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So war es. Zweiter Theil

Karl Ludwig Häberlin: So war es. Zweiter Theil - Kapitel 6
Quellenangabe
authorKarl Ludwig Häberlin
titleSo war es. Zweiter Theil
publisherVerlag von C. L. Fritzsche
year1849
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180703
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Eilftes Buch.

Die Aufnahme der Rheinschen Deputation. Verheißungen. Volksfreude. Aufregung der Arbeiter. Table d'hôte im Kronprinz. Aufruhr. Physiognomie der Stadt. Veranlassungen zum Kampf. Versuche, das Militair zum Abziehen zu bewegen. Deputation bei dem Könige.

Da zerret an der Glocke Strängen
Der Aufruhr, daß sie heulend schallt,
Und nur geweiht zu Friedensklängen
Die Losung anstimmt zur Gewalt.

———————

1.

So brach denn der Sonnabend heran, ein milder wunderschöner Frühlingstag dieser achtzehnte März, und dennoch ein Schreckenstag für Berlin, ein wahrhaft dämonischer Tag, blutig verzeichnet in den Annalen der Geschichte.

Kein Mensch, der noch eines warmen Gefühls für Vaterland und Freiheit fähig war, vermochte es über sich zu Hause zu bleiben. Der Oeffentlichkeit im weitesten Sinne gehörte das Leben an, der Schloßplatz war, wie das Forum der alten Römer, die dem Volke geweihte Stelle der Besprechung öffentlicher Angelegenheiten des Vaterlandes geworden. Unter den Fenstern seines Königs wollte das Volk seine Zukunft erwarten.

Mit dem Ernst eines hundertjährigen Greises blickte die altersgraue Riesenburg der Hohenzollern auf die unten versammelte und in lebhaft redenden Gruppen beisammenstehende Menschenmasse herab. Es waren an 2000 Bürger, lauter wohlgekleidete anständige Leute, die man dort sah.

Auch Edmund hatte seine väterliche Wohnung in der Brüderstraße verlassen und befand sich gegen eilf Uhr Mittags inmitten dieser im Ganzen freudig bewegten Menge. Die Stimmung war durchaus heiter und ruhig. Man freute sich, daß endlich die entsetzlichen Straßenexcesse vorüber seien. Man hoffte auf schönere Tage. Ueberall wurde das Placat des Magistrats vorgelesen, wonach der König Preßfreiheit, wenn auch noch eine beschränkte, und Zusammenberufung der vereinigten Stände zugesagt hatte. Man freute sich darüber; aber schon gingen die Wünsche hier und dort weiter. In andern Gruppen sprach man von der Rheinschen Deputation, die gestern Abend angekommen war. Man wußte, daß sie heute Morgen um zehn Uhr Audienz beim Könige gehabt habe und war begierig, das Nähere über deren Aufnahme zu erfahren.

Da trat ein Mann von imponirender Gestalt und hohem Wuchs aus dem Hauptportal hervor, wo der Aufgang nach den königlichen Gemächern sich befindet. Edmund erkannte sogleich den Landschaftsrath von Hochherz. Er nahte sich ihm mit achtungsvollem Gruß und der Freiherr ergriff ihn freundlich bei der Hand und rief mit Wärme: »Lieber Edmund, was habe ich erlebt? Ich komme soeben aus dem Schloß, wo ich Gelegenheit hatte, der Audienz der Rheinschen Deputirten beizuwohnen. Welche Männer, die da das Wort führten, welch ein König, der davon tief ergriffen, seine Liebe für das Volk und seine Freisinnigkeit zu erkennen gab!«

»Reden, reden!« riefen dem Landschaftsrath mehrere Personen zu, die diese Aeußerungen nur halb gehört hatten.

»Noch ist kein Stoff vorhanden zum Reden, meine Freunde«, sprach er laut, so daß es die Umstehenden hörten, »noch ist Alles erst im Werden und Gebären, aber das darf ich voraussagen, daß wir Großes am Gewinn für Humanität, Aufklärung und Freiheit von dem Geiste und dem Herzen unseres Königs zu erwarten haben. Es war mächtig ergreifend, wie der Fürst Wittgenstein, als Sprecher der Deputation, den König in tief bedeutungsvollen Worten anredete und damit begann, die Lage der Rheinprovinz und der Stadt Cöln zu schildern. Er machte darauf aufmerksam, wie von der Antwort, welche die Deputation nach ihrer Heimath zurückbringe, die Zukunft der ganzen Provinz abhänge; wie die Wichtigkeit der gegenwärtigen Verhältnisse einen augenblicklichen hochherzigen Entschluß bedinge. Am Schluß übergab der Redner die Adresse des Gemeinderaths von Cöln, welche sich in entschiedenen Worten über die Lage und Stimmung der Provinz ausließ.«

»Der König antwortete, sichtbar bewegt,« fuhr der Landschaftsrath fort: »»Es freuet mich, daß die mir vorgetragenen Wünsche mit meinem Vorhaben übereinstimmen; ich werde mich an die Spitze der Bewegung Deutschlands stellen und im Innern die nöthigen Freiheiten gewähren.««

»Als der König auf einen Congreß in Potsdam hinwies, äußerte die Deputation, wie das Heil und die Rettung Deutschlands nur zu erwarten sei, wenn der Congreß, umgeben mit Volksvertretern, in Frankfurt a. M. stattfinde, um allen Verdacht einer wieder eintretenden Reaction zu beseitigen.«

»Bravo!« rief die Menge.

»Es ward wiederholt von Seiten der Deputation dem Könige vorgestellt, wie dringend es für die Beruhigung der Rheinprovinzen sein werde, wenn die Deputation mit einer festen Zusicherung nach der Heimath zurückkehren könne. Halbe Maßregeln können in keiner Weise beruhigen.«

»Der König schien in diesem Augenblicke einen hochherzigen Entschluß gefaßt zu haben.« »»Meine Herren!«« sprach er mit glänzenden Blicken, »»ich ersuche Sie, Ihre Abreise nur noch um zwei Stunden zu verschieben. Ich werde Ihnen alsdann durch den Oberpräsidenten eine Proclamation zugehen lassen, worin Sie Alles gewährt finden werden.««

»»Von dieser Stunde, Majestät!«« rief der Fürst von Wittgenstein, »»ich wiederhole es, als dem wichtigsten Moment der Gegenwart und Zukunft, ist vielleicht das Heil Deutschlands abhängig, und eine einzige Stunde ist heute wichtiger, als sonst ein ganzes Jahr.«« Nachdem der König diese Worte noch gehört hatte, entfernte er sich und bald darauf zog sich auch die Deputation zurück, an welche zuvor noch der Prinz von Preußen einige Worte gerichtet hatte.«

»Jetzt, meine Freunde, leben wir in dem über Deutschlands und Preußens Zukunft entscheidenden großen Augenblicke. Hoffen wir das Beste von den Entschließungen des Königs und bringen wir ihm ein Hoch. Wenn das Volk dem Könige seine Liebe zeigt, so wird dadurch dessen Liebe und Vertrauen für das Volk immer höher entflammen. Und wahrlich, der König bedarf unserer Liebe und wir bedürfen der seinigen. Es lebe unser König!«

»Hoch, hoch!« erscholl es ringsum, Hüte und Tücher wurden geschwungen und auch in andern Gruppen zündeten diese Funken, man hörte überall ein: »Hoch dem Könige!« erschallen. Fremde und selbst Feinde umarmten sich; nach allen Seiten hin wünschte man sich mit herzlichem Handdruck Glück, daß nun die edle Freiheit ohne weiteres Blutvergießen errungen sein werde.

Noch ein anderes Gerücht hielt die harrende Menge auf dem Platze vor dem Schlosse zurück. Man sprach von einem großartigen Zuge der ganzen Bürgerschaft von Berlin nach dem Schlosse, ein Vorschlag, den der Stadtverordnete, Buchhändler Simion in der Versammlung im Berliner Rathhause gemacht hatte, den der Doctor Wöniger in dem großen Rathssaal des Cölner Rathhauses überbrachte, wogegen sich aber der Assessor Wache widersetzte. Dieser schlug dagegen eine bloße Bittschrift der Stadtverordneten vor, als ob es noch Zeit zu halben Maßregeln gewesen sei. Diese und andere Bürgerversammlungen wollten nur Zeit gewinnen und Alles bis zu dem folgenden Tag verschieben und so blieb man ohne Waffen; während Soldaten in bedeutenden Zuzügen abermals die innern Schloßhöfe füllten und Preußens Zukunft, wenn auch Hoffnung gebend, doch noch im Dunkeln lag.

Diese Ereignisse waren mehr als genügend, um die Stimmung des Volks in lebhafter Spannung und Aufregung zu erhalten.

Ganz im Hintergrunde, an der Ecke der auf den Platz mündenden Straße sah man die Proletarier und Arbeiter in ihren Blousen und Kappen, mit ihren bärtigen, gebräunten Gesichtern stehen. Einige derselben traten in den Vordergrund und als sie die vielen heitern Blicke der wohlgekleideten Menge sahen, sprachen sie traurig untereinander: »Das hilft uns armen Leuten doch Alles nichts.«

Da traten der Landschaftsrath und andere Bürger an sie heran und sagten ihnen, daß auch für sie gesorgt werden solle; sie möchten nur nicht die Schreckensscenen des vorigen Abends erneuen; das könnte ja doch auch zu nichts helfen.

Aber wenn die Arbeiter durch solche Reden einigermaßen beruhigt zu ihren Genossen zurückkehrten, so hörten sie wieder auf die aufwieglerischen Reden der Revolutionaire, die sich unter diese Haufen gemischt hatten und unter diesen waren die Thätigsten zwei Männer, die wir schon kennen; der Eine mit dem großen röthlichen Bart auf der breiten Brust, der Doctor Ajax und der Andere, der Graf Banco, der die eleganten Formen seines Wesens in die grobe Blouse und Kappe der Männer aus den untersten Schichten der Gesellschaft gehüllt hatte.

»Seht da!« hieß es, »wie die Leute, die Geld und Gut haben, sich freuen, daß der König ihnen verwilligt, was sie wollen und wünschen. Und was ist es, was sie wollen? Waffen wollen sie haben, eine Bürgergarde bilden, um den Pöbel, denn so nennen sie Euch, anzugreifen und die tapfern Barricadenhelden von hinten auf ihre Bajonnete zu spießen, während die tapfere Garde von vornher mit ihren Spitzkugeln und Kartätschen massacrirt. Auf denn, es gilt den letzten Kampf für Eure Rechte, Eure Freiheit. Eure Rechte sind gleiche Berechtigung mit den Reichen an allen Gütern und Herrlichkeiten der Erde; Eure Freiheiten sind: Freiheit von allen Arbeiten, allen Plagen des Lebens. Geht in die glänzenden Belletagen, streckt Euch auf die Sophas von Seidendamast, in die weichen Sessel von Plüsch und Sammt, trinkt den Champagner aus den Kellern der Reichen und verspeist ihre Braten und Kuchen von silbernen Schüsseln, werft ihnen die Knochen in das feiste scheinheilige Antlitz, verlacht ihre lügnerischen machtlosen Vereine zur Verbesserung der sittlichen Lage der Arbeiter, stiftet selbst Vereine zur moralischen Besserung der liederlichen Reichen, denn Ihr seid dabei in Eurem vollen natürlichen Rechte; das sind ja die ewigen Urrechte der Menschheit, daß alle vom Weibe Geborenen gleichberechtigt an den Gaben des Himmels und der Erde aus dem Schooße der Natur hervorgegangen sind. Gold und Silber in den Bergen ließ Gott für alle Menschen wachsen und darum ist es Diebstahl an der Menschheit, wenn wenige Reiche es sich anmaßen, diese edlen Metalle oder die deren Werth bezeichnenden Papiere allein besitzen zu wollen. Grund und Boden gab unser Herr Gott seit dem siebenten Schöpfungstage an alle Menschen, welche die Erde bewohnen, und darum ist es Raub an Euch Allen, wenn Einzelne sich anmaßen, liegende Güter allein besitzen zu wollen.«

»Bravo, bravo!« schrie die Menge, und in den dichtgedrängten Gruppen hier und dorthin sich bewegend, hier und dort einen harten Thaler bei dem Druck einer schwieligen Hand zurücklassend, sprach Graf Banco mit gedämpfter Stimme: »Helft Euch selber, dann wird Gott Euch helfen; umdrängt in drohender Haltung das Schloß und der König wird Euch Alles verwilligen, was jetzt grade im entscheidenden Moment die Besitzenden durch ihre heuchlerischen Vivats zu erschmeicheln suchen. Vor Allem aber muß das Militair erst vernichtet werden; verlangt mit Geschrei dessen Entfernung; dann habt Ihr den König und die Minister mit Haut und Haar und Ihr werdet erreichen, was Ihr zu fordern so vollberechtigt seid.«

Während dieser so aufregenden Reden steigerte sich zwar die Spannung mit jedem Augenblick; aber der Frieden schien durch nichts unterbrochen zu sein. Die Läden auf dem Platze und in der breiten Straße waren geöffnet, die Fenster mit Damen besetzt. In den Schloßhöfen bivouakirten die von Potsdam herübergekommenen Gardebataillone. Sie rauchten und gingen in den Höfen spazieren, mit Bürgern untermischt. Niemandem wurde der Durchgang durch die Schloßportale versagt.

Unterdessen hatte sich die Menschenmenge auf dem Schloßplatze immer dichter gedrängt; die Proletarier und Arbeiter sammelten sich zunächst dem Schlosse und besonders vor den Portalen.

Nun hörte man in allen Gruppen lebhaft die Forderung, daß das Militair in die Kasernen consignirt werden müsse, besprechen. Ueberall, aber besonders in den das Schloß zunächst umgebenden Volkshaufen, machte sich eine große Erbitterung gegen das Militair bemerkbar; es war das eine instinktmäßige Erbitterung ohne alle politische Beimischung, wie sie in großen Städten wohl vorkommt, hier aber noch durch die Ereignisse der Abende vom Dreizehnten bis Fünfzehnten erhöhet worden war. Diese Erbitterung ließ allerdings das Schlimmste fürchten.

Gegen ein Uhr wurde das Drängen der Menge nach dem Portale, welches zu den Gemächern des Königs führte, immer bemerkbarer. Die Treppe, die hinaufführt, ist nur durch einen leichten hölzernen Vorbau unvollkommen geschützt. Deshalb wurde der Eingang zum Portale durch Militair abwehrend besetzt.

Endlich, gegen halb zwei Uhr erschien der König auf dem Balcon.

Das war ein großer Moment.

Die Spannung der Erwartung war aufs Höchste gestiegen. Alles drängte sich, dem Balcon so nahe zu kommen als möglich war. Der König versuchte zu reden, aber das Geräusch der Bewegung und auch wohl die eigene innere Gemüthsbewegung erstickte seine Stimme.

Da trat ein Mann aus der Umgebung des Königs hervor, man sagte, es sei der Bürgermeister Naunyn. Er trat dicht an die Balustrade des Balcons und sprach mit lauter vernehmlicher Stimme:

»Der König will, daß Preßfreiheit herrsche;

Der König will, daß der Landtag sofort berufen werde;

Der König will, daß eine Constitution auf der freisinnigsten Grundlage alle deutschen Länder umfasse;

Der König will, daß eine Nationalflagge wehe;

Der König will, daß alle Zollschlagbäume in Deutschland fallen;

Der König will, daß Preußen sich an die Spitze der Bewegung stelle.«

Da brach ein stürmischer, fast trunkener Volksjubel unten auf dem weiten Platze aus. Leute aus den gebildetsten Ständen stellten sich auf Wagen, um die freudige Kunde zu verbreiten.

Der König trat nochmals auf den Balcon, immer begrüßt von begeisterten Freudenbezeugungen; er wehte mit dem Tuche und der bisherige Minister von Bodelschwingh sprach vom Balcon herab den Dank des Königs an das Volk aus, aber auch zugleich dessen Wunsch, daß nunmehr alle Demonstrationen aufhören möchten.

Glückseliger als Alle, faßte der Landschaftsrath den jungen Edmund unter den Arm und sprach: »Siehe da ein glückliches Volk. Das ist ein Anblick für Götter und muß für den König ein Hochgenuß sein.«

Damit sah er sich um und deutete darauf hin, wie da sich Leute umarmten und vor Freude weinten; wie da und dort Frauen mit weißen Tüchern aus den Fenstern wehten und eiligst schon Leuchter, Lampen und Lichte für die Illumination auf den Abend durch die Straßen getragen wurden. Andere Tausende strömten herbei aus allen Straßen und vom Lustgarten her zu den Tausenden, die den Schloßplatz schon füllten. »Wir wollen,« riefen sie, »auch auf den Schloßplatz, unsern König sehen und ihm ein Vivat bringen!«

»Wie leicht ist es doch für Könige, sich geliebt, verehrt und angebetet zu machen vom Volke, und wie leicht und leichtsinnig könnte ich sagen,« sprach Hochherz, »setzen sie oft diese kostbare Volksliebe wieder aufs Spiel. Vertrauend nimmt das Volk jede Concession für die Freiheit von seinem Fürsten auf, sieht es aber in diesem Vertrauen sich einmal nur getäuscht; blicken schon durch die Zugeständnisse Gedanken der Rückkehr durch, so gehen Vertrauen und Volksliebe für immer verloren und Mißtrauen und Haß treten an dessen Stelle.«

»Eine sonderbare Bewegung nach dem Schloßportale zu,« sprach Edmund, indem er auf eine dichtgedrängte Masse Arbeiter zeigte, die Alles vor sich hinschiebend, wie ein wogender Menschenstrom sich dorthin wälzte.

»Die armen Leute« entgegnete Hochherz, »wollen sich auch in der Gnade ihres Königs sonnen; wenn sie nur damit ihren Hunger stillen könnten, sonst möchte ihr Jubel nicht von Dauer sein. Kommen Sie, Edmund, seien Sie für heute mein Gast, wir wollen im Kronprinz in der Königsstraße, wo man trefflich speiset, diniren. Die Freude macht Appetit und dann trinken wir ein Glas auf das Wohl des Königs.«

 

2.

Es befand sich im langen Saal eine zahlreiche und feine Gesellschaft an der Gasttafel. Man sah dort Gardeoffiziere, Edelleute, Gutsbesitzer, Kaufleute, Fremde und wohlhabende Bürger Berlins, auch höhere Beamte. Trotz dieser mannichfachen Mischung der Gesinnung herrschte dort nur ein freudiges Gefühl. Man gratulirte sich gegenseitig zu der wiederhergestellten Ruhe und Ordnung. Die Aristokraten freuten sich, daß es nicht noch ärger gekommen sei, daß es Preußens König nicht ergangen wäre wie Louis Philipp. Sie entschuldigten achselzuckend mit der Gefahr der Entthronung seine Zugeständnisse, meinten aber, man würde mit der Hälfte dieser Concessionen schon den Zweck, den beschränkten Unterthanenverstand zu beruhigen, erreicht haben. Einige dieser Hochgestellten ließen mit halben Andeutungen Worte von Schwäche der Krone und Charakterlosigkeit der Umgebungen des Thrones fallen.

Andere wieder von der Volkspartei gaben sich ganz der Freude hin, gratulirten sich, daß der große Tag der Freiheit und der Wiedergeburt Preußens ohne Blutvergießen glorreich hereingebrochen sei.

Es war drei Viertel auf drei Uhr, Edmund ließ es sich wohl sein bei der trefflich besetzten Tafel und dachte mit heimlicher Freude an den Besuch seiner geliebten Bertha, zum Nachmittage des so friedfertig und freudig begonnenen Tages. Er beschloß, ihr bis vor ihre Wohnung entgegen zu gehen, um dann das liebliche Mädchen an seinem Arm glücklich bis in die väterliche Wohnung geleiten zu können. Er that Bescheid mit dem gefüllten Glase auf den Trinkspruch, den der Landschaftsrath ausbrachte: »dem Könige, der als der Freisinnigste unter den Freisinnigen uns den Frieden, die Ordnung und die Freiheit gebracht hat!«

Die Meisten stießen an, nur einige der Hochtorys unter den Anwesenden setzten schweigend ihr Glas wieder auf die Tafel. Sie konnten sich nicht überwinden, auf den Untergang des Absolutismus, der ihre Privilegien und angemaßten Vorzugsrechte schützte, ihr Glas zu leeren.

Da plötzlich ertönte wüstes Geschrei von der Brücke her, auf welcher der große Kurfürst, umgeben von knienden gefesselten Sclaven auf galoppirendem Pferde, aus tönendem Erz gegossen, sich erhebt.

Der Speisesaal zu ebener Erde ließ durch seine zahlreichen Fenster die lebhafteste Bewegung einer vorübereilenden Volksmenge sehen. Bürger, aufgeregt bis zur Athemlosigkeit, blaß und knirschend vor Wuth, stürzten herein in den Saal und schrien: »Verrath, man hat auf dem Schloßplatze soeben auf uns geschossen.«

»Welch ein Unglück hat sich ereignet!« rief der Landschaftsrath aufstehend, »kommen Sie, Edmund, die Freude hat ihr Ende erreicht, wir wollen sehen, ob wir hier nicht beruhigen können. Aber es wird schwer sein, gegen den Strom zu schwimmen.«

Das war ein schrecklicher Moment!

Wuth und Rachegeschrei dringt durch die Königsstraße und erfüllt bald die ganze Stadt.

Da entwickelt sich vor den Augen unserer Freunde eine Bewegung, die wir für das Wunderbarste in dieser vielbewegten Zeit halten müssen, wunderbar, weil diese Bewegung eine unvorbereitete war, wie sie als Erguß des inspirirten Zornes Vertheidigungswerke errichtete, die mit aller Klugheit strategischer Berechnung nicht zweckmäßiger hätten angelegt und vertheidigt werden können; Bewegungen waren es, die uns einen grauenhaften Blick in die Zukunft, welche unserer harrt, eröffnete, wenn wir nicht alle unsere Kräfte zusammen nehmen, auf daß Fürsten und Völker nach allen Seiten hin volle Gerechtigkeit üben.

Als ob die Erde sich öffne, so brausete es durch die Stadt; das Straßenpflaster wird aufgerissen, die Waffenläden werden geplündert, die Häuser erstürmt, Beile, Aexte, Brechstangen und Wehrgeräthe von aller Art werden herbeigeholt. Zwölf Barricaden aus umgestürzten Droschken, langen Omnibuswagen, Wollsäcken, aus Balken, Brunnengehäusen tüchtig und musterhaft erbauet, erhoben sich im Nu in der Königsstraße. Haus an Haus werden die Dächer abgedeckt; oben, am schwindelnden Rande stehen Menschen mit Ziegelsteinen in den Händen, die Soldaten erwartend, um sie zu zerschmettern. Die bedrohten Schwertfeger und Waffenhändler werfen ihre Waffen zu den Thüren hinaus; Alles ist bewaffnet, mit Mistgabeln, mit Schwertern, mit Lanzen, mit Pistolen, mit Planken; die Knaben dringen in die Häuser, um mit Steinen gefüllte Körbe auf die Dächer zu tragen.

Wie hatte sich Alles so schrecklich geändert, seitdem Hochherz und Edmund den Schloßplatz verlassen hatten! Soeben noch Jubelruf und Hurrah und schon wenige Minuten später Wuthgeheul und Ruf nach Rache.

In weniger als einer Stunde war der Anblick der Stadt völlig verändert. Die Geduld der Bürger, hieß es, ist erschöpft.

»Auf die Thürme!« schrien mehrere Stimmen, »an die Sturmglocken!«

Die Kirchthüren dröhnten von den Stößen mit Hebebäumen. Sie wurden erbrochen; die Thürfächer waren mit Aexten eingeschlagen; die achtbarsten Männer lauteten selbst Sturm. Heulend dröhnten die Sturmglocken durch die weite, wie ein brausendes Meer bewegte Stadt, Man hörte nur einen Ruf, der sich aber zum Zetergeschrei erhöhte: »Zu den Waffen!«

Wie auf einen Zauberschlag erhoben sich überall Barricaden. Jeder gab freiwillig her, was er hatte, Thorflügel, Zäune, Wagen, Pfähle u. s. w. Die Bewegung war so allgemein, daß man selbst königliche Beamte, Schriftsteller, Gelehrte arbeiten sah mit dem gemeinsten Tagelöhner Hand in Hand. Die Frauen kochten Kaffee und schnitten Brod entzwei und reichten die Lebensmittel hinaus auf die Straße an die Erbauer der Barricaden. In den Straßen goß man Kugeln und schmiedete Lanzen. Jeder Soldat, der sich sehen ließ, wurde entwaffnet, jede Wache erstürmt.

Im Wohnungsanzeiger ermittelte man die Quartiere der Offiziere, und Volkshaufen drangen dort ein und zwangen die Frauen oder Diener, die Waffen derselben auszuliefern. Die Kaufleute vertheilten unentgeltlich Cigarren; die wohlhabenden Bürger sammelten Geld und ließen für die Arbeiter Lebensmittel holen; die Frauen und Töchter, selbst Damen von Adel und Frauen hoher Beamte, schleppten in Körben und in Schürzen Steine auf die Dächer und Kirchthürme und an ihre Fenster.

»Das Militair muß fort aus der Stadt!« das war der allgemeine Ruf, den man überall hörte. Als Abends die ersten Kanonen erdröhnten, da wuchs die Lust zum Kampf; man kannte kein Gefühl von Furcht. Alle Fenster waren erleuchtet, damit die Arbeiter und Kämpfer sehen konnten. Sobald das Militair irgendwo anrückte, hörte dieses rege Leben wie mit einem Zauberschlage auf. Alle überflüssigen Personen gingen in die Häuser und verschlossen sie. Die Männer und selbst Jünglinge und Knaben, die Schießgewehre hatten, traten hinter und auf die Barricaden und boten furchtlos ihre Brust den feindlichen Kugeln dar. Die Cavallerie konnte, da alles Pflaster zerrissen und oft vor oder hinter den Barricaden breite und tiefe Gräben gezogen waren, gar nicht wirken; nur Infanterie war anzuwenden. Auch diese konnte nirgends in größeren Massen anrücken, da die Büchsen der Schützen aus dem Volke und Steinwürfe von den Dächern herab, ganze Glieder niederstreckten. Die Infanteristen schlichen daher einzeln dicht an den Häusern entlang; sobald sie aber an eine der zahlreichen Barricaden kamen, mußten sie sich sammeln und da begann denn aufs Neue wieder die Gefahr. Am furchtbarsten war die Jerusalemer Straße verschanzt, weil dort gerade Markt war und daher jede Bude in eine Festung verwandelt wurde.

So war an jenem unglücklichen Nachmittag und Abend die Physiognomie der Stadt, die wir hier nur im Allgemeinen gezeichnet haben. Wir werden noch Gelegenheit erhalten, einzelne Ereignisse näher zu beleuchten.

Und so entfaltete sich das Bild der grausen Bewegung vor den Augen unserer Freunde, die lange vergebens sich bemühten, die Veranlassung dieser schrecklichen Scenen und einer so plötzlichen Wandlung des Friedens in Krieg zu ermitteln.

Wohin sie sich wendeten mit ihren Erkundigungen, erhielten sie die Antwort: »Wir wissen es nicht! man hat das Volk verrathen, man hat zu uns Worte des Friedens und der Freiheit gesprochen und hat auf uns geschossen.«

Endlich gab ihnen Herr Julius Curtius, Mitredakteur der Spenerschen Zeitung, folgenden nähern Aufschluß:

»Als wir gegen vier Uhr auf dem Schloßplatze ankamen, war die Stimmung eine ganz andere, als wir nach dem Jubelruf über die Zugeständnisse des Königs, der die ganze Stadt durchdrang, erwartet hätten.

»Vor dem Hauptschloßportale standen Bürger der Schutzcommission und andere Personen.

»Besonders viele Proletarier und Arbeiter,« ergänzte ein Zeuge dieser Unterredung.

»Rings auf dem Platze« fuhr Doctor Curtius fort, »war Militair vertheilt, aber der Ruf, den man von allen Seiten hörte, war kein Jubelruf; man verlangte Zurückziehung des Militairs, als Bürgschaft für die königlichen Zusagen. Je länger, desto lauter und dringender ward der Ruf. Die Menge drängte sich bis dicht vor das Militair, das im Portale aufgestellt war, doch ohne beleidigend oder ungebührlich zu werden.

»Wir,« fuhr der Erzähler mit Wärme fort, baten und beschworen einzelne Offiziere, höhere und niedere, zu Sr. Majestät zu gehen und zu sagen, was das Volk wünsche, mit dem Versprechen, daß Alles zurückgehen wolle, sobald die Zusage vom Abmarsch des Militairs erfolge und daß man sich beruhigen werde, wenn es wirklich geschehe.

»Endlich ließ sich ein hoher Militair erbitten und ging mit einem Bürger durch die Soldatenmassen in das Schloß, wurde aber nicht wieder gesehen. Da fielen die unglücklichen zwei Schüsse aus der Mitte des Militairs, die aber Niemanden verletzt hatten, doch entsetzlichen Schrecken erregten. Ein Offizier kam sogleich heran und sagte, es seien zufällig zwei Gewehre losgegangen und zwar in die Luft; es sei kein Schaden geschehen. Dadurch wurde die aufgeregte Menge wieder für einen Augenblick beruhigt. Aber in dichtgedrängten Haufen umstand die Volksmenge noch immer das Schloßportal; man wollte den erbetenen Befehl zum Zurückziehen des Militairs erwarten. Aber es kam kein Bescheid aus dem Schlosse und die Versammelten wollten eben auseinander gehen, verzweiflungsvoll darüber, daß nun doch Alles verloren sein werde. Da trat ich an den Generalmajor von Möllendorf heran, der vor seinen Truppen vor dem Portale zu Pferde hielt. Ich umfaßte sein Knie und flehte ihn an, daß er als guter märkischer Edelmann kein Unglück über Berlin bringen möge, indem es an ihm liege, die drohende Gefahr abzuwenden.«

»Er antwortete: »»So viel ich vermag, soll es geschehen; aber die Truppen können nicht zurückgehen.««

»So gingen wir denn Alle,« fuhr der Erzähler fort, »nach der Schloßbrücke zu, zuletzt Hand in Hand die Männer der Schutzcommission mit ihren weißen Armbinden und Stäben. Da erschien plötzlich ein Herr mit einem Extrablatt der Allgemeinen Preußischen Zeitung in der Hand. Er wurde auf einen Wagen gehoben und versuchte das Blatt vorzulesen; aber seine Stimme war zu schwach. Sie drang nicht durch und von allen Seiten wurde ich gebeten, die Vorlesung zu übernehmen. Das geschah. Es war die Proclamation über die königlichen Zugeständnisse. Jeder Satz wurde mit Jubel angehört. Ein Hoch dem Könige folgte dem andern. Ich schwengte mehrmals meinen Hut, um Ruhe zum Weiterlesen zu erlangen. Eben hatte ich die Worte gelesen: die Presse ist frei, und der Jubel erreichte seinen Höhepunkt; da kam noch ein Herr zu Pferde herangeritten, welcher dasselbe Actenstück in den Händen hielt. Ich las weiter und die Stimmung war die allerbeste; da wurde plötzlich von den Dragonern, die von der Seite des Lustgartens her in den innern Schloßhof eingerückt waren und aus dem Portal nach dem Schloßplatz zu hervordrangen, auf die friedliche Menge scharf eingehauen. Ich glaube, das geschah ganz in der Nähe des Generalmajors von Möllendorf, und nun erst brach allgemein der furchtbarste Unwillen los Was hier und im Folgenden über das Benehmen des durch mancherlei Vorgänge im höchsten Grade gereizten Militairs erzählt wird, ist nicht Erfindung der Phantasie eines Romanschriftstellers, sondern leider historische Wahrheit. Als solche aber wird der Geschichtsschreiber die in Zeitungen und Flugschriften zur Oeffentlichkeit gelangten Berichte von oft namhaft gemachten und geachteten Augenzeugen als Wahrheit annehmen müssen, da wir nirgend eine Widerlegung derselben finden. Namentlich haben wir diese Mittheilungen theils mündlich von Augenzeugen geschöpft, theils aus den Heften der Broschüre: »Amtliche Berichte und Mittheilungen über die Berliner Barricadenkämpfe, von Augenzeugen und Mitkämpfern« (Berlin 1848 bei G. Hempel) und »Die Revolution der Gegenwart 1848.« 5. Lieferung 2. Bandes.(Daselbst.) D. V..

»Ich meinte, das möge wohl wieder ein Mißverständniß sein, und gewann eine halbe Stunde Ruhe, um mit der Vorlesung mit verstärkter Stimme fortfahren zu können.

»Da rief man mir zu: »»Herr Curtius, es wird geschossen, es wird auf Sie angelegt.«« Ich wurde vom Wagen herunter gehoben, der Wagen selbst wurde hinweggezogen; wir Alle eilten über die lange Brücke und als wir dort ankamen, schrie man mir zu:»»Sie kommen!«« nun dann, so ist Alles verloren!

»Und es war wirklich keine Rettung mehr. In fünf Minuten stand die Barricade in der Königsstraße und an der Poststraßenecke und ich ging händeringend über das große Unglück, das ich kommen sah, die Heiligen-Geiststraße auf und ab, und kaum war ich bei Herrn Aschbach eingetreten, so fiel der erste Kanonenschuß und einen Moment nachher zischten die ersten Kartätschen die lange Königsstraße hinauf.«

———————

Ein anderer Berichterstatter nahm jetzt das Wort.

»Das Unglück ist, daß die Umgebung des Königs in dem leidigen Wahn befangen ist, die Zurückziehung des Militairs sei jetzt eine Ehrenverletzung für die Soldaten.

»Der Stadtverordnete Heymann hatte eben, auf die Schultern seiner Mitbürger gehoben, die Patente des Königs vom achtzehnten März über Zusammenberufung der Stände zum vierten April und das damals noch durch Cautionen beschränkte Gesetz über Preßfreiheit vorgelesen, als die Menge unter Schwenken der Hüte in ein donnerndes Hoch ausbrach. Während dieses Jubelrufs zeigte sich das Dragonerregiment an der Stechbahn und es erscholl der Ruf aus der Volksmenge: »Das Militair fort!« Einige Schwenkungen desselben wurden für Bewegungen zum Abzug der Truppen gehalten und ein lautes Bravo erschallte. Dieses galt den Soldaten für Hohn, der Commandeur des Regiments ließ Front machen und im Trabe gegen die Menge anrücken, wobei Viele, die so schnell nicht entfliehen konnten, niedergeritten wurden. Man sah im hellen Sonnenschein blitzende Pallasche in der Luft geschwungen.

Unmittelbar darauf marschirte aus dem mittlern Portal ein Bataillon von Kaiser Franz Regiment vor, stellte sich in Linie auf, fällte das Bajonnet, schwenkte links ab, nach der langen Brücke zu, und setzte sich in Sturmschritt. Die Trommel wirbelte, und als sie noch etwa zwanzig Schritt von der Brücke entfernt waren, fielen die verhängnißvollen zwei Schüsse. Der ganze Schloßplatz wurde mit möglichster Eile von der Volksmenge verlassen, die sich angsterfüllt, staunend und entsetzt an den Ausgängen der nächsten Straßen aufstellten; dann aber mit dem Schreckensruf: »Wir sind verrathen, sie schießen auf uns!« anfingen Barricaden zu bauen. Ein Regiment stellte sich am Candelaber inmitten des Schloßplatzes auf. Und allgemein war das Verlangen, daß das Militair zurückgezogen werden müßte.

Von der Nothwendigkeit einer solchen versöhnenden und vertrauenden Maßregel waren auch die Stadtverordneten durchdrungen, die soeben am Eingange der Breitenstraße zusammenstanden. Sie hatten die Wichtigkeit des Augenblicks bei der drohenden Gefahr erkannt. Der Stadtverordnete Heymann forderte seine Collegen auf, mit ihm zu dem König zu gehen, um die sofortige Zurückziehung des Militairs zu verlangen. Die übrigen Stadtverordneten: Petsch, Reimer und Kocham waren dazu bereit und die schnell improvisirte Deputation drang durch das Dragonerregiment und das im Innern des Schloßhofes aufgestellte Füselierbataillon vom ersten Garderegiment bis in den inneren Hofraum und der Treppe, welche zu den Gemächern des Königs hinaufführte.

»Dort traf Heymann zunächst den Kriegsminister und beschwor ihn, um Blutvergießen zu verhüten, den Befehl zum sofortigen Zurückziehen der Truppen zu geben. Der Kriegsminister blieb jedoch beharrlich dabei, er könne die Verantwortung für eine solche Maßregel nicht übernehmen.

»Indeß waren auch die Minister, Graf Arnim und von Bodelschwingh heruntergekommen, und der Stadtverordnete Heymann richtete an diese auf das Dringendste dasselbe Gesuch. Er versicherte hoch und theuer, daß keine Gefahr davon zu befürchten sei, daß das Volk jubeln und in weniger als zehn Minuten mehr als tausend Männer der Schutzcommission sich aufstellen würden, um das Schloß und dessen Bewohner gleich einer ehernen Mauer zu schützen. Mehrere andere Stadtverordnete und andere Bürger unterstützten diese Anträge mit den dringendsten Gründen. Mit Thränen in den Augen beschworen sie die Herren Minister, sie zu dem König zu lassen oder Seine Majestät zu bewegen, sich auf dem Balcon zu zeigen und die Truppen zurückziehen zu lassen. Immer aber hieß es, zum großen Unglück des Volks, Niemand könne die Verantwortlichkeit für eine solche Maßregel übernehmen. Auch habe der General von Prittwitz das Commando, nicht sie die Minister hätten es. Ueberdem habe sich der König schon zweimal auf dem Balcon gezeigt und den Wunsch ausgesprochen, daß die Volksmenge sich zerstreuen möge, worauf das Militair sich ebenfalls zurückziehen solle.

»Ueberdem,« rief einer der besternten Herren in Generalsuniform, »darf der preußische Soldat niemals und unter keinen Umständen seinem Gegner gegenüber Kehrt machen.«

»Viele der anwesenden Staatsmänner unterstützten mit Wärme die dringenden Bitten der Stadtverordneten und Bürger. Aber das falsche point d'honneur, das in der vorgefaßten unglücklichen Ansicht lag, es sei schimpflich für die Truppen, wenn sie sich zurückzögen, und so gleichsam als vom Volke überwunden erschienen, war nicht zu besiegen.

»Inwischen waren noch die königlichen Prinzen in den innern Schloßhof getreten. Nun wurden auch an diese dieselben Bitten flehentlich gerichtet. Endlich übernahm es der Prinz Karl mit seiner bekannten menschenfreundlichen Herzensgüte, die Vermittelung zu versuchen und entfernte sich.

»Unterdeß war auch der Staatsrath Nobiling im innern Hofraum erschienen. Auch dieser würdige Mann richtete dieselben Bitten an die dort versammelte Generalität, indem er versicherte: »»Ich war selbst Soldat und werde gewiß nichts verlangen, was diesem Stande irgendwie zur Unehre gereichen könnte.« Als auch diese Vorstellungen kein Gehör fanden, forderte er die versammelten Bürger und Stadtverordneten auf, sich zu dem versammelten Volke zu begeben und nochmals den Versuch zu machen, ob es zu bewegen sei, von der Forderung der Zurückziehung des Militairs abzustehen und dem königlichen Patent zu vertrauen. Das geschah; aber die aufgeregte Menge ließ sich nicht beschwichtigen. Die Wuth der Soldaten und Bürger gegeneinander entflammte sich in jedem Augenblick mehr zum tödtlichen Vernichtungskrieg.

»Der König befand sich an diesem Tage völlig bestürmt von Deputationen.

»Es läßt sich denken, wie sein Herz leiden mußte. Dieses Krachen der Geschütze, wovon ein Kanonenschuß allein schon in der Oberwallstraße vierzehn Menschen das Leben kostete; dieses Knattern des Gewehrfeuers, das Heulen der Sturmglocke von allen Thürmen und dabei die Liebe zum Volke, das seine Soldaten bekämpften, ein Herz, das blutet bei jeder Wunde, die es schlug, und dieses Alles gegenüber einem Gefühl der Nothwendigkeit des äußersten Widerstandes gegen die Revolution, um nicht wie Louis Philipp Thron und Vaterland zu verlieren, oder wie es in Wien der Fall war, die Anarchie zur Gewalt kommen zu lassen.

»Was bis jetzt dem Könige noch Festigkeit gab zu widerstreben, waren die übereinstimmenden Berichte, die er durch seine Umgebungen empfing, daß es nur Pöbelhaufen aus der untersten Hefe des Volks seien, die sich gegen Gesetz und Ordnung auflehnten. Selbst die Bemühungen der Stadtbehörden und der Schutzcommission, den Aufstand zu stillen, mußten den König in der Ueberzeugung befestigen, daß der gesunde Kern des Volks, die wohlhabenden und achtbaren Bürger den Aufstand mißbilligten und bekämpften.

»Man erzählte sich einzelne Züge, die diese Ansicht bestätigen.

»Der General von Pfuel, der einige Tage vor dem Ausbruche des Straßenkampfes Gouverneur von Berlin geworden war, hatte gegen den König beständig gegen alles Einschreiten der Militairgewalt sich erklärt; allein er war von allen andern Seiten überstimmt worden, und während er sich auf eine Stunde in seine Wohnung zurückbegeben hatte, um etwas zu ruhen, wurde der König bewogen, dem General von Prittwitz das Gouvernement von Berlin und damit den Oberbefehl über die Truppen zu ertheilen. Dieser aber erklärte dem Könige, wie man erzählte: »Er werde als Militair handeln, und wenn er dann als Bürger gefehlt haben sollte, so möge der König ihm den Kopf vor die Füße legen lassen.«

»Von diesem Augenblick an, hörte man den Donner der schweren Geschütze und entwickelte sich die furchtbare Energie der Soldatenkaste gegen das Bürgerthum, welche auch dieses zum entsetzlichen Widerstande herausforderte.

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Ein Anderer erzählte: »Als die Schüsse auf dem Schloßplatz gefallen waren, und die Gefahr schrecklich wuchs, und die Waffenläden erbrochen wurden mit dem Geschrei: »»Verrath! Bürgerblut! Nieder mit Allen, Tod den Offizieren, diesen Bluthunden!«« da stürzte sich der Kaufmann Hiller nach der langen Brücke zu, und beschwor den Commandeur der Infanterie, sich mit seinem Regimente augenblicklich zurückzuziehen, indem sonst das Blutbad unvermeidlich sei. »»Holen Sie mir nur den Befehl dazu, und augenblicklich sollen die Truppen zurückgezogen werden.«« Herr Hiller brach sich nun Bahn durch die Mauer von Bajonneten und kam endlich in den innern Schloßhof. Dort traf er den Fürst Radziwill von vielen hohen Offizieren umgeben. »»Durchlaucht,«« rief er ihm zu, »»die Gefahr droht mit dem schrecklichsten Verderben. Lassen Sie mich zum Könige, Er erscheine mitten unter seinem Volke, aber schaffen Sie den Befehl, daß sich das Militair zurückziehe!« »Womit wollen Sie den König schützen?« fragten viele Offiziere. »Mit seinen Bürgern!« war die Antwort. »Lassen Sie das Schloß von den Soldaten räumen und augenblicklich werden Tausende von Bürgern den König schirmen.« Alles Flehen war umsonst; der brave Bürger kehrt mit vernichteter Hoffnung aus dem Schlosse zurück.

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Wieder ein Anderer erzählte: »Der Polizeipräsident von Minutoli hatte sich zum Könige begeben. Aber alle Vorstellungen und Bitten blieben vergebens. Als der erste Kanonenschuß ertönte, rannte er verzweifelt fort und rief selbst die Bürger zu den Waffen.

»Der Senat,« fuhr der Erzähler fort, »blieb bei dem Könige und hätte sicher Gutes gewirkt, wenn nicht ein frommer Mann, Herr von Thiele, mit heuchlerischer Dialektik, Anruf der Gnade Gottes und Verdrehung der Augen mit gefalteten Händen, Alles aufgeboten hätte, den König zu bewegen, ferner Gewalt mit Gewalt zu vertreiben und durch Blutvergießen der verbrecherischen und hochverrätherischen Unterthanen ein Gott wohlgefälliges Werk zu üben. Immer deutete dieser frömmelnde Mann darauf hin, daß es ja nur Gesindel sei, das hinter den Barricaden stehe und sich auflehne gegen Obrigkeit und Gesetz, und selbst gegen die Gebote der heiligen Schrift, die da lauteten: »Seid unterthan der Obrigkeit, die Gewalt über Euch hat.« »Bitte um Entschuldigung,« sprach ein anwesender Professor der Universität, »es stehen auch Studenten hinter den Barricaden und commandiren die Vertheidigung des von der Militairgewalt angegriffenen Volks.« Der König ließ ihn hart an darüber, daß nun auch Studenten mit den Rebellen gemeinschaftliche Sache machten. In jedem Augenblick erhielt der König Meldung von Seiten des Militairs, daß man neue Siege über den rebellischen Pöbel erfochten habe und mit dem »Gesindel« bald fertig zu werden hoffe. Daß inzwischen alle Stände an der Revolution Theil genommen hatten, blieb dem Könige ein Geheimniß. Dagegen sorgten die Generale dafür, daß hundert tausend Patronen vertheilt wurden, von welchen jede Pulver und Blei genug enthielt, um ein Menschenherz kalt zu machen.

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Nichts charakterisirt schärfer den schlimmen Geist, der in den nächsten Umgebungen des Königs herrschte, als eine Audienz, die denselben Abend Herr von Vincke, der Landtagsabgeordnete aus Westphalen, hatte. Sogleich nach seiner Ankunft eilte er, wie man sich erzählte, in Reisekleidern zum Könige. Er machte demselben eine warme und lebhafte Schilderung von der Lage und der unzufriedenen, höchst aufgeregten Stimmung in der Provinz Westphalen und erklärte darauf: »Ich muß Euer Majestät bekennen, daß es einen bedeutenden Eindruck auf mein preußisches Herz machen mußte, wie ich in Berlin einfahrend den Kanonendonner vernahm, der gegen die Bürger gerichtet ist.« Bei diesen Worten erlaubten sich einige der anwesenden Generale höhnisch zu lachen. »Meine Herren,« rief Herr von Vincke, »das ist kein Augenblick um zu lachen.« »Es hat ja auch Niemand gelacht,« sprach der König. »Ja, Majestät,« antwortete Herr von Vincke unerschrocken, »diese Herren haben gelacht, und das ist ein ungehöriges Lachen.« Da trat ein hoher Staatsbeamter an ihn heran, und sprach mit dem vollen Uebergewicht seiner hohen Stellung: »All das Unglück kommt einzig von Ihrem schändlichen Landtag her.« »Mein Herr,« entgegnete Vincke, »das ist eine falsche und verrätherische Meinung von Ihnen. Wie können Sie es wagen, in Gegenwart des Königs die heiligsten Institutionen des Vaterlandes so zu bezeichnen?« Der König unterbrach diesen Wortwechsel, indem er freundlich sagte: »Nun, mein lieber Vincke, Sie soupiren doch mit mir?« »Majestät,« entgegnete er, »nach dem, was ich hier sehe und höre, ist mir aller Appetit vergangen.« Damit zog er sich nach einer kalten Verbeugung zurück.

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Noch einmal versuchte der Landschaftsrath beim Einbruch der Nacht den König zu bewegen, Befehl zu geben, daß das Militair sich zurückziehe. Er beredete sich mit mehrern Bürgern, eine neue Deputation zu bilden, um noch den letzten Versuch zu machen, mitten durch das Kampfgetümmel bis zum Schloß vorzudringen. Zuvörderst aber bedurften sie noch eines allgemein gekannten hochgeachteten Mannes, der sich an die Spitze dieser improvisirten Deputation stellen sollte, um Eingang zu erlangen.

So gelang es ihnen, unter steter Lebensgefahr durch die bewaffnete und tobende Menge in der Brüderstraße bis zu der Wohnung des würdigen Bischofs Neander vorzudringen. Dieser hochwürdige Geistliche war sogleich dazu bereit, die Deputation zu führen. Er begleitete sie im vollen Kirchen-Ornat. Furchtlos schritten die braven Männer vor, mitten durch Kugelregen, Kampfgetümmel und Mauern von Bajonnetten. Ueberall wich man ihnen aus und begrüßte sie mit lautem Zuruf als Friedensboten. Sie gingen ernst im Gefühl ihrer wichtigen Mission und mit Würde, die Häupter entblößt, mitten durch das wogende Meer der Volksmenge, und wohin sie kamen und mit Worten ihre Absicht, den Frieden zu bringen, verkündeten, da beruhigten sich die tobenden Wogen, gleich als sei Oel auf die sturmbewegte See gegossen.

»Bravo, Ihr Friedensstifter! bringt uns den Frieden!« schrie das Volk und riefen Ihnen selbst Soldaten zu, und so kamen sie ungefährdet bis an die Treppe, die zu den königlichen Gemächern führte. Nach einigen Schwierigkeiten gelang es ihrer edlen Beharrlichkeit und dem Eindruck, den die persönliche Würde des Bischofs im geistlichen Ornat machte, endlich Zutritt bei dem Könige zu erlangen. Hochherz erzählte später den Erfolg dieser Deputation, die auch durch die Presse zur Oeffentlichkeit kam.

Nach dieser Erzählung erklärte der Sprecher der Deputation dem Könige in ehrerbietiger, aber fester Haltung: Das Volk sei zum Kampf gerüstet; Straßen und Dächer wären zum Widerstande eingerichtet, die Folgen ließen sich noch nicht zum Voraus berechnen; aber jedenfalls würden sie schrecklich sein. Der Bischof und die übrigen Mitglieder der Deputation bestätigten diese Erklärung und fügten die dringendsten Bitten hinzu, daß das Militair zurückgezogen werde. Nur alsdann sei dem Blutvergießen Einhalt zu thun.

Der König antwortete in den gnädigsten und freundlichsten Formen dasselbe, was später in der Proclamation vom achtzehnten zum neunzehnten März ausgesprochen wurde, daß nämlich zuerst das Volk seine Stellung aufgeben müsse, ehe er, der König seine Truppen zurückziehen könne. Dann führte er die Deputation ans Fenster und zeigte auf die blitzenden Helme und Bajonnette, welche die Königsstraße in ihrer ganzen Breite füllten. »Da sehen Sie selbst, meine Herren,« sprach er darauf, »diese Straße gehört mir!« Dann versprach er gern Alles gewähren zu wollen; aber nur der Bitte, nicht der Gewalt.

»Dazu Majestät,« sprach Herr von Hochherz, »möchte es bald zu spät sein.«

»Zu spät? Bestimmt nicht; denn der Sieg ist meinen Truppen gewiß.«

»Euer Majestät gebe ich zu bedenken,« antwortete Hochherz, »daß jeder Sieg über das Volk nur eine Niederlage für die Krone ist.«

Dieser Gedanke schien Eindruck auf den König zu machen. Er entließ die Deputation und zog sich zurück.

Als die Abgeordneten zu den ihrer harrenden Volkshaufen zurückkehrten und den Bescheid des Königs überbrachten, da entflammte die Wuth der Menge aufs Neue und Hochherz sagte in schmerzlicher Bewegung: »Ja, meine Freunde, wenn Gott und der König uns nicht helfen wollen, so müssen wir uns selbst helfen. Bruderkrieg ist schrecklich; aber hier wird er zum Pflichtgebet; denn wenn wir jetzt nicht Alles erringen für die Freiheit, so wird in den nächsten Stunden schon Alles wieder verloren sein.«

 

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