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Sokratische Gespräche aus Xenofons denkwürdigen Nachrichten von Sokrates

Xenophon: Sokratische Gespräche aus Xenofons denkwürdigen Nachrichten von Sokrates - Kapitel 12
Quellenangabe
typetractate
booktitleXenophon, Sokratische Denkwürdigkeiten
authorXenophon
translatorChristoph Martin Wieland
year1998
publisherEichborn Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-8218-4163-X
titleSokratische Gespräche aus Xenofons denkwürdigen Nachrichten von Sokrates
pages1-114
sendergerd.bouillon
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6.
Sokrates
und Glaukon

Der junge Glaukon, ein Sohn Aristons (und Platons Bruder) hatte sich in den Kopf gesetzt, sich, wiewohl er das zwanzigste Jahr noch nicht erreicht hatte, in den Volksversammlungen öffentlich hören zu lassen, und mit aller Gewalt die Republik regieren zu helfen. Seine Verwandten und Freunde hatten alles mögliche gethan ihm diese thörichte Grille auszureden; man hatte ihn lächerlich gemacht, hatte ihn sogar mit Gewalt von der Rednerbühne herabgerissen; aber alles vergebens. Endlich machte auch Sokrates, der ihm seines Vetters Charmides und seines Bruders Platons wegen wohl wollte, sich an ihn, und diesem allein gelang es, so viel über ihn zu gewinnen, daß er aus eigener Ueberzeugung von seinem unzeitigen Vornehmen abließ.

Das Schwierigste bey der Sache war, den jungen Glaukon dahin zu bringen, daß er ihm Stand hielt. Die dem Sokrates eigene Art von Ironie war hier das beste Mittel. Da er also einst eine Gelegenheit, an ihn zu kommen, fand, leitete er das Gespräch folgendermaßen ein.

Sokrates. Ich höre, lieber Glaukon, Du bist gesonnen Dich an das Steuerruder unsrer Republik zu stellen?

Glaukon (zuversichtlich). Das bin ich allerdings gesonnen, guter Sokrates.

Sokrates. Es ist unstreitig das edelste Geschäfte, dem ein Mensch sich unterziehen kann. Gelingt es Dir, so hast Du nicht nur in Deiner Gewalt, alle Deine Wünsche für Dich selbst zu befriedigen; Du bist auch im Stande Deinen Freunden nützlich zu seyn, Dein väterliches Haus in die Höhe zu bringen, und die Macht Deines Vaterlandes zu vergrößern. Du wirst Dir zuerst in unserer Republik einen großen Nahmen machen, dann in der ganzen Hellas, ja vielleicht, wie Themistokles, sogar unter den Barbaren; und wo Du Dich zeigen wirst, werden aller Menschen Augen auf Dich geheftet seyn.

Diese Anrede that ihre Wirkung. Der junge Mensch, dessen Eitelkeit so angenehm gekitzelt wurde, warf sich in die Brust, und fand zu viel Belieben an einer solchen Unterhaltung, um ans Weggehen zu denken. Sokrates fuhr also fort:

Sokrates. Denkst Du nicht auch, lieber Glaukon, daß Du, wenn die Republik Dich zu hohen Ehren befördern soll, Dich um sie verdient machen müssest?

Glaukon. Das versteht sich.

Sokrates. So mach uns, wenn ich bitten darf, kein Geheimniß daraus wie Du es anzugreifen gedenkest, und was die erste Wohlthat seyn wird, womit Du Dir die Republik verbindlich machen willst?

(Glaukon stutzte über diese Frage und sah aus, als ob er eine Antwort suche, und sie nicht gleich finden könne.)

Sokrates. Wenn Du das Hauswesen eines Deiner Freunde in einen blühenden Stand setzen wolltest, würdest Du Dich bemühen ihn reicher zu machen. Das nehmliche gilt ohne Zweifel auch von der Republik; Du wirst sie reicher zu machen suchen, nicht wahr?

Glaukon. Allerdings!

Sokrates. Wird sie nicht reicher werden, wenn sich ihre Einkünfte vermehren?

Glaukon. Das kann nicht fehlen.

Sokrates. Woher, wenn ich fragen darf, zieht unsre Republik ihre Einkünfte, und wie hoch belaufen sie sich? Denn es ist kein Zweifel, daß Du Dich darnach erkundigst hast, damit Du, im Fall einige derselben sich etwa vermindert haben sollten, das Deficit ausfüllen, und wofern einige gar ausfielen, sie wieder gangbar machen könntest.

Glaukon. Nein, ma Dia! darnach hab' ich mich noch nicht erkundiget.

Sokrates. Wenn Du also diesen Artikel noch übergangen hast, so nenne mir wenigstens die Ausgaben der Republik. Denn ich zweifle keinen Augenblick, Du denkest bereits darauf, wie Du alle überflüßigen Ausgaben einziehen wollest.

Glaukon. Auch darauf hab ich, bey Gott! noch nicht Zeit gehabt zu denken.

Sokrates. Wir wollen also den Gedanken, die Stadt reicher zu machen, vor der Hand noch bey Seite legen. Denn wie sollte einer damit zu Stande kommen können, dem nicht einmal die Ausgaben und die Einkünfte bekannt sind?

Glaukon. Aber, mein guter Sokrates, Du scheinst vergessen zu haben, daß man den Staat auch auf Unkosten der Feinde bereichern kann.

Sokrates. O gewiß kann man das, wenn man der Stärkere ist; wäre man aber etwa der schwächere Theil, so dürfte man auf diesem Wege leicht um sein Eigenes kommen, anstatt dem Feind etwas abzujagen.

Glaukon. Da hast Du Recht.

Sokrates. Meinst Du also nicht, wenn die Frage im Staatsrath ist, mit wem man Krieg führen soll? müsse einer, der darüber stimmen will, die Stärke und Schwäche unseres Staats sowohl als unsrer Gegner genau kennen; damit er, je nachdem entweder wir oder sie die Schwächern sind, im letztern Fall zum Krieg, im erstern zu vorsichtigen Maaßregeln rathen könne?

Glaukon. Das ist allerdings meine Meinung.

Sokrates. So sage mir, worin besteht dermahlen unsre Kriegsmacht zu Wasser und zu Lande? Und wie hoch mag sich wohl die beyderseitige Macht unsrer Gegner belaufen?

Glaukon. Das kann ich Dir ma Dia! nicht so aus dem Kopfe hersagen.

Sokrates. So hast Du es ohne Zweifel schriftlich. Auch gut, gieb her! Ich möcht es gar zu gern wissen.

Glaukon. Ma Dia! Ich hab' es auch nicht schriftlich.

Sokrates. Nun so sey es dann! Wir wollen uns diesemnach mit der Berathschlagung über Krieg und Frieden nicht übereilen. Du hast wahrscheinlich, da Du Dich noch so kurze Zeit mit der Staatsverwaltung abgiebst, einer so wichtigen Sache noch nicht auf den Grund kommen können. Aber dafür bin ich gewiß, daß Du für die nöthige Sicherheit unsers Landes gesorgt hast; Du weißt genau wie viele und welche Oerter dermahlen zu besetzen rathsam ist und welche nicht; angleichen wie viel Mannschaft dazu hinlänglich seyn dürfte; und Du hilfst dazu rathen, daß die zweckmäßigen Besatzungen vermehrt, die unnöthigen hingegen eingezogen werden?

Glaukon. Was das betrift, ich ziehe sie, bey Gott! alle ein, so viel ihrer sind; denn sie bewachen uns so, daß im ganzen Lande nichts mehr vor ihren langen Fingern sicher ist.

Sokrates. Wenn Du sie aber wegnimmst, sind wir dann nicht jedem, der uns plündern will, Preis gegeben? Und überdieß, bist Du etwa selbst an Ort und Stelle gewesen, und hast die Sache untersucht? oder woher weißt Du, daß unsre Garnisonen sich so übel aufführen?

Glaukon. Ich habe meine Ursachen es zu vermuthen.

Sokrates. Wenn das ist, so wollen wir diesen Artikel wieder vornehmen, wenn wir nicht länger vermuthen, sondern wissen – was wir wissen sollen.

Glaukon. Ich glaube selbst es werde so besser seyn.

Sokrates. Daß Du nie in unsre Silberbergwerke gekommen bist, weiß ich; und daß Du mir also nicht sagen kannst, woran es liegt, daß sie itzt weniger Ausbeute geben als ehemals.

Glaukon. Ich gestehe, daß ich noch nicht dahin gekommen bin.

Sokrates. Die Luft soll freilich dort sehr ungesund seyn; und das kannst Du auch zu Deiner Entschuldigung anführen, wenn diese Materie im Senat zur Sprache kommt.

Glaukon. Wollen sehen was zu thun ist.

Sokrates. Aber Eins, das weiß ich, hast Du gewiß nicht verabsäumt. Unfehlbar hast Du Dich erkundiget, wie lange das Getreide, so in unserm Lande gebaut wird, hinreichend ist die Stadt zu ernähren, und wie viel sie dessen für ein ganzes Jahr nöthig hat; damit nicht etwa der Fall eintreten könne, daß es der Stadt unversehens an Brot fehle, sondern daß Du, mittelst Deiner hierüber erlangten Kentnisse und Deines darauf gegründeten Rathes, im Stande seyst, sie immer gehörig zu versorgen, und dem Unheil, das aus Theurung und Mangel entstehen würde, zuvorzukommen.

Glaukon. Wahrlich, da hätte einer viel zu thun, wenn er sich auch um solche Dinge bekümmern müßte!

Sokrates. Gleichwohl ist Niemand im Stande seinem eigenen Hauswesen wohl vorzustehen, wenn er nicht alle Bedürfnisse desselben kennt, und in Zeiten dafür sorgt, das Benöthigte herbey zu schaffen. Da nun die Stadt aus mehr als zehen Tausend Haushaltungen besteht, und es so schwer ist, für so viele auf einmahl zu sorgen: wie kommt es, daß Du, für den Anfang, nicht wenigstens unternimmst, das Haus Deines Oheims in Aufnahme zu bringen, das dessen sehr benöthigt wäre? Wärest Du erst mit diesem zu Stande gekommen, dann würdest Du bey mehrern Hand anlegen. Kannst Du aber nicht einmahl einem einzigen helfen, wie wolltest Du für so viele sorgen können? Wer nicht im Stande ist Einen Zentner zu tragen, sollte sich doch nicht einfallen lassen, mehrere tragen zu wollen?

Glaukon. Die Umstände meines Oheims sollten sich schon lange gebessert haben; wenn er mir nur folgen wollte.

Sokrates. Wie? Du vermagst nicht so viel über Deinen Oheim, daß er sich von Dir rathen läßt, und Du bildest Dir ein, Du wollest alle Athener und Deinen Oheim oben drein dahin bringen können, daß sie sich von Dir regieren lassen: Nimm Dich in Acht, lieber Glaukon, daß Deine Begierde nach Ruhm Dich nicht auf einen Weg bringe, der zum Gegentheil führt! Siehst Du nicht wie mißlich es ist, von Sachen zu reden, die man nicht kennt, und Dinge zu unternehmen, wovon man nichts versteht? Gieb auf diejenigen Acht, die sich in diesem Fall befinden (und deren wir nur zu viele haben). Ziehen sie sich Lob oder Tadel zu? Werden sie bewundert oder verachtet? Beobachte dagegen diejenigen, welche wissen was sie reden und was sie thun; ich müßte mich sehr irren, oder Du wirst in allen Arten von Geschäften finden, daß die Leute, von denen man mit Beyfall und Hochachtung spricht, immer zu den Sachverständigen, die hingegen, die in schlechtem Kredit stehen und verachtet werden, zu den Unwissendsten gehören. Wenn es Dir also darum zu thun ist, ein angesehener und bewunderter Mann in der Republik zu werden, so laß Dir vor allem angelegen seyn, Dir über die Dinge, womit Du Dich beschäftigen willst, zuvor hinlängliche Kenntnisse zu erwerben. Wenn Du es den andern hierin zuvorthust, und Dich alsdenn erst mit den Angelegenheiten der Republik abgiebst, dann soll es mich nicht wundern, wenn Du, ohne große Mühe, alles was Du begehrst, erlangen wirst.

So närrisch uns die Wuth eines kaum neunzehnjährigen Jünglings, sich des Staatsruders seiner Republik je bälder, je lieber zu bemächtigen, vorkommen muß, so war doch das, wornach der eitle, vermessene und von sich selbst eingenommene Glaukon trachtete, in einer Demokratie, wie die Athenische nach dem Tode des großen Perikles war, weder etwas unmögliches, noch selbst etwas unwahrscheinliches. Nicht wenige seines gleichen (nur nicht so sehr jung; denn davon hat man schwerlich ein Beyspiel) hatten das nehmliche versucht, und es war ihnen, eine Zeitlang wenigstens, geglückt. Athen hatte der unwissenden Volksredner und der Feldherren aus dem Stegreif (wie Sokrates sie in dem Gespräche mit dem jüngern Perikles nennt) nur zu viele. Die unbändige Ungeduld des milchbärtigen Knaben, sich an der Spitze einer Republik zu sehen, wo er beynahe lauter Mitbewerber seines Gelichters vor sich hatte, ist es also nicht, was mich hier am meisten wundert: aber darüber wundre ich mich, daß dieser junge Glaukon, Aristons Sohn, Platons Bruder, aus einer der ehrwürdigsten Familien von Athen, und ohne Zweifel so gut als irgend einer seiner Klasse erzogen, zu aller seiner Unwissenheit noch so schrecklich dumm und unbehülflich gewesen seyn sollte, als er in diesem Gespräch erscheint. Ich bin daher geneigt zu glauben, daß es unter diejenigen gehöre, welche größtenteils auf Xenofons eigene Rechnung geschrieben werden müssen. Die Veranlassung dazu mag historisch wahr seyn. Xenofon wußte daß Sokrates den jungen Glaukon von seiner voreiligen Regiersucht geheilt habe; aber daß er bey dem Gespräche, das hierüber zwischen Sokrates und Glaukon vorgefallen, selbst zugegen gewesen sey, ist sehr unwahrscheinlich. Er ist also in der Erzählung dieser Anekdote mehr Dichter als Referent. Er stellt sich, der genauen Kenntniß, die er von seinem Meister und Freunde hatte, zu Folge, vor, wie Sokrates wahrscheinlich bey dieser Gelegenheit mit dem jungen Menschen zu Werke gegangen sey, und läßt ihn seinem Karakter und seiner eigenthümlichen Manier gemäß reden: den Glaukon hingegen immer im Karakter eines unwissenden, albernen und unbesonnenen Gecken antworten, weil der Kontrast, der daraus entsteht, einen so lächerlichen Effekt macht, daß der ganze Dialog eine sehr gute Scene in einer Aristofanischen Komödie abgeben könnte.

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