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Soldatengeschichten

Rudyard Kipling: Soldatengeschichten - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorRudyard Kipling
titleSoldatengeschichten
publisherBerlin Vita Deutsches Verlagshaus
translatorGeneral von Sichart
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida1058433
created20070411
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Der solide Muldoon.

Sahst du schon John Malone mit dem nagelneuen Hut?
Ach, so stolz geht einher nur ein Herr von blauem Blut.
Fahnen, Banner, aller Orten Kleider neuster Mode schon,
Doch der feinste Kerl von allen, das ist Meister John Malone.
John Malone.

Hinter dem Kugelfang hatte ein großartiger Hundekampf zwischen Learoyds Jock und Ortheris seinem Blue-Rot stattgefunden, beides unächte Rampur-Hunde, in der Hauptsache bestehend aus Rippen und Zähnen. Der Kampf dauerte zwanzig glückliche und heulende Minuten, und dann klappte Blue-Rot zusammen. Ortheris bezahlte drei Rupien an Learoyd, und wir waren alle sehr durstig. Ein Hundekampf ist eine sehr aufregende Unterhaltung, ganz abgesehen von dem Geschrei, weil Rampur-Hunde immer über mehrere Ackerstücke hinweg ihre Kämpfe abhalten, Später, als das Konzert der gegen die Bierflaschen anklingenden Koppelschlösser verhallt war, schweifte die Unterhaltung ab von den Hundekämpfen zu Männerkämpfen aller Art. Die Kämpfe von Männern gleichen in gewisser Beziehung denen der Rothirsche. Ein beliebiges Gespräch über Kämpfe erweckt in ihrer Brust immer weitere Kampfesgeschichten, und zuletzt schreien sie sich gegenseitig an, wie ein paar sich herausfordernde Hirsche.

Das ist bemerkenswert auch für Leute, die sich dem Gemeinen der Linie für überlegen dünken: es zeigt den verfeinernden Einfluß der Civilisation und den Fortschritt der Kultur.

Eine Erzählung rief die andere hervor und jede Erzählung mehr Bier. Sogar Learoyds träumende Augen fingen an zu leuchten, und er entledigte sich einer langen Geschichte, bei der ein Ausflug nach Malham Cove, ein Mädchen in Pateley Brigg, ein Arbeiter, er selbst und ein Paar Gummischuhe zu einem weit verzweigten Knoten verwickelt waren.

»Und so spaltete ich ihm den Kopf vom Kinn bis zu den Haaren, und er mußte deshalb einen Monat zu Bett liegen,« schloß Learoyd nachdenklich.

Mulvaney fuhr aus seinen Träumen – er lag auf dem Boden – und präludierte mit den Absätzen in der Luft. – »Du bist ein Mann,« sagte er mit kritischer Miene, »doch hast du nur gegen Männer gekämpft, und das kommt alle Tage vor, aber ich habe es mit einem Gespenst aufgenommen, und das kommt nicht häufig vor.«

»Nicht?« rief Ortheris, einen Kork nach ihm werfend. »Na, denn halte mal eine Rede ans Haus und gieb deine Erlebnisse zum besten. Sind sie größer, wie gewöhnlich?«

»Sie sind die lebendige Wahrheit,« antwortete Mulvaney, indem er seinen langen Arm ausstreckte und Ortheris beim Kragen packte.

»Wie ist dir nun, mein Sohn? Willst du mir noch mal das heilige Wort aus dem Munde nehmen?« Er schüttelte ihn, um der Frage den gehörigen Nachdruck zu verleihen.

»Nein, aber was anderes will ich,« rief Ortheris und that einen geschickten Griff nach Mulvaneys Pfeife, erfaßte sie und hielt sie in Armeslänge ab.

»Ich werfe sie in den Graben, wenn du mich nicht losläßt.«

»Verfluchter Hallunke, du. Es ist das einzige kleine Ding, was ich immer geliebt habe. Behandle sie zart, oder du fliegst über die Gasse. Wenn die Pfeife zerbräche!

»Oh! Herr, geben Sie sie mir wieder zurück.«

Ortheris hatte den Schatz in meine Hand übergehen lassen. Es war eine vollständig unbeschädigte Thonpfeife, so glänzend wie eine schwarze Billardkugel. – Ich nahm sie ehrfurchtsvoll entgegen, aber hielt sie noch fest.

»Wollt Ihr uns auch den Kampf mit dem Gespenste erzählen, wenn ich sie zurückgebe?« sagte ich.

»Kommt es Ihnen auf die Geschichte an? Natürlich will ich es. Es war überhaupt meine Absicht. Ich nahm nur meinen besonderen Weg, dahin zu gelangen, wie Popp Doggle sagte, als er dabei abgefaßt wurde, eine Patrone von der Mündung aus zu laden. – Ortheris, fall ab.« – Er ließ den kleinen Londoner los, nahm seine Pfeife wieder hin, füllte sie, und seine Augen fingen an zu leuchten. Er hat die sprechendsten, die ich jemals gesehen habe.

»Habe ich Euch schon mal erzählt,« begann er, »was ich früher für ein Hauptkerl war?«

»Hast du,« sagte Learoyd mit kindlicher Feierlichkeit, was Ortheris veranlaßte, laut aufzulachen, denn Mulvaney tischte uns immer seine großen Verdienste aus den alten Tagen auf.

»Habe ich Euch schon mal erzählt,« fuhr Mulvaney ruhig fort, »daß ich früher noch ein ganz anderer Kerl war, als ich heute bin?«

»Jesus Maria! Glaubst du das wirklich?« rief Ortheris.

»Als ich Korporal war – ich wurde ja nachher wieder abgesetzt – aber wie gesagt, als ich Korporal war, war ich ein ganz verfluchter Kerl.«

Fast eine Minute lang schwieg er, während seine Gedanken unterdessen in alten Erinnerungen herumstöberten, und seine Augen glühten. Dann biß er auf seinen Pfeifenstiel und ging auf die Geschichte los.

»Ja, das waren große Zeiten. Jetzt bin ich alt. Meine Haut ist runzelig geworden, das Schildwachestehen hat meinen Dünkel gebrochen, und dazu bin ich ein verheirateter Mann. Aber ich habe meine Tage gehabt, ich habe meine Tage gehabt, und nichts kann die Erinnerung an sie verwischen. Ach! die schönen Tage, als ich mich zwischen Reveille und Zapfenstreich über jedes der 10 Gebote hinwegsetzte, das vom lieben Nächsten handelt, als ich den Schaum vom Bierkrug wegblies, meinen Schnurrbart mit dem Rücken der Hand strich und bei alledem so ruhig schlief, wie ein Kind. Aber sie ist vorüber – sie ist vorüber und wird niemals wiederkehren, auch wenn ich eine ganze Woche von Sonntagen darum beten wollte. Gab es denn aber auch irgend jemanden vom alten Regiment, der den Korporal Terence Mulvaney erreichte, wenn es sich um Verführungskünste handelte? Ich bin keinem begegnet. – Jede Frau, die keine alte Hexe war, war in den Tagen des Nachlaufens wert, und jeder Mann war mein bester Freund, oder – ich hätte ihn geprügelt, und wir wußten, was das beste von beiden war.

»Als ich Korporal war, würde ich nicht mit dem Obersten getauscht haben, nein, auch nicht mit dem kommandierenden General. Ich wollte Sergeant sein. Es gab nichts anderes, was ich sein wollte. Himmlische Mutter, sieh mich an! Was bin ich jetzt.

»Wir lagen in einem großen Kantonnement – es hat keinen Zweck, Namen zu nennen, denn die Kasernen könnten dadurch leicht in schlechten Ruf kommen, – und die ganze Welt gehörte mir nach meiner Ansicht, und ein oder zwei Frauen dachten dasselbe. Ein kleiner Tadel für sie. Nachdem wir hier ein Jahr lang gewesen waren, heiratete Bragin, der Fahnensergeant von der E.-Kompagnie, ein Mädchen, das bis dahin Jungfer einer hohen Dame in der Station war. Sie ist schon tot – die Annie Bragin – sie starb im Kindbett in Kirpa Tal, oder es kann auch Almorah gewesen sein, vor sieben – nein, neun Jahren, und Bragin verheiratete sich wieder. – Aber sie war eine reizende Frau, als Bragin sie in die Gesellschaft der Kaserne einführte. Sie hatte Augen, wie die Tupfen eines Schmetterlingsflügels, der von der Sonne beschienen wird, und eine Taille, nicht stärker wie mein Arm, und eine kleine, süße Knospe von einem Munde, für den ich durch ganz Asien gelaufen wäre, und wäre es mit Bajonetten gespickt gewesen, wenn ich ihn hätte küssen dürfen. – Und ihr Haar war so lang, wie der Schwanz von unserem Obersten seinem Chargenpferde – verzeiht, daß ich das alte Biest in demselben Atemzuge mit Anna Bragin nenne – und es war wie gesponnenes Gold, und es gab eine Zeit, wo ein Blick darauf für mich mehr Wert hatte, wie Diamanten. Es gab niemals eine hübsche Frau, und ich habe deren einige gekannt, die der Annie Bragin auch nur annähernd gleichkam.

»Es war in der katholischen Kapelle, wo ich sie zuerst sah. Ich ließ meine Augen wie gewöhnlich umherfliegen, um zu sehen, ob irgend etwas zu sehen da war. Du bist zu gut für Bragin, meine Liebe, dachte ich bei mir selbst, aber das ist ein Versehen, was ich wieder ins Gleichgewicht bringen kann, oder mein Name müßte nicht Terence Mulvaney sein. »Nun nehmt mein Wort darauf, Ortheris, du, und du, Learoyd – hütet Euch vor den Wohnungen der verheirateten – wie ich es nicht that. Dabei kommt nie etwas gutes heraus, denn Ihr riskiert immer, daß man Euch mal auffindet, mit der Nase im Dreck liegend, mit einem dicken Knüppel auf Eurem Hinterkopf und mit den Händen Flöte blasend auf den Stufen eines anderen Mannes Thürschwelle.

»So haben wir O'Hara gefunden, den Rafferty vor sechs Jahren tötete, weil er bis an sein Ende mit geschniegeltem Haar herumlief und in einemfort Larry O'Rourke vor sich hinflüsterte. Kümmert Euch nicht um die Wohnungen der Verheirateten, sage ich, – ich that es ja; es ist ungesund, gefährlich und noch vielmehr, es ist schlecht, aber – bei meiner Seele, es ist süß, so lange wie es dauert.

»Ich war immer um sie herum, wenn ich dienstfrei war und Bragin nicht, aber ich habe doch nie ein süßes Wort während der Unterhaltung von Annie Bragin bekommen. Es ist der Eigensinn ihres Geschlechts, sagte ich mir, machte einen anderen Knick in die Krempe meines Hutes, hielt den Rücken wieder straff – er war damals der Rücken eines Tambourmajors – und ging fort, als ob ich mir keine Sorgen weiter machte, über alle die Frauen in dem Viertel der Verheirateten lachend. Ich war überzeugt, – wie es die meisten jungen Kerls sind, meine ich, – daß kein Weib vom Weibe geboren mir widerstehen könnte, wenn ich nur den kleinen Finger nach ihm ausstreckte. Ich hatte auch Grund, so zu denken, bis ich Annie Bragin kennen lernte.

»Von Zeit zu Zeit, wenn ich da so in der Dunkelheit herumstrich, schlich ein Mann an mir vorbei, sachte, wie eine Katze. Das ist seltsam, dachte ich, denn ich bin doch der einzigste Mann hier in der Gegend oder sollte es doch sein. – Zum Teufel, kann Annie dabei im Spiel sein? Dann nannte ich mich selbst einen Schuft, daß ich so etwas nur denken könnte. Aber der Gedanke wollte mir nicht aus dem Kopfe. Und das, merkt Euch, ist die Art eines Mannes.

»Eines Abends sagte ich zu Frau Bragin: ›Ich will keine Respektswidrigkeit begehen, aber wer ist der Korporal – ich hatte seine Tressen gesehen, wenn ich auch sein Gesicht nie erkennen konnte – wer ist der Korporal, der immer kommt, wenn ich weggehe?‹

›Himmlische Mutter,‹ sagte sie, bleich werdend wie mein Koppelriemen, ›haben Sie ihn auch gesehen?‹

»›Ihn gesehen?‹ erwiderte ich; ›natürlich habe ich ihn gesehen. Wünschten Sie, daß ich ihn nicht sehen sollte, dann – wir hatten schwatzend im Dunkeln an der Außenseite der Veranda von Bragins Wohnung gestanden – dann mußten Sie mich mehr bitten, die Augen zuzumachen. Wenn ich aber nicht irre, so kommt er da gerade.‹

»Und wirklich, der Korporal kam auf uns zu und ließ den Kopf hängen, als wenn er sich vor sich selber schämte.

»›Gute Nacht, Frau Bragin,‹ sagte ich kalt, ›Ich will mich lieber nicht in Ihre Liebschaften hineinmischen; aber Sie müssen solche Sachen doch mit mehr Schicklichkeit behandeln. Ich gehe Zur Kantine« sagte ich.

Ich drehte mich auf dem Absatz, herum, ging fort und schwor, dem Kerl eine Lektion zu geben, daß er für 4 Wochen und 8 Tage lang aufhören sollte, um die Wohnungen der verheirateten herumzustreifen. Ich war noch keine zehn Schritte gegangen, als Annie Bragin mir am Arm hing, und ich konnte fühlen, daß sie am ganzen Körper zitterte.

»Bleiben Sie bei mir, Herr Mulvaney,« sagte sie, »Sie sind wenigstens Fleisch und Blut. Nicht wahr?«

»Das bin ich« rief ich, und mein Aerger ging in eine andere Erregung über, »Ist es nötig, daß mir das zweimal gesagt wird, Annie?« Damit schlang ich meinen Arm um ihre Taille, denn bei Gott, ich bildete mir ein, sie hätte auf Gnade und Ungnade kapituliert, und die Kriegsehren gehörten mir.

»Was soll der Unsinn?« sagte sie und stellte sich dabei auf die Spitzen ihrer kleinen niedlichen Zehen, »Die Muttermilch ist ja kaum trocken auf Ihrem unverschämten Munde, lassen Sie mich los.«

»Haben Sie denn nicht eben gesagt, daß ich Fleisch und Blut wäre?« erwiderte ich, »und ich habe mich seitdem nicht verändert,« sagte ich und behielt meinen Arm, wo er war

»Behalten Sie Ihren Arm für sich.« rief sie, und ihre Augen sprühten. »Ja, so ist nun die menschliche Natur,« sagte ich und behielt meinen Arm immer noch, wo er war.

»Natur oder nicht Natur« rief sie. »Sie nehmen Ihren Arm fort, oder ich sage es Bragin, der soll die Natur in Ihrem Kopfe mal anderen Sinnes machen, wofür halten Sie mich denn?« sagte sie.

»Für eine Frau und die reizendste in der ganzen Kaserne.«

»Eine Ehefrau,« erwiderte sie, »und die ehrbarste der ganzen Garnison.«

Na, da ließ ich denn meinen Arm los, trat zwei Schritt zurück und salutierte, denn ich sah jetzt, daß sie auch meinte, was sie sagte.

»Dann können Sie mehr sehen, als mancher andere, der viel dafür geben würde, wenn er das auch könnte, woran konnten Sie das erkennen?« fragte ich der Wissenschaft halber.

»Sie müssen die Hand beobachten,« sagte Mulvaney; »wenn sie die Hand fest zuschließt, den Daumen bis zu den Knöcheln, dann nehmen Sie Ihren Hut und gehen fort; Sie machen sich nur lächerlich vor sich selbst, wenn Sie bleiben. Aber wenn die Hand offen auf dem Schöße liegt, oder wenn Sie sehen, daß sie versucht, sie zu schließen, und kann es nicht, dann vorwärts; sie bringt es dann nicht weiter, als zu schelten!«

»Also, wie gesagt, ich trat zurück, salutierte und wollte fortgehen.

»Bleiben Sie bei mir,« sagte sie. »Sehen Sie, da kommt er schon wieder.« Sie zeigte nach der Veranda und – ist eine größere Unverschämtheit denkbar – der Korporal kam aus Bragins Wohnung.

»›Das hat er schon die letzten 5 Abende so gemacht,‹ rief Annie Bragin. ›Gott, was soll ich anfangen?‹

»›Er wird es jetzt nicht mehr wiederholen,‹ sagte ich, denn ich war kampfesmutig.

»Nehmt Euch vor einem Manne in Acht, der mit so einem Stückchen unglücklicher Liebe zu thun hat, bis das Fieber bei ihm vorbei ist. Er wütet wie ein unvernünftiges Tier.

»Ich ging auf den Kerl in der Veranda los und wollte ihm, so wahr ich hier sitze, den Garaus machen. Er schlüpfte ins Freie.

»Was haben Sie hier herumzustreichen, Sie Gossenschaum, Sie?‹ sagte ich höflich, um ihn zu warnen, denn ich wollte ihn nicht unvorbereitet lassen.

»Er dachte nicht daran, seinen Hut abzunehmen, sondern sagte ganz traurig und melancholisch, als ob er glaubte, ich würde ihn bemitleiden: ›Ich kann sie nicht finden,‹ sagte er.

»›Bei meiner Ehre,‹ rief ich, ›du hast zu lange gelebt, du mit deinem Suchen und Finden in der Wohnung einer ehrsamen verheirateten Frau. Halt mal den Kopf hoch, du frecher Erzhallunke,‹ sagte ich. ›Du sollst alles finden, was du brauchst, und noch mehr.‹ Aber er hielt ihn nicht hoch, und ich holte aus, um ihn von der Schulter bis dahin, wo das Haar kurz ist, über den Augenbrauen zu treffen. ›Das wird deine Sache schon erledigen,‹ sagte ich, aber beinahe erledigte es meine eigene, anstatt der seinigen. Ich legte mein ganzes Gewicht in den Schlag, aber ich traf überhaupt nichts und renkte mir fast die Schulter aus. Der Korporal war nicht mehr da, und Annie Bragin, die uns von der Veranda aus beobachtet hatte, gab Fersengeld und lief davon wie ein Hahn, wenn sein Hals von einem Tambourjungen bedroht ist.

»Ich ging ihr nach, denn eine lebendige Frau und gar eine Frau wie Annie Bragin ist etwas anderes, wie ein ganzer Exerzierplatz voll Gespenster. Ich hatte bis dahin noch nie eine ohnmächtig gewordene Frau gesehen und stand da, wie ein abgeschlachtetes Kalb, fragte sie, ob sie tot wäre, und bat sie bei der Liebe zu mir und der Liebe zu ihrem Gatten und der Liebe zur heiligen Jungfrau, sie möchte doch nur ihre gesegneten Augen wieder auf machen, und gab mir selbst alle Schimpfnamen unter der Sonne, daß ich sie mit meiner miserablen Liebschaft gequält hätte, und ob ich etwa zwischen ihr und dem Korporal gestanden hätte, der wohl seine Stubennummer ganz vergessen haben müßte. Ich erinnere mich nicht mehr, was für Unsinn ich da zusammenredete, aber es war mir doch noch möglich, draußen jemand gehen zu hören. Es war Bragin, der zurückkehrte, und im selben Augenblick kam auch Annie wieder zu sich. Ich sprang in die entfernteste Ecke der Veranda und machte ein Gesicht, als ob ich Butter im Munde hätte, die nicht schmelzen wollte. Aber Frau Quinn, des Quartiermeisters Frau, hatte Bragin erzählt, daß ich immer um Annie beschäftigt sei.

»›Ich bin garnicht mit Dir zufrieden, Mulvaney,‹ sagte Bragin, sein Seitengewehr abschnallend, denn er war im Dienst gewesen.

»›Das höre ich nicht gern,‹ erwiderte ich, und ich merkte, daß die Sache zum Klappen kommen würde.

»›Weshalb, Sergeant?‹ sagte ich.

»›Komm mal heraus,‹ sagte er, ›und ich werde Dir zeigen, warum.‹

»›Ich bin bereit,‹ rief ich, ›aber meine Tressen sind noch nicht so alt, daß ich sie gern verlieren möchte. Sagt mir deshalb, mit wem ich herausgehen soll,‹ sagte ich. –

»Er war ein lebhafter und rechtschaffener Mann und konnte sich denken, wie es mir nachher ergehen würde.

»›Mit Frau Bragins Gatten,‹ sagte er. Er mochte wohl daraus, daß ich diese Gunst von ihm erbat, gemerkt haben, daß ich ihr kein Leid zugefügt hatte.

»Wir gingen hinter das Arsenal, und ich prügelte auf ihn los, und während der ersten zehn Minuten war alles, was ich thun konnte, daß ich ihn verhinderte, sich selbst mit meinen Fäusten zu töten. Er war wütend wie ein stummer Hund, er schäumte fast. Aber er hatte keine Chancen mir gegenüber, weder in Kunstgriffen, noch in Erfahrung oder sonst etwas.

»›Wollt Ihr nun Vernunft annehmen?‹ sagte ich, als ihm der Atem zum erstenmale ausging.

»›Nicht, so lange ich noch sehen kann,‹ erwiderte er.

»Darauf schlug ich ihm mit beiden Fäusten, einer nach der anderen, ins Gesicht, obgleich er sich durch richtige Auslage mit dem Arm, die er schon als Junge gelernt hatte, dagegen wehrte, und die Augenbrauen klappten herunter bis auf die Backenknochen, wie der Flügel einer kranken Krähe.

»›Wollt Ihr nun Vernunft annehmen, Ihr braver Mann?‹ rief ich.

»›Nicht, so lange ich noch sprechen kann,‹ erwiderte er taumelnd und blind wie ein Uniformsknopf nach dem Biwak. Es that mir leid, es zu thun, aber ich ging um ihn herum und schlug von der Seite gegen seine Kinnladen, daß sie sich um einen halben Zoll nach links verschoben.

»›Wollt Ihr nun Vernunft annehmen?‹ rief ich; ›ich kann mich nicht länger mäßigen, und es sieht ja fast so aus, als wollte ich Euch Schaden zufügen.‹

»›Nicht, so lange ich noch stehen kann,‹ murmelte er aus irgend einem Winkel seines Mundes heraus. Deshalb machte ich Schluß, warf ihn hin – blind, stumm und krank, und stemmte ihm die Kinnlade wieder in die Richte.

»›Ihr seid ein alter Narr, Herr Bragin,‹ sagte ich.

»›Und du bist ein junger Dieb,‹ sagte er, ›und du hast mir das Herz gebrochen, du zusammen mit Annie.‹

»Dann fing er an zu weinen, wie ein Kind, wo er lag. Ich wurde so traurig, wie ich es nie zuvor gewesen war. »Es macht einen schrecklichen Eindruck, einen großen Mann weinen zu sehen.

»›Ich will beim Kreuze schwören,‹ sagte ich.

»›Ich gebe auf deine Eide nichts,‹ erwiderte er.

»›Kommt zurück in Euer Quartier,‹ sagte ich, ›und wenn Ihr dem Lebenden nicht glauben wollt, dann, bei Gott, sollt Ihr auf den Toten hören,‹ sagte ich.

»Ich nahm ihn auf und trug ihn zurück in seine Wohnung. ›Frau Bragin,‹ sagte ich, ›hier ist einer, den Sie rascher heilen können, als ich.‹

»›Du hast mich vor meiner Frau blamiert,‹ wimmerte er.

»›Habe ich das?‹ rief ich. ›Wenn ich Frau Bragin ansehe, so glaube ich, steht mir eine schlimmere Lektion bevor, als ich Euch erteilt habe.‹

»Und das stimmte! Annie Bragin war außer sich vor Unwillen. Es gab keinen Namen, den eine anständige Frau in den Mund nehmen kann, den ich nicht auf den Weg bekam. Ich habe meinen Obersten 15 Minuten lang im Ordonnanzzimmer um mich herum gehen sehen, wie ein Böttcher um das Faß, weil ich als ein unangebundener Nachtwandler in die Eckkneipe gegangen war. Aber alles das, was ich von seiner Raspe von Zunge über mich ergehen lassen mußte, war Ingwerlimonade gegen das, womit mich Annie überschüttete. Und das, merkt Euch, ist die Art und Weise einer Frau.

»Als sie aufgehört hatte aus Mangel an Atem und sich über ihren Gatten beugte, sagte ich: ›Ja, es ist alles wahr, ich bin ein Schuft, und Sie sind eine tugendhafte Frau, aber wollen Sie ihm nicht auch mal von dem Dienst erzählen, den ich Ihnen geleistet habe?‹

»Gerade, als ich dieses ausgesprochen hatte, kam plötzlich der Korporal wieder auf die Veranda, und Annie Bragin schrie laut auf. Der Mond war aufgegangen, und wir konnten sein Gesicht erkennen.

»›Ich kann sie nicht finden,‹ sagte er und war wieder verschwunden, wie der Schein eines Lichtes.

»›Alle Heiligen stehen mir bei,‹ rief Bragin, sich bekreuzigend, ›das war Flahy vom Tyrone-Regiment.‹

»›Wer war das?‹ rief ich, ›denn er hat mir heute viel zu schaffen gemacht.‹

»Bragin erzählte uns dann, daß Flahy ein Korporal war, der seine Frau hier in der Wohnung vor 3 Jahren an der Cholera verlor und darüber in Wahnsinn verfiel, und der, als sie ihn begraben hatten, noch immer umher wandelt um sie zu suchen.

»›So,‹ sagte ich Zu Bragin, ›dann ist er aus dem Fegefeuer entschlüpft, um die letzten 14 Tage hier jeden Abend bei Frau Bragin zuzubringen. Ihr könnt mit Frau Quinn nun von meiner Liebe sprechen, denn ich weiß, sie hat Euch davon erzählt, und Ihr habt ihr gelauscht. Sagt ihr, sie müßte doch eigentlich den Unterschied zwischen einem Manne und einem Gespenste kennen. Sie hat drei Männer gehabt,‹ sagte ich, ›und Ihr habt eine Frau bekommen, die ist viel zu gut für Euch. Wie könntet Ihr sonst zugeben, daß sie von Gespenstern und sonstigen bösen Geistern geplagt wird? Ich werde nie wieder aus Höflichkeitsrücksichten mit der Frau eines Mannes ein Wort wechseln. Gute Nacht, Ihr beide, sagte ich, und damit ging ich fort, nachdem ich mit einer Frau, einem Manne und dem Teufel gekämpft hatte, und das alles innerhalb einer Stunde. – Aus dieser Ursache gab ich auch Vater Victor eine Rupie, wofür er eine Messe für Flahys Seele lesen sollte, den ich dadurch belästigt hatte, daß ich mit meiner Faust in sein System gefahren war.«

»Eure Ansichten über Höflichkeit gehen ein bischen weit, Mulvaney,« sagte ich.

»Das kommt darauf an, von welcher Seite man sie betrachtet,« erwiderte Mulvaney ruhig. »Annie Bragin kümmerte sich niemals besonders um mich. Und deshalb hatte ich auch nicht nötig, irgend etwas für mich zu behalten, was Bragin einen Anlaß geben konnte, auf sie ungehalten zu sein – denn ein ehrliches Wort konnte ja alles aufklären. Es geht nichts über eine offene Aussprache.

»Ortheris, du Troddel, laß meine Augen mal auf jener Flasche ruhen, denn meine Kehle ist so trocken, als wenn ich dran dächte, ich sollte noch von Annie Bragin einen Kuß bekommen. Und das ist 14 Jahre her. Ja. Cork ist eine eigenartige Stadt, und der blaue Himmel darüber – und die damaligen Zeiten – die damaligen Zeiten.«

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