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So war es. Zweiter Theil

Karl Ludwig Häberlin: So war es. Zweiter Theil - Kapitel 10
Quellenangabe
authorKarl Ludwig Häberlin
titleSo war es. Zweiter Theil
publisherVerlag von C. L. Fritzsche
year1849
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180703
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Funfzehntes Buch.

Gefangennehmung des Generals von Möllendorf. Einstellung der Feindseligkeiten. Bürgerbewaffnung. Excesse bei dem Major von Pruski. Ajax verwundet. Der Geheimrath Leblos wird weichherzig. Schlußscene im Todtengewölbe.

      »Der Frühling der Freiheit ist da!
      »Seid nicht zu ängstlich für den andern Morgen, der
Frühling der Freiheit ist erwacht, die Völker sind zu dem
Verlangen gekommen selber zu denken, sich selbst zu
bestimmen und nur sich selbst gegebenen Gesetzen zu
gehorchen. Darin bestehet das Wesen der Freiheit. Es
können im Frühlinge Schneestürme und Eis kommen; aber
das Eis und der Schnee im Frühlinge ist ein Anderes,
wie im Winter, beide verschwinden schnell. Der Frühling
ist da, er wird und muß kommen, der Freiheitsmorgen,
der Frühling der Freiheit, er wird und muß kommen!
                              Prof. Jacoby,
            (in seiner Wahlrede im 11ten Berliner Wahlkreise.)

 

———————

 

1.

Der Morgen des neunzehnten März graute und eine tiefe Stille war eingetreten. Der Donner der Geschütze schwieg, nur die Sturmglocken von den Thürmen klangen noch eine Weile fort.

Militair und Bürger schienen indeß nur vom Kampf zu ruhen. Das Volk machte furchtbare Anstrengungen zur Erneuerung des Kampfes. Von allen Seiten waren Waffen aller Art herbeigeschafft. In den Küchen und auf den Straßen sah man Kugeln gießen und wo diese nicht ausreichten, brachten Händler mit Kinderspielzeug ganze Waschkörbe voll Thonkugeln, sogenannte Murmeln auf den Platz. Man sah Juden umherlaufen und Schießpulver aus ihren Schnupftüchern vertheilen.

Von Seiten des Militairs waren ohne die Cavallerie und Artillerie allein acht Infanterieregimenter zusammengezogen. Aber überall schien es dem Militair an Munition zu fehlen. Selbst die nothwendigsten Lebensmittel fehlten vielen Abtheilungen der Soldaten und viele Einzelne sah man erschöpft von Hunger und Durst und sechsunddreißigstündiger Anstrengung auf das Straßenpflaster niedersinken, wo ihnen mitleidige Bürgerfrauen Brod und Kaffee aus den Häusern zutrugen.

Wäre der Kampf wieder ausgebrochen, so wäre es ein Vernichtungskampf geworden, so gräßlich und blutig wie nie zuvor ein Bürgerkrieg gewesen. Ein furchtbarer Sonntag wäre es geworden; dem Volke blieb dann nichts übrig als das Schloß zu stürmen, und was dann weiter? das weiß Gott!

Es war acht Uhr Morgens. Offiziere winkten mit weißen Tüchern; aber man traute ihnen nicht.

Der Alexanderplatz war noch nicht vom Militair eingenommen gewesen. Das Volk stand dort in Massen, zum Theil durch Barricaden gedeckt, zum Theil frei. Mehrere der Straßen, die von der Schloßseite her dorthin führten, waren mit Soldaten besetzt.

Da trat ein hoher Offizier, mit dem weißen Tuche winkend, den Degen in der Scheide habend, ganz allein zu Fuß auf dem Alexanderplatze dem dichtesten Volkshaufen entgegen.

»Trauet ihm nicht,« rief ein rothbärtiger, breitschultriger Mensch inmitten dieses Volkshaufens. »Ueberall ist dem Militair die Munition ausgegangen. Wir sind schon einigemal durch Parlamentaire mit weißen Tüchern getäuscht worden. Dann haben sie plötzlich geschossen, ohne durch Trommelschlag zu warnen.«

Es war der Doctor Ajax, der hier sich bemühte den Pöbel aufzuhetzen, welcher dort, wie überall mit Gassenbuben untermischt, die leichtfüßige, tobende Avantgarde der bewaffneten, eigentlichen Volksvertheidiger bildete.

Dann fuhr er fort: »Seht da den General von Möllendorf, der auch nichts weiter will, als uns hinhalten, bis seine Leute wieder Munition bekommen, um uns dann zusammenschießen zu lassen.«

»Auf Jungens,« rief er einer Rotte der zerlumpten kleinen Schießjungen Schießjungen sind Burschen von 10 bis 12 Jahren, die bei breiter Arbeit der Weberei an beiden Seiten des Webestuhls stehend das Schiffchen zum Einschuß hin und her werfen. Man sah sie in der vergangenen Nacht überall. Im heißesten Kugelregen stimmten sie das Lied an: »Ein freies Leben führen wir.« – Sie warfen Steine, brachten Nachrichten von einer Barricade zur andern und kannten keine Furcht. zu, die ihn bald darauf von allen Seiten umschwärmten. Plötzlich riß einer derselben ihm den Degen von hinten aus der Scheide und schrie zurückspringend: »Sie sind mein Gefangener, Herr General!«

»Das ist eine Gemeinheit!« sprach der würdige General in tiefster Entrüstung.

»Drauf, drauf, er schilt Euch für gemein!« rief Ajax und nun wurde der General vom dichtesten Gewühl umringt, vom Pöbel angefallen und zu Boden gerissen und Ajax reichte sein Pistol an einen schwarzen, berußten Kerl, der sie auf den am Boden liegenden Helden anschlug; im nächsten Augenblick hätte ihm eine Kugel das Gehirn zerschmettert, da sprang Hochherz herbei, durchbrach den dichtesten Volkshaufen im Augenblick und schlug dem Mörder die Pistole aus der Hand. Diese nahm er jetzt auf und drohete Jeden zu erschießen, der nur mit einem Handschlag sich an dem Gefangenen vergreifen würde.

Der imponirenden Persönlichkeit des im Volke schon vortheilhaft bekannten Landschaftsraths und besonders dem gesunden und rechtlichen Sinn der besonnenern Bürger, vorzüglich aber dem Eifer des bekannten Volksführers, Thierarzt Urban, war es zu danken, daß der General ungefährdet zuerst in das Krügersche Haus auf der Alexanderstraße gebracht wurde.

Dort gab ihm Hochherz seinen Degen wieder und erklärte ihm mit Uebereinstimmung seiner Umgebungen, daß man ihn nicht als Gefangenen, sondern als Geißel für die Ruhe und Sicherheit der Stadt zurückbehalten wolle.

Dann forderte er den General auf, an die Truppen einen Befehl, sich zurück zu ziehen, zu unterzeichnen. Von allen Seiten wurde dieses Verlangen unterstützt. Lange weigerte sich der General. Manche Ungehörigkeiten fielen dabei vor; so u. a. schlug ein riesiger Arbeiter einen starken Nagel über dem Stuhl, worauf der General saß, in die Wand ein und befestigte einen Strick daran mit ausgestoßenen Drohungen. Die Gährung wurde immer stärker.

Der General benahm sich mit der Würde eines alten Militairs. Todesdrohungen schienen keinen Eindruck auf ihn zu machen; wohl aber der Anblick der wirklich imposanten Volksmacht, die sich vor seinen Augen entfaltete, denn auch die Schützen von der Schützengilde mit ihren Büchsen kamen heran; so unterzeichnete er endlich den Befehl für das Regiment Alexander, sich zurückzuziehen; alsdann schrieb er auf dringendes Ersuchen noch darunter: »Dieser Befehl soll auch für das Regiment Franz Gültigkeit haben.«

Nun begleitete Hochherz den General, welcher einer Abtheilung Bürgerschützen übergeben war, nach dem Schützenhause, wo er für dessen persönliche Sicherheit gegen andringende Volkshaufen, die seine Auslieferung an die Rache des Volks verlangten, sorgte.

Indeß eilte Urban mit dem Befehl Möllendorfs zu den Vorposten, dann zu den Commandeuren der noch unter den Waffen stehenden Militairabtheilungen und las ihnen die Ordre vor. Da bald darauf auch vom Schlosse her der Befehl zur Einstellung aller Feindseligkeiten kam, so war gegen elf Uhr in allen Stadttheilen der Frieden wieder hergestellt.

Das Herz des Königs hatte entschieden; mit der Freiheit war seinen Völkern der Frieden wieder gegeben.

Es war ein tief ergreifender Anblick, als man die von ihrem fürchterlichen Dienste erlöseten Truppen von Volkshaufen umringt in ihre Kasernen abziehen sah.

Gedämpfter Trommelschlag oder Choralmusik, von dem Jubelruf der Menge unterbrochen, geleitete ihren Marsch. Aber es war kein Hohn dabei. Ueberall ehrte das Volk das durch diesen Rückzug verletzte Ehrgefühl der braven Krieger, die, nachdem sie vierundzwanzig Stunden lang mit beispielloser Hingebung ihre schreckliche Pflicht gethan hatten, nun abziehen mußten, gleich Besiegten.

Ueberall ertönten den vereinigten Bürger- und Militairschaaren donnernde Lebehochs. Von allen Fenstern und Balconen verkündete das Wehen weißer Tücher die Friedensbotschaft nach allen Seiten hin. Volksredner erstiegen erhöhte Steine, um die Menge zur Einigkeit und Ruhe zu ermahnen.

Die Freilassung der Gefangenen und die Amnestie aller politisch Verurtheilten, auch der gefangenen Polen, machte der König selbst vom Balcon herab der unten harrenden Menge bekannt und bat am Schluß, ihm nun auch eine Stunde Ruhe zu gönnen.

Indeß wurden gleichzeitig, wie auf Verabredung von allen Seiten, die mit Blumen geschmückten Leichen der im Kampf getödteten Männer, Jünglinge, Frauen und Jungfrauen vom Bürgerstande in das königliche Schloß getragen.

Eine Menge Volks mit unbedecktem Haupte geleitete diese Züge. Die Wunden waren bloßgelegt, bei mehreren sah man die edelsten Theile des Körpers schrecklich zerfleischt. Mit Blumen und grünen Zweigen bildeten diese klaffenden Wunden entsetzliche Contraste.

Der stürmische Ruf des Volks veranlaßte zuerst die neuernannten Minister, von Arnim und Schwerin, auf den Balcon heraus zu treten, um die allgemeine Aufregung durch versöhnende Worte zu beschwichtigen. Doch der unaufhörlich sich wiederholende Ruf: »Der König!« ließ diese Worte ungehört.

Endlich erschien der Monarch am Arm der Königin und begrüßte das Volk. Seine Züge waren schmerzlich bewegt, die Königin bebte zurück vor dem Anblick so vieler Leichen. Es war diese Stunde, im schönsten Sonnengolde eines herrlichen Frühlingstages, gewiß eine der schwersten Prüfungen, die jemals ein gekröntes Haupt, das Wohlwollen für sein Volk im Herzen trägt, erduldet hat.

Kaum hatte der König begonnen: »Vor einer Stunde haben Sie mir versprochen ruhig nach Hause zu gehen....« als er sich durch wildkreuzende Rufe der Menge unterbrochen sah. Da trat der König mit grüßender Bewegung zurück und dem kräftigen Organe des Grafen Arnim gelang es, sich Gehör zu verschaffen. Es war die Mahnung an das Volk für die Herstellung der Ruhe und Ordnung kräftig mitzuwirken. Da rief ein junger Mann, es war Edmund, der auf den Schultern Anderer emporgehoben wurde, mit kräftiger Stimme: »Das Volk verlangt vor allen Dingen Waffen, damit es sich vertheidigen könne, um nicht mehr wehrlos gemordet zu werden.«

»Bürgerbewaffnung fordert das Volk,« rief an seiner Seite der Freiherr von Hochherz, »um sich selbst und seinen König gegen Anarchie schützen zu können.«

Nicht lange darauf verkündete der Minister vom Balcon herab: »Die Bürger werden unverzüglich bewaffnet werden; der so allgemein beliebte Polizeipräsident von Minutoli wird sich an die Spitze der Bürgerbewaffnung stellen.«

Gegend Abend begann schon die Austheilung von Waffen im Zeughause. Bei einbrechender Dunkelheit wurde die Stadt erleuchtet. Bewaffnete Bürger bezogen ihre ersten Schloßwachen. Schwarz-roth-goldene Fahnen und Kokarden, die Farben deutscher Einheit, sah man überall als Symbole der Freiheit unserer Märzerrungenschaft.

Aber die hochgehenden Wogen der See können sich so schnell nicht ebenen, wenn auch der Sturmwind sich gelegt hat, der sie aufregte.

 

2.

Das Eigenthum wurde wohl überall geachtet. Die höhere Idee der Freiheit, die jetzt alle Seelen durchglühte, schien alle niedern Leidenschaften erstickt zu haben.

Dennoch waren die untern Volksmassen noch in einer höchst erregbaren Stimmung gegen ihre vermeintlichen Unterdrücker, oder Jeden, der sich irgendwie dem Volke feindlich gezeigt hatte.

Daher kamen die Excesse vor dem Stadtgericht und dem Palais des Prinzen von Preußen, wobei Ajax nicht ohne Erfolg die Leidenschaften aufwiegelte. Aber Hochherz und andere Gesinnungsgenossen beruhigten die Menge, indem sie das Palais des Prinzen für Nationaleigenthum erklärten und die Worte: »Eigenthum der Nation« mit Kohle an die Wände schrieben. Auf ähnliche Weise wurde auch das Stadtgericht vor der Gefahr unersetzlicher Verluste für viele hundert Familien, durch Zerstörung von Acten, Documenten und Hypothekenbüchern, gerettet.

Unaufhaltsam aber wogte ein Zug nach der Wohnung des invaliden Majors von Pruski. Ein Bedienter, es war der Diener des Geheimraths Leblos, hatte in der vorigen Nacht, anstatt seinen Auftrag eine Schutzwache von Soldaten zu holen, auszuführen, dem Volke den Zettel des Major von Pruski gezeigt und es hatte sich ausgesprochen, daß dieser dem Militair Barricadenkämpfer habe überliefern wollen. Da ertönte ein allgemeines Rachegeschrei, zu dessen Vermehrung Ajax nicht wenig beitrug.

Ein Haufen Tumultuanten rückte vor das Local der Zeitungshalle. Noch befanden sich der Geheimrath und der Major oben in der Wohnung des Letztern. Die bekannte Courage dieser beiden Herren ließ sie nicht zweifeln, daß der Tumult gegen ihre Personen und ihr Eigenthum gerichtet sei; aber es galt nur einem in der Nähe wohnenden Bürger, der das Militair gegen die Zeitungshalle gehetzt hatte, indem er diese eine Höhle und ein Wespennest genannt hatte. Der Bürger wurde durch das Volksgericht gezwungen, 25 Thaler Buße als Beitrag für die Familien der Getödteten und Verwundeten zu erlegen.

Kaum hatte sich diese Bewegung etwas verzogen, so beschlossen die beiden alten Kumpane, sich nach der in einer einsamen Straße belegenen Wohnung des Majors zurückzuziehen.

Bertha mußte sie begleiten.

Da aber kamen die beiden tapfern Männer fast aus dem Regen unter die Traufe.

Ein gewaltiger Volkshaufen sammelte sich vor der Thür der Wohnung des Majors und verlangte, daß der Verräther am Volke zum Fenster herausgeworfen werde. Ajax las den dem Bedienten abgenommenen Zettel laut vor und steigerte dadurch noch die Wuth der Menge. Es fehlte nicht an Stimmen, die zu beruhigen suchten; dahin gehörten Hochherz und Edmund, die sich inmitten des tobenden Volkshaufens befanden. Aber sie wurden nicht gehört. Die Menge schrie: Todtschlagen, zerstören! und drang endlich tumultuirend in das Haus, in dessen zweitem Stock die geräumige Wohnung des alten Majors lag, wo derselbe, da er reich war, ein behagliches Garçonleben führte.

Oben waren indeß die beiden alten Herren in höchster Angst. Einmal hatte ihnen schon ein Kleiderschrank das Leben gerettet, sie zweifelten nicht daran, daß ein ähnliches Versteck ihnen jetzt gegen den Pöbel, wie früher gegen die Soldaten, als Festung dienen werde.

So stiegen sie denn auch hier in einen Kleiderschrank, in den des alten Majors hinein, welcher noch ganz voll hing von alten Uniformstücken und Dienstmänteln. Bertha mußte zuschließen und den Schlüssel aufbewahren.

Jetzt war die Pöbelrotte oben. Man suchte den Major; da er aber nicht zu finden war, so begann das Zerstörungswerk. Männer mit Aexten zerschlugen Spiegel, Fenster und Meubeln und warfen Alles auf die Straße. Nicht das Mindeste, selbst nicht die bedeutenden Geldsummen, die sich im Secretair befanden, nicht das Silberzeug im Glasspinde wurde entwendet. Niemandem geschah persönlich Leides. Auch gegen Bertha benahmen sich die Blousenmänner mit aller Achtung.

Jetzt kamen sie an den Kleiderschrank, worin kaum zwei Menschen dicht aneinander gedrängt Platz hatten. Bei dem Versuche ihn von der Wand abzurücken, fühlte man, daß er ungewöhnlich schwer war.

»Schlagt ihn entzwei,« rief Ajax, »es stecken verborgene Schätze darin.« Schon hoben die Männer die Aexte und würden durch die dünnen Holzwände den dahinter Versteckten die Schädel gespaltet haben; da warf sich ihnen Bertha entgegen und rief: »Haltet ein, ihr tödtet meinen Vater und den Major.«

»Die sollen auch sterben,« schrie ihr ein riesiger Arbeiter zu; »angepackt, Kameraden, werft die ganze Geschichte zum Fenster hinaus!«

Und sechs starke Männer packten den Schrank und hoben ihn empor und käntelten ihn um und um, so daß die Versteckten bald auf den Füßen, bald auf den Kopf zu stehen kamen. Jetzt ertönte von innen ein dumpfes Nothgeschrei. Die Männer lachten und meinten: das sei das Geschrei der Austern in der Schale. Nun sollten sie erst recht ihren Luftsprung machen, riefen sie einander zu.

Während Andere das Fensterkreuz einschlugen, schleppten jene Männer den Schrank zum Fenster. Vergebens war Bertha's Flehen, ihren Vater nicht zu tödten. Schon war die eine Kante des Kleiderschrankes auf die Fensterbrüstung gesetzt, noch einige Minuten und die ganze Masse würde prasselnd auf die Straße herabgestürzt sein, wo schon ein Scheiterhaufen von den Effekten des Majors angezündet war, wenn nicht in diesem gefahrvollen Augenblicke Hochherz und Edmund sich durch den Volkshaufen Bahn gebrochen hätten und in das Zimmer, wo dieser entsetzliche Mord eben geschehen sollte, hereingetreten wären.

»Edmund, Rettung!« rief Bertha, indem sie fast ohnmächtig in seine Arme sank, »mein Vater und der Major stecken im Kleiderspinde, den diese Leute soeben auf die Straße werfen wollen.«

»Loslassen!« rief Edmund, indem er zwei Männer mit einer durch die Größe der Gefahr erhöhten Kraft zurückschob.

»Wer ist es, der uns hindern will, Volksgericht zu halten?« schrien die Arbeiter, indem sie auf ihn eindrangen, während die vier Andern den Schrank, der ihnen zu schwer wurde, auf den Boden niederließen.

»Ich habe auf den Barricaden gekämpft, für die Freiheit, nicht damit das Volk sich durch Mord beflecke. Wer die Männer, die hier verborgen stecken, morden will, muß erst mich tödten; nur über meine Leiche geht der Weg zu ihrem Herzen.«

»Schämt Ihr Euch denn nicht?« rief Hochherz in das Getümmel hinein. »Eben hat das Volk von Berlin den schönsten Sieg errungen. Freude und Friede herrscht überall. Der König vertraut sich seinen Bürgern an und Gesetz und Ordnung werden wieder herrschen, und Ihr wollt Euch den Raben als Aas auf dem Hochgericht überliefern? denn davon dürft Ihr überzeugt sein, ich selbst würde Euch als Mörder anklagen, wenn Ihr die beiden Männer da aus dem Fenster stürzt.«

»Wir haben keinen Menschen gesehen, das kann jeder Narr sagen, daß Leute im Schrank stecken, wir wissens nicht.«

»Lieber Ajax,« rief Edmund diesem Volkstribun zu, »ich beschwöre Sie, diese Leute zu beruhigen, der Eine, der im Schranke steckt, ist der Geheimrath Leblos, mein künftiger Schwiegervater, hier meine Braut; die kennen Sie schon.«

»Lassen Sie öffnen, ich stehe für das Leben der Bewohner dieser Arche Noah.«

Bertha gab zitternd an Edmund den Schlüssel zum Schrank. Dieser und Hochherz stellten zuvor die Kleiderspinde wieder auf die Füße; dann öffnete Edmund dessen Thür und in der kläglichsten Verfassung traten zitternd und bebend, bleich und zerstoßen der Geheimrath Leblos und der Major Pruski Da bei dem pensionirten Major von Preuß in der Heiligengeiststraße ein ähnlicher Exceß der Volksjustiz stattgefunden hat, so bedarf es für solche Leser, die ihn und seine Verhältnisse nicht kennen, der Bemerkung, daß die hier geschilderte Persönlichkeit des Major Pruski, so wie dessen Verhältnisse und Charakterzeichnung, auf den genannten Major auch nicht die mindeste Aehnlichkeitsbeziehung haben. – So ist auch hier Wahrheit und Dichtung gemischt, wie im ganzen Romane. D. V. heraus.

Ueber diesen kläglichen Anblick brach die Pöbelmasse in ein ungeheures Lachen aus.

»Das ist ein gutes Zeichen,« sprach Hochherz beruhigend zu Bertha, »wer lacht, thut nichts Böses.«

Andere Arbeiter kamen hinzu, das Gedränge wurde immer ärger. Der Schrank mit den Uniformstücken des Majors wurde noch zum Fenster hinausgestürzt. Die beiden Geretteten wollten sich zurückziehen; aber ein riesiger Schmiedegesell hielt sie bei den Schultern fest und schrie: »Die Ohren müssen wir ihnen wenigstens abschneiden, damit wir einen Denkzettel an ihre Schurkerei und Volksverrätherei haben.« Ein Zweiter zog sogleich ein Messer, das er mit mordgierigen Blicken auf dem Riemen seines Schurzfelles wetzte. Und zehn Andere schrien: »Schlagen, schlagen!« »Spießruthen laufen!« »Oeffnet die Gasse!« »Jeder gebe ihnen einen Hieb!«

So würden sie nicht lebend die Treppe hinunter gekommen sein. Nochmals wendeten sich Edmund und Bertha mit Bitten an Ajax, während Hochherz mit Wärme den Leuten zuredete und diesem und jenem unbemerkt einen Thaler in die Hand drückte. Die beiden Delinquenten standen dabei wie vom Schreck versteinert, das Schlimmste erwartend.

»Laßt uns Gericht halten, ehe wir strafen,« rief Ajax mit seinem kräftigen Organe.

»Ja, ja, Gericht halten, dann drauf, drauf!«

»Dieser Mann,« sprach Ajax, »ist der Geheimrath Leblos. Wer etwas gegen ihn zu klagen hat, der trete vor.«

»Es war sein Bedienter, der den Auftrag hatte Militair zu holen.«

»Ja, zu seinem persönlichen Schutze,« nahm Edmund das Wort. »Ihr sehet, daß der alte Herr nicht grade an einem Ueberfluß von Courage leidet, so sprecht ihn frei im Namen des souverainen Volks!«

»Freigesprochen, freigesprochen!« riefen mehrere von den durch Hochherzens Freigebigkeit gewonnenen Stimmen.

»Gut, führt ihn ab,« gebot Ajax und Edmund und Bertha führten den zitternden alten Mann in ein kleines Hinterzimmer, wo noch nicht die ganze wohnliche Einrichtung zerstört worden war.

»Retten Sie den Major,« sprach Hochherz leise zu Ajax, »und ich bezahle Ihre Schulden.«

»Sie dürfen auf mich rechnen,« entgegnete der Volksführer und erklärte, gegen das Volk gewendet, den Major für seinen Gefangenen, den er selbst als Hochverräther am Volk vor Gericht stellen werde. »Wer hat den Beweis seiner Schuld in der Hand? Gebt mir den Zettel, den er geschrieben hat.«

Das geschah und Ajax fuhr den erschrockenen Major an: »Dieses Document bringt Dich aufs Schaffott, Hochverräther! Jetzt folge mir in irgend ein sicheres Gemach, das ich selbst verschließen werde.«

Damit schob er ihn in eine Seitenkammer, die er zuschloß, worauf er den Schlüssel zu sich steckte.

»Nun, auf zum Autodafé!« rief Ajax, »und dann zu dem Handschuhmacher, der ein Paar Polen als Aufwiegler denuncirt hat!«

Nach diesen Worten suchte er noch einen Augenblick den Freiherrn auf und steckte ihm den Schlüssel zu mit den Worten: »Hier, der Schlüssel zu seinem Gefängniß in der Nebenkammer. Ich werde indeß die Menge fortführen. Wenn Alles still ist, können Sie ihn befreien. Dann aber meine Schulden.....«

»Es bleibt dabei.«

»Es sind aber an sechshundert Thaler.«

»Gut, ich zahle!«

»Dafür, Freund, sollen Sie auch ein Abgott des Volkes werden!«

»Ich danke für solche Empfehlungen. Meinen Weg werde ich schon allein gehen.«

»Sehr großmüthig! Sie sind ein wahrer Cato, Adieu!« Er ging.

Zwei Zimmergesellen waren noch oben geblieben und hatten ihre Lust daran, zu zerschlagen, was irgend wie zerbrechlich war. Jetzt entdeckten sie noch in einem dunklen Winkel ein Watercloset, schleppten es ans Fenster und warfen es hinaus.

Unglücklicher Weise aber stand Ajax gerade unter diesem Fenster auf dem Trottoir, indem er durch Befehle das Verbrennen der Effecten leitete. Plötzlich wurde er getroffen von dem schweren herabstürzenden Meuble und zu Boden geworfen.

Welch ein Held hat jemals ein kläglicheres Ende gehabt!

Aber ein altes Sprichwort sagt: »Unkraut vergehet nicht,« oder wie ein Fleischergesell in seiner Nähe, als er nach der ersten Betäubung wieder anfing sich zu regen, witzelte: »Ein guter Ochs fällt nicht auf einen Schlag!«

Der Volksheld Ajax hatte, nachdem man ihn in das nächste Haus gebracht hatte, so viel Besinnung wieder gewonnen, daß er das Verlangen aussprechen konnte, in seine Wohnung gebracht zu werden, die in der Nähe lag.

Hochherz übernahm es, ihn mit der nöthigen Vorsicht und Schonung dorthin bringen zu lassen und für schleunige ärztliche und wundärztliche Hülfe zu sorgen.

Da machte er eine Entdeckung, die ihn selbst überraschte, wie sie den Leser überraschen wird: »Ajax war verheirathet und Vater einer Anzahl Kinder.«

Sein öffentliches Leben ließ von dem Dasein eines solchen Verhältnisses auch nicht die leiseste Vermuthung aufkommen.

Aber so viel verrieth ein Blick in das Innere dieser Familie, daß es kein glückliches Verhältniß war. Wo der Mann nur für die Oeffentlichkeit lebt, wo er sich Alles erlaubt, was schon dem Unvermählten zum Vorwurf gereicht, wo er Nächte durchspielt und Orgien feiert und sich Tag und Nacht unter den niedrigsten Volksschichten umhertreibt, um sich einen Namen als Volksführer zu machen, da verhüllt der Genius der Häuslichkeit sein Haupt und fliehet weinend ein Familienleben, das nur bleiche Gesichter und thränenschwere Augen, verwahrlosete Kinder und Hunger und Noth in allen Ecken birgt.

Nach dem Ausspruch der Aerzte waren zwar ein Arm und ein Bein gebrochen, und eine bedeutende Gehirnerschütterung hatte stattgefunden, aber Gefahr für das Leben war noch nicht vorhanden.

Hochherz legte eine Banknote von bedeutendem Werthe in die Hände der blassen Frau, die ihm weinend dafür die Hand küßte, ehe er es hindern konnte. Er rieth ihr, ihren Gatten nach der Anlegung des ersten Verbandes in die Charité bringen zu lassen, da er doch im Hause nicht die nöthige Pflege und Behandlung haben könne.

»Ach Gott,« sprach die Frau, »es ist ja die einzige Gelegenheit, ihm meine Liebe zu beweisen; Tag und Nacht werde ich nicht ermüden an seinem Krankenbett zu sitzen; vielleicht,« setzte sie leise und mit niedergeschlagenem Blick hinzu, »läßt er sich diese Zuchtruthe des Himmels zur Warnung dienen und bessert sich!«

»Gott, gebe es!«

 

3.

Ehe diese Scene sich ereignete, hatte Hochherz noch Gelegenheit, ein anderes gutes Werk zu thun.

Als der alte Geheimrath sich, geführt von seiner Tochter und dem jungen Redlich, in das noch unversehrte Hinterzimmer zurückgezogen hatte, war er ihnen dorthin gefolgt.

Der Geheimrath hatte sich völlig erschöpft in einen dort stehenden alten Sessel niedergelassen. Dann, nachdem er sich etwas erholt hatte, suchte er mit den Augen Edmund, der etwas zurückstand.

Kaum hatte er ihn erblickt, so reichte er ihm die Hand.

»Sie haben mein Leben gerettet, Edmund,« sprach er, »wenn ich Ihnen das vergesse, so möge Gott meiner vergessen in meiner letzten Stunde.«

Der alte Herr war dabei bewegt, wie nie zuvor und Edmund, wie Bertha, erkannten, daß jetzt der Augenblick gekommen sei, wo der Vater ihrem Bunde den Segen nicht mehr länger werde versagen können. Sie knieten nieder und baten um seinen Segen.

»Euren Herzensbund zu segnen,« sprach der Alte nach einigem Kampf mit sich selbst, »würde Euch wenig nützen und Euch mit einander verloben, wäre ein baarer Unsinn; denn mein Einfluß im Ministerium ist gebrochen, der Minister, der Deine Fähigkeiten kannte, ist abgetreten und die revolutionairen Bewegungen, bei denen Du Dich betheiligt hast, werden Dir einen Riegel vorschieben vor jeder Möglichkeit einer Carrière im Staatsdienst.«

»O, mein Vater, ich bin ja noch jung, kann ja warten und wenn es zehn, ja zwanzig Jahre währte, bis Edmund....«

»Nichts damit! das frühzeitige Verplempern bringt selten Glück in der Ehe und dann würde sich meine Bertha damit jede Gelegenheit verschlagen, eine gute Partie zu machen.«

Jetzt trat Hochherz vor.

»Ich weiß nicht, ob ich die Ehre habe Ihnen persönlich bekannt zu sein.«

»Der Landschaftsrath Freiherr von Hochherz, wenn ich nicht irre.«

»Nun, dann werden Sie auch wissen, daß ich die Mittel habe diesen jungen Mann zu versorgen. Von diesem Augenblick an ist er als Wirthschaftsinspector auf meinen Gütern in Schlesien angestellt mit 1000 Thlr. jährlichem Gehalt, freier Wohnung, Equipage, Reitpferd und andern Emolumenten. Genügt das, Herr Geheimrath?«

»Herr Landschaftsrath!«

»O, Sie edler Mann!« riefen die beiden jungen Leute und drückten seine Hände.

Der Geheimrath aber antwortete: »Vollkommen genügt das; nun dann, Kinder, empfanget meinen Segen.«

———————

Aus der Wohnung des Literaten Ajax kehrte Hochherz in die zerstörte Behausung des Majors von Pruski zurück. Dort entließ er diesen alten Herrn seiner Gefangenschaft und da auf der Straße die Passage wieder hergestellt war, so veranlaßte er ihn und den Geheimrath und seine Tochter, eine Droschke zu nehmen und nach der Wohnung des Geheimraths zurückzukehren.

Edmund aber forderte er auf seine Schwester abzuholen, die sich in einer befreundeten Familie befinde.

 

4.

Auch Hochherz und Edmund bedienten sich, um schneller nach der Brüderstraße zurückzukommen, einer Droschke. Kaum saßen sie im Wagen, so ergoß sich Edmund mit der wärmsten Sprache des Herzens in Ausdrücken des Dankgefühls für das Glück, das er ihm und seiner Geliebten bereitet habe.

»Mein Verdienst dabei,« sprach Hochherz mit einem sichtlichen Ausdruck von Wehmuth, »ist nur sehr gering. In Hinsicht des Gehalts tritt ja der Sohn nur in das Erbe seines Vaters.«

»Mein Vater todt?« schrie er auf und wurde schon bei dem Gedanken einer solchen Möglichkeit selbst bleich wie ein Todter.

»Junger Mann,« entgegnete Hochherz, »fassen Sie sich, Sie haben von jetzt an höhere Pflichten zu erfüllen. Ihr guter Vater ist nicht mehr.«

»O Gott, o Gott! Wie wird meine arme Mutter leiden!«

»Sie haben nur noch eine Schwester zu trösten, auch Ihre treffliche Mutter hat ausgelitten.«

»Schreckliches Schicksal, warum triffst du die Schuldlosen und verschonest die Schuldigen!«

»Hadern Sie nicht mit dem Geschick, Edmund! Eine neue Zeit hat begonnen. Aber sie mußte mit schweren Opfern erkauft werden. Ein neuer Völkerfrühling hat begonnen, ein Frühling der Freiheit ist erwacht. Die Völker sind zu dem Verlangen gekommen selbst zu denken, sich selbst zu bestimmen und nur sich selbst gegebenen Gesetzen zu gehorchen. Darin bestehet das Wesen der Freiheit! Es können auch im Frühlinge Schneestürme und Eis kommen; aber das Eis und der Schnee im Frühlinge ist ein Andres, wie im Winter. Beide verschwinden schnell. Der Frühling ist da; er wird und muß kommen; der Freiheitsmorgen, der Frühling der Freiheit, er wird und muß kommen.«

———————

Eine ähnliche Scene, nur noch ergreifender im Ausdruck des Schmerzes, ereignete sich, als Emma nach einer mehr schonenden Vorbereitung die Mittheilung über den Tod ihrer Eltern empfing.

Sie verlangte die geliebten Todten zu sehen und Hochherz begleitete die beiden verwaisten Geschwister nach seiner Wohnung, nachdem er ihnen gesagt hatte, daß er die theuern Leichen bis zur Bestattung dort im zweiten Stock aufgenommen habe.

Als sie aber daselbst ankamen, sagten ihnen die Bedienten, ein Haufen Volks sei eingedrungen und habe die Leichen hier aus dem Hause mit Blumen geschmückt zu den andern nach dem Schloß gebracht, von wo aus Allen eine feierliche Bestattung zu Theil werden solle.

»Dorthin!« rief Emma.

»Sie werden den Anblick nicht ertragen können.«

»O, theurer Freund, halten Sie mich nicht für schwach. Habe ich das Schrecklichste erfahren, so werde ich auch Kraft haben meine lieben seligen Eltern in ihrem Todesschlummer noch einmal zu sehen, und die übrigen Leichen werden mich gar nicht erschrecken.«

»Gut, also heute um Mitternacht.«

»Warum nicht sogleich?«

»Weil jetzt noch das bewegte Gefühl zu viel Störungen erleiden würde. Der Schmerz will einsam sein; oder nur theilnehmende Seelen um sich sehen.«

 

5.

Die Schloßuhr schlug zwölf Uhr Mitternacht.

Sterne blitzten am Himmel, der Mond war noch nicht aufgegangen, die Gaslichter auf den still gewordenen Straßen waren dem Erlöschen nahe.

Hochherz führte Emma am Arm nach dem Schlosse, unter dessen Portale die erste Bürgerwehr noch mit dem Militair gemeinschaftlich Wache hielt.

Oben im Schlosse hoch über den Todten schlief der König, erschöpft von den Ereignissen seinen sorgenvollen Schlaf. Möglich auch, daß er noch wachte, denn der Anblick so vieler blutender Leichen mußte wohl sein edles Herz mit dem tiefsten Kummer erfüllt haben.

Hier war die Stelle, wo der König gesprochen, als er auf dringende Vorstellung der Deputation die Bürgerbewaffnung genehmigt hatte: »Von diesem Augenblick an gebe ich mich vertrauungsvoll in die Hände meines Volks.«

Keine Wache hielt unsere drei Wanderer auf, als sie sagten, sie wollten die Todten besuchen.

Emma in ihrem Schmerz, im schwarzen Trauerkleide zitterte am Arm ihres Freundes, aber ihr starker Geist hielt sie aufrecht, daß sie weiblicher Schwäche nicht erlag. Sie war wunderschön in der feinen Blässe ihres zarten Teints und mit dunklem Auge, das in Thränen schwamm.

So traten sie in ein langes, schwach erleuchtetes Gewölbe im Seitenflügel des Schlosses, wo in gedoppelter Reihe ein offener Sarg neben dem andern stand, die klaffenden Wunden mit Blumen bedeckt.

Es war ein schrecklicher Anblick; sie mußten erst vielen Todten in das blasse oder blutige Antlitz sehen, ehe sie die beiden lieben Alten herausfanden. Doch der Instinkt der kindlichen Liebe führte sie bald richtig. »Vater! Mutter!« riefen Edmund und dann Emma und sanken neben den Särgen ihrer Eltern auf ihre Kniee nieder und bedeckten ihre kalten, starren Hände mit Thränen und Küssen.

Nachdem dem Schmerz sein Recht geschehen war, hob sie Hochherz auf und indem er mit ihr zu den Füßen der Särge ihrer Eltern stand, sprach er mit bewegter Stimme: »Bis zu diesem großen Moment, liebe Emma, habe ich meine Bitte aufgespart, deren Gewährung mir das Glück meines Lebens, und wie ich hoffe auch das Ihrige sichern würde. Geliebte Emma, ich habe ihren Werth erkannt und frage Sie jetzt im Angesicht Ihrer verewigten Eltern, deren Geist der Liebe uns umweht, wollen Sie meine Gattin werden?«

»O, mein Gott!« rief Emma mit bebender Stimme, »dieses Glück im Unglück, woher sollt' ich Kraft nehmen es zu ertragen; aber ich darf Ihre Liebe nicht annehmen, es sind ja nicht die Erstlingsblüthen meines Herzens, die ich Ihnen weihen könnte. Ein Unwürdiger...«

»Ich weiß es, Emma, aber auch ich bringe Ihnen nicht die Erstlinge meiner Liebe; denn ich hatte eine geliebte Braut, um die mich der falsche Ehrbegriff meines Standes gebracht hat.«

»Und Sie reich und von Adel, ich ein armes anspruchloses Bürgerkind.«

»Eben deshalb! ich habe gelernt in der rauhen Wüste meines Lebens, daß Reichthum keine höhere Glückseligkeit bringt als die, Andere damit glücklich zu machen, und was den Adel betrifft, so bin ich längst der Meinung gewesen, die Thomas Tyrnau ausspricht:

»»Ich habe sie gelehrt, daß auf einer Stufe der Bildung stehen jeden Unterschied des Standes auslischt.««

»Und so wiederhole ich meine Bitte. Die zweite Liebe ist oft dauernder wie die erste, denn diese beruhet auf so leicht täuschbarer Leidenschaft, jene auf besonnener Anerkennung des Werths und darauf sich gründende Achtung; darum noch einmal frage ich Dich, willst Du die Meinige werden?«

»Für das ganze Leben, und wäre es möglich noch darüber hinaus! Und möge uns einst so der Tod vereinen wie diese Beiden. Ich wenigstens würde den Schmerz einer solchen zweiten Trennung nicht überleben.«

Mit diesen Worten sank sie völlig hingerissen an seine Brust und empfing den bräutlichen Kuß und dann später den Verlobungsring.

Edmund umschloß die Vereinten, und verkündete seiner Schwester auch sein Glück.

So entsprießen selbst den Gräbern noch Blumen, und Glückseligkeit erblühet aus den tiefsten Schmerzen des Lebens.

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Nachdem Hochherz und Emma, Edmund und Bertha am 21sten von der feierlichen Bestattung zahlreicher Opfer dieses Freiheitskampfes zurückgekehrt waren, bestiegen sie noch an demselben Abend die nach Schlesien führende Eisenbahn, und kamen am folgenden Tage auf einem paradiesisch belegenen Gute des Freiherrn von Hochherz an.

Die beiden Mädchen fanden im Schlosse bei der trefflichen ältern Schwester des Freiherrn, einer ältlichen verwittweten Dame von der edelsten Gesinnung, eine herzliche Aufnahme und Edmund wurde am folgenden Tage auf dem Gute als Inspector der ganzen Herrschaft eingeführt.

Der erste Act, den er im Auftrage seines Patrons den Bauern aller Gemeinden verkünden durfte, war, als erste freiwillig dargebrachte Frucht der errungenen Freiheit:

Gänzliche Befreiung von allen gutsherrlichen Lasten und Abgaben.

Und die Zukunft erschien den Glücklichen im rosigen Lichte.

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Ende des zweiten und letzten Theils.

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