seines eigenen Regiments beglückwünschte ihn wegen seiner Kaltblütigkeit, und die Tagesblätter nannten ihn einen Helden. Diese Dinge machten ihn aber keineswegs aufgeblasen. Als der Major ihm Geld und Dank anbot, nahm der tugendhafte Korporal das eine und legte das andere abseits. – Aber er hatte eine große Bitte an den Major und richtete sie mit manchem » Beg y' pardon, Sir« aus. Hatte der Major die Befugnis, zu erlauben, daß die Slane-Mc-Kenna-Hochzeit durch die Gegenwart von vier Batteriepferden verherrlicht werden konnte, welche vor die gemietete Hochzeitskutsche gespannt werden sollten. Ja, der Major konnte es erlauben und that es. Und die Batterie stellte die Pferde. Selbstverständlich. – Es war eine pomphafte Hochzeit – mit dem »Eklat«.


»Warum ich so handelte?« sagte Korporal Slane. »Natürlich nur der Pferde wegen. Ihansi ist keine Schönheit, welche die Blicke auf sich zieht, aber es war nicht nach meinem Geschmack, eine Mietsequipage zu nehmen. Jerry Blazes? wenn ich nicht etwas von ihm gewollt hätte, hätte Sim meinetwegen den Prachtkopf von Jerry Blazes in Irish Stew verwandeln können.«

Und sie hingen den Gemeinen Simmons auf – hingen ihn so hoch wie Haman, das Regiment in einem Viereck um ihn versammelt, und der Oberst hielt eine Ansprache, das käme vom Trunk; und der Kaplan sagte in seiner Rede, der Teufel hätte seine Hand im Spiele gehabt; und Simmons glaubte, beide trügen die Schuld, aber er wüßte es nicht genau und hoffe nur, sein Schicksal würde eine Warnung für alle seine Kameraden sein; und ein halbes Dutzend Publizisten schrieb 2 schöne Leitartikel über das Vorherrschen von Verbrechen in der Armee.

Aber nicht eine einzige Seele dachte daran, einen Vergleich zu ziehen zwischen dem blutgierigen Simmons und dem aufschreienden, hilflosen Schulmädchen, mit welchem diese Geschichte beginnt.

Das wäre doch auch zu ungereimt gewesen.

 << Kapitel 6 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.