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Sokratische Gespräche aus Xenofons denkwürdigen Nachrichten von Sokrates

Xenophon: Sokratische Gespräche aus Xenofons denkwürdigen Nachrichten von Sokrates - Kapitel 13
Quellenangabe
typetractate
booktitleXenophon, Sokratische Denkwürdigkeiten
authorXenophon
translatorChristoph Martin Wieland
year1998
publisherEichborn Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-8218-4163-X
titleSokratische Gespräche aus Xenofons denkwürdigen Nachrichten von Sokrates
pages1-114
sendergerd.bouillon
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7.
Sokrates und Charmides

Charmides, ein Sohn Glaukons (eines Bruders von Periktione, der Mutter Platons, und des im vorhergehenden Gespräche figurierenden jüngern Glaukons) war, sowohl was die persönlichen Eigenschaften als den Hang zur Demagogie betrift, ein ausgemachter Antipode seines Vetters. Er war (wie Xenofon sagt) ein Mann von ausgezeichnetem Werth und mit den Fähigkeiten und Kenntnissen, die zu einem tüchtigen Staatsmann erfoderlich sind, ungleich besser versehen, als alle, die sich damahls mit den Geschäften der Republik abgaben; aber er konnte sich nicht entschließen in den Volksversammlungen öffentlich aufzutreten, und sich um eine Stelle in der Staatsverwaltung zu bewerben. Ausser dem Nachtheil, der für das gemeine Wesen daraus entstand, daß es solcher Gestalt der guten Dienste eines der besten und tauglichsten Bürger entbehren mußte, mochte vermuthlich auch die Familie des Charmides, welche (wie Sokrates in dem vorhergehenden Gespräch andeutet) ziemlich herunter gekommen war, seinen Widerwillen gegen eine Laufbahn, die in Republiken zu Ansehen und Reichthum zu führen pflegt, aus Privatrücksichten sehr ungern sehen, und sich deswegen an den Sokrates, als einen Freund vom Hause, gewandt haben. Wie dem auch seyn mochte, genug, Sokrates fand sich bewogen einen Versuch zu machen, ob er ihn über diesen Punkt auf andere Gedanken bringen könne, und es entstand daraus (wenn anders Xenofon hier nicht wieder den Dichter gemacht hat) folgendes GesprächEs scheint mir sehr wahrscheinlich, daß Xenofon bey dieser Unterredung zwischen Sokrates und Charmides so wenig als bey der Vorigen mit dem jungen Glaukon, in Person zugegen gewesen sey. Gespräche dieser Art pflegen nur unter vier Augen geführt zu werden. Xenofon konnte zwar den Hauptinhalt und Zweck des gegenwärtigen gar wohl von dem einen oder andern der beyden Interlokutoren erfahren haben, aber daß wenigstens die Antworten des Charmides, gänzlich auf seine Rechnung kommen, scheint mir ausser allem Zweifel zu seyn. Wenn Charmides der Mann war, für den er hier gegeben wird, so konnte er, wofern er nicht im Schlaf sprach, die beyden ersten Fragen des Sokrates (auf denen das ganze Gespräch sich dreht) unmöglich so beantworten, wie ihn Xenofon antworten läßt, und wie allenfalls nur ein so unbesonnener Gecke wie der junge Glaukon, hätte antworten können. Aber Xenofon, dem es in den Memorabilien bloß um seinen Sokrates zu thun ist, behandelt die Andern, mit welchen er ihn zusammen bringt, bloß als eine Art von stummen Personen, die entweder gar nichts zu sagen haben, oder doch nur darum da sind, seinem Helden entweder alles was er will, einzugestehen, oder ihm durch einen Widerspruch, den sie nicht zu behaupten wissen, zu einem desto größern Triumf Gelegenheit zu geben. Die Kunst des Dialogs muß man also nicht von Xenofon, wenigstens nicht aus den Gesprächen in seinen Memorabilien lernen wollen..

Sokrates. Sage mir, lieber Charmides, wenn Einer alles hätte, was erfordert wird um eine Siegeskrone in einem unsrer öffentlichen Kampfspiele zu erringen, und dadurch nicht nur sich selbst einen Nahmen zu machen, sondern auch seinem Vaterlande einen größern Glanz in der ganzen Hellas zu verschaffen, und dieser Mann wollte nicht kämpfen, was würdest Du von ihm sagen?

Charmides. Was anders, als daß er ein weichlicher feiger Mensch sey.

Sokrates. Und wenn nun Einer wäre, der, wenn er sich mit den Angelegenheiten der Republik beschäftigen wollte, dem Staat die wichtigsten Dienste thun und sich selbst Ruhm und allgemeine Achtung erwerben würde, wenn dieser Mann sich dazu nicht entschließen könnte, würde man nicht mit Recht eben das von ihm urtheilen, was Du von jenem?

Charmides. So scheint es. – Aber warum sagst Du das mir, Sokrates?

Sokrates. Weil ich zu sehen glaube, daß Du mit der entschiedensten Fähigkeit Dich scheuest an den öffentlichen Geschäften Theil zu nehmen, da Du Dich doch als Staatsbürger dazu verpflichtet halten solltest.

Charmides. Und was für Proben hast Du denn von meiner Fähigkeit, daß Du so von mir urtheilest?

Sokrates. Ich bedarf dazu keiner andern Proben, als derjenigen, die Du im Umgang mit unsern Staatsmännern ablegst. Wenn sie über die Geschäfte mit Dir sprechen, so sehe ich daß Du ihnen immer verständig rathest, und, wenn sie auf einem unrechten Wege sind, sie gehörig zu recht weisest.

Charmides. Seine Meinung in Privatgesellschaften sagen, und sie vor einer großen Versammlung ausfechten müssen, ist nicht Ebendasselbe.

Sokrates. Ich sollte meinen, wer rechnen kann, rechnet in einer großen Versammlung nicht schlechter als allein, und wer ohne Zuhörer am besten auf der Zither spielt, wird auch den Preis davon tragen, wenn er sich öffentlich hören läßt.

Charmides. Du wirst doch nicht in Abrede seyn wollen, daß Scham und Furcht unter die dem Menschen angebohrnen Regungen gehören, und daß wir in großen Versammlungen nicht so leicht Meister über sie werden können als in Privatgesellschaften.

Sokrates. Meine Absicht aber ist Dich zu überführenEs fehlt dieser ganzen Stelle, von den Worten και τοι σε γε bis zu εκ γαρ τουτων u.s.w. nicht nur an der gewöhnlichen Xenofontischen Concinnität, sondern es scheint mit dem Sinne selbst wenigstens was die Klarheit und Ungezwungenheit der Gedankenverbindung betrift, im Text nicht ganz richtig zu seyn. Ich kann aber nicht sehen, daß der Sache durch die von den neuesten Auslegern vorgeschlagenen Veränderungen geholfen werde; am allerwenigsten dünkt mich, daß die Worte και τοι σε γε διδαξων ωρμημαι, wenn man sie dem Charmides giebt, sich so gut an die vorgehende Rede desselben anschmiegen, wie Hr.  Weiske meint. Ich habe mich also, nach dem Beyspiel des Hrn.  Levesque an die gewöhnliche Lesart gehalten, und ihr den Sinn gegeben, den sie haben muß, wenn sie nicht gar keinen haben soll., daß Du, dem der Respekt vor den Klügsten den Mund nicht verschließt, und dem die Stärksten keine Furcht einjagen, nur vor den Unverständigsten und Schwächsten zu reden keinen Muth hast. Oder wer sind denn eigentlich die Leute, vor denen Du Dich zu reden schämst? Sind es die Tuchscherer und Walker, oder die Schuster, oder die Zimmerleute, oder die Schmiede, oder die Landwirthe, oder die Handelsleute, oder die Höken auf dem Markte, deren ganze Weisheit darin besteht, was sie möglichst wohlfeil eingekauft haben, uns so theuer als möglich wieder zu verkaufen? Denn aus diesen allen besteht denn doch im Grunde die Volksgemeine.Es ist schon von Andern erinnert worden, daß Aelian in seinen VAR. HISTOR. ein ähnliches Gespräch, das zwischen Sokrates und dem jungen Alcibiades vorgefallen seyn soll, anführt; welches (wie Hr.  Weiske in seiner Uebersetzung der Memorab. bemerkt) das Hauptargument, wodurch Sokrates den Charmides von seiner Furcht vor dem öffentlichen Reden zu heilen sucht, einleuchtender (und ich setze hinzu sinnreicher und der genialischen Laune des Sokrates angemeßner) darstellt als das Xenofontische. – »Nicht wahr, (läßt Aelian den Sokrates zu seinem Liebling sagen) vor dem Schuster Skytofron dort scheuest Du Dich nicht? – Auch nicht dort vor dem Marktdiener N. N.? – Aber etwa vor dem Zeltschneider Simalion? – Und da Alcibiades lachend immer mit Nein antwortet: Nun dann, sagt Sokrates, aus solchen respektabeln Personaschen besteht dann gleichwohl das Athenische Volk, das Dir so furchtbar ist.« – Uebrigens ist die Anekdote, welche Aelian erzählt, mit der Xenofontischen ohne Zweifel Einerley, und er hat sich, da er sie vermuthlich bloß aus seinem Gedächtniß abschrieb, nur in dem Nahmen geirrt, und statt des wenig bekannten Charmides, einen andern jungen Freund des Sokrates genannt, der jedermann bekannt ist. Denn daß der eitle, verwegene, sich selbst alles zutrauende und alles erlaubende Alcibiades jemahls einer solchen Aufmunterung nöthig gehabt haben sollte, läßt sich ohne Ungereimtheit gar nicht denken. Und worin läge denn der Unterschied zwischen dem, was Du thust, und einem trefflichen Ringer oder Fechter, der sich fürchtete seine Geschicklichkeit vor Unwissenden sehen zu lassen? Du sprichst mit der größten Leichtsinnigkeit in Gegenwart der ersten Männer im Staat, unbekümmert darum, daß einige von ihnen Dich über die Achseln ansehen, und sprichst um vieles besser als alle unsre Volksredner von Profession; und vor Leuten, die sich nie auf politische Dinge gelegt haben und weit entfernt sind Dich zu verachten, scheuest Du Dich zu reden, aus Furcht von ihnen ausgelacht zu werden. (Ist das nicht widersinnisch?)

Charmides. Wie? Hast Du denn noch nie wahrgenommen, was doch oft genug geschieht, daß auch solche, die verständig gesprochen haben, in der Volksversammlung ausgelacht werden?

Sokrates. Thun das etwa die andern, mit denen Du den meisten Umgang hast, nicht auch? Wahrhaftig, ich kann mich nicht genug über Dich wundern, wie Du, der sich so wenig aus den Spöttereyen der bedeutendsten Männer macht und sie so gut abzufertigen weiß, Dir in den Kopf setzen kannst, Du seyest nicht im Stande, es mit einem Haufen gemeiner ungelehrter Leute aufzunehmen. Verkenne Dich selbst nicht so, mein Bester, und falle nicht in den Fehler, den so viele begehen, indem sie sich mit größtem Eifer bemühen, in andrer Leute Angelegenheiten klar zu sehen, und darüber versäumen, sich selbst recht zu erforschen. Weg also mit dieser Indolenz! Laß Dir vielmehr angelegen seyn, Dich mit Deinem eigenen Werth besser bekannt zu machen, und vernachläßige die Republik nicht, wenn es möglich ist, etwas dazu beyzutragen, daß es besser mit ihr werde. Steht es nur erst um das gemeine Wesen gut, so kann es nicht fehlen, daß nicht nur für die übrigen Bürger, sondern auch für Deine Freunde und Dich selbst nicht geringe Vortheile daraus erwachsen werden.Ob Sokrates seine Absicht durch diese Vorstellungen erreicht habe, ist unbekannt. Wenigstens macht Charmides in der Geschichte dieser Zeit keine hervorstechende Figur. Alles was man von ihm weiß, ist, daß er einer von den Zehenmännern (oder zehen Archonten) war, die während der revoluzionären Regierung der sogenannten dreyßig Tyrannen, zu Oberbefehlshabern über die Stadt und den Hafen Piraios gesetzt waren, und daß er in einem zwischen dem Befreyer von Athen Thrasybulus und den dreyßigen ohnweit Fylä zum Nachtheil der letztern vorgefallenen Gefechte das Leben verlohren. S.  Xenofons Hellen. Geschichten B. II. T. 4. §. 12. wo aus den Worten des Geschichtschreibers wenigstens soviel zu erhellen scheint, daß Charmides auf der Seite der Dreyßig gefochten habe. Wenn dieser Umstand eben kein sehr vortheilhaftes Licht auf seinen Karakter wirft, so ließe sich doch (wenn hier der Ort dazu wäre) aus guten Gründen darthun, daß dies nicht hinlänglich sey, eine schlimme Meynung von seinen Grundsätzen und Gesinnungen gegen die Republik zu begründen. Wenigstens ist gewiß, daß in revolutionären und anarchischen Zeiten der rechtschaffenste Mann sich durch den Drang der Umstände genöthigt finden kann, auf die Seite einer Partey, deren Grundsätze und Handlungen er mißbilligt, zu treten, wär' es auch nur, weil er dadurch Gelegenheit erhält, zu verhindern daß nicht noch mehr Böses geschehe, und alles soviel ihm möglich ist, nach und nach wieder in den Weg der Ordnung und Gesetzmäßigkeit zu leiten. Daß hierauf nicht gehörig geachtet wird, ist schon öfters (wie man vor kurzem in Neapel gesehen hat) Ursache an einem höchst ungerechten und grausamen Verfahren gewesen. – Ob aber Charmides sich wirklich in diesem Falle befunden habe, läßt sich, aus Mangel an bestimmten Nachrichten von ihm, weder bejahen noch verneinen.

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