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So war es. Zweiter Theil

Karl Ludwig Häberlin: So war es. Zweiter Theil - Kapitel 5
Quellenangabe
authorKarl Ludwig Häberlin
titleSo war es. Zweiter Theil
publisherVerlag von C. L. Fritzsche
year1849
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180703
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Zehntes Buch.

Metternich's Entlassung. Schutzcommission. Neuer Straßenkampf am 15. März. Bei Geheimrath Leblos. Im Local der Lesehalle.

»Weh! wenn sich in dem Schooß der Städte
Der Feuerzunder still gehäuft;
Das Volk, zerreißend seine Kette,
Zur Eigenhülfe schrecklich greift.«

Schiller.

———————

1.

Noch am gestrigen Abend war durch den Staatsanzeiger die Nachricht in Berlin verbreitet: Fürst Metternich sei verjagt, die Censur sei in Oesterreich aufgehoben, in diesem Oesterreich, das sich seit dreißig Jahren gegen jeden freisinnigen Fortschritt beharrlich abgeschlossen hatte.

Damit war das Metternichsche System gestürzt, dieses geistesmörderische System des sogenannten Conservatismus der europäischen Cabinette, das auch Preußen, trotz alles Lichtes, das von Zeit zu Zeit in den Geist unseres Königs gedrungen war, in sein Schlepptau genommen hatte.

Jetzt erst war Preußens Cabinet von der jeden Fortschritt hemmenden fremden Politik frei geworden, jetzt erst war die Möglichkeit für das Volk gegeben, auch für sich selbst seine Freiheit zu erkämpfen.

Ein erbärmlich abgefaßter todtgeborener Artikel des preußischen Staatsanzeigers brachte diese Mittheilung. Auf die bewegte Straßenemeute hatte derselbe begreiflich noch keinen Einfluß haben können. Die Pöbelhaufen, welche gegen das Militair kämpften, hatten weder politisches Bewußtsein, noch politische Bildung genug, um auf Metternich's Vertreibung das ganze volle Gewicht dieses folgenreichen Ereignisses legen zu können.

Dagegen war die ganze gebildete Bevölkerung Berlins davon auf das Tiefste ergriffen.

Auch unsere Minister müssen dem erwachenden Geiste einer neuen Zeit weichen, hieß es schon in dem Local der Zeitungshalle am vorigen Abend. Noch lebhafter und allseitiger aber wurde am 16. März früh dieses große politische Ereigniß in den bedeutendern Conditoreien und Frühstückslocalen besprochen.

Unsern Landschaftsrath sahen wir an diesem Morgen in mehreren solchen Gesellschaften. Man glossirte zunächst die an allen Ecken zu lesende Bekanntmachung des Magistrats vom heutigen Tage, welche die Unterdrückung des Aufstandes vermittelst einer Vermehrung des Schutzvereins von angesehenen Bürgern und Bewohnern der Residenz aus friedlichem Wege bezweckte. Diese Mannschaft, womit gestern nur ein kleiner, nicht eben glücklich ausgefallener Versuch gemacht war, sollte im Laufe des Tages auf 8000 Mann gebracht werden; als Abzeichen sollten sie außer der weißen Armbinde noch den weißen Friedensstab der englischen Constabler tragen. Die Studenten würden dann, hieß es, ein eigenes Schutzcorps bilden und man dürfe dann sicher auf den moralischen Eindruck so vieler achtbarer Männer auf den Pöbel rechnen, um, wenn sich nur das Militair ruhig verhalten würde, auf Herstellung der Ruhe und Ordnung sicher bauen zu dürfen. Dann erst könne und werde der König, der bis jetzt nur in der Volksbewegung einen Pöbelaufstand gesehen habe, wieder Vertrauen fassen für den achtbaren Kern und gesunden Sinn der Bürgerschaft; er würde dann den durch Deputationen vorzubringenden Bitten gern mit Gewährung entgegenkommen und wir würden auf dem Wege der Reform sicherer erreichen, was bei der Stärke der Militairmacht der Krone durch eine Revolution, welche Tausende ins Unglück stürzen würde, nie zu erreichen sei.

Das war die Stimme der Besonnenen in der wohlhabenden Classe der Bewohner Berlins.

Der Landschaftsrath war nicht ganz dieser Meinung. In den Kreisen, wo dieser Gegenstand besprochen wurde, trat er dagegen auf.

»Ich bin ganz der Meinung,« sprach er, »daß es jetzt an der Zeit ist, daß der gesunde und achtbare Kern der Nation den Pöbelrotten des vorigen Abends das Heft einer Revolution aus der Hand nehme, um dann selbst als eine compacte Masse mit einer großen politischen Idee vor den Thron zu treten und in der Form von Petitionen den entschiedenen Willen des Volks auszusprechen. Allein mit weißen Binden und weißen Stäben wird hier nichts erreicht. Wir sind keine Engländer, denen die Achtung vor dem Gesetz und dessen Vollstreckern in Fleisch und Blut gedrungen ist, weil sie seit sechs Jahrhunderten politischer Freiheit diese Gesetze selbst mitgemacht haben. Es ist daher eine Lächerlichkeit, die Idee englischer Constabler auf deutsche und namentlich preußische Verhältnisse übertragen zu wollen. Schon der gestrige Abend hat gezeigt, daß die weiße Friedensbinde nichts ist, als ein Gegenstand von Spott und Hohn für Arbeiter, Eckensteher und Gassenbuben. Der heutige Abend wird den Beweis liefern, daß auch die weißen Stäbe zum Kinderspiel werden.«

»Ich schlage vor,« bemerkte ein Berliner Witzmann mit großem Bart, ovaler Brille und tiefliegenden Augen, »daß die nun sich bildende Schutzmannschaft auf ihren weißen Stäben reite; so hätten wir doch der Soldateska eine achtbare Bürgercavallerie entgegenzusetzen.«

»Man will,« bemerkte ein Anderer, ein blasses aergelbtes jugendliches Greisenantlitz, ein kleiner Mann mit einer ungeheuern Haarwolke, die bis auf die Schultern niederreichte und einem katzenartigen dünnen Bart am magern Kinn, »die Mitglieder der Schutzcommission Schutzcommissarien nennen, das ist ein glücklicher Gedanke; denn bei dem Worte Commissarius geht dem Proletarier die Pfeife aus und der Gebildete denkt an den alten Polizeistaat, der uns bis hierher knechtete.«

»Sie sehen, meine Herren,« fuhr der Landschaftsrath fort, »wie schon jetzt dieses noch nicht einmal völlig ins Leben getretene Institut verspottet wird. Wie wird es erst werden, am Abend, wenn die Leidenschaften toben und die unbewaffneten Herren Schutzcommissarien sich selbst in den Schutz des Militairs begeben müssen. Darum, meine Herren, ist mein Rath, wir begeben uns in corpore zu der Stadtverordnetenversammlung, die jetzt ihre permanenten Sitzungen hält, und fordern 1) Bürgerbewaffnung und 2) gänzliche Entfernung des Militairs. Die Communalbehörde muß dem Könige diese Vorstellung machen; dann, wenn er genehmigt, wird der gesunde Kern der Bürgerschaft bewaffneter Repräsentant einer Volksmacht sein, welcher die Krone keine billige Forderung im Geist der Freiheit wird abschlagen können. Ohne eine solche imposante Macht aber wird die aristokratische und pietistische Camarilla, deren egoistische Umtriebe und frömmelnde Nebel das geistige Auge des Königs umfloren, auch keinen Schritt weichen und nachgeben; ohne eine bewaffnete Volksmacht in anständiger Haltung wird man am Throne nur von Pöbelherrschaft träumen und dafür die Kartätschenkugel als ultima ratio Regum für heilsame abführende Pillen erklären.«

Dieser Vorschlag fand den lebhaftesten Anklang unter allen Anwesenden. Sie beschlossen sogleich, sich als eine massenhafte Deputation nach dem Sitzungssaal der Stadtverordnetenversammlung zu begeben, und Herr von Hochherz wurde einstimmig zum Sprecher erwählt. Die Versammlung dieser Väter der Stadt vernahm den Wunsch, hatte indeß schon nach einer ziemlich unbedeutenden Discussion beschlossen, vorerst an dem Institut der unbewaffneten Schutzcommission fest zu halten; doch wurde auf die dringende Vorstellung der Bürger endlich genehmigt, daß gegen Abend eine Bürgerversammlung im Rathhause gehalten werden solle, worin man die schon von verschiedenen Seiten eingegangenen Anträge auf Organisation einer bewaffneten Bürgerwehr in Berathung nehmen werde. Indeß habe diese Idee sich des Beifalls der höhern Behörden nicht zu erfreuen und würde daher schwerlich durchgehen.

Der Abend schien übrigens noch so ziemlich ruhig verlaufen zu wollen. Die Stille auf den Straßen deutete man dahin, daß die durch Placate angekündigte Einrichtung der Schutzcommissionen und die verheißene Zurückziehung des Militairs Ruhe und Vertrauen wiederhergestellt habe. Zum Unglück aber wollte Jedermann sich mit eigenen Augen davon überzeugen und die Straßen, besonders in der Gegend des Schlosses, waren mit ungeheuern Massen von Neugierigen angefüllt, welche mit eigenen Augen die Ruhe und den Frieden sehen wollten und brachten damit wieder, ohne es zu wollen und zu wissen, die Unruhe und den Unfrieden in die immer mehr sich füllenden Straßen.

Unter diesen Neugierigen befand sich denn auch unser junger Freund Edmund. Sein Fuß war so weit hergestellt, daß er mit Hülfe eines Stockes gehen konnte. Nun hielt ihn nichts mehr im Hause. Er wollte selbst sehen, daß Soldaten nicht mehr zu sehen waren und die trügerische Stille auf den Straßen noch gegen sechs Uhr Abends bewog endlich seine ohnehin sehr nachgiebigen Eltern und seine liebevolle Schwester, seinem Weggehen kein Hinderniß mehr in den Weg zu legen.

Edmund sah sich die Neugierigen an, zu denen er freilich auch selbst gehörte. Er sah auf dem Schloßplatz zahlreiche Gruppen von Schutzcommissairen stehen. Auf ihren weißen Armbinden las er das Wort »Schutzcommissair,« ihre weißen Stäbe sahen nicht grade aus wie Zauberstäbe, womit ein Aufstand, wenn er ausbrechen sollte, beschworen werden konnte.

Die versöhnlichen Placate des Magistrats und des Polizeipräsidiums schienen einen günstigen Eindruck auf die wogende Menge gemacht zu haben. Gegen sechs Uhr füllten sich die nächsten Umgebungen des Schlosses mit einer zahlreichen Zuschauermasse. Das waren eigentlich nur ganz unschuldige Spaziergänger, ehrbare Bürgersleute und theilweise sehr anständig gekleidete Personen aus den höheren Ständen. Auch von Studenten sah man ein ganzes Corps als Schutzmannschaft auftreten. Diese sollten eigentlich erst um acht Uhr auf dem Schauplatz der Ereignisse erscheinen; aber Diensteifer brachte sie schon gegen sieben Uhr in Bewegung.

»Da kommen die Leichenbitter,« riefen Berliner Witzbolde und unter lautem Lachen wurde dieser Spottname weiter getragen. Schon daraus ließ sich erkennen, wie wenig dieses Institut geeignet war, der Berliner Bevölkerung Achtung einzuflößen. Die Schloßportale waren wenig besetzt, nur im Innern der Höfe campirten Soldaten. Edmund konnte unangehalten mitten hindurchgehen; das galt ihm schon als ein gutes Zeichen der wiederhergestellten Ruhe. Als er aber an der Seite der Terrassen, welche der Volkswitz den »Hengstenberg« nennt, weil zwei kolossale Pferdegruppen in Bronze, ein Geschenk vom russischen Kaiser, die Postamente auf beiden Seiten des Einganges zieren, wovon nach Maßgabe ihrer Stellung die eine Gruppe »der fortschreitende Rückschritt,« die andere »der rückschreitende Fortschritt,« genannt wird, in den Lustgarten, dem Museum gegenüber, hinaustrat, hörte er, wie ein höherer Offizier zu den Schildwache sagte: »Hinaus könnt Ihr Jeden lassen, aber Niemanden herein;« da galt ihm das schon als ein böses Omen, daß man doch dem Frieden so recht nicht traue.

Kaum aber war Edmund auf die große Brücke gekommen und nahte sich dem Opernhause, so sah er bedeutende Militairmassen von Infanterie unter den Linden aufgestellt stehen.

So kam er vor das Opernhaus. Dort stand allerdings ein ziemlich bedeutender Menschenhaufen, der darüber entrüstet war, daß trotz der Schutzcommissionen und der gegebenen Verheißungen doch wieder Militair gegen das Volk anrücke. In der Avantgarde dieses aus anständigen Leuten bestehenden Volkshaufens befanden sich wieder Berliner Gassenbuben, welche mit ihrer lebhaften Beweglichkeit gegen eine gegenüber aufmarschirte Infanteriecolonne ein Tirailleurfeuer von Pfeifen, Spottreden und selbst Steinwürfen eröffneten. Ueberall war Tumult und Trommeln; man überhörte daher auch hier das ohne Zweifel gegebene gesetzliche Zeichen zum Auseinandergehen. Und so war es denn völlig unerwartet, als plötzlich gegen den ruhig zusammenstehenden Menschenhaufen eine Gewehrsalve krachte. Dieser folgte schnell hintereinander eine zweite und eine dritte.

Dicht neben Edmund fielen einige Verwundete und Sterbende nieder. Er selbst hatte zwei Kugellöcher in seinen schwarzen Sackpalletot erhalten. Es entstand ein furchtbares Angst- und Nothgeschrei. Alles stob auseinander und blind rannte man da und dort einem Bajonettangriff von einer andern Seite entgegen. Dennoch nahm sich Edmund Zeit, einen Schwerverwundeten auf seine Schultern zu laden und aus dem Getümmel zu tragen, was ihm wegen seiner eigenen, noch nicht ganz geheilten Fußlähmung ziemlich beschwerlich wurde.

Edmund folgte langsam mit seiner Bürde der Masse, die mit furchtbarem Geschrei von den Plätzen vor dem Zeughause und dem Opernhause sich an der Schloßfreiheit hinunter nach der Schleußenbrücke stürzte. Hier stopfte sich die Menge, und Edmund fand ein Plätzchen in einer Ecke von der Brücke, um den Schwerverwundeten nieder zu setzen und ihn zu fragen, wohin er gebracht zu werden wünsche.

Er nannte ein Haus an der Ecke der Jägerstraße in welcher sich das Local der Berliner Zeitungshalle befand.

»Mein Gott!« rief Edmund, »da wohnt ja der Geheimrath Leblos!«

»Ganz richtig;« entgegnete der Verwundete, »ich bin der Student Leblos, sein Neffe und wohne in der Familie.«

»In dieser Familie,« sprach Edmund mit Rührung, »habe auch ich einst glückliche Tage zugebracht. Ich heiße Edmund Redlich.«

»Ah, der Geliebte meiner Nichte Bertha.«

»Sie wissen um das Geheimniß?«

»Sie hat es mir vertraut, ich habe dagegen das meinige verpfändet.«

»Und verdammen gleich dem Vater diese unglückliche Liebe?«

»Ich segne sie, da schon Ihre heutige That mir dafür bürgt, daß meine Freundin eine glückliche Wahl getroffen hat.«

»Nun dann,« rief Edmund lebhaft, »knüpfen mich die heiligsten Bande auch an Sie. Indeß lassen Sie uns Ihre Wunde untersuchen. Wo haben Sie den Schuß empfangen?«

»In der Brust,« sprach der junge Mann, »die Wunde schmerzt sehr, und der Blutverlust.«

In dem Augenblicke gingen zwei Studenten an ihnen vorüber, die durch die weißen Armbinden als Schutzcommissaire kenntlich waren. Edmund rief sie an und sogleich waren Beide bereit, ihm beizustehen. Zum Glück war der eine der Studenten ein Mediciner. Man brachte den Verwundeten in das Schilderhaus, wo die beiden Andern ihn in ihren Armen aufrecht hielten. Der Mediciner öffnete ihm die Kleidung auf der Brust und that bald den Ausspruch, daß keine Gefahr vorhanden sei als höchstens eine Verblutung, wenn der Blessirte nicht bald zur Ruhe komme. Die Kugel habe den Thorax (die Rippen, welche die Brusthöhle bilden), nicht durchdrungen, sondern das Muskelfleisch aufgerissen und sei in den Arm gedrungen, wo sie wahrscheinlich noch stecken werde. Die Blutung sei übrigens bis jetzt noch nicht gefährlich. So gut es sich thun ließ, legte er einen vorläufigen Verband an, um weitere Blutung zu verhindern.

Nun legten die beiden Studenten den Obertheil des Körpers des Verwundeten auf Tücher, von welchen Jeder von ihnen einen Zipfel hielt und Edmund trug die Beine. So ging der Zug gleich einem Leichenzug über die Brücke, die Oberwallstraße entlang und nach der Jägerstraße zu. Es war, als ob ein Leichenzug sich bewegte. Man machte ihnen überall Platz, so viel es das furchtbare Gedränge erlaubte.

Da wo die Oberwallstraße in die Jägerstraße ausmündet, stopfte sich die Menge. Von allen Seiten sah man Helme und Bajonnette blitzen. Alles schrie durcheinander.

»Bauet doch Barricaden!« rief eine volltönende Stimme. Es war ein Mann, der dicht neben Edmund und seinen Mithelfern gleichsam aus der Volksmenge herauftauchte, ein Mann von untersetzter Figur und breiter Brust, die ein ungewöhnlich großer röthlicher Bart bedeckte.

»Sie, Ajax?« rief Edmund ihm zu, »machen Sie doch keine Tollheiten! Wie ist es möglich, hier Barricaden zu bauen? Kein Material zur Hand und von allen Seiten Soldaten.«

»Schadet nichts,« entgegnete der Rothbärtige höhnend; »ist es gleich Tollheit, hat es doch Methode!« Dann schrie er noch einigemal: »Barricaden bauen! Barricaden bauen!« und setzte dadurch die Menge in neue Bewegung, welche Bohlen von den Rinnsteinen in den nächsten Gassen herbeischleppten und in die Mitte des Straßendammes hinwarfen. Andere rissen das Straßenpflaster auf; das genügte aber Alles noch nicht.

»Aber mein Himmel, Sie sehen ja, Ajax, daß Sie damit ganz nutzlos die Gefahr vermehren. Im nächsten Augenblick werden die Soldaten von allen Seiten Feuer geben in die dichtgedrängte Menge.«

»Und ein Dutzend dieser hasenherzigen Menschen wird fallen,« sprach Ajax mit gedämpfter Stimme, indem er Edmund ganz nahe trat. »Einmal wird damit ein sociales Problem gelöst, denn wir leiden an dem Unheil der Uebervölkerung und dieser einen tüchtigen Aderlaß beizubringen, kann dem Gemeinwohl nur förderlich sein; und dann wird durch einige Dutzend Menschenopfer erst die Volkswuth gegen das Militair aufs Höchste gesteigert werden, und dahin muß es erst kommen, eher wird eine tüchtige Revolution nicht möglich sein.«

»Welche teuflische Grundsätze?«

»Wäre nicht ein Bischen Teufelei in uns, mein junger Freund,« hohnlächelte der Placatenheld, »so würden wir mit den Paar flügellahmen Engeln im Herzen noch nicht weit kommen. Große Maßregeln aber erfordern große Opfer. Was sind zehn Tausend Menschenleben gegen den kleinsten Erfolg für die Freiheit des Volks?«

Da jetzt die Soldaten näher rückten, so zog es der bärtige Maulheld vor, sich in die nächste Seitenstraße zu drücken, anstatt um die Ehre zu buhlen, die er jedem Andern gönnte, nur nicht sich selbst, als Held der Barricaden erschossen zu werden.

Noch hielt sich das Militair hier mit anerkennungswerther Mäßigung. Obgleich mehrere Stimmen: »Waffen, Waffen!« riefen und Jemand aus einem Victualienkeller ein Beil holte, um den Laden gegenüber an der Ecke der Jägerstraße zu erbrechen, wo man Waffen zu finden hoffte, so enthielt sich doch das Militair an dieser Stelle noch, von den Schußwaffen Gebrauch zu machen, hier wo eine einzige Spitzkugel durch zehn Menschenleiber gegangen sein würde.

Man sah es indeß der Hast und Planlosigkeit dieser Vertheidigungsversuche an, daß es der Bewegung an einem leitenden Mittelpunkt fehlte, daß Alles nur in der Eile und Angst des Augenblicks geschah, ohne mit irgend einem Widerstandsmittel nur fertig zu werden.

So war denn endlich das Haus erreicht, in dessen zweiter Etage sich das glänzende Local der Zeitungshalle befand.

 

2.

Durch Polizeibekanntmachungen war überall befohlen, die Hausthüre geschlossen zu halten. Das war auch hier geschehen. Doch auf Pochen der jungen Männer wurde von innen die Hausthür geöffnet. Es hatte der Eigenthümer der Berliner Zeitungshalle, Herr Julius, den Oberdiener des Locals, den gewesenen Unteroffizier Rothe, zur Unterstützung des Hauswirthes bei diesem menschenfreundlichen Geschäft an die Hausthür gestellt und der Einlaß erfolgte ohne Schwierigkeit.

Edmund zog an der ihm wohlbekannten Klingel im dritten Stock. Eine bekannte liebe Stimme fragte: »Wer da?« und Edmund sah durch die Stäbe des Gitters bei dem Schimmer des Lichts, das sie trug, das geliebte Mädchen.

»Fräulein Bertha, wir bringen Ihren Cousin, leicht verwundet,« entgegnete Edmund mit Herzklopfen.

»O mein Gott!« mit diesen Worten öffnete das junge Mädchen; aber es lag eine Welt voll Empfindung in diesem Ausruf. Was alle Uebrigen für eine Aeußerung von Schreck über die Verwundung des im Hause wohlgelittenen Vetters hielten, erkannte Edmund bald als den Ausdruck der freudigsten Ueberraschung wegen seiner unerwartet schnellen Befreiung aus der Festungshaft und Rückkehr nach Berlin. Die Glückseligkeit des Wiedersehens spiegelte sich im Glanz der braunen Augen des liebenden Mädchens und ein von den Uebrigen unbemerkt gebliebener Druck der Hand bestätigte diese Auslegung ihrer Blicke.

So hatte denn für den ersten Augenblick das Gefühl der Liebe, das in weiblicher Brust die ganze Seele beherrscht, jede andere Empfindung in den Hintergrund des Herzens zurückgedrängt, bis der volle Anblick der blassen leidenden Züge ihres verwundeten nahen Verwandten das Mitgefühl des jungen Mädchens weckte, und mit Thränen im Auge leuchtete sie ihm voran, als er von den Dreien in eine ganz am Ende des Corridors belegene einfenstrige Stube der räumlichen Wohnung getragen wurde. Das Fenster aber ging nach der Straße hinaus, ein Umstand, der später, wie wir sehen werden, bedeutende Unannehmlichkeiten im Gefolge hatte.

Das Alles geschah so rasch und lautlos, daß die in einem der vordern Zimmer sitzenden beiden alten Herren nichts davon vernahmen.

Bertha mit ihrem Mädchen bereiteten dem Verwundeten ein bequemes Lager auf dem Sopha. Als die Studenten begannen, ihn auszukleiden, um seine Wunden besser verbinden zu können, entfernten sie sich und das Dienstmädchen wurde in den Keller geschickt, um noch ein Paar Flaschen Wein herauf zu holen. Diesen Augenblick benutzte Edmund, seine geliebte Bertha in der Küche zu überraschen. Eine Umarmung der zärtlichsten Liebe feierte jetzt den Moment des Wiedersehens, aber so rasch und flüchtig rauschte dieser entzückende Augenblick im schnellen Lauf der Ereignisse vorüber, daß davon nichts zurückblieb als eine beglückseligende Erinnerung und eine kurze Verständigung.

»Wenn morgen Alles ruhig ist,« sprach Bertha, »so besuche ich Deine Schwester Nachmittags vier Uhr..... denn hier..... geht es nicht; der Vater ist unversöhnlicher gegen unsere Verbindung als jemals.«

———————

Indeß saßen in einem der elegant meublirten, mehr nach vorn zu belegenen Zimmer zwei alte Herren und spielten Picket, wobei Jeder seine Pfeife rauchte, dann wieder zu dem Glase griff, dessen grüne Farbe und ballonförmige Form verrieth, daß es ein guter alter Rheinwein war, dessen Blume das ganze Gemach mit einem kräftigen Duft erfüllte.

»Nun Freund Major,« sprach der magere Geheimrath mit den blassen vielgefalteten Gesichtszügen zu dem feist und wohlhäbig dasitzenden, ausgedienten Militair, dem pensionirten Major von Prusky, »wie schmeckt das Weinchen?«

»Süperb!« mit diesen Worten sog er den letzten Tropfen aus dem grünen Glase, betrachtete die Etiquette auf der grün angelaufenen Flasche und sprach: »Schloß Johannisberger Eilfter, auf Ehre, diese Etiquette ist keine Lüge nicht, Herr Bruder!«

»Gewiß nicht!« entgegnete der Geheimrath und schenkte wieder ein, »das hat aber auch diplomatische Connexionen und Künste gekostet, dieses Prachtcabinetsweinchen, à Flasche einen vollwichtigen kremnitzer Ducaten, aus dem untersten Keller des Fürsten Staatskanzler zu haben.«

»Apropos, dabei fällt mir ein, Herr Bruder Geheimrath, ich parire zehn Flaschen Champagner gegen eine Flasche dieses Cabinetsweins, daß die ganze Geschichte mit der Absetzung des Fürsten Metternich nichts ist, als eine recht derbe Zeitungsente, die einmal wieder dem deutschen Michel aufgebunden wird.«

»Aber die preußische Staatszeitung, diese officielle Hofzeitung, die bringt wohl eher politische Gänse zu Markte als solche Zeitungsenten.«

»Bitte um Entschuldigung, wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht, der findet Bedenkliches in den Worten,« und dabei nahm er das Blatt zur Hand und las:

»Der Fürst Metternich hat seine Entlassung gegeben und die Bildung eines neuen Cabinets soll dem Grafen Kolowrat und dem Grafen Montecuculi übertragen sein. Demnach ist Oesterreich auch in die Bahn der Reformbewegung eingetreten, der es sich so lange verschlossen hatte. Hoffen wir, daß dadurch sein Verhältnis zu Deutschland und vorzugsweise zu Preußen, welches diesen Weg längst betreten hat und auf ihm konsequent fortzuschreiten gedenkt, ein innigeres werde; daß nunmehr beide deutsche Großmächte, im Verein mit ihren deutschen Bundesgenossen, mit um so glücklicherem Erfolge für die Umgestaltung Deutschlands zu einem kräftigen, von dem nationalen Bewußtsein getragenen Staate zu wirken befähigt sein mögen!«

»Nun Herr Bruder, riechst Du Lunte?«

»Noch nicht, Herr Bruder Geheimrath; Du wolltest sagen.....?«

»Ich wollte sagen: wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht, der wird hier aus der Klaue den Löwen erkennen.«

»Und das will sagen?«

»Nichts Geringeres, als daß unser König geneigt ist, dem leidigen verfluchten Zeitgeiste Concessionen zu machen.«

»Das wäre der Teufel!«

»Wie ich Dir sage, Herr Bruder Major, unser König ist freisinniger wie alle seine Umgebungen. Schon lange hat er sich mit den modernen Ideen von Preßfreiheit, Nationalrepräsentation und Deutschlands Einheit getragen und deshalb kommt eigentlich der Pöbelaufstand ihm ganz gelegen. Gieb Acht, Herr Bruder, wir erleben es noch, daß der König diesen Straßenjungenspectakel für die Stimme einer neuen Zeit hält und Alles bewilligt, was Demagogen und radikale Wühler seit dreißig Jahren ausgeheckt haben.«

»So schlag' Pulver und Blei darein! giebt der König nur einen Finger breit nach, so nehmen sie sich eine Hand breit und dann endet die Geschichte in Berlin wie in Paris mit Adieu Sanssouci, bon jour Frau Gevatterin Victoria!«

»So weit wird und kann es bei uns nicht kommen!« rief der Geheimrath mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit, »unsere Garderegimenter sind tapfer und trefflich geschult; sie sind längst unter aristokratischen Offizieren dem Volke entfremdet, ihre Disciplin ist so trefflich, daß sie Vater und Mutter todtschießen und ihre Brüder spießen, wenn es commandirt wird; dazu eine Camarilla, welche die Krone wie eine chinesische Mauer umgiebt, keine freisinnige Idee durchpassiren läßt, Alles verdächtigt, was nicht bis zum Schuhsohlenlecken servil ist und selbst die freigeistigste Absicht des Königs auf krummen Schlangenwegen zu vereiteln weiß; ferner ein Ministerium, das es bequemer findet nach dem Princip zu herrschen: car tel est notre plaisir, als einer Volkskammer gegenüber für jeden Schritt verantwortlich zu sein; Minister, die lieber ihr Amt als lebenslängliche Sinecure mit 12,000 Thalern Gehalt behalten wollen, statt stets Gefahr laufen, nach kurzem Kampfe die Excellenz auf die Nase fallen zu sehen; und endlich eine Beamtenhierarchie, die ihr Ansehen, ihre hohe Stellung und ihre Willkürherrschaft um keinen Preis aufgeben wird. So befestigt, wird der Thron auf diese sogenannten Volkspetitionen und Pöbelaufläufe mit Kartätschen antworten und wir werden hoffentlich bald sehen, daß sich die Straßen mit Blut und Leichen bedecken und die Garde triumphirend mit klingendem Spiel und wehenden Fahnen darüber hinwegmarschirt zu einer großen Parade, bei welcher Blutflecken auf den Uniformen die Verdienstmedaille oder, wenn es Offiziere sind, den rothen Adlerorden einbringen werden.«

»Amen! Amen! dazu gebe Gott seinen Segen,« sprach der Major, faltete die Hände über den runden Bauch und blickte seufzend zum Himmel empor. Dann aber vergaß er auch seinen irdischen Gott nicht, tauchte die rothe Nase in den grünen Ballon seines Glases und nachdem er den Götterduft des Johannisberger Nektars behaglich eingeschlürft hatte, sprach er andächtig: »Gott segne den Fürstkanzler Metternich und lasse die Fabel von seiner Entsagung eine Lüge oder wenigstens eine diplomatische Intrigue sein.«.....

»Fürst Metternich hoch!« rief der Geheimrath. Beide Männer stießen mit den frischgefüllten Gläsern an, aber sie vergaßen zu trinken. Stumm vor Schreck saßen sie einander starr und leblos gegenüber.

In der That entstand in diesem Augenblick unten vor dem Hause ein markdurchdringendes Geschrei und schrillendes Gepfeife.

»Was ist das?« fragte der Geheimrath, der zuerst sich wieder erholte.

»Herr Gott steh uns in hohen Gnaden bei! das ist doch gerade so ein Mordspectakel, wie man es in Thiers' Geschichte der französischen Revolution gelesen hat, damals wie das Volk die Bastille stürmte.«

»Das habe ich auch schon gedacht, wenn nur nicht der Pöbel dieses Haus stürmt, unten wegen der Lesehalle, die durch hundert Zeitungen gottlose Neuerungen verbreitet. Herr Bruder Major, wie wäre es, wenn Du Dich einmal bemühtest aus dem Fenster zu sehen?«

»Ich? Wie soll ich zu der Ehre kommen, in solchen Dingen gebührt dem Hausherrn der Vorrang.«

»Das sind Ausreden der Furcht, Herr Bruder Major, und ich muß gestehen, daß ich mich wundere, wenn so ein alter Militair«.....

»Doch nicht für furchtsam gehalten wird? Donner und Doria! Herr Bruder Geheimrath, solche Insulten muß ich mir verbitten. O, Herr Bruder, ich habe im dreißigjährigen Garnisondienst bewiesen, daß es mir nicht an Courage fehlt, gerade vor die Mündung einer Kanone hin zu treten....«

»Wenn sie – nicht geladen ist.....«

»Ob geladen oder ungeladen, das bleibt sich gleich, auf Ehre und Cavalierparole. Aber das bleibt sich nicht gleich, ob der Major a. D. von Prusky einen Steinwurf vor den Kopf empfängt oder nicht.«

Der Spectakel wurde immer ärger. Endlich entschlossen sich die beiden Helden, dem Bedienten zu klingeln.

Das geschah. Johann trat ein.

»Jean,« sprach der Geheimrath, »hast Du Muth, Muth, sage ich, in der jetzigen schrecklichen Zeit?«

»Allemal Courage, Herr Geheimrath, das heißt, wenn ich erst ein Paar Gläschen Couragewasser getrunken habe.«

Damit blickte er liebäugelnd nach der grün bemooseten Flasche.

»Dieses nicht,« entgegnete der Geheimrath, »das hieße denn doch wahrlich Perlen vor die Säue geworfen, aber reich mir 'mal da aus dem Wandschrank die Flasche guten alten Jamaika Rum her.«

Das geschah, und der Geheimrath schenkte ihm dreimal das Rheinweinglas voll, was der Bediente allemal in einem Zuge austrank.

»Nun bist Du fertig?«

»Wie ein Löwe, Herr Geheimrath, höllische Courage, auf Ehre!«

»So steck einmal Deinen Kopf dort im dunklen Schlafzimmer zum Fenster hinaus, und melde, was Du auf der Straße siehst, hüte aber Deinen Schafskopf vor Steinwürfen.«

»Herr Geheimrath, was unten los ist, das weeß ick allene wohl, sie wollen das Haus stürmen, und wie sie sagen, das ganze Nest voll Aristokraten ausnehmen?«

»Jetzt, Herr Bruder Geheimrath, sitzt uns das Messer an der Kehle!«

»Ruhig, alter Kriegsheld, nicht zittern vor Furcht, ich habe schon meinen Defensionsplan gemacht. Johann, liebster Johann, ich gebe Dir einen Ducaten, wenn Du mit Lebensgefahr hinüber nach dem Bankgebäude gehst, ein schönes Compliment vom Geheimrath Leblos an den commandirenden Hauptmann machst und ihn in meinem Namen um Besetzung dieses vom Pöbel bedrohten Hauses bittest.«

»Das heißt zu deutsch eine Sauvegarde, vergiß es ja nicht, Johann, eine Sauvegarde, auch ich lasse darum bitten, ich, der Major von Prusky. Oben im dritten Stock.«

»Werde schon machen, indeß wissen der Herr Geheimrath schon.....«

»Was soll ich wissen?«

»Nun, das Unglück, das schreckliche Unglück....«

»Welches Unglück? Ich zittere.....«

»Na, erschrecken sich der Herr Geheimrath man nicht. Es betrifft ja Ihre Familie.....«

»Was denn?«

»Einen Todten?« fragte der Major dazwischen.

»Nun, wenigstens als einen Cadaver haben sie ihn ins Haus gebracht.«

»Wen?«

»Des Herrn Geheimrath Herrn Neffen, den Herrn Studiosus.....«

»Das wäre ja schrecklich, der einzige Sohn meines Bruders.....«

»Ja, wie einen tollen Hund haben ihn die Herren Soldaten todtgeschossen, aber er hat sich schon wieder etwas erholt. Der Herr Studiosus liegen hinten auf ihrer Stube und zwei Magaziner sind dabei beschäftigt, ihm die Kugeln aus der Brust zu schneiden.«

»Warum sagt Er das nicht gleich, macht mir einen so vergebenen Schreck.....«

»Na jubiliren der Herr Geheimrath nicht allzufrüh. Der hinkende Bote kommt hinten nach.«

»Doch nicht meine Tochter.«

»Ja doch, wenn dem Fröhlen Bertha heute Abend nicht eine Bombe im Herzen geplatzt ist.....«

»Was soll das?«

»Nun, der weggejagte und der gefestungte Liebste sitzt ja allenweile wieder bei ihr.«

»Der Edmund Redlich!«

»Na, wer sonst denn, begnadigt, von der Festung zurück, den Herrn Neveu aus dem dicksten Kugelregen vor dem Opernhause hierher getragen, sponsiren jetzt mit Fräulein Bertha, als gäbe es keinen ungnädigen Papa mehr auf der Welt.«

»Da soll doch gleich ein heiliges Kreuzdonnerwetter.«

Mit diesen Worten sprang er auf, bat den Major flüchtig um Entschuldigung und eilte durch die lange Zimmerreihe nach der Wohnstube seines Neffen. Dort traf er allerdings den jungen Redlich und seine Tochter, fast auf einem Stuhle sitzend. Die beiden Studenten hatten sich schon entfernt und vorerst in die Lesezimmer der Julius'schen Zeitungshalle im zweiten Stock zurückgezogen. Der verwundete Fritz lag blaß und fast regungslos, mit einer leichten Decke zugedeckt auf dem Sopha.

»Herr Redlich,« sprach der Geheimrath mit verbissenem Ingrimm zu dem jungen Menschen, der schnell aufstand, »ich bin Ihnen allerdings für die Rettung meines Neffen Dank schuldig; aber das giebt Ihnen noch nicht die Befugniß, mein Hausrecht zu mißachten; wenn es also gefällig wäre......« damit öffnete er die Stubentür und machte eine hinausweisende Bewegung.

»Ich gehe, Herr Geheimrath,« sprach Edmund mit Würde, »weil ich Ihre Tochter liebe und ich deshalb mich den Wünschen ihres Vaters nicht entgegensetzen werde.«

»Und ich, Vater, werde ihn begleiten. Keine Tyrannenmacht der Erde wird unsere Herzen trennen, die sich einander verlobt haben.«

So begleitete ihn Bertha unaufgehalten bis in das zweite Stock. Dort in dem erleuchteten Corridor gewährte sie ihm den Abschiedskuß und sagte: »Dein bleibe ich auf ewig, was auch der Hochmuth meines Vaters dagegen einwenden möge. Ich fühle wie im prophetischen Geiste das Erwachen einer neuen Zeit. Dann wird aufgeblasener Hochmuth gedemüthigt werden und bescheidenes Verdienst wird zur Anerkennung kommen. Hoffe mit mir auf diese schöne Zeit und hilf sie fördern, so viel in den Kräften des Einzelnen liegt. Bedenke, Millionen Einzelne bilden ein Volk und des Volkes Einheit macht seinen Willen unwiderstehlich.«

Edmund war stolz auf den Geist und den Patriotismus dieses herrlichen Mädchens und mit dem Hochgefühl, das Schönste und Erhabenste, was Gottes Schöpfung jemals in einer weiblichen Brust hervorgebracht hatte, sein nennen zu dürfen, schloß er das liebliche Mädchen noch einmal in seinen Arm und begab sich alsdann in das Local der Zeitungshalle, wo er für das Beginnen eines politischen Wirkens hinreichend Stoff zu finden hoffte.

 

3.

Edmund hatte diesen Feenpalast aller Zeitungen der Welt noch nie betreten. Ihn überraschte zunächst der Glanz einer massenhaften Erleuchtung, deren Lichtstrahlen sich verdoppelten in der überall verschwenderisch angebrachten reichsten Vergoldung. In der langen Zimmerreihe erhoben sich bald dort auf runden Tischen, bald da vom Boden aus riesige Candelaber von reichem vergoldeten Schnitzwerk, deren Arme Gaslichtflammen trugen, welche in matt geschliffenen Ballons ein ebenso mildes als helles Licht auf die ringsumher gestellten kleinen runden Lesetische warfen. Die Wände, mit in Goldleisten gefaßten Velourtapeten bedeckt, waren mit deckenhohen Wandspiegeln in breiten vergoldeten Barockrahmen geschmückt. Marmortische auf vergoldeten Gestellen und Tische von feinpolirtem Polysanderholz wetteiferten mit Polsterstühlen, Fauteuils und Rococosopha's von rothem Sammt mit vergoldeten Gestellen. Die Bibliothek in Mahagonischränken enthält weit über hundert Zeitungen aus allen Theilen der Welt. Es fehlen weder portugiesische Hofzeitungen, noch Blätter aus Bombay in Ostindien oder aus Constantinopel. Man sieht dort riesengroße amerikanische Zeitungen neben den freisinnigen Times und den eigens für geknutete Seelen zurecht gestutzten Petersburger Zeitungen.

Ein Portier, ein Kassirer und eine Unzahl von galonnirten Livreedienern, bedienen die in den Lesezimmern schweigend dasitzenden Lesegäste mit der täglich erscheinenden geistigen und geistlosen Nahrung der Presse und jene Gäste, die mit den riesengroßen Zeitungsblättern in der Hand, mumienartig regungslos dasitzen, gehören sicherlich meistens den höchsten Ständen an. Hier ist das Gremium der Diplomatie, wo die Legationssecretaire aller fremden Gesandtschaften die officiellen Zeitungsorgane ihrer fernen Heimath in deren Landessprache vertreten sehen.

Aus dem Lesezimmer für Herren tritt man in das wo möglich noch elegantere Damenzimmer, wo man einige Berliner Blaustrümpfe, deren Toilette in der Regel frischer ist als ihre Gesichtszüge, in französische, englische oder italienische Zeitungen so sehr vertieft sieht, daß sogar das den Frauen einmal zur Natur gewordene Mühlrad der Conversation völlig in Stillstand gerathen ist.

Dann folgen die Conditorei, das Restaurations-, Rauch- und Conversationszimmer.

Dieses letztere war an diesem Abend mit Personen aus den höheren Ständen ganz besonders gefüllt. Hier schienen alle die zehntausend Neuigkeiten aus allen Theilen der Welt, welche in den hunderten von Zeitungen schweigend mitgetheilt wurden, Leben und Bewegung empfangen zu haben.

Hier traf Edmund die beiden Studenten, welche den jungen Leblos mit herbeigetragen hatten. Sie saßen in einem der weichgepolsterten Ecksophas am Fenster, und tranken ein Glas Punsch. Auf ihre Einladung schloß er sich ihrer Gesellschaft an.

»Nun, was sagen Sie von diesem Locale und der ganzen Einrichtung?« fragte ihn der Eine von Beiden, ein großer, starker schwarzbärtiger junger Mann, ein Jurist, der sich Ottokar nannte.

»Ich erstaune,« entgegnete Edmund, »über dieses Mißverhältniß von Zweck und Mittel. Wozu, um geistige Nahrung zu geben, diese wahrhaft unsinnige Verschwendung? Wozu die durch weiten Transport kostbar werdenden exotischen Zeitungen, von denen im ganzen Jahre kaum ein Blatt gelesen wird; wozu diese marktschreierische Ostentation, wo es nur darauf ankommt, ein allerdings tief gefühltes geistiges Bedürfniß zu befriedigen? Ich gestehe offen, daß es mir unmöglich scheint, daß ein so unsinnig begonnenes Unternehmen sich halten könne.«

»So lange,« entgegnete Ottokar, »der Unternehmer die Subvention vom Staate genießt.....«

»Was ist es damit?«

»Nun, die Sache ist längst schon kein Geheimniß mehr. Es ist bekannt, daß der Doctor Julius ein Schriftsteller, dem man mehr ein sogenanntes Feuilletontalent, als gründliche wissenschaftliche Bildung beimessen darf, früher Redacteur der bei Brockhaus in Leipzig erschienenen Allgemeinen Zeitung war. Es gelang ihm, in den Ministerien selbst, besonders subalterne, auch wohl manchen höher gestellten Beamten durch Bestechungen zu gewinnen, der Redaction die wichtigsten Staatsgeheimnisse mitzutheilen; und so vermochte Herr Julius, durch Mittheilung derselben sein im oppositionellen Geiste gehaltenes Blatt zum gelesensten Tageblatt in der preußischen Monarchie zu machen. Täglich sah sich das damalige Ministerium durch diese Zeitung auf das Aergste blosgestellt. Da konnte denn, nach den damaligen Principien, ein Verbot dieser Zeitung für Preußen nicht ausbleiben und Brockhaus verlor damit über drei Viertel seiner Abonnenten und die ganze Existenz des Blattes war in Frage gestellt. Unter diesen Umständen mußte Doctor Julius aus dieser Stellung, die ihm jährlich 1500 Thaler einbrachte, ausscheiden. Und er begriff nun, daß die Zeit noch nicht gekommen sei, in welcher sich durch Radikalismus Geld verdienen lasse. Als kluger und speculativer Kopf streckte er sich nach der Decke. Während später diese Leipziger Allgemeine unter Bülau's Leitung das zahmste Schaflamm auf der Welt geworden war und deren Einführung in Preußen wieder erlaubt wurde, wo indeß das zahm gewordene Blatt keine Abonnenten mehr fand, wechselte Doctor Julius chamäleonartig die Farbe, schrieb Zeitungsartikel im absolutistischen, aristokratischen und conservativen Sinne, erhob Fürst Metternich und den König von Preußen zu Göttern und schrieb eine »wahre Geschichte der Jesuiten«, die eigentlich nichts war, als eine mit gewandter Feder geschriebene Apologie dieses verrufenen geistesmörderischen Ordens, welche ihm ohne Zweifel gut bezahlt worden ist.«

»Ich erinnere mich,« bemerkte Edmund, »in den Grenzboten Bruchstücke davon gelesen zu haben.«

»Noch mehr; wie damals die königliche Seehandlung und namentlich der Minister Rother von Seiten der gewerblichen Partei, wegen Beeinträchtigung der Privatindustrie durch die industriellen Unternehmungen der Seehandlung so heftig angegriffen wurde, schrieb Herr Julius eine Broschüre, worin er mit großer Gewandtheit das Verfahren des Ministers rechtfertigte. Diese Schrift machte ihn zwar unpopulair, allein er wurde getröstet, wie man sagt, durch ein don gratuit von 1000 Thalern.«

»Der Mann ist speculativ!«

»Nicht zufrieden mit diesen Erfolgen, baute er auf die damit gewonnenen Connexionen weiter. Er entwarf den Plan zu einer Zeitung, in welcher unter der Maske des Liberalismus und der Opposition alle Regierungsmaßregeln gelobt und empfohlen werden sollten. Durch solche jesuitische Umtriebe gelang es ihm, durch Verwendung von Seiten des Ministers Rother, die damals schwer zu erlangende Concession zu einer neuen politischen Zeitung zu erlangen, das war die Zeitungshalle, ein neues Abendblatt. Begreiflich aber konnte das unter dem Scheine der Vermittelung von Extremen auftretende Programm desselben, in welchem man die Achselträgerei zwischen den Zeilen las, nicht viel Vertrauen einflößen und die Folge davon war eine sehr geringe Abonnentenzahl. Dabei konnte das Unternehmen allerdings nicht bestehen. Der Doctor Julius wendete sich daher aufs Neue an die Regierung um eine Unterstützung seines Unternehmens. Man überzeugte sich nun wohl höhern Orts, daß ein solches vermittelndes Blatt in der bewegten Zeit eine höhere Nothwendigkeit sei; man wußte aber auch, mit welchem Mißtrauen im Publikum jeder Schein von amtlicher Einmischung in die Zeitungspresse aufgenommen wurde, und so trug man denn Bedenken, dem Zeitungsunternehmer gradezu eine Subvention zu gewähren und ging daher auf den gleichzeitig eingereichten Plan eines großartigen Zeitungslese-Instituts um so lieber ein, als man sich damit das Ansehen geben konnte, ein wissenschaftlich und gemeinnütziges Unternehmen zu fördern. So erhielt Doctor Julius durch den Minister Rother eine Beihülfe von 10,000 Thalern, und begründete damit sowohl seine neue Zeitung, als auch dieses glänzende Institut, dessen prachtvolle Einrichtung jedoch noch unbezahlt geblieben ist.«

»Das nenne ich großartig schwindeln!«

»Das ist der richtige Ausdruck; der Doctor Julius ist nichts als ein literarischer Schwindler und der Untergang dieses glänzenden Instituts kann nicht mehr fern sein. Im Januar 1849 ist es bereits wegen Insolvenz des flüchtig gewordenen Eigenthümers geschlossen. D. V. Die Zeitung aber wird sicher ihre Farbe wechseln und ultraliberal werden, sobald entweder die Subvention von oben aufhört oder eine andere Zeit Erleichterung der Presse gewähren wird. Das ist nach der Märzrevolution bereits geschehen. Von der Preßfreiheit machte die Zeitungshalle den angemessensten Gebrauch, steigerte die Preßfreiheit zur Preßfrechheit, verdrehte die Thatsachen und beschmuzte Alles mit ochlokratischem und communistischem Geifer. So ging denn auch dieses Blatt im Belagerungszustande zu Grunde.«

Jetzt erblickte Edmund unter den übrigen Gästen den Landschaftsrath von Hochherz. Er stand sogleich auf, um diesem würdigen Gönner seiner Familie sein Compliment zu machen.

Herr von Hochherz befand sich grade mit einigen angesehenen Personen in einem politischen Gespräch, als er Edmund erblickte, der sich in geringer Entfernung so aufgestellt hatte, daß ihn der Landschaftsrath bemerken mußte. Dieser reichte ihm sogleich freundlich die Hand und sagte: »Ah sieh da, lieber Edmund, schon wieder so weit hergestellt? gratulire! Aber Sie hätten zu Hause bleiben sollen. Ich fürchte, wir sind hier aus dem Regen in die Traufe gekommen. Hören Sie unten den Tumult. Ich sage Ihnen, meine Herren,« so wendete er sich zu den Uebrigen, »wenn das Militair nicht bald zurückgezogen wird, so erleben wir noch ein gräßliches Blutbad und sollte am Ende auch die Soldateska Sieger bleiben, so wird das für die Regierung eine schmähliche Niederlage werden. Man wird dann nachgeben wollen, erst wenn es zu spät ist, und wenn man jetzt schon mit geringen Concessionen Frieden stiften könnte, so wird alsdann die Krone selbst in Frage gestellt werden.«

»Welch ein gräßlicher Tumult, dieses Geschrei der Todesangst, dieser Ruf nach Waffen und Barricaden.«

Alles eilte an die Fenster des glänzend erleuchteten Locals, die weit aufgerissen wurden.

»Meine Herren,« sprach Herr Julius, indem er nicht ohne Aufregung aus dem untern Raume des Hauses in das obere Local trat, »ich muß Sie sehr dringend ersuchen, sich von den Fenstern zurückzuziehen. Der helle Lichtschein möchte leicht dazu beitragen, die Volksmasse unten noch mehr anzuziehen, oder gar sie zu veranlassen, das Haus zu stürmen.«

Obgleich die Stimmung im Leselocale sehr aufgeregt war und sich hocharistokratische Personen dabei befanden, die sich sonst so leicht nichts sagen lassen, so wurde doch dieser höflich vorgebrachte Wunsch für vernünftig erkannt. Man zog sich von den Fenstern zurück, schloß diese und ließ sogar die Rouleaux herunter, während die Bedienung die Gasflammen niedriger schraubte, um Alles zu vermeiden, was nach außen hin Aufmerksamkeit erregen konnte.

Diese Maßregeln, und die darauf folgende allgemeine Stille, hatten etwas Schauriges, um so mehr da man über alle die tumultuirenden Vorgänge unten auf der Straße, deren Geräusch man hörte, in völliger Ungewißheit war.

»Wir wollen doch sehen, wie es unten steht,« sprach der Landschaftsrath, der keine Furcht kannte, zu Edmund, ergriff seine Hand und ging mit ihm hinunter in die Hausflur.

In diesem Augenblicke wurde die Hausthür von innen geöffnet, um einige Gäste herein zu lassen, welche durch Klopfen Einlaß begehrt hatten. Diesen nach aber drängten sich einige Schützen ins Haus, welche ihre Hirschfänger auf die Büchsen gesteckt hatten.

Herr Julius, der wieder herabgekommen war, und der Oberdiener des Locals erklärten ihnen, daß die Hereingelassenen in das Haus gehörten und man soeben das Haus wieder schließen wolle, man müsse daher die Herren Gardeschützen bitten sich zurückzuziehen, um den Hausfrieden nicht zu stören.

» Sacre nom de Dieu!« rief ein wahrscheinlich halb betrunkener Neufchateller-Schütze; »ich stoße Dich Canaille durch und durch!«

Mit diesen Worten rannte er wüthend auf den Doctor Julius zu, den er mit gefälltem Hirschfänger sicher durchbohrt haben würde, wäre nicht der Landschaftsrath noch im rechten Augenblicke vorgesprungen und hätte mit einem heftigen Griff nach der Büchse des Schützen dem Stoße eine andere Richtung gegeben. Dieser rannte damit so heftig gegen die Wand, daß die Klinge des Hirschfängers wie Glas zersprang. In demselben Augenblicke rannte ein zweiter Schütze von hinten gegen den Landschaftsrath, ohne daß dieser es bemerkte und würde ihn durchbohrt haben, wäre nicht Edmund auf dieselbe Weise sein Retter geworden.

»Herr Lieutenant, solchen meuchelmörderischen Unfug können Sie dulden?« rief der Landschaftsrath in höchster Entrüstung dem mit ins Haus getretenen Offizier zu und fuhr fort: »ist das das Ehrgefühl der Garde, worauf die Herren sich so viel einbilden? O Schande über Euch, wenn es keine wahren Ehrenmänner mehr in Eurem Corps giebt.«

Der Lieutenant erkannte ihn; aber er wußte auch, daß dieser Edelmann das Duell mit dem Grafen Banco ausgeschlagen hatte, daher vor den Augen eines Gardeoffiziers, trotz seines guten alten Adels nur für einen Geächteten galt. Er würdigte ihn keiner Antwort und sprach kurz und gebieterisch zu den beiden Schützen, die den Angriff gemacht hatten: »Ihr wartet so lange, bis ich commandire.«

Jetzt fragte der Doctor Julius: »Mein Herr Lieutenant, ich als Inhaber des Etablissements der Zeitungshalle werde doch fragen dürfen, was Sie berechtigt, in ein friedliches Haus einzudringen und die Personen, die an der Straßen-Emeute keinen Theil genommen haben, zu beunruhigen.«

»Ihnen, mein Herr, will ich antworten,« entgegnete mit aufgeworfenen Lippen der aristokratische Offizier. »Es ist hier aus dem Hause ein Stein auf meine Leute geworfen worden.«

Von allen Seiten, namentlich auch vom Hauswirth wurde dieser Umstand verneint; der Offizier aber hörte nicht darauf, sondern sprach lakonisch: »Das Haus muß geräumt werden.«

Um diesen unsinnigen Befehl zu vollziehen, commandirte der Lieutenant einen Hornisten, dreimal zu blasen. Das geschah in der offenen Hausthür so schnell hintereinander, daß Niemand dieses Signal bei dem allgemeinen Tumult vernahm, oder auch nur zu deuten wußte.

Die Aengstlichen eilten hin und her, stürzten die Treppen hinauf und in die Säle hinein, wo sie Schreck und Unruhe verbreiteten.

Plötzlich kam ein Bursche von der Aufwartung in das Büreau hereingestürzt und schrie: »Sie laden schon, sie werden sogleich schießen.«

Das war wirklich der Fall. Sechs Mann, die sich auf die Hausflur postirt hatten, mußten auf Befehl des Lieutenants laden.

Der Architekt Franke, und noch zwei Herren, die in das Haus gehen wollten, um das Lesezimmer zu besuchen, fragten den Offizier eines dem Hause gegenüber aufgestellten Commandos: »Können wir wohl mit Sicherheit in das Local der Zeitungshalle gehen?«

»Nein, thun Sie das nicht!« entgegnete der Offizier, »ich werde sogleich in die Fenster schießen lassen.«

Einige Schutzbeamte mit ihren weißen Binden und weißen Stäben standen in der Nähe und einer von ihnen rief: »Ja, ja, das revolutionaire Wespennest muß ausgenommen werden.«

Indeß war der Hauptmann der vor dem Hause aufgestellten Schützencompagnie in die Hausflur getreten.

Der Eigenthümer der Zeitungshalle beschwerte sich bei ihm über die Maßregeln, welche sein Lieutenant genommen habe und der Landschaftsrath fügte hinzu: »Mein Herr Hauptmann, Sie werden selbst einsehen, daß das Hornsignal auch für den Kundigen völlig unverständlich gewesen ist. Denn bei einem Auflauf auf offener Straße mußte man doch voraussetzen, es bedeute, daß die Leute dort sich zerstreuen sollten, unmöglich aber kann man annehmen, es bedeute, die Bewohner des Hauses hinunter auf die Straße zu locken, wo sie ja dann eben einen Auflauf machen würden.«

Der Hauptmann schien von der Richtigkeit dieser Bemerkung sich getroffen zu fühlen; doch wollte auch er darauf den Herrn von Hochherz, der, da er ein Duell ausgeschlagen hatte, auch vor seinen Augen für ehrlos galt, ebensowenig einer Antwort würdigen. Er sprach daher zu Herrn Julius: »Es ist allerdings wahr, daß hier aus dem Hause ein Stein auf meine Leute geworfen worden ist.«

»Aus meinem Locale in der ersten Etage?« fragte Herr Julius.

»Davon ist hier gar nicht die Rede, das hat Niemand behauptet. Aus dem obern Stock ist der Stein gekommen.«

»Dagegen möchte ich mein Leben zum Pfande setzen. Dort wohnt die unschädlichste und loyalste Seele in ganz Berlin, der Geheimrath Leblos.«

»Ha der, nun dem freilich sieht es nicht ähnlich; also dann vom Boden herab.«

»Ist ebensowenig möglich, denn ich selbst habe den Boden zugeschlossen und Niemand ist hinaufgelassen.«

Und dennoch war der Steinwurf allerdings aus einem der Wohnzimmer des Geheimraths Leblos gekommen. Als der Student, während Bertha ihren Freund begleitete und der Geheimrath sich unmuthig zurückgezogen hatte, einen Augenblick allein gelassen war, stand er in der Fieberhitze des beginnenden Wundfiebers auf und hatte die fixe Idee gefaßt, er müsse sich und das Volk an den Soldaten rächen. Unglücklicher Weise lag in der Röhre des Kachelofens ein halber Backstein, diesen ergriff Fritz mit dem noch gesunden rechten Arm und schleuderte ihn mit aller Kraft aus dem Fenster in der Richtung hin, wo blitzende Helme gegenüber ihm die Aufstellung der Schützen bezeichnete.

Das war der unglückliche Steinwurf, der die schrecklichsten Folgen für alle Hausbewohner und Besucher der Lesehalle gehabt haben würde, wenn nicht ein Schütze herangetreten wäre und dem Hauptmann eine Meldung gemacht hätte, worauf dieser mit seinem Commando eiligst das Haus verließ.

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Der siebzehnte März verging ziemlich ruhig. Von allen Seiten schien man sich auf einen großen Schlag vorzubereiten. Doch mitten in den gährenden Elementen politischer Bewegung gedachte Edmund seiner Liebe und freute sich der Ruhe, weil diese ihm Hoffnung gab, am folgenden Tage sein geliebtes Mädchen wiederzusehen.

 

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