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Sokratische Gespräche aus Xenofons denkwürdigen Nachrichten von Sokrates

Xenophon: Sokratische Gespräche aus Xenofons denkwürdigen Nachrichten von Sokrates - Kapitel 10
Quellenangabe
typetractate
booktitleXenophon, Sokratische Denkwürdigkeiten
authorXenophon
translatorChristoph Martin Wieland
year1998
publisherEichborn Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-8218-4163-X
titleSokratische Gespräche aus Xenofons denkwürdigen Nachrichten von Sokrates
pages1-114
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5.
Sokrates,
Perikles der Jüngere

Sokrates. Ich habe die beste Hoffnung, lieber PeriklesDer Perikles, mit welchem Xenofon seinen Sokrates sich hier unterhalten läßt, war ein natürlicher Sohn des großen Perikles, der einzige, der ihm, nachdem er seine ehelichen Söhne durch die Pest verlohren hatte, übrig geblieben war, und den die Athener auf sein anständiges Bitten, durch eine Ausnahme von einem Gesetze dessen Urheber er selbst war, in alle Rechte eines ehelichen Sohnes und gebohrnen Bürgers von Athen eingesetzt hatten. wenn Du dereinst eine Feldherrnstelle bey uns erhalten wirst, werde die Republik mit mehr und besserm Erfolg, als zeither, Krieg führen und endlich Meister über die Feinde werden.

Perikles. Das möchte ich wohl wünschen, guter Sokrates; aber wie es zu bewerkstelligen seyn könnte, davon hab' ich keinen Begriff.

Sokrates. Gefällt es Dir daß wir die Sache mit einander überlegen, um zu sehen, ob sie sich vielleicht doch möglich machen ließe?

Perikles. Sehr gern.

Sokrates. Ohne Zweifel ist Dir bekannt, daß die Athener an Anzahl nicht geringer sind als die Böotier?

Perikles. Ich weiß es.

Sokrates. Und wo glaubst Du daß man eine grössere Anzahl von rüstigen und schönen Leuten zusammenbringen könne in Böotien oder Attika?

Perikles. Ich denke, daß wir ihnen auch hierin nichts nachgeben werden.

Sokrates. Und was den guten Willen betrift, auf welcher Seite glaubst du daß sich dessen am meisten finde?

Perikles. Ganz gewiß auf der unsrigen. Denn ein großer Theil der Böotier sind mit den Thebanern, die immer den Meister über sie zu spielen suchen, sehr übel zufrieden. Bey den Athenern sehe ich nichts dergleichen.

Sokrates. Aber dafür sind die Böotier auch das ehrliebendste und gutherzigste Volk von der Welt, und beydes spornt sie gar mächtig an, für Ruhm und Vaterland alles zu wagen.

Perikles. Auch in diesem Stück ist den Athenern nichts vorzuwerfen.

Sokrates. Und wo wäre wohl ein Volk, das auf größere Thaten seiner Vorfahren stolz seyn könnte als das Unsrige? Dieser Vorzug erhebt viele über das was sie sonst seyn würden, und treibt sie mächtig an, sich brav zu halten und durch Verdienste hervorzuthun.

Perikles. Auch dies ist wie Du sagst, lieber Sokrates. Aber Du siehst, wie seit dem Unfall bey LebadeiaEs ist eben dasselbe Treffen, welches nach Thucydides bey Chäronea, und nach Pausanias bey Haliart vorgefallen. Diese drey Orte liegen ziemlich nahe beysammen und das Schlachtfeld mag ungefähr in der Mitte gewesen seyn., wo Tolmides mit tausend Mann umkam, und seit dem unglücklichen Treffen von Delion unter dem Hippokrates, die Athener in ihrer Meynung von sich selbst gefallen, und unter die Böotier gedemüthigt sind, und wie diesen hingegen der Muth so sehr gewachsen ist, daß sie, die ehemals ohne Beyhülfe der Lacedämonier und übrigen Peloponnesier uns nicht einmal in ihrem eigenen Land entgegen zu gehen sich getrauten, itzt auf ihre eigene Kräfte trotzig genug sind, das unsrige mit einem Einfall zu bedrohen, die Athener hingegen, die sonst ohne fremden Beystand ganz Böotien verheerten, itzt befürchten, daß die Böotier Attika verwüsten werden.

Sokrates. Das alles weiß ich sehr wohl, und eben darauf gründe ich meine Erwartung, daß unsre Bürger einem klugen und tapfern Anführer itzt williger folgen würden als jemals. Denn Muth und Selbstvertrauen erzeugt gewöhnlich Sorglosigkeit, Trägheit und Ungehorsam; Furcht hingegen pflegt die Menschen aufmerksamer, folgsamer und gefügiger zu machen. Zum Beyspiel dessen kann uns die Mannschaft in einem Schiffe dienen. So lange sie keine Gefahr sehen, wollen sie von keiner Ordnung wissen; aber sobald sie einen Sturm besorgen, oder der Feind anrückt, auf einmal werden sie die folgsamsten Menschen von der Welt, thun alles ohne Weigerung was man sie heißt, und passen in tiefster Stille auf die Stimme des Befehlshabers, wie die Chortänzer auf dem Schauplatz, auf den Wink des Chorführers.

Perikles. Gut; und wenn sie nun auch so willig und lenksam wären als Du sagst, wie wollen wir es dahin bringen, daß der Gedanke an das was sie einst waren, an ihren ehemaligen Heldensinn, Ruhm und Wohlstand, die alte Thatkraft wieder in ihnen aufreitze?

Sokrates. Was müßten wir thun, wenn wir wollten, daß sie z. B. Güter, die ihnen angehört hätten, aber von andern usurpiert würden, wieder zu erlangen suchen sollten? Nicht wahr, wir könnten sie nicht stärker dazu aufmuntern, als wenn wir ihnen vorstellten, daß diese Güter ein von ihren Voreltern an sie vererbtes Eigenthum seyen, welches ihnen von Rechts wegen und ausschließlich zugehöre. Um sie also dahin zu bringen, daß sie sich mit Ernst angelegen seyn lassen, an Tugend die ersten unter den Griechen zu seyn, werden wir ihnen vorstellen müssen, daß ihnen dieser Vorzug von uralten Zeiten her eigen gewesen, und daß ihn wieder erstreben, das unfehlbarste Mittel sey, auch zu ihrer ehmaligen Obermacht wieder zu gelangen.

Perikles. Wie wollen wir sie aber hievon überzeugen?

Sokrates. Ich denke, wenn wir ihnen ihre ältesten Vorfahren ins Gedächtniß zurückrufen, von welchen sie immer gehört haben, daß sie die edelsten und bravsten unter allen Griechen gewesen.

Perikles. Meinst Du etwan den berühmten Götterstreit (zwischen Athene und Poseidon) den sie unter der Regierung des Cekrops durch ihre Klugheit schlichteten?

Sokrates. Auch dies, und überhaupt unsre ganze älteste Geschichte, die Geburt und Erziehung des Erechteus, und die Kriege, die sie zu seinen Zeiten gegen alle ihre Nachbarn auf dem festen Lande zu bestehen hatten, den Schutz, den sie den Söhnen des Herakles gegen die Peloponnesier angedeihen liessen, und die Kriege, so sie unter Anführung des Theseus führten, in welchen allen sie sich immer als die tapfersten Männer ihrer Zeit erwiesen. Und wie viel preiswürdiges könntest Du noch von allem dem sagen, was ihre Nachkommen nicht lange vor unsern Tagen gethan; wie sie es anfangs ganz allein mit einem Feind aufgenommen, der als Herr von ganz Asien sich bereits auch von Europa bis an Macedonien Meister zu machen angefangen, seine Macht weit über ihre vormaligen Grenzen ausgedehnt, und sich immer durch große Thaten ausgezeichnet hatte; und welche herrliche Siege zu Wasser und zu Lande sie gemeinschaftlich mit den Peloponnesiern erfochten;Diese zwey Perioden, worin Sokrates die Großthaten der alten Athener von Cekrops bis zu Themistokles und Cimon, zusammenfaßt, enthalten das Lieblingsthema der Athenischen Redner von Perikles und Isokrates an, bis in die Zeiten Lucians und so lange als noch ein Schatte von dieser merkwürdigsten aller Republiken übrig. Die Athener ließen sich gar zu gerne mit dem was ihre Vorfahren gewesen waren und gethan hatten, unterhalten; man konnte ihre Eitelkeit nicht angenehmer kitzeln: aber wie Sokrates sich einbilden konnte, der Geist und die Tugend ihrer Voreltern könnte durch dieses Mittel wieder in ihnen erweckt werden, ist mir unbegreiflich. mit Einem Worte, wie ihnen niemand streitig macht, daß sie unter den Menschen ihrer Zeit bey weitem die ersten waren.Man kann, ohne der Besonnenheit des guten Sokrates zu nahe zu treten, den Schluß dieser Periode, οι δε και λεγονται, etc. nicht wohl auf die Peloponnesier beziehen, wie Leuenklau und Levesque gethan haben. Ich habe sie also, von Schneiders Autorität unterstützt, auf die Athener bezogen, wiewohl die Einfügung dieser Worte (wenn man ihnen diesen Sinn beylegt) in das Ganze der Periode, so ungewöhnlich hart und gezwungen ist, daß ich ihnen im Deutschen, doch ohne Nachtheil des Sinnes, eine ganz andere Wendung geben mußte, um wenigstens einen erträglichen Schluß der Periode herauszubringen.

Perikles. In diesem Rufe stehen sie allerdings.

Sokrates. Auch wollen wir nicht vergessen, daß, während im übrigen Griechenlande so viele Auswanderungen vorgiengen, sie allein in dem Ihrigen blieben; daß viele andere Städte in Rechtsstreitigkeiten, die sie unter einander hatten, sich ihrem Ausspruch unterwarfen, und nicht wenige gegen übermächtige Unterdrückung zu ihnen ihre Zuflucht nahmen.Auch diese drey Punkte, welche Sokrates hier noch nachhohlt, hat Isokrates in seiner Panegyrischen Rede nicht vergessen, und nach seiner Art mit vieler attischer Stomylie geltend gemacht.

Perikles. Da sich dies alles so verhält, so wundre ich mich nur desto mehr, lieber Sokrates, wie unsre Republik in einen solchen Verfall gerathen konnte.

Sokrates. Mich dünkt es sey damit sehr natürlich zugegangen. Sehen wir nicht häufig, daß manche Menschen, eben deswegen, weil sie viel vor andern voraus haben, und sich ihrer Vorzüge und Kräfte zu sehr bewußt sind, in Sorglosigkeit und Trägheit verfallen, und dadurch zuletzt unvermögend werden, es mit ihren Gegnern aufzunehmen? Eben so, denke ich, ist es den Athenern ergangen. Ihrer großen Vorzüge sicher haben sie sich vernachlässigst, und sind dadurch schlechter worden.

Perikles. Da es nun einmal dahin gekommen ist, was müßten sie thun, um die Männer wieder zu werden, die sie ehemals waren?

Sokrates. Das ist, deucht mich, nicht schwer zu finden. Sie brauchen nur der ganzen Verfassung, Sitte und Lebensweise ihrer Voreltern nachzuforschen, und wenn sie dann den Willen haben eben so wie diese zu leben, so werden sie auch nicht weniger seyn als sie. Können oder wollen sie das nicht, so mögen sie sich wenigstens diejenigen, die itzt die Oberhand haben,Der Zusammenhang zeigt, daß die Lacedämonier gemeint sind, für welche Xenofons, in einigen Stücken wohlgegründete, Vorliebe bekannt ist. zum Muster nehmen, und wenn sie ihre Einrichtungen und Sitten angenommen haben werden, mit gleichem Eifer, wie sie, darüber halten; so werden sie auch nicht schlechter seyn als sie, und falls sie sichs noch ernstlicher angelegen seyn lassen wollen, so gar besser.

Perikles. Das will so viel sagen, lieber Sokrates, daß unsre Republik in einer fürchterlichen Entfernung hinter dem, was sie seyn sollte, zurück ist. Denn wann werden wir je erleben, daß die Athener das Alter so wie die Lacedämonier ehren werden? sie, die gleich bey ihren Vätern anfangen, die Aeltern zu verachten! Wann werden sie, wie jene, sich mit anstrengenden Leibesübungen beschäftigen? Sie, die nicht nur selbst alles was den Körper stark, kräftig und geschmeidig macht, verabsäumen, sondern derjenigen, die sich damit abgeben, noch spotten? Wann werden sie (wie jene) ihren Vorgesetzten gehorchen, sie, die sogar eine Ehre darin suchen, sich nichts aus ihren Obern zu machen? Wann werden sie in solcher Eintracht leben wie jene? sie, die anstatt einander gute Dienste und Gefälligkeiten zu erweisen, sichs angelegen seyn lassen, einander das Leben auf alle mögliche Weise sauer zu machen, und ihren eignen Mitbürgern noch weniger Gutes gönnen als fremden Leuten! sie, die weder in Familienzusammenkünften noch in den öffentlichen Versammlungen jemals eines Sinnes werden können, ewig in Streitigkeiten und Processen mit einander leben, und lieber auf diese heillose Weise einer vom andern gewinnen als sich wechselsweise nützlich seyn wollen! Und was werden sie sich das Gemeine Beste anfechten lassen?Die Ursache warum ich diesen Satz (der im Original nur VIRTUALITER enthalten ist) eingeschoben habe, fällt zu leicht in die Augen, um einer nähern Erklärung zu bedürfen. sie, die Alles Gemeingut als ihr Eigenthum betrachten, sich darum mit einander herumbalgen, und die öffentlichen Aemter nur in so fern schätzen und suchen, als sie dadurch mehr oder weniger Gewalt, den Staat zu plündern, erhalten! Daher dann die Unfähigkeit und die Misbräuche aller Art, unter welchen der Staat leidet, und die Mißhelligkeiten und erklärten Feindschaften, die wir unter den Bürgern im Schwange gehen sehen: So daß ich, aller dieser Ursachen wegen, sehr besorge, daß unsrer Republik noch mehr und größeres Unglück bevorstehe, als sie auszuhalten vermögend seyn möchte.

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