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So war es. Zweiter Theil

Karl Ludwig Häberlin: So war es. Zweiter Theil - Kapitel 3
Quellenangabe
authorKarl Ludwig Häberlin
titleSo war es. Zweiter Theil
publisherVerlag von C. L. Fritzsche
year1849
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180703
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Achtes Buch.

Eine aristokratische Heirath. Erneuerung des Verhältnisses mit der Bürgermamsell. Mysterien eines galanten Souper mit Ball. Türkische Justiz.

»Il vous semble, que seigneurie vaut
autant à dire comme puissance de
mal faire sans punition.

Alain Chartier

———————

1.

In Berlin treffen wir Graf Banco, zurückgekehrt von seiner Reise nach Schlesien, wo es ihm gelungen war, eine bedeutende Geldsumme für seine verschwenderischen Neigungen aufzutreiben.

Jetzt dachte er im Ernst daran, seine zerrütteten Vermögensumstände zu bessern und pour reparer la fortune die reiche Partie mit der Tochter des Generals von Sanscoeur zum Abschluß zu bringen.

Seine kleinen Abenteuer auf der Redoute, selbst die dem Landschaftsrath gezeigte Reitpeitsche und die darauf gefolgte Festungshaft waren theils vergessen, theils nicht von der Art, um die Ehre eines Cavaliers zu beeinträchtigen. Der General wurde bald durch seine Gemahlin bewogen, seine Zustimmung zu der Heirath zu geben, geschehe es auch nur um seine Tochter von dem Eclat eines Verhältnisses mit dem gereitpeitschten Cavalier, Landschaftsrath Hochherz zu befreien. Der Hochzeitstag wurde angesetzt; indeß bei den delicaten Verhältnissen, die hier vorlagen, sollte die Vermählung in aller Stille celebrirt werden, und alsdann sollte das junge Paar am Lendemain für einige Zeit auf Reisen gehen.

Alwine war dabei gar nicht gefragt. Von Jugend auf gewöhnt, in solchen Dingen einen passiven Gehorsam zu leisten, ließ sie sich als Braut schmücken, empfing, ohne nur mit einem Zucken ihm ein reizendes Lächeln zu gewähren, seinen Handkuß und ließ sich von ihren Freundinnen zum Altar führen. Sie war ernst und todtenbleich, als der Trauungsact geschah. Aber ihre Charakterstärke hielt sie aufrecht; sie bekämpfte eine Ohnmacht, die sie anwandeln wollte. Auf die betreffende Frage des Geistlichen hatte nur der Graf mit einem lauten und barschen Ja geantwortet; Gräfin Alwine dagegen hatte nur die Lippen bewegt. Niemand konnte sagen, ob sie »Ja« oder »Nein« geantwortet hatte. Der Geistliche und die Zeugen der Trauung nahmen das Erstere an. Schweigend empfing Alwine die Glückwünsche der Gesellschaft. Beim Thee und bei der Abendtafel benahm sie sich ziemlich unbefangen, als sei gar nichts Besonderes vorgefallen.

Nach der Trauung nahm der alte General den Grafen Banco mit in sein Cabinet und übergab ihm die Mitgift seiner Tochter, die vorläufig in fünfzig tausend Thalern bestand.

»Auch gut,« sprach der Graf vor sich hin, und schob die au porteur lautenden Papiere mit dem Anschein von Gleichgültigkeit in sein Portefeuille, dann fuhr er fort zu murmeln: »Diese Bagatelle ist schon der Mühe werth, um einmal ein Paar goldene Ringelchen zu wechseln. Bon

Ein Notar hatte die Urkunde aufgenommen; der Graf genehmigt, daß das Heirathsgut seiner jungen Gemahlin auf den bereits über den Werth verschuldeten Gütern des Grafen hypothekarisch sicher gestellt werde, und der alte General glaubt Alles in die beste Ordnung gebracht zu haben; aber dem war nicht so.

Als Abends nach der Tafel der Graf Banco sich in das bräutliche Schlafgemach zurückgezogen hatte, weigerte sich Alwine ganz entschieden, sich dahin führen zu lassen.

»Ich bin,« sprach sie kalt, »ein Opfer der Convenienz geworden. Man hat mich verheirathet, ohne mich zu fragen. Nun aber bin ich nach der Sitte der großen Welt frei geworden. Möge sich mein Gemahl amüsiren, wie er will, mich darf er nicht berühren. Ich werde nie sein Schlafgemach theilen, auch nie mit ihm auf Reisen gehen.«

Mit diesen Worten zog sie sich in ihr Cabinet zurück, gefolgt von ihren Kammerfrauen. Dort wurden die Thüren verriegelt. Sie ließ sich entkleiden und legte sich mit derselben kalten Seelenruhe zu Bett.

Das war eine Brautnacht aus den Mysterien der großen Welt.

 

2.

Graf Banco war nicht der Mann, sich durch solche kleine Calamitäten im Ehestandsleben niederschlagen zu lassen. Hatte er doch den Hauptzweck seiner Vermählung erreicht, das Geld war sein; das Andere kümmerte ihn wenig. Er lebte nach wie vor in einem Taumel von Vergnügungen, dachte aber jetzt ernstlich daran, nun endlich seine kleine Poussage mit der niedlichen Bürgermamsell zum Ziele zu bringen.

Da bekanntlich das Verhältniß schon abgebrochen war, so beauftragte er seinen Kammerdiener, um die Sache wieder einzufädeln. Wir wissen schon, daß dieses Factotum des Grafen ein gewandter Briefschreiber war. Es gelang ihm daher, das liebende junge Mädchen durch die zärtlichsten, schwärmerischen Liebesbriefe, die mit dem Namen Liebreich unterzeichnet waren, zu überzeugen, daß, wie sehr auch der Schein gegen ihn sei, er doch in Wahrheit den ehrlichen Namen Liebreich führe, und daß nunmehr die Hindernisse, die ihrer Verbindung entgegenstanden, gehoben seien. Das liebende Mädchen ließ sich abermals bethören und ertheilte dem reuigen Sünder die Erlaubniß, sich persönlich zu rechtfertigen. So kam denn das alte Verhältniß wieder in den Gang; aber jeder Versuch, das Mädchen zu verführen, scheiterte an ihrem sittlichen Werth, an ihrem Zartgefühl und festen Charakter.

Das war, um gleich desperat zu werden. Zehnmal war er im Begriff, das ganze Verhältniß, welches so wenig Aussicht auf Erfolg zeigte, abzubrechen; aber dazu war er zu eigensinnig und zu verliebt. Er, dem noch nie ein weibliches Wesen widerstanden hatte, sollte sich jetzt von einer kleinen Grisette abführen lassen? Das wäre für seine Cavalierehre verletzend gewesen. Und hatte diese vertrocknete Menschenseele auch nicht Herz genug, um wirklich zu lieben, so mußte doch eine unbefriedigte Lüsternheit, die er Liebe nannte, mit dem Widerstande sich steigern.

Rathlos wie er war, besprach er den Fall mit seinen Freunden.

Diese riethen ihm, nach mancherlei Hin- und Herreden, ein feines Souper und Ball mit Grisetten zu geben, und seine Charmante dabei einzuführen; das Beispiel der andern leichten Mädchen, Champagner, Punsch und Tanz, würde dann verführend auf das unschuldige Mädchen einwirken und dann nach Mitternacht bedürfe es nur eines frischgewagten Sturmangriffs, und die kleine Festung würde Chamade schlagen.

»Das ist nichts damit,« entgegnete der Graf, »die Frechheit der Phrynen würde meine kleine Bürgermamsell bald scheu machen. Zudem haben wir lange genug unsere Orgien mit der Prostitution getrieben, bezahlte Gunst hebt alle Illusionen auf und ermüdet am Ende selbst den Löwen einer genialen Liederlichkeit. Ich schlage vor, daß wir das Ding einmal umkehren, und uns mit galanten Weibern und Mädchen der sogenannten honetten Bourgeoisie amüsiren. Da giebt es denn doch noch kleine Passionen, die eine gewisse Gewandtheit in der Bewerbung voraussetzen. So etwas ist pikant, macht Illusionen und giebt wenigstens die Ueberzeugung, daß man den Sieg nur seiner eigenen Liebenswürdigkeit zu danken habe.«

»Ah, charmant, auf Ehre, ich verstehe,« sprach ein anderer der jungen Cavaliere; »Jeder von uns hat gewiß eine kleine Poussage mit einer Beamtentochter, Bürgermamsell oder galanten jungen Frau.....«

»Ich zum wenigsten!« rief ein Anderer.

»Ich auch!« »Ich auch!«

»Gut, so geben wir diesen honetten Schönen Souper und Ball, und damit Alles einen anständigen Anstrich erhält, werden die Mütter mit eingeladen. Galante Töchter haben in der Regel galante Mama's, die sich eine Ehre daraus machen, wenn ihren schönen Töchtern von adligen jungen Herren der Hof gemacht wird.«

»Ah, herrlich, magnifique! Das wird der Sache noch den Hautgout geben, diese Alten blind zu machen.«

»Für die weitere Einrichtung werde ich sorgen,« sprach Graf Banco, »und ich garantire für das Gelingen aller Wünsche. Nur das Eine muß ich noch bevorworten; wir nehmen Alle bürgerliche Namen an. Ihr Andern knüpft das Euern Amanten ein; denn ich habe mich bei der meinigen unter dem Namen eines Kaufmanns Liebreich eingeführt und die Kleine ist ein wahrer Teufel von Keuschheit, sie würde mir sogleich davon laufen, nennte mich Einer von Euch: lieber Graf.«

»Nun diese Rücksicht ist schlagend,« sprach ein blasser Junker von der schlanken Taille eines Spargelstengels. »Aber wenn wir uns denn einmal zu unserm Amüsement encanailliren wollen, so müssen wir wenigstens uns selbst die Illusion machen, als ob wir uns in guter Gesellschaft befänden. Wir nennen also alle die Bürgermamsells: gnädiges Fräulein und lachen sie hinterher aus über ihre Eitelkeit.«

»Ja, ja, fämos das, meine galante junge Kaufmannsfrau habe ich immer schon gnädige Frau genannt und ich glaube dadurch allein den schönsten Sieg errungen zu haben.«

»Allerdings, allerdings, denn Shakespeare sagt: Eitelkeit, dein Name ist Weib.«

»Er würde richtiger gesprochen haben,« redete ein älterer Baron den jungen Mann mit wunderbar eingeschnürter Taille an, »wenn er gesprochen hätte: Eitelkeit, dein Name ist Junker.«

———————

Es war dem Grafen Banco gelungen, Emma und ihre Mutter zu bewegen, an dieser Abendpartie Theil zu nehmen, die er ihr als ein höchst anständiges Vergnügen in einer geschlossenen Gesellschaft geschildert hatte. Emma fragte, wie das gewöhnlich geschieht, nach den Damen, die Theil nehmen würden und er nannte ihr einige Beamtentöchter, die junge Frau eines Kaufmanns, die Tochter eines Conditors und andere anständige Bürgertöchter, die Emma zwar nicht kannte; aber es waren Namen und Standesverhältnisse, die eben nicht geeignet waren, Besorgnisse einzuflößen. Besonders verscheuchte die Gegenwart der Mutter jedes Bedenken.

Der Kaufmann Liebreich holte seine Braut und deren Mutter gegen acht Uhr im Wagen ab. Emma hatte sich einfach weiß gekleidet und eine Rose im Haar, so wie eine zweite vor der Brust. Diese schlanke und doch volle Gestalt mit der Blüthe der Gesundheit und Unschuld auf den Wangen und den dunkeln, lebhaften Augen, war entzückend schön. Graf Banco verschlang sie mit den Blicken und von dem Rechte des Bräutigams Gebrauch machend, küßte er sie auf das Zärtlichste. Wie aber seine Flammenküsse immer glühender wurden, da entzog sie sich seiner Umarmung mit jungfräulicher Scheu.

Im Saal, wohin er sie und ihre Mutter führte, war schon eine ausgesuchte, wenn auch nicht sehr zahlreiche Gesellschaft versammelt. Herr Liebreich, wie der Graf hier mit auffallender Betonung genannt wurde, stellte seine Braut den übrigen Damen einzeln vor und nannte diese mit Namen und Titel ihrer Väter und Gatten.

Es herrschte hier bei ungezwungener Heiterkeit ein so anständiger Ton, daß es eine falsche Prüderie gewesen wäre, wenn Emma dabei etwas Anstößiges hätte finden wollen.

Man setzte sich zur Tafel, bei jeder Dame ein Herr; da, als der Wein anfing seine Wirkung zu thun, der süße Ungarwein und später der Champagner manchem Dämchen in das Köpfchen stieg, wurde das Lachen immer lauter, der Ton immer freier, ja nach strengen Anstandsbegriffen fast zu frei.

Indeß die ganze Gesellschaft schien sehr intim mit einander bekannt zu sein, also wahrscheinlich waren die Herren Bräutigame, Cousins oder Brüder, wer durfte Arges dabei denken?

Ihre Mutter fand gar nichts Bedenkliches dabei. »Es sind junge Leute,« sagte sie, »die sind einmal von Natur verliebt und vergnügt. Zu meiner Zeit, na, da ging es bei solchen Festen noch viel schlimmer her, da wurden alle Küsse in der bunten Reihe weiter gegeben und aus einer solchen Hochzeit entstanden zehn andere.«

Auffallend war nur das, daß bei dem ganzen Souper keine Bedienung zugelassen wurde. Das Local schien eigens für solche Zwecke eingerichtet zu sein. Im Büffet befand sich eine sogenannte Drehlade, wie in Klöstern, Gefängnissen und Findelhäusern. Dort hinein wurden von außen die Speisen geschoben, und durch Umdrehen in das Zimmer gebracht, so daß Niemand von der Bedienung irgend ein Mitglied der Gesellschaft sehen konnte. Die Cavaliere und Damen übernahmen wie zum Scherz abwechselnd die Bedienung der Tafel.

Auf ähnliche Weise kam zum Dessert eine Bowle brennender Punsch und eine zweite mit Ananascardinal herangezaubert.

Diese Getränke regten die Trinklust aufs Neue an, und schon gewährte hier und da ein glühendes Mädchen einen flammenden Kuß. »Alles Verlobte und Verliebte.« lachte Herr Liebreich und begnügte sich seiner schönen Braut die Hand zu küssen. Diese bescheidene Zurückhaltung rechnete ihm Emma hoch an und pries ihr Loos selig, einen so anständigen Gatten zu erhalten.

Vergebens aber drang Herr Liebreich in seine Braut, mehr und mehr zu trinken. In dieser Hinsicht war Emma sehr zurückhaltend. Während Andere schon ziemlich angetrunken, kaum noch wußten, was sie schwatzten und thaten, blieb ihr Bewußtsein völlig klar.

Nun dann, dachte Graf Banco, möge der Taumel des Tanzes vollenden, was Wein und Punsch nicht vermögen.

Er gab ein Zeichen durch Klingeln an sein Glas, und plötzlich ertönte aus einem Nebensaale eine entzückende Polka.

Wie ein elektrisches Fluidum, so durchzuckte die Musik alle Nerven. Paar um Paar sprangen auf und eilten in den erleuchteten Nebensaal.

Während die Mütter durch das Zureden der Einen der ältern Frauen, die wahrscheinlich in das Geheimniß eingeweiht war, an der Tafel im Speisesaal zurückgehalten wurden, tollte die junge Welt im rasenden Tanz der Polka bis zum Schwindel im Kreise umher.

Der Saal hatte eine eigenthümliche Einrichtung. Das Orchester war durch einen grünen, dichten Vorhang so abgeschlossen, daß die Musikanten die Tänzer nicht sehen konnten. Rings um die Wände lief ein mit ponceaurothem Zeuge überzogener Divan, der auf türkische Manier aus aufeinander gelegten Matratzen bestand. Beide Säle waren mit Gasflammen auf das Glänzendste erleuchtet und alle diese Flammen wurden durch eine Röhre gespeiset, die in der Ecke der Wand in die Höhe stieg; dort aber befand sich ein Hahn, durch welchen das ganze Lichtmeer ausgelöscht werden konnte.

Diesen Hahn nun mußte Jemand geschlossen haben, denn plötzlich herrschte eine tiefe Urfinsterniß in beiden Sälen.

Ein Schrei des Entsetzens, dann lautes Lachen und dann leises Kichern ließ sich vernehmen, nur eine Stimme schrie entrüstet: »Unverschämter, Sie sind entlarvt, lassen Sie mich hinaus, nie ein Wort wieder zwischen uns Beiden.«

Es war Emma, sie rang mit ihrem Bräutigam, der sie mit den zärtlichsten Worten beschwor.... Endlich hatte sie die Thür erreicht; aber sie war verschlossen. Das Geschrei »Mutter! Mutter!« konnte ihr nicht Hülfe bringen, denn auch die Verbindungsthür zwischen beiden Sälen hatten die Bösewichter vorsichtig verschlossen. Neuer Kampf, neue Beschwörungen, neue Verwünschungen von ihrer Seite. Während Emma so ungeberdig widerstrebte, schienen Andere sich besser in ihr Loos gefunden zu haben. Es wurde ringsum immer stiller im Saal.

Endlich hatte Emma ein Fenster erreicht, sie zerschlug eine der großen Spiegelscheiben und schrie hinaus: »Feuer! Diebe!«

»Still, still, um Gottes willen, Sie machen uns Alle unglücklich!«

»Feuer! Diebe! Feuer! Diebe!« schallte mit der Zeterstimme der Angst des Mädchens Hülferuf auf die Straße.

Nun wurde versucht, von außen die Thür aufzumachen; aber sie war verschlossen.

Endlich wich sie den Kolbenstößen der Soldaten. Aber es war Alles dunkel, das Feuer also schon gelöscht. Der Raum vor und in der Thür war mit Menschen gefüllt. Man schrie nach Licht, Kellner mit Armleuchtern und brennenden Wachskerzen erschienen. Welche Scenen? überall Schrecken und Verwirrung, zerrüttete Toiletten, die Damen, damit man sie nicht erkenne, mit den Gesichtern nach der Wand gekehrt. Nur Eine stürzte sich auf die Eindringenden, während ein Mann sie festzuhalten suchte. Diese Eine war Emma.

Sie wendete sich an einen Mann von großer imposanter Gestalt, dessen ganzes Aeußere den Mann von gediegener Bildung und achtbarer Gesinnung verrieth.

»O mein Herr!« rief sie ihm zu, »beschützen Sie eine Unglückliche gegen rohe Gewalt!«

»Sie, Graf Banco!?« sprach der Unbekannte, indem er mit Würde vortrat, »treffe ich Sie schon wieder auf der Bahn der nichtswürdigsten Verruchtheit? Augenblicklich lassen Sie dieses junge Mädchen los, es steht unter meinem Schutze.«

»Herr Landschaftsrath von Hochherz,« entgegnete der Graf mit Stolz, »erinnern Sie sich an meine Reitpeitsche und wagen Sie es nicht, sich in meine Privatangelegenheiten zu mischen. Diese junge Dame ist meine Braut, ich bin,« sprach er leiser, »hier im Incognito eines Kaufmanns Liebreich.«

»Sagen Sie lieber, ein Schurke unter der Maske eines redlichen Mannes. Mein Fräulein, bestimmen Sie selbst, verlangen Sie meinen Schutz gegen diesen verheiratheten Schurken, der sich in Ihr Vertrauen hineingelogen hat, um Sie um Ihre Ehre zu betrügen?«

»Ich bitte und beschwöre Sie darum. Mit diesem Herrn habe ich keine Gemeinschaft mehr. Er ist entlarvt durch seine eigene Frechheit.«

»Nun dann« sprach der Graf mit Hohnlachen, »kann ich Ihnen sagen, schöne Bürgermamsell, daß ich mir mit Ihnen nur einen gnädigen Scherz erlaubt. So wissen Sie denn, daß ich Sie nur ein wenig aufgezogen habe. Hole Sie der Teufel mit Ihrer verdammten Sittsamkeit. Adieu pour jamais

»Kommen Sie, Fräulein, fort aus dieser Hölle blasirter Ausschweifung.«

»Meine Mutter!«

»Haben Sie noch eine Frau Mutter hier? wo ist sie?«

»Im Nebensaale.«

Dieser wurde indeß geöffnet und der Baron führte der würdigen Matrone ihre Tochter zu. Dann nannte er sich selbst. Schon sein Rang und Name, so wie sein gesetztes würdiges Benehmen flößte Vertrauen ein. Der Zufall hatte ihn in die Stadt zurückgeführt, wo er in demselben Hotel, wo diese Scenen vorgefallen waren, sein Absteigequartier genommen hatte. Er erbot sich, die Damen in seinem Wagen nach Hause zu begleiten. Das wurde dankbar angenommen.

 

3.

Sie fuhren in dem eleganten Wagen des Landschaftsrathes. Mit dem offenen Vertrauen, welches die eigenthümliche Situation herbeiführte, erzählten ihm Emma und ihre Mutter die Geschichte des schändlichen Betruges dieses nunmehr entlarvten Grafen.

»Danken Sie Gott,« sprach der Landschaftsrath, »daß es so gekommen ist. Weihen Sie diesem Bösewicht keine Thräne. Er ist deren nicht werth. Auch mich hat er um eine geliebte Braut betrogen und dazu hat er mich des Phantoms beraubt, was in der vornehmen Welt für Ehre gilt. Eines solchen Phantoms von Scheinehre kann ich indeß wohl entbehren, denn ich bin mir bewußt, daß ich vor dem Richterstuhl der Verständigen für einen ehrenwerthen Mann gelte, wenn ich auch die Thorheit eines Duells zurückgewiesen habe.«

Darauf erkundigte sich der Landschaftsrath nach den persönlichen Verhältnissen der Familie. Als er vernahm, daß der Vater im Staatsdienst, nach dem neuern Ersparungssystem, mit Aufbietung aller Kräfte keine dreihundert Thaler jährlich verdiene, daß die Tochter mit Hausschneiderei noch eine kleine Zubuße erwerbe und der Sohn, Edmund, weil er in der schlesischen Angelegenheit die Wahrheit gesagt, zu Festungsstrafe verurtheilt sei, erklärte er: »Einer so würdigen Familie muß geholfen werden. Ich werde Sie besuchen, und hoffe Wege zu finden, um Ihre Lage zu verbessern.«

Bald darauf sollte Graf Banco noch einen Lohn empfangen für seine nichtswürdigen Gesinnungen, einen Denkzettel, der ihn für immer aus den Salons der haute-volée verbannte.

In einem Kaffeehause, dessen geheimes Spielzimmer auch von dem türkischen Gesandten besucht wurde, hatte dieser alles baare Geld, das er bei sich führte, verloren. Er wollte aufhören zu spielen; doch Graf Banco, der im Pharao die Bank hielt, bot ihm Credit an, welches auch der Türke mit unverwüstlichem Phlegma annahm, worauf er sich den kleinen rothen Kopf seiner langen Pfeife aufs Neue stopfen ließ.

Der Türke verlor eine Summe von etwa hundert Ducaten. Dann erhob er sich und sagte in französischer Sprache, die dem türkischen Diplomaten sehr geläufig war, mit seiner unerschütterlichen Ruhe: »Maschallah Giaur, ich bezahle nicht, denn Du hast mich betrogen. Ich sah es recht gut, wie Du mit bezeichneten Karten spieltest und wie ein Italiener die Volte zu schlagen verstehst. Ich dachte, es ist sein Geld, das er von mir gewinnt, und so laß dem Spitzbuben das Vergnügen, sich selbst zu betrügen. Ich bezahle nicht.«

Unter den Mitspielenden entstand eine lebhafte Bewegung. Einige nahmen Partei für den Grafen, Andere für den Türken. Ja es fielen sogar Aeußerungen, daß man sich von ihm der Betrügerei im falschen Spiel wohl versehen könne.

Der Graf forderte augenblicklich seinen Beleidiger; dieser aber sagte, er müsse erst die beschimpfende Anschuldigung des türkischen Ambassadeurs von sich abwaschen, sonst könne man ihn nicht für satisfactionsfähig halten.

Am andern Morgen schickte er dem Ambassadeur durch einen Secundanten eine schriftliche Herausforderung. Der Türke schrieb darunter ganz lakonisch ein » Non

Nun begab sich Graf Banco, mit einem Zeugen in dieser Ehrensache, selbst zu ihm. Der Türke empfing ihn gravitätisch mit dem rothen Feß und blauer Troddel auf dem Kopf, indem er trotz der europäischen Kleidung mit gekreuzten Beinen auf einem Divan saß. Vier Diener, worunter zwei schwarze Eunuchen waren, umstanden ihn. Der Eine hielt den silbernen Spucknapf, der Andere hatte die Tabakspfeife zu besorgen, der Dritte präsentirte den Kaffee und der Vierte trug ein Bambusrohr, wahrscheinlich um auf den ersten Wink des Herrn bereit zu sein, die übrigen Sklaven zu züchtigen.

Der Graf, dessen Stolz es schon verletzte, daß der Türke bei seinem Eintreten nicht aufstand, fragte ihn barsch:

»Also, Monseigneur, Sie wollen sich nicht schießen?«

»Maschallah! Ich bin nicht Narr genug, auf mich selbst zu schießen.«

»Excellenz!« rief Graf Banco lebhaft, »kennen die europäischen Sitten zu gut, um nicht absichtlich meine Frage gemißdeutet zu haben. Ich frage also jetzt bestimmter,« wobei er ihm ein Paar Pistolen präsentirte, »wollen Sie sich mit mir duelliren, das heißt, auf mich schießen und ich schieße auf Sie?«

»Das Erstere wohl, das Letztere nicht,« entgegnete der Türke mit unerschütterlichem Gleichmuth.

»Dann frage ich weiter: Wollen Sie mir die Spielschuld zurückzahlen? Es ist eine Ehrenschuld.«

»Eine Schandschuld ist es, denn Hazardspiel ist keine Ehrensache, sondern eine Schande für anständige Männer. Haben Sie mich zu dieser Sünde verleitet, so mögen Sie auch die Folgen davon tragen. Ich zahle nicht.«

»Wollen Sie,« fragte nun der Graf Banco zitternd vor Wuth, »Ihre Anschuldigung, daß ich falsch gespielt habe, augenblicklich zurücknehmen?«

»Maschallah!« sprach der Türke, »ich nehme nichts zurück, ich würde eine solche Beschuldigung nicht gewagt haben, wenn sie nicht vollkommen wahr gewesen wäre.«

»Nun dann,« rief der Graf, indem er seine Reitpeitsche drohend emporhielt, »empfangen Excellenz die Reitpeitsche, es ist die letzte Genugthuung, die ich meiner Ehre schuldig bin.«

Der Türke aber klatschte in die Hände und wie Raubthiere fielen die vier Diener über den Grafen her, warfen ihn zu Boden und der sich eiligst zurückziehende Secundant, ein Lieutenant, Baron von Fingerdünn, war eben noch Zeuge, wie der edle Graf, von einem schwarzen Verschnittenen, während die Andern ihn festhielten und behende die Stiefel und Strümpfe auszogen, die furchtbarste Tracht Prügel auf die Fußsohlen erhielt, die jemals eine Bastonade im ächt türkischen Geschmack gewährt hat.

Der Türke rauchte dabei ruhig seine Pfeife, und während zwei Sclaven die an ein starkes Bambusrohr gebundenen Füße des Grafen hoch hielten, ein Dritter ihn bei den Schultern desselben auf den mit persischen Teppichen belegten Boden niederdrückte und der Vierte taktmäßig draufschlug, zählte der Türke: eins, zwei, drei bis funfzig. Dann klatschte er in die Hände und der vor Schmerz nur noch stöhnende Graf wurde losgebunden.

»Siehst Du, Giaur, Du Sohn eines Hundes, so wird türkische Justiz gehandhabt in dem Hotel eines türkischen Gesandten. Nach dem Gesandtschaftsrecht bin ich Souverain in meinem Hause und Niemandem verantwortlich, als meinem Herrn dem Großsultan. Nun geh' nach Konstantinopel und beschwere Dich; Du hast die Frechheit gehabt, mein Hausrecht zu verletzen, das erfordert Strafe, Du hast sie empfangen. Nun sei zufrieden.«

Der Graf vermochte nicht auf die geschwollenen Füße zu treten, noch weniger aber seine eleganten Stiefelchen anzuziehen. Man zog ihm deshalb seine Strümpfe an, gab ihm ein Paar in Gold gestickte rothe Sammetpantoffeln und trug ihn hinunter in seinen Wagen.

Die Sache wurde bekannt, so wie denn auch mehrere seiner schlechten Streiche jetzt im höhern Publikum zur Sprache kamen. Von jetzt an waren ihm alle Thüren der feinen Welt verschlossen. Die Ehescheidungsklage wurde gegen ihn angestellt, fand jedoch vielfache Hindernisse in der pietistischen Richtung, die damals die Ehescheidungen erschwerte.

Indeß tauchten die Märztage herauf, eine neue Zeit war aufgegangen, überall gab es Revolutionen und erkämpfte Freiheit. Graf Banco, der gefallene Aristokrat, wollte wieder groß und bedeutend werden um jeden Preis.

Er wurde Revolutionair und Demokrat.

Das Wie wird offenbar, wenn wir ihm in die Geschichte der Märztage bis heute folgen.

 

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