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So war es. Zweiter Theil

Karl Ludwig Häberlin: So war es. Zweiter Theil - Kapitel 2
Quellenangabe
authorKarl Ludwig Häberlin
titleSo war es. Zweiter Theil
publisherVerlag von C. L. Fritzsche
year1849
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180703
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Siebentes Buch.

Ministerial-Audienzen. Zuchthausleben.

»Da unten aber ist's fürchterlich;
Der Mensch versuche die Götter nicht.«

Schiller.

 

———————

1.

Edmund war nach Verlauf von sechs Wochen wohl wieder genesen, aber seine Menschenfreundlichkeit und Wahrheitsliebe hatte die unangenehmsten Folgen für ihn.

Kaum war der Geheimrath Leblos mit seiner in Kummer und Schmerz versunkenen Tochter nach Berlin zurückgekehrt und hatte sich bei seinem Departementschef, dem wirklichen Geheimrath, gemeldet, so fuhr ihn dieser heftig an mit den Worten: »Was haben Sie gemacht? einen völlig unsinnigen Bericht, wodurch Sie den Oberpräsidenten und alle Behörden auf das Schmählichste compromittirt haben. Unbegreiflich, wie ein Beamter von Ihrem Dienstalter noch solche Tollheiten begehen kann. Ich kann Ihnen nur wohlmeinend rathen, kommen Sie um Ihre Pensionirung ein, denn ich wenigstens kann es vor meinem hohen Chef nicht verantworten, einen Mitarbeiter in meiner Abtheilung zu haben, der so wenig Egards zu nehmen versteht.«

Diese Rede fuhr dem Geheimrath Leblos wie ein Schreckschuß durch alle Glieder. Er sah sich schon verloren. Fasanen, Austern und Champagner, nebst den kleinen feinen Diners à tout prix der berühmtesten Gourmands, woran er die Ehre hatte Theil nehmen zu dürfen – Alles war dahin; denn seiner Dienstjahre waren noch nicht so viele, um nur auf sieben Zehntel des Gehalts Anspruch machen zu können. Auch den Bedienten mußte er dann abschaffen, um wenigstens seine kleinen Whistpartien, um einen Thaler der Point, nicht aufgeben zu müssen. Und an Gratifikationen und Commissionen war dann gar nicht mehr zu denken.

Heilloses Unglück!

Wie dem abhelfen?

Das war die Frage: sollte er sich als einen nachlässigen Beamten darstellen, der einen Bericht nicht gelesen habe, den er unterschrieben; oder für einen Taktlosen gelten, der die wichtigste aller Rücksichtsnahmen, hochgestellte Beamte nie zu compromittiren, so gedankenlos aus den Augen gesetzt hatte?

Die Wahrheit seines Berichts zu vertheidigen, das kam ihm gar nicht in den Sinn, würde ihm auch wenig geholfen haben; dagegen war die zuerst gedachte Entschuldigung allerdings geeignet, ihn einigermaßen zu rechtfertigen. Man wußte ja höhern Orts, daß manche Beamte so mit Geschäften überladen sind, daß sie nicht umhin können, die wichtigsten Angelegenheiten ihren Hülfsarbeitern anzuvertrauen; denn das ist ja ein Hauptvortheil der Büreaukratie, daß die Hochbesoldeten die Niedrigstbesoldeten für sich arbeiten lassen können, und der Geheimrath Leblos verstand es trefflich, die meisten Nummern in seinem Diarium zu haben. Er hatte daher das stolze Bewußtsein, daß er für einen der thätigsten und tüchtigsten Arbeiter galt und einem solchen in seiner Stellung mußte man, schon um des Princips willen, die Beamtenehre unter keinen Umständen zu compromittiren, eine kleine Nachlässigkeit zu Gute halten.

Der Titulargeheimrath aber hatte allerdings Takt genug, um diese Reflexionen mit Blitzesschnelligkeit zu machen; er entschloß sich daher um so lieber, den Supernumerar Redlich, als den eigentlichen Frevler, preis zu geben, weil er ohnehin ihm den Streich, den er ihm mit dieser Berichterstattung gespielt, nicht vergeben konnte, und weil sein Verbrechen, daß er seine einzige Tochter mit Liebe bethört, die härteste Bestrafung verdiente. Daß er die ganze Zukunft und das ganze Lebensglück eines hoffnungsvollen, kenntnißreichen, geschickten und braven jungen Mannes preis gab, kümmerte ihn wenig.

»Mag der Narr die Elle ergreifen oder die Mauerkelle, mir soll es gleichgelten, habeat sibi!« so sprach er vor sich hin.

Und so bekannte er denn, daß der Bericht nicht von ihm verfaßt sei, sondern von einem jungen Diätarius seines Büreaus, Namens Redlich, den er als Secretarius Commissionis mitgenommen habe. Er selbst sei an dem unglücklichen Tage der Absendung dieses Berichts von einem entsetzlichen halbseitigen Kopfschmerz befallen gewesen, der ihn fast wahnsinnig gemacht habe und dadurch in die Unmöglichkeit versetzt worden, den Bericht zu lesen. Er habe um so weniger Bedenken getragen, dem jungen Menschen zu vertrauen, daß er, nach den ihm mündlich gegebenen Informationen den Bericht aufsetzen werde, da er sonst von guter Application gewesen; allein der jetzt herrschende Zeitgeist bringe es so mit sich, daß das Ei immer klüger sein wolle als die Henne, und so habe denn der junge Mensch Wunder gedacht, was er für ein Meisterstück angefertigt habe, indem er den Bericht, freilich in den Factis der Wahrheit gemäß, aber in der Form mit den schwärzesten Farben und einer nicht zu entschuldigenden Rücksichtslosigkeit aufgesetzt habe. Dafür verdiene er für immer aus dem Staatsdienst entfernt zu werden und schon habe er seinerseits den vorlauten Supernumerar, der ohnehin in Schlesien vom Typhus befallen noch krank darniederliege, in allen amtlichen Beziehungen suspendirt und rechne er auf höhere Genehmigung und gänzliche Entfernung desselben aus dem Staatsdienste.

Der Wirkliche war ganz der Meinung des Titulargeheimraths und machte diesem, der in gesellschaftlicher Hinsicht zu seinen Tisch- und Spielpartie-Freunden gehörte, beruhigende Glückwünsche, daß der Sündenbock gefunden sei um den faux-pas zu entschuldigen. Er werde nicht ermangeln, dieses Sr. Excellenz, dem Herrn Minister unterthänigst vorzutragen mit dem Anheimgeben, dem Geheimrath Leblos, trotz seiner formellen Verantwortlichkeit für diesmal seine hohe Gnade nicht entziehen zu wollen, dagegen den jungen Menschen als mißliebig völlig zu beseitigen.

So war denn der Geheimrath Leblos beruhigt; aber der Minister nahm die Sache anders auf.

Um den wohlwollenden König mit den genauesten Details über die Calamität in Schlesien bekannt machen zu können, hatte Se. Excellenz den Bericht mit großer Aufmerksamkeit selbst gelesen. Er fand ihn trefflich stylisirt und in der Sache selbst mit einer Klarheit, Ruhe und doch so menschenfreundlicher Wärme abgefaßt, dabei gewann er dadurch so neue Ansichten und eine so tiefe Einsicht in das Beamtenunwesen, gleichzeitig mit der Ueberzeugung, daß hier schnell und mit den großartigsten Mitteln des Staats geholfen werden müsse, wenn überhaupt die Rettung einer ganzen Bevölkerung noch möglich sei, daß er diesen Bericht für die vorzüglichste Arbeit erkannte, die ihm jemals vorgelegt worden sei. Nur eins wurde ihm schwer zu glauben, daß der kalte, durch und durch formulirte Geschäftsmann, wofür er den Geheimrath Leblos längst erkannt hatte, der Verfasser dieses so warmen und lebensvollen Berichts sein könne. Ehe er nur noch darüber seine Meinung ausgesprochen hatte, meldete ihm dann auch der Wirkliche, daß der Titulargeheimrath daran ganz unschuldig; der eigentliche Frevler aber ein Supernumerar seines Büreaus, Namens Redlich sei.

»Das ist ein junger Mann von ausgezeichneten Talenten,« sprach der Minister wohlwollend, »der muß befördert werden. Schicken Sie mir den Geheimrath Leblos.«

Der wirkliche Geheimrath verfehlte keinen Augenblick dem Titularrath diese Erklärung mitzutheilen und hinzuzufügen: Se. Excellenz scheine sehr zufrieden mit dem Berichte zu sein und habe befohlen, daß er, Leblos, sich sogleich in das Cabinet Sr. Excellenz begeben solle.

Nun hätte Geheimrath Leblos Alles darum gegeben, wenn es ihm noch möglich gewesen wäre, sich selbst für den Verfasser dieses Berichts ausgeben zu können; aber sein hoher Chef hatte einmal in der besten Absicht die Wahrheit gesagt, und den durfte er unter allen Umständen nicht compromittiren. Das Aergerlichste noch für ihn war, daß er mit seiner Ausrede dem jungen Mann, den er verderben wollte, ohne es zu wissen und zu wollen, einen großen Dienst geleistet hatte. Aber auch in diesem Falle gab es immer noch Mittel, ihm ein Bein zu stellen, daß er in seiner Carriere nicht zu hoch steige.

Mit Herzklopfen harrte er im Sprachzimmer Sr. Excellenz. Der gebohnte und getäfelte Fußboden kam ihm wie das glatteste Eis vor, und die grüne Tuchdecke, die über dem Conferenztisch hing, erregte ihm Grauen; es war ihm, als wären tausend Legionen gegen ihn verschworene Teufel darunter versteckt.

Nach einigem Warten erschien der Minister.

»Sie haben einen talentvollen jungen Mann auf Ihrem Büreau, Herr Geheimrath?«

Der Titulargeheimrath verneigte sich.

»Er ist der Concipient des trefflichen Berichts, den Sie über die Verhältnisse in Schlesien abgefaßt haben?«

Zweite bejahende Verneigung; aber schon mit mehr erleichtertem Herzen. Der Minister schien keine große Bedeutung auf diese Stellvertretung zu legen.

»Wie heißt er? Wie sind seine Verhältnisse?«

»Edmund Redlich, Supernumerar, Sohn des alten geheimen Canzlist Redlich.«

»Soll Anstellung haben, und sogleich. Machen Sie Vorschläge.«

Jetzt war der Moment gekommen, wo der Geheimrath einen boshaften Vorschlag machen konnte, der ebenso sehr seinem Rachegefühl genügen sollte, als den jungen Mann für immer fern halten mußte von jeder Möglichkeit des Eindringens in seine Familie.

»Excellenz!« sprach er, »kommen mit dieser Huld und Gnade meiner Fürbitte für das Fortkommen dieses vielversprechenden jungen Mannes nur zuvor, und so erkühne ich mich, ihn für die erledigte Secretairstelle bei der Zuchthausdirection in B*** in Vorschlag zu bringen. Auch dort sollen bedeutende Unordnungen eingerissen sein, und der junge Redlich hat einen ungemeinen Scharfblick, um die Mängel und Fehlgriffe der Verwaltung leicht und mit Sicherheit zu erkennen. Das hat er durch diese Broschüre über die schlesischen Zustände, die freilich etwas zu sehr die Beamten compromittirt und nicht ohne revolutionaire Tendenzen ist, bewiesen.«

»Was ist es damit?«

Der Minister wurde stutzig und warf einen Blick in die Flugschrift, worin er blätterte. »Hm, hm!« fuhr er fort, »es bleibt dabei, Herr Redlich wird Secretair bei der Zuchthausdirection in B*** mit fünfhundert Thalern Gehalt, und das um so mehr, als ihm vielleicht eine Reise erspart werden könnte, wenn er etwa wegen dieser Schrift verurtheilt werden sollte. Ich werde diese Sache streng untersuchen lassen; denn ich dulde unter meinen Beamten weder oppositionelle Tendenzen, noch überhaupt Schriftstellerei, am wenigsten im liberalen oder gar radikalen Sinne.«

Geheimrath Leblos verbeugte sich; der Teufel lachte ihm hinten im Halse, als er hinzufügte: »Ich kann Excellenz nicht genug meine gerechte Entrüstung schildern, daß ein so heilloser Frevel unter meinen Augen nur möglich war.«

»Das setzt mich gar nicht in Erstaunen, Herr Geheimrath!« sprach der Minister in einem scharfen pikirten Tone, indem er sich hinsetzte und den vor Schreck fast leblos werdenden Leblos stehen ließ; »denn wenn der Chef einer hohen Ministerialcommission in einer so hochwichtigen Angelegenheit im Bade von Reinerz zurückbleibt und sich amüsirt, während er seinen Secretair in die von der Landesnoth bedrängten Gegenden sendet; alsdann aber dessen Bericht ungelesen unterschreibt und absendet, sagen Sie selbst, was hat ein solcher gewissenloser Beamter verdient?«

»Excellenz glauben doch nicht.....«

»Ich glaube nicht, ich weiß. Sie sehen mich besser unterrichtet, als Sie meinen. Nun also, sprechen Sie Ihr eigenes Urtheil! Was haben Sie verdient?«

Der Geheimrath wurde blaß wie ein Todter und zuckte die Achseln.

»Infam cassirt zu werden, haben Sie verdient, mein Herr, doch nicht um Ihrer Person willen, die keine Schonung verdient, sondern um der Beamtenehre willen, die unter allen Umständen aufrecht erhalten werden muß, gebe ich Ihnen den schonenden Rath: kommen Sie um Ihre Pensionirung ein, wegen geschwächter Gesundheit, und Sie werden drei Viertel Ihres Gehaltes als Pension beziehen. Adieu!«

Damit machte der Minister eine entlassende Handbewegung, erhob sich und zog sich in sein Cabinet zurück.

———————

Im Vorzimmer traf der Geheimrath eine Dame, die etwas Auffallendes hatte in ihrer äußern Erscheinung. Groß, schlank und hübsch, mit rund geschnittenen schwarzen Haaren und großen sprechenden Augen, trug sie einen schwarzen Sammetoberrock, dessen Leibchen mit Schnüren à la Hussard besetzt war; auf dem Kopf ein schwarzes Barett, mit einer schwarzen Straußfeder, in der Hand eine kleine Reitpeitsche von Fischbein, mit einem Griff von Elfenbein.

Sie schien über das lange Warten schon sehr ungeduldig geworden zu sein, denn sie sagte zu dem diensthabenden Kammerdiener: »Aufrichtig gesagt, mein Herr, das Antichambriren ist nicht meine Leidenschaft. Ich finde es mindestens sehr unhöflich von Sr. Excellenz, eine Dame, der eine Audienz zugesagt ist, so lange warten zu lassen.«

»Kein Wunder,« entgegnete Herr Frühauf, der Kammerdiener, mit sarkastischem Tone, »denn man weiß nicht, ob man Madame Waston als Mann oder Frau empfangen soll; übrigens ist nach der Liste der Eingeschriebenen jetzt die Reihe an Ihnen. Ich habe Befehl, Sie in das Cabinet Sr. Excellenz zu führen.«

Geheimrath Leblos kannte die Dame, er war ihr sogar behülflich gewesen, die Audienz zu erlangen. Beide begrüßten sich. Als der Geheimrath abging, trat ihm ein junger Mann mit einem großen Barte entgegen.

»Ah, Doctor Ajax!« sprach der Geheimrath im Abgehen und Beide begrüßten sich flüchtig.

»Excellenz haben befohlen« sprach der Eingetretene zu dem Secretair, der die Liste der Vorzulassenden führte, »ich bin Doctor Ajax.«.

»Ganz Recht! Redacteur des Dampfblattes, wie jetzt Ihr Monatsblatt heißt.«

»Ja, so ist es, darf ich fragen, was Excellenz von mir will?«

»Bin nicht beauftragt, den Herrn Doctor Ajax davon in Kenntniß zu setzen.«

»Geheimnißkrämerei,« murmelte Ajax vor sich hin, »werde in meiner nächsten Nummer einen scharfen Artikel über den Mißbrauch der Heimlichkeit in Dienstsachen bringen.«

———————

»Madame,« sprach der Minister, indem er mit ungewöhnlicher Artigkeit der Dame einen Platz auf dem Sopha anwies und sich selbst auf den schwellenden Sammtsessel daneben setzte; »haben gewünscht mich zu sprechen.«

»Meine Ausweisung aus Berlin durch das Polizeipräsidium, wogegen ich als geborne Preußin ernstlich protestiren muß.«

»Bedaure sehr, Madame; indeß es steht nicht in meiner Macht, eine Unannehmlichkeit von Ihnen abzuwenden, die Sie sich selbst durch Ihr allerdings auffälliges Benehmen zugezogen haben.«

»Excellenz, ich glaubte Preußen sei ein viel zu großer und mächtiger Staat, um es nicht unter seiner Würde zu finden sich um das Privatleben einer Frau zu bekümmern, die nirgends die Gesetze des Staates verletzt.«

»Es giebt auch Gesetze der Sittlichkeit und der Schicklichkeit, die Sie vielfach verletzt haben und Ihre Grundsätze über die Stellung der Frauen dürfen nicht geduldet werden, wenn nicht alles Familienleben in seinen Grundfesten erschüttert werden soll.«

»Darf ich mir die bescheidene Anfrage erlauben: durch welches Gesetz ist es den Frauen verboten, versteht sich nicht auf der Straße, eine Cigarre zu rauchen. Nach welchem Gesetz ist es strafbar, wenn Frauen, die sich auf einer gewissen geistigen Höhe socialer Bildung, so wie auch erhaben über jedem philisterhaften Vorurtheil befinden, lieber mit gebildeten und geistreichen jungen Männern verkehren, als mit weiblichen Klatschmäulern, die von nichts zu reden wissen, als von ihrer Küche, ihrer Magd und ihren verzogenen Kindern?«

»Fügen Sie noch hinzu, Madame: durch welches Gesetz ist es verboten, mit jungen Studenten bald in männlicher, bald in weiblicher Kleidung Ihre Bierstuben zu besuchen, mit ihnen zu trinken, zu rauchen, spielen und ihre Commerslieder zu singen? Und ich werde Ihnen abermals antworten: durch das Sittengesetz, Madame. Dergleichen darf der Staat schon um des Beispiels wegen nicht dulden.«

»Sonderbare Inconsequenz, und das Aergste alles sittenlosen Treibens, die Prostitution wird nicht nur geduldet, sondern auch privilegirt, denn die Polizei erhebt eine Steuer davon, eine schändliche Steuer, die den Staat mehr beschimpft als hundert Cigarren emancipirter Frauen.«

»In dieser Hinsicht, Madame, haben Sie vollkommen Recht, ich kann Ihnen aber auch zur Beruhigung sagen, daß der Staat seine Aufgabe erkannt hat, jeder Verletzung der Sitte und Wohlanständigkeit, wo sie die Oeffentlichkeit nicht scheuet, auf das Entschiedenste entgegen zu treten. Aus diesem Grunde ist bereits der Beschluß gefaßt, die Höhlen solcher Unsittlichkeit aufzuheben und durch dasselbe Motiv, daß der Staat nicht blos ein Rechtsstaat sei, sondern auch ein höchst sittliches Institut, ist auch Ihre Ausweisung gerechtfertigt.«

»Das ist stark, Excellenz!« sprach Madame Waston aufstehend, »ich protestire dagegen im Namen der ewigen und unveräußerlichen Menschenrechte. Nicht der Rechtsstaat ist es, der sie durch meine Ausweisung mit Füßen tritt, sondern der Polizeistaat, dessen Willkürherrschaft ich mich fügen muß, weil hier Gewalt vor Recht geht. Darum, Excellenz, frage ich mit Stauffacher in Schiller's Wilhelm Tell, und es wird eine Zeit kommen, wo das ganze Volk so mit ihm fragen und reden wird:

                    »Ist keine Hülfe gegen solchen Drang?
Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht.
Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,
Wenn unerträglich wird die Last, greift er
Hinauf getrosten Muthes in den Himmel,
Und holt herunter seine ew'gen Rechte,
Die droben hangen unveräußerlich.....«

» Et caetera, et caetera, ich kenne die Theaterphrase, und weil sie in das Volk übergegangen ist, darf Schiller's Tell hier in Berlin nicht mehr gegeben werden. Unsere Bühnen wenigstens sollen keine Revolutionen machen, so lange ich am Staatsruder stehe.«

»Würden des Dichters Worte so zündend einschlagen in das Volksgefühl, wenn nicht schon der Zündstoff selbst so tief im Volksbewußtsein läge? Und diesen Zündstoff wird das Metternichsche System der Unterdrückung aller Geistes- und politischen Freiheit durch Gewaltthat nicht entfernen, sondern nur noch mehren. Davon, Excellenz, werde ich selbst ein Beispiel geben. Ich gehe, als mißliebig ohne Rechtsgrund ausgewiesen aus Berlin; aber in einer Flugschrift werde ich's der Welt verkünden und dem Volke als Märtyrerin der Wahrheit erscheinen. Ich danke Excellenz für diese Ausweisung; Sie geben mir dadurch eine Wichtigkeit, die ich früher nicht hatte.«

Der Minister war frappirt von der Wahrheit dieses Wortes. Er entließ sie mit einer Handbewegung und sprach weiter nichts, als: »Glückliche Reise, Madame. Sie werden in Ihre Heimath zurückkehren und dort unter Observation gestellt werden. Ich kann Ihnen nur noch den freundlichen Rath geben: hüten Sie sich, daß Sie nicht noch in schwerere Verantwortung fallen. Ihr Wohnort ist eine Festung, Sie würden also nicht weit zu gehen haben, um dort in die Unmöglichkeit versetzt zu werden, durch Emancipations-Ideen der Gesellschaft und durch Preßmißbrauch dem Staate zu schaden. Adieu!«

»Das ist ein Teufelsweib!« sprach die Excellenz vor sich hin; »und das Schlimmste: sie hat so unrecht nicht. Allein so lange wir das Prohibitivsystem gegen jede Erhebung des Volksgeistes aufrecht erhalten, darf der öffentlichen Meinung auch nicht die geringste Concession gemacht werden. Giebt man dem Volke einen Finger, so verlangt es die Hand, die Zusammenberufung der vereinigten Stände hat das gezeigt; es ist dadurch die Opposition geweckt, das politische Bewußtsein des Volkes erwacht, und dieses entwächst von Tage zu Tage mehr der politischen Unmündigkeit, worin wir es seit dreißig Jahren zu erhalten suchten. Die Censur, besonders unter der Rechtsform des Obercensurgerichts, erweiset sich von Tage zu Tage immer mehr als ungenügend, wohin soll das führen? Zum Terrorismus der Presse, denn noch haben wir die Mittel in den Händen, mißliebige Literaten einzuschüchtern.«

»Doctor Ajax,« meldete der Kammerdiener.

»Eintreten!«

———————

»Sie sind«, sprach der Minister, »der Redacteur der so übel berüchtigten Dampfzeitung.«

»Uebelberüchtigt, Excellenz? vielleicht weil dieses Blatt unangenehme Wahrheiten sagt und volksbeliebt ist?«

»Aber es giebt Wahrheiten, die nicht gesagt werden dürfen. Nicht einmal in Injuriensachen schützt die Einrede der Wahrheit gegen die Strafe, geschweige denn in Staatsangelegenheiten. Sie haben durch einen Artikel über die schlesische Landesnoth, wenn auch in der Hauptsache die Wahrheit gesagt, aber hochgestellte Behörden auf das Aergste compromittirt.«

»Ich weiß es, Excellenz; aber sie haben keine Schonung verdient. Bei mehr Gewissenhaftigkeit und Menschenliebe hätten sie das Unglück vorhersehen und abwenden können, daß es wenigstens nicht zu dieser immensen Höhe steigen konnte. Was aber die Behörden versäumten, hat jetzt die öffentliche Meinung zu verbessern; die Tagesliteratur ist die Vertreterin der öffentlichen Meinung. Sehr mit Unrecht nennt man die Schriftsteller Aufwiegler. Ihre freimüthigste Rede würde ungehört verhallen, wäre es nicht das allgemeine Volksgefühl, dem sie Gedanken und Worte leihen.«

»Mein lieber Herr Doctor Ajax, ich bin als Mensch durchaus für die Gedankenfreiheit der Presse und würde das, was Sie in jenem Artikel sagten, für meine Person selbst unterschreiben; aber als Staatsmann habe ich andere Ansichten und Interessen zu vertreten. Unser König ist aufgeklärt und freisinnig; er würde gern seinen Völkern Schritt für Schritt mehr Freiheit gewähren – und das hat er bewiesen schon durch das Obercensurgericht, welches die Willkürherrschaft der frühern Censur auf den Rechtsboden stellt, durch seine Verwendungen für Wiederherstellung der freien Presse auf dem Bundestage, durch Zusammenberufung der vereinigten Landstände als Anfang weiterer Concessionen und manches Andere noch; allein was ihn aus der Bahn des Fortschritts zurückhält, ist einerseits die Pietät gegen die väterliche Warnung im königlichen Testament; andererseits und hauptsächlich aber die politische Stellung Preußens. Als fünfte Hauptmacht von Europa kann und darf Preußen sich von dem conservativen Princip des Metternichschen Systems nicht lossagen; Preußen darf seine Stellung als absolute Monarchie nicht aufgeben, ohne damit den Feuerbrand der Revolution durch ganz Europa zu schleudern. Sehen Sie, mein Herr, da ich Sie für einen Mann von Geist und Gesinnung halte, scheue ich mich nicht, hiermit meine Ansichten über die Politik, die ich als Staatsmann zu verfolgen habe, offen vor Ihnen zu entfalten. Sie werden aber selbst einsehen, daß sich dieses System, eben weil es ein erkünsteltes und kein volksthümliches ist, nicht halten lassen wird, wenn man der Presse erlaubt, die Organe der Regierung zu verunglimpfen und dadurch die Kraft des absoluten Regierungssystems zu schwächen. Das ist der Grund, weshalb ich Ihre vom Polizeipräsidium beantragte Ausweisung aus Berlin genehmigen mußte. Berlin ist ein Herd revolutionairer Elemente und diese möglichst zu entfernen, ist eine der wichtigsten Aufgaben der höhern Polizei. Sie sehen daher, daß Ihre Entfernung von hier, schon um das Princip festhalten zu können, unvermeidlich ist. Ich hoffe und wünsche damit auf Ihre Ueberzeugung gewirkt zu haben und das war der Grund, weshalb ich Sie zu mir beschied, um Ihnen die Antwort auf Ihre eingereichte Protestation wirklich zu ertheilen.«

»Für Ew. Excellenz gute Absicht bin ich allerdings sehr dankbar; ich ehre und schätze die Offenheit, womit Sie mir den Blick in die ganze Tiefe dieses unheilvollen Regierungssystems gewährt haben und bitte es als einen Beweis meiner persönlichen Hochachtung anzusehen, wenn ich mir erlaube, mit wenigen Worten die Gründe darzulegen, die dieses ganze Metternichsche System mit allen seinen Consequenzen für ebenso verderblich als unhaltbar erscheinen lassen.«

»Ich habe Sie nicht hierher beschieden, mein Herr, um mir von Ihnen eine staatswissenschaftliche Vorlesung halten zu lassen, sondern um Ihnen meine Meinung zu sagen. Hüten Sie sich übrigens vor jeder fernern Indiscretion; sonst möchte es bei der Ausweisung nicht bleiben.«

Damit war Doctor Ajax entlassen und nun hatte er nichts Eiligeres zu thun, als für sein Blatt einen Artikel zu schreiben, worin er die ganze Unterredung mit dem Minister veröffentlichte und mit einer scharfen Kritik versah.

Unter Polizeibegleitung fuhr er ab nach H***, seinem Geburtsorte.

 

2.

Im Zuchthause zu B*** sollte Edmund wieder neue traurige Erfahrungen machen, wie das Actenregiment der Büreaukratie mit den papiernen Controlen des alten Regierungssystems, selbst in der Zucht- und Arbeitshausverwaltung, die Entsittlichung einer großen und gefährlichen Menschenclasse mehr fördert, als ihrem Zwecke nach bessert.

Die Polizei und die Gesellschaft erkennen es täglich und klagen laut darüber, daß uns die Zuchthäuser alljährlich Tausende der verstocktesten Rekruten des der menschlichen Gesellschaft so höchst gefährlichen Verbrecher-Proletariats überliefern.

Längst schon ist diese betrübende Wahrnehmung Gegenstand der Beachtung der Behörden und der eifrigen Bemühungen von Menschenfreunden geworden. Seit John Howard, bis auf Julius und neulich Appert, haben helle Köpfe und warme Herzen sich mit großer Selbstverleugnung dem Studium der Gefängnißkunde geweiht; aber auch bei ihnen gilt, was wir von der Beamtenwelt sagen müssen: »Des Pudels Kern haben sie nicht gefunden.«

In einer, bis auf einige neue politische Ueberschwenglichkeiten, trefflichen Zeitschrift Der Publicist, herausgegeben vom Criminalgerichtsactuar Thiele in Berlin. welche mit Humanität die Nachtseiten der menschlichen Gesellschaft durch schlagende Thatsachen aufdeckt, befindet sich ein durch den Jahrgang 1848 fortlaufender Aufsatz: »Berichte aus dem Zuchthause«, welche mit Zügen der Wahrheit in Bildern, die mit Eugen Sue'scher Kühnheit aus dem Leben gegriffen sind, dieses grauenvolle Leben im Innern dieser Jammerhöhlen des bestraften Verbrechers schildern.

Auch hier zeigt es sich, wie bei dem besten Willen der Regierungen das papierne Regiment der Büreaukratie Fehlgriffe macht, die aus diesen vom Staate angeordneten Besserungsanstalten die entsetzlichsten Entsittlichungsanstalten machen.

Was der menschenfreundliche Appert entdeckte und theils an der königlichen Tafel, theils in Vorlesungen über Gefängnißkunde in den höchsten Kreisen der Gesellschaft, über diese unterste Sphäre der Gesellschaft enthüllte, waren allerdings Schauergemälde aus den Mysterien des Gefängnißlebens, blieb aber immer nur noch mehr der eben abgeschöpfte Schaum der Wahrheit, als der eigentliche Grundstoff derselben.

Wir mögen hinblicken wohin wir wollen, so liegen die meisten dieser Zucht- und Strafanstalten im Argen. Wir müßten ein dickes Buch schreiben, wollten wir nur die gedruckt vorliegenden Materialien erschöpfen oder die Erzählungen mittheilen, welche Zuchthausärzte oder Prediger in vertraulichen Stunden erzählen, oder was rückfällige Zuchthäusler nicht selten dem sie human behandelnden Gerichtsbeamten mittheilen; daher hier nur einige Züge.

Diese Anstalten sind begründet in der Voraussetzung, daß die Arbeitskräfte der Sträflinge, gehörig benutzt, nicht allein so viel einbringen, daß sich davon die Anstalt erhalten kann, sondern auch noch ein Ueberschuß, dem entlassenen Sträfling als Ausstattung für sein künftiges Leben mitgegeben, ihn in die Möglichkeit versetzen soll, wieder ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu werden.

Dahin sollen auch Gewöhnung an Ordnung und rastlosen Fleiß, und das durch Nachdenken über selbstverschuldete Strafe geweckte Gewissen, wirken.

Diese Zwecke sind löblich, aber was wird erreicht?

Die meisten Zuchthäuser kosten dem Staate einen jährlichen Zuschuß von 40,000 Thalern. Vergebens hat man Fabrikanstalten daraus gemacht. Weber und Spinner, Papeteriearbeiter und Vergolder sind an Unternehmer vermiethet. Die anstrengendste Arbeit ohne Erholungsstunden wird mit drei Silbergroschen täglich für den Kopf bezahlt. Dafür kann kein freier Mann arbeiten. Daher kommt es, daß mit den Zuchthaus-Fabrikunternehmern keine Privatindustrie concurriren kann. Sie können ihre Fabrikate für wahre Schleuderpreise verkaufen und werden noch reich dabei, während jede mit ihnen concurrirende Privatindustrie zu Grunde gerichtet wird.

Aber man erhöhe die Arbeitspreise, sagt man, wenn der Staat, sowohl aus sittlichen als aus finanziellen Gründen, die Eingriffe in den Privat-Gewerbebetrieb nicht entbehren kann; alsdann werden und müssen solche Anstalten sich selbst erhalten und sie schaden nicht der Industrie mehr wie jede andere Concurrenz.

Das ist leicht gesagt, aber schwer auszuführen.

Vergebens wird die Concurrenz des Meistgebots aufgeboten, vergebens werden neue erschwerende Bedingungen gemacht. Wer nicht mit den Mysterien dieser Zuchthausarbeiten genau bekannt ist, wird es nicht wagen, sich auf eine solche Unternehmung einzulassen und wer sie kennt, der kennt auch die tausend Schleichwege der listigsten indirecten Bestechung, wodurch der Fabrikant sich mindestens die vortheilhafte Ausführung selbst der lästigsten Contracte zu sichern weiß. Daher die Thatsache, daß derselbe Fabrikant, selbst bei öffentlichem Angebot, in der Regel die Erneuerung seines Contracts erlangt und viele Jahre lang dieses Geschäft unter steten Klagen von Verlust betreibt, dabei aber ein reicher Mann wird, während der gewissenhafte Abtheilungsdirigent der Regierung wunder glaubt, was für den Staat gewonnen sei, wenn er eine vom Director besonders hervorgehobene erschwerende Bedingung des neuen Contracts genehmigt.

Ebenso ergeht es mit der Besserung der Strafgefangenen. Während die Berichte des Zuchthausdirectors die erfreulichsten Schilderungen von dem sittlichen Zustande solcher Zucht- und Besserungsanstalten geben und die Regierungen, die das eigentliche Leben darin gar nicht kennen, die trefflichsten Anordnungen durch ihre Rescripte erlassen, gewähren die Mysterien solcher Häuser die scheußlichsten Scenen menschlicher Entsittlichung.

Oeffentlich, selbst actenmäßig zur Sprache gekommen ist die furchtbare, hartherzige und eigensinnige Kerkertyrannei, weshalb der Zuchthausdirector, in dessen Büreau Edmund Redlich seine Anstellung erhalten hatte, später auf dessen Anzeige und eine dadurch veranlaßte Untersuchung seinen Abschied mit Pension, weil er denn doch als Beamter geschont werden mußte, erhielt.

Wir wollen später ein Paar Scenen davon erzählen, die Edmund in seinem Berichte mitgetheilt hatte.

Hier sei nur noch erwähnt, daß auch die leibliche Beköstigung der Züchtlinge so schlecht und ungenießbar war, daß nur die stete Furcht vor der Prügelmaschine diese entnervten Jammergestalten bewegen konnte, ihre letzten Kräfte auf die Leistung des übermenschlich geforderten Arbeitspensums zu verwenden.

Dieser Gegenstand ist grade in Strafanstalten von dem größten Einfluß auf das physische und moralische Wohl der Strafgefangenen und doch oft würde die, dem Staate ungeheure Summen kostende Beköstigung Gegenstand der gerechtesten Beschwerden sein können, wenn diese laut zu werden wagten. Man bedenke, wie den Gefangenen die Speise der einzige ersehnte Genuß, die einzige Stärkung ist. Giebt man ihnen nun eine dünne, oft ungenießbare Suppe, woher sollen sie dann Kräfte nehmen für ihre oft schwere, rastlose Arbeit? Sie werden schwach, hektisch und fallen den Krankenanstalten anheim, haben nach ihrer Entlassung keine Kraft, sich wieder zu ernähren und werden erbittert durch die betrügliche Behandlung, wodurch ihre unglückliche Lage zur unerträglichen wird.

Zwar wurde die Lieferung der Consumtibilien in öffentlicher Subvention dem Mindestfordernden überlassen. Es mußten Proben vorgelegt werden von Butter, Graupen, Mehl, Brod etc. und die Proben waren in der Regel untadelhaft. Nun wurde geboten, und das niedrigste Gebot hatte ein Lieferant von mehr als zweideutigem moralischen Ruf. Jeder rechtliche Mann schreckte zurück; denn unmöglich war es, bei solchen Preisen und der geforderten guten Qualität zu bestehen. Aber der Schuft, der den Zuschlag als Mindestfordernder erhielt, war ein schon vieljähriger Zuchthaus-Victualienlieferant, der sich zu helfen wußte.

Vor allen Dingen mußte das Beamtenpersonal gewonnen werden. Das geschah vom Director bis zu den Inspectoren und selbst den Calefactoren; durchtriebenen vieljährigen Züchtlingen, welche die Aufsicht führten, wurden kleine Vortheile gewährt. Bei verheiratheten Beamten, namentlich bei dem Director, ließ sich das leicht durch wohlangebrachte Küchenlieferungen oder anonyme Geschenke an die Hausfrau ausführen; unverheirathete erhielten Zusendungen von Butter, Wein, Kaffee, Zucker, sie wußten nicht woher, und konnten sich so leicht mit ihrem Gewissen abfinden. Selbst kleine Darlehen wurden gewährt, ohne daß an das Wiederbezahlen gedacht wurde.

Die Folge davon war ein allgemeines System der Lieferung ungenießbarer Nahrungsmittel. Ranzige Butter, stinkendes Fett, wurmstichige Erbsen, milthiges Mehl, kranke Kartoffeln, das Alles gehörte zur Tagesordnung.

Dazu wurden diese ohnehin schon verdorbenen Nahrungsmittel in feuchten Räumen aufbewahrt, wo das Brod mit Schimmel überzogen und durchwachsen wurde, wo die Kartoffeln lange Keime trieben oder faulten, die Rüben stockig wurden u. s. w.

In der Küche wurde das System der schändlichsten Prellerei fortgesetzt. Statt etatsmäßig zehn Scheffel Kartoffeln oder Rüben kamen etwa sechs Scheffel in die Kessel. Die Suppe wurde damit wässerig und verlor alle ernährende Kraft. Was auf solche Weise erspart wurde, ließen manche Beamte durch Sträflinge an ihre in der Stadt wohnenden Familien oder Bekannte bringen. Das wenige Fett, welches unter Aufsicht eines Inspectors in die Suppenkessel geworfen wurde, schöpften nachher die in der Küche arbeitenden Sträflinge wieder ab, und trieben Handel damit unter den Sträflingen, die noch etwas Geld anzuschaffen wußten. Die Suppe kostete der Director täglich, aber nicht in der Küche, sondern in seiner Wohnung, wohin man ihm die eigens für ihn verbesserte Suppe brachte.

Auch der Staat wurde betrogen.

Einige Nahrungsmittel einzukaufen, hatte sich der Director selbst vorbehalten unter dem der Regierung plausibel gemachten Vorwand, daß die auf dem Markt gekauften oder gelieferten Kohlrüben und dergleichen zu schlecht und zu theuer seien. Hatte nun er, oder seine Familie einmal Lust, eine Landpartie oder Vergnügungsreise zu machen, so gab der Ankauf von ein Paar Schock Kohlrüben oder einem Wispel Kartoffeln leicht den Vorwand dazu. Konnte er sich in seinem Bericht an die Regierung ausweisen, daß er im Ankauf zwei Thaler erspart habe, so erhielt er für seinen Eifer Belobung, und seine Diäten und Reisekostenrechnung von zehn Thalern hatte eine andere Behörde zu revidiren und zu genehmigen.

In der Regel wurde lange nicht verbraucht, was täglich gekocht wurde. Anstatt nun das Uebrigbleibende den Gefangenen, die mit den schwersten Arbeiten beschäftigt waren, zur bessern Kräftigung Abends zu geben, erhielten es die Schweine des Directors. Und da dieser jährlich sechs bis zwölf Schweine auf solche Art ohne Kosten mästete und verkaufte, so war es schon der Mühe werth, daß der Director die Güte des Schweinefutters täglich untersuchte und die in der Küche beschäftigten Sträflinge konnten sich nicht beliebter machen, als wenn sie für die Gefangenen das obere Dünne abschöpften und den Directorialschweinen die nahrhaftere Grundsuppe übrig ließen.

So war auch hier in den Acten Alles in der schönsten Ordnung und in der Wirklichkeit in der gräßlichsten Unordnung.

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Der Director, ein ehemaliger Offizier, war ein kleiner Mann mit weißgrauem, aufgesträubtem Haar. Sein blasses Gesicht hatte Züge von Härte. Er war ein großer Freund von Jagd und Angeln, und verbrachte damit einen großen Theil seiner Zeit. Um das innere Zuchthausleben bekümmerte er sich nur, um sein Princip durchzusetzen, wonach der Wille des Directors unter allen Umständen Gesetz ist. Die strengste Consequenz, was auch daraus folge, war seine Richtschnur. Da er die eigentlichen Verhältnisse wenig kannte, so konnte es an übereilten, oft unsinnigen Beschlüssen nicht fehlen, und diese wurden dann durchgesetzt, ob auch mehr als ein Menschenleben darüber zu Grunde ging.

Beschwerden darüber waren nicht möglich. Bei der in solchen Anstalten nothwendigen Disciplin darf es kein Untergebener wagen, dem Director zu widersprechen, noch weniger Beschwerden gegen ihn zu führen. Zudem hat der Director das zeitige Wohl und Wehe der Beamten in der Hand. Eine einzige Anzeige des Directors und der Unterbeamte, wovon die Meisten auf Kündigung angestellt sind, verliert seine Stelle, ohne zu wissen, weshalb. Zudem hängt vom Director die Empfehlung zu Beförderungen und Zutheilung von Gratificationen ab, und so werden diese Leute die servilsten, hündelnden Schweifwedler gegen den Director, der ihnen mit dem Vollgefühl des Bewußtseins seiner amtlichen Allmacht seine üble Laune fühlen läßt, welche dann die Unterbeamten wieder gegen die Züchtlinge loslassen, durch Scheltworte, Grobheiten, Schläge und Püffe oder Empfehlungen zum einsamen Cachot.

Beschwerden der Gefangenen waren gar nicht denkbar. Die geringste Klage oder Drohung von Seiten eines Sträflings würden mit der Prügelmaschine zur Ruhe gebracht sein. Arzt und Geistlicher hatten kein Recht, sich einzumischen. Zuchthausvisitationen durch den Regierungscommissair waren Komödien, worüber die Züchtlinge selbst lachten, denn Alles wurde für den Tag der Visitation aufs Beste geordnet; selbst die Nahrung war an einem solchem Tage gut. Hätte es Einer gewagt über schlechte Nahrung oder schändliche Behandlung zu klagen, so würde man ihn Lügner und Verläumder gescholten haben, denn ein Verbrecher findet keinen Glauben. Das Protokoll bezeugte jedesmal die schönste Ordnung im Zuchthause, und das war gut.

So werden denn die Gefangenen, welche die tausend Ungerechtigkeiten, welche täglich gegen sie geübt werden, erkennen, die tief grollenden, erbittertsten Menschenfeinde und zugleich die niedrigsten Heuchler.

Es ist eine Entsittlichung, die nicht durch Erweckung sinnlicher Leidenschaften, sondern durch gänzliche Entmenschung des Charakters bewirkt wird.

Und so geben denn auch Diejenigen, welche wegen nicht ehrloser Vergehen, sondern etwa wegen einer gefährlichen Schlägerei oder Verwundung in der Hitze des Trunks oder der Leidenschaft verübt, noch vielleicht unverdorben diese Höhlen des Verbrecherelends betreten, den Einflüsterungen der in den Zuchthäusern schon ergrauten Verbrecher Gehör. Aus Menschenfeinden, wozu die Büreaukratie sie macht, machen die Verbrecher ihrer Umgebungen sie selbst zu Verbrechern, denen nichts fehlt, als die Gelegenheit, sich an der Menschheit zu rächen. So gehen die raffinirtesten Diebe, Mordbrenner, selbst Mörder aus einer Anstalt hervor, welche dem Staat jährlich vierzig tausend Thaler kostet, um sie zu bessern.

Und freigelassen treten sie in die menschliche Gesellschaft zurück mit dem Brandmal der Ehrlosigkeit, welches dadurch noch geschärft wird, daß sie als Observaten unter der steten, sehr merklich geübten Aufsicht der Polizei stehen. Was helfen da alle menschenfreundliche Vereine zur Besserung und Versorgung entlassener Strafgefangenen, wenn es dem Vereine auch einmal gelungen ist, einem solchen Verlornen einen Dienst oder eine Arbeitsstelle zu verschaffen? Die Polizei wird ihm als Kainzeichen das Vermerk seines Zuchthauslebens in das Legimationspapier schreiben; sie wird sich bei dem vielleicht noch arglosen Herrn nach seiner Führung erkundigen, und dieser wird ihn auch bei guter Führung schon wegen dieser Erkundigung entlassen; sie wird bei irgend einem Diebstahl in der Schlafstelle des Entlassenen Nachsuchung halten, und der rechtliche Schlafwirth wird ihn austreiben und den vielleicht noch nicht ganz gesunkenen Exzüchtling, der möglicherweise den aufrichtigen Vorsatz gefaßt hatte, sich zu bessern, nöthigen, im Verbrecher-Proletariat, das in Berlin zu einer so ungeheuren Höhe gestiegen ist, seine Zuflucht zu suchen.

Er muß wieder stehlen, weil ihm die Bevormundung der Büreaukratie jeden Weg zum ehrlichen Broderwerb abgeschnitten hat; er wird wieder stehlen, weil ihn die Büreaukratie im Zuchthause entmenscht und der sittlichen Verderbniß preisgegeben hat.

Die Zustände sind furchtbar, aber wahr. Möge die Neuzeit eine Humanität in sich aufnehmen, der es gelingt, den Verbrecher gebessert der menschlichen Gesellschaft zurückzugeben und dort ihm Gelegenheit zu gewähren, sein Leben zu fristen, ohne neue Verbrechen begehen zu müssen!

Erzählen wir nun einige Züge aus dem Zuchthausleben, wie es Edmund beobachtet hatte. Sie werden die Wahrheit des Obigen belegen.

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Es wurden gleichzeitig drei Personen eingeliefert und vor dem Director verhört, als: ein Kaufmann, der einen vornehmen Cavalier, welcher seiner Frau den Hof machte und wahrscheinlich mit derselben in zärtlichen Verhältnissen gestanden, in der Aufwallung der Eifersucht thätlich angegriffen hatte; ein alter Bauer, derselbe, der in Schlesien auf dem Gute des Grafen Banco wegen rebellischen Aeußerungen, Beleidigungen des Gutsherrn und wegen Steuerverweigerung, so wie als Gottesleugner zu sechs Monat Zuchthausstrafe verurtheilt war, und sein Sohn, ein stämmiger neunzehnjähriger Bursche, der den Gerichtsfrohn, der seinen Vater ins Gefängniß führen sollte, geschlagen und zum Hause hinausgeworfen hatte.

Nach der Frage: »Alles gesund?« entschied der Director: »zur Weberei!« aus keinem andern Grunde, als weil der Unternehmer der Weberei angezeigt hatte, daß er noch einige Leute zum Barchentweben bedürfe.

Diese Entscheidung aber wurde den Gefangenen nicht bekannt gemacht. Von dem Arbeitsinspector geführt, ließ ihnen dieser die Haare abschneiden und jeden Gefangenen in ein einsames Zellengefängniß bringen, um ihn dort einige Tage der Reue und seinem Gewissen zu überlassen.

Nach einigen Tagen des einsamen Gefängnisses, trat der betreffende Aufseher in jedes dieser Zellengefängnisse und sprach zu dem düster und in Trübsal dasitzenden Bewohner.

»Nimm einmal alle Deine Sachen zusammen!«

Von den drei Züchtlingen, die mit dem Zuchthausleben noch unbekannt waren, hoffte der Kaufmann, daß man ihm nun ein anständiges Gefängniß anweisen und ihn mit Abschreiben und Rechnungssachen beschäftigen werde. Er hatte seine Richter darum gebeten, ihn auf solche Weise zu beschäftigen. Dieser, ein menschenfreundlicher Mann, hatte geantwortet: »Das versteht sich von selbst; Jeder wird im Zuchthause nach seinen Fähigkeiten und Kräften beschäftigt.«

Der alte Bauer träumte von neuen Verhören und Karbatschenhieben, die er seit seiner Steuerverweigerung gegen seinen Gutsherrn schon reichlich genossen hatte.

Sein Sohn dachte gar nichts; aber er war voll ungewisser Furcht und Angst.

Diese drei Männer treffen auf einem der langen Corridore des Hauses zusammen. Keiner wagt den Andern nur anzusehen. Hier ist Alles Furcht und Schrecken erregend. Der Aufseher läßt sie vorausgehen; er treibt sie wie das Vieh zur Schlachtbank. Noch aber wissen Sie nicht wohin. Die Disciplin des Hauses, Stolz und Hochmuth gestattete ihm nicht, mit den angehenden Züchtlingen ein Wort weiter zu reden. Wozu auch? Seitdem sie dieses unglückselige Haus betreten hatten, hörten sie auf Mensch zu sein und wurden Sache, Maschine oder Material, das für die Zwecke des Arbeitsunternehmers ausgemünzt werden sollte.

Plötzlich standen sie vor einer noch zugemachten Thür, durch welche ihr Ohr das Geklapper, Gerassel und Gestampfe vernahm.

Was war das? Ueberall die furchtbare Stille und hier ein unerklärliches infernalisches Geräusch?

Der Aufseher, welcher die drei Gefangenen bis hierher geführt hatte, übergab sie nun dem auf dem Flur stehenden, diese Station überwachenden Aufseher mit den Worten:

»Da, Bruder, hier sind drei Stück!«

Antwort: »So, das is man gut! Ich denke aber, Du bringst mir mehr, Du hast ja so ville noch oben.« (Damit meinte er die Isolirgefängnisse.)

»Ja, alter Sohn, Du weeßt doch, den Inspector kann man noch so ville vorstellen, er besteht uf seinen Kopp. Ick weeß nu gar nich mehr, wo ick oben mit se alle hin soll; funfzehn Zellen hab' ick man doch uf mein Gang, zehn und zwölf Kerls bleiben immer oben, alle Wochen werden mir vierzehn bis funfzehn 'rufgebracht. Na siehste, und wenn Du nu och mal sagst zum Inspector: Herr Inspector, da is der und der, die haben schon früher 'mal gewebt, oder Wolle gekämmt, so wirst Du noch angeranzt.«

Der Gebildete, und deren giebt es leider viele im Zuchthause, erkennt bei solchen Aeußerungen augenblicklich, in welchen rohen Händen sich sein Geschick befindet und doch hat er noch keine Ahnung von der ganzen Größe des Unglücks, welches allein schon dieser Umstand mit sich führt.

Nun traten die drei in den Arbeitssaal ein. Jetzt erkennen sie, daß es an hundert Webestühle sind, die in einem der weiten Arbeitssäle durch Züchtlinge in Bewegung gesetzt werden. Sie wissen nun, was ihnen selbst bevorsteht. Der betreffende Aufseher fragt nach ihren Namen und trägt sie in sein Buch ein.

Darauf rief der Aufseher dem Arbeits-Calefactor zu:

»Na nu, Du, hier hast De drei tüchtige Kerls!«

Der Calefactor, oder Werkmeister, ist in der Regel ein abgefeimter Zuchthausmensch, welcher, wie alle Hausbeamten sehr wohl wissen, immerdar im Zuchthause die niederträchtigsten und abscheulichsten Verbrechen begeht. Er ist ein so schlauer und in seinem Handwerke geschliffener Wicht, daß man ihn niemals einer solchen schlechten Handlung überführen kann. Dabei hat er sich so sehr in sein Geschäft eingearbeitet, daß man wirklich sagen kann, er fehle, wenn er nicht da ist. Er ist in der Regel ein Inventarstück des Zuchthauses, das noch zwanzig bis dreißig Jahre zu verbüßen hat. Er kennt das Zuchthausleben durch und durch, denn seit seinem vierzehnten Jahre ist er nur zehnmal freigewesen; benutzte aber die Freiheit immer wieder zu neuen Verbrechen, die ihn abermals dem Zuchthause, und zwar auf immer längere Dauer, überlieferten.

Ein solcher Mensch war es, in dessen Hände nun das Geschick dieser drei Unglücklichen gelegt war und der sie jetzt mit scharfen, stechenden Blicken musterte.

Wir wollen versuchen, diesen Calefactor in seinen Grundzügen zu schildern und dann bedarf es keiner Andeutung, was der gebildete Kaufmann dabei empfinden mußte, als es ihm klar wurde, daß dieser entsetzliche Mensch sein nächster Vorgesetzter sein sollte.

Schon sein Aeußeres trug den Typus des eingefleischtesten Verbrechers. Seine leidenschaftliche Physiognomie, seine fahle Gesichtshaut, die nur über die Knochen gespannt zu sein schien; seine boshaft zusammengekniffenen Lippen; seine auf Kühnheit hindeutende Form der Nase, die bis zum Ekelerregen vollgepfropft war voll Schnupftabak; seine buschigen Augenbrauen, welche wie bei dem ewigen Juden Eugen Sue's ineinander laufen würden, wären sie nicht durch zwei oder drei tiefe finstere Furchen der Stirnhaut getrennt; dabei ein fast nackter Schädel mit spärlichem Kopfhaar, mitunter von einer alten, unschönen Perrücke bedeckt; dann sein spitzes, nach innen gebogenes Kinn, seine ebenfalls spitzen, nach außen stehenden Ellnbogen, wadenlose Beine, ein schleichender, schlotternder Gang; ein vorn übergebeugter Körper; seine flügelartig gebauten Schultern; seine überleise, in kurzen Absätzen hervorgestoßene und doch eindringlich vernehmbare Aussprache, ließ jetzt kaum noch denselben frechen Polizeivigilanten, Namens Fabian erkennen, den wir im ersten Capitel dieses Buches gesehen haben, wie er, durch falsche Anklage, um nur Denunciantengebühren zu erschwindeln, ein unschuldiges junges Mädchen, Edmund's Schwester zur Diebin hatte machen wollen.

Durch neue Verbrechen war er nun auf Lebenszeit dem Zuchthause verfallen und wußte auch hier mit seiner unerhörten Gewandtheit sich behaglich einzurichten, indem er, den Obern schmeichelnd, die Stelle eines Arbeits-Calefactors erlangt hatte.

Ihm gegenüber sehen wir jetzt den hochgebildeten, immer noch wohlhabenden Kaufmann aus der Residenz. Es war derselbe Kaufmann, in dessen Laden Graf Banco die Rolle des Kaufmanns Liebreich gespielt hatte, um das unschuldige junge Mädchen um ihre jungfräuliche Ehre zu betrügen; der Kaufmann Leberecht hatte aber eine bildschöne junge Frau, die er abgöttisch liebte. Aber die junge Frau war, wie so manche schöne Berlinerin, bedeutend kokett. Nicht gerade ausschweifend, reizte sie doch die Eifersucht ihres Gatten durch ihre Gefallsucht. Obwohl erst zwei Jahre verheirathet, so fehlte es ihr doch nicht an Courmachern von Offizieren, die damit zugleich im eleganten Laden des Herrn Leberecht, wo sich Madame sehr häufig befand, die besten, oder um die Wahrheit zu sagen, die schlechtesten Kunden wurden; denn sie kauften zwar viel und ließen es anschreiben, bezahlten aber nicht.

Bei solchen Verhältnissen konnte Graf Banco es sich nicht versagen, auch auf diese schöne junge Frau Jagd zu machen. Sie war unvorsichtig genug, dem liebenswürdigen und gewandten Don Juan geheime Zusammenkünfte zu gestatten, wenn ihr Gatte Abends das Billard oder eine Spielpartie besuchte. Einem gewandten Verführer gegenüber fällt weibliche Koketterie in der Regel in ihre eigenen Netze. Die bis dahin treu gebliebene Gattin fiel. Der Kaufmann schöpfte Verdacht. Er kam eines Abends früher als gewöhnlich nach Hause und überraschte seine Gattin in den Armen des Grafen Banco. Feurig wie er war, voll flammender Eifersucht, ergriff er ein auf dem Tisch liegendes Messer und drang auf den Verführer mit Messerstichen und Schnitten ein, wobei er ihm mehrere, wenn auch nicht tödtliche Wunden beibrachte.

Ein vornehmer Mann, mit einer tödtlichen Waffe von einem Geringern angegriffen und verwundet, das forderte exemplarische Bestrafung; mehrjährige Zuchthausstrafe war sein Lohn. Wäre der Fall umgekehrt gewesen und ein Höherstehender hätte den Geringern noch viel schwerer verwundet, so würde Jener seine Strafe mit gelindem sechswöchigen Festungsarrest abgebüßt haben.

Die geachtetsten Personen in der Residenz waren übrigens trotz seiner Verurtheilung die Freunde des jungen Kaufmanns geblieben, weil sie wußten, daß er nur in gerechter Entrüstung sich zu dem Fehltritt hatte hinreißen lassen. Er, ein durchaus gebildeter Mann, war wegen seines trefflichen Charakters von den angesehensten Familien geschätzt worden, er hatte in den angenehmsten Verhältnissen gelebt, verwöhnt von den Gewohnheiten und Genüssen des Reichthums, und was war er nun? mit den gemeinsten Verbrechern auf eine Stufe der Behandlung gleichgestellt, ein elender Züchtling, der durch die Einrichtungen des Staats auf das Tiefste herabgewürdigt, die bittersten Thränen vergoß.

Man sage nicht, diese Thränen fließen nur den entbehrten Bequemlichkeiten. So wird kein Kenner des menschlichen Herzens urtheilen. Der Gebildete kann Alles entbehren, nur nicht das Gefühl der tiefsten Herabwürdigung als Mensch ertragen.

Man sage nicht, so fordere es die Gleichheit vor dem Gesetze, die übrigens dem Adel jeden Vorzug, jede Erleichterung vor dem Bürgerstande gewährt. Denn eben diese objective Gleichheit wird zur entsetzlichsten subjectiven Ungleichheit; wenn dieselbe Behandlung dem rohen Menschen aus dem Proletariat vielleicht als eine Erleichterung seines obdach- und nahrungslosen Zustandes gilt, so wird sie dem gebildeten Gefangenen bis an die Grenzen des Wahnsinns unerträglich.

Fahren wir jetzt fort in der Schilderung der sich jetzt ereignenden Scenen.

In demselben Augenblicke waren noch zwei andere Sträflinge eingeführt, rückfällige Züchtlinge, die der Calefactor von früherher schon kannte. Er begrüßte sie mit freundlichem Kopfnicken.

»Na, seid Ihr wieder da?« redete er sie an, worauf Jene aus ihren Dosen eine Prise Schnupftabak offerirten.

Die drei zuerst genannten Zuchthauscandidaten ließ er so lange unbeachtet stehen, während er Jene an ihre Webestühle führte, ihnen Kette, Schußgarn und Schlichte brachte, worauf sie sich wieder an die seit ihrer Freilassung ungewohnt gewordene Arbeit setzten.

Ganz anders benahm er sich gegen den Kaufmann. Je gebildeter ein solcher angehender Züchtling ist, desto mehr sucht der Aufseher ihn durch ein barsches Benehmen von vornherein einzuschüchtern; oder, wie es in der Kunstsprache der Zuchthausbeamten heißt: ihm die vornehmen Mucken auszutreiben.

»Komm einmal her!« herrschte er den Kaufmann an, »leg' einmal Deine Sachen dorthin!«

Mit dem tiefsten Schamgefühl vollzieht der Unglückliche den Befehl. Dabei ist es ihm noch nicht völlig klar geworden und erscheint ihm unmöglich, daß er unter dem Befehle eines Mitgefangenen, noch dazu eines Menschen, dem das Gepräge der tiefsten Verbrechen auf allen Zügen zu lesen ist, stehen soll.

Er nimmt mit niedergeschlagenen Blicken, mit Augen voll Thränen und zitternd vor tiefer Entrüstung, seinen Platz auf der Bank des Webestuhls ein.

Es ist das erste Mal in seinem Leben, daß er auf einer solchen Bank gesessen hat.

Der Calefactor macht seine höhnenden Bemerkungen, die keinen andern Zweck haben sollen, als den vornehmen Mann, der zu den Ständen gehört, welche der Proletarier, besonders der gemeine Verbrecher auf das Tiefste haßt, mürbe zu machen.

»Na, nu,« spricht er, »ufgepaßt; sonst giebt's Schmiere. Mit dem vornehmen Fressen und Schlampampen hat es nun ein Ende. Hier giebt's weder Braten, noch Champagner mehr, sondern dünne Suppe mit stinkendem Fett, zum Verhungern zu viel und zum Sattessen zu wenig. Hier ist jeder Züchtling ein Hund, der gepeitscht wird, wenn er knurrt, der gepeitscht wird, wenn er nicht unbedingt gehorcht und auf die Prügelmaschine geschnallt wird, wenn er sein Arbeitspensum nicht liefert; also jetzt ufgepaßt!«

Der Calefactor sieht Thränen im Auge des Kaufmanns. Er verspottet ihn darüber mit den Worten: »Wene man nich, dat hilft hier allens nischt. Wie lange haste denn?«

»Sechs Jahr,« antwortete der Kaufmann, der wohl fühlte, daß er durch ein stolzes resignirtes Schweigen seine Lage nur noch verschlimmern würde.

»Ooch ene schöne Gegend, ick weeß ein Lied davon zu singen, denn ick habe schon so'n zwanzig abgemacht und nu hab' ick noch uf Lebenszeit. Na, der Brei wird so heeß nich gegessen als er ufgegeben wird. Du hast wohl noch Vermögen zu Haus?«

»Ja wohl, eine blühende Handlung.«

»Au schwere Noth!« rief der Calefactor aus, und in seinem schlauen Gaunerkopfe bildete sich gleich ein Plan, von diesem Umstand Nutzen zu ziehen. Mit diesem Gedanken wurde er höflicher.

»Sie,« sprach er jetzt mit seiner leisen Stimme und beschäftigte sich dabei mit dem Webestuhl, als mache er für den Lehrling die erste Einrichtung, »haben wohl noch Familie zu Haus?«

»Eine Frau und ein Kind.«

»Ah, nu wees ick es, ick habe von die Geschichte gehört, seit die Oeffentlichkeit alle Spitzbübereien in die Zeitungen bringt; Sie haben dat Malheur gehabt, einen Grafen zu verwunden, der Ihre Frau verführt hat.«

»Ja,« entgegnete der Kaufmann eintönig.

»Na, ick sage immer, wer so'n Edelmann nur anrührt, der hat sick bei der Pollißei schon die Finger verbrannt, und die Frauensleute gar, na, ick habe ooch mein ganzes Unglück den Weibern zu danken. Hat doch Eva den Adam verführt, das weeß ick noch aus der heiligen Schrift, sonst nischt mehr; aber es is schon lange her, daß der liebe Gott und ich uns um einander nicht mehr bekümmern.«

Jetzt bemerkte der Calefactor, dessen Luchsaugen überall herumflankirten, den sich nähernden Inspector. Schnell kniete er unter den Webestuhl hin, und indem er unablässig die Füße seines Lehrlings streckte, schrie er ihm zu:

»Den linken Fuß uf den ersten Tritt..... runtertreten! noch tiefer!..... so, immer ordentlich austreten. Nu den rechten Fuß uf den dritten Tritt..... ebenso runtertreten..... tiefer, tiefer, Dir sind die Beene wohl festgewachsen; immer runter, fällst dabei nich uf die Nase.«

»Jetzt paß mal uf..... nu werd' ick Dir zeigen, wie Du schießen mußt..... Siehste..... des is der Schütze..... und hier eene Spule mit Schußgarn... die steckst Du immer so in den Schützen hinein, wie ick es Dir vormache u. s. w.«

Leiser sprach er jetzt: »Halten Sie man an..... der Inspector is fortgegangen, un die Luft is wieder rene.«

Zum Erlernen der Weberei bedarf ein freier Lehrling drei bis vier Jahre, im Zuchthause soll es der an solche Arbeiten nicht gewöhnte Gefangene, in ebenso viel Tagen lernen. Er hat die Willenskraft verloren, ein Wort dagegen zu sprechen, denn jede Vorstellung von seiner Seite würde mit Grobheit abgewiesen werden.

Endlich ist es dem Kaufmann mit Hülfe des sich ihm immer freundlicher erweisenden Calefactors gelungen, das erste Stück Barchent zu Stande zu bringen.

Der Calefactor Fabian kommt um neun Uhr in die Weberei, und liefert die unter seiner Aufsicht gefertigten Stücke ab. Ihm folgen die unter seiner Aufsicht stehenden Weber-Züchtlinge.

Der Kaufmann Leberecht befindet sich darunter.

Der Arbeitsinspector aber ist bei bei der Musterung der eingelieferten Arbeit, ein strenger Mann. Er steht im Solde des Arbeitsunternehmers. Zwar gilt der Inspector für einen redlichen Mann und gewissenhaften Beamten; aber kann er dafür, wenn ihm alljährlich eine Erkenntlichkeit von zwei bis dreihundert Thalern vom Unternehmer zugeschoben werden? Kann er dafür, wenn er in den Taschen von Rock und Mantel, die er beim Nachhausegehen mit seinem Arbeitsrock vertauscht, allerhand Gegenstände findet, die seiner Frau zu Hause angenehm sein werden; kann er dafür, wenn ihn der Director für seine barbarische Strenge, wodurch er für die drei Silbergroschen welche jeder Sträfling dem Unternehmer kostet, die meiste und beste Arbeit zu erzwingen weiß, der Regierung zu einer Gratification von hundert Thalern empfiehlt?

Man will doch einmal leben, und Kleider und Hüte, Umschlagetücher und Mantillen von Frau und Töchtern, die es lieben, weit über ihren Stand hinaus zu glänzen, kosten heilloses Geld. Warum also nicht streng sein? Es sind ja nur Zuchthäusler, die täglich auf die Prügelmaschine geliefert werden, weil sie nicht Kraft und Geschick haben, um bei schmaler Kost das Unmögliche zu leisten.

Kaum sind die Zeuge auf der Tafel ausgelegt, so fallen Alle, der Arbeitsinspector, der Zuchthausschreiber, Comptoir-Calefactor und der Beauftragte des Unternehmers, darüber her.

Plötzlich erschallt die näselnde Stimme des Arbeitsinspectors:

»Wer ist der verfluchte Kerl, der das Stück gemacht hat?«

Leberecht wird genannt, der unglückliche Kaufmann.

»Wo ist der Schweinepelz?« ruft der Inspector.

Der Mann in Züchtlingskleidung, aber in würdiger Haltung, tritt vor. Kaum hat der Inspector ihn gesehen, als er ihn auch schon erkennt und anschreit:

»Aha! der ist es, nun ja, solche Patrone wollen immer den Herrn spielen und denken, Alles, was sie machen, ist klug! Der Hochmuthsteufel soll Ihnen aber schon ausgetrieben werden.«

Im ruhigen Tone erwidert der Angeschriene:

»Herr Inspector, ..... Hochmuth war mir nie eigen, am allerwenigsten hier; ..... ist meine Arbeit nicht ganz so vorzüglich ausgefallen, wie Sie es wünschen, so bitte ich Sie recht herzlich, zu bedenken, wie es in der mir gegebenen kurzen Lehrzeit mir unmöglich gewesen ist, auch bei dem besten Willen die erforderliche Gewerksfähigkeit zu erlangen.«

»Was? hat er nicht Zeit genug gehabt, Musje Katzendreck! Seh' mal Einer an, der macht sich ordentlich wichtig! Nehm' Er sich in Acht, daß ich Ihm nicht mit meinem Braunen aufs Leder komme!«

Dem gebildeten Mann blieb nichts Andres übrig, als solcher Roheit gegenüber zu schweigen und zurückzutreten.

Für die rohen Zeugen dieser Scene war übrigens der Auftritt nicht wenig belustigend. Man denke sich den Arbeitsinspector, einen alten hinfälligen Mann, der kaum noch die Kraft hat, den Weg von seiner Wohnung bis zum Zuchthause ohne Führung zurückzulegen, jetzt seinen Rohrstock, worauf er den gekrümmten Körper gestützt hatte, erheben und schreiend vor Wuth diesen Stock gegen die gesunde kräftige Mannesgestalt schwingen, freilich in der Sclavenjacke der Züchtlinge, die ihn mit einem Druck seiner Hand hätte zermalmen können, und nun so ruhig und gehalten ihm gegenüber stand. Der Contrast würde lächerlich gewesen sein, wäre nicht diese Mißhandlung eines gebildeten Menschen durch rohen Beamtendespotismus eine so tiefbetrübende Erscheinung gewesen.

»Na, sieht der Herr wohl,« sprach der Calefactor im höhnisch spottenden Tone, der jedoch freundlich und zutraulich sein sollte, als er diesen völlig niedergetretenen Züchtling an seinen Webestuhl wieder zurückgebracht hatte, »daß man den Calefactor zum Freunde haben muß, wenn man hier nicht ganz zu Grunde gerichtet werden will?«

Der Gedanke, diese entsetzliche Verbrechernatur zum Freunde zu haben, hatte etwas Schaudererregendes für den redlichen Mann aus den Kreisen der gebildeten Gesellschaft. Ein Schüttelfrost überlief seine Nerven, aber er fühlte, daß der Bösewicht Recht hatte und sein Lebensmuth war schon zu sehr gebrochen, um solchen Annäherungen noch länger Widerstreben entgegensetzen zu können.

Er antwortete daher: »Ich werde Ihre Bemühungen für Erleichterung meiner Lage mit reellem Dank erkennen, wenn ich loskomme.«

»Na, darauf verlasse sich der Deibel! Undank is der Welt Lohn, eine alte Regel das! Aber wozu warten? Die Sache läßt sick gleich machen. Schreiben Sie an Ihre Frau, dat Sie Ihnen Geld und was zu schnabeliren durch den Ueberbringer dieses schicken soll und Sie können gewiß sein, daß Alles richtig in Ihre Hände kommt.«

Diese Aussicht durchzuckte einen Augenblick wie ein Strahl von Glückseligkeitsgefühl den niedergeschlagenen Mann. Aber wer die Tücken des Schicksals empfunden hat, wird leicht mißtrauisch gegen alle Menschen. Mit zweifelnden Augen sah er ihn an.

»Aber, Sie sind ja selbst Gefangener. Wie könnten Sie es möglich machen.....?«

»Na, wenn et nicht mehr Spitzbuben gäbe, die frei rummerloofen, als die im Zuchthause sitzen, so wäre et freilich 'ne pure Unmöglichkeit.«

So wußte denn der Calefactor dem Züchtlinge Papier und Bleifeder zu verschaffen und dieser schrieb, im unbewachten Augenblick, an einem gewissen heimlichen Orte an seine Frau.

Nach drei Tagen steckte ihm der Calefactor ein zusammengelegtes Papier zu, worüber etwas Schußgarn gewickelt war. Er las es an demselben Orte seiner Correspondenz und zitterte vor Freuden und weinte vor Wehmuth. Seine immer noch heißgeliebte Frau betheuerte ihm ihre Unschuld. O das war ihm mehr als Geldeswerth, aber es lagen auch noch drei Thalerscheine bei, und seine Frau schrieb ihm, daß sie zehn Thaler sende. Das war freilich mehr als ungleich getheilt; aber Herr Leberecht erkannte darin ein Bestechungsmittel zur Verbesserung seiner Lage. Um den Calefactor bei guter Laune zu erhalten, ließ er sich nichts davon merken, daß er den Betrug entdeckt hatte und der regierende Gauner klagte darüber, daß der Aufseher, den er habe bestechen müssen, ein wahrhaft unersättlicher und unverschämter Mensch sei. Uebrigens würde er, der Kaufmann, unter seiner Schlafmatratze noch einige Lebensmittel finden; er wünsche dazu guten Appetit und stehe gern zu fernern Diensten bereit.

So ging die Sache eine Zeit lang gut. Der Kaufmann empfing von Zeit zu Zeit Zusendungen von seiner Frau und von seinen Freunden, mit denen er durch Hülfe des Calefactors eine lebhafte Correspondenz unterhielt. Dabei wurde seine Behandlung von Tage zu Tage besser. Er fügte sich mit Ergebung in sein Geschick und träumte von glücklichern Zeiten.

Aber der Kaufmann erkannte auch bald, wie ungeheuer er vom Calefactor betrogen wurde. Eine mäßige Entschädigung für seine gefahrvolle Mitwirkung hätte er sich wohl gefallen lassen, aber neun Zehntel von dem, was ihm gesendet wurde, blieb in den Händen des schlauen Betrügers. Dabei mußte seine Familie zu Grunde gehen.

Einst erfuhr er von seinen Schlafgenossen einen andern Weg, auf welchem er sich gegen billigere Provision eine Correspondenz mit seiner Familie sichern konnte. Er schlug diesen Weg ein und verweigerte dem Calefactor jede weitere Mittheilung.

Dieser bemerkte bald, daß der Gefangene auf andere Weise sich seine Bedürfnisse zu verschaffen suchen müsse. Er wurde wüthend darüber. Und nun begann gegen den armen Kaufmann ein System von Lügen, Chikanen, Mißhandlungen aller Art bis zur Prügelmaschine, worauf er eines Tages in Folge einer falschen Anklage festgeschnallt wurde, daß es unserem Gefühl widerstrebt, die Scenen einer solchen verworfenen Nichtswürdigkeit im Einzelnen auszumalen.

Auf diesem Wege kam es endlich so weit, daß der unglückliche Kaufmann, blaß und abgemagert, jenen stieren gedankenlosen Blick angenommen hatte; in jenes dumpfe Schweigen und in die abgestumpfte Gefühllosigkeit gegen Schimpfreden, Stöße, Schläge und andere Mißhandlung versunken war, welches dem seelenkundigen Arzt angehenden Wahnsinn verräth.

So geschah es eines Tages, daß er in das Büreau der Anstalt geführt wurde, ohne daß man ihm sagte, weshalb. In seinem gedankenlosen Wahn glaubte er nichts weiter, als daß er wieder auf die Prügelmaschine geschnallt werden sollte oder gar, daß man ihn dem Henker überliefern wolle. Das galt ihm gleich, in der Gefühllosigkeit, worin er sich befand, hatte das Leben für ihn keinen Werth und für die Leiden und Freuden war sein gedrückter Geist schon ganz unempfänglich geworden. Dem Calefactor war es gelungen, den Weg zu entdecken, worauf der Kaufmann mit seiner Familie correspondirte; er machte davon dem Inspector und dieser dem Director Anzeige. Ein Aufseher wurde weggejagt, der Kaufmann körperlich gezüchtigt, jede Verbindung desselben mit der Außenwelt wurde durch verdoppelt strenge Aufsicht abgeschnitten. Dazu benutzte der Calefactor jeden lichten Augenblick in dem Gemüthszustande des Kaufmanns, um die einzige Leidenschaft, der er noch fähig war, die Eifersucht gegen eine immer noch geliebte Frau durch ein heilloses Gewebe von Lügen und Verläumdungen zu nähren.

Wahrlich es giebt keine tiefer nagende Seelenqual, als stets genährte Eifersucht, wenn man sich in der Lage befindet, das geliebte Wesen weder beobachten, noch bewachen zu können; wenn man kein Mittel hat, die Wahrheit oder Unwahrheit zu unterscheiden und mit der Leichtgläubigkeit der Eifersucht stets geneigt ist, das Entsetzlichste für wahr zu halten.

Als er von solchen Gedanken beherrscht in das Büreauzimmer trat, sah er eine elegant gekleidete Person in Hut und Sammtmantille vor sich stehen, die bei seinem Eintritt die Arme ausgebreitet hatte, aber bei seinem Anblick scheu zurücktrat. Es war seine immer noch geliebte Frau, noch prangend in jugendlicher Schönheit. War sie es, oder war sie es nicht, war es ein geliebtes lebendes Wesen oder ein Phantom seiner verwilderten Phantasie. Er rieb sich die Stirn und erkannte endlich seine Frau; diese aber war von seinem Anblicke noch mehr entsetzt, als er selbst.

War das der schöne, kräftige, elegant gekleidete Mann von feinster Tournüre, mit dem schönen schwarzen Bart, dem kurzgeschnittenen glänzenden Haupthaar, dem freundlichen Blick und der würdevollen Haltung? Unmöglich, ein abgemagerter Züchtling in grauer Jacke, kurzen Lederhosen und kahl geschornem Kopf, die magere Gestalt gebeugt wie ein Greis, die Blicke scheu und unstet, das war er nicht, und doch –

In diesem Entsetzen der Frau und dem Schwanken und der Zurückhaltung, die daraus folgte, erkannte der Unglückliche in seinem Wahn das böse Gewissen der gebrochenen Treue. Diese bildschöne Frau, einst sein geliebtes Eigenthum, in den Armen eines Andern; es war nicht zu ertragen, es war um wahnsinnig zu werden, und er wurde es.

Denn als endlich seine Frau, indem sie ihn erkannte, mit ängstlicher Scheu sagte: »Lieber Mann, freue Dich, es ist meiner Verwendung bei einer hohen Person gelungen, den sehnlichsten Wunsch meines Herzens, Deine Begnadigung auszuwirken, hier die Cabinetsordre;« da endlich brach sein längst schon vorhanden gewesener stiller Wahnsinn in offene Tollsucht aus, er sprang auf seine Frau zu, umkrallte ihren Hals mit übermenschlicher Kraft und schrie mit der heisern Stimme eines krächzenden Raben: »Stirb, Meineidige! Du hast mit jener hohen Person gebuhlt, sonst wäre meine Begnadigung unmöglich gewesen.«

Nur vereinten Kräften konnte es gelingen, der Frau das Leben zu retten. Er wurde überwältigt und gebunden.

Und man schickte den unglücklichen Familienvater, der nun in den Kreis der Seinigen hätte zurückkehren können, auf die Irrenstation in der Charité nach Berlin zurück. Dort liegt er auf einer Matratze, den Schaum vor dem Munde, die Augen wild rollend, die Arme durch die Zwangsjacke gefesselt, eine Menschenruine, das Werk der Verkehrtheiten einer büreaukratischen Straf- und Besserungsanstalt.

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Auch die beiden andern mit ihm eingebrachten Züchtlinge, der Bauer und sein Sohn, welche wegen verweigerter Abgaben und Dominicalleistungen auf den Gütern des Grafen Banco zur Zuchthausstrafe verurtheilt waren, erlagen ihrem Geschicke.

Der alte Bauer mit seinen breiten, schwieligen Händen und steifen Beinen war völlig unbrauchbar zur Weberei, und trotz aller Mühe und der ärgsten Mißhandlungen und Strafen konnte er es doch nicht dahin bringen, nur ein brauchbares Stück Gewebe zu Stande zu bringen. Vergebens bestürmten der Arbeitsinspector und selbst der Unternehmer der Weberei den Director, ihnen dieses völlig unbrauchbare Subjekt abzunehmen und es zum Holzhacken zu verwenden, wodurch es nützlicher für die Anstalt verwendet werden konnte. Der Director blieb dabei: »Der Kerl soll und muß weben. Ich habe es einmal gesagt und Consequenz soll und muß unter allen Umständen beobachtet werden.«

An dieser Consequenz ging aber der brave Landmann und sonst so fleißige Familienvater zu Grunde. Aus Gram und ungewohnt der sitzenden Lebensweise wurde der alte Mann krank. Nachdem er mit dem Kopf und den Beinen nach unten auf die Prügelmaschine geschnallt war, weil der Director befohlen hatte, den Kerl so lange zu prügeln, bis er weben könne, bekam er, während ihm fünfzehn Hiebe aufgezählt wurden, den Blutsturz. Da endlich wurde er als brustkrank auf die Krankenstation gebracht. Die Diät ist dort so knapp zugemessen, als wolle man Alles durch die Hungercur heilen. Nirgends wurde die Bereicherung durch Mitgenuß an der Speisekammer unverschämter getrieben als auf dieser Station. Während der Inspector und die Küchenbeamten den Thalerwein und die Bouillon tranken und in ihre Familien das Fleisch verschleppten, erhielt der wieder genesende Kranke eine wasserdünne Fleischbrühe, die durch Eintauchen eines Talglichtes gefettet war, einen sauern Landwein und die Knochen vom Fleisch. War endlich der Bauer als nothdürftig genesen von dieser Station entlassen, so sollte er wieder weben. Das Leiden ging von vorn an, da gab es keine Schonung, kein Mitleiden; endlich entschloß sich der Arzt, eine Bescheinigung zu geben, daß der Mann an der ausgebildeten Lungenschwindsucht leide und daher für die Weberei nicht mehr tauglich sei. Und so wurde er denn endlich ausgeschrieben und da der Mann ganz hinfällig war, an leichtere Arbeit gebracht. Diese bestand im Spinnen von Kuhhaaren. Aber der feine Kalkstaub und die von zwanzig Rädern in die Luft gestäubten Haare wirkten auf den Lungenkranken noch viel gefährlicher. Er wanderte von den Kuhhaaren in die Krankenstation, von dieser zu den Kuhhaaren und dann wieder zurück, und so waren kaum einige Monate vergangen, da lag er starr und steif in der Todtenkammer, und der gesund in die Anstalt getretene Mann wurde in einen alten Kasten gepackt und im Sande verscharrt, ohne daß man es der Mühe werth hielt, einen Sandhügel auf das Grab des gestorbenen Züchtlings zu häufen.

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Sein Sohn, ein kräftiger neunzehnjähriger Bursche, einst der Stolz der Schönen seines Dorfes und der Gegenstand ihrer Bewerbung zum Tanz, hatte ebenso viel plumpes Ungeschick für die Arbeiten der Weberei bewiesen; aber er sollte und mußte weben und erhielt täglich Prügel und Püffe, weil er es nicht begriff. Was ihn selbst betraf, so ertrug er es mit stoischem Gleichmuth. Prügel, dachte er, gehören einmal zum menschlichen Leben, besonders hier im Zuchthause, wo sie auch unverschuldet ausgetheilt werden. Ein miserabler Kerl, dachte er, der nicht alle Tage seine Tracht Prügel vertragen kann! Aber mein alter Vater, Himmel tausend Donnerwetter. Dessen Mißhandlungen machten ihn endlich wild, nachdem er oft genug gedroht und raisonnirt hatte, sprang er wüthend auf und ergriff den Calefactor bei der Kehle. In einem Augenblicke lagen Beide an der Erde. Die nervigen Fäuste des Bauerburschen waren nahe daran, dem ausgemergelten Zuchthaus-Calefactor den Garaus zu machen. Er schlug ihn dabei blutrünstig im Gesicht. Alle Aufseher stürzten hinzu, aber der wüthende Bauerbursche war ein Löwe an Kraft. Alles schlug drauf. Erst als man ihn halb todt geschlagen und durch einen Schlag mit einem Webebaum betäubt hatte, gelang es ihnen, den Rebellen gegen Ordnung und Disciplin mit Stricken zu binden. So wurde er bei den Beinen aus dem Arbeitssaal in die Strafsection geschleift, während sein Kopf am Boden aufschlug. Dann wurde der Halbtodte auf die Prügelmaschine geschnallt; darauf in Eisen geschmiedet. Die glühende Niete verbrannte ihm die Knöchel; die Hammerschläge dröhnten ihm durch alles Mark in den Gebeinen. Auch die Hände wurden gefesselt. So kam er in das einsame Cachot, um den Sünder seinem Nachdenken und seinem Gewissen zu überlassen.

Aber das Nachdenken brachte ihn zu der Ueberzeugung, daß er nun doch unrettbar verloren sei.

Am andern Morgen fand ihn der Aufseher mit seinem Halstuch am Thürpfosten erhenkt.

Seine Leiche wurde bald darauf durch ihre muskulöse Beschaffenheit eine Hauptzierde des anatomischen Theaters.

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Und das war gut: ein Wahnsinniger und zwei Todte schon ganz anständige Opfer einer papierenen Büreaukratie.

Die Acten waren dabei in der allerschönsten Ordnung. Die Berichte sahen sehr unschuldig aus. Den Commissarius hätte ich sehen mögen, der die geringste Unrechtfertigkeit zwischen den Zeilen hätte herauslesen können.

Nur Edmund hatte die großen Mängel dieser Anstalt erkannt. Aus reiner Menschenliebe hatte er es für seine Pflicht gehalten, dem Minister darüber einen getreuen Bericht zu erstatten.

Die Folge war, daß der Director veranlaßt wurde, um seine Pensionirung einzukommen, damit nicht, wie ihm unter den Fuß gegeben wurde, eine Untersuchung gegen ihn veranlaßt werden müsse. So erhielt der Mann, der sich so schwer an der Menschheit vergangen hatte, noch im rüstigen Mannesalter eine anständige lebenslängliche Pension; wieder eine Belastung der Staatskasse, die auf keinem andern Grunde beruhte, als auf dem Princip: Beamte unter keinen Umständen zu compromittiren.

 

3.

Ueber Edmund Redlich schwebte schon seit seiner Broschüre über die schlesischen Angelegenheiten das Schwert des Damokles am dünnen Haar.

Diese Denunciation gab vollends den Ausschlag. Vor den Ministerialbehörden galt er für einen unruhigen Kopf. Sie ließen ihn fallen und die Gerichte thaten ihre Schuldigkeit, indem sie ihn wegen frechen und unehrerbietigen Tadels, wenn er auch in der Sache selbst so unrecht nicht habe, zu sechs Monat Festungshaft verurtheilten.

Er wurde auf die Citadelle der Festung M*** abgeführt. Dort traf er einige Offiziere, die wegen vom Regierungssystem abweichender politischer Meinung, oder auch wegen Umgangs mit einem mißliebigen Offizier condemnirt worden waren; dann auch einige mißliebige Literaten, unter andern den Doctor Ajax, die sämmtlich wegen Preßvergehen verurtheilt waren. Aber diese Leute führten dort ein ganz angenehmes Leben. Sie durften sich literarisch beschäftigen, Spielpartien unter sich halten, das Theater besuchen, selbst zum Theil als Dramaturgen dort mitwirken.

Doch es wird Zeit sein, daß wir nach Berlin zurückkehren; denn es nahen die verhängnißvollen Märztage heran.

 

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