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Soldat im Prager Korps

Egon Erwin Kisch: Soldat im Prager Korps - Kapitel 9
Quellenangabe
authorEgon Erwin Kisch
titleSoldat im Prager Korps
publisherVerlag der K. Andréschen Buchhandlung
year1922
printrunDritte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20190509
projectid9b55f686
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Winter im toten Land

 

Samstag, den 7. November 1914.

Der Winterfeldzug hat begonnen. Die ganze Nacht konnten wir, die im ärgsten Granathagel wie Murmeltiere geschlafen hatten, nicht einschlafen: so laut pfiff der Sturm durch die Bäume und Maisstauden, und der Frost ließ die Beine erzittern. Vormittags Vorrückung. Der Oberleutnant und sein Gefolge, in dem ich mich befand, gingen vor den Schwarmlinien und wurden von links und rechts beschossen. Viele Soldaten wurden verletzt. Es ging gegen Süden über die Moränen von Prazna vreèe gegen den Hügel Kosovac (Trigonometer 185), auf dem man feindliche Geschütze von Zeit zu Zeit aufblitzen sah. Hart an dem Berge machten wir halt.

Die amtliche Verlautbarung über unsere letzte Vorrückung lautet in den Zeitungen: »Trotz verzweifelter Gegenwehr der Serben und ungeachtet der schwierigen Passierbarkeit der zum Teil sumpfigen Maèva drangen heute unsere sämtlichen über die Save und Drina vorgegangenen Truppen in breiter Front weiter vor und nahmen die Orte Crnabara, Banovopolje, Radenkovic, Glušci und Tabanovic.«

 

Sonntag, den 8. November 1914.

Telephonisch kommt die Meldung, daß Loschnitza genommen und 2200 Serben gefangengenommen worden seien. Es scheint wirklich, als ob sich der Feldzug für Österreich günstig gestalte. Heute kamen auch drei Offiziere, die vor vier Monaten leicht erkrankt waren oder eine winzige Verwundung ergattert hatten, wieder zurück. »Was machen wir mit den vielen Offizieren«, seufzte der Regimentsadjutant ironisch, als sie sich bei ihm meldeten. Schon in den letzten Tagen waren einige Offiziere eingerückt, aber sie waren meistenteils wieder am nächsten Tage abgegangen, da sie sich schleunigst Rheumatismus, Zahnschmerz oder sonst etwas beigebogen hatten.

Für 9 Uhr früh war der Angriff gegen den Hügel Kosovac angesetzt, der das serbische Hügelgebiet eröffnet. Wir gingen vor, und zwar vor den Schwarmlinien, da der Oberstleutnant Wert darauf legt, auf die Richtigkeit der Front und auf das Vorhandensein der Verbindung mit den Nachbargruppen selbst Einfluß zu nehmen. Nie im Kriege und nie im Manöver hatte ich bisher ein derartig übersichtliches Terrain gesehen wie hier. Es ist ein Schlachtfeld, wie man es sich als Laie vorstellt. Wir gingen über ein sonnenklares, durch nichts cachiertes Weidenland, und vor uns lag im Süden der niedrige grüne Hügel, auf dem man jeden Infanteristen unterscheiden konnte, der dort umherlief, jeden Soldaten, der seinen Kopf aus dem Schützengraben steckte, um ihn sofort wieder verschwinden zu lassen. Die Distanz betrug etwa 1500 Schritte; die Kugeln flogen zwar hörbar nahe an uns vorbei und ließen keinen Zweifel darüber, daß sie uns galten, aber sie trafen ihr Ziel nicht.

Ich mußte mit einer Meldung über die Praznavreèe, eine Moorlandschaft übelster Art. Das Gras war mannshoch, und bei jedem Schritt versank ich in den Morast. Nur bis über die Knöchel, denn das Gras, das die Pfützen heimtückisch verdeckte, bot wieder den Vorteil, daß es wegen seiner Dichte und Stärke ein allzutiefes Einsinken verhinderte. Dennoch war das Gefühl ein böses, da bei einem eventuellen Einsinken keine sterbliche Seele in der Nähe war, die mich hätte herausziehen können, und ich infolge der Höhe des Grases kein Ende der Morastlandschaft sehen konnte. Dabei fror ich wie ein gerupfter Spatz, denn meine sohlenlosen Stiefel hatten dem Eindringen des Sumpfwassers kein Hindernis geboten.

Aber schließlich fand ich eine Verbindungspatrouille von 102, und diese wies mich an den Kommandanten der vorgeschobenen Halbkompagnie, der mir den Weg zum Kommandanten des II./102. Bataillons zeigte. Bald darauf fand ich den Bataillonskommandanten Hauptmann Sommer von 102, überbrachte den Befehl meines Regimentskommandanten und trat mit der Antwort den Rückweg in unsere Schwarmlinie an. Ich konnte sie lange nicht finden, und nur die Geräusche eines Feuergefechts belehrten mich, daß vor mir unsere Schwarmlinie im Kampfe stehe. Schließlich kamen Wegweiser: Verwundete, die sich mühselig vom Kampfplatze schleppten. Nun fand ich den Weg nach vorne, und von Bataillon zu Bataillon irrend, erfragte ich mich schließlich bis zum Oberstleutnant, der in einer Mulde des Feldes am Telephon saß.

Mediziner Mauthner kam vorüber, der oft von zu Hause Sendungen bekommt, und ich bettelte ihn um eine Zigarette an, da ich schon lange keine in den Lippen gehalten habe. Er hatte keine, aber er wußte von einem eben aus dem Spital eingerückten Soldaten, der einige Schachteln aus Ungarn zum Verkauf mitgebracht habe. Ich rannte, den Mann zu suchen, und wirklich erstand ich eine Schachtel Bosna-Zigaretten, 50 Stück um drei Kronen. Die Spinne vom Freitag hatte mir das verheißene Glück also nicht vorenthalten. Das wird ein angenehmer Abend werden.

Am Abend lagerten wir auf einem Felde. Feuerüberfall. – Verletzte werden vorübergetragen. Wir hackten uns ein Loch in die Erde, dann steckte ich meine nassen Stiefel inklusive Füßen in den Schlafsack, zog dessen Deckel über meinen Kopf und steckte mir eine Bosna-Zigarette an.

 

Montag, den 9. November 1914.

Die Sonne leuchtet, als ob es August wäre, aber der Frost schüttelt, wie es sich eben für den November gebührt. Von den drei Offizieren, die gestern eingerückt sind, ist keiner mehr da. Gleich bei Beginn des Gefechtes haben sie sich krank gemeldet.

Der Tag ist schrecklich dadurch, daß die Verluste, welche die Vorrückung der letzten drei Tage gekostet hat, heute nicht mehr bloß numerisch angegeben werden, sondern namentlich, und ich in dieser Verlustliste die Namen von Freunden finden muß. Am meisten betrauere ich den Tod des Kadetten Støíbrný, eines der intelligentesten Burschen, die ich hier kennengelernt. Es ist drei Tage her, da hatten er und ich vom Tode gesprochen, und in einer ganz altruistischen Betrachtung hatte er ihn für sich als das Gräßlichste gekennzeichnet, was es geben könne, weil er seinen Beruf noch nicht auszuüben begonnen, weil er das Gelernte noch nicht verwertet habe, weil er das Leben noch nicht kenne und vor allem, weil er die Erfüllung der Liebe erst erwarte. – Leutnant Podrabsky und Einj. Adamus sind Kameraden gewesen, mit denen ich auf der Paraschnitza täglich gesprochen hatte. Und auch sonst waren mir viele lieb. Sie liegen an der Kirchenmauer von Lipolist begraben.

 

Dienstag, den 10. November 1914.

Die Tage bringen uns Übles. Es ist nicht auszudenken, daß man Menschen, mit denen man tags vorher sprach, junge Menschen, mit denen man seit Monaten ununterbrochen beisammen war und die gesund waren, ohne sichtbaren Übergang plötzlich nicht mehr sehen soll, weil sie im Grabe liegen und nichts mehr sind. Man flucht diesen schrecklichen Tagen, aber die Nächte sind noch unerträglicher. Sie beginnen schon um 5 Uhr, wenn die ängstliche Abendschießerei losgeht und jeder Schritt aus der Deckung in das schon tiefe Dunkel die Gefahr bringt, getroffen zu werden. Da legt man sich denn nieder, und will einschlafen und kann es nicht. Die Toten des Tages fallen einem ein. Was das Gefühl einer Sekunde war, weggewischt von einem neuen Schreck, der wieder von einem andern abgelöst wurde, dringt jetzt in die Gedanken, man vergegenwärtigt sich das Ungeheuerliche dieser Massenschicksale, den Schmerz daheim, die Not der Hinterbliebenen und die eigene Zukunft. Dabei verschwindet der physische Schmerz nicht, die Glieder schmerzen von dem Liegen auf einer Seite. An ein Einschlafen ist nicht zu denken, um so weniger, als der Regen lärmend auf das Kukuruzdach schlägt.

Gegen Mitternacht hörte das Schießen auf, und an seine Stelle trat das lebhafte Feuer aus einer einzigen Flinte, was man an der Richtung des Schalles und der Geschosse erkannte. Auch das Feuer, das auf dem Kosovac zu prasseln begann, schien uns nur dazu angetan, uns das Vorhandensein von Feinden vorzutäuschen. Patrouillen wurden vorgesandt, und um 2 Uhr morgens meldeten sie, daß der Berg geräumt worden sei. Ein Bataillon besetzte den Ziegenrücken, der das Berggebiet Serbiens im Norden eröffnet.

Um 5 Uhr morgens brachen wir zur Vorrückung auf. Ich bekam einen Auftrag und mußte 17 Kilometer bis Klenj hinter Zminjak zum Train zurückgehen und dann dem Regimente auf dessen noch nicht bestimmter Route folgen.

Auf der Landstraße hatte ich einen längst entbehrten Anblick zu genießen: auf dem Gleis der schmalspurigen Bahn fuhr mit verkehrter Lokomotive ein Zügle mit Truppen und Transporten in der Richtung Schabatz vorsichtig einher. Kurz darauf kam Zminjak. Am Südausgange, den wir bei unserem Wegmarsche von Zminjak nicht passiert hatten, sah ich eine Kirche, die einen neuen roten Ziegelbau im Kuppelstil der Moscheen darstellte. Das wollte mir nicht gefallen, und ich erinnerte mich hierbei an die Zigarettenfabrik bei Dresden, die sich gleichfalls recht morgenländisch präsentieren möchte und doch nur eine Fabrik ist. Viel inniger, weil unabsichtlicher, war die Verbindung zwischen Orient und Kirche auf dem Friedhofe gewahrt, dessen Kreuze und Gräber schief, ungeordnet, verstreut, von schönem Unkraut und mancher Zierblume geschmückt sind, so daß man sich an die heilige Mosleminengrabstätte im kleinasiatischen Skutari erinnerte.

Beim Train mußte ich warten. Ich kam mit einem Soldaten ins Gespräch, der eines der landesüblichen Hajdi-Wagerl kutschierte. Er erzählte mir mit wichtigem Gehaben, daß er früh einen verwundeten Leutnant unseres Regiments von Lipolist nach Zminjak gefahren und ihn dabei gefragt habe, wann der Schluß des Krieges sei. »Weißt du, was er mir geantwortet hat? Er wisse es selbst nicht. Ist das nicht großartig: die Herren wissen selbst nicht, wann Schluß sein wird!« Ich bekam endlich ein Paar Stiefel, ein unsagbar angenehmes Präsent. Ich zog die alten aus und die neuen an. Zwischen diesen beiden Beschäftigungen ließ ich fünf Minuten verstreichen, fünf Minuten genoß ich – das Gefühl, ohne Stiefel zu sein. Für länger als fünf Minuten bin ich nun seit mehr als vier Monaten nicht ohne Stiefel gewesen. Viermal habe ich seit der Mobilisierung meine Strümpfe gewechselt – gewiß nicht viel, wenn man die großen Hitzen und riesigen Märsche bedenkt. Die neuen Stiefel haben die Größe »12«, während mir schon »15« zu groß wäre. So sieht es aus, als ob meine Beine in den Knien gebrochen wären und daß Schienbein und Waden, in Stiefeln steckend, auf der Erde lägen. Aber besser ist es, in derartigen Skiern zu gehen, als in den Lederfetzen, in denen ich gekommen war.

Auf dem Rückwege begegnete ich einem Krankentransport, der ins Spital abging, Schwerverletzte in Wagen, Leichtverletzte in Binden und Bandagen. Dann kamen wieder Tschužentransporte, der Abtrieb der zurückgebliebenen Zivilbevölkerung Serbiens, hinter die Etappen, ein Beweis, daß wir vorwärtsgegangen sind und neue Dörfer passiert haben, während ich fort war. Auch eine Zigeunerfamilie kam vorbei, die auf dem Wege alle Fetzen sammelte. Die Zigeuner hatten ganz schwarze Gesichter und sahen beinahe wie Neger aus. Einige sehr schöne Mädel waren darunter, aber zu schmutzig, um wachzurütteln. Ich ging über Duvaništì zurück, in der (vergeblich bleibenden) Hoffnung, auf dieser Hauptstraße einen Wagen zu finden, der mich mitnehmen würde. Duvaništì ist ein Dorf voll alter Häuser, unter denen ich zum ersten Male in Serbien ein einstöckiges sah. Nicht einmal in der großen Stadt Leschnitza hatte ich andere als ebenerdige Häuschen gesehen, und auch auf dem Gerichtsgebäude von Crnabara hatte sich unmittelbar über dem Parterrezimmer das Dach erhoben. Dann kam ich nach Lipolist, das sich seit den vier Tagen, da ich es nicht gesehen hatte, sehr verändert hat. Die Serben hatten es, da sie uns darin wußten, furchtbar beschossen, fast kein Haus, das nicht Granatenrisse aufweist, die Kirche aber ist unbeschädigt.

Ich folgte den Spuren des Regiments über Culikoviè und Grustiè, wo ich gegen 6 Uhr abends ankam. Es war bereits stockdunkel, und ich hatte keine Ahnung, wohin ich weiter gehen solle. Zufällig fand ich einen Bataillonshornisten, der mir sagte, er wisse genau, wo das Regiment sei, und gehe gleichfalls hin. Ich segnete sein Kommen und schloß mich ihm an. Nach einer Stunde scharfen Marsches fragte ich ihn, ob er sich nicht im Wege geirrt habe. »Ausgeschlossen«; wo er einmal geritten sei, finde er noch nach Jahren genau den Weg und entsinne sich jeden Grashalmes. Beruhigt zog ich wieder eine Stunde mit ihm über Berg und Tal, Schluchten und Felder, Forste und Gestrüpp und Bäche, und fragte ihn dann wieder. »Gleich, gleich.« Nach zwei Stunden hielt uns ein Posten an. Wir: »Wo ist das Regimentskommando?« – Er wies uns den Weg. So kamen wir zu einer Zeltgruppe, und ich fragte, wo das Regimentskommando sei. »Hier.« Glückselig fragte ich den Telephonisten, ob Oberstleutnant Steinsberg da sei, dessen Ernennung zum Oberst ich beim Train erfahren hatte und ihm als erster mitteilen wollte. »Steinsberg? Gibt es nicht.« – »Wie? Was ist denn hier für ein Regiment?« – »102.« Wir waren also fehlgegangen, ich schnürte mein Bündel und ging mit dem Trompeter von neuem auf die Suche, wir kamen weiter nach Serbien, aber nicht näher zum 11. Regiment. So entschloß ich mich, zurückzukehren und bat bei Regimentskommando 102 um ein Plätzchen zum Schlafen und etwas Kaffee. Aber man machte sich keinerlei Ehre daraus, beim jüngsten Regiment der Monarchie einen Soldaten des ältesten Regiments zu beherbergen, und verlassen, hungrig, frierend, obdachlos saß ich im Gestrüpp. Da kam ich mit einem Soldaten ins Gespräch, der fragte mich nach einigen Elfern und erzählte mir, daß hier nicht nur das Regimentskommando, sondern auch die 17. Brigade in den Zelten lagere. Nun suchte ich schnell den Ordonnanzoffizier Leutnant Dr. Hans Thorsch auf, mit dem ich auf der Paraschnitza viel zusammen war. Dr. Thorsch erstaunte nicht wenig, zu so später Nachtstunde auf offenem Felde noch Besuch zu bekommen, aber er freute sich und ließ mir aus einem Fasse ein Glas Bier einschenken, sage und schreibe: Bier! Da vergaß ich meine 42 Kilometer, die ich heute mit vollem Tornister zurückgelegt hatte, und schlief im seligen Bewußtsein ein, einen Genuß gehabt zu haben, den ich nie mehr zu erhoffen gewagt hatte: Bier.

 

Mittwoch, den 11. November 1914.

Durch eine romantische Höhenlandschaft wandernd, ging ich von ½5 Uhr früh ab und kam gegen 8 Uhr beim Regimentskommando an, das in dem Orte Desiè auf einem Hügelkamme lagerte. Um 9 Uhr früh marschierten wir fort: allgemeine Direktion Valjevo. In Rumsko rasteten wir. In einem Hause fand ich eine ganz abgehärmte, junge Frau mit einem Säugling im Arm, die mir erzählte, daß ihr Mann vor einigen Tagen im Kampfe gegen uns gefallen sei. Sie bot mir Rakja an. Ich lehnte ab und suchte ein anderes Haus auf, das schmutziger war. Rumsko hat keinen einzigen Brunnen, aber unter den zurückgebliebenen Dorfbewohnern konstatierte der Chefarzt die Schwarzen Blattern.

Liebe Mutter!

Herr Regimentstambour Rašín ist so liebenswürdig, Dir dieses Notizbuch mitzubringen, und Dir von meinem Wohlbefinden zu erzählen.

Dein Egon.

 

Donnerstag, den 12. November 1914.

Um 8 Uhr früh brachen wir von Rumsko auf. Der Weg unserer Brigade führte in nordöstlicher Richtung. Ein greiser serbischer Bauer ging vor unserer Kolonne, und dieser serbische Ephialtes zeigte uns besser als alle Spezialkarten den Weg gegen seine serbischen Brüder. Die Gegend ist herrlich, begeisternd schön. Die unheilvollen Berge ließen wir links liegen und gehen das Tal der Dobrave an wundervoll grünen Triften und sanften Hügeln entlang. Manche der niedrigen Hügellehnen ist ganz steil abfallend, aber die Bauern haben sich dadurch nicht abhalten lassen, auf diesen schroffen Hängen Obstgärten und Weingärten anzulegen, viele Häuser haben schwarze, im stumpfen Winkel aufgesetzte Dächer, die höher sind als die Häuser, die sie bedecken; diese Dächer sehen wie die schwarzen, hohen Lammfellmützen der serbischen Bauern und Hirten aus. Die Dörfer sind nicht mehr so verödet, wie jene, die wir am Anfang unserer Tour vorgefunden hatten. Abgehärmte Frauen, Greise und Kinder standen am Wege vor ihren Hütten, an deren Zaun sie irgendein weißes Tuch oder Wäschestück ausgesteckt haben, zum Zeichen, daß sie friedlich gesinnt seien. Auf den Feldern stand manchmal der Pflug in einer begonnenen Furche – der Besitzer hatte ihn mit dem Gewehr vertauscht. Auch die Gärten, die in langer Schwarmlinie die Felder umstellen, harren noch der Einbringung, ebenso wie die großen Schober. Durch Wälder geht der Weg, die vom Herbst wundervolle Farben erhalten haben, die Blätter sind rot, ockergelb, braun, grünlich und golden und knistern unter unseren Schritten. Mulden, Täler, lange Höhenrücken, weiße Häuser, Klöster zeigen sich, und die Berge, die bis zum vorgestrigen Tage uns mit Vorahnungen des Entsetzens erfüllt und uns bei unserer ersten Kampagne in Serbien schon vor vier Monaten so bitteres Leid zugefügt hatten, bleiben weit hinter uns zurück. Der Blick auf diese abgewendete Gefahr oder nach links auf die sanften Höhenlinien erfüllte auch den nicht besonders lyrischen Soldaten mit angenehmer Stimmung. Dieses wohltätige Erfülltsein konnte nicht ganz schwinden, als der Marsch sich unsäglich in die Länge zog, es kalt zu werden, zu dämmern anfing, es dunkel wurde und wir noch immer nicht unsere Nächtigungsstation erreicht hatten. Wenn man zwei Schritte marschiert war, wurde Halt befohlen, man blieb einige Minuten stehen, dann ging die Vorrückung weiter. Das machte die Leute ungehalten, und wenn man auch anfangs annahm, daß durch Stockungen der Kolonne diese Verzögerungen herbeigeführt seien, so vermutete man bald, daß andere Gründe dafür vorhanden sind, vielleicht unvermutete Behelligungen durch den Feind oder dgl. Die Abteilungskommandanten ordneten an, daß keine Zigarette angezündet und kein Wort gesprochen werden dürfe, aber als wir um ½10 Uhr abends in einen Ort kamen, sahen wir weithin lodernde Wachtfeuer, um die ungarische Soldaten aneinandergepreßt saßen, singend, Harmonika oder Karten spielend, viel fröhlicher als die tschechischen Soldaten, die, seit sie Böhmen verlassen haben, alle von tiefer Schwermut befallen scheinen, die sich selbst in scherzhaften Situationen nicht verleugnet. Das nasse Holz der Feuer knisterte, und die Funken dieses Feuerwerkes übersäten das ganze Dorf mit silbernen Sternchen. Unsere Brigade war in die Marschroute des 13. Korps geraten, wie es heißt, irrtümlich. Nun hieß es, schnell eine Nächtigung zu finden. Auf einem offenen Felde bei Stolice zwischen Metliè und Moravska in stockfinsterer Nacht erscholl nun ein Tohuwabohu von Befehlen, ein Wirrwarr von Kommanden, Kompagnien suchten ihre Bataillone, Soldaten ihre Kompagnien, Bataillone das Regimentskommando, Freunde ihre Freunde, Offiziersdiener jagten nach Zeltblättern für ihre Herren, es begann zu regnen, niemand hatte Zeltpflöcke, kurzum, es war sehr schön, und ich baute mir am Rande eines nahe beim Felde stehenden Wäldchens ein Zelt, in dem mein Schlafsack gerade Platz hatte, legte mich hinein, befestigte auf dem Griffknopf des Gewehres, das den Grundpfosten meines leinenen Hauses bildete, ein Kerzenstümpfchen und schreibe jetzt dieses Tagebuchblatt.

 

Freitag, den 13. November 1914.

Dem heutigen Tag, der Freitag und zugleich der Dreizehnte ist, hatte ich schon seit Wochen mit Befürchtungen entgegengesehen, und der Tag hat den Erwartungen voll entsprochen. Der Regen peitschte uns um 5 Uhr früh aus dem Zelt, das trotz des umgebenden Wassergrabens, den wir abends geschaufelt hatten, vollkommen überschwemmt war. Der Frost war über Nacht so ungeheuer geworden, daß man nicht einmal die Handschuhe anziehen konnte, so erfroren waren die Fingerspitzen. Die Fahrküche hatte uns im Kot nicht folgen können, Brot hatten wir nicht gefaßt, die Zwieback-Reserveportion (genannt »Hundekuchen«) längst aufgegessen, so mußten wir, vor Frost klappernd und vor Hunger fast sinnlos, in die Einteilung zum Marsch, während man vor Regensträhnen und Nebel kaum den Tragriemen des Gewehres finden konnte. Zigaretten! Gestern hatten wir uns noch aus Kommiß-Pfeifentabak und dem zugehörigen Packpapier feine Papyros gedreht, heute war gar nicht daran zu denken, das Paketchen aus der Tasche zu zerren, das nötige Quantum von Tabak gefühlsmäßig herauszugreifen, mit liebevollem Gefühl im Papier zu ordnen und es dann sanft zurechtzuwalzen. Alle Leute, die nur Husten und Stockschnupfen in der Nacht davongetragen hatten, waren gegen jene Armen zu beneiden, die vor Rheumatismus und Zahnschmerz kaum einen Schritt machen konnten. Die Tornister und Decken waren von der Nässe so schwer geworden, daß man unterhalb der Tragriemen blutige Striemen auf den Schultern zu spüren begann und die Last den Mann rücküber zu stürzen drohte.

Aber Hunger, Frost, Regen, Nebel, Rauchernot, Rheumatismus, Bepacktheit und Durchnäßtheit waren noch lange nicht die ärgsten Übel dieses dreizehnten Novembertages. Die ärgste Not war der Kot. Die Kotmassen bedeckten die ganze Gegend, daß Felder, Straßen und Straßengräben äußerlich voneinander nicht zu unterscheiden waren; erst wenn man plötzlich bis zur Patronentasche einsank, merkte man, daß man in einen cachierten Straßengraben geraten sei. Immerfort glitschte man aus, so vorsichtig man auch das Gewehr als Balanzierstange benützte, und fuhr der Länge nach zu Boden. Auf die Stiefel häuften sich Kotpatzen und machten sie schwer, wie die Bleikugeln an den Fußfesseln der Katorgasträflinge. Ich dankte Gott, daß ich die neuen Stiefel hatte, aber dafür war mir ein anderes Malheur zugedacht. Seit Pisek trug ich, da sämtliche Knöpfe meiner Hose den Weg alles Irdischen gegangen sind, keine Hosenträger mehr und auch keinen Leibriemen, aber da das Beinkleid eng war, brauchte ich es auch nicht. Infolge der unterbliebenen Nahrungsmittelzufuhr bin ich jedoch so abgemagert, daß die Hose nun doch hinunterrutschte. Über die Stiefel konnte sie zwar nicht fallen, da ich Hosenspangen trage, doch fühlte ich, wie der Antipode des Bauches unter dem Mantel fast hüllenlos war, was um so unangenehmer war, als ich infolge der Tornisterlast beim Hinfallen immer gerade diese Gegend mit dem nassen Erdboden in Berührung bringen mußte. Dabei war das Terrain keineswegs eben, sondern es ging über Täler und Höhen, über Höhen und Täler, bei welch letzterer Gelegenheit man sich einfach niedersetzte, um in dem Kot hinunterzurutschen.

Ein ganzes Regiment im unregelmäßigen Gänsemarsch und fortwährend stockend, kann man sich überhaupt nicht vorstellen, es war mindestens 5-6 Kilometer lang. Es sah nicht wie ein Vormarsch aus, sondern wie der zügellose Rückzug eines geschlagenen Heeres. Dieser Eindruck wurde noch verstärkt, als sich unsere Kolonnen und jene des 13. Korps miteinander vermengten und viele unserer Soldaten mit Kroaten und Magyaren einhertrotteten, ohne zu merken, daß sie in ein falsches Armeekorps geraten seien. Alles fluchte: »Wenn es doch nur irgendein Ende nähme!« – »Lieber krepieren als solche Strapazen.« In diese Flüche der Mannschaft mischte sich ein verzweifelt klingendes Geschrei: es waren die Kanoniere, die vergeblich mit Sporen, Zerren und Schreien die sich aufbäumenden Pferde zu der schier unmöglichen Arbeit veranlassen wollten, in diesem Ozean von Kot die Geschütze vorwärts und aufwärts zu bringen. Jede Weile blieb eine Kanone so tief im Dreck stecken, daß ein Rad überhaupt nicht zu sehen war, man spannte sechs Ochsen und drei Paar Pferde vor, das Fußvolk, das die Geschützbedeckung bildete, stieß von rückwärts, und die Bemühungen währten oft länger als eine Stunde, bevor sie Erfolg hatten. Dieser Lärm ging durch Mark und Bein und muß auf Meilen hörbar gewesen sein.

Gestern hatten wir die Nackenschützer hervorgeholt, um uns vor der Sonne zu schützen. Heute trug man Schneehauben unter den hinuntergeklappten Ohrenschützern der Mützen. Gestern waren wir noch auf den von serbischen Arbeitsmannschaften für das serbische Heer frisch hergerichteten Straßen gezogen, heute ging es durch Gebirge von Straßenkot, gestern trugen wir unsere normale Last, heute ist das Rüstzeug von Nässe und Kot unermeßlich beschwert. Die fast lyrische Stimmung von gestern hatte heute in eine verzweifelte umgeschlagen.

Aber so unwillig man sich vorwärts schleppte, – das eigene Leid verschwand vor einem fremden, das uns begegnete, und bei dessen Anblick sich die Flüche in Ausrufe des Bedauerns verwandelten: das waren die Kolonnen der vor uns geflüchteten Dorfbewohner der Maèva, die wieder in ihre Hütten zurückkehrten. Das waren grausliche Rückwanderer-Züge. Auf kleinen Fuhren, vor welche Kühe gespannt waren, und die mit grellbunten Decken, Polstern und anderem Hausrat sowie Gerümpel schwer beladen waren, übersiedelten die Armen heim. Das Vieh konnte auf der aufgeweichten Landstraße nicht vorwärts, und die armen Leute mußten selbst Hand anlegen, aber das ging noch schwerer als bei der Artillerie, denn es waren ja nur Greise, Frauen und Kinder, die die traurige Übersiedlung bewerkstelligen mußten. Auf den Wagen hockten Mütter mit Säuglingen und Kinder, die wimmerten, weinten oder lachten. Mädchen trieben Gänse, größere das Vieh neben dem Wagen einher, andere schoben rückwärts den Wagen an. Eine war sehr hübsch; als sie bemerkte, daß sie Aufmerksamkeit errege, schneuzte sie sich kokett mit der Hand das Näschen. Häufig blieb ein Wagen der Dörfler unwiederbringlich im Kote stecken, oder eines des Zugsviehes stürzte um, totes Vieh lag auf der Straße, manchmal auch ein umgekippter Wagen, dessen Inhalt umherlag. Die Besitzer standen ratlos dabei, und ihre Verzweiflung schnitt uns ins Herz. Wir konnten ihnen aber nicht helfen.

Ohnedies zerriß die Rückwandererkolonne unsere Marschordnung noch mehr und hinderte uns auf Schritt und Tritt, so daß die Ansicht einiger Offiziere, daß uns die Serben die Armen absichtlich entgegengeschickt haben, nicht unwahrscheinlich war.

Nachmittags kamen wir im Orte Draginje-Bošnak an. Die Kompagnien rangierten sich, und man befreite sich von der Last des Rüstzeuges. Da wir Hunger hatten, begannen wir die Hetzjagd gegen ein Schwein. Bei dieser Sauhatz gelang es mir zwar, das Tier mit einer Latte über den Kopf zu schlagen, aber ich sauste dabei in den Kot und schlug mir die Hand blutig. Das Wild wurde mit weiteren Schlägen betäubt und dann durch einen Bajonettstich in den Hals geschlachtet. Dann brieten wir es am Rost. Ich selbst briet mir fettes Fleisch zu Krammeln. Es dürfte keineswegs mein gastronomisches Ungeschick, sondern der Mangel an zugehörigem Brot die Schuld daran sein, daß mir nach dem Genusse der Krammeln elend zumute war. Trotz Müdigkeit konnte ich nicht einschlafen, weil ich immerfort Brechreiz hatte. Ich wartete sehnsüchtig auf die Mitternacht – das endliche Ende des Unglückstages. Sie kam, ohne daß ich einen Schuß in den Bauch oder Kopf erhielt, der mich zum geistigen oder körperlichen Krüppel gemacht hätte. Das hatte ich für heute erwartet. Wenn aber der Tod heute gekommen wäre, wäre es ein Beweis dafür gewesen, daß der Tod kein Glück und keine Erlösung ist. Denn das Glück kommt nicht an einem Unglückstag.

 

Samstag, den 14. November 1914.

9 Uhr früh Abmarsch. Im Orte ist die Proklamation des österreichischen Oberkommandos an die Bevölkerung angeschlagen, in der sie zur Ruhe und friedlichen Gesinnung aufgefordert wird. Die Proklamation ist nur in deutscher Sprache affichiert, so daß sie keine Wirkung haben kann. Wahrscheinlich konnte man die cyrillischen Plakate nicht so schnell herstellen.

Immer mehr der heimkehrenden Familien begegneten wir, auch Männer, die anscheinend in wehrfähigem Alter sind, waren darunter. Die Knaben haben die olivengrünen Mützen der serbischen Soldaten auf, viele Knaben und auch Frauen haben serbische Uniform-Blusen samt der Aufschläge. Heitere Aufmerksamkeit erregten unter uns die Frauen, die unsere feldgrauen Blusen trugen. Massenhaft Zigeuner gibt es hier. Die Leute sind schon mutiger geworden, sie stehen vor ihren Hütten und schenken uns Rakja und Wasser, um unsere Gunst zu gewinnen. Wenn man sie etwas fragt, neigen sie sich devot bis zur Erde und versichern, daß sie unsere »untertänigsten Diener« seien, und wenn Offiziere vorüberreiten, schwingen sie die Mützen und schreien: »Živio Austria«. Natürlich würden sie begeistert auf uns schießen, wenn wir nachts auf einem Rückzuge durchkommen sollten. Im übrigen haben die Leute schon viel Furcht vor uns verloren. Früher hatten sie um ihr Leben gezittert, jetzt betteln sie uns schon um Tabak an. Kleine Knaben, vier bis fünf Jahre alt, verkauften Speck und wußten dabei so gut zu feilschen, wie die Alten.

Von ½4 Uhr an wurde vor uns starkes Artilleriefeuer, gegen 4 Uhr auch Gewehrfeuer in bedrohlicher Nähe hörbar. Der Marsch dauerte lange über den Anbruch der Dunkelheit hinaus. Die Kolonnen gerieten in schreckliche Unordnung, die Hälfte der Truppen verlor sich und vermengte sich wieder mit den Kroaten und Ungarn und irrte dann stundenlang umher. Oft veranlaßt ein Licht den Verirrten, dort das Truppenlager zu vermuten. Aber es ist ein anderes, noch viel traurigeres Lager: Es sind die armen Obdachlosen, die auf dem Rückwege zur verlassenen Scholle jetzt Nachtruhe halten. Sie hocken im Kot um das Feuer, durch ein improvisiertes Strohdach etwas gegen Wind und Wetter geschützt. Kinder lehnen schlafend an dem Arm der Mutter, andere wimmern leise. Und die Großen starren in das Feuer.

 

Sonntag, den 15. November 1914.

Der Tag ist trübsinnig und regnerisch. Wir hatten um 12 Uhr nachts auf einem nächst Bøezovica gelegenen Feld die Zelte aufgebaut, beziehungsweise nicht aufgebaut. Die Gegend ist sehr reich an Pflaumen, in jedem Hause sind ganze Berge von gedörrten Exemplaren aufgeschichtet. Eine Povidelfabrik stand an dem Wege, ihr Magazin, aus Hunderten von Fässern bestehend, wurde mit Hurra im Sturme genommen, und unsere Leute schaufelten das Pflaumenmus mit dem Feldspaten aus den Tonnen. Auch in Sudnica-Pambukovica, wo wir in einer auf Pfählen erhöht erbauten Futterkammer nächtigten, stand ein fast drei Meter hohes Faß mit angefaulten Pflaumen, aus denen Branntwein gepreßt wird. Unser Lager riecht nach Heu, die Kräuter darin betäubten fast mit ihrem an Balsam und Pfefferminz gemahnenden Geruch.

 

Montag, den 16. November 1914.

Von der uns Tag für Tag mehr beschäftigenden Frage bewegt, ob Valjevo oder Kragujevac unser Ziel sei, oder wo wir sonst mit den Serben zusammenkommen würden, gingen wir heute um 7 Uhr früh gegen Osten, Richtung Lajkovac, uns von Valjevo etwas entfernend. Das Gefühl dieser großen Märsche ist jetzt immer gleich. Die Füße naß, die Stiefel schwer, die Straße kotig, die Hitze lähmend. Aber das Ärgste ist die Bestie im Kalbfell, die sich in unser Rückgrat festgebissen hat. Nur ein kurzer Entschluß und man könnte sich des Feindes im Rücken mit einem einzigen Ruck entledigen, aber man schleppt das Tier weiter mit sich, in der Hoffnung, es an Ort und Stelle zu verwerten. Unbildlich gesprochen: Er enthält nicht viel, der Tornister, aber wenn ich die Konserven, das bisserl Winterzeug, die Patronen in den Brotsack stopfen wollte, bliebe auf meinem Rücken der Schlafsack, dem ich bei Tage fluche und den ich bei Nacht segne. Er ist ein schönes Nachtquartier, das man sich aber auf dem Marsche täglich im Schweiße seines Angesichtes verdienen muß.

Über Zwidar kamen wir nach Ub, einer großen Stadt. Mit europäischen Buchstaben stand auf einem Hause die deutsche Aufschrift »Hotel Serbien«, und statt der »Gemischten Warenhandlungen«, der Warenhäuser der Dörfer, sah man jetzt spezialisierte Geschäfte, sogar eine Sargtischlerei. Auf der Straße lagen großmächtige Folianten, wahrscheinlich Steuerbücher oder Grundbücher, total zerfetzt und beschmutzt. Die Straßen sind gepflastert, wenn auch holperig. Die Stadt ist leer von Bewohnern, voll von unseren Truppen und Kommanden, die in den Geschäften und auf der Straße und in den Schmiedewerkstätten hantierten und amtierten, Generalstäbler, Schreiber, Kurschmiede und Kanoniere. Hinter Ub konnten wir auf der Landstraße gar nicht vorwärts, so ungeheuer waren die Wagenkolonnen der Rückwanderer. Die Bauern blieben neben den Wagen stehen, um uns passieren zu lassen. Dabei sah ich, wie eine Bäuerin von einer Zigeunerin abrückte. Der Klassenunterschied ist noch nicht erloschen. Auch jetzt, da die Bäuerin als obdachloses Bettelweib durch das Land zigeunert, wahrt sie zwischen sich und der Zigeunerin die Distanz. In Ruklade nächtigten wir auf Stroh in einem ehemaligen Gasthauszimmer auf dem hügeligen Südausgang des Ortes, während nicht weit von uns Kanonendonner und auch Gewehrfeuer hörbar ist.

 

Dienstag, den 17. November 1914.

In das Geknatter der Flinten mischte sich das laute Gepolter der schweren Haubitzen und Kanonen, die links von uns auf der Straße vorrückten. Die zwei Brücken über das Flüßchen Cikanka und über den Fluß Kolubara sind vom Gegner abgebrochen, aber heute nacht von unseren Pionierabteilungen repariert worden. Wir gingen um 7 Uhr früh, in Schwarmlinie entwickelt, etwa eine halbe Stunde gegen Süden vor. Auf Cote 135 blieben wir auf einer sumpfigen Wiese als Divisionsreserve bis zum Anbruch der Dunkelheit liegen. Unsere Unterhaltung bestand darin, uns in den Morästen Gesicht und Hände zu waschen (wieder einmal seit 18 Tagen), Haare zu schneiden und zu rasieren, und den Kot der Woche mit dem Bajonett von Hose und Mantel zu schaben. Dabei wurde auf den Bergen mit Vehemenz geschossen, aber gegen die Dämmerung zu ließ das Gewehrfeuer nach.

 

Mittwoch, den 18. November 1914.

In sintflutartigem Regen gingen wir früh nach Lajkovac, und richteten uns dort im Stationsgebäude mühselig ein nettes Quartier ein. Dann kamen die 73er, denen dieses Rayon eben zugewiesen worden war, und warfen uns hinaus. Wir fluchten. Immerhin: Ich habe von dem fünf Minuten dauernden Quartier im Bahnhofe von Lajkovac einen Vorteil davongetragen; ich fand im Kehricht serbische Zeitungen. Trotzdem diese schon fast drei Wochen alt waren, trotzdem es sich meistenteils um Exemplare des serbischen Amtsblattes »Srbske Novine« handelt, und trotzdem mir das Buchstabieren der cyrillischen Lettern immer noch einige Mühe macht, entzifferte ich das Blatt vom amtlichen Teile bis zu den Todesanzeigen der Offiziere, erfreut darüber, endlich die Presse einer feindlichen Macht einmal lesen zu können. Besonders interessierte mich die Darstellung der Kämpfe in Bosnien, in denen (ohne Zweifel wahrheitsgemäß) die Zurückweisung unserer Angriffe dargelegt wurde. Beim Divisionskommando erfuhr ich vom Tode zweier Menschen, die mir wert waren: Oberleutnant Dr. von Schönfeld war gestern in der Schwarmlinie getötet worden. Man zeigte mir seine Leiche, sie lag in einem eilig gezimmerten Sarg mit offenen Augen und einem freundlich lächelnden Gesichte. Eine Stunde später bereitete man ihm ein besonderes Begräbnis, denn er war wegen seiner Liebenswürdigkeit außergewöhnlich beliebt. Der Divisionär und die Brigadiere, die Generalstäbler, Sanitätschef, Intendanzchef, Ordonnanzoffiziere, Divisionspfarrer und Telephonoffiziere waren erschienen, und der Stabszug der 14er Dragoner rückte aus.

Der zweite Tote (der gestern bei der Rekognoszierung eines Brückenzustandes den Tod gefunden hat) ist Dr. Hans Thorsch. Dr. Thorsch war als geistvollster Verteidiger vor dem Divisionsgerichte eine äußerst geschätzte Persönlichkeit in unserem Gefechtsbezirk. Mich selbst hatte er vor acht Tagen, als ich mich zu 102 verirrt hatte, mit Bier bewirtet. Seine Leiche liegt vor unserer Linie und ist noch nicht geborgen.

 

Donnerstag, den 19. November 1914.

Als ich in der Nacht nach Hause stampfte, hatten Finsternis und Kot geherrscht, daß ich trotz meiner Vorsicht jeden Moment in einen Holzpflock oder Baum lief; die Lehmklumpen hatten mir ins Gesicht gespritzt, und das Wasser war in meine Strümpfe gedrungen. Aber als ich früh heraustrat, war es so hell, daß mich die Augen schmerzten: Schnee ist gefallen! Er lagerte in dicker Schicht auf den Plachen der landesüblichen Fuhrwerke, auf den Zeltblättern, die den Bagagetrain zudeckten, auf den Schindeldächern der Lajkovacer Häuser, auf den horizontalen Querlatten der Zäune, auf den Waschtrogen, auf den Ästen und auf den oberen Teilen der schiefen Baumstämme. Auf der Erde war der Schnee allerdings einstweilen im Kampfe mit der Übermacht des Kotes unterlegen. Nur auf besonders hohen Kothügeln oder Erdwällen hatte er sich festgesetzt und auf dem hügeligen Fuße der Bäume eine Deckung gesucht. Sonst hatte er sich damit begnügen müssen, die konkaven Teile der Kotlandschaft zu bezuckern, während andererseits die Schneestücke mit der braunen Sauce besprengt waren. Die Schweine rieben sich vor Frost ihr Fell an Bäumen, wir wärmten uns an Feuern, die an den Pflöcken angebundenen Pferde und die von den Soldaten umhergeführten drängen sich mit ihrem Hinterteil an das Feuer, das sie sonst wie den Tod fürchten, aus der Schwarmlinie kommen Marode mit aufgeschwollenen Handgelenken und steifen Hälsen – der Winterfeldzug beginnt. – Monsignore Zhánìl celebrierte in dem Raume, in dem wir geschlafen hatten, eine Totenmesse für Oberleutnant Schönfeld, nach welcher sich Prinz Lobkowitz und Graf Schönborn das Abendmahl reichen ließen. Am Schlusse der Feier gedachte der Feldkurat der Kaiserin Elisabeth, deren Todestag heute wiederkehrt. Nachmittags kamen 300 serbische Gefangene, größtenteils Überläufer, und standen in zwei Reihen formiert im Hofe der Division.

In meinem Leben habe ich selten eine Tat bereut, die ich aus freiem Antriebe unternommen habe. Aber heute fluchte ich an tausendmal, daß ich mich entschlossen hatte, mir Heu zu holen. Zu dieser Absicht war ich dadurch gelangt, daß mich seit meiner Erkältung von vorgestern der Rücken maßlos schmerzte, daß ich an eine Lungenentzündung glaubte und bei Nacht auf den kalten Steinfließen des Quartiers noch eine Verstärkung dieses Schmerzes fürchtete. Der Weg bis zum Heu zog sich über eine Stunde und ist nicht zu beschreiben, er führte über Sümpfe, in denen man bis an das Knie einsank, wenn ich aber eine festere, trockenere Stelle vermutete, auf die ich den Fuß setzte, dann fiel ich bis über den Schenkel in das Wasser. Als ich endlich zu dem Heuhaufen kam, bemerkte ich, daß ich vergessen hatte, mir einen Strick zum Binden mitzunehmen. Zu meinem vermeintlichen Glück hatte ich (aus Furcht, daß mir jemand im Quartier mein eben erbetteltes Stück Brot und Käse stehlen könnte) meinen Brotsack umgehängt und schnürte nun damit das Heubündel. Die Schnur des Brotsackes riß. Ich band sie zusammen, aber nur schlecht, denn ich merkte, daß beim Tragen meine Last abbröckle. Endlich riß der Strick ganz, Brotbeutel und Heu fielen in den See, in den die Straße verwandelt war. Mit schmerzenden Gliedern brachte ich das teuer erkaufte Gut in den Händen heim, dabei bemerkte ich, daß ich richtig den ganzen Inhalt des Brotsackes verloren hatte. Dann wurde ich dienstlich abberufen, und trotzdem ich einen Freund als Posten zu meinem Nachtlager gestellt hatte, damit mir niemand mein Heu entwende, fehlte bei meiner Heimkehr die Hälfte des »Bettes«. Ich kann vor Erkältung kaum atmen.

 

Freitag, den 20. November 1914.

Die Divisions-Sanitätsanstalt bekam heute viel Zuwachs. Man brachte Kranke, darunter serbische Soldaten mit erfrorenen Gliedmaßen, von Rheumatismus Geschwollene, Verwundete, die stöhnten und starben. Es war gräßlich, auch nur einen Augenblick sehen zu müssen, wie man die Schwerverletzten zum Abtransport in das Feldspital in die Krankenwagen auflud. Im Spital lernte ich den Sanitätsoffizier Sch. kennen, der einmal bei einer Prager Dame mein Nebenbuhler war. Wir hatten einander bisher persönlich nicht gekannt. Als ich ihn an unsere Rivalität erinnerte, schaute er mich sprachlos von oben bis unten an, als ob er sagen wollte: Du bist das?, und sein Entsetzen darüber, daß er und ich, ein so zerlumpter und schmutziger Patron, einander in einer Chose d'amour überhaupt in die Quere kommen konnten, vermochte er nicht zu verhehlen.

 

Samstag, den 21. November 1914.

Das Leben bei der Division kommt mir geradezu verbrecherisch vor. Ich will nichts gegen die Generalstäbler sagen, die nicht einmal zum Essen Zeit finden, aber was sich hier an Ordonnanzoffizieren, Stabskompagnie-Kommandanten, Telephonoffizieren, Auditoren, Trainoffizieren, Intendanten, Menageoffizieren, Akzessisten, Proviantoffizieren und dergleichen herumtreibt, ist nicht zu beschreiben. Diese Herren zerreißen sich das Maul, wenn die Dukatenbuchteln oder der Marmelade-Pfannkuchen (von Berufskonditoren hergestellt) irgendeinen formalen Fehler haben. Unsere alten Stabsoffiziere, die längst pensioniert waren und mehr oder minder freiwillig in die Schwarmlinie eingerückt sind, bekommen tagelang keine Menage und Mehlspeise hat noch keiner gesehen. Aber in der Offiziersmenage geht es wie in einem Gasthause zu. Früh ist Kakao zum Frühstück, gegen 10 Uhr ein Gabelfrühstück, Gulasch, Kotlett oder Schweinsbraten, mittags drei opulente Gänge samt Zigaretten, Zigarren und Wein, abends Karbonaden oder ähnliche Leckerbissen mit Tee, Rum und Kognak, Eier oder Käse. Ich hatte Gelegenheit, dabei zu sein, als sich früh ein Trainleutnant ankleidete; sich das Nachthemd auszog, das Taghemd parfümierte, den Halsstreifen wechselte, die Hose aus dem Spanner nahm, sich des Zahnbürstchens und der Zahnpasta und des Rasierapparates bediente, sich das in der Küche gewärmte Wasser vom Diener bringen ließ, über eine halbe Stunde mit der linearen Herstellung seines Scheitels zubrachte und – nach dem Friseur schickt, damit er ihm die Haare im Nacken ein wenig gradschneide. Unser alter Oberst hat sich seit Wochen nicht waschen können.

Oberstleutnant Robert Bischitzky wurde heute von einer Kugel getroffen, die ihn und den Hauptmann Stolz von 73 traf. Beide Bataillonskommandanten waren sofort tot.

 

Montag, den 23. November 1914.

Gestern wurde Leutnant Dr. Thorsch bestattet, heute begrub man den Oberstleutnant Bischitzky und den Fähnrich Ferda von unserem Regiment auf dem kleinen improvisierten Offiziersfriedhof. An der Beerdigung nahm niemand teil, man hatte sich nicht einmal die Mühe genommen, die Legitimationskapsel des Fähnrichs nachzusehen, in der hätte man lesen können, daß er mosaischer Konfession gewesen war, sonst hätte man ihm wohl kein Kreuz auf das Grab gesetzt.

Selbst das Unvermutete ist immer irgendwie vorbereitet, selbst die Katastrophen. Heute haben zwei Soldaten auf folgende Weise den Tod gefunden: Sie wurden, als sie in der Deckung lagen, durch Flankenschüsse getroffen, einer in den Fuß, der andere in den Arm. Als sie daraufhin aufsprangen (vor Schmerz oder um sich zu verbinden oder um zum Hilfsplatze zu eilen), traf die blutenden, bereits mit dem Gefühle eines erhaltenen Schusses bekannt gemachten, bereits aus dem Zustande des gesunden Lebens herausgerissenen Männer eine Granate und tötete beide.

Ein zweiter Fall: Vor einigen Tagen war der Rechnungsunteroffizier Johann Mikšièek, Förster und Sohn des Bürgermeisters von Mirotic vom Regimentsarzt zurückgesendet worden, da dieser eine schwere Pneumonie bei ihm konstatiert hatte. Alle bedauerten den armen Mikšièek, der weder als Forstmann noch als Soldat seine Liebenswürdigkeit verlernt hatte, alle wünschten ihm in langen Gesprächen Genesung und ergingen sich in Lobeshymnen über ihn, als ob er bereits tot sei. Inzwischen hatte sich – wie man heute erfuhr – Mikšièek bereits erholt und war im Begriffe, der Truppe nachzukommen. Dabei hatte er auf der Landstraße einen eben eingerückten Rekruten namens Zobal zur Rede gestellt, weil dieser einen ihm anvertrauten Kranken hilflos auf dem Wege zurückgelassen hatte. Der in der Kriegseile jedenfalls schlecht ausgebildete Rekrut hatte frech geantwortet, Mikšièek ihn in der Erregung angefaßt, worauf Zobal das Gewehr von der Schulter riß und Mikšièek durch einen Herzschuß tötete. Der Feldwebel Mudra, ein Zeuge des Vorfalles, ließ den Mörder, der ruhig und mit zynischen Bemerkungen seinen Weg fortgesetzt hatte, in Ub von einem Feldgendarmen verhaften, und dort wurde Zobal gehängt. Das Tagesgespräch bei unserer Truppe bildet das Bedauern über den gräßlichen Tod Mikšièeks, aber eigentlich war jeder auf den Tod Mikšièeks vorbereitet gewesen, und nur die Art des Todes überraschte, nicht der Tod selbst.

 

Dienstag, den 24. November 1914.

In der Feuerlinie war mein Gemütszustand nur durch die Leiden der Physis (der eigenen und der anderen) gedrückt worden. Die seelischen Eindrücke waren, wenn nicht gerade eine Verwundung oder der Tod eines Kameraden mich betraf, im allgemeinen nicht die ärgsten. Ja, die Primitivität des Lebens hat mich oftmals direkt erfreut, und wenn ich sah, wie ein Offizier einen Infanteristen, dem er im Frieden kaum auf den Gruß gedankt hätte, um ein Stück Brot oder ein Zigarettenpapier bettelte, freute ich mich über diesen Vollzug der Gleichheit.

Begegnung mit dem Dichter. Er ist bei der Divisionstelephonabteilung tätig und trägt einen abendfüllenden Umhängebart, dessen beide Spitzen mit den Brustwarzen zusammenfallen. Der Offizierskoch, der mir am ersten Tage zu essen gegeben hat, hat mir ihn auf den Hals gehetzt, um ihn loszuwerden. So schulde ich dem Koch nichts mehr für sein Essen, wir sind quitt. Der Dichter also ist Forstbeamter, Dichter, Unteroffizier und Kretin zugleich; er hat irgendeinmal ein albernes Forstgedicht und ein patriotisches Schülerlied gelesen, und aus Zitaten dieser beiden Gedichte setzt sich seine ganze äußerst produktive Dichtkunst zusammen, die von »Wald und auf der Heide« und »O du mein Österreich« wimmelt, und deren Erzeugnisse er fein säuberlich mit eigens mitgeschleppter Tinte in ein Notizbuch einträgt, auf Feldpostkarten in die Welt sendet und allen Leuten vorliest, deren er habhaft wird. Ich hätte nicht geglaubt, daß es noch solche Menschengattung gäbe, die derartige Verse nicht nur fabriziert, sondern sie auch ernst nimmt. Und wie ernst nimmt! »Sie sind ja ein zweiter Goethe«, sagte ich ihm, um zu sehen, wie weit seine Blödheit gehe. »Ja, das ist eine eigene Gabe«, erwiderte er mit unerschütterlichem Ernst, und fragte mich immerfort, ob er wohl mit der Herausgabe dieses Buches einige tausend Kronen und die Unsterblichkeit verdienen werde. Das heißt, er fragte mich nur des Geldes wegen, an der Unsterblichkeit zweifelt er nicht eine Sekunde. Die meisten Leute der Division nehmen seine Dichtungen ernst. Eine Probe aus seinen Gedichten:

»Er ist jetzt als Oberleutnant beim Generalstab eingeteilt
Und wenn er mich sieht, ruft er: Weidmanns Heil!«

 

Donnerstag, den 26. November 1914.

Den Tagen von Lajkovac danke ich die Bekanntschaft mit einer interessanten Type von Kriegskriminellen. Ich wohnte nämlich eine Nacht bei einem maroden Offizier unseres Regiments, und bei ihm hatten nach und nach in diesen Tagen, da das Regiment vorrückte und stürmte, alle jene Offiziere einen Unterschlupf gefunden, die in solchen Zeiten immer krank werden und auch solche, die schon krank gewesen waren und nun aus dem Spital einrückten, aber im Hinblick auf das gefährliche Klima, dem die Truppe vorne ausgesetzt ist, vorziehen, die Resultate der Kämpfe im Zuschauerraum abzuwarten. Ihre Reden frappierten mich, die nicht nur deshalb interessant waren, weil sich eine geradezu kindliche Unkenntnis ihrer Weltanschauung in ihnen spiegelte, sondern mehr noch aus dem Grunde, daß sich in den Reden eine ganz eigenartige Sachkenntnis dartat: Jeder von ihnen wußte die Stationen und Staffel des Krankenabschubs genau, jeder von ihnen wußte, wo »günstige« und wo »ungünstige« Spitalskommandanten zu finden seien, wie man es anstellen müsse, um statt in das Militärspital in ein Rotes-Kreuz-Spital zu kommen (ich hatte bisher gar nicht gewußt, daß dies ein Unterschied sei), einen Urlaubschein zur Heimreise zu erhalten, oder gar in eines jener Rekonvaleszentenheime zu gelangen, das ein hochadeliges Schloß ist, wo man auf die Jagd geht und im Automobil fahren kann und eine schöne und heitere Pflegerin hat. Jeder der Offiziere hatte darüber seine Berichte und Erfahrungen, und die anderen lauschten gierig und notierten sich jeden Namen eines gefälligen Militärarztes und eines freundlichen Asyles; alle bekannten sich offen zu dem Grundsatze »Heile mit Weile«. Einer hatte einen glücklichen Schuß erwischt, der andere leider nur einen Hexenschuß, »mit dem er höchstens bis Bukovar kommen konnte.«

Der Krieg dient diesen Nobelmarodören zur Erreichung eines feineren Lebens, zur Erlangung von Aufmerksamkeit und Pflege. Diese Leute sind meistens irgendwie wirklich krank: Tuberkulose, Herzschwäche, Leistenbruch oder dergleichen. Aber das hatten sie schon im Frieden, und es ist betrügerische Krida, sich im Frieden für den Kriegsfall aushalten zu lassen, sich jährlich für den Bedarfsfall bezahlen zu lassen und dann im Momente der Entscheidung einfach auszukneifen. Ein aktiver Offizier, der sich während des Krieges wegen eines Geburtsfehlers superarbitrieren läßt, ist ein Deserteur. Und im Felde an Tuberkulose zu sterben, ist mindestens so ein »Heldentod«, wie wenn man aus dem Hinterhalte durch einen Schuß getötet wird.

 

Freitag, den 27. November 1914.

Nach neuntägigem Halt in Lajkovac marschierte heute die Division gegen Petka. Die Eisenbahnbrücke über die Kolubara ist von den Serben gesprengt worden und ihre Mitte liegt im Wasser. Wir zogen über eine Kriegsbrücke. Petka ist sechs Kilometer von Lajkovac entfernt.

Heute wurden 300 Gefangene zum Korps, das jetzt in Lajkovac ist, geschafft. Gegen Abend atmete ich Höhenluft, indem ich im Tale beim Gebirgstrain unseres Regimentes war. Dort wurde der Inhalt von Paketen versteigert, deren Adressaten nicht mehr leben … Das Geld geht an die Absender zurück. Ich erstand ein Sweater um K. 10. –. Als ich heimkehrte, erfuhr ich, daß ich Post erhalten habe – seit Wochen zum erstenmal. Auch Pakete für mich seien darunter. Ich freute mich und zündete mir schon im Geiste eine feine österreichische Zigarette aus meinem Pakete an. Statt dessen: warme Wäsche, aber natürlich nur gestrickter Unsinn, Handschuhe mit zierlichen Posamenten, Pulswärmer mit einem rotgestickten Herzen, Fäustlinge für Elefantenbabys, Knieschützer für Störche und ähnliches Zeug, das die Fratzen aus langer Weile und um sich wichtig zu machen, in fröhlichem Kränzchen strickten und womit mich schon einige bekannte Mädels aus Berlin, Wien und Prag freundlichst belästigt haben. Man muß sich für diesen Ballast noch bedanken, schenkt die Sachen nicht gerne her, weil man weiß, daß man das, was man heute abgibt, mit mathematischer Sicherheit morgen dringend benötigen wird, während das, was man aufhebt, wochenlang den Tornister beschwert. Die Schlafgenossen, die beim Auspacken anwesend sind und mich noch vor fünf Minuten mit Schimpfworten aus dem Quartier jagen wollten, weil sie zuerst in diesen Schweinekober Streu hineingetragen hatten, werden jetzt liebenswürdig zu mir und betteln mich unverschämt an, indem sie vorgeben, daß sie dieses oder jenes »gerne bezahlen« wollen. Wenn ich aber einem etwas schenke, sind zehn andere tödlich beleidigt. Am Abend kam das halbe Regiment zu mir: alle hatten von meinem »Glück« gehört, daß ich ein Paket erhalten habe, jeder wollte von mir Zigaretten, Schokolade oder Bisquits. Ich hatte nichts dergleichen, und niemand glaubte es mir. Seit Wochen hatte ich mich schon an meinen Zigarettenhunger gewöhnt. Heute, da ich Zigaretten im Paket erhofft hatte, empfand ich den Mangel an Rauchbarem doppelt. Hätte mir eine der freundlichen Spenderinnen des heutigen Pakets in einen der Stulpen zehn Sportzigaretten eingepackt, – ich hätte sie vom Strich weg geheiratet.

 

Samstag, den 28. November 1914.

Das einzige, was ich von den Wintersachen für mich verwerten wollte, waren die gestrickten Zehenwärmer. Als ich sie früh aus dem Paket nehmen wollte, waren sie weg. Das Terrain ist gräßlich, wir haben gar keine Reserven, alle Soldaten denken an Selbstmord. Wenn man wenigstens für acht Tage die Schwarmlinie ablösen könnte. Aber das Korpskommando hat heute für eventuellen Bedarfsfall zehn Flaschen Champagner gesandt (Törley), also scheint man höherenorts den Sieg vorzubereiten. Am Abend hatte ich am Lagerfeuer eine erregte Debatte mit den Feldgendarmen über Wert und Unwert von Waffenpässen, Schmuggler- und Wilderer-Verfolgungen, über stehendes Heer und Gesetze. Die Gendarmen waren selbstverständlich auf Seite des Bestehenden, der Staatsgewalt und der Ansicht, daß der Mensch eine Bestie sei, die mit Gewalt gezähmt werden müsse.

 

Sonntag, den 29. November 1914.

In der Nacht hatte ich einen Traum, der mir freundliche Gedanken während des Schlafens bereitete, aber um so schmerzlicheres Erwachen: Ich hatte im Traume ein Wiedersehen mit meinem Bruder Wolfgang erlebt. Überhaupt ist es noch immer der Tod meines Bruders, der mich vollkommen beschäftigt, wenn ich mich auch schon soweit im äußeren Verkehr in der Hand habe, daß nur Leute, die mich früher gut kannten, an mir eine gedrückte Stimmung bemerken.

Witze machen wir ganz mechanisch, mit der einfachsten Technik, die es gibt: Ich ziehe zu irgendeiner Banalität, die zu sagen ist, einen Vergleich aus dem militärischen Alltagsleben heran, ein Wort, das wir tausendmal im Munde führen. Zum Beispiel drohe ich im Hinblick darauf, daß man bei Verwundungen »Sanität« ruft, während die Beerdigung der Leichen den Pionieren obliegt, bei Debatten im Scherze meinen Kameraden: »Wenn ich dir eine Ohrfeige gebe, so braucht man nicht mehr Sanität zu rufen, sondern Pioniere«. Oder noch präziser: »Mit der linken Hand gebe ich dir eine Ohrfeige, mit der rechten knüpfe ich dir gleich das Legitimationsblatt ab«. Oder wenn man von Mädeln spricht, ob man die oder jene der vorbeikommenden Serbinnen gerne »küssen« möchte: »Nicht einmal mit dem Putzstock«. Derartige Scherze muß ich machen, wenn ich nicht anmaßend erscheinen will, wenn mir jemand ein Scherzwort entgegenruft und man von mir eine Antwort erwartet. Aber wenn irgendein Satz von mir Heiterkeit entfesselt, so tut mir das Lachen weh, im selben Augenblicke erinnere ich mich des Trauerfalles, und die gute Laune, die ich entfesselt habe, scheint mir ein Verbrechen an meinem toten Bruder zu sein.

Am Abend schlief ich in einer der typischen Rakjatennen mit zwei Infanteristen. Links von mir lag der Prokurist einer großen Spinnerei in Wien und geschulter Nationalökonom, der acht Wochen gedient hat, rechts von mir der Portier eines Kleinseitner Bordells und gewalttätiger Einbrecher, der eben sein siebentes Jahr als Infanterist abdient. Es war kalt, und wir preßten uns fest aneinander.

 

Montag, den 30. November 1914.

Man hat in Ermangelung eines geeigneten Eiskellers mit der Konsumierung des Champagner nicht bis zum endgültigen Siege warten können. Am heutigen Tage, an dem die Nachricht kam, daß die Russen zum zweiten Male über die Karpaten gedrungen sind, wurden die zehn Törley-Flaschen ausgetrunken.

Ich habe heute zugesehen, wie der Menageoffizier der 2. Divisionsstaffel (ein aktiver Oberleutnant) die Bratpfanne mit einem Huhn wütend aus dem Fenster warf, weil er gewünscht hatte, daß es zu braten sei, während der Koch es mit Paprika geschmort hatte. Ähnliche Äußerungen eines durch keinerlei Hemmungen beschwerten Jähzornes habe ich beim Train unseres Regimentes erlebt, wo z. B. Hauptmann Oberdanner alle Leute, die ihm in den Weg kommen, mit Stockschlägen traktiert, so daß Soldaten mit geplatzten Halsadern und dgl. in das Spital abgegeben werden mußten.

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