Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Xenophon >

Sokratische Gespräche aus Xenofons denkwürdigen Nachrichten von Sokrates

Xenophon: Sokratische Gespräche aus Xenofons denkwürdigen Nachrichten von Sokrates - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
booktitleXenophon, Sokratische Denkwürdigkeiten
authorXenophon
translatorChristoph Martin Wieland
year1998
publisherEichborn Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-8218-4163-X
titleSokratische Gespräche aus Xenofons denkwürdigen Nachrichten von Sokrates
pages1-114
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Als Herkules das Alter erreicht hatte, wo der Knabe sich in den angehenden Jüngling verliert, und junge Leute, indem sie ihre eigenen Herren zu seyn anfangen, zu erkennen geben, ob sie in ihrem künftigen Leben den Weg der Tugend oder den entgegengesetzten gehen werden, zog er sich einstmals, noch unentschlossen welchen von beyden Wegen er einschlagen wolle, an einen stillen einsamen Ort zurück, um der Sache ernstlich nachzudenken. Da däuchte ihn, als sehe er auf einmal zwey Frauenspersonen von mehr als gewöhnlicher Größe auf ihn zukommen: die eine von edler Gestalt und Gesichtsbildung, voll Würde und Anstand, ihre Farbe frisch und rein, ihr Auge ernst und züchtig, ihre Stellung und Gebehrde sittsam, ihr Anzug glänzend weiß; die andere hingegen zeichnete sich durch die aufgedunsene Fleischigkeit und mürbe Zartheit aus, die von überflüssiger Nahrung und allzuweichlicher Lebensart erzeugt zu werden pflegen; von ihrer natürlichen Farbe ließ die künstliche Weiße und Röthe, die sie der Schminke schuldig war, wenig oder nichts errathen; sie trug sich so, daß sie höher und gerader schien als sie von Natur war; ihre weitofnen Augen schossen mit einer Freyheit, die an Frechheit grenzte, hin und her, und bey ihrem Anzug hatte sie dafür gesorgt, daß ihre Reitze dadurch vielmehr ins vortheilhafteste Licht gesetzt als verdeckt und verdunkelt werden möchten. Ihre immer unstäten und beschäftigten Blicke irrten bald mit sichtbarer Selbstgefälligkeit auf ihrer eignen Person herum, bald flogen sie umher, und suchten ob sie auch von andern beobachtet werde; ja nicht selten sah sie sich sogar nach ihrem eignen Schatten um.

Wie die beyden Frauen dem jungen Herkules näher kamen, blieb die erste bey ihrem gewöhnlichen Schritt; aber die andere, um ihr zuvorzukommen, lief gerade auf den Jüngling zu, und redete ihn folgendermaßen an. Ich sehe, lieber Herkules, daß du noch unentschlossen bist, welchen Weg im Leben du gehen wollest. Wähle mich zu deiner Freundin, und ich will dich auf den anmuthigsten und gemächlichsten Weg führen; kein Vergnügen soll dir ungenossen entgehen, alles hingegen was Mühe, Beschwerlichkeit und Schmerz heißt, in deinem ganzen Leben dir unbekannt bleiben. Vor allem also wirst du dich weder mit dem Kriege noch mit andern Geschäften bemengen müssen. Deine einzige Sorge wird seyn, die leckerhaftesten Schüsseln und die köstlichsten Getränke ausfindig zu machen, dich zu fragen was du am liebsten sehen und hören möchtest; was jedem deiner Sinne den angenehmsten Kitzel gewähren könne; dich wenn du der Liebe zu pflegen Lust hast, nach den Schönsten und Reitzendsten umzusehen, auf Schwanenfellen und Rosen zu schlafen, und dir alle diese Genüsse mit der allerwenigsten Mühe zu verschaffen. Sollte dir jemals einfallen, die Quellen, aus welchen dir das alles zufließen wird, möchten abnehmen oder endlich gar versiegen: so fürchte nicht daß ich es je so weit mit dir kommen lassen werde, daß du, um diese Lebensart fortsetzen zu können, dich irgend einer mühseligen Leibes- oder Geistesarbeit unterziehen müßtest. Nein! Andere werden für dich arbeiten, und du sollst die Früchte ihrer Arbeit genießen. Weise nichts von der Hand und scheue dich vor Nichts, das dir Gewinn bringen kann: Denn auf allen Seiten von allem auf alle mögliche Weise Vortheil zu ziehen, dazu gebe ich meinen Freunden unbedingte Gewalt.

Hier hörte sie auf zu reden und nun erkundigte sich der junge Herkules nach ihrem Namen. Meine Freunde, sagte sie, nennen mich Eudämonia; aber die mir übel wollen, geben mir, um mich zu verkleinern, den Namen Wollust.Das griechische Wort ist Κακια, für welches ich kein völlig gleichbedeutendes deutsches kenne; denn ein solches müßte eben so verschiedene in unsrer Sprache gebräuchliche Bedeutungen haben, als Κακια bey den Griechen hatte. Xenofon oder Prodikos wählte es vermuthlich aus Rücksicht auf die Κακοτης> des Hesiodus. Die erste und eigentlichste Bedeutung dieses Wortes, ist Untauglichkeit, Unbrauchbarkeit; daher auch, Feigheit, weil ein feiger Mensch im Krieg, der Hauptbeschäftigung der alten freyen Griechen unbrauchbar ist; auch, in einer weiteren Bedeutung die Schlechtigkeit eines übelerzogenen, ungebildeten, niederträchtigen Menschen aus dem untersten Pöbel; in der weitesten das Gegentheil der αρετη (Tugend), in so fern die Griechen unter Arete alle Eigenschaften und Fertigkeiten begriffen, wodurch ein Mensch sich andern Menschen, besonders seinem Vaterlande, nützlich machen und sich selbst Ehre und Ruhm erwerben kann; welches auch, nahezu, die erste Bedeutung der Wörter, VIRTUS bey den Römern, und Tugend bey den Deutschen, war. In dieser Rücksicht stand ich eine Weile an, ob ich Κακια durch Untugend, oder, wie es bisher in allen Sprachen, in welche dieses poetische Filosofema übersetzt worden, am gewöhnlichsten war, durch Wollust geben sollte. Ich habe mich endlich für das letztere bestimmt, weil mir die üblichste Bedeutung dieses Wortes der Idee, welche Prodikos oder Xenofon sowohl durch die Schilderung der Person, des Kostums und des ganzen Betragens der Kakia, als durch die Reden, die er ihr in den Mund legt, in uns erregt, besser als jenes oder irgend ein anderes zu entsprechen schien.

Inzwischen war auch die andere Frau herbeygekommen, und nahm itzt das Wort. Auch mich, o Herkules, sprach sie, führt eine wohlwollende Neigung zu dir; denn ich kenne deine Erzeuger, und habe deine Sinnesart von Kindheit an beobachtet. Dies läßt mich hoffen, du werdest, wenn du meinen Weg erwählst, große und preißwürdige Thaten zu Stande bringen, deren Glanz auch auf mich zurückfallen, und mich den Menschen, wegen alles Guten, so sie von dir empfangen, lieber und ehrwürdiger machen werden. Ich will dich nicht mit Vorspiegelungen eines Lebens voller Wonne hintergehen; sondern was die unwandelbare Ordnung der Götter ist, davon sollst du treulich und wahrhaft von mir berichtet werden. Von allem was Gut und Schön ist, theilen die Unsterblichen den Menschen Nichts ohne Arbeit und Bemühung zu. Willst du daß die Götter dir gnädig seyn, so mußt du ihnen den schuldigen Dienst erweisen. Willst du von Freunden geliebt seyn, so mußt du dich deinen Freunden nützlich machen; willst du von irgend einer Stadt geehrt seyn, so mußt du ihrem Gemeinwesen gute Dienste leisten; wünschest du in der ganzen Hellas den Ruhm eines treflichen Mannes zu erhalten, so mußt du dein möglichstes thun, dich um die ganze Hellas verdient zu machen. Verlangst du, daß die Erde dir reichliche Früchte trage, so mußt du sie tüchtig bauen; willst du durch Viehzucht reicher werden, so mußt du deiner Heerden fleissig warten; oder willst du durch den Krieg emporkommen, und dich in den Stand setzen deine Freunde zu schützen und die Feinde zu überwältigen, so mußt du dich zuvor der Kriegskünste unter geschickten Meistern mit Eifer befleißigen, und dann erst noch durch viele Uebung lernen, wie sie gehörig anzuwenden sind; und sogar die großen Leibeskräfte, womit die Natur dich begabt hat, würden dir wenig helfen, wenn du nicht durch gymnastische Uebungen mit Anstrengung und Schweiß sie geschickt zu gebrauchen gelernt und deinen Körper der Seele zu gehorchen angewöhnt hättest.

Hier (sagt Prodikos) fiel ihr die Wollust in die Rede, und sagte: Du siehest, lieber Herkules, was für einen langen und mühseligen Umweg zum Lebensgenuß dieses Weib dir vorzeichnet: da ich hingegen dich auf dem bequemsten und kürzesten Weg zum glücklichsten Leben führe. Elende, versetzte ihr die Tugend, wie darfst du von Glückseligkeit reden, und wie wenig muß das, was du gut und angenehm nennst, diesen Namen verdienen, da du es nicht einmal der Mühe werth hältst, etwas dafür zu thun? Wie solltest du auch wissen können was wahres Vergnügen ist, da du den Reitz des Bedürfnisses nie erwartest, sondern dich mit Speisen anfüllst bevor dich hungert, und trinkst ohne zu dürsten? Damit du mit einiger Lust essen könnest, muß die Kochkunst alle ihre Erfindungen erschöpfen; um mit Vergnügen zu trinken, mußt du dir die theuersten Weine anschaffen und mitten im Sommer nach Schnee herumlaufen; und um schlafen zu können, nicht nur die weichsten Madratzen und Decken, sondern noch kostbare und zierlich gearbeitete Bettstellen nöthig haben, und diesen sogar noch Tapeten unterlegen; denn du gehst nie schlafen, um vom Arbeiten auszuruhen, sondern weil du vor Langweile sonst nichts anzufangen weißt. Die Afrodisischen Vergnügungen erzwingst du, ohne Bedürfnisse durch alle Arten von künstlichen Reitzmitteln, und mit den Männern nicht zufrieden, machst du dir sogar welche aus deinem eigenen Geschlecht. Was für Ehre hast du davon, daß du der Unsterblichen eine bist? Die Götter haben dich aus ihrer Gesellschaft ausgestoßen, und allen guten Menschen bist du verächtlich. Das süßeste was man hören kann, hat dein Ohr nie gehört; denn wann hörtest du dich jemahls loben? Das angenehmste, was die Augen sehen können, hast du nie gesehen; denn wo sahest du jemahls ein großes oder schönes Werk, das du zu Stande gebracht hättest? Wer hat dir jemahls geglaubt, wenn du etwas bezeugest? Wer nimmt sich deiner an, wenn du in Mangel geräthst? Oder welcher Mensch, der bey Verstand ist, könnte sich entschließen dein Gefolge zu vermehren, wenn er sieht, was es für ein Ende mit ihnen nimmt. In den besten Jahren des Lebens schon unvermögend (weil sie ihre Kräfte in Trägheit und Ausschweifungen verzehrt haben) sind sie blödsinnig und stumpf in den Jahren, deren eigenthümlicher Vorzug Besonnenheit und Weisheit seyn sollte. Während ihrer Jugend in Müßiggang und Ueppigkeit aufgefüttert und fett gemacht, bringen sie ihr Alter in Kummer und schmutziger Dürftigkeit hin, beschämt von der Erinnerung dessen was sie ehmals thaten, zu Boden gedrückt von dem was sie itzt zu thun genöthigt sind; Thoren die im Frühling des Lebens alle Arten von Vergnügungen nicht schnell genug durchlaufen können, und alles Beschwerliche für den Winter aufsparen.

Ich aber lebe mit Göttern und guten Menschen, und keine schöne That, kein preiswürdiges Werk weder von Göttern noch Menschen vollbracht, kommt ohne mich zu Stande. Auch werd' ich von Göttern und Menschen über alles hoch gehalten. An mir findet der Künstler und Handwerksmann eine erwünschte Mitarbeiterin, der Hausherr eine getreue Haushälterin, die Dienstboten eine freundliche Gehülfin. Im Frieden und im Kriege gleich unentbehrlich, fördre ich in jenem alle gemeinnützlichen Arbeiten, und bin in diesem die zuverläßigste Streitgenossin; und keine Freundschaft ist dauerhaft, die ich nicht gestiftet habe.

Auch fehlt es meinen Freunden so wenig an Vergnügungen, daß vielmehr ihnen allein der reine Genuß derselben zu Theil wird. Da sie dem Ruf des Bedürfnisses nie zuvorkommen, so haben sie, um mit Vergnügen zu essen und zu trinken, weder großer Zurüstungen noch vieles Aufwandes nöthig. Ihr Schlaf ist viel süßer als wenn sie ihn nicht durch Arbeit gewonnen hätten; aber sie wehklagen nicht, wenn sie sich ihm entreißen müssen, und verabsäumen nichts nöthiges um seinetwillen. In ihrer Jugend haben sie die Freude sich von den Alten loben zu hören, im Alter ists ihnen angenehm von der Jugend geehrt zu werden. Mit Vergnügen erinnern sie sich dessen, was sie ehmahls gethan haben, und mit Vergnügen ist alles, was sie gegenwärtig thun, begleitet. Wie könnt' es ihnen auch an Vergnügen fehlen, da sie um meinetwillen begünstigt von den Göttern, geliebt von ihren Freunden, geehrt in ihrem Vaterlande sind? Und ist endlich das Ziel gekommen, das einem jedem gesetzt ist, so liegen sie nicht ruhmlos und vergessen im Grabe, sondern gepriesen und besungen von der Nachwelt, blühen sie immer und ewig im Andenken guter Menschen fort. Dies, o Herkules, zu erstreben ist deiner edlen Abstammung würdig, und diese hohe allein wünschenswerthe Eudämonie wird der Preis deiner Anstrengungen seyn.

So weit der Unterricht, welchen Prodikos die Tugend dem jungen Herkules ertheilen läßt. Es versteht sich, daß ich dir nur den Inhalt seines Werks und den Sinn der Reden mitgetheilt habe; denn an die Pracht und Schönheit seines Ausdrucks mache ich keinen Anspruch. – Dir, lieber Aristipp, kann es einen reichen Stoff zu nützlichen Betrachtungen geben; denn du würdest auf alle Fälle wohlthun, wenn du einmahl einen Versuch machtest, über den Zweck und die Einrichtung deines künftigen Lebens nachzudenken.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.