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Soldat im Prager Korps

Egon Erwin Kisch: Soldat im Prager Korps - Kapitel 8
Quellenangabe
authorEgon Erwin Kisch
titleSoldat im Prager Korps
publisherVerlag der K. Andréschen Buchhandlung
year1922
printrunDritte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20190509
projectid9b55f686
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Sturm und abenteuerliche Wege

 

Montag, den 26. Oktober 1914.

Der Tag galt Vorbereitungen zum Sturm. Unterhalb der Schießscharten wurde von den Pionieren ein unterirdischer Gang ins Vorterrain gebohrt und die Reste der zwischen uns und den Serben befindlichen Drahthindernisse mit geschliffenen Bajonetten und Drahtscheren durchschnitten. Sturmleitern werden vorwärts getragen, Posten in den Laufgräben aufgestellt, welche niemanden nach rückwärts lassen dürfen, und auch über den Zeitpunkt des plötzlichen Vordringens, das wieder Hunderten von uns das Leben kosten wird, werden wir nicht im Zweifel gelassen. Der Hauptmann Spudil kam zu uns in seiner elegantesten Uniform, mit dem Verdienstkreuz angetan, den Schnurrbart in die Höhe gezwirbelt, als ob er zur Hochzeit ginge und sagte uns: »Morgen um 5 Uhr schrumme ich.« – »Schrumm« ist sein Lieblingswort, und besonders in der Verbalform gibt es nichts, was er damit nicht ausdrücken würde. – Die Aufregung aller war natürlich so groß, daß man kaum ein Auge schloß. Wem wird es morgen gelten? Aufgeregt zerrten die Leute an den Züngeln der Gewehre, als würden dadurch mehrere der lebenden Hindernisse auf der Gegenseite aus der Welt geschafft, und von drüben schlugen die Granaten so präzis in unsere Deckungen, daß uns der Luftdruck zu Boden warf, wenn wir in dem Augenblick aus der Deckung krochen. Morgenrot, Morgenrot!

 

Dienstag, den 27. Oktober 1914.

Um 7 Uhr früh war Sturm, nachdem schon 25 Minuten vorher die Kanonade ausgesetzt hatte. Den Kampf auf der kilometerlangen Front von Omerow Èardak bis zum Drinaufer bei Serbisch-Raèa (die 9. I.T.D., bei welcher wir eingeteilt sind, ist rechts von der 21. L.I.D.) eröffnete das I. Bataillon unseres Regimentes. Dann kamen unsere beiden anderen Bataillone und die übrigen Regimenter. Die Serben waren maßlos verblüfft, denn wir lagen schon viele Wochen einander gegenüber, und man hatte schon daran geglaubt, daß wir nie anders als unterirdisch aneinander herankommen würden, worauf die Sappen hindeuteten, die wir aus unserer und die Gegner aus ihrer Stellung vorwärtsgruben. Von Entsetzen gepackt, jagten sie davon, als sie uns auf den obersten Sprossen der Leitern erscheinen und über die Deckung schwingen sahen; das Hurra und das Sturmsignal ertönte. Nur jene Serben, welche in den gegen unsere Sturmstellungen vorgeschobenen Laufgräben uns mit Flankenfeuer überschüttet hatten, feuerten wütend gegen die an ihnen vorbeistürmenden Österreicher und trafen sie von der Seite oder von rückwärts. Binnen 5 Minuten waren die serbischen Stellungen erreicht und von den letzten sich zur Wehr Setzenden geräumt. Den Fliehenden wurden Schüsse nachgesendet, wer nicht schnell genug hatte flüchten können oder einen schweren Schuß erhalten hatte, blieb liegen und flehte um Gnade, die Waffen wegwerfend und die Hände in die Höhe hebend. »Nepucat, nepucat.« Der Angriff machte nicht bei den Stellungen der Serben halt, sondern ging über den Dammweg hinaus, der die südliche Grenze der Paraschnica-Halbinsel bildet und in den letzten zwei Monaten in unserem Kreise täglich mehr als hundertmal genannt worden und in unseren Gedanken als etwas Unerreichbares gelebt hatte. Nun rannten wir über ihn hinüber und sahen, daß es eine ganz gewöhnliche, etwa 2 m aufgedämmte Chaussee war, nicht einmal betoniert oder gar zementiert (wie es alle Zeitungen meldeten). Unsere Granaten hatten den ganzen Weg zerrissen.

Erst als die Zahl der serbischen Gefangenen und der um sie beschäftigten eigenen Soldaten, sowie unsere Erschöpfung beträchtlich geworden war, machten wir halt. Wenige Minuten später rannte ich mit Meldungen über das erstürmte Gebiet. Wie das aussah! Lärm und Stöhnen von Verwundeten, dort Unterhandlungen mit Gefangenen, dort flehentliches Bitten Verletzter an die Blessiertenträger, dort ein Gestank von Leichen, die auf dieser für beide Seiten seit Wochen unerreichbaren Zone unbegraben gefault hatten, dort drei Serben in einer Deckung aneinandergeschmiegt und von einer einzigen Granate getötet, die Bäume verkrüppelt, Stämme und Äste gefällt von Schüssen, die Erde aufgewühlt und durchfurcht von krepierten Geschossen und übersät von den Kugeln, die in den Nächten in Myriaden verschossen worden waren, weil man den Gegner nicht sah und doch das Dunkle durchdringen wollte. – –

Dort liegt der lustige Hauptmann Spudil. Eine Granate hat ihm den Kopf vom Leibe gerissen, nur der Hals ist sichtbar und das rechte Ohr; tiefer die funkelnagelneue Extrauniform, mit Blut begossen. Neben ihm liegen zwei Telephonisten, von der gleichen Granate für immer zu Boden geschmettert.

Da auf dem offenen Felde ein Offizier, einen Revolver neben sich, durch den Kopf geschossen, schon ganz gelb, nur noch leise röchelnd, und auch das Röcheln verstummt. Es ist Oberleutnant Kuèera. Ich kenne seine Braut.

In Zeltblättern und auf Bahren trägt man Verwundete, etwa dreihundert der Unsrigen, zweihundert Serben. Die Serben sind hungrig, viele betteln – nachdem sie vorher gebeten hatten, daß man sie nicht martern, daß man sie nicht töten möge – nunmehr um Brot, dann um Speck, dann um Tabak. Sie erhielten alles, keiner der Eigenen hätte von einem Kameraden soviel bekommen. Nun, da man einander nicht mehr beschoß, da nicht der Eine fallen muß, wenn nicht der Andere fällt, sind wir wieder Brüder. Sie leiden wie wir und sind arm. Jetzt eigentlich nicht mehr, sie werden fern vom Schuß sein und hoffentlich in Österreich besser verpflegt werden, als sie im Felde waren. Denn da drüben scheint das Elend groß zu sein.

Aber nicht alle bitten. Manche hatten schon drei Schüsse im Leibe und hatten sich noch gewehrt, und jetzt – da sie gefangen sind – werfen sie uns feindselige Blicke zu und lassen die Hilfe des Arztes nur mit widerwilligen Blicken über sich ergehen. Man hat das Gefühl, daß sie am liebsten noch auf uns feuern würden.

Massenhaft Munitionsverschläge, Handbomben, Maschinengewehre, Tornister, Brotsäcke, Decken, Laibe von Kukuruzbrot, leere Feldflaschen und Kürbisse haben sie zurückgelassen, Zeltblätter, zerbrochene Gewehre, Opanken. Wir durchsuchen die Deckungen. Alles zeugt von Not und Elend. Bei uns würde man doch hie und da Reste verschwundener Pracht, geleerte Rumflaschen, eine Wursthaut, Speckschwarte, einen fetten Deckel der Menageschale oder geleerte Konservenbüchsen finden. Hier aber nur erloschene Herdfeuer mit faulen Kürbisschalen und Reste von Maiskörnern.

Nachmittags kamen die Köche vom Train aus dem drei Stunden entfernten Velino selo herbei, die kaum das Gewehrfeuer gehört und erst durch die Ankunft der Verwundeten und Gefangenen erfahren hatten, daß es Sturm und Sieg gegeben hatte. Nun drängten sich Rechnungsunteroffiziere, Köche, Fahrküchenkutscher e tutti quanti über das Trümmerfeld, sammelten serbische Gewehre, Messer, Schrapnellhülsen, Sprengstücke, Patronenverschläge und andere Reliquien von »ihrem Sturm«. Sie haben Gelegenheit, das alles mit Feldpost nach Hause zu senden oder auf die Bagagewagen aufzuladen, werden daheim ihre Wohnungen mit den errungenen Trophäen zu Heeresmuseen ausgestalten und der staunenden Mitwelt von ihren Heldentaten erzählen. Der eigentliche Kämpfer bringt wohl kein anderes Andenken nach Hause als Gicht oder einen Schuß im Leib.

 

Mittwoch, den 28. Oktober 1914.

Die Arbeitsabteilungen sind mit dem Eingraben der Leichen beschäftigt, mit dem Bergen der Kriegsbeute und kamen nicht dazu, uns die Menage zu bringen.

 

Donnerstag, den 29. Oktober 1914.

Es ist ein Marschbataillon von Rekruten eingerückt. Irrtümlich war eine Kompagnie zum Bataillon Balzar abgegangen, der am linken Flügel der 21. Landwehrdivision kämpft. Um 4 Uhr nachmittags bekamen Zugsführer Švec und ich den Auftrag, dort hinabzugehen und die Rekruten zum Stammregiment zu bringen. Wir gingen über den Dammweg längs der Schwarmlinie in der Richtung zu dem detachierten Bataillon, von dessen Stellung wir keine Ahnung hatten. Wir bekamen von den Serben Feuer, von den eigenen Truppen falsche Auskunft, vom Generalstabschef Schimpfe und schließlich die Mitteilung, daß die Abteilung zurückgesendet worden sei, vom Himmel Regen und von der Erde Kot; schließlich verirrten wir uns in der Nacht. Da wir weder Feldruf noch Losung wußten, am allerwenigsten aber Richtung und Weg, so waren wir froh, bei zwei Leuten von sechster Landwehr ein Obdach in ihrer winzigen Deckung zu finden.

 

Freitag, den 30. Oktober 1914.

Rückweg zum Regiment, am Hilfsplatz unseres detachierten Bataillons vorüber. Mein Vetter, Dr. Stransky sei gestern von zwei Schüssen getroffen worden, sagte man mir. Ich hatte gar nicht danach gefragt; drei Monate lang hatte ich nur gute Auskünfte erhalten, es schien mir, es müsse so bleiben. Der arme Junge mußte ins Spital, mir blieb die Aufgabe, sein Ungemach nach Hause zu berichten, ohne zu wissen, ob ich beschönigen oder lieber den Rat erteilen soll, daß jemand zu ihm abreise. Nachmittags kam die Meldung von großen Siegen bei Visegrad und Gorazda in Ostbosnien, das »gesäubert« wurde, und auch bei Ravnje in dem nördlich von uns gelegenen Teil der Maèva sollen wir erfolgreich gewesen sein. Patrouillen melden schon, daß Crnabara geräumt, also der Weg aus Paraschnica in die Maèva, der Kornkammer Serbiens, frei sei. Ich bekam heute eine Karte von Paul Wiegler aus Berlin. Der Ton dieser Karte war mir ein Beweis seiner Schätzung, und mein Tag ist froh.

 

Samstag, den 31. Oktober 1914.

Um 5 Uhr früh wurden wir unsanft aus unseren Träumen geweckt. Es sei Abmarsch nach vorwärts. Tornister und Brotsack waren gestern abends gepackt worden, zum Mantelrollen blieb keine Zeit, so behielt ich ihn an. Es ging in südöstlicher Richtung gegen Crnabara zu, über die verlassenen serbischen Deckungen und über den Dammweg hinaus aus der Paraschnitza, in der wir nahezu acht Wochen ein Maulwurfsleben geführt hatten. Von der Savebrücke bis hierher ist der Weg kaum fünf Kilometer lang – ein Marsch also von einer Stunde. Wir aber hatten hierzu mehr als 50 Tage gebraucht. Nun ging es in das freiere Gebiet der Matschva, und dort sieht es schon anders aus.

Der Morgen war freundlich. Auf den tiefgrünen Wiesen und Obstgärten standen silbern und Chromgelb gewordene Bäume, und nur das Laub der toleranten Misteln leuchtete in seiner Immergrüne. In kurzen Etappen, die durch Meldungen bedingt waren, und durch Verzögerung in den Anschlüssen nach rechts und links, ging es längs des Dammweges vorwärts durch ein Spalier von hundsjungen, gertenschlanken Weiden. Näher gegen Crnabara zu streckten sich hart an den beiden Wegrändern lange Teiche, die wie Bäche aussahen. Die Offiziere schauten nach links mit ihren Triedern in die Ferne, ob die Landwehr an unserem Flügel vorrücke, ob sie mit uns in gleicher Linie, ob sie zurückgeblieben oder gar vor unserer Front sei. Es war nichts zu entdecken. »Dort sind Enten,« bemerkte ich naseweis, »also ist die Landwehr noch nicht vorbei.« Alle lachten, aber der Oberst bemerkte: »Kisch wird schon recht haben.« Und wirklich, wir mußten noch auf die Landwehr warten.

In der Nähe der Ortslisière wurde der Frieden der Landschaft dadurch unterbrochen, daß die Kriegsvorbereitungen der Serben sichtbar wurden: dichte Drahthindernisse, feste Wälle, in denen sich Schießscharte an Schießscharte reihte, vorbereitete Geschützstellungen und improvisierte Festungen schufen um die verwaiste Ortschaft einen strichpunktierten Rand, daß es schien, man schaue auf die Spezialkarte. Weit hinten, in schmale Rahmen von Pappeln gespannt, hingen Bilder bewaldeter Kuppen – die Berge Bosniens.

Um dreiviertel 10 Uhr rückten wir in Crnabara ein. Wir gingen den Weg gegen Banovopolje als erste der österreichischen Soldaten. Ein Pompeji. Um so lauter waren die Tiere, die Hunde kläfften wie wahnsinnig und jappten nach uns. Hühner, Schweine, Kühe, Katzen wimmelten umher, und alle diese Begrüßungen freuten uns, denn wir sahen daraus, daß wir genug zu essen haben würden.

Auch die Häuser zeugten von Wohlstand. Statt der in ganz Bosnien und in Serbien üblichen Ziehbrunnen sahen wir hier auf der Straße Metallpumpen, und in den Höfen standen Lokomobilen und andere moderne landwirtschaftliche Geräte. Die meisten Häuser dieses langgestreckten Ortes sind sorgfältig getüncht, mit netten Stukkaturen, Epheufestons und Weinranken geziert, auf den grün oder dunkelrot gestrichenen Fensterläden stehen Blumentöpfe, kurzum alles ladet zum Eintritte ein. Aber das Innere strafte überall das Äußere Lügen: verrußte Wände, verfaulte Bettstätten, der Fußboden jahrelangen Schmutzes voll. In einer Kutja fand ich einen Greis, der friedlich schlief. Ich ließ ihn schlafen. Vor einem anderen Hause standen zwei Weiber; als wir sie darüber auszufragen begannen, ob noch viele Bewohner hier zurückgeblieben seien, gesellte sich ein gut angezogener, ziemlich fetter Mann (anscheinend ein reicher Bauer und der Gatte von einer der beiden Befragten) zu uns, jagte die beiden Weiber in das Haus zurück, und im betrunkenen Zustande – möglicherweise simulierte er – begann er zu schwätzen, daß er gar nichts wisse, daß er sich um gar nichts kümmere, daß er nur hier geblieben sei, um in seinem Hause zu sterben, wenn er schon sterben müsse. Einen anderen alten Mann, der sich zu ihm stellte und uns schon eher Auskunft zu geben geneigt war, herrschte er gleichfalls an, ruhig zu sein. Nun stellte ihm der Oberleutnant eine Falle: »Kamo vodi ovaj put?«, fragte er ihn. »Neznam nischta, boga mi,« beteuerte er, obwohl jedes Kind und jeder Dorftrottel wissen muß, daß der Weg zu dem kaum eine halbe Stunde entfernten Banovopolje führe. Nun beschimpfte ihn Oberleutnant Ribola mit allen Tiernamen, die ihm in serbischer Sprache geläufig waren, jagte ihm mit der Gebärde des Aufhängens Angst ein und sperrte ihn samt dem anderen Alten und den beiden Frauen in sein Haus, wo er bis auf weiteres unter Bewachung blieb.

In den übrigen Häusern waren größtenteils Webstühle und Rakjafässer zu finden, ausgehöhlte Kürbisse, die langgestielt sind und als Stechheber dienen, manchmal auch eine Fibel, eine Nähmaschine, Weinfässer, eingemachte Früchte und Schweinefett. Ein paar Äpfel steckte ich ein.

Ganz gut ist das Gerichtsgebäude des Bezirkes eingerichtet, mit einer Marmortafel an der Außenfront des massiven Hauses, in dessen Flur eine offene (überflüssig zu sagen: leere), feuersichere Kassa stand. Die Zimmer sind voll von Aktenregalen mit Schriftstücken, für Zeugenbeeidigungen ist ein unter Glassturz stehendes silbernes Kruzifix da, auf das eine künstlerische Pieta geätzt ist. An den Wänden aller Zimmer hängen Pastellbilder Kara Georgs, König Peters und des Kronprinzen Alexander. In einem der ausgeräumten Zimmer, die mit faulem Stroh gefüllt sind und wohl den serbischen Offizieren als Unterkunft gedient hatten, schlafe ich, und über mir hängt ein solches Bild des schwarzen Georg. Er ist von wildem slawischen Typus, und man sieht ihm an, daß er das Damaszenerschwert, das in seinem braungestickten Gürtel steckt, mit Todesmut zu führen wußte.

Die Truppen bezogen rings um den Ort in Schwarmlinie Aufstellung. Im Orte selbst sind Reserven, die die Häuser absuchen. Sie haben einige Mummelgreise und ebenso alte Frauen aufgetrieben, die nun versammelt werden, um in irgendeinem bewachten, gemeinsamen Quartier zu wohnen. Eigenartig wirkte die Eskorte eines Popen, der hundert Jahre alt schien. Sein silbernes Haar fiel in einer harten Mähne auf den Talar, er konnte kaum gehen, und zwei Kirchenälteste, die wohl seinetwegen zurückgeblieben waren, stützten ihn von beiden Seiten. Hinter ihm ging ein gleichfalls uraltes Mütterchen mit einem Sessel, wohl seine Bedienerin. Wenn der Pope nicht weiter konnte und innehielt, humpelte sie mit ihrem Stuhle herbei, und der Alte setzte sich darauf, um auszuruhen.

Um 6 Uhr rückte das Bataillon Balzar, daß seit sechs Wochen von uns getrennt gewesen war, wieder zum Stammregimente ein. Mein bester Freund, um dessentwillen ich mir schon längst diese Vereinigung gewünscht hatte, war nicht mehr darunter, zwei feindliche Schüsse hatten ihn getroffen. Auch daß Leutnant Schierl tot ist, erfuhr ich; er war einer der prachtvollsten Burschen des Regiments. Jetzt sind nur noch drei Offiziere ununterbrochen seit Beginn des Krieges in der Front.

Am Karrenweg, der von der Nordgrenze des Ortes gegen Serbisch-Raèa führt, ist ein kleiner serbischer Friedhof für Kriegsgefallene errichtet mit Kreuzen, die aus alten Patronenverschlägen gezimmert sind, ein zweiter Friedhof befindet sich gerade hinter unserem Hause. (Das bringt mich auf die Idee, daß das Stroh, auf dem wir jetzt liegen, wohl die Bettstatt von Kranken war, vielleicht von Cholerakranken; deshalb ist auch soviel schmutzige Watte darin.) Auf die Grabkreuze sind Tücher gebunden, ein Gebrauch, der mir schon in Bosnien und Syrmien aufgefallen ist; auf einem lagen zwei Äpfel. Die Offiziersgräber tragen geschnitzte Bretter mit Gedichten, auf denen viel von Freiheit und Knechtschaft die Rede ist.

Am Abend jagten Kavalleristen das Vieh des Dorfes zusammen und trieben es mit »Heidi, Heidi« zum Schlachtplatz. Es war wie eine Nacht in der Prärie, Cowboys und Büffel und Trapper, die das Vieh jagten, das auseinandersprengen wollte. Wir Infanteristen beteiligten uns jubelnd an der Treibjagd.

 

Sonntag, den 1. November 1914.

Der erste November ist Übersiedlungstermin. Von früh galten die Vorbereitungen diesem Umzug. Patrouillen kamen und gingen, Nachrichtendetachements, Dragoner. Unsere Telephonverbindung aus erbeutetem serbischen Telephondraht (er ist siebenfach und viel besser als unser eigener, bloß dreifacher), wurde abgebrochen und wir marschierten um 10 Uhr früh aus dem ersten serbischen Dorf, das wir seit drei Monaten gesehen hatten, in Gefechtsformation gegen Süden, an Crnobarski salaš vorbei, etwa elf Kilometer entlang der Grenze, bis Badovinci. Längs des Weges und auf den Triften waren mächtige Hindernisse gegen uns aufgerichtet, Stacheldrahtzäune, durch Gestrüpp kaschiert und dichte Verhaue, für die alle Bäume ihre Zweige hatten hergeben müssen. Nun standen die Stämme auf den weiten Weiden nebeneinander wie Bataillone von verkrüppelten Invaliden, nur der Rumpf reckte sich in die Höhe, aber von Armen und Fingern sah man nur abgehackte Stumpfe. Es waren gute Deckungen, bastionsartig vorgebaut, und immerfort drängte sich die Frage auf, warum die Serben sich in diesen so starken Verteidigungsstellungen nicht gegen uns zu halten versucht hatten. Es ist ja nicht möglich, daß sie wirklich zertrümmert und aufgerieben sind, so daß sie bei unserem Sturm auf ihrer Flucht nicht mehr zu halten gewesen waren! So bereiten sie also wahrscheinlich im Süden eine Entscheidungsschlacht gegen uns vor, in der ihnen das Terrain noch wundervollere Gefechtsstellungen gewährleistet, Positionen, die für sie so günstig sind, daß sie leichten Herzens ihre schönen Maèvadörfer dafür in unsere Hand geben.

Gegen ein Uhr rückten wir in Badovinci ein. Abermals ein unendlich langgestrecktes Dorf, ebenso schön und von Wohlstand zeugend wie Crnabara. Man hatte weder Crnabara noch Badovinci mitbombardiert. Es erwies sich nun, da die Serben gar nicht verteidigten, die Maßregel als gut. Nur hie und da hatten unsere Batterien einen Bravourschuß in die Ortschaften abgegeben, und einige Häuser waren durch Granaten und Schrapnells in Ruinen verwandelt. Im übrigen bot das neue Dorf dasselbe Bild wie alle, die wir in Serbien gesehen: längs der Landstraße ein Bretterzaun, manchmal mit verschnörkelt gedrechselten oder geschnitzten Pflöcken und sehr oft rot und blau, grell angestrichen. Hinter dem Zaun ein kleiner Vorhof mit Hundehütte und einem überdachten Backofen, an dessen Wand die langgestreckten, hölzernen Backtröge für das Maisbrot lehnten. An der Seite der ebenerdigen Häuser stehen überall einstöckige Bretterbauten, die so aussehen, wie die Tanzpavillons der Ausflugsrestaurationen; das sind die Tschardaken, die Tennen, auf denen die Kukuruzkolben getrocknet werden. Im Hofe ein Schwengelbrunnen. Die Straßen sind viermal so breit, als die Dorfstraßen in unseren Gegenden. Überall straft das Innere der Häuser das schöne Äußere Lügen. Von Möbeln keine Spur, aber auffallend viele Nähmaschinen, reich gestickte Decken und Tücher, und an den Wänden Photographien, die die Männer niemals in Zivil, sondern immer als Soldaten zeigen. Viele billige Farbdrucke aus dem Balkankrieg gegen die Türken hängen an der Wand, manchmal auch ein Heiligenbild, darüber eine Ampel befestigt ist. Eine Kirche fehlt hier nicht, in Kreuzform erbaut, davor ein hölzernes Turmgerüst für zwei Glocken, um zwei Meter niedriger als die Kirche, die selbst keinen Turm besitzt. Hinter der Kirche ein Friedhof mit vielen frischen Kreuzen, die uns sagen, daß größtenteils die Morava- und die Timokdivision gegen uns gekämpft haben. Auch hier ist manches Kreuz rot und blau angestrichen, einige ältere Soldatengräber stammen aus den beiden letzten Balkankriegen und sind mit bunten Porträts des Toten in ganzer Figur bemalt. Nachmittag brachten unsere Dragoner eine serbische Kavalleriepatrouille ein; zwei der österreichischen Dragoner hatten sich als Serben verkleidet, und als sich ihnen die serbischen Reiter ahnungslos näherten, hatten sie sie zum Ergeben gezwungen. Am Abend ging eine Unteroffizierspatrouille in den größten Meierhof des Ortes, um die dort internierten Gefangenen zu befragen, ob sie am Abend noch etwas zu essen und ob sie Kaffee oder Tee zu trinken wünschten. Auf die fünf gefangenen Dragoner bezog sich das nicht, denn sie wurden von unserer Hauptwache gut bewirtet. Es sind – wie sie uns sagten – Reservisten des zweiten Aufgebots und gehören der Tymokdivision an. Im übrigen erzählten sie uns das, was sie glaubten, daß wir zu hören wünschten. Daß Pasiè ein Gauner sei, und die Kriegsmüdigkeit im Lande groß. Sie sahen ziemlich derangiert aus. Viel ärger war es aber bei den Zivilgefangenen, deren 115 in den Zimmern des Gutes interniert sind. Es waren zurückgebliebene Dorfbewohner, wohl Ortsarme, Greise, Greisinnen, Idioten, Leute, die keine Habe in Sicherheit zu bringen und nichts mehr zu verlieren hatten oder sich nicht mehr fortschleppen konnten, zwei gesunde, schöne Serbinnen, von denen eine eben entbunden hatte, viele Mütter mit Säuglingen und größeren Kindern, auch einige Männer, von denen es uns unerfindlich war, warum sie zurückgeblieben waren. Wenn wir in dem dunklen Raum mit der elektrischen Taschenlampe leuchteten, so bot sich in dem kreisrunden Schein ein Medaillonbild schauerlicher Art, ein Genrebild des Elends. Verrunzelte Weiber, Greise mit lederner Haut über den Knochen, schmutzige Kinder, lallende Irre. Dabei herrschte drückende Hitze, denn die Leute, die doch in ihren Mänteln aus Kotzentuch und überdies in Schafwolldecken eingehüllt dalagen, hatten es sich nicht nehmen lassen, in dem Ofen eine Höllenglut zu entfachen. Die meisten blieben auf unsere Fragen apathisch, andere näherten sich uns mit den heuchlerischsten Beteuerungen, und alle ihre Antworten auf unsere Fragen, ob sie Tee oder Kaffee zu trinken wünschen, lauteten: »Rakja«. Sie hatten aber schon genug Schnaps bekommen, denn es ist kein Mangel daran. Kaum ein Haus, in dem nicht wenigstens ein Faß von hausgemachtem Sliwowitz zu finden wäre. Auch unsere Soldaten hatten sich damit vollgesoffen.

Ungarische Zeitungen sind eingetroffen, die von unserem Gefecht berichten. Hier der Wortlaut des amtlichen Berichtes: »Am 27. d. M. haben wir in Serbien erneuerte Erfolge errungen. Der Ort Ravnje und die starkbefestigte feindliche Stellung an der Dammstraße nördlich Crnabara in der Matschva wurde nach tapferer feindlicher Gegenwehr von unseren Truppen erstürmt. Hierbei vier Geschütze, acht Maschinengewehre erobert, 5 Offiziere, 500 Mann gefangen und viel Kriegsmaterial erbeutet. Potiorek, F.Z.M.«.

Zum zweiten Male schlafe ich heute seit Monaten wieder unter Dach und Fach. Nichts hatte ich als wir im Freien schliefen mehr ersehnt, als einen Schlafsack. Heute, da wir in Häusern schlafen, heute, da wir Märsche machen, funktioniert die Paketpost wieder und brachte mir einen Schlafsack – einen prachtvollen, warmen Schlafsack und auch einige erwünschte Bücher. Ich bin geradezu unglücklich darüber. Was soll ich damit? Ich habe keinen Platz, ihn aufzupacken, wenn ich nicht den Tornister wegwerfen will. Und den schweren Schlafsack auf den schweren Tornister, der schon den Mantel trägt, aufzupacken ist zwar möglich, aber die Last wirft mich fast zu Boden. Wenn wenigstens der Schlafsack nicht so schön wäre, daß er die Bewunderung aller Kameraden erregt, so daß ich noch Angst haben muß, daß mir das schwerdrückende Geschenk gestohlen wird, wenn ich mich davon rühre! Der Besitz ist es, der Unglück bringt und Sorgen und Unruhe und Habsucht und alles Übel.

 

Montag, den 2. November 1914.

Heute ist Allerseelen. Ein Tag im Jahre ist den Toten frei. Aber alle Tage in diesem Jahre dem Tode. An der Kirche bringen unsere Soldaten die serbischen Kriegergräber in Ordnung, stellen die Kreuze wieder auf, die der Wind niedergebrochen hat und machen die Wege frei. Soldaten unseres Regiments und die an der schwarzgelben Armschleife kenntlichen zugeteilten Mannschaften der Brigade und der Division umstanden die Gräber und zählten sie. Es war zum ersten Male, daß die meisten die Wirkung unserer Geschosse sahen, denn die eilig aufgeschütteten Grabhügel auf der Paraschnica können ebenso gut unsere Soldaten wie Serben beherbergen. Und die in den Spitälern gestorbenen Serben oder die zurückgeschafften Leichen hatten wir ja nie zu Gesicht bekommen, so daß wir glaubten, unsere Kugeln hätten selten getroffen. Nun aber zählten wir die Gräber, und da wir der Toten gedachten, gedachten manche ihrer eigentlich mit Genugtuung. Ein absonderliches Gefühl am Allerseelentag.

In der Heimat wird es heute Trauer geben, und ein wehklagendes Gedenken wird zu den Gräbern in der Ferne gehen. Nie war ein Allerseelentag trauriger.

Um 11 Uhr nachts wird Abmarsch aus Badovinci nach Zminjak sein.

*

Bis dahin hatte ich geschrieben als es 11 Uhr nachts geworden war, und das Umhängen der Rüstung wurde befohlen. Der Rechnungsunteroffizier teilte noch rasch die Post aus. Ich erhielt zwei Briefe, einen von meinem Bruder Paul und einen von meiner Mutter. Ich las nur die erste Zeile. Es waren die furchtbarsten Briefe, die ich in meinem Leben bekommen habe: mein Bruder Wolfgang ist tot.

 

Dienstag, den 3. November 1914.

Ich muß versuchen, mein Herz hier auszuschütten, auch diesen größten Jammer meines Lebens vielleicht doch zu lindern versuchen.

Ich hatte mich schon vor Wochen geängstigt, daß mein Bruder tot sei. Dann aber war doch eine lustige Nachricht von ihm gekommen. Immerhin: wir hatten ihn schon damals beinahe aufgegeben, und das war der Beginn seines Endes. Nie war uns Brüdern, die (seit dem in unseren Kindertagen erfolgten Tode unseres Vaters) keinen Todesfall in der Familie erlebt hatten, bis dahin der Gedanke gekommen, daß einer von uns sterben könne. Wir sind alle fünf von ganz verschiedener Wesensart, aber gemeinsam war uns allen eine starke Körperlichkeit, nie war einer bettlägerig, alle wurden wir assentiert, und in uns allen äußerte sich die Gesundheit in übermütigen Betätigungen, wie Übermaß von Sport, durchbummelte Nächte, Schwimmen verbotener Strecken, Rekord an Mensuren, Tanzwut, abenteuerliche Streifzüge und durch einen Überschuß an Temperament, das jede Berechnung, jede Überlegung und jede Klugheit verlachte. Wie hätte da jemand von uns daran denken können, daß unser Kreis durch den Tod zerrissen werden könnte! Erst im Kriege war uns dieser Gedanke gekommen, und speziell meines Bruders Wolfgang wegen hatte ich mir die größte Sorge gemacht. Er war viel tiefer in einem Vorzustande des Todes als ich. Schließlich ist es doch das heimatliche Korps, in dessen Reihen ich lebe, schließlich begegne ich doch auf Schritt und Tritt Bekannten, habe mit neuen Bekannten gemeinsame Berührungspunkte. Aber er! Er war da oben in Rußland bei einem stockpolnischen Regiment unter wildfremden Menschen mutterseelenallein, in unwirtlichem Lande allein. Das alles hatte ich erwogen, als seinerzeit durch die Schuld der Feldpost keine Nachricht von ihm kam. Und doch hatte es damals gut geendet. Aber als sich nun in den letzten Wochen der Zustand wiederholte, war ich mir klar darüber, daß der damalige nur eine schonende Vorbereitung des Schicksals auf das Furchtbarste gewesen sei. Von zu Hause hatte man mir immer geschrieben, es kämen von Wolfgang »nur spärliche Nachrichten«. Aber ich wußte, daß nicht einmal spärliche Nachrichten von ihm gekommen seien, denn man hätte sich beeilt, mir sie im Wortlaut mitzuteilen, wenn sie wirklich vorhanden gewesen wären. Meine gestrige sentimentale Stimmung, der ich auch im Tagebuche Ausdruck lieh, war von den Gedanken an den vermißten Bruder veranlaßt. Und als mir am Abend dieses Allerseelentages, den ich nie in meinem Leben vergessen werde, der Kanzleiunteroffizier die beiden Briefe von daheim übergab, von wo ich bisher nur Feldpostkarten erhalten hatte, wußte ich alles. Ich las nur die ersten Zeilen. Dann packte mich ein Schwindelanfall und Brechreiz. Ich ging in den Garten hinaus, von Verzweiflung gepackt. Dort kam mir das Gräßliche des Ereignisses erst ganz zur Geltung.

Die glückliche Rückkehr in unser glückliches Heim war mir als das einzige mögliche glückliche Ende dieses Krieges erschienen. Wir würden wieder, Söhne und Mutter beisammen sein und in der Erzählung komischer oder abenteuerlicher Kriegsepisoden die Gedanken der Mutter zerstören, daß es uns etwa schlecht gegangen sei. Damit ist es vorbei! Dieses Heim ist nun auch befleckt und besudelt von dem wahnsinnigen Schlachten, das durch die Welt geht. Nur traurig und tröstend werden wir im besten Falle dessen gedenken müssen, der uns nun fehlt. Der Segen, den wir herabflehen müssen, ist, daß er uns vor fernerem Ungemach bewahre.

Warum hatte der Tod gerade Wolfgang treffen müssen, nicht einen andern von uns! Er ist der einzige, der nicht bloß uns in Trauer stürzt, sondern auch eine blutjunge Frau, die er in diesem Jahre geheiratet hat, und deren erster Schmerz im Leben dieser gräßlichste aller Schmerzen ist. Ein halbes Kind ist diese Frau und muß schon Witwe sein.

*

Als ich mich auf meine Einrückung zum Regiment besann, war dieses längst abmarschiert. Ich holte es ein, als es rastete, man hatte mein Fehlen noch gar nicht bemerkt. Von Verzweiflung und Apathie erfüllt, ging ich nun mit der Truppe. Ich hätte gern jemandem mein Herz ausgeschüttet, aber er hätte mir doch nichts anderes antworten können, als das, was jeder von uns in den letzten vier Wochen oftmals gesagt hatte. Meinen Bruder, der eine unendliche Güte und einen sonnigen Humor ausstrahlte, kannte hier doch niemand. Was ich in den letzten Tagen erlebt hatte, war nur fremder Jammer gewesen, den ich mir durch den Intellekt, durch die Vorstellung der Folgen auf das Empfinden übertragen mußte. Nun, da es mich unmittelbar ins Herz traf, faßte mich ein wahnsinniger Haß gegen den Krieg. Der Mond leuchtete taghell. Kameraden, Offiziere marschierten vorüber, erkannten mich und riefen mir scherzhafte Begrüßungen zu. Ich antwortete gar nicht oder brummig, und mit beleidigter Miene wandten sie sich ab.

Um 2 Uhr früh kamen wir in Zminjak an. Hier entfaltete ich die Briefe und las sie durch. Mein Bruder war bei Lublin verletzt worden, in russische Gefangenschaft geraten und im Spital von Lublin seiner Verwundung erlegen. Vielleicht von Bangigkeit, von schlechter Behandlung gemartert, und niemand von denen, die ihn liebten, konnte bei ihm sein! Der Brief meiner Mutter, die untröstlich ist und mich zu trösten versuchte, war für mich vollends zum Weinen. Während ich die Briefe las, machten die Vorüberziehenden Witze darüber, daß ich im Mondschein Liebesbriefe lese …

Meine Familie bat mich in den Briefen, daß ich ihr den Empfang ihrer traurigen Mitteilung bestätige. Ich schrieb, daß ich die Briefe erhalten habe und nicht wisse, was ich antworten solle.

*

Auf der Landstraße in Zminjak legten wir uns zum Schlafen nieder. Trotzdem schon Morgen war und ich seit Monaten noch nicht so lange wach geblieben war, konnte ich nicht einschlafen. Das war die erste Nacht in meinem Schlafsack.

Um 6 Uhr früh ging es weiter. Die Spezialkarte von Mitrowitza, die uns zweieinhalb Monate geführt hatte, verschwand im Inneren der Kartentaschen und die Spezialkarte Zone 27, Kolonne XXI (Prinjavor), die seit der bösen Augustmitte geborgen gewesen war, mußte wieder hervorgeholt werden. Das ist eine Karte, die nicht mehr bloß helle Flächen zeigt, sondern düster wirkt durch die dichten Schraffen, die bergiges Gelände anzeigen. Zu Beginn unseres gegen Südost gerichteten Marsches war das Terrain noch freundlich und übersichtlich, Weizenfelder, deren Ernte allerdings schon in das Innere des Landes geschafft worden war, und fette Weiden, deren Viehherden gleichfalls von den Serben in das Innere des Landes abgetrieben worden sind und auf denen nur versprengtes Vieh und Schafe grasten. Es ging über den Damm nur eine schmalspurige Bahn. Bald aber wurden rechts, im Süden, Berge sichtbar und man erkannte in unserem Direktionsgipfel den unglückseligen Todorow rt, den wir am 18. August von einer andern Seite kennengelernt hatten; die nur in spärlicher Zahl vorhandenen Soldaten, die den serbischen Feldzug von Anfang an mitmachen, begrüßten ihn mit dem Ausdruck von Beschimpfungen und Befürchtungen. Bald begannen auch Schüsse von Truppen und Komitatschis und Kanonen der Serben, die den Ort Lipolist am Südrande besetzt halten, hörbar zu werden. Mir selbst war das alles gleichgültig. Während das III. Bataillon den Nordrand von Lipolist besetzt hält, liegen die andern Teile auf einem Felde als Reserve und jeder Soldat schaufelt sich eine sichernde Deckung.

Es ist Nacht. Alle schlafen schon. Ich sitze auf einem Strohschober und schreibe diese Blätter. Der Mond und die Sterne scheinen so hell, daß ich die Zeilen sehe, die ich schreibe, wenn ich auch die Worte oder gar die Buchstaben nicht unterscheiden kann. Aber ans Schlafen ist gar nicht zu denken. Ich sehe immer meinen Bruder vor mir, der in einem Spital Rußlands stirbt.

 

Mittwoch, den 4. November 1914.

Gestern sind fünf serbische Überläufer zu uns gekommen. Einer von ihnen schien ein besser situierter Mann zu sein: beim Hüsteln hielt er die Hand vor den Mund, er hatte nicht (wie alle Serben) Opanken an den Füßen, sondern mitteleuropäische Halbschuhe und Stulpen. Er erklärte, er sei Mazedonier und wollte nicht mit einem Volke kämpfen, gegen das er gekämpft habe. Die andern waren wohl nur aus Kampfesmüdigkeit herübergekommen, es waren Weber und Taglöhner aus der Nischagegend, Reservisten der Moravadivision. Oberleutnant R. hat beim Sturm 12 000 Kronen Kompagniegelder verloren, wie er höherenorts am Tage nach dem Angriff gemeldet hat. In der Kompagnie hat er das niemandem gesagt und auch nicht viel suchen lassen, wahrscheinlich fürchtete er, daß man ihm den Verlust nicht glauben würde. Das Geld wurde einfach im Verlustausweise gebucht. Mittags vor der Menageverteilung marschierten wir gegen Süden längs der Westseite der Ortschaft Lipolist, auf deren Kirchturm sich bereits unser Artillerieaufklärer eingenistet hat. Der Feind steht wohl im Süden des Ortes am bewaldeten Fuße der Hügel. Er mußte sich nach einem äußerst blutigen Gefechte mit unserem dritten Bataillon dorthin zurückziehen. Wir rückten in Gefechtsformation vor unter unserem und feindlichem Geschützfeuer. Unter den Tritten unserer Massen rauschte das spröde Laub in den Gärten und kleinen Forsten wie der Niagara. 4 Uhr nachmittags. Wir beziehen Stellung nördlich des Karrenweges zur Kirche von Lipolist und der Moorlandschaft Rangjibara. Eilig ist jeder damit beschäftigt, sich eine Schützendeckung auszugraben.

 

Donnerstag, den 5. November 1914.

Rheumatischer Schmerz in meiner rechten Kniekehle und im Schenkel, was ich als Beweis dafür nehme, daß auch meine Physis seit dem vorgestrigen Ereignisse angekränkelt ist. Um 4 Uhr nachts war Alarm, von drei Burschen unseres dritten Bataillons veranlaßt, die mit der Botschaft, daß Serben von allen Seiten heranrücken, einen Zug der neunten Kompagnie zur Flucht veranlaßten.

Gegen die drei Burschen wurde eine umfangreiche Strafanzeige erstattet, weil man nicht weiß, ob es nur Angst war, was sie den Feind sehen ließ.

Lipolist ist ein Dorf, wie andere serbische Dörfer auch. Keller kennt man in serbischen Dörfern scheinbar gar nicht; der Apfelwein und der Brombeerwein und die ungeheueren Rakjamengen werden in Fässeln aufbewahrt, die in feuchten, scheunenartigen Bauten stehen. Merkwürdig ist und für die mangelnde Überlegung der serbischen Bauern charakteristisch, daß die Ziehbrunnen immer hart an einem hohen Baume errichtet sind, da dieser als Stütze des langen Hebelarms verwertet werden kann. Nie fällt es dem Bauer ein, selbst einen senkrechten Pfahl in die Erde zu rammen, obwohl er sich durch diese kleine Arbeit einen Weg von oft mehr als 40 Schritten, den er täglich hundertmal zurücklegen muß, ersparen würde.

Im Orte ist eine sehr schöne, in Kreuzform erbaute Kirche mit zwei Türmen, die eine ziegelrote Kuppel und goldene Kreuze tragen. Draußen an der Kirchenmauer sind einige frische Soldatengräber, aber auch alte Grabsteine, auf denen sich ein alt-serbisches Motiv wiederholt. Es ist ein Kreuz, das wieder in seinen Enden in kleinen Kreuzen endet, nur unten in einem sockelartigen Bogen, der in seinem Innern wieder ein kleines Kreuz trägt. An der Kreuzungsstelle der beiden Linien sind vier Keile sichtbar, die eher wie Windmühlflügel aussehen, denn wie Strahlen einer Gloriole. Diese in schwarzweiß gehaltene Zeichnung ist mit Zacken umgeben, die aus einer simplen Intarsia in Bogen längs des Grabsteinrandes verlaufen.

In der Kirche gibt es außer einigen neuen, mehr bunten als schönen Wandgemälden, die wohl einen Zimmermaler von Lipolist zum Autor haben, ein altes gutes Freskoportrait eines serbischen Heiligen, das aber in schlechtem Zustande ist. Auf dem Pulte vor dem Altar lag ein Meßbuch; der Deckel dieses uralten Werkes ist aus getriebenem Silber und zeigt schön ziselierte Figuren und Vegetabilien; auf dem Deckel sind sechs uralte Medaillons mit Emailminiaturen angebracht, welche das Bild des Heilands und fünf Heiliger tragen. Obwohl die Kirche den ganzen Tag über offen steht, hat niemand dieses kostbare Werk berührt, ebenso sind die mit Gold und Edelsteinen geschmückten Meßgeräte im Hauptaltar, über dem sich der kleinere der beiden Türme wölbt und ein Stück des Himmels gibt, vollkommen unberührt geblieben. Diese Schonung ist nicht etwa eine Folge des strengen Plünderungsverbotes, das erlassen wurde, sondern vor allem des Respekts, den selbst der habgierigste Soldat vor der Kirche empfindet.

Aber auch in Privathäusern wird nicht mehr geplündert oder – um sich des gebräuchlichen Euphemismus zu bedienen – »requiriert«. Die Dörfer, durch die wir jetzt kommen, bleiben bis auf die Nahrungsmittel fast unberührt. Nur die Leute vom Truppentrain, die keine andere Erinnerung an den Krieg haben, als eben jenes Souvenir, das sie mitnehmen, sammeln allerhand Zeug, das sie wohl zu Hause um ein paar Kreuzer ebenso zu kaufen bekämen.

Eben wurden in Lipolist ein alter Zigeuner und sein Sohn der Brigade eingeliefert. Der Alte wand sich unter Leibschmerzen und mußte alle drei Minuten austreten, der kleine Junge war von wundervollem, südländischem Typus, aber Gesicht und Brust waren von Krätze übersät. Die armen Leute waren in der entlegensten Hütte des Ortes angetroffen worden, wo sie einen alten, sterbenskranken Mann, den Onkel des älteren Gefangenen, gepflegt hatten. Nun wurden sie im Siegestaumel zur Brigade gebracht, als ob man mindestens den Generalstabschef Putnik erwischt hätte.

 

Freitag, den 6. November 1914.

In der heute eingetroffenen Zeitung ist der Wortlaut des Telegrammes mitgeteilt, das der Armeeoberkommandant an den Kommandanten des 8. Korps gerichtet hat: »Ich beglückwünsche Eure Exzellenz sowie die braven Truppen des 8. Korps allerherzlichst zu dem schönen, für die ganze Armee wertvollen Erfolg. Potiorek.« Wie markant die Worte dieses Manifestes sind, ein Napoleon, ein Bismarck hätten nicht dröhnender, nicht wirkungsvoller sprechen können, nicht stärker die Begeisterungsfähigkeit der Truppen aufstacheln und zu neuen Siegen anspornen können, als es hier in dieser historischen Proklamation geschieht!

Nein, Spaß à part: Was man über »Feldherrn« Potiorek hört, wird immer skandalöser. Es heißt, daß er sich überhaupt nicht für die Gefechte interessiert, alles, was sich tags vorher ereignet hat oder ihm rapportiert wurde, vergißt und die unsinnigsten Befehle gäbe.

Am Abend des heutigen Freitags bekam ich Post. Von unserem Train schrieb mir Kadett Perten auf meine Bitte, mir ein Paar Kommisstiefel zu verschaffen, es gäbe keine. Das ist schlimm, denn von meinen Stiefeln sind nur Lederfetzen übrig, die rings um meine Knöchel auf die Erde hängen. Ich muß also weiter auf nackten Fußsohlen im Winter durch das Morastgebiet Serbiens marschieren. Schuster gibt es nicht bei den Kompagnien, und wenn es solche gibt, so haben sie kein Material, und wenn sie Material haben, so fällt es ihnen nicht ein, zu arbeiten, weil sie nichts davon haben (Geld ist wertlos) und vom Kampfe und den Märschen dadurch nicht freiwerden. Das kann ja eine lustige Winteroffensive werden.

Am Abend, als ich mir eine Zigarette anzündete, kroch eine Spinne über meine Hand. Eine Spinne am Abend bedeutet Glück, nach Houdin an Unglückstagen doppelt. Was kann sie mir für Glück bringen?

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