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So war es. Erster Theil

Karl Ludwig Häberlin: So war es. Erster Theil - Kapitel 7
Quellenangabe
authorKarl Ludwig Häberlin
titleSo war es. Erster Theil
publisherVerlag von C. L. Fritzsche
year1849
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180703
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Fünftes Buch.

Ein anderes Verhältnis des Grafen. – Strauchritterei. – Die Maskerade im Schauspielhause.

»Arme! Du bist betrogen!
Er hat dir Liebe gelogen.
Besser als ihn zu sehen,
War's in den Tod zu gehen.
Ja ewig fließen werden
Durch ihn deine Thränen.«

Norma.

———————

Graf Banco war nach einigen Wochen in Folge der Begnadigung, die ihm Excellenz die Generalin ausgewirkt hatte, nach Berlin zurückgekehrt. Von dieser seiner hohen Protectorin wurde er mit ungemeiner Freundschaft aufgenommen; vom General, der doch noch zu viel Rechtlichkeitsgefühl hatte, um das Verfahren desselben so ganz billigen zu können, mit einer gewissen Zurückhaltung; Comteß Alwine aber ließ sich nur durch den gemessenen Befehl ihrer Mutter im Zimmer erhalten, wenn Graf Banco, der die Effronterie hatte, sich vor der Welt als ihren Verlobten zu benehmen, gegenwärtig war. Redete er sie einmal an, so behandelte sie ihn so schnöde und abweisend, daß sie sich dadurch die lebhaftesten Reprochen von Seiten ihrer Mutter zuzog.

So war das junge Mädchen höchst unglücklich in dem ihr aufgedrungenen Verhältnisse. Ihre ganze Seele hing immer noch voll inniger Liebe an dem Landschaftsrath von Hochherz, während jede Hoffnung, ihn nur wieder zu sehen, durch seine Zurückgezogenheit von der Welt auf seinen ländlichen Besitzungen abgeschnitten war.

Bald sollte sie indeß wenigstens für einige Zeit eine Erleichterung erhalten.

Es war unter den geschilderten Wirren die Carnevalzeit in Berlin herangekommen. Das damit allerdings belebtere Gesellschaftsleben gewährte in den höhern Kreisen einige Hoffeste, dann prinzliche, ministerielle und diplomatische Feten; dazu einige neue Opern und Ballette in dem mit vergoldeten Stuckaturen fast störend überladenen Opernhause, und endlich für die gemischte und untere Gesellschaft Maskenbälle bei Kroll und an andern minder berühmten öffentlichen Orten. Die Krone aber von diesen ohne Humor und im norddeutschen Phlegma sich bewegenden Volksfesten war die große Redoute, welche in den Räumen des eigens dazu eingerichteten Schauspielhauses, dessen Corridore und Säle durch die kunstsinnige Hand des Hoftapezier Hiltl, ohne den einmal, nach der Voßschen Zeitung, keine Decoration eines Festsaales möglich zu sein scheint, mit weißen, rosa, blauen und gelben Mousselinedraperien wundervoll geschmückt waren, bei glänzender Erleuchtung von dem Solotänzer Taglioni gegeben wurde.

Dorthin strömte Alles zusammen, was nur irgendwie den Thaler Eintrittsgeld hatte aufbringen können. Man sah dort zum ersten Male in Berlin Freiheit und Gleichheit. Die Masken, Dominos und Charaktercostüme nivellirten alle Stände. Und Freiheiten nahm sich Mancher heraus, zumal wenn es erst nach Mitternacht kam und das Demaskiren überhand nahm, wenn die höheren Stände sich zurückgezogen hatten; Freiheiten, sage ich, die man wohl nicht mit Unrecht Frechheit hätte nennen können.

Wer durch diese bunte Hüllen bis auf den Kern der Persönlichkeit hätte blicken können, würde dort neben dem Gardeoffizier den Schneidergesellen gesehen haben, der vielleicht noch mit ihm in einiger Wahlverwandtschaft stand, indem jener ihm die noch unbezahlten Kleider, die der Gardeoffizier trug, gemacht hatte. In derselben Colonne tanzte der blasirte Junker, vertrauend auf sein Incognito, mit einer berühmten eleganten Schönheit aus der Welt der Prostitution und sein Barbier mit einer hübschen Grisette, die dem gnädigen Herrn die Chemisette wusch und die Glaçehandschuh genähet hatte, auch sonst wohl noch kleine Gefälligkeiten gewährte. Dort funkelten ächte Diamanten von großem Werth auf der Agraffe eines mit einem Sultane von Reiherfedern geschmückten Turbans, der mit dem dazu gehörigen türkischen Costüm die beträchtliche Körperfülle einer reichen Banquiersfrau umhüllte, und diese befand sich am Arm eines armen Candidaten, der neben der Hauslehrerstelle die Verpflichtung hatte übernehmen müssen, Madame ins Theater, so wie auf Bälle und Redouten zu führen, während ihr Gemahl, solchen socialen Amüsements abhold, seine Nächte bei Maitressen oder am Spieltisch hinbrachte. Neben dem Diamantenreichthum glänzte dann auch wohl der Theaterschmuck von Zinn, dessen vertieft gegossene Façetten allerdings, aus der Ferne gesehen, bei glänzender Erleuchtung Effect machen.

Und wenn der Hof eine solche Fete mit seiner Gegenwart beehrte, so sah man wohl neben der Prinzessin von Gottes Gnaden die Prinzessin von Küstner's Bekanntlich der Generalintendant der königlichen Bühnen in Berlin. Gnaden.

Diese bunte Welt mit der rauschenden Musik in den verschiedenen Sälen, wo getanzt wurde, dieses Arom von Wohlgerüchen und in der Nähe der Büffets die Aetherdünste, die von den riesigen Punsch- und Glühweinbowlen aufstiegen, das Alles übte einen mächtigen verwirrenden Einfluß auf alle Sinne, besonders Neulinge in dieser prunkenden, sprudelnden Welt.

Das wußte Graf Banco sehr wohl. Um endlich zu reüssiren bei seinem schönen Bürgermädchen, mußte er eine solche Gelegenheit benutzen, um sie wo möglich in jenen Sinnenrausch zu versetzen, der sein schmachvolles Vornehmen, wie er hoffte, begünstigen würde. Ein Versuch, sie zu bewegen, andere kostbare Geschenke anzunehmen, als jenes Umschlagetuch, ihre Damenschneiderei aufzugeben und bis zu ihrer baldigen Verheirathung, die er ihr vorspiegelte, eine kleine elegante Wohnung nebst Unterhaltungsgeldern von ihm anzunehmen, scheiterte an ihrem reinen Sinn und gesunden Verstande. Es war in der That zum Verzweifeln. Diese ennuyanten Besuche in dem kleinen Familienkreise, das zuthunliche Wesen so vieler Kinder und deren oft laute Spiele, die Rolle des Erzphilisters, wozu er sich selbst verdammt hatte, und dazu noch den Bescheidenen und Sittsamen zu spielen, besonders in Gegenwart von Vater und Mutter, die es für ihre Pflicht hielten, den Herrn Eidam gräßlich langweilig zu unterhalten, das Alles war nichts als eine fortwährende Pönitenz für den blasirten jungen Weltmann, der indeß zu seinem eigenen Erstaunen sich von Emma's Nähe wie mit Zaubermacht gefesselt fühlte. Zudem hatte sich der moderne Don Juan, der nicht daran gewöhnt war, bei den Schönen, um deren höchste Gunst er sich bewarb, Widerstand zu finden, darauf capricirt, die Renitenz ihrer Sittsamkeit zu besiegen und war deshalb schon mit seinen Lustgenossen bedeutende Champagnerwetten darüber eingegangen. Um dieses Ziel zu erreichen, würde er Tantalusqualen erduldet haben, und wären es auch die gewesen, die gemeine Atmosphäre solcher Bürgerwelt einathmen zu müssen.

Für solche Fälle hatte er einen eigenthümlichen Ausdruck erfunden, der auch in seinen Kreisen bald Eingang fand. Hatte man zufällig bemerkt, daß er mit einem Bürgerlichen gesprochen, oder war er bei seiner Bürgermamsell gewesen, so sagte er zu seinen Freunden, ich habe mich ein wenig encanaillirt. Das galt auch von den Amüsements auf den Redouten und Maskeraden, wo allerdings wohl die Hefe der Gesellschaft, die man mit vollem Rechte die Canaille nennen darf, nicht fehlte.

Diesen Ausdruck »encanailliren« wolle man nicht tadeln; es lag darin eine Reparation d'honneur, die sich das Vollblut schuldig zu sein glaubte, um sich von dem Flecken an der Ehre, den sonst der Verkehr mit Bürgerlichen hinterlassen haben würde, wieder zu reinigen. Dann aber lag eben nichts Unehrenhaftes darin, mit der Prostitution oder am grünen Tisch nächtliche Orgien der niedrigsten Art zu feiern.

Uebrigens war es der gewandten Ueberredungskunst des Grafen Banco im Incognito eines Kaufmanns Liebreich gelungen, das unschuldige Bürgermädchen zu überreden, sich von ihm auf den erwähnten Maskenball im Schauspielhause führen zu lassen. Er wußte das Vergnügen eines Tanzfestes in so wunderlicher Verkleidung so interessant, dabei harmlos und unschuldig zu schildern, daß endlich Emma einwilligte, jedoch nur unter der Bedingung, daß ihr Bruder sie begleite.

Das geschah denn auch. Für Maskenkleider sorgte Herr Liebreich und Doktor Ajax, der seitdem die Familie öfter besucht hatte, schloß sich an. Ohne Zweifel hatte er die geheime Instruction, diesen Begleiter und Ehrenhüter unschädlich zu machen.

So fuhren sie denn gegen zehn Uhr Abends ab, geleitet von dem wortreichen Glück- und Segenswunsch der Madame Redlich, die sie mit tausend Knixen, das Licht in der Hand haltend, über den Hof bis ins Vorderhaus begleitete.

———————

Emma und ihr Bruder hatten nie etwas Aehnliches gesehen; sie waren noch nicht einmal auf einem gewöhnlichen Balle, auch nicht auf einem Maskenballe gewesen. Dieses Drängen und Wogen phantastisch gekleideter Menschen machte einen mächtigen Eindruck auf sie, der fast einem Schwindel glich. Nachdem sie eine Zeit lang durch alle Räume promenirt hatten, forderte Herr Liebreich seine Emma auf, einen Walzer mit ihm zu tanzen. Emma entschuldigte sich, daß sie zwar als Kind mit den Töchtern einer vornehmen Familie Tanzstunde gehabt, indeß seitdem Alles wieder verlernt und vergessen habe, und es daher nicht wage, in den Reihen dieser graziösen Tänzerinnen aufzutreten.

Und graziöse Tänzerinnen waren in der That hier vorhanden; es waren die Damen und Herren vom Ballet, die im Costüm von Bajaderen eine Quadrille tanzten.

Herr Liebreich machte seine Geliebte darauf aufmerksam, daß es im gesellschaftlichen Tanz, der nun bald folgen werde, weder auf Grazie, noch Geschicklichkeit ankomme; im Gegentheil sei eine gewisse Nonchalance, ein nachlässig sich gehen Lassen, als ob man es nicht einmal für der Mühe Werth hielte, tanzmeisterliche Pas zu machen, ein Merkmal von gutem Ton. »Wir walzen oder promeniren die Walztour, ganz wie es uns beliebt,« schloß er.

Emma trat mit ihm an und das Walzen wurde ein Paarmal versucht; doch war das Gedränge hier so arg, daß an ein eigentliches Tanzen gar nicht zu denken war, dort so wenig, wie in den übrigen Sälen. Mephisto-Ajax hatte indeß richtig den jungen Mann entführt gehabt und zwar in das Büffetzimmer, wo ein Platz am Büffet und dort wieder ein Glas Punsch oder dergleichen mit Anstrengung erobert werden mußte, und wenn man sich einmal dort befand, an eine Rückkehr so leicht nicht zu denken war.

Graf Banco ließ Punsch und Backwerk bringen, und Emma nahm vom Bräutigam arglos an, was er ihr darbot. Warum sollte sie nicht?

Schon fingen ihre Wangen an zu glühen, es war so einsam, so lauschig warm in dem nur schwach erleuchteten, mit dunkelrothen Stoffen an allen Wänden drapirten Gemach und auf dem schwellenden Sopha, worauf Beide dicht aneinander geschmiegt saßen. Sie tranken Beide aus einem Glase, bissen Beide wechselnd mit Tändeln an dasselbe Stück Kuchen, oder Liebreich fütterte sein Vögelchen, wie er zärtlich sagte, indem er das eine Ende des Kuchenstückchens mit seinen Lippen ihr darbot, während Emma mit ihren gluthrothen Lippen am andern Ende naschte.

Es war von Seiten der Braut ein harmloses, kindisches Tändeln, das freilich von der andern Seite berechnet war, die Sinne zu erregen. Eine von fernher rauschende Musik und das gedämpfte Summen, welches das Bewegen und leise Reden vieler tausend Menschen erzeugte, erhöhte noch den Freudentaumel, in welchen solche erotische Spielereien eine unschuldige junge Mädchenseele versetzen. Und nun wurden noch bräutliche Küsse hinzugegeben, die mit immer steigender Wärme von ihrer Seite gewährt, mit immer stürmischerer Gluth von der seinigen gefordert wurden. Länger und länger wurden diese Gefühlsergießungen, Lippen an Lippen schienen aneinander gewachsen zu sein, diese schwellende entzückende Berührung, die das ganze Nervenleben durchdringt und das Klopfen des Herzens beschleunigt, wie das Glühen der Pulse erhöhet, schien nicht mehr enden zu wollen, indem Brust an Brust gedrückt und Arme in Arme verschlungen waren. Es war ihnen ja so selten das Glück zu Theil geworden, das Glück des Brautstandes so ohne Zeugen, im vollem Maße genießen zu können, warum sollte Emma demselben nicht arglos sich hingeben, bis an die Grenze des Erlaubten? Noch aber hatte Emma nicht alle Besonnenheit verloren. Ein Paarmal fragte sie ängstlich nach ihrem Bruder. Herr Liebreich hatte Mühe, sie zu beruhigen durch die Versicherung, daß der Doctor Ajax ihn sicher hierher führen werde, da es verabredet sei, in diesem Zimmer Erfrischungen einzunehmen. Und nach solcher Beruhigung begann das Kosen und Liebesgetändel von Neuem.

Plötzlich wurden sie erschreckt durch das Eintreten von zwei Personen, einem Herrn und einer jungen Dame, die Arm in Arm verschlungen, lachend hereintänzelten. Emma fuhr erschrocken zurück aus den Armen ihres Verlobten, doch nicht schnell genug, um nicht bemerkt zu sein. Der eintretende junge Mann hatte ihn erkannt: »Ah, Sie da, lieber Graf!« sprach er lachend, »das ist charmant. Doch geniren wir uns nicht vor einander, in solchen Dingen sind wir alle Menschen!«

Schon bei diesen Worten hatte Emma ein Gefühl, als sei sie erst mit siedend heißem, dann mit eiskaltem Wasser übergossen.

Der Gedanke, er ist ein Graf, ein Lügner, ein furchtbarer Heuchler, er hat dich und deine armen Eltern entsetzlich getäuscht, übte eine überwältigende Macht auf ihr ganzes Nervenleben. Ihr Blut stockte in den Adern und trat zurück zu dem Herzen, das einen Moment aufhörte zu pulsiren. Schon wurde es ihr dunkel vor den Augen und sie rang mit einer Ohnmacht.

Und was sie noch soeben erkennen konnte, trieb ihr das Blut der Schamröthe auf die Wangen, es waren die unsittlichsten Freiheiten, die sich der Fremde gegen seine Begleiterin, mit welcher er sich auf das andere Sopha geworfen hatte, erlaubte und die diese, als sei es sein Recht, ohne Widerstand gewährte.

Diese sittliche Entrüstung darüber gab der Jungfrau wieder Lebenskraft, so viel als sie bedurfte, um solchen empörenden Scenen zu entfliehen.

Wie carrarischer Marmor so bleich und kalt stand sie auf, um das Gemach zu verlassen. Graf Banco aber gab seinem Kameraden, denn es war einer derselben, einen Wink und sprach laut: »Ich verbitte mir den Spaß in Gegenwart meiner Braut,« dann gegen Emma gewendet, fuhr er ebenso laut fort, »meine Freunde nennen mich scherzend »Herr Graf,« weil ich vielleicht ein wenig vornehmeres Wesen habe, indeß hier mein Freund weiß recht gut, daß ich der Kaufmann Liebreich bin.«

»Ah so,« lachte der Andere und das Mädchen, das er in seinen Armen hielt, lachte mit, »ich recognoscire mit Vergnügen meinen Freund als Seine Wohlgeboren den ehrsamen Herrn Kaufmann Liebreich, ja, ja, Herrn Liebreich und wünsche Wohldemselben, daß seine Elle zum Liebespfeil werde, um auch heute mit Wilhelm Tell reden zu können:

                    »Ich habe oft geschossen in das Schwarze
Und manchen schönen Preis mir heimgebracht
Vom Freudenschießen, – aber heute will ich
Den Meisterschuß thun und das Beste mir
Im ganzen Umkreis des Gebirges gewinnen.«

Unter wieherndem Lachen über den eigenen Witz des demaskirten Herrn mit dem blonden Schnurrbart, im hellblauen Domino und lebhaftem Kichern des sehr hübschen und elegant gekleideten jungen Mädchens mit der Florbrille und dem Kranz von dunkelrothen Georginen im rabenschwarzen Haar, zogen sich Emma und Graf Banco zurück.

Unschuldige Liebe vertrauet ja so gern. Und die Nebel des Mißtrauens verrinnen nicht leichter, als wenn sich der Geliebte und sei es auch nur zum Schein, zu rechtfertigen versteht. Das war hier geschehen und Emma's Herz fühlte sich wieder leichter. Aber sie wünschte fort von hier. Ihr verletztes Sittlichkeitsgefühl ließ sich nicht wieder beschwichtigen. Sie hatte erkannt, daß sie hier in schlechte Gesellschaft gerathen war. Sie bat daher dringend ihren Verlobten, sie nach Hause zu führen.

Das lag nun freilich nicht in den Berechnungen des heillosen Verführers; auf diesen Maskenball und dessen Ende, tief in der Nacht, hatte er seine letzte Hoffnung gesetzt. Scheinbar mußte er nun wohl nachgeben, sonst hätte er all' ihr Vertrauen verloren. Vergebens versuchte er sie zu überzeugen, daß in einer großen Stadt wie Berlin die Elemente der Unsittlichkeit sich überall in alle öffentlichen Vergnügungen eindrängten; das aber lasse sich nicht vermeiden; die anständigsten Menschen hätten sich schon daran gewöhnt, überhaupt könne ihr ja doch das Sprichwort zur Beruhigung dienen: »dem Reinen ist Alles rein«, sie möge daher nur noch einige Stunden bleiben; man wolle lieber in eine Loge gehen, um jedes Zusammentreffen mit rohen Menschen zu vermeiden.

Allein Emma war nicht zu bewegen. Wo so laut wie in ihrer reinen Seele das feinere Gefühl gegen solche Gemeinschaft protestirt, da helfen alle Scheingründe der Dialektik nichts. Selbst jetzt, wo sie sich nur von Zeit zu Zeit schüchtern umsah in der sie von allen Seiten umwogenden Menge, glaubte sie trotz des äußern Scheins von Anstand und Sitte Spuren von niedriger Gesinnung und leichtfertiger Koketterie zu entdecken. Schon die zu starke Entblößung der Büste schöner Mädchen und Frauen, wozu die Ballsitte ermächtigt, jagte ihr ein Erröthen nach dem andern über die Wangen. Das war durchaus nicht Prüderie, sondern jenes jungfräuliche Schamgefühl, das auch an Andern ihres Geschlechts nicht zu ertragen vermag, was sie sich selbst als unsittlich nie erlauben würde.

So konnte endlich der Graf ihren Bitten nichts entgegensetzen, als die Erklärung, daß sie ihren Bruder aufsuchen und dann nach Hause fahren wollten. Dieses Aufsuchen aber nöthigte Beide, noch fast eine halbe Stunde lang alle Säle und Corridore des geräumigen Festlocals im dichtesten Gedränge zu durchstreifen. Graf Banco wußte wohl, daß er den Gesuchten mit Ajax am großen Büffet finden werde, aber gerade dieses Zusammentreffen suchte er zu vermeiden.

Da sollte ein neuer unangenehmer Zwischenfall noch störender eingreifen in seine Pläne.

Er war mit Emma am Arm in die Nähe einer breiten, mit rothem Tuch belegten Freitreppe gekommen, die von einem obern Eingange her in einen tiefer liegenden, mit Logen umgebenen Tanzsaal führte. Da kamen vier Cavaliere in Civilkleidern, farbigen Dominos, Federhüten und Halbmasken die Treppe herab. Graf Banco hatte eben seine Maske, die ihm in dieser Bedrängniß zu heiß geworden war, abgenommen und trocknete sich die Stirn mit seinem seidenen Foulard und sein Unstern wollte, daß er von jenen ziemlich angetrunkenen Cavalieren erkannt wurde.

»Ach, voilà lieber Gräf,« sprach der Eine im gezierten Nasenton der Stimme, »chärmant auf Aehre, daß wir Sie hier finden.«

»Hübsches Kind das da,« nahm ein Anderer das Wort und griff nach dem Kinn der Schönen, die sich betroffen zurückzog.

»Meine Herren, ich muß Sie dringend ersuchen, sich eines jeden unzeitigen Scherzes zu enthalten; Sie wissen, daß ich der Kaufmann Liebreich bin und diese junge Dame hier ist meine Braut.«

»Ach, jä, Liebreich, hähähä, seine Braut, wir kennen die Geschichte, er hätte sie uns jä bei der Bowle erzählt, famos däs, doch verderben wir ihm den Späß nicht. Aedieu, mon cher Liebreich! Aedieu, schöne Liebreich, wir wünschen gute Geschäfte. Hähähä!«

So ging das Gerede durcheinander, und schon machten die Cavaliere Miene ihn zu verlassen; da kehrten zwei derselben zurück und führten ihn bei den Armen einige Schritt zur Seite.

Da sprach der Eine: »Das wird heute famos hergehen, lassen Sie Ihre kleine Bürgermamsell für heute Abend laufen, lieber Graf, ich sage Ihnen: auf Ehre, es wird magnifique werden.«

»Es sind Theaternixen Wir hätten einen stärkern Ausdruck gebrauchen können, der in solchen blasirten Kreisen zum guten Ton gehört, wenn man Theaterprinzessinen den Hof macht und doch gegen Gleichgesinnte seine Verachtung dieser bürgerlichen Personnagen aussprechen will. Aus Rücksicht auf das Zartgefühl unserer schönen Leserinnen wollen wir ihr Ohr mit solchen Modephrasen aus der Cavalierperspective verschonen. D. V. vom Ballet hier«, fügte der Andere hinzu mit einer Stimme, die gedämpft sein sollte, aber immer noch in heiseren Kehltönen laut genug war, um von Emma, die sich von ihrem Begleiter voll Entsetzen losgemacht hatte, verstanden zu werden.

Emma war davon so erschreckt, überhaupt durch die ganze Scene so eingeschüchtert, daß sie diesen Moment, wo sie unbeachtet war, benutzte, um sich in das Maskengewühl zurückzuziehen. Als Graf Banco sich von seinen dieses Mal unwillkommenen Freunden losgemacht hatte, suchte er sie vergebens. Emma hatte durch einen glücklichen Zufall ihren Bruder aufgefunden, der sich ebenfalls von seinem Mephisto befreit hatte und nun gelang es ihnen, in der Garderobe ihre Mäntel zu erhalten und im Gewühl der Wagen, die immer noch neue Gäste brachten, eine Droschke zu finden, die sie nach Hause brachte.

Kaum setzte sich das kleine Fuhrwerk in Bewegung und die Fenster waren zugemacht, da konnte Emma nicht mehr zurückhalten mit ihrem Schmerz. Weinend warf sie sich in die Arme ihres Bruders und rief aus: »Ich bin furchtbar betrogen, er ist nicht Der, wofür er sich ausgiebt; sondern wie es scheint ein sittenloser Wüstling aus den höhern Ständen. Ach mein Edmund, einmal nur vermag ein reines Herz zu lieben und dann nie wieder! das meinige ist gebrochen. Ich wünsche mir den Tod!«

———————

Aergerlich kehrte Graf Banco zurück von einer Wanderung durch die Säle. Er hatte sie nicht gefunden. Doch ein Leichtsinn wie der seinige weiß sich bald zu trösten.

»Hin ist hin,« sprach er für sich, »ein Narr, der sich darüber zu Tode grämt. Ohnehin hätte mir ihre Prüderie heute Abend noch den ganzen Spaß verdorben.«

                    »Glücklich ist,
Wer vergißt,
Was nicht mehr zu ändern ist!«

Suchen wir die Freunde auf und dann, sang er summend vor sich hin das Champagnerlied aus Mozarts Don Juan:

                    »Treibt der Champagner
Das Blut erst im Kreise,
Dann wird's ein Leben
Herrlich und frei!
Artige Mädchen
Führ'st du mir leise
Nach deiner Weise
Zum Tanz herbei.«

Und bald saß er mit seinen Kameraden, die überlaut lachten, in einem der Restaurationszimmer bei Delicatessen und Champagnerflaschen, denen, um schneller eingießen zu können, die Hälse abgeschlagen wurden und was nach dem ersten Einschenken noch halb verraucht in den Flaschen blieb, wurde den Kellnern überlassen.

Nun ging es wieder an ein blasirtes Radotiren über Pferde, Hunde, Mädchen, Paraden und Hetzjagden, hohe Personen und Bürgercanaille, Spiel und Theater, Dirnen, wobei die frivolsten und leichtfertigsten Aeußerungen den meisten Anklang fanden.

In letzterer Hinsicht kam die Rede auf eine Prima Donna von hoher Schönheit, die jetzt in Berlin Gastrollen gab und deren ausgezeichnete Gesangkunst und vollendetes Spiel die ganze Haupt- und Residenzstadt entzückte und selbst Rellstab zum Enthusiasten machte.

»Sie ist entzückend!«

»Himmlisch!«

»Famos!«

»Magnifique!«

hieß es. »Aber verteufelt spröde!«

»Bah! unter dem Monde ist keine unbesiegbar!« behauptete unser Graf.

»Nun, Sie werden doch nicht reüssiren, lieber Graf, mit Ihren Schulden, da schon ein Berliner Rothschild ihr hundert Friedrichsd'or für eine Nacht geboten hat.«

»Aeh bäh, ich stimme für unsern Gräf Bänco! bei solchen Theäterpersonnägen kommt es nicht allein darauf an, daß man fämos reich ist, män muß äuch sein aimäble, comme le diäble. Hähähä!«

»Ha, ha, ha, ha!«

»Nun und das Geld –«

»Hat jeder Wucherer, und was die Liebenswürdigkeit und die Schönheit seines Barts betrifft, so könnte unser Graf noch ein halbes Offiziercorps damit ausstatten.«

»Fämos! Hä, hä, hä!«

»Ha, ha, ha!«

»Ich parire, meine Herren,« rief Graf Banco, nachdem er noch ein volles Glas Champagner herabgestürzt hatte, »mir entgeht sie nicht, binnen hier und drei Tagen entführe ich sie nach Dresden.«

»Mit Gewalt? ist hier nicht angebracht«.

»Wir leben nicht mehr in den Zeiten des Rinaldo Rinaldini.«

»Wir haben hier kein Gretnagreen, wohin romantische Liebende entfliehen können.«

»Freiwillig, gutwillig wie ein girrendes Täubchen soll sie mir folgen.«

»Miräkel, auf Aere!«

»Famos!«

» Eh bien, pariren wir.«

»Wie hoch?«

»Hundert Ducaten und ein Dutzend Flaschen Champagner!«

»Es gilt! Also in drei Tagen entführe ich sie mit ihrem Willen nach Dresden.«

»Eingeschlagen!«

So war die frivole Wette abgeschlossen und garantirt durch das Ehrenwort der Cavaliere. Eine solche Wette der Infamie, die den Würfel wirft über den Ruf, die Ehre und das Lebensglück eines bis dahin unbescholtenen jungfräulichen Lebens, würde kein Advocat einklagen können; aber sie steht unter der Garantie der Ehre, und wehe dem, der es wagte, daran zu rütteln.

Doch nun auf zur That, was kann alles Reden helfen, auf denn sang der Graf mit Don Juan, denn er liebte diese Oper, weil der Charakter des vornehmen Wüstlings fast der seinige war:

                    »Lustig, lustig, lieben Leute,
Lustig sei mir Alles heute;
Du bist Wirthin süße Freude,
Jeder von uns ist dein Gast!
Laßt Euch in den Tanzsaal führen;
Festlich wird man Euch tractiren.
Wer recht arg wird jubiliren
Ist mir heut' der liebste Gast.«

Und sie brachen auf, jubelnd und lachend und so laut, daß selbst die vergnügten Berliner, die auch in der heitersten Aufregung doch immer ein gewisses Maß von Anstand und Sitte zu beobachten wissen, darüber empört waren.

Daran aber kehrten sich die ziemlich angetrunkenen Cavaliere nicht, die in ihrem Incognito unter dieser Canaille sich Alles erlauben zu dürfen glaubten.

Eben war wieder eine Quadrille vom Corps de Ballet vollendet. Da stürzten sich die Cavaliere in das Maskengewühl, da war es bald ein Knäuel, ein Schreien, Schelten, Jauchzen, Lachen und Poltern! ein Wogen und Drängen hin und her!

»Was giebt's dort!«

»Was ist los?«

»Roheiten, Ungezogenheiten!«

»Angriffe auf die Damen vom Ballet.«

»Auch anständige Damen sind angegriffen worden!«

»Schändlich, abscheulich!«

»Schlagt drauf, werft sie hinaus, die frechen Junker!«

»Drauf, drauf!«

»Hülfe! Hülfe!«

Und man sah in dem sich theilenden Gewühl Mädchen mit zerzaustem Haar und aufgerissenen Kleidern. Man sah Ohnmächtige und Fliehende, und Andere erzählten empörende Ungezogenheiten, die wir nicht näher zu bezeichnen wagen.

Und Schläge fielen hageldicht. Wen sie trafen, wer mochte das im Gedränge unterscheiden.

Und Männer mit abgerissenen Masken und zerrissenen Dominos wurden von hundert nervigen Fäusten zur Thür hinaus geworfen.

Wer sie waren? Man kannte sie wohl, wir aber wollen es nicht verrathen.

Einer, wie man sagte, ein fremder junger Prinz, der mit in das Gewühl hinein gerathen war, kam am schlimmsten weg. Er hatte sich, wie allgemein verlautete, an die Frau, Tochter oder Geliebte eines stämmigen Lampiers vergriffen, und soll von diesem einige ächte frischgebackene Berliner Backpfeifen zum Cadeau dafür empfangen haben, und die ganze Nacht hindurch in die Oelkammer gesperrt worden sein. Der » Quos ego!« der Lampenwelt soll sich, wenn die Sage auf Wahrheit beruht, ganz gut dabei gestanden haben; denn die Geschichte kam an die große Glocke; d. h. sie ließ sich nicht mehr ignoriren und wurde untersucht. Und damit das Zeugniß dieses Lampenheros der Ehre eines so hochstehenden Cavaliers nichts schade, erhielt er noch 600 Thaler, um vor Gericht auszusagen, es sei Alles nicht wahr!

Sechshundert Thaler, Backpfeifen und Oelkammer, schon eine ganz anständige Genugthuung für ein Bischen Spaß in Regionen, wo das point d'honneur bis auf die Spitze eines Degens verfeinert ist; indeß der davon Betroffene konnte doch mit Franz dem Ersten nach der Schlacht bei Pavia sagen: »Alles verloren, nur die Ehre nicht!«

———————

Unser Graf Banco reüssirte auch mit seiner Wette. Der Sängerin vorgestellt, spielte er sogleich den rasend Verliebten. Er fand Widerstand, wie er erwartet hatte, und ließ nun durch seinen Kammerdiener ein billet-doux an sie schreiben, worin er im vollen Ernst, parole d'honneur, um ihre schöne Hand sich bewarb.

Im weiblichen Künstlerleben hat ein Grafentitel einen guten Klang. Mit einem solchen von der Bühne sich zurückziehen können ist der höchste Wunsch aller gefeierten Sängerinnen. Und warum sollte eine solche daran verzweifeln, damit nicht zu reüssiren? Das Beispiel einer Katharina der Zweiten, die von einer Sclavin Kaiserin wurde; der verstorbenen Gattinnen reicher deutschen Kurfürsten; einer schönen Postmeisters Tochter, jetzt Gattin des Reichsverwesers; die Lady Hamilton, die Schauspielerin gewesen war und nun Nelson's in Neapel allesgeltende Gemahlin wurde, und noch zuletzt die Gräfin Rossi, Fräulein Sonntag, einst die beliebte Philomele der königstädter Bühne zur Zeit ihres höchsten Glanzes, und hundert andere Theaterprinzessinnen, die aus den niedrigsten Verhältnissen hervorgegangen waren und dann noch glänzende Partien gemacht hatten, – warum sollte sie grade, die Allgefeierte, das Pech haben, einen verliebten Grafen nicht an ihren Siegeswagen fesseln und zu Hymens Altar führen zu können?

Hier aber kam noch etwas dazu, das wohl geeignet ist, die Theilnahme an der Getäuschten noch zu erhöhen. Dissolute Männer, wie der Graf einer war, haben gewissermaßen die Zaubermacht der Klapperschlange. Alles weibliche Wesen, das in den Bereich ihrer Blicke, ihrer liebenswürdigen, einschmeichelnden Rede kommt, ist, gewiß ein tief verborgener Instinkt der Natur in der weiblichen Brust, der die Macht der Sinne in ihren geheimnißvollen Sympathien fühlt, ohne sich dessen bewußt zu sein, dem Gifthauch der Verführung weit mehr ausgesetzt, als in der Atmosphäre eines bescheidenen, gesitteten Liebenden, der sich ernstlich um ihre Hand bewirbt; wenigstens lehrt die Erfahrung, daß sittenlose Roués, wenn sie nur einigermaßen die äußere Wohlanständigkeit zu wahren wissen, in der Regel weit mehr Glück machen in der Gunst der Frauen, als selbst die unschuldigsten Neulinge der Liebe.

Die Sängerin überlegte. Sie erkundigte sich bei dem Ueberbringer des Briefchens, einem Freunde des Grafen, nach dessen Verhältnissen und begreiflich lauteten die Mittheilungen darüber äußerst günstig. Es wurden ihr die Namen der Güter, seiner Herrschaft in Schlesien, seine Besitzungen in Galizien und Polen genannt; aber freilich nicht die ansehnlichen Schulden, die darauf eingetragen waren, nicht die Berge von Rechnungen, die sein Mohr alle Winter zum Feueranmachen im Ofen consumirte, weil man ja doch keinen andern Gebrauch davon zu machen wisse.

Andere Erkundigungen bezeichneten den Grafen als einen reichen Cavalier, natürlich von den edelsten und ehrenhaftesten Gesinnungen denn er hatte ja einen Mohren, Vollblutpferde und Hunde von ächter Race.

Die Prima Donna assoluta gab Hoffnung auf Gewährung in ihrer Antwort. Graf Banco stürzte ihr zu Füßen, ein Collier von Diamanten, das er auf Credit genommen hatte, präsentirend. Hätte er es bezahlen sollen, so würde freilich mehr als der Gewinn der Wette darauf gegangen sein; allein in solchen Dingen macht man sich wegen der Bezahlung keine Sorgen und der Erfolg einer Wette dieser Art bleibt immer für einen Cavalier mehr Ehrensache, als Gegenstand der Speculation.

Kurz, der erste Schritt gelang, Graf Banco erhielt von der schönen Sängerin das Jawort. Nun hatte es noch die geringste Schwierigkeit, sie zu überreden, daß aus Rücksicht auf seine Verwandten die Vermählung nur durch Ueberraschung möglich sei. Die Trauung müsse schnell und heimlich geschehen, ehe die Intriguen seiner Familie dazwischen treten könnten. Nur auf einem seiner Güter in Schlesien sei dies möglich, da der dortige Geistliche ganz von ihm abhängend und dazu ein äußerst serviler und gefälliger Mann sei. Alsdann werde die Partie als ein fait accompli, wie in der Diplomatie, so in der Familienpolitik, nicht mehr anzufechten sein.

Die Sängerin willigte ein. Die Abreise nach Dresden erfolgte am dritten Tage. Zwei Cavaliere waren nachgereist, um als Zeugen in dieser cause célèbre zu dienen; als sie eintraten, saß Graf Banco mit seiner schönen Braut am Theetisch auf dem Sopha. Der Graf erhob sich und sprach mit einer ungeheuern Effronterie, aber im liebenswürdigsten Ton: »Meine schöne Elise, ich habe hiermit die Ehre, Ihnen meine Freunde, den Grafen *** und den Baron **** vorzustellen. Die Herren werden mir bezeugen, daß ich meine Wette gewonnen habe, indem es mir gelang, diese schöne Primadonna, die man für unbesiegbar hielt, nach Dresden zu entführen.«

»Mein Herr Graf!«

»Sie werden sich schon zu trösten wissen, mein Fräulein, wenn ich Ihnen sage, daß die ganze Verlobung nur eine Farce von meiner Seite war, die hiermit abgebrochen wird!«

»O Schändlicher, und Ihr Brief....?«

»Ist von meinem Kammerdiener geschrieben worden, Mamsell!«

»Abscheulich! o ihr zürnenden Götter, vernichtet diesen Frevler an den heiligsten Gefühlen einer Jungfrau mit dem Blitze des Himmels!«

Der Graf sang:

                    »Laß den Erdball erzittern
Sclaven zagen bei Gewittern!«

»Ha, Verruchter!«

Und der Graf fuhr fort zu singen:

                    »Freie Geister zu erschüttern,
Genügen falbe Blitze nicht.«

»Und Ihr Ehrenwort, Unmensch!«

»Ehrenwort und Schwur, haha, ist in Liebesaffairen nur eine façon de parler. Meine Gnädige, da ich nun meine Hand von der Ihrigen zurückziehen muß, so hinterlasse ich Ihnen zwei Cadeaus, das eine, das Diamantcollier und das andere eine Warnung: Wer in der großen Welt lebt, darf nicht so mädchenhaft leichtgläubig sein, wenn ihnen Hochgestellte vom Heirathenwollen etwas vorschwatzen.«

 

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