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Soldat im Prager Korps

Egon Erwin Kisch: Soldat im Prager Korps - Kapitel 6
Quellenangabe
authorEgon Erwin Kisch
titleSoldat im Prager Korps
publisherVerlag der K. Andréschen Buchhandlung
year1922
printrunDritte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20190509
projectid9b55f686
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Die Prager Division im Wasser

Dolni Brodac, 10. September 1914.

Bis zu dem Worte »Flügel« hatte ich vorgestern geschrieben. Den größten Teil auf Rasten des Marsches, die letzten Sätze habe ich in der Feuerlinie zu stenographieren versucht. Meine Nachbarn schraubten ihre Blicke in das Vorterrain, auch ich schaute, nach jedem notierten Worte nervös zusammenzuckend, ängstlich lauernd in die feindliche Richtung. Um uns pfiffen silberne Linien, jeden Augenblick schlug eines der einander jagenden Geschosse in den kleinen Erdhügel, den man sich mit der Hand als Brustwehr aufgeschichtet hatte, fast jedem hat sein Brotsack, den er sich vor den Kopf geschoben hatte, das Leben gerettet. Die Brotbeutel tragen Löcher in ihrem Leib, ein Projektil steckt in der Winterwäsche, die man vorgestern darin aufbewahrte, ein anderes prallte von der vollen Konservenbüchse ab. Wie langsam, wie mühselig, in welch gefährlicher Situation ich vorgestern die drei letzten Sätze geschrieben habe! Es war mir und es ist mir, als ob ich den Höhepunkt grausamen, menschlichen Erlebens niederschreiben müßte. Aber seit ich vorgestern nachmittags mein Geschreibe unterbrechen mußte, als ein Artilleriegeschoß hart über meinem Kopf hinsauste und den Stamm eines Baumes hinter mir fällte, sind zwei Tage vergangen. Zwei Tage, deren Folter uns noch in Gliedern und Nerven steckt.

Also: um halb 11 vormittags war unser Regiment in der Deckung am österreichischen Ufer der Drina gelegen. Nun kam unsere Kompagnie an die Reihe, in den Pontons überschifft zu werden. Nachdem Partien zu zwanzig Mann abgezählt worden waren, kommandierte der Oberleutnant »auf!« und rannte über die Böschung an den Fluß. Die Kompagnie zögernd hinter ihm drein, denn als unsere Figuren auftauchten, verstärkte sich der Schwarm feindlicher Geschosse, die bisher über die Böschung gezischt hatten, ins Ungemessene. Wir spürten, wie sie an unseren Ohren vorüberliefen. Einige unserer Leute zogen sich hinter die Deckung zurück, als sie die langen Spießruten prasseln fühlten, aber ein bedrohliches Kommando jagte sie wieder vorwärts. Unser Oberleutnant sprang in das Boot, das Pioniere lenkten. Nur etwa zehn Leute von den zwanzig, die abgezählt worden waren, nahmen darin Platz. Wir legten uns platt auf den Boden, damit uns die metallene Pontonwand Deckung sei.

Ungeheures, zerfetzendes Wimmern, Brüllen war hörbar. Ich lugte über den Bootsrand und sah am serbischen Ufer Hunderte unserer Soldaten, die den Lärm vollführten. Bis an die Knie, bis an die Schenkel, bis an den Bauch standen sie im Wasser, stießen die Hände in die Höhe und kreischten einen einzigen endlosen Schrei, Tobsüchtigen gleich.

Nichts fühlte ich als ein würgendes Nichtverstehen dieses Hexensabbats. Nur ein Gedanke: jetzt gondelst du selbst hinüber in das gleiche Verderben, um in wenigen Minuten – diesen dort gleich – als Vertierter, Verkrüppelter und Flehender an der gleichen Stelle zu stehen.

Es waren die Verwundeten. Sie schrien nach ärztlicher Hilfe und nach ihrem Abtransport. Die Hügel, der Wald, der die Ufersandbahn einsäumte, erbrach immerfort Verwundete und Leute, die sie stützten, – jener im Kriege auftauchenden Art von barmherzigen Samaritern, die den Verwundeten zum Verbandplatze helfen, um nicht selbst mit der Schwarmlinie vorrücken zu müssen.

Trotzdem mindestens zehn Minuten vergangen waren, seitdem wir abgestoßen waren, hatten wir kaum zwanzig Meter zurückgelegt. Die Pioniere hatten fast gar nicht gerudert. »Sollen wir weiter vorwärts rudern?« fragte der Zugsführer der Pioniere. – »Selbstverständlich!«, schrie der Oberleutnant, »Sie haben ja doch den Befehl.« – »Nun ja, aber …« – »Das sind ja nur Verwundete,« beruhigte einer von uns den Gondoliere, der jedenfalls in seiner Angst die Szene drüben als einen Rückzug sah und das sofortige Erscheinen verfolgender Serben befürchtete. Resigniert stieß er das Ruder nach vorne, aber seine beiden Gehilfen machten an den rückwärtigen Riemen passive Resistenz, und auch jetzt kam die Zille nicht vorwärts. Erst als der Oberleutnant den Revolver zog und ein »wird's bald!« schrie, ging es näher an das Ufer.

Wir kamen nur auf etwa 25 Schritte heran, denn bis dorthin hatten sich die verwundeten Flüchtlinge in das Wasser gewagt und wollten sich brüllend in den Ponton schwingen, um sich einen Platz für dessen Rückfahrt zu belegen. Wir konnten gar nicht aussteigen, so war das Boot umlagert. Ein Mann ohne Bluse, der nur an den Breeches und Ledergamaschen als Offizier kenntlich war, schrie immerfort: »Ich muß hinüber, ich habe eine wichtige Meldung.« – »Sie lügen,« schrie ihn jemand an. Da verschwand der Herr in der Richtung eines anderen Pontons. Aber der Anderen, die sich unseres Bootes bemächtigen wollten, konnten wir nicht Herr werden und stiegen aus, nun selbst bis über die Hüften im Wasser watend. Die Strömung war stark, unsere Rüstung war schwer, zehnmal drohte jeder von uns umzusinken, bevor wir endlich den Boden Serbiens betraten.

Dem Befehl des Obersten gemäß wollten wir nach rechts abschwenken, aber Generalmajor Daniel, der mit seinem Generalstabschef Baron Pitreich hier umherlief, beorderte uns zur schleunigen Verstärkung des linken Flügels. Durch einen Verhau gingen wir vorwärts. »Kisch, gehen Sie zurück und führen Sie mir den übrigen Teil der Kompagnie im Laufschritt nach.« So eilte ich wieder an das Ufer.

Aus allen Pontons stiegen eben Elfer aus. Die von der 15. Kompagnie nahmen im Walde am Ufer Liegestellung an. »Das war bös, das mit dem Herrn Oberst,« sagte mir ein Infanterist, »nicht?« – »Was denn?« – »Ja, er ist doch in Ihrer Gegenwart in die Brust geschossen worden.« – »In meiner Gegenwart?« – »Ja, gerade als Sie mit ihm gesprochen hatten und sich von ihm abwandten, um zur Böschung zu laufen, hat es ihn erwischt.« – »Ist er tot?« – »Weiß nicht.«

Inzwischen war alles da. Im Laufschritt gingen wir durch den Wald vor, senkrecht auf den Lauf der Drina. Dem Befehle gemäß war Schwarmlinie angenommen worden.

Durch das Geäst und an den Stämmen vorbei strichen Kugeln zu Tausenden. Überall lagen Stücke Blutes, rotbefleckte Hemden, Tücher, Bandagen, weggeworfene Brotsäcke, Gewehre, Stiefel, Tornister. Verwundete schleppten sich vorbei, und so war ich nicht eine Sekunde im Zweifel, daß ich den rechten Weg führe. Um so überraschter war ich, als wir, die wir uns doch immerfort vom Flusse entfernt harten, plötzlich wieder am Ufer des Flusses standen. Eine Sekunde lang blieben wir starr. Dann erinnerte ich mich aber, daß der Strom vor mir nicht mehr die unglückselige Drina sondern die Save sein müsse. Nun verschoben wir uns nach rechts und waren schnell bei unserer Plänklerlinie. Beim Gruppenkommandanten, einem Major von 91, meldete gerade ein Infanterist, daß Hauptmann Sychrava von 91 in seiner Stellung durch ununterbrochene Verluste vollständig geschwächt und so gefährdet sei, daß er unbedingt Verstärkung haben müsse, wenn er seine vorgeschobene Position halten solle. Bevor der Major noch antworten konnte, meldete unser Kompagniechef, daß er zur Verstärkung bereitstehe. Es schien selbstverständlich, daß der Major uns zur Rettung der bedrohten Abteilungen vorschicken werde.

Endlich: »Herr Oberleutnant, verdichten Sie einstweilen den linken Flügel am Wall und warten Sie, ob wir vorwärtsgehen.« Der Infanterist wartete noch immer auf Bescheid. »Sagen Sie Herrn Hauptmann Sychrava: wenn er sich nicht halten kann, soll er bis zu diesem Wall zurückgehen, den ich mit aller Energie …«

Wir schauten einander verdutzt an. Blick über die Erdwälle, »den Wall«: Kukuruzstaude an Kukuruzstaude. Nicht ein Quadratmeter niedergebrochen, geradezu als ob man gefürchtet hätte Feldschaden zu machen. Der Ausschuß betrug buchstäblich einen halben Meter.

Der Infanterist wollte gerade mit dem Bescheide zu seinen bedrohten Kameraden zurückkehren, als ihn der Major zurückrief und einen bubihaften Kadettaspiranten damit betraute, die negative Botschaft zu überbringen. Der Kadett schwang sich in den Kukuruz, aber in demselben Augenblick kollerte er schon mit einem Aufschrei zu Boden. Er hatte oberhalb des Ohres einen Schuß in den Kopf bekommen. Man verband ihn rasch. Inzwischen erhielt doch der Infanterist den Auftrag zur Befehlsüberbringung; ihm fiel es gar nicht ein, im ungedeckten Terrain vorwärts zu laufen, sondern er nützte den Schutz der Wälle aus.

Während dieser Szenen hatte ein Leutnant, der zu Füßen des Majors lag und jedenfalls zu dessen Stabe gehörte, mit unserem Fähnrich ein Gespräch angeknüpft. » Das ist eine Mausefalle, was?« Jetzt erst fügte ich mir im Geiste die Grenzlinien unserer Stellung zusammen und erkannte, wie recht er hatte: Eine Mausefalle. Links die Save, hinter uns die Save, rechts die Drina und vor uns als Reuse, der dichte unübersichtliche Mais mit dem Feinde darin, der uns ununterbrochen Tausende von Projektilen in das Wäldchen zwischen Save und Wall sandte. Kaum 25 m war der Busch breit, wir mußten uns darin gegen zwei Fronten sichern, und seine Bäume boten ein prächtiges Ziel, während wir auf Geratewohl in das Maismeer schießen mußten.

Vor uns knatterten die Schüsse eigener Leute. Wir mußten eigene zusammenschießen, wenn wir von hier aus zu feuern beginnen würden. »Vorwärts!«, befahl der Oberleutnant spontan, aber wir waren kaum dreißig Schritte im Kukuruz vorwärtsgekommen, als uns, wie erinnyengepeitscht, Soldaten entgegenkamen, Hundertzweier. Sie jagten dem Walle zu. Wir stockten im Vorgehen, und es bedurfte drohender Schreie der Vorgesetzten, um uns noch einige Schritte vorwärts zu reißen. Aber dann begegneten wir einer ganzen Schwarmlinie, die rückwärts stürmte, ihr voran ein Kadett. »Halt!«, schrie ihn unser Oberleutnant an, aber er rannte weiter. »Halt, Herr Kadett, oder ich schieße!« Jetzt blieb er stehen. Bebte wie ein Kranker. »Ich befehle Ihnen vorwärts zu gehen!« – »Es ist nicht möglich, Herr Oberleutnant, wir werden so beschossen und haben keine Munition.« Stotterte vor Angst, schlotterte mit den Knien. »Kehrt euch und nochmals vorwärts!« – »Ich gehe ja, ich gehe.« Aber das half nichts mehr: Seine Leute hatten das Ende der Kontroverse gar nicht abgewartet und waren, in den hohen Stauden unbemerkt, bis an die Deckung gelangt, unsere Leute mit sich schwemmend. Es war also nichts zu machen: In dem undurchsichtigen Maisgebiet und in der allgemeinen Depression konnte die Kompagnie nicht auf einmal vorgehen. Der Oberleutnant befahl die Züge des Leutnants Valek und des Kadetten Weiser zur Vorrückung, die anderen als Reserve. Wir waren kaum 60 Schritte weit gekommen, als Hauptmann Sychrava mit einem Teil seiner Kompagnie zurückkam. Er hatte sich solange gehalten, als es möglich war. Er war in vollkommen aufgelöstem Zustande. Er nannte immerfort die Namen seiner Chargen, seiner Leute, die er neben sich hatte fallen sehen, fluchte und weinte.

Es war der Kamm des einen niedrigen Hügel bildenden Kukuruzfeldes, auf dem wir Position bezogen hatten. Da die Serben auf der anderen Seite des Abhanges lagen, mußten alle ihre Schüsse hoch gehen, und das war der Grund dafür, daß wir bisher an unserem Wall, der doch nur sanft abfiel, und auf dessen Kamm wir lagen, verhältnismäßig wenig getroffen worden waren. Daß nun die Welle nicht mehr zu halten sei, war klar, denn wir waren schon beim Vorrücken immerfort auf Leichen serbischer Soldaten gestoßen, die noch von Blut trieften, ein Beweis dafür, daß sie erst vor kurzer Zeit hier getötet worden waren, und ihre Kameraden noch nicht weit zurück sein konnten. Das Frontalfeuer war von äußerster Intensität und vom Finanzwachhaus nächst Serbisch-Raèa bekamen wir (schwächeres) linkes Flankenfeuer. Überdies sausten die Kugeln der rechts etwas hinter uns liegenden Abteilungen unserer eigenen Divisionsregimenter allzunahe an uns vorbei, da sie ja im Kukuruz nicht zielen konnten. Der Feind durfte aber von der Welle nicht Besitz ergreifen, sonst wären die ganzen vier Regimenter im Wäldchen vernichtet, oder ins Wasser geworfen worden. Deshalb mähten wir den Kukuruz bis zum Walle nieder und hatten im Vorterrain unserer Kompagnie nun wenigstens soweit Ausschuß, daß man uns nicht unvermutet mit dem Kolben erschlagen und uns nicht ungesehen mit Handbomben bewerfen konnte. Dann legten wir uns wieder in unsere Deckung zurecht und gruben uns ein.

Da ich keinen Feldspaten hatte, scharrte ich mir mit dem Bajonett ein kleines Loch mühselig und ungeschickt zurecht. Eine Ordonnanz vom Brigadekommando lief vorbei, ein Bekannter. »Streng' Dich nicht an, wir bleiben nicht hier.« So ließ ich denn die Kugeln mich umpfeifen, und mir taten die dummen Anderen leid, die sich im Schweiße ihres Angesichts festgruben, um dann, bis die Deckung fertig sei, aus ihr fort zu müssen. Aber es wurde spät und später als spät, zu den Geschoßbahnen der Gewehrkugeln liefen nun auch Schrapnells und Granaten parallel, und wir waren noch immer nicht fort. (Die Ordonnanz hatte mich nicht belogen. Wir hatten vorgehen sollen bis unsere Verbindung mit der Landwehr-Infanteriedivision hergestellt sei, die nördlich von uns links verlängern sollte; aber sie war zurückgeschlagen worden, gar nicht über das Ufer gekommen.) So lag ich, während die dummen Anderen längst eine Burg um sich errichtet hatten, in meinem Erdloch und schaufelte mir mit den Händen einen kleinen Erdhügel vor meinem Kopf. Als aber von links immer mehr und mehr Schüsse kamen, legte ich mir dort den Brotsack auf, und wenige Minuten später vernahm ich, wie das erste Projektil gegen die darin enthaltenen Konservenbüchsen klirrte. Nun drehte ich die Mütze um, weil mich das Schild hinderte, den Kopf bis an die Stirne ins Erdreich zu pressen, wenn ich mich nach abgegebenen Schüssen wieder decken wollte. Immerfort schrillten die Kugeln an mir vorüber und schlugen in die Deckungsflügel ein, uns die Erde so heftig ins Gesicht schlagend, daß wir uns schon getroffen wähnten.

Links von meiner Miniaturdeckung sind die Schützengräben der Serben. Gegen Schrapnelle, ja gegen Granaten geschützt, betoniert, mit Schießscharten versehen, schier uneinnehmbar. Es waren keine Hammeldiebe oder Ziegenschänder, die hier gegen uns auf der Wacht an der Save lagen. Eine serbisch-französische Grammatik liegt im Graben, daneben ein serbisch-französischer Diktionär. Anderswo das Notizbuch eines Schülers der 6. Realschulklasse mit dem Stundenplan. Im Augenblick, da sie aus dem Schutzdache traten, traf sie der Hagel unserer Schrapnells. Der eine sitzt auf eine Trommel gestützt, und aus dem Auge des längst Toten sickert das Blut langsam, wie aus einem Tropfenzähler. Der andere liegt mit ausgestrecktem Arm auf dem Rücken da und neben ihm – aus seinem Brotbeutel ausgeschüttet – frisches Obst. Wir alle haben Durst und Appetit darauf, aber keiner wagt es, das Eigentum des Kalten zu berühren. Ein serbischer Oberleutnant, die Hand auf dem Säbel, liegt auch auf dem Rücken; er ist von unten in das Kinn getroffen worden.

Neben den Toten liegen unsere Burschen und haben sich an die kalte Gesellschaft gewöhnt. Besonders ein junger Zugsführer von 91 macht immer Witze. Er steht aufrecht, als ob er am Rosenberger Teich spazieren ginge und nicht im Streukegel serbischer Patronen. »Mit den Serben wären wir bald fertig, aber der Kukur…«. Mit einem Wimmern vollendet er den Satz. Wie einen Nervenriß empfinden die Nachbarn dieses Wimmern, so schnell es auch verzittert ist. Ich wende mich ab, man ist gerade nervös genug von dem Lärm und der Gefahr da herum. Und jetzt noch das Gekreisch eines Schwerverletzten hören zu müssen? Aber Gott sei Dank, er schweigt. Schweigt sogar auffallend. Ich schaue über die Brüstung, eine kleine, natürliche Traverse. Da liegt er und röchelt nicht mehr. Eine Minute später hinkt ein 91er vorüber, den Fuß ganz blutig. »Na also, da geht er,« meint der Hauptmann, »und gewimmert hat er, als ob er zu Tode getroffen wäre.« – »Das ist nicht der Zugsführer, Herr Hauptmann,« und weise über die kurze Böschung. Der Hauptmann schaut hinüber, und es fröstelt ihn.

Leutnant Valek kommt mit den Leuten unseres vierten Zuges von vorne zurück. Er ist in das Schulterblatt getroffen, auch Oberleutnant Manlik ist in den Arm geschossen.

Drei Regimenter liegen wir da, alle jetzt am Wall, hart aneinandergepreßt. (73 ist drüben Reserve.) Ein Regiment hat 3000 Mann. Wir sind jetzt über 10 000 Leute hier, und von nachmittags bis abends schießt alles Salven. Jeder hat mindestens 140 Patronen. Sagen wir, jeder habe nur hundertmal geschossen, so wären es eine Million Schüsse knapp neben mir, und über uns sausen die Geschosse der eigenen Artillerie ins Feindesland. Ganz Serbien muß übersät sein von unseren bleiernen Fabrikaten. Vielleicht trifft eines bei Ub eine arme Greisin, die Äpfel pflückt. Und zu den Millionen eigener Geschosse gesellen sich Millionen serbischer Patronen, serbischer Schrapnells, serbischer Granaten, denn wir sollen sechs serbische Divisionen gegenüber unserer einen stehen haben. Es ist unmöglich, durch diese Ziffern irgendwie einen Begriff des Krawalls zu geben, für den das Wort »Höllenlärm« ein Euphemismus wäre. Wir sind schon ganz apathisch.

Ich hatte Durst und nichts zu trinken. Nur im Brotsack wußte ich das letzte Stückchen Schokolade aus dem Paket, das mir meine Mutter gesandt hatte. Ich stand auf und packte den Brotsack aus. Sie war in Wäsche eingepackt und nicht leicht zu finden. Zwei prächtige Tafeln in Originalverpackung Cailler. Ich nahm sie heraus und steckte sie in die Bluse. Hinter mir stand ein Oberleutnant, neben mir zwei Infanteristen, denn das Feuer war schwächer geworden. Im selben Augenblick schwirrte eine Granate haarscharf über unsere Köpfe. Das Geäst des Baumes fiel krachend auf uns hernieder, und dieweil wir uns zu Boden warfen (oder fielen) spürte ich, wie die Schokolade links neben mir zu Boden fiel. Hauptmann Mimra schrie mir zu: »An Artillerieaufklärer weitergeben: Finanzhaus Raèa zusammenschießen!« Ich wiederholte den Befehl und gab ihn weiter. Das dauerte eine halbe Sekunde. Als ich die Schokolade aufheben wollte, war sie weg. Ich brüllte meine Nachbarn an, ich weinte vor Wut, ich dachte nach, wie ich den Dieb zusammenohrfeigen wollte, wenn ich ihn erwischen würde, und – statt Gott für jede Sekunde zu danken, in der mich kein Geschoß traf – waren meine ganzen Gedanken bei nichts anderem, als bei der Schokolade, die mir meine Mutter zu Hause eingepackt hatte, und die nun ein Anderer verzehren würde. Ja, ich weinte vor Wut und wünschte nichts, als den Räuber zu erwischen.

Immerfort wankten Legionen Verwundeter vorbei. Wie wird das erst werden, bis wir vorgehen? Das war der Gedanke, der mit Befürchtungen erfüllte. Was wird uns der Morgen auf jenen Höhen bescheren? Diese Befürchtungen wurden durch eine Botschaft zerstört, deren Schrecklichkeit noch tausendmal ärger wirkte.

Es war 2 Uhr nachts. Der Kompagniechef rief mich zu sich. »Ich habe das Gefühl, daß Rückzug sein wird.« – »Unmöglich, Herr Oberleutnant, es ist ja keine Brücke geschlagen.« Er winkte mit der Hand ab, und ich erkannte, daß es nicht Gefühl, sondern Kenntnis einer Tatsache war, was ihn eben zur Mitteilung veranlaßt hatte. »Also passen Sie auf, wie sich der Rückzug vom linken Flügel aus vollzieht, bleiben Sie bei Herrn Hauptmann Mimra als Verbindung zwischen ihm und meiner Kompagnie.«

Ich lief zum Hauptmann an Leuten vorbei, die der Drina zuströmten. Es waren schon von anderen Kompagnien Ordonnanzen da. Ich hörte, wie er sie abfertigte. »Oberleutnant Schier beginnt.« Es ging vom linken Flügel an. Dreiviertel Stunden lag ich aufgeregt da. Hier Tausende von Menschen und zur Überschiffung waren höchstens zwölf kleine Pontons vorhanden, die gewiß nicht mehr als 20 Personen faßten, denn bei der eiligen Überschiffung hatten sie sicher die Maximalzahl aufgeladen. Und nur einige Truppenpioniere, von denen manche feig, manche verletzt waren. So sollten wir aus der Mausefalle entkommen? Die Uferszenen von der Herüberfahrt würden sich gewiß wiederholen, wenn nicht übertroffen werden!

Immer, wenn sich eine neue Abteilung vom linken Flügel aus an uns vorbei verschob, ohne daß die schießend und gedeckt in der Schwarmlinie liegenden übrigen Leute eine Ahnung davon hatten, erhielt der Oberleutnant ein Aviso, auf das dieser mit dem Kommando zu lebhafterem Schießen reagierte. Unsere Leute, die diesen Befehl als Ausdruck besonderer Gefahr auffaßten, klapperten vor Angst, schossen wie rasend und bohrten die Köpfe in die Deckung.

Um dreiviertel 3 Uhr nachts waren wir der linke Flügel. Hauptmann Mimra rief mich zu sich: »Fünfzehnte los!« Nun war zu allen unseren Zugskommandanten zu laufen, um ihnen den Befehl zuzurufen: »Fünfzehnte Kompagnie von Elf Rückzug.« Leicht gesagt, aber in der beinahe lückenlosen Schwärze dieser Nacht, in überhitztem Lärm, während in unseren Leuten andere Regimenter und andere Kompagnien eingekeilt waren, sehr schwer getan. Es durfte jedoch niemand von den Kameraden zurückgelassen werden, und so rannte ich von einem Plänkler zum anderen, um ihm den Befehl zu überbringen und nach dem Zugskommandanten zu fragen. Zwei von diesen hatte ich verständigt, als sich schon alles am linken Flügel zum Rückzug bewegte. Der Kompagniechef wartete auf der alten Stelle: »Fünfzehnte Kompagnie nach rechts verschieben.« Zum Wald. Gegen die Drina zu. Immerfort durch Gebüsch, immerfort durch Gestrüpp. Immerfort mußte man sich zu Boden werfen, weil ein Artilleriekomet unsere Kokarden streifte, und bald hatten wir den Weg verfehlt oder glaubten es wenigstens, »hierher Herr Oberleutnant,« rief einer, »hierher Herr Oberleutnant,« schrien die anderen, wir waren bald nur fünf Leute beisammen, entschlossen uns, zur Save zu gehen und längs ihrem Ufer zur Drina, aber als wir an den Fluß kamen, der durch Spiegelung des kläglichen Mondlichtes wenigstens etwas Helle gab, wußten wir nicht, in welcher Richtung die Drina liege. Einer wollte eine Streichhölzerschachtel ins Wasser werfen, um die Stromrichtung festzustellen. »Nicht die Zündhölzchen, das wäre schade,« wehrten alle. So warfen wir eine Feldpostkarte in den Fluß und sahen, daß wir nach links längs des Flusses zu gehen hätten. Trupps von Soldaten brachen aus den Büschen am Ufer und schlossen sich uns an, andere überholten uns, andere kamen uns entgegen und wollten uns einreden, daß unser Weg der falsche, der entgegengesetzte der richtige sei. Wir aber wußten, in welcher Richtung die Feldpostkarte geschwommen war und der einzige Zweifel war nur, ob wir wirklich an der Save seien und nicht vielleicht an der Drina oberhalb der Überschiffungsstelle. Aber bald sahen wir die Drinamündung.

Ein einziger Schrei aus tausend Komponenten, ein einziger Schrei, der ohne Ende, riß an unserem Trommelfell. Wie herzklopfend vorausgesehen war: beim Überschiffungsrelais ging nicht alles in Ordnung ab. Wir kamen näher an das Gellen heran, und als wir die durch Massen von Menschen kenntliche Überschiffungsstelle sahen, waren wir bereits von dem Geheul und von unserer eigenen Angst wie gelähmt. Langsam, während uns das Gedränge aufsaugte, begannen wir zu unterscheiden.

Leute warfen Tornister und Gewehre krachend auf den Sand, saßen auf der Erde und nestelten hastig an ihren Schuhbändern. Die meisten, des Schwimmens unkundig, standen in voller Ausrüstung bis an die Hüften im Wasser, um das Ponton zu erreichen, bevor es noch ganz am Ufer sei, und um sich also schon im Drittel des Stromes ihre Plätze zu sichern. Sie waren es, die durch schakalisches Gebrüll und durch ein tobsüchtiges Vonsichschleudern der Arme die Aufmerksamkeit der Pontonführer auf sich leiten wollten und sich mit den Nachbarn zankten und rauften, weil diese durch noch exorbitantere Entfesselungen die Aufmerksamkeit stärker auf sich zu zerren versuchten. Andere wollten den Strom ganz durchwaten, so daß im Wasser Truppen in geschlossener Masse bis an den Hals vorwärtsgingen.

Diesen schloß ich mich an und drängte halb gestoßen, halb gehend bis zur Mitte vor. Da mich mein Gewehr hinderte, mit den Händen zu balancieren, steckte ich den Kopf in den Gewehrriemen und schob diesen quer über die Brust, daß die Flinte oberhalb meines auf den Rücken geschnallten Brotsackes im Nacken hing. Immerfort spürten wir, daß wir auf dem Grund des Wassers auf Tornister traten und auf Gewehre. In der Mitte des Stromes mußten wir halten, denn die Leute kamen zurück: es geht nicht weiter vor, es ist zu tief und die Strömung zu stark. Ich stand in der Mitte des Flusses bis an den Hals im Wasser, unschlüssig, ob ich zurückgehen, oder ob ich Gewehr, Patronentaschen und Brotsack wegwerfen und zu schwimmen versuchen sollte.

Mit einem Male erhielt das aus zahllosen Schreien zusammengesetzte Getöse einen einzigen Text:

»Die Serben sind schon am Ufer!«

Tatsache ist: der Horizontalregen der Gewehrkugeln verdichtete sich wie auf einmal. Die Geschosse verliefen nicht mehr über unseren Figuren, sondern man sah sie das Wasser durchlöchern. Manche der Unsrigen rannten nach rechts zurück, denn nur von links, schien es ihnen, komme der Feind heran, manche warfen sich ins Wasser, schwimmend österreichisches Ufer zu erreichen. Fünf Schritte neben und vor mir, sah ich einen Offizier energisch schwimmen. Wie mir schien, war es Oberleutnant Batek. Ich rief seinen Namen, aber er hörte mich nicht. Ich wollte ihm nachschwimmen, aber plötzlich tauchte sein Kopf unter und kam nicht mehr zum Vorschein. Entweder hatte ihn eine Kugel getroffen, oder hatte ihm ein Herzschlag den Drinatod gebracht. Jetzt schaute ich mich um und sah an mindestens 30 Stellen das gleiche Bild: an dreißig Ertrinkende, an verschiedenen Stellen schreiend, röchelnd, schnappend, aus dem Wasser emportauchend und mit den Händen sich in der Luft festzukrallen und an dem Nichts emporzuziehen versuchend, Füße, die aus dem Wasser emporzappelten –, während ich dieses schreibe, zittert meine Hand, ich muß innehalten …

An einigen Schwimmern hielten sich Nichtschwimmer fest, und jene konnten sich nicht losmachen, sie schlugen um sich, aber bald sanken sie gemeinsam in die Tiefe. Denen, die nahe bei mir den Boden verloren hatten, reichten wir, die wir in einer Reihe noch am Grunde stehen konnten, die Hände und zogen sie an uns. Zweien ich. Der erste rannte gleich wieder in sinnloser Eile an das Ufer zurück. Der zweite pustete noch eine Weile, dann verschwand er zu meinen Füßen auf dem Grund.

Eine Bewegung nach rechts ging durch die Reihen. Dorthin fuhren vom österreichischen Ufer drei Pontons. Aber jene, die entgegenrannten, zählten nach Tausenden. Mitgerissen, eilte auch ich hin, soweit man eben eilen konnte, wenn das Wasser bestenfalls bis zum Halse, an manchen Stellen bis zum Munde reichte. Der Ponton, zu dem ich kam, war aufgehalten worden und stand nun mit der breiten Seite parallel zur Stromrichtung. Während sich alle in neuerlichem Verzweiflungskampfe auf der ihnen zugekehrten Seite in den Kahn zu schwingen versuchten, stapfte ich zu der dem österreichischen Ufer nähergelegenen Breitwand und packte mich mit den Händen an ihr.

Noch ein zweiter ist so schlau gewesen und hängt dort. Ich flehte einen der schon in den Kahn Gelangten an: »Kamerad, um des Himmels willen, zieh' mich in das Boot.« Er packt mich an, vermag mich aber nicht über den hohen Rand hineinzuziehen, da ich nicht imstande bin, ihm irgendwie zu helfen. Mit einem Blick auf meinen Nachbarn, den ein anderer Mann gleichfalls trotz aller Anstrengung nicht in das Ponton zu zerren imstande ist, rate ich meinem Retter: »Hilf zuerst dem da und dann mir«. Er tut das, und mein Nachbar ist schon drinnen. Inzwischen hat sich der Ponton gefüllt, Stimmen wurden laut: »Abstoßen! Niemand hereinlassen!« Ich bitte meinen Retter: »Also, jetzt komm' ich daran«, aber er hilft mir nicht, der Insasse, dem er beim Hineinziehen geholfen hatte, auch nicht, und mein emeritierter Nachbar von der Außenwand, der mir doch sein Leben verdankt, am allerwenigsten. Inzwischen ist der ganze Ponton, auch meine schon patentiert geglaubte Pontonseite, von mehr als 60 verzweifelten Händen umklammert. »So können wir nicht rudern«, schrien die Pioniere, und das ist das Signal zu einem Angriff gegen uns »Außenseiter«. Mit Gewehrkolben schlägt man den draußen Hängenden auf die Finger oder trommelt mit den Fäusten auf ihre Hände los, bis sich diese öffnen. Dann fallen die Armen ins Wasser, gurgeln, tauchen auf, manche zwei- oder dreimal, und sinken unter …

Die Aufgabe, mich vom Pontonrand loszuschütteln, hat ein junger Bursch übernommen, dessen Gesicht ich noch nach 50 Jahren nicht vergessen haben werde. Ein getreideblondes Haarbüschel schiebt sich weit aus seiner Mütze über die Schläfe, er trägt die papageigrünen Aufschläge der Einundneunziger und hat ganz große, unendlich gütige Augen; mit diesen würdigt er mich gar keines Blickes, sondern schaut nur ganz sachlich auf meine Finger, die sich verzweifelt an der Brüstung anhalten, während mein Körper im Wasser hängt. Dann kniet er seelenruhig vor mir nieder und beginnt, meine Hände loszureißen, so gleichmäßig, als ob er Nüsse schäle. Es gelingt ihm endlich, meine rechte Hand loszuzerren, aber kaum macht er sich an die linke, so sieht er auch schon, daß ich mich mit der rechten Hand von neuem festgekrallt habe. Also so geht es nicht. Er sinnt einen Augenblick nach und packt dann den kleinen Finger meiner linken Hand, dann den Goldfinger, dann den Mittelfinger und so fort. Während dieser Zeit bin ich keineswegs stumm geblieben. Zuerst flehe ich ihn um Gnade, dann verspreche ich, ihm ewig dankbar zu sein, appelliere an seine Kameradschaft, beschwöre ihn beim Leben seiner Mutter und weise darauf hin, daß durch mich das Boot ja nicht umkippen werde. Er läßt sich dadurch in der ruhigen Ausübung seiner Pflicht, mich zu ersäufen, nicht stören und hebt weiter meine Finger. Also durch Flehen läßt sich nichts erreichen. »Schuft«, brülle ich, »ich kenne dich ganz genau, wenn ich hinüberkomme, wirst du als Mörder aufgehängt, also nützt es dir nichts, wenn du mich hinunterwirfst, die Anderen werden dich schon anzeigen, daß du ein Mörder bist.« Auch das verfehlt den Eindruck. Er hat meine linke Hand bereits losgelöst und hält sie mit seiner Linken fest, damit sie nicht von neuem die Pontonwand umarme, und schickt sich nun an, mit seiner freigebliebenen Rechten an meinen Fingern seine Prozedur fortzusetzen. Die anderen Insassen sind inzwischen wütend darüber geworden, daß ich mich noch dagegen aufzulehnen wage, wenn man mich ertränken wolle. »Schmeißt den Kerl ins Wasser!« Ich will nun weiter nicht lästig fallen, lasse mich ins Wasser plumpsen.

Versuche zu schwimmen. Aber ich kann kein Tempo machen, denn mein Gewehr, das ich längst vergessen hatte, verschiebt sich bis zum Halse, und der Gewehrriemen beginnt mich zu würgen. Außerdem ziehen mich die schweren Kommisstiefel und die Rüstung grundwärts. Ich probiere, den Gewehrriemen über den Kopf zu zerren, aber es gelingt mir nicht. Der Ponton hat sich inzwischen gedreht und befindet sich bereits an tiefer Stelle. Der Rest meiner Verzweiflung schnellt mich empor, ich packe die Zille an ihrer Bugspitze und verstecke meinen Kopf hinter dem Rande. Im Ponton herrscht eine heillose Panik. Die serbischen Kugeln pfeifen hinein, und in jedem Moment beweist ein Aufwimmern, Schrei, Schrei und Schrei, daß sie treffen. Aber grausig würgend ist es, da eines von den serbischen Schrapnells, die bisher rechts und links von uns ihre Füllkugeln oder ihre rotglühenden Zünder in die Drina gesprengt haben, über unserem Boot platzt: Lärm, Geächze, Stöhnen, Flüche und dann Panik: »Das Ponton ist durch!«, schnell die Löcher zustopfen, Zeltblätter heraus, Mäntel hineinstecken, ich höre tausende derartige Rufe, ohne etwas zu sehen. (Auch bin ich verhältnismäßig gut gedeckt.) Neben mir schwimmt ein anderes Ponton, in das nacheinander zwei Schrapnells einschlagen. Es kippt um, und ich wende die Augen weg – –

Unser Vehikel fährt dem Ufer zu, wird aber von der Strömung abgetrieben. Wir kommen etwa 100 Schritte weiter nördlich an das österreichische Ufer. Sappeure und einige Infanteristen helfen ans Land, aber bevor ich mich von der Hinterwand mit den Händen vorwärtsgegriffen habe, sind alle ausgeschifft und die Hilfeleistenden aus dem Kugelregen geflüchtet. Ich versuche an das Land zu steigen, aber es ist zu tief. Sinke zurück. Rufe um Hilfe. Manche, die die Böschung hinaufeilten, drehen sich um. Keiner kehrt zurück. Ich erkenne einen Bekannten von meinem Regimente. »Neumaier!« schreie ich seinen Namen. Er wendet sich um: »Wer ruft mich?« – »Ich, der Kisch.« Er kehrt zurück, um mir sein Gewehr entgegenzustrecken, ich fasse es an, und er zieht mich an das Ufer. Es ist steil und glitschig. Ich rutsche aus. In meiner Schwäche bin ich nicht mehr imstande, das Gleichgewicht wieder zu erlangen und stürze rücküber ins Wasser. Aber er springt mir, der ich mich wieder aufgerichtet habe, nach. Wir stehen beide bis an den Hals im Wasser. Er stellt sich hinter mich und schiebt mich, fest hält er mich an den Hüften, vorwärts über den Uferdamm. Boden spüre ich unter mir, Boden.

Eine Kolonne, falstaffisch und elend, zieht im Gänsemarsch längs der Böschung. Nackte Soldaten, Soldaten in Unterhosen, Soldaten in voller Rüstung, Soldaten bloß in Zeltblättern trotten apathisch einher. Ich mit ihnen. Zwischen Neumaier und mich haben sich schon Massen geschoben.

Links ein großer Baum. Das ist der Sanitätshilfsplatz der 102er, fällt mir ein, den wir beim Hinmarsche gesehen haben; Doktor Klein, Doktor Turnovsky oder Doktor Wollin werden mir irgendwie helfen. So biege ich nach rechts, und binnen fünf Minuten bin ich allein bei dem Baume. Ein Baum wie hundert andere, kein Hilfsplatz zu sehen. Ich muß weitergehen, und nun irre ich mutterseelenallein auf Wiesen und Feldern umher, während von den Ufern aus den Patronenmagazinen ununterbrochen debattiert wird, und Geschosse, an dem einsam Gehetzten vorbeiirrend, die einzigen Zeichen sind von Menschlichkeit. Ich verzweifle schon, die Richtung zu finden. Plötzlich schreit mich, dreißig Schritt vor mir, aus einem Gebüsch ein Posten an: »Halt, wer da?« Ich weiß keine Erkennungszeichen, weder Feldruf noch Losung, da ich ja in geschlossenem Zuge eingeteilt gewesen war, aber der Buschmann beharrt mit eiserner Hartnäckigkeit, daß ich sie nenne und erschießt mich vielleicht, wenn ich mich nicht just erinnert hätte, daß die Feldwachen von den 73ern bestritten wurden und mich nicht durch einen dialektischen Versuch egerländischer Mundart als Freund zu erkennen gebe: »Seids diats Dreisiebzger? I tirt gern mit enkern Kummadanten riaden.« Sie führten mich zu dem Leutnant, der mich zunächst für einen Drückeberger hält, der aus der Schwarmlinie geflohen ist. Er weiß noch nichts von dem allgemeinen Rückzug, da an seiner entlegenen Feldwache keine Truppen vorüber gekommen sind. Dann weist er mir die Richtung zum Weg nach Velinoselo. In zehn Minuten habe ich den Weg nach Velinoselo erreicht. Tausende von Soldaten lagern da und haben ihre Hemden ausgezogen, um sie mit anderen aus ihren Tornistern zu vertauschen oder wenigstens auszuwinden und dann wieder anzuziehen. Auch ich versuchte mein gestern erhaltenes Hemd aus dem Brotsack zu nehmen. Ja! In meinem Brotsack hat sich ein Tümpel etabliert, und das Reservehemd ist nässer als das, das ich am Leibe habe.

Endlich ein Haus. Ein Gendarmeriekasernchen. Unmengen von Soldaten stehen davor, mit ihrer Toilette beschäftigt. Hier leere ich meinen Brotbeutel aus, die Reserveportion Zwieback ist aufgelöst, liegt als flüssiger Brei in ihrem Säckchen. Meine Briefe und Karten sind aneinandergeklebte Fetzen, ebenso die alten Stücke Zeitungspapieres, die ich für alle Fälle aufgehoben hatte, mein Tagebuch ist, soweit es mit Tintenstift geschrieben war, ganz verwischt und verschwommen, besonders an der Stelle, wo der Bleistift eingelegt war, mit dem Tintenstift kann ich nicht mehr schreiben, er hat sich aufgelöst. Die Blechkapsel in meiner Tasche hatte sich geöffnet und das Legitimationsblatt ist unlesbar geworden. Gleichgültig! Mag man mich als X oder Y begraben. Beim Gendarmeriehaus traf ich meinen Retter. Er rauchte. »Neumaier, gib mir einen Schluck!« – »Ach was;« damit lehnte er ab.

Vor Dolni-Brodac, unserem alten Lager, sitzen unsere Soldaten in einer Gruppe, die Geretteten, jeden Vorbeikommenden nach Verbleib von Bekannten befragend und beliebte Personen stürmisch begrüßend. Auch eine Gruppe von Offizieren sitzt dort, unter ihnen mein Oberleutnant, der sich in dem umgekippten Ponton befunden, aber doch gerettet hat, ein Oberleutnant, dessen Arm durchschossen ist, ein Leutnant, der vier Schüsse in den Schultern hat, usw.

Sie fragen, ob ich nicht von irgendeinem verletzten Offizier wisse. »Kirrmann ist tot.« »Das haben wir auch schon gehört, aber es soll nicht wahr sein.« Einer erzählt, wie er ihn zerschmettert gesehen. Da schweigen sie. Sie nennen mir die Namen anderer gefallener Offiziere. »Was ist mit Oberleutnant Batek?« frage ich, mich meines schwimmenden Nachbars aus der Drina entsinnend. »Vermißt.« Hauptmann Mimra liegt fiebernd in seinem Zelt, Lungenentzündung. Die Kompagnie rangiert sich, damit man die Verluste feststelle. »Unser Zug ist schön zusammengeschrumpft«, wende ich mich mechanisch an meinen Schwarmführerstellvertreter, der immer neben mir in der Einteilung stand. Ein anderer antwortet. Also Korporal Czeschka fehlt auch. Er war zur Dekorierung eingegeben gewesen, weil er vor 14 Tagen bei der Rettung unserer Patrouille in Feindesfeuer durch die Drina geschwommen war. Wie hatte er sich, unserem Spott zum Trotz, auf die Medaille gefreut. Von meinen Kumpanen fehlen über 20. Dabei sind in anderen Kompagnien die Verluste noch größer. Und erst bei den anderen Regimentern unserer Division!

Den ganzen Morgen weine ich grundlos und unvermittelt, am Nachmittag lache ich, kurzum, ich bin ganz kindisch geworden. Trotz aller Übermüdung und Hitze kann ich nicht einschlafen. Auch die anderen sind in ähnlicher Stimmung. Ich komme an unserem vierten Zug vorüber, der besonders viel Verluste gehabt hat. Eine Gruppe sitzt ganz traurig, ganz niedergeschmettert da: »Unser Schimmel ist auch schon tot.« Ich wußte aber schon, daß auch unser Munitionstragtier ertrunken war. Manche Chargen, die im Rummel in Pisek keine Distinktionssterne zu kaufen erhalten hatten, hatten sie sich mit Tintenstift auf den Blusenkragen gemalt. Im Drinawasser sind nun diese Sterne sehr groß geworden. Darüber lachen sich jetzt alle schief: »Schau, was der für einen großen Stern hat, der muß sehr stolz darauf sein, daß er Gefreiter ist.« Auch ich kicherte stillvergnügt in mich hinein.

 

Donnerstag, den 10. September 1914.

Wir liegen auf unserem alten Lagerplatz, der allerdings inzwischen zur Hälfte von zwei Divisionen Windischgrätz-Dragonern mit Beschlag belegt worden ist. Das Geheimnis jener Enthüllung, die der Oberstleutnant am Abend vor der letzten Schlacht den Kompagniekommandanten gemacht hatte, ist nun keins mehr. Seine Mitteilung besagte: Der Kommandant der Balkan-Armee hat sich entschlossen, seine Aufgabe in offensiver Weise zu lösen. Die 9. Infanterie-Truppen-Division soll bei Raèa die Save an der Drinamündung überschreiten, rechts hiervon die 36. Infanterie-Truppen-Division, links davon die 21. Landwehr-Infanterie-Truppen-Division. Wie unsere Offensive ausgefallen ist, habe ich schaudernd miterlebt, wie unsere Nachbarn abgeschnitten haben, darüber legt der Divisionsbefehl Rechnung:

 

»Die 36. Infanterie-Truppen-Division vermochte im Laufe des gestrigen Tages infolge überlegenen feindlichen Widerstandes den Fluß überhaupt nicht zu überschreiten. Die 21. Landwehr-Infanterie-Truppen-Division wurde im Laufe des Nachmittags über die Save zurückgedrängt. Infolgedessen mußte auch die am serbischen Ufer isolierte und von überlegenen feindlichen Kräften umfassend angegriffene 9. Infanterie-Truppen-Division den Rückzug antreten. Derselbe wurde im Laufe der heutigen Nacht und des heutigen Vormittags durchgeführt und gestaltete sich (trotz vollständigen Versagens der zugeteilten Pionierkomp.) weniger verlustreich, als ursprünglich angenommen wurde. Ich kann zum Schluß nicht umhin, den Truppen der Division, Offizieren und Mannschaften, für ihre, von vereinzelten Ausnahmen abgesehen, mustergültige Haltung in den letzten 24 Stunden meinen vollsten Dank und meine vollste Anerkennung auszusprechen.«

Scheuchenstuel.

 

F. M. Lt. m. p.
Freitag, den 11. September 1914.

Um 5 Uhr früh Alarm, aber es wird erst um 7 Uhr früh abmarschiert. Der Marsch geht über eine schöne Etappenbrücke, die von den Sappeuren mit einem Aufwand von Material im Werte von einer Million Kronen über die Save hergestellt wurde, nach Slavonien. Wir kommen auf die Raèa-Halbinsel, die von der Saveschleife gebildet wird. Das Ufer ist mit Stacheldraht und durch Wolfsgruben geschützt. Die Brücke wird von kroatischen Landstürmern und Monitoren bewacht. Das Regiment bezieht am Saveufer Feldwache bei Bossut und südlich von Raèa in einer kleinen Festung, während unsere Kompagnie und die 16. die Hauptpostenreserve in dem von Einwohnern verlassenen Orte selbst bilden. Das Kommando über uns führte Major Banauch, nervös und herumschreiend, wie in Pisek. Wir graben Deckungen aus und hören vor uns dichtes Artillerie- und Infanteriefeuer. Auf der Bahn steht immerfort ein Eisenbahnzug unter Dampf. Der Stationsvorstand wurde gestern gehängt, weil er den Serben die Abfahrt der Züge signalisiert hatte. Außerdem wurden schon in Dolni-Brodaè Leute gehängt, die den Serben durch nachgeahmtes Hahnengeschrei Truppenbewegungen angezeigt haben sollen. Aber auch die wirklichen Hähne geraten in Aufruhr, wenn die Truppen sich bewegen, deshalb müssen auch sie getötet werden. Das ist recht! Warum sollen es die Hennen besser haben, als unsere Frauen zu Hause?

 

Samstag, den 12. September 1914.

In der Nacht heftiges Feuer hörbar. Die Serben haben einen Angriff auf die alte Festung gemacht und wurden von der Kompagnie Popelak und den Monitoren zurückgeschlagen. Die alte Festung, die noch vor kurzem als Powidlfabrik adaptiert war, ist nun wieder befestigt worden, daß sie mindestens so sicher ist, wie zu der Zeit Maria-Theresias, da die Türken auf dieses Bollwerk stolz waren. In einer kleinen Küche habe ich mit einigen Kameraden einen Haushalt etabliert. Wir kochen am Herde, und ich habe aus einer kleinen Kutja, die ich aufgebrochen habe, einige Kartoffeln gestohlen, worauf die sofortige Todesstrafe durch Erhängen steht, und wir essen abends mit bestem Appetit Erdäpfelpurée. Ich bin aber den ganzen Tag in einer schlimmen Stimmung; ich spreche nur sehr wenig und kann abends nicht schlafen, da es mich beunruhigt, von zu Hause keine Post erhalten zu haben und im letzten Briefe stand, daß mein jungverheirateter Bruder vom russischen Kriegsschauplatz seit vielen Wochen nicht geschrieben habe. Ich male mir alle Schicksale, deren erschauernder Zeuge ich in den letzten Tagen war, mit Projektion auf ihn aus und stelle mir die Wirkung der ausbleibenden Mitteilungen auf meine Mutter und meine Schwägerin vor.

 

Sonntag, den 13. September 1914.

Früh wurden fünf Leute verhaftet, darunter vier aus unserer Kompagnie, weil sie in ein Haus eingebrochen sind und sich verschiedene Eßwaren angeeignet haben. Sie wurden gefesselt in den Ortsarrest abgeführt und harren des standrechtlichen Verfahrens. Um 7 Uhr früh fuhren unsere Köche mit einer Charge zum Regiment nach Bossut, um Proviant zu fassen. Sie sollen die Post mitbringen, und ich laufe ihnen von ½9 Uhr an an die Ortslisière entgegen, um möglichst bald im Besitze meiner Briefe zu sein. Endlich kommen sie. Ich reiße dem Zugführer die Briefe aus der Hand: für mich ist keiner darunter. Verzweifelt gehe ich in den Kompagniebereich und werfe mich in das Gras, als ein Koch auf mich zukommt. Er habe zwei Karten für mich eingesteckt, um sich eine Zigarette als Botenlohn zu verdienen. Es sind gute Nachrichten, daß ich fast von meinem Aberglauben geheilt werde. Es ist ein glücklicher Dreizehnter bis jetzt. Mein Bruder hat seiner Frau einen witzigen Brief gesandt, und es geht ihm gut. Ein Mitschüler, jetzt als Pionierkadett beim Bau der Savebrücke tätig, bringt mir Zigaretten.

Die Ortschaft ist evakuiert. Nur in einem der verlassenen Häuser ist hilflos eine kranke Greisin aufgefunden worden. Schon die Landwehrsoldaten scheinen sie gelabt zu haben, denn Kommisbrotreste liegen an ihrer Bettstatt. Wir setzen das Samariterwerk an der Alten fort, die geistig vollkommen frisch und sehr beredt ist, und unser Arzt gibt ihr Medikamente. Es regnet ein wenig. Die Apfelbäume stehen in zweiter Blüte. Auch der wilde Oleander ist mit blaßroten Blüten bedeckt. Durch die Felder laufen hungrige Hunde des Dorfes, und Krähen streichen in Schwarmlinien durch die Luft, aufgescheucht durch Äroplane. Bei Nacht fährt ein Motorboot, das uns gehört, zur Bewachung der Save fast lautlos – nur sein Plätschern im Wasser, nicht aber der Motor, ist hörbar – hart am Ufer bis zu einer Wassermühle, die östlich von Raèa liegt. Ein Witz bezeichnet sie bereits als die »Zwickmühle«. Wir bauen Deckungen etwa 500 Schritt hinter dem Ufer parallel zu diesem; wenn unsere Kompagnie von der Festung zurückgeschlagen werden sollte, ist dies unsere Verteidigungslinie. Am Bahnhof baut eine Eisenbahnkompagnie aus Korneuburg Rampen zum Waggonieren aus starkem Buchenholz. Mit Schotter bestreute Dächer sichern die Strecke vor Artilleriefeuer.

Nachmittags hatte ich mit zwei Mann die kleine Wassermühle zu durchsuchen, die hart neben dem Ort in der Save verankert ist. Wir liefen die steile Böschung hinauf und durch die angelehnte Türe. Ein raumgespenstiger Roman. Strindbergs »Kronbraut« wird im Momente des Eintrittes lebendig. Ein ganz seltsames, naturhaftes Familienleben müssen hier auf dem Wasser die Müllersleute geführt haben. Noch liegen Kinderkleidchen auf dem Boden, bunte Schafwolljacken sind noch nicht zu Ende gewebt, Netze beim Knüpfen liegen gelassen worden, kleine Schemel stehen umher, auf denen im Winter die Müller im Kreise saßen und Pflöcke in die vier Räder im Innern der Mühle schnitzten, neue Bretter für das mit Tang und Schilf über und über behangene Schaufelrad sägten oder für den kleinen Schüttboden. Noch jetzt wackelt der Schüttboden noch ein wenig, und auch die Mühle schaukelt leicht. Mehlsäcke liegen halb angefüllt da, Scheffel, eine Rakjaflasche …

Noch bis hierher war dieser sonntägige Dreizehnte schön, noch bis hierher galt das Wort, das ich mittag vom ausnahmsweise glücklichen Dreizehner in das Tagebuch geschrieben, wobei ich die Worte »bis jetzt« unterstrichen hatte, damit der Tag nicht vor dem Abend gelobt und der Oppositionsgeist des Schicksals nicht herausgefordert werde. Aber gegen 6 Uhr ging ein grauenhafter Regen nieder, und es wurde uns mitgeteilt, daß abends Abmarsch gegen die Save sei. Hol's der Luchs! In diesem Hundewetter aus dem Ort heraus, um von der Saveschleife aus den Übergang der Landwehr-Division zu unterstützen, der sich links von uns vollziehen wird. Wozu das alles! Wir sind mit drei Korps aus Serbien verjagt worden. Ein Korps mußte das mit großen Opfern genommene Schabatz verlassen. Der letzte mißglückte Drinaübergang steckt uns noch in allen Gliedern, und jetzt soll man noch mit vier Landwehr-Regimentern über den tötlichen Fluß, der so schwer zu überschreiten ist und doch wieder nach teuer erkauftem Übergang mit noch größeren Opfern zum Rückzuge überschifft werden muß. Wenn wir hier genügend Streitkräfte zu einer Offensive hätten! Aber hinlaufen, um den stärkeren Buben in Popo zu zwicken und dann wieder wegzulaufen, – ich finde das kindisch, Herr Kommandant der Balkanstreitkräfte!

Ein jeder Wechsel schreckt den Glücklichen, und hatten wir auch hier in Syrmisch-Raèa wenig Glück gefühlt, so schreckt uns doch der Wechsel, wieder bei Nacht und Sturm in feindliches Feuer zu müssen. Das Wasser steht in den Gärten und an den Straßenrändern mehr als kniehoch. Man würde vor lauter Dunkelheit nicht einmal ein Licht sehen, wenn überhaupt eines angezündet werden dürfte. Ich habe keine Strümpfe an, sondern nur Fußlappen, die sich in meinen Riesenstiefeln längst vorgeschoben haben, so daß Beine und Füße ganz nackt sind, und das Wasser schwappt darin, als wollte es den Rheumatismus mit Fanfaren ankünden. Wir fassen 180 scharfe Patronen pro Mann, jeder nimmt Schaufel oder Hacke, Feldschaufel oder Beilpicke in die Hand und lautlos, nur flüsternd, nur fluchend geht es südwärts aus der Stadt, der Halbinselspitze zu. Wir besetzen das österreichische Ufer im nördlichen Teil der Saveschleife gegenüber unserer Insel Mlinski ot und bekommen von dort serbisches Feuer. Es kann auch möglich sein, daß es nicht von der Insel kommt, sondern von der serbischen Savehalbinsel Paraschnitza und ihrem Walde Raèanski kljuè. Auch wir erwidern das uns zugedachte Schrapnellfeuer, indem wir die Insel überschießen. Das Erdreich ist hart wie Stein; ich muß erst mit dem Bajonett wie wütend hineinstoßen und hineinstochern, damit ich es ein wenig für die Behandlung mit dem Feldspaten lockere. Ein besonders wütender Bajonettstoß geht in meine linke Handfläche und reißt ein Stück Fleisch vom Daumenballen mit, und ich blute wie ein Schwein. Dabei ist mein Seitengewehr dreckig und rostig. Von der Saveschleife hinter unserem Rücken schießen unsere Monitore über uns hinüber: nach Serbien. Außer meiner Verwundung spüre ich wieder furchtbare Darmschmerzen.

 

Montag, den 14. September 1914.

Gleich früh wird es sympathisch wärmer, und Oberleutnant von Raschin bringt von den Monitoren her Nachrichten. Vielleicht sind sie nicht wahr. Die 15. Korps im siegreichen Vorrücken durch Serbien von Süden gegen Norden, die Überschiffung der Landwehrdivision geglückt und die serbische Division, die vor drei Tagen bei Mitrowitza nach Österreich eingebrochen war, wurde geschlagen. Die österreichischen Truppen müssen schon beträchtlich weit in Serbien sein, denn wir sehen einen Fesselballon aufsteigen, der unserer Artillerie verkündet, wo sich unsere Infanterie aufhält. Weit rechts am Horizont brennt ein Dorf oder ein großer Schober.

Um 4 Uhr nachmittags wurden wir abgelöst und sollten nach Syrmisch-Raèa in unseren alten Lagerplatz zurückkehren. Unsere Freude darüber war nur kurz. Allzuvorteilhaft sticht dieser Vierzehnte von dem Dreizehnten nicht ab. Wir waren noch nicht im Hofe, den wir bewohnt hatten, als schon Ordonnanzen umherschwirrten: wir werden in der Nacht vom 15. Marschregiment abgelöst. Ob wir nach Serbien zur Unterstützung der Landwehr müssen, oder ob wir, wie ein anderes Gerücht besagt, die Sicherung der Brücke übernehmen werden, ist noch ungewiß. Bevor wir noch vergattert waren, begannen die Serben Raèa zu bombardieren. Vor unserem Abmarsche sollte noch Kaffee ausgeteilt werden. Wir stellten unsere Schalen auf den Rand des Kessels der Fahrküche. Plötzlich krepierte ein Schrapnell gerade vor uns. Ein Infanterist, einer von den gestern wegen Plünderung verhafteten und heute wegen des Gefechtes freigelassenen Burschen, wurde in den Hals getroffen, daß das Blut in den (auch mit Füllkugeln gesegneten) Kaffeekessel spritzte. Auf allen Vieren kroch der schnell justifizierte Arrestant in das neben unserer Kompagnie befindliche Marodenhaus und soll dort verblutet sein. Wir kofferten von 5 Uhr an hinter Raèa und der gestern nachts geschlagenen Savebrücke umher und lagerten schließlich am Eisenbahndamm. Gegen ½7 Uhr fuhr ein Eisenbahnzug vorüber. Er verließ das preisgegebene Raèa. Er pfiff ganz regelrecht, als ob er nicht fast im Feindeslande zwischen Artilleriegeschossen fahre, sondern schnurstracks zwischen Pisek und Prag. So ergriffen hat uns schon lange nichts mehr, wie dieser Eisenbahnzug. Alle standen und schauten ihm wie entgeistert nach.

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