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Soldat im Prager Korps

Egon Erwin Kisch: Soldat im Prager Korps - Kapitel 5
Quellenangabe
authorEgon Erwin Kisch
titleSoldat im Prager Korps
publisherVerlag der K. Andréschen Buchhandlung
year1922
printrunDritte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20190509
projectid9b55f686
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Vierzehn Tage Grenzschutz

 

Freitag, den 21. August 1914.

Lager in Janja. Jetzt sucht man die Fehler in der Verpflegung gutzumachen. Wir fassen ungarische Salami, eine gute Suppe, Rindfleisch, Kaffee mit Rum und Brot. Soldaten haben sich Ansichtskarten gekauft, zum Andenken. Es sind nicht etwa Ansichten aus Bosnien darauf, sondern schundige »Künstlerkarten« mit Aufschriften »O, daß sie ewig grünen bliebe« und Bildern in Buntdruck. Post wird ausgeteilt, die Offiziere studieren die Namen der Beförderten im Verordnungsblatt. Die Namen der Adressaten von Briefen und Karten werden verlesen. »Ist tot,« erschallt es jede Weile beim Namensaufruf, und alles ist still. Der Tagskorporal steckt den Brief in die Tasche, den Brief, in dem eine Mutter, eine Geliebte, eine Gattin geschrieben hat, wie bange ihr sei und wie sehnsüchtig sie den Augenblick des Wiedersehens erwarte … Mittags wurde es düster: Sonnenfinsternis. Auf dem Wege kam eine endlose Kolonne von Verwundetenwagen des 15. Korps an uns vorbei. Honvedsoldaten eskortierten etwa 500 Gefangene, größtenteils Komitatschis und nur wenige serbische Soldaten. Wir schlendern durch die Stadt. Ärmliche, mitteleuropäische Kleinhäuser, orientalisches Leben. Betondamm am Flußufer, alte Moslemin waschen sich wunde Füße und Augen, über heißen Metallformen werden Feze geglättet, Bäckereien mit offenem Herdfeuer im Ladenfenster, ein uralter Schmied, Männer, Kinder mit verschränkten Beinen, Rasierstuben, in denen noch Bilder vom Sultan hängen, als ob es niemals Okkupation noch Annexion gegeben hätte. Wie ich an der 1. Kompagnie vorbeikomme, der ich im vorigen Jahre zugeteilt gewesen und als ihr Schalksnarr bei den Taborer Kaisermanövern beliebt war, höre ich Ausrufe der Überraschung und kann diese erstaunte Begrüßung nicht verstehen, denn ich habe meine vorjährigen Kumpane bereits wiederholt während des Feldzuges gesehen. »Warum wundert Ihr Euch so?« – »Einige haben behauptet, daß sie dich tot am Wege liegen gesehen haben. Hallo, Lenor, du hast ja auch gesagt, daß du den Korporal Kisch als Leiche gesehen hast.« Lenor wurde rot, er hatte die kleine Sensation weiter kolportiert und mit grausamen Details ausgeschmückt. »Ich hätte geschworen, daß Sie es waren,« beteuerte er. »Der Tote hatte zwar ein ganz verstümmeltes Gesicht, von Füllkugeln zerrissen, aber ich hätte geschworen, daß Sie es sind.«

 

Samstag, den 22. August 1914.

Früh meldeten sich etwa 40 Leute der Kompagnie zur Marodenvisite. Alles hat Diarrhoe, Magenkatarrh und Brechreiz. Ob es vom Kaffee kommt oder ob der längst der Nahrungsmittelaufnahme entwöhnte Magen durch das Brot und die Menage kaputt gegangen ist, wird diskutiert, oder ob das nicht durchgelegene Fleisch des eben geschlagenen Viehes, das nasse Bett aus Gras, die heimtückische Kälte der bosnischen Nächte daran schuld ist. Die Mediziner sind der Meinung, daß es sich wohl um eine Ruhrepidemie handelt, aber sie haben keine Mittel, um sie einzudämmen. Das Fläschchen Opium, das ihnen zur Verfügung steht, reicht kaum für den Bedarf der erkrankten Offiziere aus. Ich presse die Zähne zusammen, um vor Schmerz nicht zu brüllen, und begehe einen Kameradschaftsdiebstahl, um meine Qualen etwas zu lindern: Ich öffne einen fremden Tornister und stehle daraus eine ärarische Leibbinde, die der Mann auf seinem Rücken aus Pisek nach Serbien geschleppt hat, um für den bewußten Krankheitsfall gerüstet zu sein. Es wird mir nicht besser, und nach und nach werden alle Kameraden ausnahmslos von Schmerzen im Bauche befallen und schwitzen Blut. Das Lager hat sich in eine einzige Latrine verwandelt. Es zirkuliert der Vers: An der Drina, an der Drina Herrscht die rasche Katharina.

In diesem Epidemielager wurden die Kompagnien neu rangiert. Die unserige ist derart zusammengeschmolzen, daß wir als vierter Zug der 16. Kompagnie zugewiesen werden. Am Abend wurde mir so schlecht, daß ich mich, in Krämpfen und von Erbrechen befallen, auf dem Boden wand. Krank kroch ich in das Zelt, in dem schon alle Leute meines Zuges schliefen. Diese Leinwandpyramide von je 8 m Länge und 1½ m Breite, in der über 30 Menschen aneinandergepreßt schliefen, auf nacktem, nassen Grasboden – das ist das primitivste Massenquartier, das ich je in der Welt gesehen. In der Nacht wollte ich hinaus, aber ich vermochte es nicht über das Herz zu bringen, alle Schläfer um meinetwillen zu wecken. Schließlich hob ich einen Zeltpflock aus dem Boden und entfloh durch das gelockerte Fundament. Die ganze Nacht goß es in Strömen.

 

Sonntag, den 23. August 1914.

Das ist der Tag der Gerüchte: In Madrid finden Friedensverhandlungen statt, das 13. Korps sei zertrümmert, die beiden anderen Korps seien aus Serbien nach Rußland dirigiert worden, in der 1. Kompagnie grassiere der Flecktyphus usw., usw. Tatsache ist, daß unser ganzes Brot infolge des nassen Bodens, auf dem die Brotsäcke liegen, über und über mit Schimmelpilzen bedeckt ist. Tatsache ist weiter, daß die Geschäfte in Janja gesperrt sind, weil heute Sonntag ist; das taten die orientalischen Händler natürlich bloß aus alter Gewohnheit und aus Dummheit, aber man hätte ihnen von Amts wegen sagen sollen, daß die Sonntagsruhe-Vorschrift für den Krieg nicht gilt. Richtet sie sich doch bloß gegen die Soldaten.

 

Montag, den 24. August 1914.

Heute bauten wir Schanzgräben gegen Artilleriefeuer. Natürlich werden die mit morschem Holz überdeckten Gräben einen Schmarren gegen Schrapnellhagel helfen.

Nachts war Alarm auf Grund irgendeiner beunruhigenden Meldung. Aber man durfte sich wieder schlafen legen. Die Leute fluchten, daß man sie grundlos aus den Zelten gejagt hatte. Wie hätten sie erst geflucht, wenn es nicht grundlos gewesen wäre.

 

Dienstag, den 25. August 1914.

Wir froren alle in unserem Zelt, aber die Leute, die ihren Mantel am Tornister festgeschnallt hatten (ich habe keinen Mantel mehr) wären lieber zu Eis erstarrt, bevor sie sich am Abend die Mühe des Auseinanderrollens und am Morgen wieder die des Zurollens gemacht hätten. Alle von uns hatten sich auf Grund der Manövererfahrung, ohne daß man gerade an Stendhals Waterlooschilderung oder wenigstens an Wallensteins Lager dachte, bestimmt vorgestellt, daß uns Marketenderinnen oder Marketender begleiten würden. Leider war dies nicht der Fall. Nur hier in Janja tauchen bosnische Weiber auf und bieten zu billigem Preise Zwetschken feil. Wir haben Geld, die Pflaumen sind süß, aber wir sind bauchschmerzbefallen und dürfen sie nicht kaufen.

Heute wurde die erste Verlustliste fertiggestellt. Wir haben 69 Offiziere und Offiziersaspiranten, d. i. 71% (wir hatten 105 Offiziere im ganzen) und über 1000 Mann, d. i. 25% der Mannschaften in einer Gefechtswoche verloren. Dreiundzwanzig Offiziere sind tot, darunter sechs, die eben aus der Kadettenschule ausgemustert und direkt in den Krieg gesandt worden waren. Allgemein glaubt man, daß für unser Regiment unter solchen Umständen der Krieg beendet ist: Man wird uns wohl nach Pisek zurücksenden. – Selbst die belanglosesten Mitteilungen auf Feldpostkarten werden von der hochwohllöblichen und infailliblen Zensur der Rechnungsoffiziere nicht zur Beförderung zugelassen. Geheimhaltung aller Nachrichten ist gewiß korrekt, aber die Serben wissen doch genau, wen sie vor sich hatten, finden doch Bajonette und Gewehre mit den Nummern unserer Regimenter, finden doch Monturstücke mit den Paroli unserer Korps, und selbst wenn sie daraus nichts agnoszieren könnten, so fänden sie in den Legitimationskapseln der Verletzten, Toten und Gefangenen, in dem Namenszettel der zu Tausenden aufgefundenen Uniformstücke, Tornister und Brotsäcke viel mehr, als die Gefangenen und Spione je erzählen könnten. Die Mitteilungen unserer Feldpostkarten brauchen sie also gar nicht zu interessieren, selbst wenn sie ihnen zugänglich wären. Die einzigen, die also nicht einmal erfahren dürfen, daß wir in Serbien sind, sind unsere Angehörigen.

Ich ging mit dem IV. Bataillon um drei Uhr auf Feldwachen an die Drina. In einer Stunde waren wir an Ort und Stelle. Wir Schwarmführer gingen mit unserem Zugskommandanten und dem Hauptmann von 73, dessen Bataillon wir ablösten zu den Befestigungen. Der Abend war von atemraubender Schönheit, die Kukuruzfelder waren von der noch nicht ganz verschwundenen Sonne vergoldet, und die Silhouetten des Ahornlaubes und der Kastanienzweige hoben sich schwarz vom Hintergrunde ab. Die Birkenstämme leuchteten silbern durch den Abend, die Drina floß schnell und glitzernd an Gras, Schaumkraut und Löwenzahn vorbei, und die Landschaft war wie das Paradies. Längs der Drina verlaufen Schanzgräben. Quer darein haben unsere Pioniere Traversen eingebaut gegen Flankenfeuer.

 

Mittwoch, den 26. August 1914.

Im Regimentsbefehl wird verlautbart, daß an der russischen Grenze bei Sokal am 23. d. M. ein großer österreichischer Sieg erfochten und tausend Russen gefangen wurden. Wir waren schon nahe daran, uns mit der völligen Impotenz Österreichs abzufinden.

Unter einem weitverzweigten Kirschbaume beim Hauptposten lag ich heute nachts. Im Halbschlafe huschte so etwas wie ein erotischer Gedanke durch meine Sinne. Es war die erste Regung dieser Art und so deplaziert sie hier war, so schnell mußte sie auch verschwinden. Übrigens sind dergleichen Gefühle auch bei der Mannschaft verstummt, man hört keine frivolen Scherze mehr, die einzige Sehnsucht nach baldigem Frieden scheint ihren Hauptgrund in dem brennenden Verlangen nach einem guten Schweinsschlägel und vor allem nach Piseker oder Smichower Lagerbier zu haben, wenn man den Reden der Leute glauben darf. Von Frau und Kind sprechen sie jetzt schon viel seltener.

Die Köche, die in Bjelina einkaufen waren, bringen von dort das Gerücht mit, daß Italien an Österreich die Forderung gestellt habe, von Serbien abzustehen.

Der Nachmittag brachte Abwechslung in unser Lageridyll. Plötzlich kam ein nackter Mann atemlos zu uns gelaufen und sank zu Füßen unseres Oberleutnants nieder, wie der Neger Freitag zu Füßen Robinsons. Er stöhnte und gewann erst nach und nach die Fähigkeit des Sprechens wieder. Dann erzählte er, daß er vor zwei Stunden in einer Zille eine Patrouille der 13. Kompagnie unseres Regiments über die reißende und breite Drina nach Serbien übersetzt hatte. Nun wollte die Patrouille wieder herüber, und unser Nackter – er lag, während er erzählte, auf dem Boden –, und der Infanterist Wintera von meinem Schwarm waren hinübergerudert, um sie zu holen. Unterwegs aber hatten sie mörderisches Feuer bekommen, unser Mann war in die Drina gesprungen, hatte sich darin seiner Montur und Armatur entledigt und war unter Wasser ans Ufer geschwommen.

Wenige Minuten nach diesem ersten Berichterstatter kam Wintera mit durchschossenem Arm. Er hatte sich viel mutiger benommen als sein Kollege. Trotz der schweren Wunde hatte er den Kahn durch Feuer und Wasser zu einer Sandbank gerudert, um unser einziges Überschiffungsmittel nicht in die Hände der Serben gelangen zu lassen. Erst als das Boot angelegt und befestigt war, sprang er ins Wasser und schwamm mit dem verwundeten Arm in Kleidern zu uns. Der arme Kerl, der schon auf dem Rajin Grob eine Schrapnellwunde ins Gesicht bekommen hatte und davon noch immer geschwollen ist, wurde gleich verbunden, und der Oberleutnant verfaßte sofort einen Antrag, ihm die Tapferkeitsmedaille zuzuerkennen. Der Rest des Tages war damit ausgefüllt, den Kahn von der Sandbank zu uns zu bringen, was gelang. Aber die viermaligen Anstrengungen, die Patrouille der 13. Kompagnie herüberzuschaffen, die des Schwimmens nicht kundig war, gelang nicht. Das Kanoe war schlecht, die Strömung stark, der Fluß breit und die Serben feuerten intensiv auf das Boot. Zum Glück wußten sie aber nicht, daß die fünf Leute von der 13. Kompagnie drüben seien. Sie hatten sich dort eingegraben und mußten bis zum Abend warten, bis die Pioniere kamen und sie überschifften.

 

Donnerstag, den 27. August 1914.

Das Schießen verstummt heute nicht. Bald taucht drüben eine serbische Patrouille auf und bekommt Feuer von uns, bald werden unsere Patrouillen von drüben beschossen. Eben bringt man einen Schwerverletzten von der 14. Kompagnie vorüber. Freunde vom III. Bataillon haben mir durch eine Verbindungspatrouille die Neue Freie Presse vom 20. d. M. geschickt. Japan hat an Deutschland ein Ultimatum gestellt, und der Papst ist gestorben. Ich glaube, beides ist für uns derzeit gleich unwichtig, wenigstens läßt es mich kalt.

Mich bewegen viel größere Sorgen. Mit Lebensgefahr habe ich mein letztes Taschentuch in der Drina ausgewaschen und zum Trocknen an einen Strauch gehängt. Als ich es getrocknet glaubte und holen wollte, war es weg. Was soll nun weiter werden? Unsere Kompagnie hat ein Geschenk gekriegt, das nichts Gutes verheißt: Ein Tragpferd. Also wird es mit unserer Wacht an der Drina bald zu Ende sein, und die Zeit der Märsche im Sonnenbrand kann wieder beginnen.

Der Tragtierführer ist ein Bauernbursche aus der Slovakei, schwerhörig und schwer von Begriffen. Er sei zu belehren, daß er dem Militärstrafgesetze unterstehe, stand in dem Dienstzettel, der mit ihm ankam. Als man ihm begreiflich zu machen versuchte, daß er bei Flucht oder Verrat den Strick zu gewärtigen habe, verstand er unsere Gesten falsch und glaubte, daß er jetzt gehängt werden würde, begann seine Unschuld zu beteuern und schließlich bitterlich zu weinen. So unterließ man es, ihm das Kolleg über Militärstrafrecht zu lesen. Äroplane der Serben und eigene fliegen immerfort über uns hin. Am Nachmittag kam uns ein Major visitieren, ein Mummelgreis, der Datterich und Tabes hat. Er hat sich wohl aus einer Lokalanstellung ausgraben lassen und ist nun hierher gekommen, um die orientalische Frage und die Balkanwirren einmal endgültig zu lösen. Der alte Narr im Silberkragen beanstandete bei unserem Verteidigungsabschnitt, daß sich die Feldwachkommandanten nicht stramm genug meldeten, daß die Leute bei Verrichtung von Bedürfnissen das Gewehr aus der Hand legen, und daß die Offiziere nicht immerfort den (am Ufer ganz besonders zwecklosen) Säbel umgehängt tragen. Dabei schrie er in den Deckungen am Drinaufer mit den Vorposten so laut, daß Exzellenz Pavlowitsch in Kragujevac diese Ausstellungen hätte mitstenographieren können – wenn er auf die Theorien eines österreichischen Majors aus den Sechziger Jahren hinsichtlich des Feldwachdienstes Wert legen würde.

Durch das Auftauchen dieser der »Muskete« entsprungenen Figur ergaben sich witzige Situationen, wir mußten zu lächerlichen Mitteln aus der Manöverzeit greifen und – natürlich ohne sein Wissen – eine Feldwache, die er noch nicht visitiert hatte, von seiner Ankunft und seinen Wünschen warnend benachrichtigen. Leider war es ein Gefreiter, den man sandte, aber kein Kirchenlicht. Er kam geradewegs von seiner Mission, als ihm der Major begegnete. »Wo waren Sie?« – »Bei der Feldwache 3.« – »Was haben Sie dort gemacht?« – »Ich habe gemeldet, daß der Herr Major visitieren kommen und auf stramme Meldung und Habachtstellung Wert legen.« Tableau!

Ohne ein Wort zu sagen, kehrte der Major um. Knapp vorher hatte er beim Vorbeigehen an der Drinica, einem toten Drinaarm, auszusetzen gehabt, daß nicht fünf Leute mit Gewehren die Badenden beschützen. Als er nun so schnell zurückkehrte, nur vom Oberleutnant und von mir, der ich als Ordonnanz rückwärts ging, begleitet, war ich mir dessen bewußt, daß die fünf Leute noch nicht postiert seien, da im Kriege unwichtige Befehle nicht mit übertriebener Schnelligkeit und nicht mit unvornehmer Hast ausgeführt zu werden pflegen. Es könnte also einen Skandal setzen. Deshalb schlug ich mich seitwärts in die Büsche und rannte zur Badestelle, wo ich mich aufstellte. Eine Minute später watschelte der Stabales heran, ich leistete die Ehrenbezeugung, als ob ich ihn nie gesehen, geschweige denn eben verlassen hätte und er dankte. »Wo haben Sie Ihre Leute?« – »Fünf Mann im Dickicht längs des Ufers verteilt,« entgegnete ich, ohne auch nur einen Augenblick bei dieser frechen Lüge zu stocken. – »Sehr zweckmäßig, bin vollkommen einverstanden.«

Gegen 4 Uhr kam das Marschbataillon unseres Regimentes zu uns. (Ein zweites soll bereits – wo nimmt man nur so viele Leute her? – in Pisek aufgestellt worden sein.) Es ist von Wien auf der Donau und Save zu Schiff hierhergekommen, um unsere Stände zu komplettieren. Die Leute schauten auf das schöne Drinicawasser, dem man es gar nicht ansah, daß es einige Schritte stromaufwärts über Pferdekadaver und Menschenleichen fließe, und das uns allen – gut schmeckte; es war weitaus das beste Wasser, das wir seit Wochen getrunken hatten. Die Neuen rümpften aber die Nase und verschmähten es, Flußwasser zu trinken. Da fühlte sich die ganze alte Mannschaft beleidigt. Ein Reserveleutnant kam gar mit seinem Koffer an, was geradezu Halloh erweckte, und als er erst seine Brautausstattung auspackte, ein Nachthemd, einen Gesichtsschwamm, ein Zahnbürstchen und Pasta, Kamm, Bürste und Schnurrbartbinde und andere Dinge eines übertriebenen Luxus, staunten wir wie die Indianer zur Konquistadorenzeit über den Glasschmuck der Europäer. Die Ankunft der neuen Leute hatte Einfluß auf die Gespräche, plötzlich begann man die Erlebnisse der Schlachten und Heldentaten auszukramen, während man bisher lieber über das Furchtbare, das man gemeinsam erleben mußte, geschwiegen hatte …

 

Freitag, den 28. August 1914.

In der Nacht wurden wieder drei Leute, die auf den Drinainseln patrouillierten, angeschossen. Der eine, ein gewisser Diviš, kam mit ausgeflossenem Auge zur Sanitätspatrouille, er sah grauenhaft aus. Nach Aussage des Mediziners wird er wohl auch das andere Auge verlieren. Man brachte ihn nach Janja ins Feldspital.

Im Regimentsbefehl steht, daß der Ersatzreservist Wintera wegen besonderen Mutes zum Gefreiten befördert wird. Das ist die erste Beförderung innerhalb meines Schwarmes.

Um 12 Uhr bezogen wir die Feldwach-Hauptreserve. Der Drinaarm bildet zwei rechte Winkel, so daß der uns zugewiesene Raum eine rechteckige Halbinsel ist, mit schlanken Eschen an den Konturen. Auch hier sind langgestreckte Deckungen ausgehoben. Der Bataillonskommandant hat einen eigenen Schlupfwinkel für sich, die meisten anderen ziehen es vor, statt die dumpfe Luft im »Asyle gegen Geschoßfeuer« zu atmen, im Freien das Quartier aufzuschlagen, ungeachtet der Projektile, die sich von Zeit zu Zeit zu uns verirren. Gestern hatte ich als Schreibunterlage für mein Tagebuch den Reisekoffer des Reserveoffiziers, manchmal schreibe ich auf Patronenverschlägen. Unbequemer ist es, wenn ich auf dem Tornister oder auf der Erde schreiben muß, wie heute. Die Mannschaft macht sich übrigens über mein fortwährendes Schreiben lustig, das auf Kosten meines Schlafes geht. Wenn jemand eine Dummheit sagt, oder wenn sich etwas Komisches ereignet, rufen alle: »Kisch, schreib' das auf.«

Im Regimentsbefehl steht, daß die Deutschen bei Metz acht französische Armeekorps geworfen haben. Die übrigen Nachrichten im Regimentsbefehl z. B., daß zwischen Brczka und Bjelina der Autobusverkehr eingeführt wurde, daß weiter die Soldaten bei langsamem Feuergefecht die Patronenhülsen sammeln sollen, und eine Reihe von Verfügungen administrativer Natur sind »interessant, aber langweilig«. Wichtiger ist für uns der Punkt, daß einem aufgefangenen serbischen Befehl zufolge sich feindliche Patrouillen durch unsere Vorpostenlinien schleichen und in unsere Trains und Artilleriekolonnen Handbomben werfen sollen. Einstweilen stört uns das wenig, wir baden und plätschern im Drinaarm, dann kochen wir Türkenweizen in Salzwasser. Es schmeckt wie Schoten, nicht gerade schlecht.

Am Himmel formiert sich eine Armee von Sternen; unser Mediziner, der sich anscheinend mehr mit der Astronomie als mit Heilkunde befaßt hat, ist unser Seni. Das gibt Anlaß zu Erkenntnis, wie klein der Krieg im Vergleich zum Kosmos ist, und anderen ebenso tiefsinnigen wie originellen Betrachtungen. Wir unterhalten uns ganz gut, nur stört uns manchmal ein serbisches Gewehrprojektil, das an uns vorüberpfeift. Auch unsere Kanonen hört man wieder nach längerer Pause donnern. »Das Leben ist schön, aber unsicher.« (Kisch.)

 

Samstag, den 29. August 1914.

Habe ich es nicht gesagt? Der Herr Major, der so stramme Dinge von uns verlangt, hat seine Felderfahrung vom Monturdepot in Korneuburg her. Heute verlangte er, man möge ein bißchen exerzieren, Gewehrvisiten ansagen und dergl., damit Disziplin in die Leute komme. Unsinn! Jede Sekunde, in der sich unsere Burschen von den Emotionen und Anstrengungen erholen, ist Gewinn. Und Disziplin? Wer hat denn die Leute diszipliniert und exerziert, wer mit ihnen Gewehrvisiten gemacht, als sie jetzt vier Jahre seit ihrer letzten Waffenübung in ihrem Dorfe als Eheleute, Bauern, Handwerker lebten und direkt aus dem Zivil in die Schwarmlinie vor Lešnica mußten? Man macht die Leute nur unwillig, denn Schwenkungen und Aufmarschieren kommen ihnen mit Recht überflüssig, läppisch und vor allem erniedrigend vor.

Heute trafen die Zeitungen vom 22. d. M. ein. In den Abendausgaben dieses Tages findet sich der vom k. k. Telegraphen-Korrespondenzbureau ausgegebene amtliche Bericht über unseren Rückzug vom 19. August. Was die einleitenden Worte über die herabgeminderte Wichtigkeit des serbischen Feldzuges anlangt, spricht das Kommuniqué die Wahrheit. Im übrigen ist es ganz und gar verlogen und unaufrichtig, speziell die Behauptung, daß Österreich von vornherein den Einmarsch in Serbien nur als einen Vorstoß gedacht hatte und zur sofortigen Rückkehr entschlossen war. Das wird auch kein einziger Mensch glauben, ebensowenig wie die Behauptung, daß unsere Aufgabe erfüllt worden ist. Ferner wird totgeschwiegen, um welche Korps es sich handelte, obwohl die Serben doch genau wissen, wie die Nummern der geschlagenen Korps lauteten; in Österreich wird vielleicht dadurch die Befürchtung erweckt werden, daß noch mehr Truppen auf dem Rückzuge waren …

Den Beschwichtigungshofräten, die diesen Wechselbalg von Kriegsbericht verfaßt hatten, ist also gewiß das Gegenteil ihrer Absicht geglückt. Ich glaube, diese schlau sein sollende Stilübung wird in Salzburg und Innsbruck und in anderen, an unserem Rückmarsche gar nicht beteiligten Ergänzungsbezirken den gleichen Schrecken hervorrufen, wie bei unseren Angehörigen in Böhmen, und zu einem Sturme auf die Verlustlisten und zu Rekriminationen im Kriegsministerium und zu Anfragen Anlaß geben. Es wird wohl ein beruhigender Kommentar zu diesem beruhigenden Kommentar nötig sein; sollte man aber einen solchen nicht erlassen, so wird dies deshalb sein, weil sich die Herren des Eingeständnisses ihrer Blamage schämen werden. Und warum nicht die Wahrheit? Man erfährt sie ja doch bald genug, die Verwundeten im Hinterlande werden noch übertreiben. Hier der Wortlaut:

»Mit dem Eingreifen Rußlands in den Kampf zwischen Österreich-Ungarn und Serbien waren wir genötigt, unsere ganzen Kräfte für den Hauptkampf im Nordosten zusammenzufassen. Damit wurde der von der Öffentlichkeit vielfach als Strafexpedition aufgefaßte Krieg gegen Serbien von selbst zu einer die Hauptentscheidung kaum berührenden Nebenaktion. Nichtsdestoweniger ließ die allgemeine Lage und die Nachrichten über den Gegner eine Offensivaktion zweckmäßig erscheinen, die aber mit Rücksicht auf die vorstehend dargelegten Gesichtspunkte nur als kurzer Vorstoß auf feindliches Gebiet gedacht war, nach dessen Gelingen notwendigerweise wieder in die frühere zuwartende Haltung zurückzukehren war, um bei Gelegenheit abermals zum Schlage auszuholen. Dieser kurze Offensivstoß erfolgte denn auch in der Zeit zwischen dem 13. und 18. August durch einen Teil der im Süden verwendeten Kräfte mit hervorragender Tapferkeit und Bravour und führte dazu, daß er fast die ganze serbische Armee auf sich zog, deren mit großer numerischer Überlegenheit geführter Angriff unter den schwersten Opfern an dem Heldenmute unserer Truppen scheiterte. Daß auch diese zum Teil bedeutende Verluste erlitten, ist bei dem an Zahl weit überlegenen, um seine Existenz kämpfenden Gegner nicht zu verwundern. Als dann unsere auf serbisches Gebiet weit vorgedrungenen Truppen am 19. August abends nach erfüllter Aufgabe den Befehl erhielten, wieder in ursprüngliche Situation an der unteren Drina und Save zurückzugehen, ließen sie auf dem Kampfplatze einen vollständig erschöpften Gegner zurück. Unsere Truppen halten heute die Höhen auf serbischem Boden und den Raum um Schabatz besetzt. Im südlichen Serbien befinden sich die aus Bosnien dorthin vorgedrungenen österreichisch-ungarischen Truppen unter fortwährendem Kampfe im Vorgehen in der Richtung nach Valjevo. Wir können mit voller Beruhigung den weiteren Ereignissen entgegensehen, deren Verlauf das Vertrauen rechtfertigen wird, dessen sich unsere unter den schwierigsten Verhältnissen kämpfenden und mit einer dem Laien undankbar scheinenden Aufgabe betrauten braven Truppen in den Tagen vom 13. bis 19. August wieder in vollständigem Maße würdig gezeigt haben.«

Die Lüge von der Besetzung der serbischen Höhen durch österreichische Truppen, die Verschweigung der Tatsache, daß es sich um einen Vormarsch aus dem Westen gegen Valjevo gehandelt habe, läßt mißtrauisch gegen die sehr glaubhafte Behauptung des Kommuniqués werden, daß es fast die ganze serbische Armee war, die uns gegenüberstand. Wenn das aber doch wahr ist, wo ist unser Kundschafterdienst gewesen, unsere Nachrichtenpatrouillen, unsere Äroplane und – unsere Führung?

An allen Bäumen sind Soldaten der 13. Kompagnie angebunden, weil sie Konserven der Reserveportion trotz Verbotes aufgegessen haben. Die Gesichter der Bestraften sind verzerrt, denn ihre Arme sind fest bei den Schulterblättern an den Stamm des Baumes gebunden, Arm, Kreuz und die Striemen an den Knöcheln schmerzen stark. Indianerdorf: Europäer am Marterpfahl. Die leinenen Zeltpyramiden und die mit Kukuruzkolben überdachten Deckungen sehen wie Wigwams aus. Um die Lagerfeuer versammelt, sitzen Krieger und rauchen die Friedenspfeife. Die Häuptlinge halten Kriegsrat vor ihrem Zelte, die angebundenen Pferde schnauben und scharren. Einer der Festgebundenen wimmerte und stöhnte, er sei erst eine halbe Stunde angebunden und zu zwei Stunden verurteilt. Das könne er nicht aushalten, er spüre, daß er wahnsinnig werde und Krämpfe bekomme; zu Hause habe er vier Kinder. Er bat mich flehentlich, ich möge seine Fesseln ein wenig lockern, ich näherte mich ihm, um seinen Wunsch zu erfüllen, aber der Posten ließ es nicht zu und erklärte, daß er mich anzeigen müßte. Der Inkulpat bat schließlich selbst: »Also lassen Sie es sein, Herr Korporal, wenn es für Sie gefährlich ist, sonst werden Sie auch noch angebunden.« – Ich mußte leider weggehen, da der Posten – aus Angst – auch nicht durch ein Angebot von Geld von seiner Pflicht abzubringen war. Die Stricke taten mir weh, sie schmerzten mich vielleicht mehr als den Angebundenen. Lange konnte ich nicht einschlafen.

 

Am 30. August 1914.

Liebe Mutter!

Herr Fähnrich Hugo Robitschek, der verwundet nach Prag transportiert wird, ist so liebenswürdig, Dir dieses Notizbuch zu bringen, in welchem ich meine Erlebnisse während des ersten – und wohl noch nicht letzten – Kriegsmonates verzeichnet habe. Gib das Notizbuch Herrn Elsner (Annahof), der das Stenogramm mit Schreibmaschine übertragen wird, damit Du lesen kannst, wie es mir ergangen ist. Ich hatte einige Gefahren zu bestehen, denen ich wie durch ein Wunder heil entgangen bin, aber jetzt geht es mir sehr gut. Wir sind in einer schönen Uferlandschaft, das Leben im Freien wirkt wohltuend auf meine Nerven, die Bedürfnislosigkeit erfüllt mich mit Glück. Deine letzte Karte war vom 18. d. M. datiert, ich hoffe aber, daß die darauf enthaltene Versicherung Deines Wohlbefindens noch immer Geltung hat und Du auch seither vom nördlichen Kriegsschauplatz günstige Familiennachrichten erhältst. Bestätige mir, bitte, den Empfang des Tagebuches sofort und sei geküßt von Deinem

Egon.

 

Gefechtsabschnitt 2, Drinaufer, Sonntag, den 30. August.

Ich fuhr früh mit dem Oberleutnant Beyrodt und Manlik, die an dem Leichenbegängnis des Grafen Lazansky teilnehmen sollten, als deren »Bedeckung« in einem humpelnden und rumpelnden Fuhrwerk nach Bielina. Wir waren nicht in Leichenbitterstimmung, sondern freuten uns diebisch auf die Großstadt, die wir beinahe drei Wochen nicht mehr gesehen hatten. Wir waren geradezu aufgeregt, wieder Häuser zu sehen, mit Zivilisten darin, Geschäfte und Gasthäuser und wieder an einem Tisch zu sitzen. Das Bild in Bielina war das alte. Eine Melange von Markt und Kriegslager, von orientalischen Trachten und österreichischen Uniformen, von Trägheit und Hast. Ich begegnete auf Schritt und Tritt Bekannten, was ja kein Wunder ist, da dort noch immer das Kommando des 8. Korps mit Truppen und Anstalten ist, also lauter Soldaten meiner Heimatstadt. Manche Begegnung war unterhaltsam, so die mit einem politischen Freund, der sich eine Kriegserleichterung verschafft hat, indem er Offiziersdiener wurde. In Zivil ist er ein radikaler Redner und politischer Schriftsteller.

Auch einen Verwandten (Regimentsarzt) traf ich, den ich vor zwei Monaten in einem eleganten Restaurant des westlichen Londons gesprochen hatte, damals waren wir beide im Dinner-coat gewesen. Er hatte mich eingeladen, nach Cambridge zu kommen, wo er an der medizinischen Fakultät lehrte. Es war mir nicht möglich gewesen, seiner Einladung Folge zu leisten, und nun konnte ich mich in diametral entgegengesetztem Winkel Europas deswegen entschuldigen; wir lachten über die Kontraste unserer Begegnungen, über die Änderungen in Ort, Zeit, Verhältnissen und Kleidung. Noch lustiger gestaltete sich das Beisammensein mit Ernst Taussig, dem Schwager Max Brods. Ernst ist ganz gewöhnlicher Infanterist ohne Chargengrad, ja noch weniger, Ersatzinfanterist, und hat nur acht Wochen gedient. Aber er ist zum Motorfahrerkorps eingerückt, und da er auf seiner Sportbluse keine Distinktion, sondern nur das Abzeichen und auf dem Kopfe eine Offiziersmütze trägt, so hält es jeder Hauptmann für geraten, jedenfalls ihm zuerst die Ehrenbezeugung zu leisten und Habtacht zu stehen, wenn Infanterist Taussig mit ihm spricht. Ich war selbst dabei, wie er Fürsten und Grafen auf der Straße anrief und wie ihm alle die aristokratischen Ordonnanz-Offiziere der hohen Kommanden gehorsamst oder kollegial entgegenkamen. Gegenwärtig hat er sich mit irgendeiner Belanglosigkeit marod gemeldet, und ging zehn Tage lang im Spital spazieren, wo er als Leutnant geführt wurde, eine hübsche Pflegerin ging ihm immerfort nach, und Taussig erzählte mir, er habe heute die ganze Nacht mit ihr auf dem – Operationstisch geflirtet.

Unter anderen sprach ich den Reservekadetten Hugo Robitschek von unserem 1. Bataillon. Er hat drei Schüsse abgekriegt, sieht elend aus und fährt jetzt nach Prag; er erklärte sich bereit, mein Tagebuch mitzunehmen. Weiter sprach ich im Lazarett mit Hauptmann Wenzel von unserem Regimente, der etwa sechs Schüsse im Leib hat, aber bei guter Laune war. Neben ihm lag Leutnant Neidhart von 73, der von einem schrecklichen Tode erzählte, den der Schauspieler Josef Dresdner-Döring, ein hübscher Junge von ernstem künstlerischen Ehrgeiz, erlitten hatte: eine Schrapnellhülse hatte ihm den Kopf zerschmettert.

Gegen 6 Uhr abends fuhr ich auf einem Proviantwagen heimwärts. Dieser fuhr nur bis Janja, von dort sollte ich zur Drina zu Fuß gehen. (Die beiden Offiziere waren bereits mittags nach Hause gefahren.) In Janja hörte ich, es sei Alarm, da die Serben die Offensive ergriffen und die Drina bereits überschritten haben. Eine Abteilung habe sich in die Kleider österreichischer Gefangener, Verwundeter und Gefallener gesteckt und den nachfolgenden serbischen Truppen schnell Platz geschaffen. Begreiflich erregt eilte ich vorwärts, um zur Kompagnie zu kommen, die vielleicht schon im Gefechte stand, während ich hier mutterseelenallein inmitten unendlicher Kukuruzfelder an Hecken und Sträuchern vorwärtsging, in denen Serben stecken konnten, möglicherweise in unserer Uniform. Aber in der Hast verfehlte ich den Weg. Es war schon spät abends, von der Sonne war nur ein bordeauxroter Reflex über den Bäumen und Stauden im Westen zu sehen. Ich ging rechts, ich ging links, ich ging vorwärts, ich ging zurück, ich lud mein Gewehr und machte mir die Patronen in der Patronentasche handgerecht und war nicht wenig nervös. Endlich kam ich zu einem Trainplatz der Gebirgsartillerie, die mich zu unserem 1. Bataillon wies, von dort war der Weg zu unserem, dem 4. Bataillon, weiter als von Janja. Aber ich hatte nun die Richtung und war um 8 Uhr abends in Stockdunkelheit bei meiner Kompagnie. Man zeigte mir den Befehl, daß außer zwei Stabsoffizieren und fünf Oberoffizieren auch ich die belobende Anerkennung des Armeekommandos für mein Verhalten in der Schlacht von Milina erhalten habe. Der Oberleutnant zeigte mir das Diplom: »K. u. k. 5 op. Armeekommando Res. No. 36/95. – Belobende Anerkennung für tapferes, mutiges und beispielgebendes Verhalten vor dem Feinde. Brèko, am 29. August 1914. Stempel des Armeeoberkommandos. Liborius Frank, G. d. I. An den k. u. k. Korporal des Inf.-Rgts. No. 11 Egon Erwin Kisch.«

 

Montag, den 31. August 1914.

Nun ist ein Monat vorbei, seit wir von der Heimat weg sind. Wievielmal wird hier noch die Monatswende verzeichnet werden müssen!

Bei der Befehlsausgabe wurde mir vor der Kompagnie mein Tapferkeitszeugnis überreicht. Im Befehl, der dann verlesen wurde, steht wieder von einem Siege, der an der russischen Grenze von unseren Truppen bei Josefow-Krasnik erfochten wurde.

Die in diesen Blättern vorausgesagte Verwirrung und Bestürzung über das läppische Kommuniqué, das unseren Rückzug zu verschleiern versuchte, scheint noch größer zu sein, als ich angenommen hatte. Alle Blätter bringen inspirierte Kommentare, die womöglich noch unsinniger sind, als die zu kommentierende Stilübung. Übrigens mußte Honved-Minister Hazai (jedenfalls auf allgemeines Drängen) eigens zur Erklärung des Schlachtberichtes das Wort ergreifen; er sprach ganz offen von den Mißdeutungen, denen die offizielle Darstellung ausgesetzt war und wagte sogar offen das Wort »Rückzug«. Im übrigen sagte auch er nichts über die Truppen und den Ort der Schlachten. Am Abend gingen wir baden, weiter stromabwärts, als es gestattet ist. Wir drängten uns an einer weltabgeschiedenen Stelle des Drinaarmes durch das Dickicht ins Wasser. Die Weiden standen, dicht aneinandergedrängt, im Wasser, und ihr Spiegelbild färbte an beiden Seiten je ein Drittel des Flusses mit tiefem Dunkel. In der Mitte war ein heller Streifen, in dem sich die Sonne, schon untergehend, bespiegelte. Das Wasser floß sacht, es war zu tief, als daß man an hervorstehenden Steinen das Branden der Strömung hätte konstatieren können, und nur Reflexe verrieten, daß wir hier kein totes Wasser vor uns hatten; manchmal schluckerte ein Fisch. Wir rieben uns mit dem Schlamm ab, in dem man ohnedies bis an die Unterschenkel versank, und wenn man schwamm, löste sich die schlammig-schwarze Schicht vom Körper, und dieser wurde weiß. Allerdings wurden die Füße wieder schlammig, als wir herauswateten. Dann kehrten wir zum Lagerplatz zurück und saßen, in allerhand friedliche und scherzhafte Gespräche vertieft, in einer Laube, die unser junger Kompagniechef aus Baumstämmen, Maisstauden und Weidenzweigen hatte herstellen lassen und in deren Ecke ein Tischchen war. Vom Plafond hing ein Luster – ein ausgehöhlter Kürbis, in dem eine Kerze brannte. Dort saßen wir lange lustig beisammen, bis eine Patrouille kam und die Erkennungszeichen meldete. Feldruf: Scheibe; Losung: Skutari; Parole: Siegfried. Da erinnerten wir uns, daß wir Soldaten und im Kriege waren.

 

Dienstag, den 1. September 1914.

Aber heute früh wurden wir durch Maschinengewehrfeuer geweckt. Die Serben beschossen einen Äroplan. Bald darauf kam unsere Ablösung, es hieß: Vergatterung, Rüstung umhängen, ergreift das Gewehr – Kommandi, die wir schon seit acht Tagen nicht mehr gehört. Honved, 26. Rgt. aus Agram kam herbei, kroatische Befehle ertönten, Offiziere besprachen sich mit den Unserigen, die Honveds bezogen unsere Stellungen, und wir marschierten von dannen. In Janja, wo wir rasteten, und in Patkowaèa (zwei Kilometer vor Bjelina), wo wir in Zelten nächtigten, kamen wir mit den anderen Teilen unseres Regiments zusammen, die wir seit unserer vorgeschobenen Position nicht mehr gesehen hatten.

 

Mittwoch, den 2. September 1914.

Teufel, war diese Sommernacht kalt! Das sind die bosnischen Witterungsverhältnisse: bei Tag kann man vor Hitze nicht marschieren, bei Nacht kann man vor Frost nicht schlafen. Wir empfanden es als Erlösung, daß schon um 2 Uhr nachts Tagwache war, wir unsere Zelte niederreißen, den sogenannten Kaffee in den Magen gießen und das immerhin wärmende Rüstzeug umhängen durften. Es ging über Bjelina, wo mir diesmal die Haarfarbe der Kinder auffiel: meist ein Farbengemisch von mokkabraun und fezrot, den hauptsächlichsten Ingredienzen des Orients. Was mir weiter in Bjelina auffällt; sind die Straßentafeln: oben in einem kleinen Bogen der Name der Gasse in cyrillischer Schrift, unten in Antiqua und dazwischen wie ein zierliches Ornament die türkischen Schriftzüge. Der Weg ging weiter über Gaic, wo gegen ½8 Uhr früh Rast war, gegen Nieder-Brodac. Wohin gehen wir? Nach Rußland, nach Slavonien, wo Aufstände sein sollen, an die Save, nach Wien, wo Befestigungsbauten aufgeführt werden, nach Budapest? Wenn diese Fragen nicht wären und übergescheite Antworten darauf, so gäbe es auf dem Marsche kein Gespräch. Selbst die Offiziere wissen nichts und sind neugierig. In Gaic borgte mir ein aus Leipzig eingerückter Reservist die »Leipziger Neuesten Nachrichten«, die ihm seine Frau nachgeschickt hatte. Eine alte Nummer, aber es war ein Feuilleton darin, worin die Kriegszeiten im Berliner »Café Größenwahn« geschildert werden. Fast täglich war ich in diesem Jahre dort zu Gaste und kann mir denken, wie diese supernervösen, hypersensitiven und krankhaften Menschen jetzt von Psychosen befallen sind, wie sie Gerüchte aufnehmen, Gerüchte aufbauschen, Gerüchte entstehen lassen. Mir ist bange nach ihnen …

Erst bei der Rast in Gaic bedeckte sich das Gras mit Morgentau. Es war ¼12 Uhr mittags, als wir in Brodac waren. Die Leute, die doch so Gräßliches erlebt hatten, schimpften wie Tobsüchtige und fielen marode zu Boden, denn die Sonne brannte bratend, der Staub über der Straße war dick zum Schneiden und die Konserven und Patronen, die wir neu gefaßt hatten, waren keineswegs aus Aluminium. Ich hatte nach der Spezialkarte konstatiert, daß wir um 11 Uhr in Brodac sein würden, aber schon von ½11 Uhr begannen die Leute mich zu urgieren, es sei schon 11 Uhr vorbei, und die Landkarten seien überhaupt nur Blödsinn und Schwindel, die Herren zeichnen sich ein, was ihnen paßt, ohne je in dem Lande gewesen zu sein. Kurzum, es war eine kleine Meuterei gegen mich im Gange, die zu einer größeren ausartete, als es wirklich 11 Uhr wurde und wir noch immer nicht in Brodac waren. Wenn ich mich nicht an die Queue der Kompagnie verfrachtet hätte, wäre ich mindestens verprügelt worden. Nie mehr werde ich aus den Karten weissagen! Auch mein Fuß war von der Hitze verbrüht und aufgerissen. Ein Mediziner schnitt mir zwar die losgelöste Haut ab, wollte mir aber kein Pflaster auf die losgelöste Wunde geben, da das Material für schwere Schußwunden gespart werden muß. Dann lernte ich, der Not gehorchend (denn nicht bloß meine Füße, sondern auch meine Strümpfe sind zerrissen), das kunstgerechte Zusammenfalten der Fußlappen. Die halbe Kompagnie umstand mich voll Neugierde, denn sie hatten noch nie einen Menschen gesehen, der noch keine Fußfetzen auf den Füßen hatte, und begleitete meine Lektion mit Lobeshymnen auf die Erfindung der Fußlappen und mit Belehrungen. Ich bin selbst neugierig darauf, wie ich darin marschieren werde. Wenn man der Mannschaft glauben darf, die sie auch in Zivil trägt, so wirken sie wie Siebenmeilenstiefel. Sollten die Flügel auf den Fußknöcheln des Gottes Merkur nichts anderes sein, als die Enden seiner Fußlappen?

Diese Nacht ist nicht als schön zu bezeichnen. Es fehlen Zeltpflöcke, und die zu arm zurechtgeschnittenen Stämme sind gar zu schlampig hergestellte Grundpfosten. Die Zeltstoffe flatterten im kalten Nachtwinde, der insbesondere die Füße widerwärtig kühlt. Gleich nach der Einrückung noch vor ½12 Uhr hatten wir Menage bekommen, von der ich die Suppe gegessen hatte. Am Abend knurrte mein Magen, daß ich vielleicht gern versucht hätte, auch das Fleisch hinunterzuwürgen, das ich mittags verschmäht hatte. Aber jetzt ist nichts mehr da als »Tee«. So gehe ich hungrig zu »Bette«. Der Frost und der Hunger würden mich vom Schlafen nicht abhalten können. Aber von einer Institution, die wir nachmittags unter Leitung des Pionieroffiziers aus sanitären Gründen hergestellt hatten, wehte der Wind den Duft herüber. Durch das Lager laufen während der ganzen Nacht winzige Schweinchen mit graugelb gestreiften Rücken. Sie quieken wie die Alten.

 

Brodac,
Donnerstag, den 3. September 1914.

Rast im stinkenden Zeltlager und Sehnsucht nach reiner Luft und dem viel schöneren Wasser bei den Feldwachen am Drinaufer. Im Regimentskommandobefehl wird von einem großen Siege der Armee Auffenberg in Rußland, im Raum Zamosce-Kristovasc berichtet; Scharen von Gefangenen und 160 Geschütze erbeutet. Auch die Armee Dankl, die um Lublin angreift, habe ununterbrochene Erfolge. Der Nachsatz der Meldung weckte aber Bedenken: Ostgalizien und Lemberg gegenüber starke russische Vorstöße, »Lemberg noch in unserem Besitz«. Wenn man das erst betonen muß, daß eine österreichische Stadt, von der wir nie ahnten, daß sie bedroht sei, noch in unserem Besitze ist, kann es mit den Siegen nicht allzuweit her sein! – Die Mannschaft hatte sich befehlsgemäß mit Feldzeichen geschmückt, bei der Verlautbarung des Sieges wurde ein Hurra ausgebracht. Es klang matt und befohlen. Bis jetzt war in der Mannschaft der Glaube lebendig gewesen, der Krieg werde nach einem oder zwei Tagen zu Ende sein, immerfort hatten sich Gerüchte über Friedensverhandlungen erhalten, obwohl sie sich stets als falsch herausgestellt hatten. Die Menschen wollen eben nichts für sie Unangenehmes glauben, und hätte ein Intelligenterer ihnen nach der politischen Konstellation erklärt, daß ein Friedensschluß sehr kompliziert, mit Serbien allein nicht zu schließen sei, und daß wir auch über die langen Friedensverhandlungen in Serbien bleiben müßten, so wäre er sicherlich gelyncht worden. Jetzt, nachdem vier Wochen, also eine einmalige Waffenübungsperiode, verstrichen sind, ohne daß ein dreimaliges Trompetensignal »Abgeblasen« das Ende der Manöver verkündet hätte, machte der Glaube an baldige Heimkehr einer verzweifelnden Resignation Platz. Die Musikkapelle spielte zur Feier des Sieges, die Offiziere steckten kleine Metallkruzifixe die sie vom Feldkurat erhalten haben, hinter die Mützen. Fürst Lobkowitz hat sie gespendet, im Stephansdom zu Wien wurden sie geweiht. Wir einfachen Soldaten bekamen bloß Slivowitz und Gulasch.

 

Dolni-Brodac,
Freitag, den 4. September 1914.

Auch heute nacht konnte ich im Zelte nicht schlafen und ging über die ins Zeltblatt eingewickelten Schläfer an Gewehrpyramiden und Zelten, an angebundenen Pferden und drohend aussehenden, aber harmlosen Fahrküchen vorbei, bald auf Tornister, bald auf Proviantsäcke und auf Schichten von Kommisbrot tretend, im Lager spazieren. Der einzige Mensch, der wachte, war der Inspektions-Gefreite. Ich setzte mich zu ihm. Es war ein Bergmann vom Fortuna-Schacht bei Dux. Fanatischer Anarchist, dessen Gesinnung sich im Kriege noch gestählt hatte. Er erzählte persönliche Motive für seine Weltanschauung. Ich versuchte mit sozialistischen Gründen zu entgegnen. Je mehr wir stritten, desto näher kamen wir einander, und als ich doch endlich Müdigkeit verspürte, hatte ich und gewiß auch er das Gefühl: jetzt habe ich endlich einen Freund gefunden.

Früh gegen 5 Uhr schlug jemand auf unser Zelt und brüllte: »Aufstehen, 5 Uhr ist's, der Kaffee ist fertig.« Wütend darüber, daß ich – eben eingeschlafen – schon geweckt werde, obwohl erst für ½7 Uhr Vergatterung angesagt war, brüllte ich dem Störenfried ungehalten entgegen: »Steig uns am Buckel, blöder Kerl, und laß uns schlafen.« Der Unbekannte blieb die Antwort nicht schuldig: »Du gemeiner Trottel, ich werde dir gleich ein paar Ohrfeigen geben.« »Eher ziehe ich dir die Hosen hinunter und haue dir den Hintern blau.« So ging es durch die undurchsichtige, aber den Schall nicht dämpfende Zeltwand, zwischen mir und ihm hin und her, und die Kompagnie, inzwischen wach geworden, hatte ihr Gaudium und hetzte ganz tüchtig. Mit Erfolg. Endlich fragte mein Gegner, wer denn der Lausbub sei, der sich so unverschämt das Maul zerreiße. Er sei im Dienste – schrie er – und werde den Kerl zum Rapport nehmen. »Das ist der Korporal Kisch«, erwiderten lachend die Leute meines Zuges, die meine Stimme erkannt hatten und wußten, daß er mich, einen Unteroffizier, nicht selbst zum Rapport nehmen könne. »Wer?« – »Der Korporal Kisch.« – »Von dir hätte ich das am allerwenigsten vermutet, na, ich werde mir das merken.« Nun fragte auch ich, wer mein Gegner hinter dem Visier sei. »Der Inspektionsgefreite.« Fünf Minuten später trafen wir uns bei der Fahrküche. Wir blickten einander wütend an, und doch hatte ich – und gewiß auch er – das Gefühl: jetzt habe ich einen Freund verloren.

Um ½7 Uhr rückten wir zum Exerzieren auf, das angeordnet worden ist, damit wir einer Beschäftigung »obliegen«. Schwarmlinien, Vorrücken im Kukuruz, Beschießung von Waldlisièren, lauter Dinge, die wir schon in der Wirklichkeit schaudernd miterlebt hatten und die uns jetzt als Spielerei unsäglich lächerlich vorkamen. Wenn man sich einen Augenblick in Gedanken verlor und aufschauend die Kameraden aus der Deckung hervorlugen sah, schrak man zusammen; aber rechtzeitig erinnerte man sich, daß hier der Feind nur vorgeschriebenes Gaukelspiel der Sinne und daß sogar die Zielscheiben nur supponiert seien. Als man in der Hitze nach Hause ging, fluchten die Leute darüber, daß der Befehl zum Exerzieren sie aus ihrer Ruhe reiße. Ein Witzbold bemerkte: »Das ist fein, das Exerzieren! Jetzt wissen wir wenigstens, wie es gemacht wird.« Da lachten alle geschmeichelt und überlegen. Die Fußlappen bewähren sich gut. Nachmittags Kirmesstimmung. Ein Steinbrucharbeiter spielte virtuos auf der Ziehharmonika, mit der er angeblich schon im Waggon seine Kameraden vom Marschbataillon Tag und Nacht unterhalten hatte. Drei Hornisten, ein Tambur und einige Sänger begleiteten leise die schwermütigen, slavischen Melodien und die Gassenhauer. Ein Freiwilliger ging heute mit dem Hauptmann Popelak, um Geld für die Regimentskasse zu fassen. Sie erhielten 260 000 Kronen für einen Monat!

Das »Berliner Tageblatt« schreibt mir, ich möge Artikel über meine Erlebnisse schreiben. Ich habe es in einem Briefe abgelehnt, indem ich bemerkte, daß ich über das Erlebte nicht so schreiben könne, wie man jetzt schreiben dürfe. Es sei anders.

Mein Löffel ist aus dem Brotsack gestohlen worden. Messer und Gabel habe ich schon seit Monatsfrist nicht mehr. Das ist egal! So werde ich eben auch die Suppe jetzt mit der Hand essen. Nun habe ich kein Taschentuch, kein Stück Wäsche, keine Eßschale, kein Besteck, kein Taschenmesser, kein Stück Papier, keinen Mantel und kein Zeltblatt zum Zudecken, keine Seife, kein Zahnbürstchen, kein Handtuch, kein Streichhölzchen und keine Zigarette mehr und nichts zum Essen. In meinen Taschen habe ich nichts anderes, als ein beängstigend kleines Bleistiftstümpelchen, dieses mein halbvolles Notizbuch und meine Legitimationskapsel.

Einer hat sich die Mühe nicht verdrießen lassen, auf sein Zelt eine Aufschrifttafel zu befestigen: »Hier wird ein Fräulein in Kost und Logis genommen«.

Die Offiziere sitzen abends bei Kerzenlicht um ihren Tisch und sprechen. Das Licht ist das einzige, um das ich sie beneide. Ich könnte beim Licht so viel schreiben und so viel lesen. So aber muß ich auf der nassen Erde liegen, das Notizbuch auf einen Tornister gestützt und bei dem flackernden Schein, den das niederbrennende Holz des Herdkastens unserer Fahrküche verbreitet, kritzeln.

 

Dolni-Brodac,
Samstag, den 5. September 1914.

Zum Zwecke unseres Trostes und zur Hebung unseres kriegerischen Selbstbewußtseins wurde heute im Befehl ein von Phrasen strotzendes Elaborat verlesen, das von unserem Divisionär, Feldmarschalleutnant Scheuchenstuel, gefertigt ist. Darin findet sich folgender, gegebenenfalls noch als meritorisch anzusehender Satz: »Aus dem großen und schönen Erfolge im Norden kommt auch unseren Truppen im Süden ein beträchtliches Verdienst zu. Unsere so rasch und energisch nach Serbien hineingetragene Offensive befestigte dort und in Rußland die Überzeugung, daß die ursprünglich gegen Serbien angesetzten sechs Korps tatsächlich hier geblieben seien und verleitete aus diesem Glauben heraus die Russen zu Maßnahmen, welche in letzterer Linie zu ihrer Niederlage führten. War unsere Offensive, welche tatsächlich nur mit einigen Divisionen geführt wurde, auch für diese eine erschöpfende und verlustreiche, mußte sie schließlich, nachdem sie die ganze serbische Armee auf sich gezogen hatte, auch mit dem Rückzug enden, so hat sie doch ihre Aufgabe im Raum des großen Kriegszweckes voll und ganz erfüllt. Die große Entscheidung liegt im Norden. So wie die Truppen der 9. Infanterietruppen-Division zu dieser großen Entscheidung, in dem ihnen zugefallenen bescheidenen Wirkungskreise bisher ihr Scherflein beigetragen haben, ebenso erwartete ich, daß dieselben auch weiterhin ihr Bestes leisten werden.« Nach weiteren stilistischen Purzelbäumen werden Truppenkommandanten und Offiziere angewiesen, die frische, fröhliche Stimmung der Mannschaft aufrechtzuerhalten: »Das wesentlichste Mittel hierzu bildet baldige ausgiebige Beschäftigung der Mannschaft; ein- bis zweistündiges Exerzieren täglich genügt nicht. Die Truppen müssen vor- und nachmittags durch mindestens zusammen sechs bis acht Stunden beschäftigt werden.« Das ist fürwahr das beste Mittel zur Hebung der fröhlichen Stimmung! Ich wenigstens habe gelacht …

Gegen 10 Uhr abends wurde dem Oberleutnant Raschin, genannt »Raschin der Grausame«, die Unterhaltung, die einige ehemalige und gegenwärtige Freiwillige unter einem Baum in dem Zelt führten, zu laut, und er jagte uns zur Ruhe. In der Nacht vernahmen wir starkes Kanonenfeuer von der Save her.

 

Brodac,
Sonntag, den 6. September 1914.

Exerzieren. Die Wiese, die der Kompagniechef prüfenden Auges daraufhin untersuchte, ob sie für einen Angriff mit Schwarmgruppen geeignet sei, war von hohem, saftigem Grase belebt, blühende Sträucher umrahmten sie und hohe schattige Bäume, eine Kuh weidete selig und zwei Kälber hüpften eilig und erschreckt an ihre Seite, wenn der kleine Hirt, ein bosnisches Knäblein mit breiten Hosen und schwarzer Lammfellmütze, seinen Spaß daran hatte, seine Peitsche knallen zu lassen. Von weither war die Regimentskapelle hörbar, sie spielte zur Sonntagsfeldmesse auf. (Zum letzten Male; mit heutigem Tage ist sie aufgelöst, die Instrumente reisen nach Pisek und die Musikanten werden zu Blessiertenträgern.) Und vom Norden her tönt aus nächster Nähe eine Kanonade herüber. Wie wir erfuhren, hatten die Serben seit Mitternacht die Saveschleife bei Raèa samt unserer im Bau befindlichen Kriegsbrücke beschossen, und unsere schweren Haubitzen seien dabei, den serbischen Gegenangriff abzuwehren. Am Nachmittag hörten wir aber, daß der Angriff von Raèa fingiert gewesen sei, um unsere Aufmerksamkeit von einer anderen Stelle abzulenken. Inzwischen war es den Serben geglückt, bei Mitrowitza mit einer Division die Save zu überschreiten und die Eisenbahn zu besetzen; dort stehen ihr aber nur schwache österreichische Kräfte gegenüber. Unklar ist uns, warum wir noch hier verbleiben.

Uns bewegen wichtigere Dinge. Dem Oberstleutnant sind drei Konserven gestohlen worden, und das hat eine Flut von Visitierungen und Verordnungen zur Folge. Niemand darf eine Konserve essen, alle fünf Minuten wird untersucht, ob die Leute ihre Konservenbüchsen unversehrt bei sich haben, der, dem eine fehlt, wird eine Stunde angebunden, wem zweie fehlen, zwei Stunden, wem dreie fehlen, drei Stunden, und wer beim Diebstahl erwischt wird, vier Stunden. Auch am heutigen Tage des Herrn sind Menschen an Bäume gefesselt. Der allgemeinen Stimmung und dem Geiste der oberstleutnantischen Verordnung gibt ein Vers Ausdruck, der im Lager kursiert.

Hast du getötet auch tausend Serben,
Hast aber nicht deine drei Konserven,
Mußt du eines elenden Todes sterben.

Die Nacht ist kalt. Mein Gastfreund und ich schmiegen uns fest aneinander, um irgendwie dem Froste zu begegnen. Schon von ein Uhr nachts an heizen die Köche den Herdkasten der Fahrküche. Sie tun es, um sich zu wärmen.

 

Brodac, den 7. September 1914.

Früh rückten wir zum Exerzieren aus, aber ein Radfahrer vom Regimentskommando beorderte uns zur sofortigen Rückkehr und strenger Marschbereitschaft. Nachrichten sind da, daß von den bei Mitrowitza vorgestoßenen Serben (Timokdivision) 4000 Gefangene gemacht wurden und daß Rumänien mobilisiere und unsere Grenze dort frei sei. Daß es gegen uns mobilisiert, scheint nach dem zweiten Teile des Satzes ausgeschlossen; oder scheint es nur so? Auch kommt bald die Nachricht, daß es sich bei Mitrowitza nur um 2000 Gefangene handelt; naturgemäß glaubt man auch davon jetzt nurmehr die Hälfte. Graf Tisza hat stark aufgetragen, als er anläßlich zahlloser Interpellationen wegen unseres Rückzuges erklärte, es sei kein Österreicher in Serbien gefangen und kein Geschütz von den Serben erbeutet. Wieviel hunderte unserer Kameraden hatten wir am rechten Drinaufer hilflos zurücklassen müssen! Darüber hat der Regimentskommandobefehl folgende (wahrscheinlich aus begreiflichen Gründen erlogene) Mitteilung gemacht: »Laut verläßlichen Nachrichten haben die Serben unsere Gefangenen und Verwundeten erschossen.«

Ein besonderes Ereignis des heutigen Tages ist der Abgang von zwei Medizinern unseres Bataillons, die zur Ablegung ihrer letzten Prüfung und Erlangung des Doktorats einen dreiwöchentlichen Urlaub nach Prag erhalten haben und heute noch abgehen. Nach Prag fahren! Die heiße Sehnsucht, der Gedanke aller. Die einen gönnen es den beiden Burschen, die anderen beneiden sie, die dritten tragen ihnen Grüße auf, und die vierten wurden von verstärktem Heimweh befallen und verfluchten ihr Schicksal mehr denn je. Vielleicht hätte ich zu den letzteren gehört, wenn es sich nicht um zwei ausnehmend sympathische Kameraden gehandelt hätte, denen eine Erholung von unserem Tierleben herzlich zu gönnen ist. Die Stimmungen wechseln während des ganzen Tages. Um 4 Uhr hieß es, die Serben beschießen Bjelina, das Militärlager sei unter Schrapnellfeuer, das Spital nach Brèko verlegt. Um 5 Uhr bekam ich ein Paket von daheim. Man hatte mir Winterwäsche, Schokolade, Ölsardinen und Bisquits geschickt. Es freute mich eigentlich beim Empfang bloß die Verteilung an die Bekannten, denn wir wußten, daß wir abgehen würden, und es war gar nicht daran zu denken, daß ich mehr als eine Büchse Ölsardinen und eine Tafel Schokolade in den Brotsack packen könne.

Um 6 Uhr große Beratung der Kompagniekommandanten beim Bataillonschef. Nur soviel dringt in die Öffentlichkeit: daß es früh wieder gegen die Serben geht. Das wirkt beklemmend. Ein Teil der Mannschaft (das Marschbataillon) kommt also früh zum erstenmal ins Feuer, die anderen sind noch ärger daran, sie wissen, wie es schmeckt. Solange wir drüben waren, war ein Gefecht schließlich mehr oder weniger egal. Wenn man einmal im Wasser ist, findet man es nicht mehr so kalt, und mit dem Feuer ist es analog. Aber bevor man hineinkommt, klappert und zittert man. Umsomehr wenn die Nacht so kalt ist, die Kanonen donnern, und die Maschinengewehre so knattern, wie heute.

 

Dienstag, den 8. September 1914.

Mariä Verkündigung. Um 2 Uhr morgens wären wir geweckt worden, wenn wir geschlafen hätten. Um ½5 Uhr ging es von dannen, ostwärts der Sonne entgegen, die noch nicht aufgegangen war. Nach kaum zehn Minuten begegnete uns ein Fuhrwerk. Der Regimentspionieroffizier, Oberleutnant Fleischmann, und einige seiner Soldaten saßen darin, er hatte einen Schuß im Arm, andere waren noch schwerer verletzt, ihre Uniformen blutüberströmt. Wenige Minuten später sah man über der aufgehenden Sonne Schrapnellwolken.

In Velino-Selo machten wir halt. Ich nahm den Bret Harte aus der Tasche, der mir gestern von einem Freiwilligen geliehen worden ist. Ich wollte die mäßige, keineswegs besonders aufregende Geschichte »Der Mann im Semaphor« zu Ende lesen. Ich ließ mich durch die wenige Schritte von uns niederfallenden Schrapnells und die donnernden Begleitgeräusche keineswegs stören, sondern in all der um mich herrschenden Angst vor der wenige Meter von uns entbrennenden Schlacht, in die wir im nächsten Momente eintreten würden, hatte ich kein anderes Gefühl, als das, daß ich erschossen werden könnte oder vorwärtsmarschieren müsse, bevor ich die (mich keineswegs irgendwie innerlich berührende und auch nicht spannende) Novelle zu Ende gelesen habe. Es war rein der Wunsch, etwas Begonnenes zu vollenden. Ich las rasch und atmete auf, als ich zu Ende war. Der Infanterist Sperl, der am 18. August von einem Schrapnellschuß ins Gesicht verletzt und in der Front geblieben war, um dann am 26. bei seiner Drinaüberschiffung vom Feinde beschossen und besser getroffen zu werden, ist heute aus dem Spital zurückgekehrt. Sein rechter Arm, der durchschossen war, ist nicht einmal mehr verbunden, und er handhabt wieder sein Gewehr. Die Sehnsucht aller, einen leichten Schuß zu erhalten, ist dadurch wesentlich herabgemindert. Was hilft er, wenn man doch so bald wieder aus dem Spital in die Plänklerreihe gesendet wird?

Verletzte, sterbende 102er und 28er werden auf Tragbahren vorbeigetragen, gestützt oder den Arm in der Binde kommen Andere vorüber. Die vierspännigen Blessiertenwagen der Infanteriesanitätsanstalt 9 fuhren leer an uns vorüber, um gefüllt in bedeutend langsamerem Tempo zurückzukehren. Aber die Kolonne der Verwundeten, die zu Fuße kommen, wird dadurch nicht geringer. Von Schüssen zersprengte Knochen ragen aus dem Fleische, Hautfetzen hängen von den Gesichtern, Bluse, Mantel, Verband aus einem einzigen Farbstoff: imprägniert von Blut. Immer dichter, immer ergreifender wird der Totentanz. Einer hat den Kopf verbunden, zwei tragen ihn mehr als er geht, er hält den Kopf weit zurück in den Nacken gedrückt, damit er trotz der Bandage nicht verblute. Aber das Blut fließt nach hinten. Barfüßig schleppen sich andere vorwärts, beide Füße verbunden, der Stock ist ihr einziger Fuß, weinende Burschen, deren rote Hosen Schenkelwunden verraten, hunderte anderer Jammerbilder. Dann ein Gruppenbild: ein Hilfsplatz des Inf.-Rgt. 102. Tote liegen da, die Füße hochgezogen vor Schmerz, bevor sie Erlösung fanden. Einer liegt mit dem Kopfe nach links geneigt auf der Bahre, seine starren Hände halten die Photographie einer jungen Frau und zwei kleiner Mädchen in der Hand. Einer brüllt, einer wimmert, die meisten haben die Hände gefaltet und murmeln Unverständliches, wahrscheinlich Bitten und Gebete.

Bis hierher hatte ich um 10 Uhr vormittags geschrieben, aber jetzt (5 Uhr abends) weiß ich nicht, was ich schreiben soll. Wo soll ich anfangen, wenn ich von dem beispiellosen Grauen sprechen will? In mir klingt all das Entsetzliche nach, während ich bebend zwischen Toten und unter Schrapnellschüssen dieses schreibe. Und das Gegenwärtige läßt mich gleichgültig, wenn ich an die vergangenen Stunden denken muß. Vom Hilfsplatz ging es an einem Weg weiter vorbei zur Drina. Wir sahen jetzt den Fluß wieder, den wir unter Kämpfen vor beinahe Monatsfrist überschritten, dessen Inseln wir mühsam gesäubert und dessen Arme uns feucht und gefahrdrohend umfangen hatten, bis wir verzweifelt und arm heimgeflüchtet waren, und den wir nun mit schweren Opfern von neuem überschreiten mußten, denn daß wir ihn wieder überschreiten mußten, das wußten wir, und daß es schwere Opfer kosten würde, das sagten uns (wenn es uns nicht schon die Legion der vorbeikommenden Verwundeten gesagt hätte) die feindseligen Pfiffe der Projektile, um derentwillen wir gebückt wie Diebe an den Dämmen entlang des Ufers huschten. Das Regiment lag endlich gegen ¼11Uhr am Ufer versammelt und gedeckt. Oberst Wokoun rief um ½11 Uhr unsere Kompagniekommandanten heran. »Sie setzen als erste Kompagnie unseres Regiments über die Drina und verlängern die bedrohte Brigade Daniel am linken Flügel …«

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