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Soldat im Prager Korps

Egon Erwin Kisch: Soldat im Prager Korps - Kapitel 11
Quellenangabe
authorEgon Erwin Kisch
titleSoldat im Prager Korps
publisherVerlag der K. Andréschen Buchhandlung
year1922
printrunDritte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20190509
projectid9b55f686
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Auf österreichischem Boden

 

Montag, den 14. Dezember 1914.

Wache ich oder träume ich? Ich bin in Extase. Entzücken und das höchste Wohlgefühl, das ich seit meiner Abreise aus Berlin, also seit längst vergangener Zeit nicht mehr empfunden habe, wechselt mit trüben Bildern. Welch ein Tag! Ich zog über die von großen Schleppern gestützte Kriegsbrücke als »Begleitmann« der Regimentskassa über die Save. Das Gewoge und Gedränge auf der Brücke, das Geschiebe und Gestoße, das Gebrüll und die Unordnung war nicht zu beschreiben. Von allen Seiten kamen Wagen und wollten gleichzeitig auf die Brücke, und die Leute zwängten sich zwischen ihnen durch, daß jeden Augenblick jemand unter den Seilen, die das Brückengeländer bildeten, hinuntergestoßen wurde und mit tüchtigen Beulen in einem der Pfeilerschiffe lag. Mein Übergang über die Brücke dauerte etwa fünfviertel Stunden. Drüben traf ich den Stabstrain, ermittelte den Telephonwagen, auf dem mein Tornister noch lag, und zog weiter. Von Belgrad hatte ich freilich nicht viel gesehen, als viele neue Häuser, die im schlechten Stile den typischen österreichischen Großstadtvororten glichen, und am Ufer zusammengeschossene Speicher, Trümmer eines Bahnhofes und dgl. Der Weg von der Brücke nach Semlin führte über ödes Land zum Teil längs der Donau auf einem Karrenwege. Es war die Burmahalbinsel, und vor uns wiesen uns die Lichter nach Semlin den Weg. Zur Morgendämmerung kamen wir in Semlin an, entzückt darüber, nicht mehr ungebetene, feindselige, quälende Gäste in fremdem Land zu sein. In unseren Buchstaben stand schon der Stationsname auf dem Bahnhof: »Zemuò«, dem ersten Gebäude, das wir sahen, und nun kamen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. Was für Gestalten, längst vergessen, nahten sich uns. Wir sahen Zivilisten! Wie lange hatten wir solche nicht mehr gesehen. Und es waren nicht etwa Maèva-Bauern mit Schaffellpelzen, nein, Herren mit Bügelfalten, die in der Mitte einer Allee von Ösen der Lackstiefel endeten, Herren mit Zylindern und Elfenbeinstöcken und Winterröcken. Wir sahen öffentliche Bauten, für die Österreich an den Grenzen aus Repräsentationsgründen etwas aufwendet, wir sahen Firmaschilder von Raseuren, von Fiakerhältern, Konditoren, Modegeschäften, nachdem wir monatelang in Erdhöhlen gewohnt hatten.

Und plötzlich standen wir starr. Ein Mädchen kam uns entgegen mit einem blumengarnierten Samthut, brauner Bluse, chickem braunen Rock, Strümpfen und Halbschuhen. Ein Mädchen! Eine gewaschene, gutgekleidete, europäische Städterin. Zuerst glotzten wir sie entgeistert an, wie eine Erscheinung, wir trauten unseren Augen nicht. Erst als sie um die Ecke verschwunden war, sahen wir einander an und sagten: »Ein Mädchen!«

Andere Frauen kamen dann an uns vorbei. Sie gingen, plauderten nebeneinander her, in kurzen Röcken mit straff gespannten, gelben Strümpfen und gelben Halbschuhen, über die sich je eine breite Masche schlang. Und dann, Dirnen, viele Dirnen. Wer hat ihnen den Tip gegeben, daß hier jetzt Konjunktur sei? Sie waren da, und man kannte sie oder schien sie von irgendwo zu kennen, vom Kurfürstendamm oder von der Rothenturmstraße oder von Piccadilly oder von den Großen Boulevards. Sie sahen alle gleich aus, aber uns war es, als wären es Meisterwerke der Schöpfung. Eine kam mir entgegen, mit der ich in Prag bei Habdra oft getanzt hatte, und ihr unvermuteter Anblick entlockte mir den Ausruf ihres Namens:

»Paula!«

Sie wandte sich gegen mich, maß mich verächtlich, und schwebte weiter. Da ließ ich meinen Blick über meine zerfetzten, beschmutzten und zerknitterten Kleider schweifen.

Dann sahen wir ein Café. Zuerst wagten wir uns nicht hinein, aber dann saßen wir halb lachend, halb sentimental, an runden Marmortischchen, vor uns waren Billardbretter, rechts saß zwischen Messingaufsätzen eine Buffetière, an den Wänden waren Spiegel und Ständer für die Queues, und ein Kellner im Frack brachte uns Tee mit Rum in Porzellanschalen, auf Nickeltassen mit Zuckerstückchen daneben, und er betrog uns sogar bei der Zeche! Lachend und aufgeregt saßen wir da und machten Witze: Sollen wir das Billardbrett zu Brennholz für unser Lagerfeuer zerhacken? Manche gossen den Tee in die Eßschale, damit er ihnen – wie sie zum Scherze bemerkten – besser schmecke. Ganz im Ernst aber steckte sich jeder ein paar Stückchen Zucker ein, um nächstens den Konservenkaffee damit zu versüßen. Ich ging auch auf das Kloset, und als ich die Wände mit Pornographien beschmiert sah, empfand ich es noch intensiver im Bereich der Kultur zu sein.

Wir schlenderten durch die Straßen, an einem Fußballplatz vorbei, über den Kai, große Dampfer fuhren auf der Donau ihn entlang, zerschossene Häuser erblickten wir und kamen durch die von den Serben in »Kral Peter-Ulica« umgetaufte Hauptstraße, welche Straßentafel aber wieder übertüncht ist. Auch die Geschäftsleute haben die cyrillischen Aufschriften auf ihren Läden, ja sogar die in Cyrillika geschriebenen Namen der Firmainhaber aus Vorsicht verlöscht. Ich kenne das. Das ist – Tünche.

Während das Geld bisher auch nicht den geringsten Wert für uns gehabt hatte, auch der ärmste seine Löhnung verfallen ließ, und eine Geldentschädigung für einen Dienst oder Gefälligkeit zurückwies, konnte man sich plötzlich in Geschäften alles kaufen, Gurken, Obst, Käse, Tabak, Brot und Wurst. Ich ging zu einem Raseur, der mir einen weißen Frisiermantel umhängte, mich glatt rasierte, mir den Kopf schor und ihn mit Bayrum-Champooing dreimal wusch, mir das beim Abtrocknen dreimal ganz braun gewordene Handtuch zeigte, denn ich hatte noch von den Nachtlagern her die ganze Macva und das Kolubara-Erdreich in den Haaren. Und ich, der ich noch vor wenigen Tagen höchlichst zufrieden gewesen war, wenn mir ein Infanterist mit halbscharfem Bajonett die Stoppeln vom Kinn geschabt hatte, wurde im Nu wieder zum arroganten Kulturmenschen, verlangte eine scharfe Spritzung, gleichmäßigere Zustutzung der Kottelets und setzte allerhand aus, bevor mich der Friseur mit Puder betupfte. Dann kaufte ich mir reine Wäsche, denn ich hatte den Entschluß gefaßt, dessen Erfüllung mir seit Monaten das Erstrebenswerteste auf der Welt schien: mich zu baden. Am Donauufer war das Dampfbad, schäbige, kleine Zellen. Im Berliner Volksbad kostet eine solche Zelle fünf Pfennige samt Seife, und es ist dort sauberer und schöner, hier zahlte ich eine Krone, aber wie glücklich war ich in dem kleinen Raum! Ich zerrte Kleider und Wäsche vom Leibe. Losgelöste Baumwollstücke der Winterwäsche, Strohhalme und Gräser und Erde fielen mit zu Boden. Als ich mich nackt sah, erschrak ich, so mager, so schmutzig hatte ich mich nie gesehen. Ich sprang in das warme Wasser. Anfangs glaubte ich, ich würde wahnsinnig, ein so unsägliches Kribbeln überfiel mich, als ob eine Ameisenmilliarde eine Strafexpedition gegen mich vollziehe. Bald aber wurde mir wohlig zumute, der Schmutz löste sich, und als ich mich abgerieben und geduscht hatte, glaubte ich ein anderer Mensch zu sein. Dann noch die reine Wäsche! Ich zog das neue Hemd, die neue Unterhose und die neuen Strümpfe an und empfand dabei den glückseligsten Moment während des ganzen Feldzuges. Mittags aßen der Gefreite Willi Stohl, Infanterist Fritz Fantl und meine Wenigkeit in einem Restaurant. Wir drei hatten im letzten Monat gemeinsame Wirtschaft geführt, jedes erbettelte Stück Speck, jedes gestohlene Stück Brot und jeden erbeuteten Tropfen Schnaps redlich miteinander geteilt – jeder einen Bissen, jeder einen Schluck. Nun saßen wir an weißgedecktem Tisch und aßen mit Löffel, Gabel und Messer, tranken aus Gläsern.

Damit war aber auch die Reihe der Genüsse vorüber. Nachmittags stand ich Posten, um die noch nicht eingelangten Intendanzoffiziere der Division vom Standorte des Kommandos zu verständigen. Ungeheuere Trains kamen vorbei, in wilder Hast, ärger als in Milina, wo sich auf der Straße gegen Amalija nur ein Korps, unser achtes, bewegt hatte. Hier kamen Bosnier, Tschechen, Magyaren, Landesschützen. Die Kanonen donnerten, die Läden waren geschlossen, denn die Zivilbevölkerung packte ihre Sachen, um fortzufahren (größtenteils nach Neusatz!), und das Gerücht verbreitete sich, daß Belgrad brenne. Ich eilte natürlich, als ich vom Posten abgelöst worden war, zum Bahnhofe, um zu sehen, ob es wahr sei. Nein, Belgrad brannte nicht. Da lag es wundervoll am Hange eines Berges, auf dem sich der Konak und die Spitzen der Kathedrale in den Himmel schmeichelten, während sich die Häuser unten am Ufer in der Donau spiegelten. Oben auf der Höhe blitzten serbische Kanonen auf und schossen gegen den serbischen Kopf unserer drei Brücken. Belgrad brannte nicht, nur ein isoliert stehendes, großes Gebäude, – wie es heißt die Zuckerfabrik –, stand in Flammen.

Auf Monitoren fuhren Truppen aus Belgrad fort und auch über die Brücken kamen noch unendliche Massen von Soldaten. Ein scharfer Regen erhöhte die trübe Stimmung, die den so glückseligen Vormittag fast vergessen ließ, dann jagten auf der rechten Straßenseite die Automobile, mit Hupensignalen und ihrem raschen Tempo den Eindruck einer hastigen Flucht noch erhöhend und die Tausende von Pferden der seit Stunden fahrenden Wagen, Kavalleriekolonnen und Meldereiter beunruhigend. Dies die Fahrbahn. Und auf dem Trottoir, hart an dem wüsten Chaos trippeln die Kriegshuren, schäkern mit Offizieren und Zivilisten und kokettieren mit Vorbeireitenden.

 

Dienstag, den 15. Dezember 1914.

Um 5 Uhr früh: sechs große Detonationen, die drei Brücken Österreichs auf dem Balkan werden gesprengt.

Um 10 Uhr vormittag ging es in die Vorstadt Franzthal, wo sich unser Regiment formierte. Tausende von Menschen, die als die letzten vom jenseitigen Ufer herüberkamen, bringen von dort Schreckensbotschaften. Batterien gefangen, Regimenter aufgerieben, Paniken auf der Kriegsbrücke, verlorene Trains, verlaufene Kolonnen und dergleichen.

Subjektiv zu bemerken, daß mein Körper, der bisher nur ganz kleine rote Pünktchen aufzuweisen hatte, nun ganz mit einem rotblauen Ausschlag bedeckt ist. Ich war der Ansicht, daß der Ausschlag von dem heißen Wasser des Bades herrühre, aber es stellte sich heraus, daß es Läuse waren. Ich hatte sie in der Schmutzkruste wohl nicht gespürt.

Um 2 Uhr nachmittags zogen alle Truppen der 9. Infanterietruppendivision nach Suršin. Vor Dobanovci zweigte der Weg nach links ab, die Marschdisziplin lockerte sich, Gruppen blieben zurück, denn der Weg war kotig, weit, und die Erschöpfung groß. Bald sahen wir uns der Dunkelheit ausgesetzt, ohne eine Karte, ohne eine Bussole, ohne einen Führer zu haben. Rechts und links nichts als Felder, Felder. Gegen 6 Uhr blitzte es am Horizonte auf. Wir stritten, ob es Scheinwerfer oder Blitze aus Kanonenrohren oder Granaten oder Leuchtsignale oder Leuchtschrapnells seien, – daß es Wetterleuchten und Himmelsblitze sein konnten, fiel keinem von uns ein. Aber bald erkannten wir es. Rechts von uns, links von uns, vor uns und hinter uns wurde das Firmament von gezacktem Feuer zerschnitten, dann leuchtete es von allen Seiten gleichzeitig auf, und man konnte die unendlich jähe Helle nicht ertragen, obwohl sie kaum den Bruchteil einer Sekunde währte, worauf der Weg unter dem wolkenbedeckten, sternenlosen Himmel wieder verschwand. Um 7 Uhr überfiel uns der Guß, während wir einem Lichte zuirrten, manche Minute schlug uns das Wasser brutal in Nacken und Augen, dann gab es schwächere Momente, die man glücklich empfand. Wir strebten immer einem vermeintlichen Damm zu, der sich ganz nahe vor uns erhob, aber es war kein Damm, wie wir nach Stunden erkannten, sondern eine optische Täuschung, bewirkt durch den Zusammenstoß der dunklen Puszta am Horizonte mit dem immerhin helleren Firmament. Schließlich fanden wir andere Leute von der Stabskompagnie, die dem gleichen Orte zustrebten.

 

Mittwoch, den 16. Dezember 1914.

Alte Zeitungen sind eingetroffen: der Einzug unserer Truppen in Belgrad am 2. Dezember ist in feierlicher Weise erfolgt. Freilich. Wer hat daran gezweifelt. Der Rückzug war etwas weniger feierlich. Unter dem hämischen Titel »Ein überflüssiges, serbisches Dementi« wird folgendes Telegramm aus Nisch reproduziert: »Österreichisch-ungarische Blätter melden, daß Belgrad von österreichisch-ungarischen Truppen im Kampfe genommen worden sei. Das ist vollkommen falsch. Belgrad wurde Sonntag, den 29. November, von den Truppen und Behörden geräumt. Es handelt sich also nicht um eine Eroberung Belgrads, nach vorausgegangenem Kampfe, sondern einfach um den Einzug des Feindes.« Was ich hier sofort behauptet hatte. Die einzige, taktische Leistung, die wir vollbracht haben, ist: daß wir den Einzug um vier Tage verzögerten, um am Jubiläumstage dort zu sein. Das sind die Gesichtspunkte, von denen die österreichische Kriegsführung beherrscht wird. Von dem zweiwöchentlichen Besitz wurden aus Gefühlsduselei und Ordensjägerei vier Tage vertrödelt.

Der flüchtige Unteroffizier unserer Offiziersmenagen Nechanický hat sich in Esseg als Deserteur und Defraudant selbst gestellt. Es wurden Protokolle mit denjenigen aufgenommen, die ihm Geld zum Einkaufen mitgegeben hatten. Ich beeinflußte die Leute, ihre Verluste nicht anzumelden, der Bursche wird ohnedies zu hart bestraft werden, und der Hauptschuldige an seinem Verbrechen ist er ja doch nicht.

Belgrad ist seit gestern 10 Uhr vormittags in feindlichen Händen, und es heißt, daß sogar Schabatz mit 10 000 Kranken von Serben besetzt ist.

Die Soldaten, die vorvorgestern eine Regimentskassa von deren Trainwagen gehoben hatten, um sich mit ihr über die Brücke zu schwindeln, sind auf österreichischem Ufer von einem Intendanzoffizier angehalten und sichergestellt worden, und zitterten nun, wegen Flucht aus der Schlacht vor das Divisionsgericht gestellt zu werden. Aber es kam anders. Alle 20 erhielten die kleine silberne Tapferkeitsmedaille »wegen Rettung der Regimentskassa aus feindlichem Feuer.« Ich, als der Führer – die große!

Heute hatte ich Gelegenheit, serbische Originalbefehle zu lesen, die unseren Soldaten in die Hände gefallen sind. Mein erster Blick hinter die Front des Gegners, und was ist alles zu sehen, wie vieles wird erklärt, wie vieles wird verständlich! Wie nahe waren die österreichischen Truppen dem Siege, welchem Mißverständnis hatten sie die Tatsache ihres siegreichen Vormarsches zu danken, und wie nahe waren sie wieder dem endgültigen Siege! Unser aller Glaube an die serbische Unbesiegbarkeit, der nach dem Siege von Crnabara gebrochen war, aber nach den verlorenen Dezemberkämpfen um so verstärkter schien, wird hier deutlich widerlegt. Marschall General Putnik, Chef des Generalstabs, und Oberst Vuko Araæiè, Befehlshaber der Timokdivision zweiten Aufgebots, General Miha Zivkoviæ, Stabschef des Abwehrkommandos von Belgrad, Oberst I. Milisavljeviè erlassen und unterschreiben Befehle gegen Vorfälle, die sich nach ihrer Schilderung in Massen ereignet haben, und beweisen, in welch grauenhaftem Zustand sich die serbische Armee befand: gegen fliehende, serbische Bataillone sei eigenes Geschützfeuer zu eröffnen, gegen fliehende Unterabteilungen Maschinengewehrfeuer, gegen Schwärme und einzelne Leute Gewehrfeuer oder hätten sie von den hinter der Front schreitenden Komitas niedergemacht zu werden, wegen Desertion und Wegwerfen von Munition wird man standgerichtlich gehängt, wegen Wegwerfen von Gewehren erschossen, wegen Plünderung standrechtlich behandelt, wegen Trunkenheit gefesselt und mit 25 Stockstreichen bestraft, desgleichen die Troßknechte, die ihre Pferde absichtlich nicht füttern oder Munition von ihrem Trainwagen werfen, wie dies vorgekommen sei.

»Jeder, der sich nicht nur zu seiner persönlichen Schande, sondern auch zur Schande unserer gesamten Armee aus dem Gefechte oder vom Kampfplatze entfernt, sich selbst verstümmelt, oder dem Feind übergeben hat, wird außer dem Vollzug der Todesstrafe noch Konfiskation, d. h. Wegnahme des gesamten beweglichen und unbeweglichen Vermögens zugunsten der Staatskassen zu gewärtigen haben, ferner werden gegen die Hausgenossen eines solchen Soldaten die allerdrakonischsten Mittel angewendet werden: Zwangsübersiedlung, Trennung der einzelnen Mitglieder der betreffenden Familie in verschiedene Orte, Verbot zusammenzukommen und miteinander zu verkehren, Verwendung zu schweren Arbeiten u. dgl., denn eine Familie, deren Glied in diesem heiligen Kriege nicht seine Pflicht tut, verdient keinerlei Rücksicht und nicht einmal den gesetzlichen Schutz.«

Wie ungeheuerlich ist die Schilderung des serbischen Rückzuges, der Massendesertion und Massenplünderung und Massenübergabe in dem Befehl des Kommandanten der III. Armee vom 3. November (16. Nov. neuen Stils), Aktenzeichen O Z 2627.

Schon einige Tage vorher trat Oberst Milisavljeviè mit nachfolgendem Befehl an die Chargen (man macht in Serbien nicht viel Unterschied zwischen Offizieren und Unteroffizieren) der allgemeinen Zaghaftigkeit entgegen:

»Sagt unseren Soldaten, daß der Feind nicht stärker ist als wir, und daß die Gerüchte von seiner Überzahl falsch sind.

»Sagt ihnen, daß die feindlichen Soldaten sehr schlechte sind und ein rasches Infanteriefeuer nicht aushalten. Macht es ihnen klar, daß unsere Komitas, wenn ihrer nur drei oder vier beisammen sind, ganze Züge der Schwabas vor sich hertreiben.

»Sagt ihnen, daß es nicht wahr sei, daß unsere Artillerie keine Munition habe. Sie sollen sich davon überzeugen, daß unsere Munitionskolonnen und Protzen voll sind und daß fortwährend Munition aus Rußland kommt, daß aber unsere Artillerie nur schießt, wenn sie trifft, während die Schwabas jeden Berg beschießen.

»Sagt ihnen, daß Rußland die Österreicher und Deutschen geschlagen hat und uns die Russen in kurzer Zeit über Ungarn zu Hilfe kommen werden.

»Allen Kommandanten und Offizieren befehle ich, ihre ganze freie Zeit unter ihren Soldaten im Gespräche zu verbringen.«

Sensationell ist der Absatz eines serbischen Novemberbefehles: »Es ist der Mannschaft begreiflich zu machen, daß gar kein Grund vorhanden ist, in Kleinmut und Apathie zu verfallen, denn ihre Meinung ist irrig, daß der Krieg verloren sei, während das Oberkommando doch nur ein einfaches Manöver durchführt, und daß wir auf der Flucht seien, während wir doch nirgends geschlagen wurden und dieser Rückzug nur das Ziel hat, unsere Truppen eine günstige Position einnehmen zu lassen.« Aber die serbischen Mannschaften glaubten es nicht, (vor allem infolge des Zufalles, daß die Anordnung dieses Scheinrückzuges mit unserem erfolgreichen Sturm auf den Dammweg von Crnabara zusammenfiel), sie warfen Munition weg, desertierten, plünderten, ergaben sich, und diese in verzweifelten Worten von den serbischen Befehlsgebern gerügten Übelstände wurden schließlich zum Segen der serbischen Armee: Wir glaubten der Zahl der Gefangenen, der weggeworfenen Munition, den verhungerten Pferden mehr als dem gesunden Menschenverstand und waren sicher, daß die Serben wirklich geschlagen auf der Flucht seien. Bis wir den serbischen Feldzug verloren hatten.

Der Regimentsadjutant meldete heute bei der Division den Stand des Regimentes: »80 Feuergewehre!«

Der General nickte traurig. Dann fragte er: »Wieviel Maschinengewehre?«

»Keines, Herr General.«

Der Divisionär schüttelte langsam den Kopf und wandte sich zum Gehen. Dann drehte sich der alte Soldat plötzlich um: »Die Fahne?«

»Die Fahne ist gerettet.«

»Na also.«

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