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So war es. Erster Theil

Karl Ludwig Häberlin: So war es. Erster Theil - Kapitel 5
Quellenangabe
authorKarl Ludwig Häberlin
titleSo war es. Erster Theil
publisherVerlag von C. L. Fritzsche
year1849
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180703
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Drittes Buch.

Besuch im Kaufmannsladen. Soirée im Gesandtschaftshotel des Grafen von Westmoreland. Eine Duellgeschichte.

»Ist's nicht ein Mann – sei's derweil ein Galan,
's ist eine der größten Himmelsgaben,
So ein lieb Ding im Arm zu haben.«

Goethe im Faust.

———————

1.

Die schändliche Täuschung in der einfachen Familie gelang vollkommen.

Doctor Ajax, der so gerne mit liberalen und selbst radikalen Gesinnungen prahlte, dessen Aufsätze in seiner Zeitschrift nicht ohne Geist und schlagende Pointen waren, der im Volke als ein Mann des immer mehr erwachenden Freiheitsgefühls galt, gehörte dennoch jener verachteten Classe von sogenannten Literaten an, die den ganzen Stand vor der öffentlichen Meinung herabsetzen, weil sie oft durch gemeine Liederlichkeit ihres Lebenswandels Zeit und Geld vergeuden, dann ein jedes Mittel sich erlauben, sei es bei Reichen zu schmarotzen und sich auf ihre Kosten eine lustige Nacht zu machen oder erschwindelten Credit zu benutzen, um Schulden zu machen, oder auch von erbettelten Darlehen, auf deren Zurückzahlung der wohlhabende Gläubiger selbst nicht rechnet, oder von Vorschüssen auf literarische Arbeiten, die nie geliefert werden, zu leben.

Daher dürfen wir uns nicht wundern, daß ein Mensch wie Ajax, während er in seiner Zeitschrift gegen die Adelsaristokratie sich erhob, sich dennoch an den Grafen Banco anschloß, dessen Gefährte und Führer er bei nächtlichen Orgien war, und sich selbst ein hochmüthiges, oft wegwerfendes Benehmen von diesem Edelmann gefallen ließ, da dessen verschwenderische Freigebigkeit ihm nicht selten eine Hülfsquelle für seine Subsistenz war. Daß ein solcher Charakter wie dieser Literat, sich nicht schämte, sich zu einem intriganten Kupplerdienste gegen die Redlichsche Familie für den hochgebornen Lüstling gebrauchen zu lassen, finden wir ganz in seinem Charakter begründet, der weder sittliches, noch rein menschliches Gefühl genug besaß, um sich ein Gewissen daraus zu machen, die durch Lug und Trug, selbst durch die heiligste Versprechung der Ehe getäuschte Familie in grenzenloses Unglück zu stürzen. Die Verführung eines unschuldigen Mädchens hielt er nach seinen frivolen Welt- und Lebensansichten für nichts weiter als für eine Beschleunigung des Ganges der Natur. Die Ehe war ihm eine veraltete und verbrauchte Institution, die nur dann noch in der Philisterwelt geduldet werden dürfe, wenn sie möglichst wenig die Freiheit des Menschen genirend, von leicht löslicher Natur sei. Sein Socialismus erklärte die freie Liebe und die Emancipation des Fleisches für die Bestimmung der Gesellschaft, auf deren Entwickelung freie Geister hinarbeiten müßten. An Gott glaubte er nicht, an keine Fortdauer des Seelenlebens nach diesem Dasein und Christus war ihm nichts als der erste Revolutionair; er würde sich an die Spitze der Lichtfreunde gestellt haben, wäre ihm überhaupt Religion ein Gegenstand gewesen, der einer tiefern Betrachtung werth sei.

Das aber war das Entsetzliche an diesem Charakter, daß sein Geist stets eine Apologie und philosophische Scheingründe für jede seiner diabolischen Neigungen hatte.

Dabei war sein äußeres Wesen das eines graden, offenen Biedermanns, der stets die Schlagworte der Freiheit und Aufklärung, Treue und Redlichkeit in der Feder wie im Munde führte.

Hätte ein solcher Charakter in einer kleinen Stadt gelebt, so würde er bald erkannt und wie Kain, der Brudermörder, geächtet worden sein; aber in einer großen Haupt- und Residenzstadt, wie Berlin, bekümmert man sich wenig um das Privatleben eines Menschen, mit dem man Jahre lang an öffentlichen Orten im freundlichsten Verkehr stehen kann, ohne nur zu wissen, ob er verheirathet sei oder nicht. Das Privatleben und die im Hintergrunde der Seele gehaltenen arrière-pensées hüllen sich dort in den weiten Mantel einer Volksmasse von nahe an eine halbe Million Menschen, die im rastlosen Rennen und Treiben fremd aneinander vorübergehen. Solche Charaktere werden nur tiefer in den Mysterien der Hefe des socialen Lebens erkannt, und wer sie dort erkennt, schweigt darüber, um sich nicht selbst zu verrathen.

So steht Mancher noch geachtet da im öffentlichen Leben, der längst schon den faulen Fleck der tiefsten sittlichen Versunkenheit im Herzen trägt.

Am zweiten Weihnachtstage empfing die Familie des geheimen Canzlisten Redlich den Besuch dieses Mannes, der sich nicht schämte, am Untergange ihres häuslichen Glücks und Friedens mit zu arbeiten. Er wurde mit Danksagung wegen seiner Fürsorge für den kleinen Fritz in der Weihnachtsnacht überschüttet und mit Betrübniß empfing man die Nachricht von der Krankheit des redlichen Kaufmanns Liebreich, der sich um Emma's Rettung verdient gemacht habe; große Freude erregte endlich der nach Rosenöl duftende Liebesbrief, worin nicht gerade eine Anwerbung um ihre Hand, aber doch nicht undeutlich Anspielungen darauf vorkamen.

Das junge Mädchen, in der Reinheit seiner Gesinnungen und bei dem Adel seiner Seele, hatte begreiflich auch nicht die leiseste Ahnung davon, daß dieses Briefchen, das sie heimlich so vielmal küßte, das ihr Thränen der heiligsten Rührung erweckte, das sie wie ein unschätzbares Kleinod an ihrem jungfräulichen Busen barg, ein elendes Machwerk jenes Schurken von Kammerdiener war.

Edmund schloß sich dem Doctor Ajax mit voller Seele an, ohne nur das Mindeste von seiner diabolischen Natur zu ahnen. Junge Leute in unserer Zeit politisiren gern, ohne eben allzuviel von der Politik zu verstehen; sie schwärmen für unverstandene Freiheit, sie kritisiren jeden Schritt der Regierung, wenn sie auch nichts Besseres dafür angeben können und halten sich leicht für erste Größen als Gesetzgeber und Staatsmänner, ihre Heiligen sind Herwegh, Freiligrath und Hoffmann von Fallersleben, ihre Gottheit heißt Freiheit!

Das waren Handhaben genug, um zwischen beiden so verschiedenen Naturen ein Band der nähern Bekanntschaft anzuknüpfen, und Mephisto-Ajax hatte seine wahrhaft satanische Freude daran, den sittenreinen und sonst ganz verständigen jungen Mann in seine Welt des Schwindels und der Orgien einzuführen; um das aber mit Erfolg zu können, mußte er erst durch die Macht einer verführerischen Philosophie auf ihn einzuwirken suchen.

Wir sehen daher nicht ohne einige Beunruhigung den jungen Menschen öfter mit dem vielerfahrnen Satan in menschlicher Gestalt gehen, und auf dessen gewandte Reden mit vieler Aufmerksamkeit hinhorchen.

Nach einigen Tagen kam Ajax wieder zu der Familie und erklärte ihr nun, Herr Liebreich dürfe zwar noch nicht ausgehen, aber als fleißiger Kaufmann sei er schon wieder in seinem Geschäft thätig. Derselbe wünsche nichts sehnlicher, als daß Fräulein Emma einmal seinen Laden besuchen möge, und das könne in Begleitung ihrer Mutter geschehen; er, Ajax, würde sich ein Vergnügen daraus machen, sie dorthin zu führen.

Jetzt äußerte der alte Redlich das Bedenken, daß er Liebreichs Namen nicht im Wohnungsanzeiger gefunden habe.

»Begreiflich,« entgegnete Ajax, »denn erstlich ist dieses Opus ein äußerst lückenhaftes Machwerk, und dann ist auch Herr Liebreich mit seinem großen Vermögen nur als stiller Associé in der Handlung von Siebener und Compagnie eingetreten.«

Emma steckte den Fünfthalerschein, den sie für ihr Tuch erhalten hatte, zu sich, und äußerte gegen Ajax den Wunsch, daß Herr Liebreich die Gefälligkeit haben möge, ihr das von ihr verkaufte Tuch wieder zu überlassen. Ajax versprach dieses zu vermitteln.

So fuhr er denn in einer Droschke mit Emma und ihrer Mutter nach dem glänzenden Kaufladen von Siebener und Compagnie. Mit Herzklopfen trat Emma ein, und erröthete wie eine Purpurrose, als sie den Geliebten dort, anscheinend in großer Geschäftigkeit, erblickte.

Mit einer unbeschreiblichen Liebenswürdigkeit empfing dieser die Familie, und entzückte besonders durch zuvorkommende Artigkeit Madame Redlich, die ihn noch nicht gekannt hatte. Er führte die Damen in ein hinter dem Comptoir belegenes kleines Boudoirzimmer. Madame Siebener saß dort, zog sich aber sogleich bei dem Eintritt der Fremden zurück. Ajax war nur eingetreten, um Herrn Liebreich den Wunsch Emma's wegen Wiedereinlösung des Tuches mitzutheilen.

Liebreich erklärte sich dazu augenblicklich bereit, und ging selbst in den Laden, woraus er mit einem ganzen Pack der kostbarsten französischen Umschlagetücher zurückkam.

»Leider,« sprach er, »ist das von Ihnen eingehandelte Tuch von meinen Leuten im Geschäft verkauft; indeß bin ich durch einen besonders glücklichen Einkauf in den Stand gesetzt worden, Ihnen Tücher von einer viel bessern Qualität zu dem billigsten Preise vorlegen zu können.« Damit entfaltete er einige, die ganz aus der zartesten Wolle bestanden und mit den reichsten Farben im geschmackvollsten Dessin durchwirkt waren.

»Aber, mein Gott, das sind ja theure Tücher; viel zu kostbar für meine Verhältnisse. Zudem.....«

»Machen Sie sich darüber keine Sorgen, Fräulein Emma. Mir kosten sie auf Ehre nicht mehr als fünf Thaler pro Stück, ich habe sie für diesen Preis aus dem Concurs eines Fabrikanten gekauft und werde doch von Ihnen keinen Profit nehmen, das hieße ja, wenn Ihre lieben Eltern meine Wünsche krönen, mich selbst berauben; also wenn Ihnen der Preis von fünf Thalern nicht zu hoch wäre.....«

»Aber mein Himmel, dieses Tuch würde noch für sechs Friedrichsd'or halb geschenkt sein.«

»Um desto mehr möchte ich Ihnen rathen, die günstige Conjunctur zu benutzen.«

»Das ist viel zu schön für mich.«

»Für Sie, Fräulein Emma, ist nichts zu schön und zu kostbar.«

Und damit hing er ihr ein reiches Wolltuch um. Emma nahm es an und schämte sich fast, dafür das letzte kleine Eigenthum, das sie besaß, den Fünfthalerschein auf den Tisch zu legen, da sie Kennerin genug war, um einzusehen, daß damit immer noch mehr als neun Zehntheil des Werthes ihr geschenkt blieb.

Liebreich nahm auch keinen Anstand das Geld zurück zu nehmen, und sie dankte ihm im Herzen für die Zartheit, womit er die Absicht, ein werthvolles Geschenk ihr zu geben, verhüllt hatte.

Bald darauf entfernten sich Mutter und Tochter, nachdem Herr Liebreich versprochen hatte, sie zu besuchen, sobald es sein noch schmerzhafter Fuß erlauben würde. Sie schlugen das Anerbieten einer Droschke aus und kehrten zu Fuß in ihre Wohnung zurück. Doctor Ajax hatte sich schon entfernt.

Jetzt aber, als Beide allein waren, konnte sich Madame Redlich nicht mehr zurückhalten. Sie brach aus in Lobeserhebungen über die Schönheit und Liebenswürdigkeit ihres künftigen Schwiegersohnes, denn seine feierliche Werbung setzte sie nach seinen Anspielungen als gewiß voraus. Herr Liebreich war nach ihren Aeußerungen der herrlichste, der feinste und sicher auch der tugendhafteste Mann, den je ein menschliches Auge gesehen hatte. Seine Bescheidenheit bürgte für die Reinheit seiner Gesinnungen, kurz, was er sprach, hätte allein schon genügt, Kopf und Herz des verständigsten jungen Mädchens total zu verdrehen, um wie viel mehr einer solchen, die ohnehin von ihm entzückt war.

———————

Am dritten Tage nach dieser Scene machte Herr Liebreich in der Hofwohnung des Hauses Nr. 43 auf der Burgstraße im vierten Stocke seine Aufwartung.

Der hochadlige Teufel spielte meisterhaft die Rolle eines jungen Philisters. Er warb mit einer Zartheit und Innigkeit um die Hand des jungen Mädchens und die getäuschten Eltern segneten mit Thränen im Auge diesen entsetzlichen Bund, und Emma gewährte ihm, ganz aufgelöst in Wonne und Wehmuth, den Verlobungskuß, und seitdem hatte er die Freiheit, ihre schwellenden Rosenlippen durch seine giftigen Flammenküsse zu entweihen, so oft es ihm beliebte.

Selbst den Wunsch der Eltern, durch Karten Verwandten und Freunden die Verlobung anzuzeigen, gewährte er gern, und erließ sogar in der Voßschen und Spenerschen Zeitung eine solche Verkündigung.

Was hatte auch der vornehme Graf Banco dabei zu befahren, wenn es ganz Berlin erfuhr, daß der wenig bekannte geheime Canzlist Redlich seine Tochter mit dem noch weniger bekannten Kaufmann Liebreich verlobt habe.

Als dieser am ersten Verlobungsabend, wo Emma's bräutliche Küsse ihn ziemlich lange gefesselt hatten, die schmale Treppe hinabgestiegen war und über den Hof ging, sang er summend und vergnügt vor sich hin aus Mozart's Don Juan:

                    »Fisch' ich im Trüben,
Führe mein Liebchen
Trotz Weh und Ach
Ins Schlafgemach.«

2.

Die schöne breite Wilhelmsstraße mit ihren Palais, wo sie zunächst an die Lindenstraße stößt, so wie der untere Theil der letztern, bilden das Hauptquartier der hohen Aristokratie. Doch hat sich auch dort schon, wenigstens unter den Linden, die reiche Bourgeoisie eingedrängt und der obere Theil der Wilhelmsstraße nach dem Halleschen Thore zu enthält schon Höhlen der Prostitution und des Proletariats, so nahe begrenzen sich in der großen volkreichen Hauptstadt die Extreme.

Die eigentliche Crème der sogenannten höhern Gesellschaft besteht in wenigen kleinern Kreisen, welche sich namentlich um die fremden Gesandten bilden. Es ist charakteristisch für das höhere Gesellschaftsleben in Berlin, daß man in diesen Kreisen erst der fremden Hülfe bedarf. Das diplomatische Corps macht sowohl am Hofe, als in der sogenannten haute-volée den Mittelpunkt aus. Der Adel Berlins ist zu schwach, um in diesen eigenen, abgesonderten Regionen eine selbstständige Rolle zu spielen. Und wenn ins Publikum die Nachricht von einer glänzenden Fête übergeht, so ist man gewohnt als Festgeber stets den Namen irgend eines fremden Diplomaten zu hören. Selbst die Minister und der älteste, reichste Adel vermögen nicht mehr mit ihnen zu rivalisiren oder doch nicht ohne sie zu bestehen.

Die einzige Classe, welche damals in Berlin noch den Adel repräsentirte, waren die Offiziercorps der Garde.

Bei einer mittelalterlichen Richtung war es natürlich, daß man unter die Garden fortwährend nur Junker und wo möglich nur solche aus den alten Provinzen nimmt, wo die Treue an das angestammte Herrscherhaus unberührt von dem neuen Geiste sich erhält und zuweilen noch im ritterlichen Ausbruche gegen die beschirmten Unterthanen sich Luft macht.

Das Bürgerblut wird aus den Kreisen der Gardeoffiziere sehr streng fern gehalten; dennoch aber macht man wieder unter dem Adel nach dem Reichthum Unterschiede. Man wollte nur solche Offiziere in die Garde aufnehmen, die außer ihrer Gage noch eigenes Vermögen zuzusetzen haben. Trotzdem aber wird die Adelsaristokratie durch diese Offiziere wenigstens nicht sehr glänzend vertreten. Die Orte, wo sie sich im öffentlichen Leben geltend machten, waren einige vornehme Restaurationen und Conditoreien. Vorzüglich sah man die jüngern Offiziere viel bei Kranzler unter den Linden, an der Ecke der Friedrichsstraße, wo sie unglaubliche Massen Eis vertilgten; ja es gab eine Zeit, wo die Blasirtesten aus dieser Classe die innere Hohlheit eines bornirten Hochmuths in gezierter und affectirter Sprache schon durch den geistesleeren Inhalt ihrer nicht selten überlaut geführten Gespräche über Weiber, Pferde und Hunde dem Fremden, der hierher gerathen war, eben keinen hohen Begriff von ihrer Geistesbildung und feinern Erziehung gaben. Man sah sie auch im Sommer auf Stühlen auf dem Podest vor dem Hause sitzen und durch Auslegung der überaus zierlich gearbeiteten Sohlen ihrer Stiefel, auf dem eisernen Geländer, der Kunstfertigkeit der Berliner Herrenfußbekleidungskünstler alle Ehre machen. Bei vielen war es zugleich eine Kunstausstellung ihres Schuldbuches, denn es ist Thatsache, daß man an öffentlichen Orten manche ihrer theuren Gläubiger oft sehr rücksichtslos enorme Summen aussprechen hörte, welche dieser oder jener Gardeoffizier ihnen schuldig sei. War es nun Leichtsinn, Verschwendung oder Scheinreichthum, oder gehörte es zum vornehmen Ton, seine Schuhmacher- und Schneiderrechnungen und andere solche Kleinigkeiten, die in die Hunderte gingen, vergessen zu bezahlen, genug, daß es oft sehr schwer hielt, von solchen blasirten Schuldenmachern sein bogenlanges Credo saldirt zu erhalten, da selbst ihre Vorgesetzten, wenn bei ihnen Beschwerde darüber geführt wurden, sich darum nicht bekümmerten, während doch ein armer Referendar, der sein ganzes Vermögen darauf verwendet hatte, sich für den Staatsdienst tüchtig zu machen, vom Staatsexamen zurückgewiesen wurde, wenn er seine Schneiderrechnung nicht bezahlen konnte.

Unter dem diplomatischen Corps zeichnete sich der englische Gesandte durch seine ebenso glänzenden als kunstsinnigen Soiréen aus. In seinen Gesellschaften fand sich nicht selten die königliche Familie ein. Der Graf Westmoreland ist nicht blos Kunstfreund in der Musik, sondern auch selbst Componist. Er weiß seinen Cirkeln durch Zuziehung von Kunstkennern, Künstlern und großen Talenten, die früher nicht für ebenbürtig in diesen hohen Kreisen erachtet wurden, ein geistiges Relief, bei einem ungezwungenen Tone zu geben. Seine Tondichtungen werden in diesen Cirkeln von den ersten Notabilitäten des Gesanges und der Capelle aufgeführt und werden selbst von dem großen Musikaristarchen Berlins, von Ludwig Rellstab, der dort Zutritt hat, für classisch erklärt.

Eine zweite Berühmtheit dieser Art, die in den höchsten Regionen Anerkennung und Aufnahme gefunden hat, trotzdem daß sich ihre Ahnen hinter die Coulissen verlieren, ist die einst auf der Königstädter Bühne so gefeierte Sängerin Henriette Sonntag, die jetzt als Gemahlin des sardinischen Gesandten, Grafen Rossi, in jenen höheren Gesellschaftskreisen glänzt.

Wir hören sie soeben in einer der Soiréen des Grafen von Westmoreland mit dem immer noch lieblichen und kunstgebildeten Tenor des kleinen – großen Mantius, dieses berühmten königlichen Hofopernsängers, das schöne Duett aus Norma

                    »Nun bist Du in meinen Händen;
Niemand kann Dich mehr erretten,
Ich vermag es –«

mit aller Gluth der Leidenschaften und dem glänzenden Reichthume der Coloraturen Bellini's vortragen.

Alles war Stille, Alles Ohr, man hätte die Pulse hören können, aber nicht das Schlagen der Herzen, die hier in diesem Kreise keine Berechtigung finden.

Wir sehen es an einer Gruppe, die nach beendigtem Gesange, bei dem ungezwungenen Ton, der hier herrschte, sich in eine der geräumigen Fenstervertiefungen zurückgezogen hatte, während eine glänzende Dienerschaft in den tageshell erleuchteten Räumen Eis und Vanille-Crème servirte.

Die erwähnte Gruppe bestand aus zwei Damen, einer jüngern von seltener Schönheit, deren volle, schwanenweise Büste mit einer fingerdünnen Taille nach physischen Gesetzen eine Unmöglichkeit zu bilden schien, und einer ältern Dame, die viel darum gegeben hätte, wenn sie nicht täglich den Aerger gehabt, von der aufgehenden Sonne ihrer blühenden Tochter sich verdunkelt zu sehen. Sie war indeß immer noch eine trefflich conservirte Edelfrau, die in jeder Hinsicht noch im Mittelalter stand. Ihr bedeutendes Embonpoint hatte immer noch für sinnliche Naturen einigen Reiz und Meisterin einer leichten, pointillirten Conversation, wußte die Generalin von Sanscoeur immer noch eine Schaar von Verehrern um sich zu sammeln, ja in ihrem Kreise gehörte es gewissermaßen zum guten Ton für jüngere und ältere Cavaliere, Ihrer Excellenz, der Frau Generalin, den Hof zu machen. Je mehr diese Dame darauf eitel war, um desto eifersüchtiger bewachte sie ihre vieljährige Prärogative. Gegen ihre schöne Tochter war sie von einem Neid beseelt, der in dem Herzen der Mutter einen unnatürlichen Haß gegen das eigene Kind erzeugt zu haben schien.

Comteß Alwine, so hieß die Tochter, war achtzehn Jahre alt. So lange als möglich hatte ihre Mutter gesucht, sie unter dem Vorwand, daß sie noch nicht eingesegnet sei, von der Gesellschaft fern zu halten; als ihr aber einst hinterbracht war, Prinzeß ***, die ohne Zweifel von dem unglücklichen Verhältniß zwischen Mutter und Tochter gehört haben mochte, denn an Höfen bleibt nichts geheim, wünschte sich die junge Comteß Alwine vorstellen zu lassen; da ließ sich freilich das System des Ignorirens nicht mehr durchführen und Gräfin Alwine erschien in der Gesellschaft, eine schon völlig aufgeblühte Rose, voll Feuer im Auge und Geist in jedem Worte, das sie sprach, mit einer Sicherheit des Taktes, die bei der vereinsamten Erziehung, die sie empfangen hatte, völlig überraschen mußte, und eben diese angenehme Ueberraschung der eleganten Welt, machte sie schnell zur Königin des Tages.

Die beiden Damen saßen auf den Tabourets am Fenster, von den reichen purpurrothen Seidendamastgardinen mit goldenen Franzen und gesticktem Ueberwurf fast verhüllt; vor ihnen standen zwei Cavaliere, die zu den Habitués dieses Hauses gehörten: Graf Banco und ein Landschaftsrath von Hochherz.

Hier bestand ein eigenthümliches Verhältniß, das sich leicht durchblicken ließ, wenn man diese Gruppe etwas schärfer beobachtete.

Graf Banco stand in vertrautem Verhältniß mit der Generalin. Um dieses zu maskiren, machte er öffentlich der jungen Comteß Alwine den Hof. Der Landschaftsrath aber, ein sehr reicher Mann von einem trefflichen, wahrhaft edlem Charakter, bewarb sich ernstlich um Alwinens Hand, und um die Mutter dafür zu gewinnen, wußte er durch seine Aufmerksamkeiten der Eitelkeit der Excellenz zu schmeicheln, so daß er vor der Welt als deren Anbeter galt, während Niemand bezweifelte, daß Graf Banco sich ernstlich um die Hand der schönen Comteß Alwine bewerbe.

Die Folge davon war eine stete Eifersüchtelei und damit immer mehr wachsende Antipathie zwischen beiden Hausfreunden der Sanscoeur'schen Familie.

»Was sagen Sie, Excellenz,« fragte Graf Banco gegen die Generalin gewendet, »zu der Gräfin Rossi; mir scheint es, als habe dieselbe noch à merveille an Fülle gewonnen.«

»Ja, gewiß in jeder Hinsicht,« spöttelte die Generalin und lachte über die Doppelsinnigkeit, so daß ihr eigenes Embonpoint in beträchtliche Erschütterung gerieth.

»Nun, ich meinte in Hinsicht des Tons ihrer Stimme,« bemerkte der Graf.

»Ist sie etwa mager geworden?«

»Im Gegentheil, sie hat an jenem Reiz der Körperfülle gewonnen, die eine schöne Frau so entzückend macht.«

»Sie werden diese Rossignol doch nicht etwa mit mir vergleichen wollen.«

»Excellenz würden dabei wenigstens bedeutend im Vortheil stehen.«

»Das meine ich auch. Wer wie die Rossi sechs Kinder gehabt hat, verliert schon dadurch jeden Anspruch auf Taille.«

»Excellenz haben die Ihrige wundervoll conservirt.«

Die Generalin lächelte befriedigt und gab ihm mit einer etwas forcirten Schalkhaftigkeit einen leichten Schlag mit dem Fächer. »Sie loser Schmeichler,« sprach sie, »das Eine wenigstens muß man Ihnen lassen, daß Sie mit Ihren Flatterien stets die Wahrheit treffen.«

»Schade,« flüsterte Graf Banco, »daß diese Nachtigall nicht auf einem eigenen Stammbaum sitzend ihre Rouladen singen kann.«

Inzwischen hatte der Landschaftsrath mit der jungen Gräfin ein Gespräch begonnen.

»Die Rossi singt zum Entzücken schön,« sprach Comteß Alwine mit dem Ausdruck der Bewunderung.

»Und doch, theuere Comteß, finde ich es entzückender, das kleinste Lied von Ihnen zu hören.«

»Sie scherzen auf Kosten der Wahrheit, diese Meisterin und ich eine Anfängerin, die Töne jener großen Sängerin eine Harmonie der Sphären, und mein kunstloser Gesang das Zwitschern eines Waldvögleins.«

»Darin aber liegt der Zauber des Ihrigen, diese Naturlaute dringen zu dem Herzen.«

»Sie kommen wenigstens von Herzen.«

»Während jene kunstreichen Triller, Cadenzen und chromatischen Läufer das Herz leer lassen und nur die geistige Kritik befriedigen.«

»Seltsam, ich fühle das auch und freue mich, daß es unter unsern Freunden wenigstens Einen giebt, der reinen Natursinn genug hat, um von einem einfachen Lied befriedigt zu werden.«

»Befriedigt? Nie, denn wenn ich Sie singen höre, Alwine, so möchte ich Sie ewig singen hören, ewig mir nahe, ewig an meiner Seite, recht nahe an der Seite, wo das Herz schlägt.«

»Still, Mama wird aufmerksam.«

»Ich glaube, das Kind phantasirt da schon von Herzensaffairen.«

»Es giebt Empfindungen, liebe Mutter, die unbewußt, wie der Duft aus der sich entfaltenden Rose, emporquellen; können Sie darüber schelten, wenn Ihre Tochter einem geheimnißvollen Zuge des Herzens nicht zu widerstehen vermag?«

»Alwine! eine junge Dame von guter Erziehung, darf nie zu offen ihre Empfindungen blosgeben. Die jungen Männer unserer Zeit bilden sich nur zu leicht ein, einen Sieg über ihre Neigungen gewonnen zu haben.«

»In der That, theuerste Comteß,« nahm der Graf raillirend das Wort, »auf Ehre, Sie haben es zu verantworten, wenn ich mich todtschieße.«

»Sie? Und weshalb?«

»Nun, weil ich mir einbilde, eben einen solchen Sieg über Ihre Neigung gewonnen zu haben.«

»Es kann mich in der That nicht unglücklich machen, Herr Graf, wenn sich die Zahl der eingebildeten jungen Männer durch Ihre naive Erklärung noch um einen vermehrt.«

»Gut geschlagen, blauäugige Athene! Was sagt aber unser Baron dazu, der an ähnlichen Einbildungen zu leiden scheint?«

»Wenigstens mit etwas vollerem Rechte, als Sie, mein Herr Graf!«

»Alwine, nicht unartig!«

»Teufel! das war gepfeffert; nun, mein Herr Landschaftsrath, Sie halten sich also in der That für einen durch Comteß Alwinens Inclination Begünstigten?«

»Wenn ich es wagen dürfte, mich solchen Hoffnungen hinzugeben, so können Sie überzeugt sein, Herr Graf, daß ich gewiß nicht die Indiscretion besäße, mich dessen zu berühmen.«

»Wie so, mein Herr?«

»Aus dem einfachen Grunde, weil ich kein Lieutenant bin.«

»Mein Herr, Sie verletzen durch solche Sottisen die Ehre meines Standes. Wir werden uns weiter sprechen.«

»Ganz zu Befehl!«

Nach diesen Worten zog sich Graf Banco unter die Gesellschaft zurück, und die Damen bestürmten den Baron Hochherz, die Generalin mit Vorwürfen, deren Tochter mit Bitten, daß er wieder einlenken möge, damit kein Duell aus diesem kleinen Rencontre entstehe.

»Halten Sie mich nicht für thöricht genug, meine Gnädigen, um solcher Kleinigkeit willen mich zu schlagen. Ich halte überhaupt das Duell für den letzten Ueberrest einer mittelalterlichen Barbarei, es ist der letzte Abkömmling des alten Faustrechts, es ist ein in civilisirten Staaten ungesetzlicher Act der Selbsthülfe, und dieser ist ebenso unverständig als thöricht. Kann wohl ein verständiger Mensch es für eine Genugthuung halten, wenn Der, der mich beleidigt hatte, mich todtschießt? Oder kann es meine verletzte Ehre wieder rein waschen, wenn ich mich auf die Mensur stelle und mit meinem Gegner Kugeln wechsele oder die Degenklinge kreuze? Nach meiner Ansicht beruht die Ehre nicht auf den Vorurtheilen eines blasirten Standes, sondern auf allgemeiner Achtung vor der öffentlichen Meinung; diese aber wird einen Menschen, der um einer geringere oder eingebildeten Beleidigung willen sein oder seines Gegners Leben auf das Spiel setzt, für einen ausgemachten Narren halten. Ist das ehrenvoll? Aber, wird man sagen, der ritterliche Muth ist es, der dem Duellanten den Glanz der Ehre giebt. Lächerliche Behauptung! Bei den herrschenden Vorurtheilen gehört weit mehr Muth dazu, ein Duell auszuschlagen, als es anzunehmen. Der rechte Mann zeigt seinen Muth gegen den Feind, aber nicht in einer sogenannten Ehrensache, wo er in der Alternative steht, entweder Mörder zu werden oder sich ermorden zu lassen, also dem Wesen nach Selbstmörder zu sein. Zudem verbietet das allgemeine Landrecht das Duell bei schwerer Criminalstrafe. Der Duellant wird also Verbrecher vor dem Gesetz. Nun aber frage ich Sie um des Himmels willen, meine Damen, kann es ehrenhaft genannt werden, Criminalverbrecher zu sein? Und wenn selbst die Krone, also in einer absoluten Monarchie, worin wir jetzt leben, der höchste Gesetzgeber, das Vorurtheil des Adels über die Nothwendigkeit der Duelle zur Erhaltung des Ehrenpunkts theilt, und in solchen Fällen den nach den Gesetzen verurtheilten Verbrecher stets begnadigt, was folgt daraus? Offenbar nichts weiter, als ein handgreiflicher Mißbrauch des schönsten und erhabensten Vorrechts der Krone, des Begnadigungsrechts und eine Mißachtung der Gesetze, die um so mehr zu einer allgemeinen Nichtachtung der Gesetzgebung führen muß, als sie hier vom Gesetzgeber selbst ausgeht. – Sein Sie also überzeugt, meine Damen, ich werde mich mit dem Grafen Banco, so wie überhaupt nicht duelliren, am wenigsten wegen eines so kleinen Mißverständnisses, das ich sehr gern bereit bin, durch eine genügende Erklärung wieder zu beseitigen.«

———————

Eine Vermittlung war indeß nicht zu erreichen. Der Landschaftsrath war und blieb einmal dem Grafen Banco ein Dorn im Auge, und um so lieber ergriff dieser die Gelegenheit, ihn dafür zu züchtigen, daß er sich in diese Familie einzudrängen suchte, die er nach der Priorität seiner Bekanntschaft und bei der großen Intimität, worin er zu der Generalin stand, schon gewohnt war, als seine eigene Domaine zu betrachten.

Zudem kam noch eine kleine Spekulation dazu. Er war, wie wir wissen, ziemlich reich an Schulden; diese zu decken, wenn sie erst drohten über ihm zusammen zu schlagen, gab es in seinen Augen, wie in der Meinung der meisten blasirten Roués nur ein Mittel, nämlich das letzte Desperationsmittel, eine reiche Partie. Der General von Sanscoeur aber galt allgemein für enorm reich. Und Comteß Alwine war sein einziges Erbtöchterchen. Fühlte er auch keine besondere Neigung für sie, so mochte er sie doch wohl leiden, und der Gedanke, sich diese Partie en reserve zu behalten, hatte nichts Abschreckendes für ihn.

Die Stimme der Mutter würde er in solchem Falle für sich gehabt haben; denn bejahrte Frauen dieser Art haben mitunter einen eigenen Instinkt, wenn sie den von ihnen nur zu oft erfahrenen Wankelmuth der Männer durch ein anderes Verhältniß, das sie in ihrer Nähe fesselt, zu überwinden suchen. Zudem hielt die Generalin einen Eidam unter dem Range eines Grafen schon für eine Mesalliance und der Gedanke, daß ihre Comteß Tochter künftig Frau Baronin, oder gar Frau Landschaftsräthin genannt werden würde, hatte für ihren Hochmuth in der That etwas Verletzendes. Dagegen hatte der Baron eine andere Chance für sich, der er freilich nichts entgegensetzen konnte, und das war sein fabelhafter Reichthum, welchen freilich der Ruf noch übertrieb. Der alte General aber calculirte so, das wußte der Graf, Geld und Geld macht Geld, Geld und Schulden bringt nichts; da also der Baron reich an Geld, der Graf reich an Schulden ist, so ist mir jener lieber als Eidam. Deshalb war der Landschaftsrath der von der alten Excellenz offenbar begünstigte Freier, er selbst aber war nicht ohne Mißtrauen, vielleicht auch einem dunkeln Gefühle von Eifersucht nach, vom alten General zurückgesetzt.

Endlich konnte es dem aufmerksamen Beobachter kaum entgehen, daß die junge Gräfin bei jeder Veranlassung ihre entschiedene Vorliebe für den Baron verrieth und wenn nicht alle Sympathien trügten, so bestand zwischen Beiden schon ein geheimes Liebesverständniß. Gründe genug, um diese Veranlassung zu benutzen, den Baron à tout prix aus dem Hause des Generals Sanscoeur zu entfernen. Was konnte besser dazu dienen, als die Forderung zu einem Duell, worauf Graf Banco um so lieber einging, als ihm die Ansichten des Landschaftsraths über diese mittelalterliche Sitte, womit derselbe gar nicht hinter den Bergen hielt, hinreichend bekannt war. »Sollte er,« so calculirte der Graf, »seine Narrheit so weit treiben, das Duell zu refüsiren, so ist er verloren, ein Mann ohne Ehre wird keinen Fuß mehr über die Schwelle des Generals setzen dürfen.«

Als er dem Offiziercorps die Sache vertrug, so lautete das Verdikt einstimmig: »Sie müssen sich schlagen.«

Ein Cartellträger wurde an den Baron abgesendet, um ihn zu fordern, dieser gab über den bedauerlichen Vorfall eine Erklärung, die jeden Besonnenen befriedigt haben würde, wenn er nicht unglücklicher Weise hinzugefügt hätte: »Uebrigens widerstrebt es meinen Grundsätzen, mich in irgend ein Duell einzulassen, am wenigsten wegen einer solchen Bagatelle.«

»In Ehrensachen,« entgegnete der Sekundant, »ist nichts Bagatelle, mein Herr Baron, und ich erlaube mir, darauf hinzudeuten, daß Sie sich sehr unangenehmen Maßregeln aussetzen werden, wenn Sie das Duell so ganz unbedingt refüsiren.«

»Wenn etwa der Graf Banco den Weg zu den Gerichten nicht zu finden weiß, so werde ich mich gegen rohe Selbsthülfe schon zu schützen wissen; sagen Sie ihm das, und fügen Sie hinzu, daß, wenn mich deshalb der Adel ausstoßen sollte, ich Selbstachtung genug besäße, um mich, weil ich der vernünftigere Theil bin, von Unvernünftigen der Gesellschaft ohne Bedauern zurückziehen zu können.«

Als dieser Bescheid dem Offiziercorps vorgetragen wurde, gab es eine große Aufregung. Nach lebhaften Discussionen für und wider die Annahme der Ehrenerklärung, fiel der Beschluß endlich dahin aus, daß die Sache vor ein förmlich zusammengesetztes Ehrengericht gebracht werden müsse.

Das geschah denn auch und der Spruch des Ehrengerichts lautete:

»In Betracht, daß die Aeußerung, welche der Baron von Hochherz auf einer Soirée des englischen Gesandten sich erlaubt hat, allerdings den Charakter einer Beleidigung der Standesehre des Grafen Banco trägt;

»In Betracht, daß diese nach den Gesetzen der Ehre nur mit Blut abgewaschen werden kann;

»In Betracht, daß die sonst genügend gewesene Ehrenerklärung des Baron von Hochherz um deshalb keine Genugthuung gewähren kann, weil sie von Aeußerungen begleitet gewesen, die für eine unehrenhafte Gesinnung des Beleidigers zeugen;

»Anerkennt das Ehrengericht die Forderung von Seiten des Grafen Banco gegen den Baron von Hochherz für hinreichend gerechtfertigt und überläßt es demselben, im Fall einer fortgesetzten beharrlichen Weigerung der Annahme des Duells diejenige Maßnahme zu ergreifen, welche derselbe den Gesetzen der Ehre gemäß für nothwendig erachten wird, um für diese Ehrenkränkung die übliche Satisfaktion zu nehmen.«

Nach diesem Ausspruch setzten sich die Cartellträger aufs Neue in Bewegung. Es ergingen neue Versuche, den Landschaftsrath zur Annahme eines Duells zu bestimmen. Dieser blieb indeß fest bei seiner Weigerung und nun beschloß man im engern Kreise der Herren Kameraden des Grafen, daß nichts übrig bleibe, als den unwürdigen Edelmann zu reitpeitschen. Zwei Offiziere ritten hinaus auf die Chaussée, als sie wußten, daß der Landschaftsrath auf das nächstbelegene seiner Güter zurückkehren werde. In einem Kiefernwalde hielten sie still. Etwas weiter vor, nach der Stadt zu, hielten zwei Reitknechte. Als diese die ihnen wohlbekannte Equipage des Landschaftsraths heranrollen sahen, hielten sie mit einem donnernden »Halt!« die Pferde an. In diesem Augenblicke kamen die beiden Cavaliere in kurzem Galopp herangesprengt und besetzten beide Wagenschläge.

»Was wollen Sie, meine Herren?« fragte der Landschaftsrath.

»Noch den letzten Versuch machen, an Ihr Ehrgefühl als Edelmann zu appelliren. Wählen Sie«, damit präsentirte ihm der Secundant ein Paar Pistolen in einem geöffneten Kästchen von Acajou.

»Und zum letzten Male,« erklärte der Landschaftsrath mit Festigkeit, »gebe ich Ihnen das Wort eines Mannes, der sich selbst achtet, daß ich mich nicht schlagen werde und zwar aus Princip.«

»Dann, mein Herr Baron,« sprach Graf Banco, »kann ich nicht umhin, mir die in solchen Fällen übliche Satisfaction selbst zu nehmen.«

Und damit hob er die Reitpeitsche, eine sogenannte Hundepeitsche mit kurzem Stiel, und holte zum Schlage aus. Der Baron aber hatte die Bewegung vorausgesehen und in der linken Brusttasche seines Mantels ein dort verborgen gewesenes Pistol am Knauf gefaßt, schnell den Hahn ausgezogen und nun, mit Blitzesschnelligkeit und einer wunderbaren Geschicklichkeit im Schießen, hatte er fast in demselben Moment den Stiel der Reitpeitsche durchschossen, ehe Jener noch damit schlagen konnte.

»Sie sehen« sprach er darauf kalt, »daß ich zu schießen verstehe und nun hoffe ich, werden Sie meiner Reise kein Hinderniß mehr in den Weg stellen, damit ich nicht genöthigt werde für meinen nächsten Schuß ein anderes Ziel zu wählen.«

Damit zog er ein zweites Pistol und wandte es drohend gegen die Stirn des Grafen. Dieser war für einen Augenblick perplex geworden und hatte sein Pferd zurückgeworfen. Auch die Bedienten waren bei dem unerwarteten Schreckschusse zurückgeprallt und ungehindert fuhr nun der Landschaftsrath, indem er höflich den Hut zog und ironisch grüßte, von dannen.

Die beiden Strauchritter, die sich hier eine förmliche Wegelagerung erlaubt hatten, sahen einander betroffen an.

»Was nun, Herr Kamerad?«

»Ja, was nun? wir müssen ihn ein ander Mal besser treffen.«

»Herr Kamerad! ich denke, er mag die Reitpeitsche für diesmal als genossen annehmen.«

»Gut, also Herr Kämräd, ich bin ganz der Meinung, gedrohet ist so gut als geschlagen. Man nennt das reitpeitschen par distance

»Ganz recht, es hat denselben Effect im Punkt der Ehre.«

»Wir sind also darüber einig, daß ich meine Satisfaction genommen habe.«

»Vollkommen.«

»Und den Baron gereitpeitscht habe.«

»Ganz d'accord!«

»Sie geben Ihr Ehrenwort darauf?«

» Parole d'honneur!«

So wurde denn verbreitet, der Baron von Hochherz sei wegen verweigerter Genugthuung vom Grafen Banco solenn und nach allen Regeln der Ehre gereitpeitscht worden.

Die Folge davon konnte nicht ausbleiben. Ein Ehrengericht erklärte den Landschaftsrath für unwürdig, die Stelle eines Majors der Landwehr ferner zu bekleiden; als Edelmann war er geächtet; wer mit ihm umging, war gleichfalls in die Acht erklärt. Als Landwehroffizier mußte er seinen Abschied nehmen. Es half ihm nichts, daß er sein Benehmen als gesetzlich und der Würde des Mannes angemessen vor dem Minister des Innern zu rechtfertigen suchte. Seine Excellenz zuckte die Achseln und ernannte einen andern Landschaftsrath an seiner Stelle. Die Demission wurde ihm zugefertigt unter der schonenden Form, als habe er selbst um seine Entlassung nachgesucht. Und als die Bauern der Umgegend ihm eine Anerkennungs- und Dankadresse überreicht hatten, als er von einer benachbarten kleinen Stadt, die in seinem Wirkungskreise lag, wegen seiner hohen Verdienste um die Commun, den Ehrenbürgerbrief empfangen hatte und zum Deputirten für den ersten vereinigten Landtag erwählt war: da erhielt er den Bescheid, daß er als bescholtene Person, wegen ehrengerichtlich festgestellten unehrenhaften Benehmens, in dieser hohen Versammlung nicht zugelassen werden könne.

Daß der General ihm sein Haus verbot und das zarte Verhältniß zwischen ihm und Gräfin Alwine, ohne Hoffnung jemals wieder vereinigt zu werden, abgebrochen wurde, war für den vom Volke geachteten ehrenwerthen Mann noch die schmerzlichste Folge dieser aristokratischen Intrigue.

Aber auch für den Grafen Banco hatte diese Geschichte unangenehme Folgen. So lange als möglich wurde dieser Vorfall in den höhern und höchsten Militairregionen ignorirt. Aber dem Landschaftsrath war es nicht gleichgültig, seine Ehrenhaftigkeit von einem hohen Prinzen, dessen ganze Achtung er besaß, verkannt zu sehen. Er schrieb demselben mit Aufrichtigkeit den ganzen Hergang der Sache. Dieser ließ ihm durch seinen Adjutanten sagen: »er könne nichts dabei thun, das ritterliche Ehrgefühl sei noch das letzte Panier des Adels und ein unerläßliches Erforderniß des Offizierstandes; übrigens sei Graf Banco zu weit gegangen und werde seiner Strafe nicht entgehen.«

In der That wurde er zu sechs Monat Festungsstrafe verurtheilt, indeß auf Fürbitte der Generalin von Sanscoeur begnadigt. Seinen Abschied als agreirter Offizier mußte er nun freilich nehmen; aber er blieb dennoch ein Cavalier von unbefleckter Ehre, und sah sich hier gewissermaßen in ein Netz der Convenienz gefangen. Hatte die Generalin, nur um ihn zu befreien, ihn, in ihrer Eingabe an den König, als den Verlobten ihrer Tochter bezeichnet, so war es für ihn jetzt zur Ehrensache geworden, auch vor der Welt dafür zu gelten. Der General sah sich durch diese Verwickelungen selbst in die Nothwendigkeit versetzt, seinen Consens zu geben. Alwine wurde dabei gar nicht gefragt und eines Morgens sehr seltsam und gewiß nicht eben angenehm überrascht, als ihr das Kammermädchen eine fein gestochene Verlobungskarte überreichte, worauf in einer mit der Loupe lesbaren Schrift stand:

»Die Verlobung unserer Tochter Alwine mit
   Herrn Grafen Banco beehren wir uns hier-
   mit ergebenst anzuzeigen.
      Berlin im Mai 1847.
          Graf Sanscoeur, Generallieutenant.«

Das Verhältniß des Grafen Banco mit dem liebenswürdigen Bürgermädchen hatte zwar unter dem Vorgehen einer nothwendigen Geschäftsreise, als der Graf auf die Festung ging, eine kleine Unterbrechung erlitten, aber abgebrochen war es keineswegs.

Wir kehren jetzt zurück zu der Familie Redlich, in welcher Edmund's Verhältnisse anfangen unsere Theilnahme für sich zu gewinnen.

 

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