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So war es. Erster Theil

Karl Ludwig Häberlin: So war es. Erster Theil - Kapitel 8
Quellenangabe
authorKarl Ludwig Häberlin
titleSo war es. Erster Theil
publisherVerlag von C. L. Fritzsche
year1849
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180703
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Sechstes Buch.

Zustand in Schlesien. Der verkappte Polizist. Dominicaldruck. Hungerpest. Commission dorthin. Liebe im Bad. Gestörtes Glück.

»Wie sie jauchzen, daß Gott erbarm;
Aber das geht von des Bauern Fell.«

Shakespeare.

———————

1.

Im Laufe des Sommers und Herbstes des Jahres 1847 sollte Edmund neue Erfahrungen machen, daß es der Büreaukratie alten Styls nicht nur an Herz, sondern auch bisweilen an Gewissen und Menschlichkeit fehle.

In Oberschlesien, wo das Land gebirgiger wird, die Hochplateaus einen dünnen Getreidewuchs liefern, die Kartoffelfelder kümmerlich zwischen Felsen nisten, dagegen Wiesengründe üppig grünen, war eine dreifache Noth hereingebrochen und eine Calamität, schrecklicher als Alles, war im Anzuge, der Hungertyphus.

Furchtbar!

Der Haupterwerb in den schlesischen Gebirgen besteht in Weberei und Spinnerei, höher hinauf, nach Oppeln zu, und weiterhin, wo die Felsengegend unfruchtbarer wird und die Berge sich mit dunkeln Tannenwaldungen, die Thäler mit Buchen-Hochwald überziehen, da hört man Hammerwerke pochen und sieht besonders Abends und Nachts die Hohenöfen wie Vulkane Feuergarben aus ihren Essen sprühen.

Aber lange schon liegt der einst so schwunghafte Leinenhandel darnieder; Weber- und Spinnerfamilien hungern unter dem Druck der Concurrenz, welchen hartherzige reiche Fabrikanten und Leinenhändler ihnen noch fühlbarer machen. S. den Roman des Verfassers: »Die armen Weber«. Lpz. bei C. L. Fritzsche, wo diese Noth während der Zeit der Weberunruhen noch augenscheinlicher geschildert ist. D. V.

Auch die Eisenfabrikation liegt darnieder unter dem Druck des Freihandels, welcher es den Eisenproducenten in Schlesien unmöglich machte, mit dem Auslande zu concurriren.

Zu der allgemeinen Nahrungslosigkeit kommt noch grade in den ärmsten Gegenden Schlesiens ein allgemeiner Druck von herrschaftlichen Gefällen.

Die elende Hütte, welche der arme Weber bewohnt und wenn er noch nicht ganz verarmt ist, mit einem Schweinchen, meistens aber noch mit zehn Kindern und mehreren Familien theilt, ist fast immer bis über den Werth verschuldet; dabei aber hat der Eigenthümer eines solchen verfallenen Häuschens noch an Erbzins, Schoß, Zehnten, Roboten und Diensten an das Dominium so viel zu entrichten, daß das Eigenthum zu einer Calamität wird, welche der fleißigste Arbeiter kaum zu überwinden vermag, geschweige denn der erwerblose Hüttenmann, Weber und Spinner, besonders wenn Krankheiten ihn und sein Hauswesen heimsuchen.

Dazu kommen noch unerschwingliche Communallasten; denn weil die armen Gemeinden auch die Aermsten ihrer Mitbewohner ernähren müssen, welche die Mehrzahl derselben bilden und weil sie ihre Schulen erhalten und für ihre barfüßigen hungernden Kinder ein für die armen Väter unerschwingliches Schulgeld zahlen müssen, wobei denn jeder Rückstand in aller Form Rechtens durch Subhastation ihrer oft für 25 bis 30 Thaler verkauften Hütten, oder durch Auspfändung ihres letzten Kessels, ihres letzten Bettstücks, oder des einzigen Sonntagsrockes oft unnachsichtlich beigetrieben wurde, so läßt sich die Summe von Elend, die aus solchen Verhältnissen für den erwerblosen Familienvater hervorgeht, mit Worten nicht beschreiben.

Und diese Unglücklichen waren nun noch durch zwei Calamitäten getroffen, Kartoffelfäule und Brodtheuerung, die noch erhöht wurde durch das entsetzlichste Verbrechen in der mercantilen Welt: den Kornwucher.

Da hatten im Jahre zuvor wahre Verzweiflung und empörtes Menschengefühl, über lieblose Härte gegen grenzenloses Elend, die von Noth und Unglück fast schon stumpfsinnig und leiblich schwach gewordenen, hungernden Weber und Spinner des Gebirges herabgetrieben in die Städte und großen Flecken, wo die reichen Handelsherren saßen und vom letzten Blutstropfen des Armen schwelgten; und wie ihrer Tausende das Haus des Einen umstellten und um Brod schrieen und wie dieser ihnen den Bescheid geben ließ: »wenn sie kein Brod haben, so mögen sie Gras fressen,« da kannte die aufs Aeußerste getriebene Wuth der Menge keine Grenzen und keine Haltung mehr in den Schranken des Gesetzes und der Ordnung, und der Aufruhr brach los. Sie erstürmten die Häuser, zerschlugen Fenster und Meubeln und demolirten die Spinn- und Webemaschinen, die ihnen, wie die Unglücklichen wähnten, noch ihren letzten Bissen Brod nahmen.

Sie schrieen und suchten nach Brod und fanden nur volle Champagnerflaschen, die sie unwillig gegen die Mauer zertrümmerten, weil es kein Brod war.

Weiter und weiter um sich griff der Aufstand, da thaten die Behörden ihre Schuldigkeit zwar, aber eine unmenschliche Schuldigkeit, sie kleideten nicht etwa die Nackten und speiseten nicht die Hungernden; sondern stillten den Hunger mit Bayonneten, beruhigten die Gemüther mit Gewehrsalven und gaben den Verzweifelnden wie den Obdachlosen, auf sechs bis zehn Jahr freie Wohnung im Kerker, wo man ihnen Zeit ließ, unter Moder und Ketten über ihr Geschick nachzudenken und an der Gerechtigkeit Gottes zu verzweifeln.

Und diese waren vielleicht noch wohl daran, denn unter den freigebliebenen Hungernden begann der Typhus seine mörderische Niederlage und streckte unter Tausenden ganze Familien auf das Sterbelager, ohne Menschenhülfe.

Von diesem über alle Beschreibung entsetzlichen Zustande eines einst so fleißigen, betriebsamen und in seinen einfachen Bedürfnissen genügsamen Volkslebens hatten vielleicht das Ministerium in Berlin und mit diesem der König, keine Ahnung gehabt, denn die Berichte der Oberbehörde aus Schlesien lauteten nicht so ungünstig. Es hieß darin, die Sache stehe nicht so schlimm, wie die schlechte Presse es auszuschreien sich erfreche; Nahrungslosigkeit sei allerdings da, aber das liege einmal in den Conjuncturen; das lasse sich so schnell nicht ändern; inzwischen wären Spinnschulen errichtet, welche wenigstens für die Zukunft ihre guten Früchte bringen würden; Theuerung und Kartoffelfäule gebe es überall; man bescheide sich aber, daß der Staat nicht Mittel habe, solchen Landescalamitäten abzuhelfen; denn das Uebel sei über das ganze Reich verbreitet. Uebrigens bewiesen die Weberunruhen des vergangenen Jahres, daß es ein unruhiges, widerspenstiges Volk sei, das nur durch Strenge in Ordnung gehalten werden könne. Man möge nur überall die Besatzungen verstärken, dann werde die Ruhe schon ungestört bleiben.

Man kann sich wohl denken, das, was auf solche Berichte von Seiten des Staats geschah, um dem drohenden Uebel zu begegnen, war äußerst ungenügend. Die Büreaukratie hatte vollkommen ihrer papierenen Pflicht genügt, die Acten über diesen Gegenstand waren in bester Ordnung, wer darf sich berechtigt halten, ein Mehreres zu erwarten.

Inzwischen hatte doch die Presse einige unangenehme Thatsachen zu Tage gefördert. Ein Gutsbesitzer, den wir Scheffel nennen wollen, hatte nicht ohne Geist und mit tiefer Menschenliebe die Noth, wie sie war, in einer freimüthigen Broschüre geschildert, und auf die Hülfsmittel hingedeutet, die noch möglich waren; ja noch mehr, er hatte rücksichtslos enthüllt, wo der Krebsschaden in den Fehlgriffen und in der Lauheit der Beamtenhierarchie, im Mißbrauch der Polizei- und bewaffneten Macht, im Druck der Gutsherrlichkeit und des Feudalwesens lag; und das durfte doch nicht gelitten werden, das war unbedingt Auflehnung gegen die Obrigkeit, solche Schriften mußten unterdrückt, solche mißliebige Autoren beseitigt werden. Noch aber hatte man nicht den Beweis in Händen, daß der genannte Scheffel wirklich Verfasser der pseudonym erschienenen Schriften sei, deshalb wurde ein junger Mann, der vom Justizfach in den Polizeidienst übergetreten war, mit geheimen Instructionen abgesendet nach Schlesien.

Den jungen Mann wollen wir Dreier nennen, jedenfalls ist er keine Münze von bedeutendem Gehalt.

 

2.

Eines Abends saß die Familie des Gutsbesitzers Scheffel in der Lindenlaube vor dem einfachen Herrschaftshause des kleinen Guts und verzehrte in gemüthlicher Ruhe das bescheidene Abendbrod, das aus saurer Milch in Satten von braunem Steingut und frischer Butter nebst delicatem Kuhkäse bestand, und dazu ein gesundes kräftiges Roggenbrod, Alles Producte der kleinen Landwirthschaft, welche der Gutsherr mit seiner Frau und Tochter selbst verwaltete.

Außer diesen saß noch ein junger Mann von nicht großem, aber gesundem und kräftigem Wuchs mit einem feinen Schnurr- und Kinnbart am Tisch. Seine Kleidung und sein ganzes Wesen, dem es nicht an Geist und Feuer fehlte, verriethen, daß er Student war, der Liebling des Hauses, der auch von der etwas blassen und hagern Mutter, einer Matrone, die indeß ihr Hausregiment mit der freundlichsten Würde zu führen wußte, so wie von der rothwangigen, gesund und kräftig aufgeblühten Tochter Marie, mit vieler Vorliebe bedient wurde.

Der Hausherr war ein angehender Funfziger, ein großer wohlbeleibter Mann, der ein gewisses patriarchalisches Wesen voll Entschiedenheit und Würde in Haltung und Benehmen besaß.

Man sprach eben über das Unglück des Landes, die Calamität der Weber und Spinner im Gebirge, und besprach mancherlei Vorschläge, wie dem wohl abzuhelfen sei. Der Sohn, Rudolph, ein junger Feuerkopf, warf alle Schuld auf die Büreaukratie, welche in steifleinenen Formen sich bewegend, keine Ahnung habe von dem warmen Leben, wie es in den Adern des Volks pulsire, nicht das Unglück kenne, das im Entstehen noch mit verhältnißmäßig unbedeutenden Opfern im Keime erstickt werden könne, während es, wenn es zu spät sei, Millionen verschlinge, ohne damit helfen und retten zu können.

Kaum war er mit solchen Reden, die der Alte mit beifälligen Bemerkungen billigte, in den Fluß gekommen, so bellten die Hunde am Hofthore, und der Jäger, der sie mit seinem Donnerwort » Couche!« zur Ruhe gebracht hatte, führte eine arme Weberfamilie herbei: Vater, Mutter, die letztere ein Kind in Windeln an der nahrungslosen Brust tragend und zwei kleine Mädchen, die barfüßig nebenher liefen, indem sie sich von beiden Seiten an dem zerlumpten Rock ihrer Mutter festhielten.

Das Aussehen dieser Familie verrieth schon ihre bittere Noth. Hagere Gestalten, bleiche verhungerte Gesichter, gebeugte, hinfällige Stellung und kraftlose Bewegung, sprachen noch mehr das Elend aus, als die ärmliche, zerlumpte Kleidung, in der man wohl das Bemühen der Mutter sah, die Wunden der Zerrissenheit durch oft buntscheckige Flicken wieder zu heilen und möglichste Reinlichkeit zu beobachten.

Aber es hingen noch frischgerissene große Fetzen herab vom Rockschoß des Mannes und dem dünnen Rocke der Frau, das war, wie sie sagte, ein Liebeswerk der Jagdhunde des Grafen Banco auf dem nahen Gute desselben, die der Verwalter auf die zahllos vagirenden Bettler hetze, um sich ihrer mit guter Manier vom Halse zu wehren.

Marie war die erste, die den armen Leuten entgegen ging und die beiden kleinen Mädchen führend, den armen Weber und seine Frau freundlich einlud, nur näher zu kommen.

Die ganze Familie erhob sich vom Abendtisch, an dem sie sich gesättigt hatte, und die Bettlerfamilie mußte ihren Platz dort einnehmen. Es war noch genug da, um die Hungernden zu sättigen und Marie holte noch einige Satten Milch und Butter und Käse dazu.

Die Unglücklichen, die seit acht und vierzig Stunden beinahe gar nichts genossen hatten, als Abfall aus dem Kehricht oder hartes und verschimmeltes Bettelbrod, aßen jetzt die reichliche Gottesgabe, die ihnen mildthätige Herzen dargebracht hatten, in Thränen, aber es waren diesmal Thränen des Dankes und der freudigen Rührung.

Eben begannen sie von ihrem Elend und der Lieblosigkeit und Hartherzigkeit mancher Fabrikanten und Gutsherren zu erzählen, da bellten die Hunde aufs Neue und der Jäger meldete einen Fremden, der sich Maler Müller aus Berlin nenne und den Gutsherrn zu sprechen wünsche.

Dieser trat ihm sogleich entgegen und führte einen jungen Mann von einnehmendem Wesen herbei, der die Familie mit dem Anstande eines Mannes von Welt und Bildung begrüßte.

Der junge Mann erzählte, daß er auf einer Kunstreise durch das Gebirge, um die schönsten der romantischen Gegenden in sein Skizzenbuch zu tragen, das grenzenlose Elend der Bewohner gesehen habe, und davon auf das Tiefste ergriffen, nunmehr seine Heimreise in die Residenz angetreten habe und dort Alles daransetzen werde, den höheren Staatsbehörden, die bis jetzt noch immer durch die Wahrheit verhüllenden Berichte getäuscht seien, in Kenntniß zu setzen von dem, was Noth thue. Seine Kunst bringe ihn als Zeichenlehrer mit vielen hochgestellten Familien in nahe Beziehung, und da er allgemein gehört, daß Herr Scheffel ein wahrer Wohlthäter der Armen, wie er auch hier soeben bestätigt finde, und ein Vater der Bedrängten sei, so wäre er hierher gekommen, um die Bekanntschaft eines so edlen Mannes zu machen und um dessen Freundschaft zu bitten, damit er ihm mit gutem Rath beistehe, wie wohl den Leiden des Volks abgeholfen werden könne.

Bei solchen Gesinnungen erwarb sich der Fremde sehr schnell das Vertrauen dieser achtbaren Familie. Man kam ihm von allen Seiten mit Freundschaft und Herzlichkeit entgegen. Er wurde eingeladen, auf dem Gute zu übernachten und der Gutsherr setzte mit einem biederherzigen Handschlag hinzu: »Erholen Sie sich in meinem Hause von Ihrer Reise; bleiben Sie bei uns, je länger je lieber. Ich werde Ihnen noch Aufschlüsse geben können, wovon Ihnen die Haare zu Berge stehen werden. Es werden schändliche Verbrechen an der leidenden Menschheit geübt; das Capital tyrannisirt die Arbeit, der Reiche mästet sich von dem Schweiß des Armen, so kann es ferner nicht bleiben; Himmel und Hölle müssen in Bewegung gesetzt werden, um den Leiden des Proletariats ein Ende zu machen, sonst wird es einst wie Millionen Rachegeister aufstehen und ein allgemeiner Krieg der Besitzlosen gegen die Besitzenden wird ausbrechen, der furchtbar aufräumen wird unter diesen Geldaristokraten, die im Champagner schwelgen, während die Armen, die für sie arbeiten, am Wasserkruge hungern.«

»Was jetzt Noth thut,« sprach der Sohn mit Feuer, »ist eine allgemeine Verschwörung der Menschenfreunde.«

»Eine Verschwörung?«

»Nun, ich meine, des Schwurs bedarf es nicht in Dingen, wofür jedes edle Menschenherz schlägt.«

»Sie haben Recht. Menschenliebe ist ein schönes Band, das Großes wirken kann, wo recht viele edle Herzen davon umschlungen sind.«

»Und diese muß man erwecken«, rief der Gutsherr, »durch Schrift und That; wo Millionen helfen, ist Tausenden leicht geholfen.«

»Sie haben«, sprach der Fremde, »bei dieser unglücklichen Familie bereits den Anfang gemacht, ich werde folgen.« Damit gab er dem Manne und der Frau jedem ein Zweithalerstück und jedem Kinde machte er ein kleineres Geschenk.

Die armen Leute waren ganz glücklich, sie sanken auf ihre Knie und dankten ihm unter Thränen, indem sie ihm Hände und Rock küßten. So viel Reichthum hatten sie noch nie gesehen, noch weniger besessen. Nun konnten sie den rückständigen Dominialzins, der auf ihrem baufälligen Häuschen ruhte, abtragen, nun konnten sie das Schweinchen, das sie mit ihrem Bettelbrod ernährten und in ihrer Stube groß zogen, das mit ihnen das halb vermoderte Strohlager theilen durfte, behalten, bis es größer geworden sein und dann besser bezahlt werden würde; denn schon hatte der Executor gedroht, es ihnen abzupfänden.

Dieser Zug von Wohlthätigkeit, der freilich nicht ganz frei von Ostentation war, hatte dem jungen Maler schnell Aller Herzen gewonnen. Herr Scheffel schüttelte ihm als Freund die Hand und von seiner That angeregt, erklärte er den armen Leuten, er werde ihnen Maurer schicken, um ihr Häuschen wieder nett und wohnlich einzurichten; auch werde er für Arbeit und Material sorgen, so daß sie sich doch wieder ehrlich ernähren könnten und nicht mehr zu betteln brauchten. Und das gelobten die armen Leute mit vollen Freuden. Frau Scheffel fügte hinzu, sie werde ihnen Betten geben, damit sie nicht so mit den lieben Kinderchen auf hartem Stroh zu liegen brauchten. Marie aber führte die kleinen Mädchen ins Haus und brachte sie nach einer Weile, gewaschen und mit guten abgelegten Kleidern von ihren kleinern Geschwistern neu eingekleidet, ihren erfreuten Eltern wieder. Nun sah man erst, wie niedliche Kinder es waren, wie so gleichsam als Schadloshaltung die gütige Natur oft den Aermsten weit schönere Kinder schenkt, als dem sie darum beneidenden Reichen. Auch für die beiden Alten ließ Marie abgelegte Kleider bringen und diese mußten sich sogleich in die Gesindestube entfernen, um sie anzulegen. Nun sah die arme Familie ganz stattlich wieder aus, und würde auf einer weitern Bettelfahrt wahrlich kein Glück mehr gemacht haben.

So befreundete sich der junge Maler immer mehr mit dieser Familie. Er nahm an den Jagdpartien des alten Herrn Theil, hörte mit Beifall die excentrischen, unreifen Freiheitsideen des jungen Studiosus an, und machte dem anmuthigen, freundlichen und unbefangenen jungen Landmädchen, nach Referendarien-Sitte, die Cour.

Marie gab sich arglos den Eindrücken, die der gebildete und angenehme junge Mann auf das unbefangene Landmädchen machte, hin und da der junge Maler durchblicken ließ, daß er bedeutendes Vermögen besitze, so hätten auch die Eltern nichts dagegen gehabt, wenn sich hier ein ernsteres Verhältniß angesponnen hätte, wozu es allen Anschein gewonnen.

Herr Müller wußte übrigens stets das Gespräch auf Politik zu lenken und wenn dem alten Scheffel oder dessen Sohn zu freisinnige Aeußerungen, besonders gegen die Regierung entfallen waren, so zog er sich in der Regel nach solchen Gesprächen bald auf sein Zimmer zurück und man hätte ihn dort eifrig beschäftigt sehen können, Notizen in sein Portefeuille einzutragen.

Dabei hatte doch Herr Müller bisweilen einen Zug in seinem Wesen, der wohl geeignet gewesen wäre, weniger offenen und vertrauenden Gemüthern Mißtrauen gegen ihn einzuflößen. Das war ein gewisser heimlich lauernder Blick, den er wohl nicht ganz beherrschen konnte, wenn er auf den Weberaufstand kam und ihm Herr Scheffel darüber Mittheilungen machte.

Diese waren denn auch freilich etwas bedenklich für eine loyale Gesinnung. Wenn Herr Scheffel warm wurde, so vertheidigte er den Aufstand als einen Act der Nothwehr der Besitzlosen gegen die Besitzenden und tadelte auf das Heftigste die Regierung, die Hunger mit dem Eisen von Bayonneten und allgemeine Landesnoth mit Militairexecutionen und Kerkern zu heilen suche.

»Wir haben sogar Gesetze«, rief er im Eifer, »die den Arbeiter gänzlich in die Hand seiner Blutsauger, der Fabrikanten, geben. Diese schützt das Recht, wenn sie Maschinen bauen, die Tausende von Arbeitern entbehrlich machen, und das Recht schützt sie, wenn sie ihnen den Lohn so verkürzen, daß die Arbeiter sich todt quälen mögen, ohne nur damit das Leben fristen zu können. Dagegen sind die Arbeiter rechtlos und finden bei den Behörden kein Gehör wegen ihrer gegründetsten Beschwerden, und selbst das natürliche Recht der Arbeitsverweigerung, wenn sie mit den Arbeitgebern sich nicht einigen können, ist ihnen bei schwerer Gefängnißstrafe entzogen.«

»Ist das Gerechtigkeit?« rief er aus, »ist es nur Menschlichkeit? Es ist himmelschreiend, wie es jetzt in in der Welt hergeht und ganz besonders in unserem preußischen Staate.«

»Und unseren König,« fuhr er in steigender Aufregung fort, »macht man für alles Uebel, was seine Beamten thun, für jede Versäumniß rettender Maßregeln persönlich verantwortlich; warum? weil er als absoluter Monarch kein verantwortliches Ministerium besitzt, welches ihm die Last einer schweren Verantwortlichkeit der Krone vor Gott und Menschen abnehmen kann; weil Preußen keine Verfassung mit wahrer Volksvertretung, keine freie Presse besitzt, wodurch allein der König das Mittel gewinnt, die wahren Wünsche und Bedürfnisse des Volks kennen zu lernen, da ihm die Büreaukraten nur ihre gefärbten Brillen vorhalten und eine adlige Camarilla aristokratische Gelüste und Prätensionen bei der Krone vertritt.«

»Und wenn das nicht anders wird«, schloß er, »wenn der erwachte Geist einer neuen Zeit in den höchsten Regionen nicht erkannt wird; wenn man durch zeitgemäße Reformen nicht jeder Volksbewegung zuvorkommt; wenn man den Wahn nicht aufgeben will, daß durch Kanonen und Bayonnete sich der Geist der Zeit, der selbst unter dem Druck sich mächtig regt, nie wieder in die Schranken einer Metternichschen Politik zurückbannen lassen wird: so werden wir es noch erleben, und in nicht ferner Zeit, daß das ganze Volk sich wie ein Mann dagegen erhebt und mit dem Sturmesdrange des Aufruhrs fordert, was ihm jetzt Absolutismus und Büreaukratie versagen. Dann wird die Revolution heraufbeschworen sein grade durch ihre eifrigsten Gegner, und dazu helfe Gott, jeder Mensch von Herz und Geist und warmer Vaterlandsliebe wolle dazu mitwirken. Nur so wird und kann es einmal besser werden in den jetzt so heillosen Zuständen der Welt und der Staaten.«

Herr Müller hatte aufmerksam zugehört und entgegnete nichts als: »Das sind ganz die Grundsätze, wie sie in einer pseudonym erschienenen Schrift über den Weberaufstand in Schlesien ausgesprochen sind.«

»Ganz recht! diese Schrift ist von mir verfaßt. Man darf es zwar«, fügte er lächelnd hinzu, »nicht laut sagen, denn Polizei und Despotismus haben überall ihr feines Ohr; indeß ich bin stolz darauf, der Erste gewesen zu sein, der einmal der Regierung den Spagnol einer scharfen Wahrheit unter die Nase gerieben hat.«

»Ihr Wort in Ehren, guter Herr,« sprach Herr Müller, lächelnd und leicht hingeworfen, »indeß als den wahren Verfasser dieser und anderer, unter demselben Namen erschienenen Broschüren, hat man mir einen ganz Andern genannt.«

»So schlage Pulver und Blei hinein!« rief der Gutsherr in komischem Zorn, »will man mir gar meine Autorschaft streitig machen in einer Angelegenheit, worin es zwar nicht Kopf und Kragen, aber doch die persönliche Freiheit kosten kann, die Wahrheit gesagt zu haben.«

»Entschuldigen Sie, lieber Freund, aber ich habe Beweise in Händen, daß *** der Verfasser ist. Sie meinen doch diese Schrift?« damit zog er eine Broschüre aus der Tasche und zeigte sie dem Gutsbesitzer.

»Allerdings ist diese Schrift von mir, und Sie nöthigen mich, ungläubiger Thomas, mit den Beweisen herauszurücken.« Damit öffnete er sein Schreibebüreau und holte ein Manuscript hervor, das alle die Schmuzzeichen einer Handschrift, die durch die Druckerei gegangen ist, an sich trug.

Herr Müller bat um Erlaubniß, aus Interesse an der Sache, die Schrift im Manuscript lesen zu dürfen. Nach freundlicher Gewährung dieser Bitte zog sich der junge Maler mit dieser neuen Entdeckung auf sein Zimmer zurück und setzte darüber, so wie über jede Aeußerung des Gutsherrn ein langes Protokoll auf. Abends in der Familie gab er die Erklärung ab, daß es Mißbrauch der Güte seines würdigen Freundes sein würde, ihn noch länger mit seinem Besuche zu belästigen, weshalb er morgen schon abzureisen gedenke.

Als dagegen lebhaft von allen Seiten protestirt wurde, fügte er hinzu: »Leider gestatteten auch meine persönlichen Verhältnisse mir keinen längern Aufenthalt in Schlesien. Schon meiner Schüler und Schülerinnen wegen muß ich eilen, wieder nach Berlin zurückzukehren, um nicht alle Kunden zu verlieren. Jedoch«, fügte er hinzu, »würde Herr Scheffel mir eine große Freude machen, wenn er die Freundschaft haben würde, mich bis in die nächste Stadt zu begleiten.«

Dazu war der Gutsherr gern bereit und zu Marie gewendet, sprach der junge Mann: »In drei Monaten hoffe ich zurückkehren zu können und habe ich bis dahin die mir verheißene Professur an der Akademie der schönen Künste erlangt, so hoffe ich alsdann um eine schöne Verheißung reicher als jetzt meine Rückreise antreten zu können; nun, Marie? darf ich hoffen.«

Er hielt ihr dabei seine Hand hin; das hocherglühende Mädchen schlug ein und da sie im Auge ihrer Mutter Thränen sah und selbst der Vater durch ein leises Kopfneigen seine Zustimmung zu erkennen gab, so folgte sie dem Zuge ihres Herzens, und als er sanft den Arm um ihre Taille legte und sie an sich zog und er ihr dabei das runde Kinn emporhob und nun Auge in Auge sich versenkte und das ihrige immer glänzender in Thränen schwamm, da gewährte sie seinen stummen Bitten den ersten bräutlichen Kuß. Die Mutter legte ihre Hände ineinander, der Vater segnend die seinige auf Beider Haupt und Rudolph umarmte mit der Lebhaftigkeit der rasch fühlenden Jugend den neuen Schwager, wofür Herr Müller jetzt der Familie galt.

Dieser aber sprach zu sich selbst: »Es gereicht mir zur Beruhigung, daß ich in der That noch kein bindendes Wort gesprochen habe; wenn diese Leute aus zweideutigen Aeußerungen einer unschuldigen Galanterie sich einbilden, daß ich jetzt schon so ein Narr sein werde, mich ohne Brod und ohne Aussicht zu verplempern und mir eine vielleicht noch bessere Partie für die Zukunft zu verbauen, habeant sibi, so mögen sie die Folgen tragen. Ich aber wasche meine Hände in Unschuld. Ich habe nur meinen Instructionen zu folgen und dazu wird es hohe Zeit sein.«

———————

Der Abschied von der Familie, die ihn lieb gewonnen hatte, war rührend genug. Keine Ahnung war in ihrem Herzen, welche Schlange sie in ihrem Busen genährt hatten. Der Gutsherr nahm selbst die Zügel des von einem Paar lichtbraunen Polaken edelster Race gezogenen leichten Wagens.

Die Stadt war erreicht. Wir wollen sie nicht nennen, um nicht Persönliches in diese Geschichte zu bringen. Während nun Herr Scheffel ein feines Dejeuner anordnen ließ, um seinem jungen Gastfreund noch die letzte Ehre zu beweisen, ging dieser auf die Polizei. Bald darauf kehrte er in Begleitung eines Polizeicommissairs zurück und vier Gensdarmen folgten, welche die Ausgänge besetzten.

Nun trat Herr Müller mit dem Polizeicommissair ein. Herr Scheffel empfing ihn mit einer Umarmung und sprach: »Wie glücklich, daß Sie wieder hier sind, mein junger Freund, ja wahrlich schon während Ihrer kurzen Abwesenheit fehlte mir etwas. Aber dieser Herr?.....«

Und damit deutete er auf den Polizeibeamten.

»Ist zu meiner Assistenz hier erschienen; ich habe aufrichtig zu bedauern, Herr Scheffel, daß ich mich genöthigt sehe, die Maske abzulegen, unter der nur allein es mir möglich war, meinen Auftrag auszuführen. Ich heiße nicht Müller, sondern Dreier, bin nicht Maler, sondern Referendar und legitimire mich durch dieses Rescript aus dem Ministerium des Innern als geheimer Emissair der hohen Polizei. In dieser Eigenschaft sehe ich mich genöthigt, Sie als überführter Majestätsbeleidiger und Hochverräther vorläufig zum Polizeiarrest bringen zu lassen. Sie werden noch in dieser Stunde unter sicherer Escorte nach Berlin abgeführt werden.«

Es läßt sich nicht leugnen, daß diese Anrede, die mit so vielem Ernst vorgebracht war, den Gutsherrn auf das Aeußerste betroffen machte; indeß sein ehrliches Gemüth konnte an die Möglichkeit einer solchen entsetzlichen Schändlichkeit nicht glauben. Er trat einen Schritt zurück und sprach mit unsicherer Stimme: »Sie belieben wohl zu scherzen, Herr Müller; indeß muß ich bitten.....«

»In Dienstsachen scherze ich nie! Herr Commissair, lassen Sie Gensdarmen eintreten.« Das geschah und nun wurde dem redlichen Gutsherrn Alles klar.

»Ich bin so alt geworden,« sprach er dann mit tiefer Resignation, »aber ein so verruchter Bösewicht, ein so ehr- und gewissenloser Heuchler, ein so sich selbst brandmarkender Schurke, wie Sie sind, ist mir noch nie vorgekommen. Nehmen Sie das auch zu Protokoll, mein Herr, so steht dann doch eine Wahrheit darin.«

»Ich werde nicht ermangeln, meine Pflicht zu thun; denn mit dieser Schmähung eines Beamten erhöhen Sie Ihre Schuld.« Mit diesen Worten hatte er sich an den Tisch gesetzt, ergriff die Feder und nahm mit großer Kaltblütigkeit das Protokoll auf über diese Verhaftung; hierauf gebot er, ihn in Arrest zu führen und dann weiter zu expediren.

»Das kann ich Ihnen noch zur Beruhigung sagen, Herr Scheffel, daß Ihre Familie Nachricht erhalten wird und ich selbst werde ihr schreiben, daß Ihr Arrest hoffentlich nicht von langer Dauer sein wird. Mir aber, Herr Scheffel, dürfen Sie mein Verfahren nicht zurechnen. Ich unterscheide zwischen Mensch und Beamten; als Mensch genoß ich Ihre Gastfreundschaft, als Beamter mußte ich sie Ihnen mit Verhaftung vergelten.«

 

3.

Das war ein feiner Zug von Ministerial- und Polizeipolitik der alten Zeit, die besonders dem Werkzeuge derselben, dem Referendar Dreier, Ehre machte.

Herr Scheffel wurde wegen respectswidrigen Tadels des Verfahrens der Behörden; wegen Verletzung der dem Oberhaupt des Staats schuldigen Ehrerbietung; wegen Verbreitung communistischer Ideen und wegen Aufregung zum Widerstande, die er sich in mehreren, in Altenburg, wenn auch mit zu großer Nachsicht der Censur erschienenen Druckschriften, erlaubt habe; wegen des Milderungsgrundes, daß er in der Sache selbst so unrecht nicht gehabt, aber doch in modo excedirt habe, nach der Meinung der Richter noch sehr gelind zu zweijähriger Festungshaft verurtheilt. Dieses Erkenntniß wurde in höchster Instanz bestätigt und vollstreckt.

Sein Sohn, der Student Scheffel in Berlin, um dort zu studiren, wurde als mißliebig ausgewiesen.

Der Referendar Dreier aber, dessen Verfahren bekannt geworden war, hatte die Unannehmlichkeit, daß auf ihn der Tadel der öffentlichen Meinung fiel, die eigentlich das damalige Regierungssystem verdammte, und so sah sich das Ministerium genöthigt, ihn als ein verbrauchtes Werkzeug, fallen zu lassen. Er lebte seitdem bis zur Märzrevolution im Dunkel einer Privatpraxis als Supplikenschreiber und Winkeladvocat.

 

4.

Da trotz solcher Maßregeln die traurigen Verhältnisse in Schlesien immer mehr der Rüge der Presse, besonders in auswärtigen Zeitschriften, die man nicht zügeln konnte, anheimfielen und die Nation selbst durch zahlreiche Collecten an der Milderung der Landesnoth sich betheiligte, so konnten freilich die höhern Staatsbehörden diese zu einer entsetzlichen Höhe sich steigernde Landesnoth nicht wohl länger ignoriren. Und unser Geheimrath Leblos, der eine feine Nase für dergleichen hat, witterte darin eine treffliche Gelegenheit, um sich eine einträgliche Commission zuzuwenden. Er machte diesen Vorschlag seinem Departementsrath; dieser dem Minister, und der Geheimrath erhielt die Commission, sich sofort nach Schlesien zu begeben, den Thatbestand der dortigen Verhältnisse zu erheben und darüber unter Besprechung mit dem Oberpräsidenten, dem Regierungspräsidenten und den Medicinal- und Polizeibehörden, gutachtliche Vorschläge einzureichen, in wieweit die Regierung sich zur Abwendung einer etwa besorgten Landesnoth dabei betheiligen könne; oder ob man die weitere Hülfe der Privatwohlthätigkeit überlassen dürfe und nur diese zu protegiren suche.

»Uebrigens,« fügte der Abtheilungsdirigent, der wirkliche Geheimrath, Freiherr von Kuhfuß hinzu, »darf ich es Ihrem bewährten Geschäftstakt nicht erst bemerklich machen, daß jedenfalls der Bericht so gehalten werden muß, daß man ihn zur officiellen Beruhigung der Gemüther veröffentlichen könne, und dann versteht es sich von selbst, daß die Behörden, die bisher das Misere im Gebirge mehr als billig ignorirt haben, auf keine Weise compromittirt werden dürfen.«

»Unter uns gesagt, lieber Geheimrath,« fuhr der Wirkliche gegen den Titulargeheimenrath in vertraulicher Ansprache fort, »ist es durchaus nicht zu billigen, daß der Oberpräsident, um die Staatskassen nicht mit neuen Anforderungen belasten zu müssen, die Gefahr dem Auge des Gouvernements verhüllt hat, anstatt den Schaden offen darzulegen und ein Heilpflaster vorzuschlagen, das damals noch mit wenigern Mitteln angeschafft werden konnte, als jetzt, wo die ganze Provinz schon, wie man behauptet, vom Hungertyphus ergriffen ist. Indeß der Schaden ist einmal geschehen; wir wollen nicht untersuchen, wer davon die Schuld trägt und unter allen Umständen wird die Ehre und das Ansehen hochgestellter Beamten aufrecht erhalten werden müssen; können Sie dagegen unter den Subalternen oder niedern Beamten einige Schuldige finden, so mögen diese als Sündenböcke fallen; an solchen Leuten ist nichts verloren, und durch Entfernung derselben giebt die Regierung der öffentlichen Meinung noch eine Art von Genugthuung, die ihr zugleich den Anschein von Gerechtigkeit gewährt. Das möge genügen, um Ihnen damit Ihre geheime Instruktion gegeben zu haben.«

———————

Es war gegen zwei Uhr, die Stunde des Mittagsessens. Der runde Tisch im kleinen Speisesalon war vom Bedienten servirt. Der Geheimrath befand sich noch, wie man wußte, im Ministerium und wurde für heute etwas später als gewöhnlich zum Essen erwartet. Diesen Umstand hatte Edmund benutzt, um sich desto früher im Speisezimmer einzufinden. Dort saß ja Bertha mit einer schönen Tapisserie, einem Oreillier für ihren Vater, der lieber auf dem Sopha lag und rauchte, Zeitungen las oder einschlief, als auf dem Büreau arbeitete, ganz passend zum Geburtstagsgeschenk bestimmt.

Edmund saß ihr gegenüber auf dem andern Tabouret in der Fenstervertiefung, fast Knie an Knie und Auge im Auge, oft ergriff er ihre Hand und blickte ihr dann schwärmerisch durch das schöne blaue Auge in die Tiefe ihrer Seele; aber heute lag so etwas besonders Schwermüthiges in seinem Blick, und Bertha las Wehmuth in seinen sanften Zügen.

»Was ist Ihnen, lieber Freund,« fragte sie, »Sie blicken mich so traurig an, als stehe uns ein großes Unglück bevor.«

»Das Unglück einer Trennung, liebe Bertha,« entgegnete er trübselig, »wenn auch nur eine Trennung auf einige Wochen, aber für mich ist das ein großes Unglück; denn habe ich nur einen Tag Sie nicht gesehen, liebe Bertha, oder wenn auch gesehen, doch kein Wort unter vier Augen mit Ihnen reden können, so schmeckt mir weder Essen, noch Trinken, und an Schlaf in der Nacht bleibt gar nicht zu denken. Nun aber frage ich Sie um des Himmels willen, geliebtes Fräulein, kann der Mensch so ein vierzehn Tage oder gar drei bis sechs Wochen hungern und dursten und schlaflos hinbringen, ohne leiblich und geistig zu Grunde zu gehen? Also wird die neue Commission, die jetzt wieder aufblüht, mir den Tod bringen.«

»Ei, das wäre ja schrecklich, was ist es denn eigentlich damit?«

Und nun erzählte Edmund von der neuen Speculation ihres Vaters auf eine Commissionsreise nach Schlesien, wo der Hungertyphus ausgebrochen sei, wobei er ihn als Secretair der Commission begleiten müsse. Helfen könne man ja doch nicht, denn die Regierung sei einmal entschlossen, nicht noch Millionen hinterher zu werfen und so würden die besten Berichte wirkungslos bleiben. Sie möge daher Alles aufbieten, ihrem Vater die Schrecknisse einer solchen Commission vorzustellen, um ihn zum Rücktritt zu bewegen.

»So geht es nicht; aber so; ich reise mit.«

»Das wäre himmlisch; aber wie möglich? und dann die Gefahr, in diesem verpesteten Lande, jeder Schritt würde den Tod bringen, ich würde um Ihr kostbares Leben, meine theure Bertha, in steter Todesangst schweben.«

»Lassen Sie mich nur machen, lieber Freund, die Commission wird hoffentlich ohne Gefahr abgehen.«

In diesem Augenblick trat der Geheimrath ein. Er hatte sich früh genug durch die Gewohnheit des Hüstelns angekündigt gehabt, um Edmund Zeit zu lassen, aufzuspringen und in einiger Entfernung von Bertha sich aufzustellen.

Der Geheimrath trat ein und rieb sich vergnügt die Hände.

»Väterchen sieht ja heute so heiter aus, so listig vergnügt, möchte ich sagen,« nahm Bertha das Wort, indem sie aufstand und ihrem eben nach Hause gekommenen Vater die Hand küßte und Hut und Stock abnahm; das war hier so einmal eingeführte Familiensitte. Wo das innere Band der Herzen fehlt, sucht man wenigstens freundliche Formen darum zu hüllen.

»Warum sollte ich nicht? hehe! wieder ein Commissiönchen erschnappt, ein liebes, goldenes Commissiönchen. Und Sie werden auch dabei verdienen, Herr Redlich, liebe prächtige Diäten und angenehmes Leben dazu. Wir gehen nach Schlesien, den Hungertyphus zu constatiren.«

»Hungertyphus und angenehmes Leben,« sprach Edmund schaudernd vor sich hin.

»Und warum nicht, Herr Supernumerar. Das ist eben das Mysterium des Beamtenthums, daß man lerne: miscere utile dulci, das Angenehme mit dem Nützlichen zu vermischen.«

»Aber, lieber Vater, angenehm, wo jeder Schritt an das Sterbebette eines Typhuskranken den Tod bringen kann.«

»Glaubst Du denn, daß ich Narr genug sein werde, mich persönlich zu exponiren? Ist es nicht genug, wenn man Erkundigungen einzieht bei den Beamten, die schon amtlich darüber berichtet haben; und kann man nicht ebenso gut erfahren, wie es den verhungernden armen Teufeln ergeht, wenn man sich an die reichlich besetzten Tafeln der Gutsbesitzer und Fabrikherren nieder läßt, als wenn man Hunger und Tod an ihren Quellen aufsucht?«

»Freilich«, sprach Edmund mit Ironie, »ist ein einziges Geheimrathsleben zehnmal mehr werth, als das von einem Paar tausend Proletariern.«

»Der Meinung bin ich auch,« entgegnete der Geheimrath, indem er sich die Serviette an die weiße Halsbinde befestigte und sich am Tische sitzend eifrig mit dem Löffeln der Suppe beschäftigte, die ihm Bertha aufgegeben hatte; »ich bin wenigstens der Meinung, daß an aller Noth unserer Zeit, an aller Nahrungslosigkeit und Getreidetheuerung die leidige Uebervölkerung des Proletariats schuld ist; ehe nicht einmal unser Herr Gott zwei Dritttheil dieser Menschenclasse, die dem Staate nichts geben kann als ihre Kinder, ausrottet, kann und wird es nicht besser werden in der Welt, und dazu gewinnt es ja nun in Schlesien den Anschein. Das ist zwar ein hartes Trübsal für diese Leute, indeß die Welt im Großen und Ganzen gewinnt dabei. Der Herr, der Sodom und Gomorra vertilgte wegen ihrer Sünden, wird auch diese Arbeitslosen untergehen lassen, zur Strafe für die Sünde der Rebellion, der sie sich schuldig gemacht haben. Der Herr, der die Raben unter dem Himmel speist, zieht von diesem Auswurf der Menschheit seine Hand ab. Der Herr hat Alles wohlgemacht und wende es ferner zum Besten. Amen!«

In den kurzen Pausen zwischen den einzelnen Sätzen dieser Rede war die Suppe ausgelöffelt. Der Bediente wechselte die Teller und der Geheimrath trank sein drittes Glas guten Bordeauxwein aus.

Edmund schauderte bei dem Grundgedanken einer so heillosen Selbstsucht und der empörendsten Menschenverachtung, den dieses Raisonnement wie ein blutrother Faden durchlief und aß keinen Löffel voll mehr, selbst der gesunde Appetit der Jugend war ihm, solchen Gesinnungen gegenüber, vergangen.

Bertha dagegen, die ihren Vater zu behandeln wußte, kämpfte ihre gleichfalls empörten Gefühle nieder und sprach:

»Aber, lieber Vater, wenn Du, was mich sehr beruhigt, Dich persönlich der Gefahr nicht exponiren willst, so ließe sich ja eine Badereise nach dem freundlichen Badeorte Reinerz damit verbinden.«

»Da bringst Du mich auf eine glückliche Idee! Reinerz liegt am Fuße der Gebirge, da darf ich nur einige Excursionen in die romantische Umgegend unternehmen und ich werde dann unter Amüsements jeder Art mich vollständig instruiren können über die Landesnoth von Hunger und Krankheit. Sollte noch ein Uebriges erforderlich sein, so wird Herr Redlich schon das Weitere durch eine persönliche Ocularinspection an Ort und Stelle besorgen.«

»Und sein Leben dabei auf das Spiel setzen?« rief Bertha leidenschaftlicher und unbedachter als sie hätte verrathen sollen.

Doch der Geheimrath war zum Glück soeben mit dem Zerlegen eines böhmischen Fasanen beschäftigt und achtete daher nicht auf den schmerzlichen Blick voll Thränen im Auge, den sie bei diesem Gedanken auf ihren jungen Freund warf.

»Allerdings, mein Fräulein,« entgegnete Edmund nicht ohne Ironie; »Ihr Herr Vater wird mir Recht geben, daß ein Geheimrathsleben auch viel höher steht, als das eines armen Supernumerars.«

»Ganz richtig bemerkt, Herr Redlich!«

»Und daß es deswegen die verdammte Schuldigkeit eines getreuen Supernumerars ist, sein Leben in die Schanze zu schlagen, um seinen hohen Chef einer solchen Nothwendigkeit zu überheben.«

»Ich anerkenne ihre Application für den Staatsdienst, junger Mann, und werde dafür sorgen, daß Ihre Meriten in der Conduitenliste besonders hervorgehoben werden.«

»Uebrigens«, fuhr er gegen Bertha gewendet fort, »werden Sie, gnädiges Fräulein, mir wohl zutrauen, daß ich mein Leben mit Freuden opfern würde, könnte ich dadurch Gutes stiften für die Rettung jener Unglücklichen, die jetzt vom Geschick so hart heimgesucht werden.«

Bertha brach das Gespräch, das anfing ihr eben so peinlich als schmerzlich zu werden, nicht ohne Gewandtheit ab und fragte nach einigen Uebergängen, ob, wenn es denn doch auf eine Badereise abgesehen sei, sie ihn nicht begleiten dürfe und sei es auch nur, um ihm die zu Hause gewohnte Pflege gewähren zu können.

Gern willigte der Geheimrath ein und das war doch wenigstens ein Trost für die Liebenden.

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Die Reise ging in der schönsten Jahreszeit nach Breslau und von da nach dem lieblichen Badeorte Reinerz.

In Breslau hatte der Geheimrath dem Oberpräsidenten der Provinz seinen Besuch gemacht und sprach zu Edmund, als er in den Gasthof zurückgekommen war, wo dieser eine der glücklichsten Stunden in Bertha's Gesellschaft, ganz allein und ungestört mit ihr verlebt hatte: »Nun bin ich völlig instruirt, es ist so, ganz wie die Berichte aus dem Oberpräsidio lauten. Der alte Herr hat es mir bei einer Pfeife gelben Varinas-Canaster, die er mir nach seiner Gewohnheit anbot, in aller Gemüthlichkeit, auf dem Sopha neben mir sitzend, erzählt. Es ist so gut als nichts an der Sache. Das Webervolk ist nicht ohne Arbeit; aber es will nicht für geringern Lohn arbeiten und mehr können die Fabrikherren nicht geben, denn die schlesische Leinenfabrikation ist durch das Belfaster Leinen in Schottland gänzlich aus dem Welthandel verdrängt worden; dieses wird sogar unter einer der schlesischen ähnlichen Verpackung versendet und gilt in fernen Welttheilen für preußisches Leinen. Dort hat man die großartigsten Flachsspinnmaschinen, hier nur schlechtes Handgespinnst; dort eine blendend chemische Bleiche, freilich auf Kosten der Dauerhaftigkeit, hier noch die alte Naturbleiche durch Wasser und Sonne. Die Spinner und Weber aber sind alle Spitzbuben; um für die Schleuderpreise ihre Waaren liefern zu können, wird sie schlecht gemacht und selbst am Längen- und Breitenmaß gekürzt. Sind die Fabrikanten damit nicht zufrieden und ziehen's am Lohn ab, so schreien die Weber und Spinner Zetermordio! Das ist eine rebellische Race dieser Weberpöbel, drückt man ihm nicht den Daumen aufs Auge und hält ihn durch Bayonnete und Kerker in Ordnung, so wachsen uns diese Proletarier noch über den Kopf. Literarische Aufwiegler verbreiten unter ihnen communistische Ideen, ich sage Ihnen, lieber Redlich, werden die Zügel nicht immer straff gehalten, so haben wir den allgemeinen Krieg aller Besitzlosen gegen die Besitzenden. Allerdings mögen sie ihre liebe Noth haben; denn das Getreide ist theuer und die Kartoffelkrankheit raubt den armen Teufeln noch den letzten Recours, aber was will man machen? Allen kann der Staat nicht helfen und Wenigen zu helfen ist eine Ungerechtigkeit gegen die Andern. Auch mag die Krankheit, der Typhus, arg genug wüthen, aber es ist doch immer noch keine Cholera und nur gegen diese haben wir Sanitätsmaßregeln, Cordons, die Millionen kosten und alle noch von der Cholera übersprungen sind, Desinfectionsanstalten, die nichts helfen, Choleralazarethe, die so entlegen sind, daß die Kranken dort erst todt ankommen und andere treffliche Anstalten dieser Art, aber der Typhus, wenn er auch Tausende hinwegrafft, ist bis jetzt noch keine Staatskrankheit geworden; also braucht man von solchen Privatcalamitäten keine amtliche Notiz zu nehmen, quod bene notandum

»Unter diesen Umständen, lieber Redlich, werde ich wohl kein Narr sein, mich in den übelriechenden Hütten der armen Weber im Gebirge herumzutreiben und mir da den Appetit zu verderben oder den Tod zu holen. Es genügt vollständig, wenn ich Ihnen die Commission dazu gebe und Sie werden Merks genug haben, sich die vom Oberpräsidenten gegebenen Winke als Instruction für die Aufnahme des Thatbestandes und die Berichterstattung dienen zu lassen.«

»Ich werde meine Pflicht thun, Herr Geheimrath, vollständig meine Pflicht nach Ehre und Gewissen.«

» Bon! übrigens eilt die Sache so sehr nicht, Sie können erst ein acht Tage mit uns in Reinerz zubringen, die Diäten laufen doch fort.«

»Grade wie bei gewissen Landesdeputirten, die ihre Diäten beziehen, wenn sie auch die Sitzung versäumen oder auf Urlaub gehen.«

Auf die heutigen Deputirten der Nationalversammlung in Berlin hatte Edmund begreiflich mit dieser Bemerkung nicht zielen können, da sie damals noch nicht existirten.

»Ja, ja, so ist es in der Ordnung.«

»Uebrigens, Herr Geheimrath, wo die Noth groß ist, da muß die Hülfe schnell kommen; es würde gewissenlos von mir sein, wollte ich die Zeit dem Vergnügen opfern, welche der leidenden Menschheit gehört. Wenn es erlaubt ist, so werde ich sogleich zu meiner Bestimmung abgehen.«

Bei diesen Worten wurde Bertha blaß, sie fühlte eine quälende Angst für das Leben ihres Geliebten und empfand es schmerzlich, daß er die himmlischen Tage in Aranjuez, d. h. den freundlichen Aufenthalt in Reinerz, wo sie und Edmund auf einsamen reizenden Spaziergängen, ein entzückendes Beisammenleben führen konnten, aufgeben müsse; indeß ihr schöneres menschliches Gefühl gab ihm vollkommen Recht und diese edle Selbstbeherrschung des jungen Mannes machte ihn ihr nur noch theurer.

Noch an demselben Abend waren sie allein, da der Geheimrath zu einem Souper bei dem Oberpräsidenten eingeladen war.

Da öffnete die nahe Trennung, bei der Möglichkeit einer noch schrecklichen Scheidung durch den Tod, die Schleusen der Herzen voll Liebe. Sie bekannten Eins dem Andern ihre Gefühle und der Bund für das Leben wurde mit Hand und Mund unter Thränen und Küssen geschlossen und mit den heiligsten Schwüren besiegelt.

So hatte das junge Mädchen im vollsten süßesten Vertrauen ihr Geschick an das Herz und in die Hand des geliebten jungen Mannes gelegt, eines Jünglings, dessen Geschicke selbst noch im Dunkel der Zukunft ruhten, der bis jetzt auch noch nicht die geringste Aussicht hatte, seine äußere Lage so gewendet zu sehen, daß er durch eine ausreichende Stellung sich in den Stand gesetzt sah, einen eigenen Hausstand zu begründen.

Und doch hatten sich Bertha und Edmund mit einander verlobt. Man werfe deshalb keinen Stein auf sie. Eine Liebe, die noch rechnen kann, ist keine Liebe, und ein Herz, das auf Vernunftgründe hört, weiß nicht, was Liebe heißt.

 

5.

Auf der Reise nach Oberschlesien kam Edmund eines Tages auf das Landgut Hohenbühl, das einem Grafen Banco gehörte.

Edmund hatte diesen Namen schon in Berlin gehört, ohne jetzt nur eine Ahnung davon zu haben, daß dieser Graf Banco und der treulose Verlobte seiner Schwester eine und dieselbe Person sei. Da er die Wurzel des Uebels, welche das Volk drückte, gewissenhaft zu ergründen suchte, so hatte er sich an verschiedene Gutsbesitzer mit Empfehlungsbriefen versehen, um genauer den Druck der Feudal- und Dominicalherrschaft die in Schlesien noch sehr bedeutend auf dem Bauernstande lastete, genauer kennen zu lernen.

Mitten auf einem Hofe, der mit einer hohen Mauer umgeben war, zu dem eine dunkle Kastanienallee führte, deren Weg aber vernachlässigt und fast grundlos war, erhob sich neben mittelalterlichen Gebäuden ein ganz neues Herrenhaus. Jagdgeweihe über den Thüren, eine Meute schöner Jagdhunde, Jäger und Pferde verriethen, daß der Gutsherr ein passionirter Jagdfreund war. Ein Haufen ärmlich aussehender Bauern, mit dem Quersack über dem Rücken, stand bereit, dem gnädigen Herrn bei einer vorhabenden Jagd als Treiber zu dienen. Wie Hunde müssen sie bei solchen Gelegenheiten durch Moorgründe und Dorngesträuch laufen und mit Klopfen auf die Büsche, Klappern und Geschrei den gnädigen Herren das Wild zutreiben. Dafür erhalten sie keinen Groschen Geld, keinen Trunk Bier oder Branntwein, und müssen dabei noch zu Hause ihre ländlichen Arbeiten versäumen und wären sie noch so nothwendig und verfaulte darüber das Heu auf den Wiesen, oder wüchse das in Garben liegende Korn aus. Auch die Wildfuhren mußten unentgeltlich geleistet werden, und das waren nur noch die geringsten der Lasten, die den Bauer drückten; Zehnten und Erbzinse, die oft willkürlich erhöhet und mit Härte beigetrieben wurden, maßlose Hand- und Spanndienste und Robote, deren Ausschreibung ganz in der Hand des Gutsherrn oder seines Amtsschreibers lag, und selbst die unsittliche Ueberlieferung aus dem Mittelalter, wonach jedes sich verheirathende Bauernpaar einen Thaler an den Gutsherrn zahlen mußte, um damit das Herrnrecht der ersten Nacht abzukaufen, wurde noch eingefordert und unter dem Namen »Bedemund« angenommen.

Als Edmund auf diesem Gutshofe vor das Herrnhaus fuhr und seine Karte und einen Empfehlungsbrief dem seit einigen Tagen anwesenden Gutsherrn hinaufgeschickt hatte, ließ ihm dieser sagen, daß er sehr bedaure behindert zu sein, den Herrn Supernumerar Redlich zu empfangen; dieser aber möge sich nur an den Justitiar wenden, der ihn aufnehmen und ihm das Nöthige mittheilen würde.

Ein Verwalter brachte Edmund auf die Gerichtsstube, wo der Justitiar soeben beschäftigt war, einige Bauern zu verhören, die des schweren Verbrechens des Aufruhrs angeklagt waren. Der Justitiar unterbrach sein Geschäft und empfing den jungen Mann auf das Höflichste, als dieser sich auswies, daß er im Auftrage des Ministeriums des Innern eine Rundreise mache, um die Landesnoth kennen zu lernen. Edmund bat ihn indeß, nach einem kurzen Zwischengespräch, fortzufahren und war Zeuge einer Justiz gegen die Bauern, über deren Willkür und Ungerechtigkeit ihm die Haare zu Berge standen. Doch ehe wir diese Scene weiter erzählen, wollen wir unsere Leser in den mit Jagdemblemen ausgeschmückten Salon des Schlosses führen.

———————

Hier saßen und standen ein Dutzend ältere und jüngere adlige Gutsbesitzer der Umgegend, sämmtlich in modernem, fashionablem Jagdcostüm. Sie waren eifrigst mit dem Beitilgen eines nichts weniger als frugalen Jägerfrühstücks beschäftigt, zu welchem Portwein, Madeira und Ungar-Ausbruch reichlich servirt wurde. Man war in der heitersten Laune und besprach begreiflich nichts als Jagd- und Bauernangelegenheiten.

»Auf eine gute Jagd!« rief Graf Banco, sein Glas hochhaltend.

»König Nimrod soll leben!«

»Sanct Hubertus dazu!«

»Und vor Allen der wilde Jäger, der mit Hunden und Pferden in der Parforcehetze die Saaten der Bauern zertritt.«

»Hoch! hoch!« und Gläserklang ertönte.

»Bei Parforcejagd fällt mir ein: wer von den Herren hat schon einmal einer Parforcejagd eines Jagdvereins beigewohnt?«

Es bekannten sich nur zwei oder drei dazu, die Uebrigen hatten eine solche Partie noch nicht mitgemacht.

»Sie werden mir Recht geben, meine Herren,« fuhr Graf Banco fort, »es ist etwas Magnifiques damit!«

»Famos!«

»Superb!«

»Transcendental!«

Bestätigten die drei Glücklichen, die einer solchen Partie schon beigewohnt hatten.

»Das will gar nichts sagen, meine Herren, aber ich versichere Sie auf Ehre, es giebt auf dem ganzen Continent keinen Verein, der so queit-english, so fashionable in höchster Potenz, so exclusiv adlig ist als ein Parforce-Jagdverein. Es gewährt einen magnifiquen Anblick, wenn so ein zwanzig bis dreißig adliger Sportsmans und funfzig buntgefleckte Hunde der edelsten Race auf ächten Hounters von Halb- oder Dreiviertelblut über die weite Haide hinter einem eingefangen gewesenen Keuler, dem die Hauer ausgebrochen sind, damit er die kostbaren Hunde nicht beschädige, hergaloppiren und haben sie das Thier dann mattgehetzt, haben es die Hunde gestellt, welch ein grandioser Anblick, wenn dann die scharlachrothen Cavaliere, die Hunde und Pferde einen Kreis bilden, und dann beim Blasen des Hallali der Vornehmste die Ehre hat dem Keuler, den die Hunde an den Ohren, die Piqueurs an den Hinterbeinen halten, den Hirschfänger unter das Blatt zu stoßen und ihn damit feierlich abzufangen.«

»Schiller würde sagen,« bemerkte ein Witzling in der Gesellschaft, ein geborner Berliner, dem bekanntlich nichts heilig ist, nicht einmal ein hocharistokratisches Vergnügen wie eine Hetzjagd:

»Ein Schlachten war's, nicht eine Schlacht zu nennen!«

»Lieber Baron Siegram,« sprach Graf Banco in einem freundlich verweisenden Tone, »Sie würden wohlthun, wenn Sie Ihre Zunge wahren wollten. Es giebt Dinge, die über jeden Angriff erhaben sind, weil sie zu den noblen Passionen gehören und sich die höchsten Personen dabei betheiligen. Ich für mein Theil würde mich glücklich fühlen, wenn mir einmal die Ehre würde, ein solches »Schlachten,« wie Sie es zu nennen belieben, vornehmen zu dürfen. Uebrigens, meine Herren,« wendete er sich zu den Andern, »bin ich da soeben auf eine gute Idee gekommen. Wie wäre es, wenn wir schlesischen Gutsbesitzer, versteht sich nur solche, die wie wir entre nous, entweder beträchtlich reich sind oder wie ein Domherr sechzehn Ahnen haben, einen Jagd- und Jokaiclubb stifteten? Das ist englisch-aristokratische Sitte, und in England steht der Adel am höchsten in der ganzen Welt. Durch einen solchen exclusiven Clubb für Wettrennen und Parforcejagden fördern wir zugleich die Pferde- wie die Hundecultur, und gewähren dem Schwarzwild die Ehre, zu Tode gehetzt zu werden, wie sie im Mittelalter auf den fürstlichen Parforcejagden dem Edelhirsch zu Theil wurde.«

Alle gaben freudig ihre Zustimmung, nannten es eine Capital-Idee, eine magnifique Aussicht, den Adel wieder höher zu stellen. Nur der Berliner fügte die Bemerkung hinzu: »Auch ich gebe mit Vergnügen meinen Beifall zu erkennen, nur möchte ich darauf antragen, daß wir uns zuvor in einen Anti-Thierquälerverein aufnehmen lassen, denn dazu werden sich solche Wettrenn- und Parforcejagdvereine vorzugsweise berufen fühlen, weil Thierquälerei dabei nur Nebensache ist, Hauptsache aber den Qualen des Thiers beim Hallali ein schnelles Ende zu machen.«

Man fühlte wohl den Stich, ließ es sich aber nicht merken. Nur meinte Einer: »Ich fürchte aber, in unserm durch Anbau gesegneten Schlesien werden die weiten Haidegründe fehlen, auch stehen unsere Hochwälder zu dicht und mit Unterholz gemischt.«

»O wenn das alle Sorge ist, so bin ich im Stande, dem Uebel leicht abzuhelfen. Ich lasse das ganze Vorwerk Mariahilf zu Weideboden liegen, verliere dadurch ein Paar hundert Morgen guten Weizenboden und ein Paar tausend Thaler Pacht, sonst nichts.«

»Aber, liebster Graf, ein Paar tausend Thaler Renten für ein einziges Amüsement opfern, was kann man dafür in Berlin für höchst anständige Vergnügen haben, zum Beispiel ein souper-fin mit Grisetten, einige Nächte am grünen Tisch oder brillante Cadeaus für irgend eine schöne Balletfigurantin u. s. w.«

Diese freilich auch bedeutend ironisirende Bemerkung des Baron Siegram nahm der Graf für Ernst und fand die Aeußerung durchaus nicht abgeschmackt.

»Sie haben vollkommen Recht in diesem Falle, mein lieber Siegram, und wenn ich die Rente meines Vorwerks behalte, so habe ich es nur Ihnen zu danken; übrigens weiß ich noch ein besseres Mittel, zum Zwecke zu kommen. Mein Vorgänger, im Besitz des Gutes, hat eine ziemlich bedeutende Webercolonie angelegt, indem er die Häuser gebaut und Land dazu gelegt, dann aber etwa hundert Weberfamilien aus dem Hochlande kommen gelassen und dort angesiedelt hatte; sie zahlen dafür nur einen höchst unbedeutenden Zins, der für eine Colonistenstelle höchstens zwei Thaler jährlich beträgt. Nun denken Sie sich, mein Herr, mit diesem Bettel sogar ist das Pack in diesem Jahre rückständig geblieben. Der Vorwand ist die alte Litanei von Arbeitslosigkeit, Korntheuerung und Kartoffelfäule. Mein Administrator hat ihnen schon ein Paar Dutzend Betten, Kessel und Schweinchen auspfänden lassen, im Uebrigen aber habe ich, eben weil es ein Bettel ist, den ich mit einem Wurf auf die Karte setze, Nachsicht gehabt. Zum Glück hat der Begründer dieser Colonie die Vorsicht gebraucht, eine Clausel in den Contract aufnehmen zu lassen, wonach ich berechtigt bin, das ganze pauvre Volk zu exmittiren und ihre Strohnester der Erde gleich zu machen, wenn sie sechs Monate mit dem Zins im Rückstande bleiben würden, und das ist jetzt der Fall, ich bin also in meinem vollen Rechte, wenn ich das ganze Dorf mit allen Feldern, Obstbäumen und Gärten rasire. Und das werde ich thun; es wird ein großartiges Jagdrevier werden.«

»Worüber die Menschheit jubeln wird.«

»Ah bah! was geht mich die Menschheit an, so weit es nicht Leute von Familie sind.«

»Und was sollen die Unglücklichen machen ohne Heimath und ohne Obdach?«

»Betteln, was sie bis jetzt auch gethan haben; hinter dem Zaun zu Bett gehen, wenn sie kein Seidenpfühl haben, um das Ohr darauf zu legen. Ich gebe mein Ehrenwort darauf, so wird es geschehen.«

Diese Rohheit des Gemüths empörte doch die meisten Anwesenden, die noch einen Funken von menschlichem Gefühl in der Seele hatten. Während der schreckliche Plan nur bei Wenigen Anklang fand, redeten Mehrere dagegen und suchten den Grafen von diesem Vorsatz abzubringen.

»Ich kann nicht helfen, meine Herren,« sprach er, »was ich erklärt habe, das muß geschehen; ich kann nicht mehr zurück; denn ich gab mein Ehrenwort darauf und sein Ehrenwort muß der Edelmann unter allen Umständen halten.«

»Freilich, freilich! indeß....«

———————

Bald nach diesem entsetzlichen Beschlusse kam man auf einen andern, wenn auch verwandten Gegenstand. Es war von den Bauern die Rede, die, das war fast allgemeine Klage der anwesenden Edelleute, immer schwieriger würden, die sogenannten ungemessenen Dienste und Abgaben zu entrichten; so nennt man nämlich solche Lasten der Gutshörigkeit, die nicht verbrieft sind, sondern nach und nach durch Mißbrauch der gutsherrlichen Gewalt sich eingeschlichen hatten und die deshalb so ungemessen waren, daß die Willkür und Habsucht der Gutsherren oder ihrer Verwalter den schwersten Dominicaldruck ausüben konnten. Und die Zahl und Benennung solcher ungerechten Belastungen war Legion.

Die meisten Herren gaben dem leidigen Zeitgeist, dem um sich greifenden Communismus und besonders der schlechten Presse und den hochverrätherischen Literaten alle Schuld.

»Mich schrecken solche Gespenster nicht,« sprach Graf Banco. »Man muß es nur verstehen, den Bauern zu rechter Zeit aufs Auge zu drücken. Dazu bedarf man freilich eines braven tüchtigen Justitiars und der meinige ist ein wahres Prachtexemplar eines adligen Gerichtshalters. Durch wohlangebrachte Gratifikationen und Küchenlieferungen und indem ich seinem Sportuliren durch die Finger sehe, ist er dahin gebracht, daß er ein wahrer Bauernschinder geworden ist. Nun, hören Sie, meine Herren, was geschah:

»Heute Morgen früh läßt sich eine Deputation der Gemeinde bei mir melden. Ich nehme sie an, denn ich bin meinen Bauern immer ein gnädiger Herr gewesen. Ich frage auch ganz populair: »Kinder, was wollt Ihr?« denn ich denke nichts Arges dabei. Da zeigte es sich denn, daß es eine widerspenstige Rotte war, die mich früh Morgens, als ich noch im Negligé bei der Chokolade saß, förmlich überfallen hatte. Es trat Einer von den Elenden vor, ein kleiner Knirps von Bauernkerl, der aber ein so großes Maul hatte, daß man hätte mit einem Heuwagen hineinfahren können, drehet vor Verlegenheit seine abgezogene Pelzmütze rund in den Händen und spricht im furchtsam bescheidenen Tone: Wir wollten nur unterthänigst anfragen, gnädigster Herr, ob die Bauernschinderei Ihres gestrengen Herrn Amtmann mit Ew. Gnaden hoher Genehmigung geschieht oder nicht?«

»Was soll's damit?« rief ich aufgebracht.

»Nun,« sagen die Bauern, »die Roboten, Dienste, Zehnten und Zinsen, wie sie als hergebracht und zum Theil auch im Kataster verbrieft stehen, ließe man sich noch gefallen; aber da machen der Herr Amtmann seit Jahren schon immer noch neue Forderungen; und dergleichen Dummheiten und Prätensionen mehr, womit sie mich ennuyirten.« Damit brach der Graf seinen Bericht ab; wir halten uns aber für verpflichtet, denselben zu vervollständigen.

Die Bauern klagten weiter: »Dienstfuhren und Roboten sind angemessen, uns aber,« fuhren sie fort in ihren Lamento, »bleibt keine Stunde Zeit übrig für die Besorgung der eigenen Wirthschaft. Mit Frau und Kind und Magd und Knecht, Spannwerk und Hofhund müssen wir täglich dem Gutsherrn dienen; und Nachts noch seine Felder gegen den Schaden durch sein eigenes Wild bewachen, während wir die unsern dem herrschaftlichen Wilde zu dessen Ergötzlichkeit preisgeben müssen. Dazu an Geldzinse müssen wir steuern, so viel es dem Herrn Amtmann beliebt, denn, sagt er, Grund und Boden gehören dem Herrn und es ist die rechtliche Natur des Erbzinses, daß sein Betrag von der Gnade oder Ungnade des Herrn abhänge; wirft unsere Kuh ein Kalb, so gehört es dem Herrn; von unsern Schafen theilt der Herr mit uns die Wolle und die Lämmer; so geht es mit Schweinen und Gänsen auch. Ehe wir die letztern zu Markt bringen dürfen, läßt sie die Gutsherrschaft für ihre Federbetten rupfen, der Bauer muß auf Stroh schlafen. Dazu müssen wir noch schweres Weidegeld zahlen; von unserm Acker nimmt erst der Gutsherr den Zehnten, dann noch einmal den fünften Theil der Ernte und von dem was übrig bleibt, wird noch der Gerichtszehnten, dann der Kirchenzehnten und endlich der Schulzehnten abgezogen. So bleiben uns nur vier Zehntel vom ganzen Ertrag unserer Ernte zum Ausdrusch und diese pfändet uns danach der Executor aus für Steuern, Erbzinse, Gift und Gaben, wozu noch die Gerichtskosten und ellenlange Sportelrechnungen kommen; Bier und Branntwein müssen wir für doppelte Preise in ungenießbarer Beschaffenheit, bei schwerer Strafe aus den herrschaftlichen Krügen nehmen, und unser Getreide dürfen wir nur auf der gutsherrlichen Zwangsmühle mahlen lassen, wo man uns Schrot mit Sand statt Mehl, gut genug, wie der reiche Müller sagt, für den Bauernfraß, zurückgiebt, nachdem über ein Drittel, noch dazu am feinsten Mehl, unter dem Namen der Mahlmetze zurückbehalten ist. Die Jagdfrohnden zerreißen uns die Füße und die Kleider und werfen uns aufs Krankenlager, wenn wir durchnäßt vom Moor und Regen Abends heimkehren und dann noch, ohne uns trocken ankleiden zu können, hinaus aufs Feld müssen, um unsere Kartoffeln gegen die Wühlereien des herrschaftlichen Schwarzwildes oder unsere Erbsen, unser Getreide gegen das Rothwild zu schützen; dabei haben wir keine andere Schutzwehr als kleine, mit Knütteln am Halse versehene und dadurch am Laufen gehinderte Hunde und unser Wachgeschrei, das sich mit dem Belfern derselben mischt. Das adlige Hochwild ist aber ebenso stolz wie die hohen Herrschaften selbst es sind. Es sieht den Bauer über die Achseln an, geht ihm ein Paar Schritt aus dem Wege, mehr um sich nicht durch Gemeinschaft mit dem Bauernpöbel, wie man uns nennt, zu besudeln, als aus Furcht vor dem Geschrei, und nährt sich dann ruhig weiter vom Schweiß des armen Bauern.«

»Noch mehr,« fuhr der impertinente Bauernknirps fort, den der Graf ausreden lassen wollte, damit die Canaille nicht sagen könne, sie habe vor ihrer gnädigen Gutsherrschaft kein Gehör gefunden; »zu diesen Calamitäten hat uns nun noch unser Herr Gott heimgesucht mit der Kartoffelfäule, und da die Herrschaft uns das Brodkorn und das Geld genommen, so nahm uns diese Kartoffelkrankheit noch das letzte Mittel, unser Leben zu fristen. Gott sei es geklagt und unserm gnädigsten Herrn, seit acht und vierzig Stunden haben wir mit Weib und Kindern noch keinen Bissen Brod, keine gesunde Kartoffel genossen. Der Hunger magert uns ab zu Skeletten und die Noth wirft uns aufs Krankenlager. Und das Alles verdanken wir der ungerechtesten aller Belastungen königlicher Unterthanen, dem Dominicaldruck der Gutsherrschaft.«

»Und was wollt Ihr damit?« fuhr sie der Gutsherr an, denn schon zu lange hatte ihn dieses Lamento ennuyirt, »wollt Ihr etwa auch Rebellen werden, wie die Weber da oben im Gebirge?«

»Dafür möge uns der Himmel gnädig bewahren,« entgegnete mit Demuth der Sprecher der Bauern; »wir sind und bleiben gehorsame Unterthanen unserer gnädigsten Gutsherrschaft; aber wir bitten nur, unser Leben zu fristen durch den Vorschuß von einigen Scheffeln Korn; denn wenn erst das Sterben unter die Bauern kommt, so ist das für den Gutsherrn gerade wie ein Viehsterben;« und darin hatte der Schurke Recht, dachte der Graf; denn wenn der Bauer mit Weib und Kindern todt gehungert ist, kann er für den gnädigen Herrn nicht mehr schaffen und arbeiten. »Und am Schluß müssen wir geradezu erklären,« schloß der Rädelsführer der Bauern, »daß wir weder dienen, noch steuern können, weil halb verhungerte Menschen zum Arbeiten zu schwach sind und Dem, der nichts mehr sein nennt auf der Welt, auch nichts mehr ausgepfändet werden kann.«

»Das ist offene Renitenz,« sprach der Graf, »Euch soll Euer Recht werden und noch Gnade dazu!« Damit zog er die Klingel und gebot dem Justitiar, augenblicklich zu erscheinen.

Dieser trat ein, ein lieber, gefügiger Mann, der vor seiner hohen Herrschaft im Staube kriecht, aber den Bauern gegenüber sich auf das hohe Pferd zu setzen weiß.

Der Graf ließ die Bauern abtreten und erzählte ihm den Fall. Er war ganz seiner Meinung, daß dies eine schwer zu bestrafende Renitenz sei. »Man muß nur gleich gegen die ersten solcher Rebellen Strenge üben, so werden die andern dadurch eingeschüchtert,« sprach er.

»Gut, so geschehe!« gebot Graf Banco, »im Kerker werde ihnen ihr Recht und zugleich die Gnade, daß ihnen die Gutsherrschaft freie Wohnung und Beköstigung giebt.«

»Auch ein wenig Peitschenhiebe dazu?« fragte der Gerichtshalter ganz freundlich und rieb sich dabei vergnüglich die Hände, »o der gnädige Herr wissen nicht, wie solche Lection bei dem dummen Bauernvieh gut anschlägt; Höchstdero Gerichtsfrohn hat sich eine Peitsche machen lassen, gegen welche eine russische Knute ein wahres Spielwerk ist, und der Mann versteht es, seinen Stiefel zu schlagen, daß das Fell aufplatzt. Er ist noch ein gewesener Corporal aus der alten Schule.«

»Gut, aber daß keine gegründeten Beschwerden darüber vorkommen.«

»Geruhen der gnädigste Herr ohne Sorgen darüber zu sein. Alles geschieht bei mir in der besten Form Rechtens. Und wenn zehn Commissionen darüber kommen, so werden sie in den Acten Alles in der besten Ordnung finden. Mein Wahlspruch bleibt: fiat justicia et pereat mundus, das Recht muß gelten und sollte darüber die Welt zu Grunde gehen.«

———————

Edmund war nun Zeuge der hierauf folgenden Gerichtsverhandlung.

Der Gerichtshalter hatte Edmund im Vollgefühl seiner amtlichen Würde eingeladen, der über diesen Gegenstand nun gehaltenen Gerichtssitzung beizuwohnen.

»Ihr Residenzherren,« sprach er, in der Ueberzeugung, dadurch sich höhern Orts beliebt zu machen, »wollt sehen, wie man hier die rebellischen Bauern zur Ordnung zu bringen weiß.«

Damit klingelte er und gebot, daß die drei Inculpaten vortreten sollten.

»Wie heißt Er?« fragte er den Ersten, der vor dem Gutsherrn Sprecher gewesen war.

»Steffen Lange,« sprach dieser.

»Und Ihr!«

»Kurt Büffel!«

»Und Ihr da, großer Lümmel!«

»Adam Knauf!«

»Ihr habt Euch unterstanden, unsern gnädigen Herrn Grafen mit Euren grundlosen Querelen über Druck und Willkürherrschaft der Gutsbeamten anzufallen.«

»Wir haben nur unsere Noth vorgestellt und um Abhülfe gebeten.«

»Was? Ihr wollt noch leugnen? Ihr Schurken Ihr, daß Ihr jede fernere Leistung an Diensten und Zinsen verweigert habt?«

»Ja, weil.....«

»Das Weil und Warum gehört nicht hierher. Auch Ihr Beiden,« sprach er zu den Andern, »seid dieser Weigerung, wenn auch schweigend, beigetreten?«

»Ganz aus denselben Gründen.«

»Herr Actuar, schreiben Sie in das Protokoll: Auf Vorhalt bekannten Inculpaten, daß sie alle gutsherrlichen Leistungen und Abgaben, so wie auch alle Steuerzahlung an den Staat verweigert hätten.«

»Ja, weil.....«

»Nichts da, weil......, das Maul gehalten! Nichts geantwortet, als warum ich frage; oder es giebt Hiebe in respectum judicii

»Wir wollten nur unterthänigst wissen, ob Hungern ein Verbrechen ist?«

»Das gehört nicht zur Sache, Ihr seid Rebellen, Aufwiegler, und werdet dafür bestraft.«

»So müßte doch kein gerechter Gott im Himmel sein!«

»Also auch Gottesleugner, immer besser! Herr Actuarius, schreiben Sie ins Protokoll: Inculpat Steffen Lange habe erklärt, daß kein gerechter Gott im Himmel sei.«

»Wir wollen ja nur wissen, worauf sich die willkürliche Erhöhung aller Dienste und Abgaben gründe? Wir halten die gutsherrlichen Beamten nicht für berechtigt, sie zu erheben.«

»Ihr erklärt also, daß die Beamten ihre Befugnisse überschreiten, daß sie sich willkürliche Erpressungen gegen Euch erlauben?«

»Entweder der Herr Amtsverwalter oder der Gutsherr, wenn es mit seinem Vorwissen oder auf seinen Befehl geschieht.«

»Herr Actuar, schreiben Sie in das Protokoll: Inculpaten sprachen folgende schwere Injurien aus: die Beamten und der Gutsherr haben sich grobe Erpressungen zu Schulden kommen lassen.«

»Und das ist auch Eure Meinung, Büffel und Knauf?«

»Ja, Herr Amtmann, ja!«

»Lesen Sie das Protokoll vor.«

Es geschah.

»Nun unterschreibt oder unterkreuzt, wenn Ihr nicht schreiben könnt.«

»Aber, Herr Amtmann, wir verstehen zwar von dem gelehrten Griesgram nicht viel, indeß scheint es uns doch, daß das gar nicht unsere Meinung sei, wie dort niedergeschrieben ist.«

»Maul halten! nicht raisonniren. Herr Actuar, schreiben Sie: Inculpaten weigern die Unterschrift. Uebrigens seid überzeugt, Ihr Rebellen, daß es ebenso gut Fidem hat, als hättet Ihr es selbst unterschrieben, denn die amtliche Glaubhaftigkeit kann durch solche unmotivirte Weigerung nicht verletzt werden.«

»Nun hört das Strafurtheil an:

In Untersuchungssachen gegen Steffen Lange und Consorten wird hiermit vom hochgräflich-Bancoschen Justizamt für Recht erkannt, daß den Bauern Steffen Lange, Kurt Büffel und Adam Knauf, ersterer mit sechs Monat Zuchthausstrafe und funfzehn Peitschenhieben, der zweite und dritte Jeder mit drei Monat Zuchthausstrafe und zehn Peitschenhieben zu belegen und in sämmtliche Kosten zu verurtheilen sei und das von Rechtswegen.

Gründe:

Es ist actenmäßig ermittelt und durch Zugeständniß festgestellt: 1) daß alle drei Inculpaten, und zwar der Bauer Steffen Lange an der Spitze, in rebellischer Absicht den Hochgebornen Grafen Banco persönlich angetreten und dabei ersterer durch freche Reden und unbegründete Querelen den der hohen Gutsherrschaft schuldigen Respect aus den Augen gesetzt hat, welchen die beiden Andern als Mitschuldige schweigend beigetreten sind; 2) daß sie sich einer Steuerverweigerung schuldig gemacht und zu offener Renitenz der Bauern gegen hohe Obrigkeit aufgewiegelt haben; 3) daß Steffen Lange durch seine Aeußerungen vor Gericht sich als Gottesleugner bekannt hat; 4) daß alle drei Inculpaten vor Gericht die Wahrheit verleugnet und damit durch frevelhaftes und hartnäckiges Leugnen eine körperliche Züchtigung verwirkt haben, dem gemäß sind dieselben nach den §§.... des Allgemeinen Landrechts in die vorgedachte Strafe genommen und solidarisch in sämmtliche Kosten verurtheilt worden. Von Rechtswegen.«

———————

Edmund erfuhr bald die wahre Veranlassung dieser barbarischen Justiz. Da die Sache noch appellabel war und die Verurtheilten zu den Grundbesitzern gehörten, so konnten sie nicht sofort verhaftet werden. Er hütete sich wohl, seine wahre Meinung auszusprechen, besuchte aber Abends unter dem Vorgeben eines Spaziergangs jene armen Bauern, von denen er denn natürlich ihr ganzes Elend erfuhr und so durchschaute er bald, daß alles Unglück dieser armen Landleute durch einen furchtbaren willkürlichen Dominicaldruck entstanden, oder mindestens bedeutend erschwert worden war. Wenn irgendwo, so waren hier durchgreifende Gesetze und genügende Ablösung der Lasten der Gutshörigkeit nothwendig. Jetzt lag es in seiner Hand die Nothwendigkeit der Befreiung der Grundstücke von den drückendsten Lasten in Antrag zu bringen. Er sammelte dazu die speciellsten Materialien, wies genau den Bestand und Werth solcher kleinen Bauernhöfe nach, und stellte diesen gegenüber die Summe ihrer Belastung; da fand sich denn leicht, daß diese um mehr als den vollen Werth des täglichen Tagelohns höher war, als der Grundwerth ihrer Bauernhöfe, und so mußten selbst die fleißigsten dieser armen Leute ihr ganzes Leben daran setzen, um dem Gute außer einer Belastung über den Ertrag ihres Gutes noch ganz umsonst zu dienen.

Auf dem Rückwege nach dem Schlosse holte ihn der ganze aus dem Walde zurückkehrende Jagdzug ein. An der Spitze desselben ritt Graf Banco. Edmund fand allerdings eine auffallende Aehnlichkeit mit Herrn Liebreich, und da dieser aus der letzten Maskerade im Schauspielhause schon Verdacht erregt hatte, daß er höhern Standes sei, so war es gerade keine Unmöglichkeit, daß jener Verlobte seiner Schwester und dieser hartherzige Edelmann eine und dieselbe Person war. Ehe er aber darüber ins Klare kommen konnte, war Graf Banco, der ihn bemerkt hatte, im Galopp seinen Blicken entschwunden.

Noch an demselben Abend machte er seinen Bericht, legte ihn aber bis auf Weiteres in sein Portefeuille.

Am andern Morgen, als Edmund sich noch einmal bei dem Grafen melden lassen wollte, war dieser bereits abgereiset, nicht ohne zuvor, wie ihn der Gerichtsamtmann versicherte, noch das Aeußerste, was möglich war, von den Bauern erpreßt zu haben.

 

6.

Wir wollen unsern Lesern nicht zumuthen, uns in alle die Höhlen des Jammers und des Elends zu begleiten, welche Edmund nun amtlich besuchen mußte und es auch redlich that mit menschenfreundlichem Herzen und ohne kleinliche Furcht vor Ansteckung des gräßlichen Typhus, der, damals erst im Beginn seines Wüthens, schon anfing leere Häuser und Dörfer zu machen und mit Leichen überfüllte Kirchhöfe.

Schlimm genug, daß wir solche Zeit haben erleben müssen und, daß die Hülfe zu spät kam, welche mildthätige Herzen, die schon erschüttert waren durch die unter Censur stehenden, so unvollständigen Zeitungsnachrichten, zu Tausenden spendeten; große Summen der Privatwohlthätigkeit kamen ein, aber man hörte allgemein klagen, daß diese Summen nicht mit der nöthigen Umsicht, Unparteilichkeit, mit Eifer und aufopfernder Menschenfreundlichkeit zur Linderung der Landesnoth verwendet würden.

So wuchs denn bald diese Noth, Arbeitslosigkeit, Hunger und die Pest des sicher tödtenden Nervenfiebers jedem menschlichen Beistande über den Kopf.

Später kamen noch die Märzereignisse hinzu, die jedes andere Interesse verschlangen. Handel und Gewerbe steckten, die öffentlichen Fonds sanken im Course und brachten auf der Börse Verluste; Noth kehrte in jede Familie ein. Die Hülfe floß spärlicher, die Noth wurde größer.

Betrat Edmund ein Dorf, so erschien es wie ausgestorben. An vielen dieser kleinen elenden Häuser hing eine schwarze Tafel mit einem weißen Kreuze bezeichnet und dem Worte: Pest!

Dann war ein solches Haus, in welchem die Krankheit herrschte, gleichsam geächtet. Kein Mensch durfte es betreten, um nicht den vermeintlichen Giftstoff weiter zu verbreiten. Kein Bewohner desselben durfte es verlassen. Das Haus schien durch die weise Fürsorge hoher Obrigkeit in manchen Dörfern zum Aussterben bestimmt zu sein, und es war kein seltener Fall, daß Edmund, der in seiner amtlichen Stellung hineindringen durfte, und dabei nur durch die Autorität seines Commissoriums den Schulzen bewegen konnte, ihn zu begleiten, in den dumpfen verpesteten Stuben, wo man kein Fenster öffnete, sechs, sieben, acht Todte auf dem Stroh, am feuchten Boden fand.

Es war kein Lebender mehr übrig, der hätte melden können, daß es hier nur Todte zu begraben gab.

In andern Häusern fand er vielleicht nur eine oder zwei Leichen mit noch Lebenden auf einem Strohlager oder auf einem elenden Bett, aber es war kein Gesunder da, um die Kranken zu pflegen. Und dann tönte ihm nur ein leises Wimmern um einen Trunk Wasser entgegen. Edmund ging selbst zum Brunnen, einen Topf Wasser zu holen und brachte den Labetrunk von Mund zu Munde.

Sie dankten ihm mit schon gebrochenen Augen und starben dann gern, wie sie sagten; denn der Tod war ja noch ihr letzter, rettender Freund.

Machte Edmund dem Schulzen Vorwürfe über diese amtliche Absperrung der Häuser, in welchen Typhuskranke lagen, so wies dieser auf seine schriftlichen Befehle vom Landrath hin, und in diesen wurde wieder Bezug auf Anordnungen der Regierungs-Medicinalbehörde und der höhern Verwaltungsressorts genommen.

Zwar hatte man befohlen, unter gehöriger Desinfections-Vorsicht Krankenwärter anzustellen und aus den Gemeindefonds zu lohnen; aber die armen Gemeinden hatten nicht die Mittel, Lebensgefahr zu bezahlen. Für ein billiges Tagelohn übernahmen zwar einige alte Männer und Frauen das Wärteramt und schlichen wohl einige Tage mit ihren Riechfläschchen von Haus zu Haus, aber die Meisten derselben erkrankten selbst und die Andern, da sie sahen, daß sie doch nicht helfen konnten, ermüdeten im Dienst und blieben zu Hause, was um so eher geschehen konnte, als Niemand ihre Thätigkeit controlirte.

So halfen fast überall Unkenntniß der Verhältnisse, verkehrte Maßregeln, büreaukratischer Unverstand und lieblose Actenweisheit, langsame Tödtung von Tausenden, die Entvölkerung ganzer Gemeinden herbeiführen.

Merkwürdig genug standen die unschuldigsten Wesen auf Gottes Erdboden, die Kinder, unter Obhut des Himmels.

Man sah am vertrockneten Busen der todten Mutter noch den Säugling liegen und vergebens sich bemühen, noch einen letzten Tropfen Milch zu saugen. Dort tranken nackte Zwillinge aus den Brüsten einer schon kranken Mutter die letzte vergiftete Milch und blieben leben, wenn auch Jene starb. Wo der Hunger diese Quelle des keimenden Jugendlebens versiegt hatte, fand eine zärtliche Mutter vielleicht noch aus bessern Zeiten eine harte Brodrinde, die sie im Wasser aufweichte, und die Kleinen hatten Nahrung, während sie selbst verschmachtete.

Ein fünfjähriges Mädchen war die einzige Pflegerin ihrer kranken Eltern, Großeltern und erwachsenen Geschwister, die unter dieser Pflege eines unmündigen Engels starben, während das Kind selbst wunderbar erhalten blieb.

In andern Häusern waren alle Erwachsenen todt, nur in Lumpen gekleidete oder nackte Kinder wimmerten noch zwischen den kalten Leibern der Todten.

Hier mußte vor Allem geholfen werden. War die Todessichel verheerend über die Leiber der Erwachsenen dahin gefahren, so galt es zunächst, wenigstens die jüngste Generation zu retten.

Edmund reisete von Gut zu Gut und machte allen wohlhabenden und noch menschlich fühlenden Herzen die wärmste Schilderung von all' dem Elend, das er selbst mit Augen gesehen hatte. So arg hätte man sich die Sache doch nicht gedacht.

Die faulen Weber und Spinner, hatte es immer geheißen, wollen nicht arbeiten; wenn man sie auch nur an die Eisenbahn schickt, um Sand zu bauen, so setzen sie sich alle Augenblicke auf die Karre, anstatt sie fortzuschieben. Aber man wußte nicht, daß sie durch ihre gewohnte sitzende Lebensweise, mehr noch durch Hunger und Kummer abgeschwächt und beim besten Willen nicht Kraft hatten, die schweren Sandkarren fortzufahren.

Ja man fand in manchen Häusern noch ungemahlenes Getreide oder ungekochte Erbsen, welche ihnen wohlthätige Vereine geschenkt hatten, und man erklärte das für böswilligen Trotz, ohne zu wissen, wie sehr überschwängliche Noth am Ende alle Geistes- und Willenskraft abschwächt, so daß die Unglücklichen in dumpfe Resignation versanken, und hätten sie mit dem Ausstrecken der Hand sich retten können, Viele würden es nicht gethan haben, denn selbst der allen Menschen angeborene Erhaltungstrieb hatte hier schon seine Macht verloren.

———————

Edmund that noch mehr; er schrieb eine Broschüre, die er herausgab, worin dieser Jammer und die Thatlosigkeit und Fehlgriffe der Behörden in starken, aber wahren Farben geschildert wurden. Er appellirte darin an den Wohlthätigkeitssinn wohlhabender Bewohner nicht Schlesiens allein, nicht Preußens, sondern der ganzen civilisirten Welt. Ein solches Unglück, dem im Entstehen mit verhältnißmäßig geringen Opfern von Seiten des Staats hätte vorgebaut werden können, wenn mehr Leben und Herzenswärme, als Dinte und Actenpapier in der Verwaltung verwendet worden wäre, erklärte er für eine große Angelegenheit der ganzen Menschheit.

Diese von ihm pseudonym herausgegebene Flugschrift schlug wie ein Wetter ein und erschütterte alle wohlthätigen Herzen. Die Privatwohlthätigkeit erwachte und bildete in schöner, menschenfreundlicher Regung Wohlthätigkeit-Comités. Unterstützungs-Beiträge, auch aus Berlin, liefen reichlich ein. Die reiche Aristokratie ging mit einer sie ehrenden Freigebigkeit voran. Eine Gräfin und mehrere Edelleute legten in ihren Schlössern Lazarethe und Waisenhäuser an. Einer derselben nahm an hundert verwaisete Kinder auf. Hohe Prinzessinnen und Fürstinnen trugen reichlich das Ihrige bei. Selbst der Staat erwachte nun, seitdem der Lärm zu arg wurde, um noch länger ignoriren zu können, und sandte gegen den Ausgang des vorigen Winters junge Militairärzte nach Schlesien, die mit aufopfernder Pflichttreue thaten, was in dem Chaos von Verwaltung nur möglich war.

Da wurden nun Lazarethe und Versorgungsanstalten für Kinder errichtet, aber immer fehlte es, selbst bei den reichlichsten Zuschüssen aus wohlthätigen Händen, am Nothwendigsten; bald an Betten und Matratzen, bald an Decken, und wo diese beschafft waren, fehlten hier Krankenwärterinnen, dort Ammen; dort waren die ökonomischen Einrichtungen und die Beköstigung mangelhaft. Was aber fast überall im Anfange vermißt wurde, waren warme Winterkleider für die Kinder. In einem Lazarethe lagen an fünfhundert Kinder in kalte Räume zusammengepfercht, Gesunde und Kranke, selbst Sterbende und Todte durcheinander. Oft schickten entfernte Gemeinden ganze Wagen voll verwaisete Kinder und dann wußte man für den Augenblick nicht, wo man sie unterbringen sollte. Manche kamen noch um im Harren auf menschenfreundliche Hülfe, die zur Hand war und gern retten und helfen wollte, aber unmöglich Allen auf einmal genügen konnte.

Unter den sich aufopfernden Anstrengungen der jungen Aerzte und anderer Menschenfreunde gelang es endlich, einige Ordnung in dieses Durcheinander von Rettungsanstalten und Versäumnissen aller Art zu bringen; aber es reichte lange nicht aus, um den zehnten Theil der vorhandenen Noth zu stillen.

Auf dem Lande fehlte es an Aerzten. Auf grundlosen Wegen, im Schnee und Morast, hatten sie auf offenen Leiterwagen, die von kleinen zottigen, aber kraftlosen Pferden gezogen wurden, halbe Tage und länger nöthig, um von einem Dorfe zum andern zu fahren. Oft mußten sie zu Fuß gehen, um nur schneller fortzukommen.

Wenn der Typhus, um geheilt zu werden, den Besuch des Arztes oft dreimal des Tages erfordert, so war es hier dem thätigsten Arzte nur möglich, denselben Kranken alle drei oder acht Tage wiederzusehen, und verschrieb der Arzt ein Recept, so lagen die Apotheken so weit entfernt, daß es den armen Kranken an Boten dorthin fehlte; geschah es dann wohl aus Menschlichkeit oder durch Gemeindeboten, daß solche Recepte nach der Apotheke gebracht wurden, so kam die Medicin in der Regel zu spät, wenn entweder alle Umstände sich so verändert hatten, daß die Verordnung auf den gegenwärtigen Zustand des Kranken nicht mehr paßte, oder die Patienten schon in die Ewigkeit gegangen waren. Später führten die Aerzte die nothwendigsten Arzeneien, selbst Nahrungsmittel für die Hungernden mit sich; aber das waren immer nur Tropfen im Ocean des Bedürfnisses. Gegen das Selbstdispensiren der Aerzte protestirte auch mancher Apotheker.

Mehrere dieser braven Aerzte aus dem Königlichen medicinisch-chirurgischen Friedrich Wilhelmsinstitut in Berlin und andere Militairärzte wurden selbst vom Typhus ergriffen; einige erlagen als Märtyrer ihrer Menschenfreundlichkeit.

Ganz besonders verdient aber machten sich die barmherzigen Brüder und die frommen Schwestern dieses Ordens. Diese gewährten überall, in jeder Hütte, die sie betraten, wahre und verständig geordnete Hülfe. Sie brachten nicht blos den Sterbenden die Tröstungen der Religion, die heilige Oelung und die Sterbesacramente, sondern sie scheuten sich auch nicht, die niedrigsten Dienste den Kranken zu leisten. Sie reinigten dieselben, kochten den Kraftlosen Suppe, flößten den Ermatteten Wein ein, trugen Holz zusammen und erheizten Stuben, erbettelten bei den Reichen und auf den Gütern Decken und Betten und übten die Milde des barmherzigen Samariters, mit einer Hingebung und Selbstopferung, wozu nur die Glaubensinnigkeit und wahre Religiosität im schönsten und reinsten Sinne des Worts die Kraft gewähren kann.

Edmund bereisete noch mehrere Landrathsbezirke und suchte Gutes zu wirken, so viel er vermochte; aber an vielen Orten fand er die Beamten selbstzufrieden mit ihrer amtlichen Thätigkeit inmitten dieser grenzenlos großen Landesnoth.

In den Acten der Büreaukratie war auch Alles in der schönsten Ordnung. Tägliche Listen der Erkrankten und Gestorbenen wiesen freilich beträchtliche Zahlen nach, und ebenso gewissenhaft war über die Beiträge der Wohlthätigkeit und über die verwilligten Mittel des Staats Rechnung geführt worden. Es fehlte kein Groschen, dessen nützliche Verwendung nicht auf dem Papier nachgewiesen war; aber in der Wirklichkeit fehlte Alles, was hier helfen und retten konnte.

Die Büreaukratie gleicht einem genau regulirten Uhrwerke, dessen Tiktak sich bei Tag und Nacht, bei Sturm und Sonnenschein ganz gleichmäßig bewegt; aber es fehlen ihm die Zeiger, und man kann an diesem Meisterwerk einer schreibfertigen Mechanik nicht sehen, welche Zeit es eben ist.

 

7.

Nach einer mehrwöchentlichen Rundreise kehrte. Edmund nach dem Badeorte Reinerz zurück. Dort führte noch der Geheimrath von seinen Diäten das angenehmste Leben. Täglich hatte er seine gute Tafel und Spielpartie; dagegen fehlte es seiner Tochter nicht an langweiligen Abenden, wenn sie allein im kleinen Quartier des Logirhauses saß. Aber Edmund's liebes Bild trug sie ja im schönen warmen Herzen, und das gewährte ihr dennoch stille, glückliche Stunden. Dann schrieb sie an ihrem Tagebuch, in welches sie heimlich und in züchtiger Scheu niederlegte, was sie jeden Abend gedacht und empfunden hatte. In Gedichten und Prosa feierte sie ihren Edmund; einen schönen Zug seines Herzens nahm sie nach dem andern aus der Vergangenheit und malte sich dann eine glückliche Zukunft aus, eine glücklichere als ihr nach menschlichen Verhältnissen jemals beschieden sein konnte.

Nun war er endlich wieder da. Ihr Glück und ihre Freude mußte sie in sich selbst verschließen. Die ganze Fülle ihres liebevollen Herzens konnte sie ja dem lieben theuern Freunde, der, wenn er an die Unmöglichkeit einer künftigen Vereinigung dachte, oft mitten in den wärmsten Herzensergießungen zurückhaltend wurde, nicht aufschließen.

Dazu hatte Edmund viel zu thun. Er mußte die Acten und Protokolle in Ordnung bringen, denn darauf hielt der Geheimrath mit großer Strenge. Uebrigens wollte er von der ganzen traurigen Geschichte weiter nichts wissen und unterschrieb daher bona fide den voluminösen Bericht über die ganze Commission, ohne ihn zu lesen, welchen Edmund aufgesetzt und mit seiner schönen Handschrift ins Reine geschrieben hatte.

Aber Edmund fühlte mitten in diesen geschäftlichen Anstrengungen und selbst an den glücklichen Abenden, die er mit Bertha allein zubrachte, die Vorboten jener furchtbaren Krankheit: Niedergeschlagenheit des Gemüths, Kopfschmerz, geistige und körperliche Abspannung, die sich fast bis zur Entkräftung steigerte.

Er hatte genug mit Aerzten und Kranken verkehrt, um zu wissen, was ihm bevorstand. Der Gedanke, hier krank und noch dazu vom schrecklichen Typhus befallen zu werden, dann vielleicht selbst den Keim der Krankheit auf das geliebte Mädchen zu übertragen, hatte etwas Furchtbares für ihn.

In der namenlosen Angst, die aus diesem Gedanken hervorging, beschwor er Bertha, Alles anzuwenden, um so schleunig als möglich nach Berlin zurückzukehren. Er selbst müsse noch einige Tage hier weilen, um noch die Papiere in Ordnung zu bringen. Als Bertha, die noch keine Ahnung von der drohenden Gefahr hatte, versicherte, keine Macht der Erde könne sie bewegen, ohne ihn abzureisen, besonders da sie sehe, daß er sich unwohl fühle, also sicher der liebevollen Pflege einer weiblichen Hand bedürfen werde: da wendete sich Edmund in seinem heiligen Pflichtgefühl an den Geheimrath und sagte ihm unverholen, daß er vom Typhus sich angesteckt fühle und daher ihn beschwöre, so schleunig als möglich abzureisen, um nicht Gleiches erleben zu müssen. Er bat ihn, seiner Tochter nichts davon zu sagen, um sie nicht ängstlich zu machen, denn Aengstlichkeit erhöhe die Gefahr der Ansteckung.

Der alte Herr ließ sich das nicht zweimal sagen. Eiligst betrieb er die Abreise, ohne seiner Tochter den eigentlichen Grund zu verrathen. Doch als am andern Morgen Edmund zum Frühstück nicht erschien und der Bediente meldete, der junge Herr sei zwar aus dem Bette aufgestanden und habe sich mühsam angekleidet, aber er sei todtenblaß und sterbenskrank, liege auf dem Sopha und lasse sich entschuldigen daß er nicht herunterkomme und glückliche Reise wünsche.

Da brach der Geheimrath aus: »Da haben wir's, er hat den Typhus, das hat er nun von dem übertriebenen Diensteifer und das Schlimmste ist, auch wir sind der Gefahr ausgesetzt, durch ihn angesteckt zu werden. Auf, fort, geschwind!«

Bertha sank ohnmächtig in die Arme ihres Mädchens. Mit einem leisen Ach! schien ihr jeder Lebensfunke entflohen zu sein. Ihr Vater bemerkte nichts davon; denn ehe sie niedersank, nachdem er das letzte Wort gesprochen, war er auch schon zur Thür hinaus, um den Wagen bestellen zu lassen und schnell noch einige Abschiedsvisiten zu machen. Das Portefeuille hatte ihm Edmund schon übergeben, und so war denn Alles in der schönsten Ordnung; denn sind die Acten gut geführt, so ist ja in den Augen solcher Actenmenschen Alles gut.

Bertha erwachte aus ihrer Ohnmacht; als sich aber einen Augenblick ihr Kammermädchen entfernt hatte, um von der nahen Apotheke frisches Riechsalz zu holen, da hüllte sich das junge Mädchen in ihr Umschlagetuch, verließ ihr Zimmer und stieg die Treppe hinauf.

Sie wußte die Nummer des Logis ihres Edmund und trat hinein.

Er war allein und lag blaß wie ein Todter auf dem Sopha und schien zu schlummern, wenn es nicht Schlimmeres war.

Da überwallte sie das Gefühl der Liebe und des Mitgefühls, und die Jungfrau kannte keine Zurückhaltung mehr.

Weinend warf sie sich über den bleichen Jüngling her und küßte ihn ins Leben zurück.

»Du bist krank, geliebter Edmund, o Gott! und ich soll von Dir scheiden? Nein, keine Macht des Himmels und der Erde soll mich von Dir trennen, ich will mit Dir leben oder sterben!«

Edmund's ohnehin aufgeregte Nerven vermochten den Eindruck dieser Scene kaum zu ertragen.

Zitternd und mit bebender Stimme beschwor er sie, ihn nicht noch unglücklicher zu machen, indem die stete Angst, auch sie von dieser Krankheit ergriffen zu sehen, ihn tödten würde. Endlich fanden seine Bitten Eingang, Bertha versprach sich zu fassen und versuchte es auch; als aber der Moment der Trennung immer näher rückte, da war es aus von beiden Seiten mit aller Fassung und Seelenstärke. Ohne Rücksicht auf Gefahr der Ansteckung hielten sich Beide umarmt. Küsse und Thränen und Schwüre ewiger Liebe, das waren die einzigen Lebensäußerungen, die sie noch hatten. Darüber vergaßen sie Ort und Zelt, und Welt und Verhältnisse. Plötzlich aber öffnete sich die Thür und der Geheimrath stand da, ein versteinerter Zeuge dieser Scene.

Einen Augenblick stand er da, starr und sprachlos. Im nächsten ergriff er wild den Arm seiner Tochter und riß sie empor aus ihrer liebeseligen und doch so schmerzreichen Umarmung.

»Unglückliche! Verlorene!« rief er aus, »welche maßlose Frechheit! und Sie, Elender, Verführer meiner Tochter, nie dürfen Sie mir wieder vor Augen kommen!«

Vergebens beschwor ihn Edmund mit der letzten, fast hinsterbenden Kraft und Bertha mit dem Verzweiflungsmuth der Leidenschaft, ihren unwiderruflich geschlossenen Herzensbund zu segnen.

»Seid Ihr toll geworden?« rief der alte Herr, »und Du!« sprach er zu Bertha, »Dir hätte ich mehr Verstand und Bildung zugetraut, um sich an einen solchen jungen Laffen zu hängen, an diesen Herrn von Habenichts und ist nichts, an einen Supernumerar ohne Aussicht wegzuwerfen; eine Geheimrathstochter und ein Supernumerar, das ist noch nie dagewesen! unerhört das.«

In diesem Augenblick erschien Bertha's Mädchen, und führte die nun nicht mehr Widerstrebende hinunter.

Nachdem der alte Geheimrath aber ausgetobt hatte, mochte er sich besinnen, daß Edmund ihn doch noch, wenn er wollte, arg compromittiren könne. Er fuhr mit mehr Güte gegen ihn gewendet fort:

»Sie werden erkennen, Herr Redlich, daß Ihr Geschick und Ihre ganze Zukunft völlig in meiner Hand liegt. Sie haben mich durch Ihr geheimes Verständniß mit meiner Tochter so gut wie am Leben gekränkt. Sie werden einsehen, daß Ihre bisherige Stellung für uns Beide eine Unmöglichkeit geworden ist. Doch aus purer, vielleicht übertriebener Menschenfreundlichkeit, werde ich sie nicht hülflos lassen. Hier ist eine Börse mit Geld, ich werde dafür sorgen, daß Sie in ein Hospital gebracht werden und wenn Sie wieder genesen sollten, so werde ich auch Ihnen eine andere angemessene Anstellung vermitteln; aber reinen Mund gehalten über alle Verhältnisse zwischen uns, das bedinge ich mir aus. Adieu!«

Damit war er fort. Die Krankheit begann zu wüthen; aber die Menschenfreundlichkeit und das Rechtsgefühl des jungen Mannes hatte, ohne es zu wollen und zu wissen, in dem ungelesenen, an den Minister abgegangenen Bericht die ganze hohe Beamten-Aristokratie auf das Aergste compromittirt.

Und das sollte ihm noch böse Früchte bringen.

 

———————

 

Ende des ersten Theils.

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