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Gutenberg > Karl Ludwig Häberlin >

So war es. Erster Theil

Karl Ludwig Häberlin: So war es. Erster Theil - Kapitel 4
Quellenangabe
authorKarl Ludwig Häberlin
titleSo war es. Erster Theil
publisherVerlag von C. L. Fritzsche
year1849
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180703
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Zweites Buch.

Aus dem modernen Judenthum. Berliner Nachtleben. Lendemain . In Potsdam.

»Il vous semble que seigneurie vaut
autant à dire, comme puissance de mal
faire sans punition.«

Alain Chartier.

———————

1.

Was nun beginnen mit der angebrochenen Nacht? überlegte jetzt Graf Banco, denn das war der Name des accreditirten Gardelieutenants, der sich dem liebenswürdigen jungen Bürgermädchen unter dem Namen und Stand eines Kaufmann Liebreich vorgestellt hatte.

»Auf Ehre, famose Resistance, die Kleine da. Hätte sie gern eingeführt in unsere Societé des Ingenus, und das war ja am Ende der Hauptzweck meiner Poussage dieser Bürgermamsell, indeß ah bah! wird sich schon machen, nur beharrlich die Rolle eines sponsirenden Erzphilisters durchgeführt, und das muß mir der Neid lassen, magnifique hab' ich gespielt, dann wird schon der Teufel helfen, daß ....«

»Aber wie ist mir denn? heute souper fin mit Grisetten im Hotel LeBlanc. Noch wird es Zeit sein! Sacre ..... he, Droschke! Nach Le Blanc's Restauration, rasch, aber im Galopp.«

Bald hielt die einpferdige Equipage nach einer Reihe von Stößen, die das bereits sehr baufällige Fahrzeug reichlich gewährte, vor der genannten Restauration unter den Linden. Der Droschkier öffnete selbst den Wagen; Graf Banco warf ihm einen Thaler zu und stieg die ziemlich schmuzige Treppe hinauf, ging aber nicht in das vordere große Restaurationslocal, sondern zog unter mehreren Klingeln eine, die sich an einer Seitenthür befand. Ein Kellner öffnete, eine kleine schmächtige Figur mit kurzer Jacke, starkgeschnürter Taille und einer Serviette, die zur Hälfte aus der Hosentasche hing; auch eine moderne Kellnerpolitesse.

»Der Herr Graf kommen spät!« sprach der Bursche mit frecher Vertraulichkeit, die das Mitwissen gewisser Geheimnisse erzeugt, »es geht schon Alles drüber und drunter.«

»Schon abgespeist?«

»Bis auf den Braten.«

»Was giebt's?«

»Damhirschrücken und Fasanen!«

»Viele da?«

»Sechs gnädige Herren und .....«

»Auguste dabei?«

»Zu Befehl.«

»Schon engagirt?«

»Ein Junker von der Cavallerie, Herr von .....«

»Muß weichen!«

Die Thür einer geräumigen Hinterstube, mit einigen Nebencabinetten, war verschlossen. Graf Banco klopfte, nannte seinen Namen; aber ein wüstes Lachen und lautes Durcheinanderreden und Gläsergeklingel erschallte aus dem Innern. Man hörte ihn nicht. Endlich kam der Kellner mit einer brennenden Punschbowle. Ein Anderer, der ihn begleitete, öffnete die Thür mittelst eines Schlüssels.

Beide dienende Brüder schienen längst in die Mysterien dieser nächtlichen Orgien eines exclusiven Kreises eingeweiht zu sein. Man schien sich bei seinem Eintreten wenig zu geniren und der Graf wurde mit Jubel und Gläserklang bewillkommt.

Der Kellner zog sich zurück und verschloß die Thür.

Auch für unsere Leser falle der Vorhang.

———————

Eine Stunde später war es oben schon stiller geworden. Da zog ein Mann, in einen großen Mantel gehüllt, an derselben Klingel.

Derselbe kleine schmächtige Kellner mit eingeschnürter Taille, wohl gesalbtem und geordnetem Haar und magern verlebten Gesichtszügen, am Kinn einen dünnen Bart, öffnete und trat erschrocken einen Schritt zurück.

»Herr Polizeirath«, sprach er, »sind gar zu gütig, mir wieder eine Gratification zuwenden zu wollen.«

»Es wird doch gespielt, wir sahen den Baron von Grelling hineingehen, diesen Erzspieler, der überall seine falschen Karten und Würfel hat.«

»Nun ja, es ist wahr, das Souper ist zu Ende, die Amüsements ebenfalls, was thut's, dem König Pharao wird ein kleines Paroli gebogen.«

In diesem Augenblick hörte man unten leises Waffenklirren.

»Ruf mir die Gensdarmen herauf!« sprach der Polizeirath düster, »und dann öffne. Hazardspiele sind verboten.«

»Und«, fuhr der Polizeibeamte fort, »Gesetzwidrigkeiten dürfen durchaus nicht geduldet werden.«

»Doch mit Rücksichten und Ausnahmen, Herr Polizeirath, es kommt immer darauf an, wer spielt. Den Herren Weißbierphilistern und den Proletariern, wenn sie zur Erholung ihr Schafkopf spielen, werden mit Recht die letzten Silberlinge und Kupferdreier aus den Taschen genommen, aber die hohen Herrschaften...«

»Was sagst Du da?«

»Nun ja, die da mit Gold pointiren, sind der Graf Banco und andere adlige Gardeoffiziere.«

»Mit Gold?« sprach der Polizeirath vor sich hin; »Teufel, das wäre noch ein Fang! Indeß laß Dich vom Satan des Golddurstes nicht blenden, verbrenne Dir nicht die feine Polizeinase; (laut) also adlige Cavaliere? Gardeoffiziere? Gute Nacht, Jean, ein andermal, wenn es dort Leute von der Geldaristokratie giebt, Banquiers, Rentiers, Börsenmänner etc., gieb wieder Nachricht.«

Gute Nacht, Jean!«

———————

In einem andern Locale erging es schlimmer. Wir müssen's schon erzählen, weil wir dort auch einen unserer Bekannten treffen werden.

 

2.

Es war in der Spandauerstraße, wo sich im ersten Stock ein Restaurationslocal befand, das damals den Ruf hatte, die saftigsten, noch blutrothen Beefsteaks à l'Anglais und den veritabelsten Porter und Ale, nebst ächtem Chester-Käse zu führen.

Hier, in einem der kleinen Hinterzimmer, fand man jeden Abend, nach beendigtem Schauspiel oder noch tiefer in der Nacht, einen nicht sehr großen Kreis von Stammgästen, deren meistens volle, weinrothe Gesichter und Glatzköpfe bei einer obligaten Körperfülle bewiesen, daß sie im Fach der Gourmandie schon etwas geleistet hatten.

Doch sah man auch andere Leute, ärmliche, aber verschmitzte Gaunergesichter, die den wahrscheinlich nicht unbedeutenden Inhalt ihrer Börsen für andere Zwecke aufsparen wollten und sich daher mit einem Seidel bairisch Bier begnügten. An einem andern Tische saßen einige jüngere Leute, von eleganter Kleidung, mit besonders sorgfältig gehaltenem Haar, denen man es an den eigenthümlichen Höflichkeitsformen, an der Politesse und Arroganz, an Großsprecherei und etwas linkischem Wesen, bei großen, meist vom Frost gerötheten Händen ansehen konnte, daß diese Nachtschwärmer Ritter von der Elle oder Barone aus dem Käseladen waren, die vielleicht hier in aller Gemüthlichkeit die etwa am Tage eroberten Schwenzelpfennige verkneipten, um mich des üblichen Kunstausdruckes zu bedienen.

Ein hirnloseres Durcheinander von Politicis, Sammt und Seide, Käse und Häring, Theater und Mädchen, Principalen und Principalinnen, Reisesuiten, Eisenbahnen und Actien, war noch nie lauter und mit mehr Suffisance in die Welt hineingeblasen, als hier an diesem Tische geschah.

Bald erschien ein junger Mann von breiten Schultern, breiter, gewölbter Brust, hoher Stirn, das Haar kurz à la mécontent verschnitten, der Bart aber breit und prächtig, die ganze untere Hälfte des Gesichts bedeckend, vor den kleinen blinzelnden Augen eine Stahlbrille tragend.

»Ah, Doktor Ajax!« sprachen mehreren von den Handlungscommis, »wie sieht es aus, Herr Doctor«, fragte einer, »mit der Stiftung des Vereins für die Verbesserung der Lage der Handlungsbeflissenen, worüber Sie uns neulich so schöne Worte sagten?«

»Ich bin mit dem Entwurf der Statuten beschäftigt, mein Herr, gewiß bald, sehr bald.«

»Ah, schön, schön, wir rechnen auf Ihre Güte!« »Welche Cigarren, Herr Doktor«, nahm ein Anderer das Wort, »lieben Sie am meisten? wir führen ächte Cabanas, leichte de los Amigos, wurmstichigen Knaster.«

»Und ich könnte mit altem Portwein dienen, prima Qualität.«

»Wir führen Bukskin, großcarrirten, ein durabler Stoff, der nicht durchzureiten ist.«

»Und ich«, ergänzte ein Vierter, »würde mir die Ehre geben, mit Jamaika-Rum und Zucker, genug zu zehn Bowlen, aufzuwarten.«

»Aber, mein Herr Doctor«, schloß der Fünfte, »den Sonntag machen Sie uns frei.«

»Nichts leichter, meine Herren, solchen Wünschen wird die pietistische Richtung von oben gern entgegenkommen.«

»Aber die Herren Principale, die denken zu verieren, wenn sie an Sonntagen das Geschäft schließen müßten.«

»Wird ihnen nichts helfen, wir leben jetzt in einer Zeit, wo Alles unten geschehen muß, was von oben befohlen wird. Ich habe mit Hengstenberg gesprochen, er wird in seiner evangelischen Kirchenzeitung mit Zeloteneifer die Sünde der Sabbatsentheiligung durch Handel und Wandel verdammen; er wird auf die puritanische Stille der anglicanischen Kirche hinweisen. Um diese hier einzuführen, war ja, wie verlautet, die Commission von Sydow u. Compagnie nach England geschickt, ob's helfen wird, steht dahin; im Ganzen ist das Volk in Deutschland nicht für solche Kopfhängerei.«

»Was thut's, Herr Ajax, kriegen wir nur freie Sonntage, so mögen alle Teufel beten und die Köpfe hängen, das gilt uns Alles eins!«

»Geduld, meine Herren, Rom ist nicht in einem Tage erbauet.«

Mit diesen Worten grüßte der Literat die Handlungsdiener mit freundlicher Herablassung und setzte sich an den Tisch der ältern Schmacksäbel, worunter sich, wie er wußte, reiche Käuze befanden. Diese machten ihm freundlich Platz, ließen ihm ein Glas bringen, das sie vollschenkten, rühmten die Trefflichkeit des Beefsteak und ließen eine tellergroße Portion vor ihn hinsetzen. Wir aber glauben mit unsern Lesern die Bemerkung zu machen, daß Herr Ajax nicht eben übermäßig gesegnet war an Glücksgütern, jedenfalls mehr an Schulden, besonders aber, daß er nicht ohne Geschick und Neigung war, auf fremder Leute Kosten sich bene zu thun; wenigstens schmeckte es ihm in dieser Nacht, nachdem er den kleinen Fritz nach Hause gebracht hatte, ganz vortrefflich.

Bald darauf trat ein großer, starker Mann herein, dessen Haltung und bedeutender mit dem Backenbart zusammengewachsener grauer Schnurrbart, der jedoch das Kinn frei ließ, den vormaligen Militair verrieth.

»Ah, der Major!« hieß es von mehreren Seiten. »Nun wird ein Partiechen gemacht, Sie spielen doch mit, Herr Doktor!«

»Hazardspiele sind verboten!« sprach Doctor Ajax im Tone der Ironie, »das ist auch eine der unbegreiflichen Inconsequenzen der deutschen Regierungen, daß sie den grünen Tisch mit seinen kleinen Gewinnen und Verlusten polizeilich verfolgen, während sie selbst das größte aller Hazardspiele: Staatslotterien betreiben. Die preußische Lotterie bringt dem Staate jährlich zwei Millionen Thaler ein, welche doch nothwendig die Gesammtheit der Spieler verlieren muß und diese Chancen werden durch die Puffs der Staatscroupiers, daß arme Dienstmädchen das große Loos gewonnen und andere Anpreisungen von Seiten zahlloser Collecteurs und Untercollecteurs, erhalten; diese aber wissen durch Theilung der Loose bis zu einem Sechzehntel auch die ärmeren Classen heranzuziehen und der Gewinnsucht des Proletariats eine Steuer aufzulegen; welche fast alle Executoren der Welt von ihrem geringen Tagelohn nicht beizutreiben vermöchten. Im Vergleich mit diesem Ergebniß einer laxen Staatsmoral erscheint der grüne Tisch noch sittlich und anständig und selbst das Börsenspiel noch ehrbar. Ich bin sonst kein Freund vom Hazardspiel, indeß aus Oppositionsgeist werde ich es thun.«

»Bravo, Doctor! das Verbotene schmeckt am süßesten.«

»Indeß,« fuhr der Doktor gegen seinen nächsten Nachbar, einen reichen Banquier, mit gedämpfter Stimme fort, »bemerke ich soeben, daß ich meine Börse zu Hause vergessen habe.«

»Wie viel wünschen Sie!«

»Nur um mein Glück zu versuchen, etwa fünf Thaler.«

Der Banquier steckte ihm eine Kassenanweisung zu, und darauf begab sich die ganze Gesellschaft in das noch hinter diesem Raume belegene Spielzimmer, in dessen Mitte sich der grünbehangene Tisch befand.

An die Mitte dieses Tisches, da, wo der Tisch einen Ausschnitt hatte, setzte sich der vorgenannte Major außer Dienst hin und rief: »Kellner! Karten.«

Während dieser das Kästchen mit neuen, ungestempelten Karten holte, sortirte der Bankhalter in den dafür bestimmten Vertiefungen des Tisches die verschiedenen Münzsorten, als halbe Gulden, Thaler und Zweithalerstücke, alle von einem anlockenden, neuen Gepräge. Gegenüber nahm der Croupier Platz mit seiner langen Geldharke und die Pointeurs gruppirten sich um den Tisch.

Man bemerkte dabei zwei Damen, die eine groß und schlank und brünet, mitten in einer Gruppe von Studenten, wo sie ungezwungen ihre Cigarre rauchte und dabei aus einem bairischen Bierkruge ziemlich starke Züge that. Ihre Unterhaltung war lebhaft und nicht ohne Koketterie, bis der Augenblick kam, wo der Bankhalter durch den Ruf: Faites votre jeu, Messieurs! Wie mit einem Zauberschlage trat allgemeine Stille ein. Diese Dame grüßte übrigens den Doctor Ajax mit vertraulichem Kopfnicken, wie einen alten Bekannten. Ihre Freunde nannten sie Madame Waston.

Die andere Dame war kleiner und schwächlicher. Ihr Teint hatte die feine Blässe einer vornehmen Erziehung, so wie denn auch ihre Toilette, Haltung und Sprache die Dame aus den höheren Kreisen der Gesellschaft verrieth. Sie redete mit Niemandem als ihrem Begleiter, einem Herrn von Kater, wie er von den Umstehenden einander zuflüsternd genannt wurde, und zwar wurde die Unterhaltung in leisem Tone, in französischer Sprache geführt. An dieser Conversation, die natürlich auch jetzt unterbrochen wurde, nahm noch ein kleiner Mann, mit rundem Bäuchlein und ebenso rundem glänzenden Gesichte, in dessen Mitte sich eine kleine Sumpfnase befand, Theil. Auf dem Kopfe trug er ein schwarzes Käppel; seine Kleidung, an welcher der ältere französische Schnitt und die kurzen Beinkleider, mit schwarzen wollenen Strümpfen und Schnallenschuhen auffiel, war schwarz. Dagegen war Herr von Kater eleganter gekleidet; eine sehr magere Figur mit weißlichem Haar, das vorn zu einer Tolle aufgestrichen war; unter einem dunkelblauen Ueberzieher trug er einen schwarzen Salonfrack, mit weißer Weste und weißer Cravatte, eine brillantne Tuchnadel im Chemiset und Ringe an der Hand, von welcher der zarte Glacéehandschuh abgestreift war. Dabei duftete er vor Pachouli, einem damals beliebten Parfüm von penetrantem Geruch, das er wahrscheinlich in so reichlichem Maße angewendet hatte, um einen noch üblern Geruch, der von ihm ausging, zu bedecken. Seine Sprache war lispelnd; das Französische sprach er schnell und einen etwas gezierten Accent. Ein rothes Ordensband mit dem Johanniter-Kreuz, das nur durch sechzehn Ahnen erworben werden kann, trug er um den Hals. Auch er war in diesem Kreise bekannt als einer der beharrlichsten Spieler. Die Dame dagegen war ein hocharistokratisches Fräulein von Hackbret.

Nur die noble Passion des Spiels und die Hoffnung, daß davon in der vornehmen Welt nichts verlautbaren werde, hatte sie bewegen können, sich von ihren beiden Hausfreunden, dem Herrn v. Kater und dem Abbé Coquart, von der französischen Colonie, noch spät nach Mitternacht heimlich in diese Spielhölle führen zu lassen. Ueber die erste Jugendblüthe war sie freilich schon merklich hinaus; aber ihr immer noch schönes sprechendes Auge, in dem eben soviel Schwärmerei als Geistiges lag, so wie das graziöse Lächeln, womit sie den respectvollen Gruß des Doctor Ajax aufnahm, indem sie zugleich zum Zeichen des Schweigens den Finger auf den Mund legte, verrieth, daß sie in die Kategorie der geistreichen Blaustrümpfe gehörte, die durch anregende Unterhaltung Männer von Geist so wie blasirte Flachköpfe, die gern für bel-esprits gelten möchten, an ihren Theetisch zu fesseln wissen.

Zudem war Fräulein von Hackbret reich und unabhängig, welcher Umstand allein schon für eine Empfehlung in Kreisen gelten konnte, wo wie hier das Geld, Gewinn und Verlust, zu den Lebensfragen gehörte.

Einige der raffinirtesten Spieler haben die Gewohnheit, ehe sie anfangen zu pointiren, dem Spiel erst eine Weile zuzusehen, indem sie mit einer Nadel Löcher in eine Karte stechen und sich das Ansehen geben, als ob sie, vermöge einer geheimnißvollen Kabbala, die Chancen des Spiels zum Voraus berechnen könnten. Das ganze Geheimniß beruht indeß darauf, daß sie zählen, wie oft diese oder jene Karte gewinnt. Die, nach einer Reihe von Abzügen am meisten gewinnende hat dann die Vermuthung für sich, daß sie die süße Gewohnheit habe, Gewinn zu bringen, und diese wird dann später von ihnen selbst besetzt.

So konnte es denn auch nicht auffallen, daß ein Mann im dunkeln Sackpalletot, der bis obenhin zugeknöpft war, hinter den Spielern stand und als Beobachter des Spiels seine Karten markirte.

Seine Beobachtung war aber in einer ganz andern Absicht auf das Spiel gerichtet gewesen; denn nachdem er bemerkt hatte, daß die Bank im Glück war und die Spieler, immer hitziger werdend, schon Gold auf den grünen Tisch brachten, trat er plötzlich an den Tisch, breitete die Hände aus über die Karten und die Kasse und rief laut: »Im Namen des Königs, alle Spielgelder sind confiscirt!«

Dabei öffnete er seinen Ueberzieher und zeigte die Polizeimarke, die ihn zu diesem Angriff ermächtigte.

Damals hatten noch alle Stände einen heiligen Respect vor der Polizeigewalt, die sie nur im Stillen und inwendig raisonnirend zu verwünschen wagten. Sich zu widersetzen fiel Niemand ein; denn Jeder wußte, daß ein Polizeibeamter so nicht auftritt, ohne eine Reserve von Gensdarmen hinter sich zu haben. Das war auch hier in der That der Fall. Ein ebenso unscheinbarer Unterbeamter des Polizeiraths Düster, der diese unangenehme Ueberraschung nicht ohne Geschick eingeleitet hatte, öffnete indeß die von innen verschlossenen Flügelthüren und eine Anzahl von Gensdarmen mit ihren Helmen, in ihre grauen Wintermäntel gehüllt, traten herein.

Es läßt sich denken, daß der Schreck kein geringer war. Man sah nur blasse Gesichter. Der Bankhalter besonders bekam eine Leichenfarbe, als der Beamte sich seiner Karten bemächtigte und ihn im brüsken Ton anredete: »Sie haben falsch gespielt, mein Herr! Ihre Karten sind gezeichnet, dabei haben Sie einigemal Geschick im Voltenschlagen bewiesen. Dieser Herr da werde verhaftet!«

Der Vorwurf, mit falschen Karten gespielt zu haben, war nicht ohne Grund. Dem Polizeirath war durch seine Spione bekannt geworden, daß eben dieser Bankhalter nie sein Geschäft schloß, ohne dem Kellner, der ihm die Karten gebracht hatte, ein Geschenk von fünf bis zehn Thalern, je nachdem er viel oder wenig gewonnen hatte, zu geben; das geschah begreiflich nur darum, daß derselbe ihm die eigens für ein betrügliches Spiel präparirten Karten bringen möge.

Jetzt begann das Aufschreiben der Namen der Spieler und das Zählen des ausgelegten Geldes, dessen Betrag ebenfalls aufgeschrieben wurde. Dabei blieb es jedoch nicht. Jeder Spieler mußte angeben, ob und wieviel Geld er noch bei sich führe; auch dieses wurde abgenommen und aufgeschrieben.

Um indeß gewiß zu sein, daß die löbliche Polizei nichts unterschlagen werde, wurden auch noch mit ziemlicher Indiscretion die Taschen visitirt.

Als die Reihe an den Baron von Kater und Fräulein Hackbret kam, nannte sich Jener mit der Versicherung, daß seine Begleiterin ebenfalls von hohem Adel sei, aber nicht genannt zu werden wünsche.

Plötzlich wurde der Polizeirath, der bisher barsch aufgetreten war, höflich, bedauerte die Ungelegenheit, die er ihnen machen müsse und fragte, ob sie noch mehr Geld, als vor ihnen auf dem Tische lag, bei sich hätten.

Dieses wurde verneint.

Schon wollte ein Gensdarm die Taschenvisitation vornehmen, aber der Beamte wies ihn zurück mit der Bemerkung: »Hier sind Rücksichten zu nehmen!«

»Würden Sie vielleicht Ihr Ehrenwort darauf geben, Herr Baron, daß Sie kein Geld mehr bei sich führen.«

»Auf Ehre.«

»So gehen Sie mit Ihrer Dame. Diesesmal soll Ihr Name nicht aufgeschrieben werden; aber Sie machen mir so oft das Vergnügen, Ihnen auf meinen nächtlichen Gängen zu begegnen, daß ich mir erlauben möchte, Sie zu warnen.....«

»Schon gut, schon gut, ich weiß allein wohl, was ich zu thun oder zu lassen haben werde,« sprach der Edelmann mit dem vollen Aplomb eines blasirten Bewußtseins und zog sich mit seiner Dame zurück.

Der Abbé, der ihm folgen wollte, wurde zurückgehalten; als aber der Baron sagte: »Der Herr gehört zu unserer Gesellschaft,« wurde er ebenfalls entlassen.

Es half nichts, daß in der Gesellschaft ein allgemeines Murren entstand, daß Herr Ajax laut von Polizeiwillkür und Parteilichkeit sprach.

Der Polizeirath entgegnete: »Das ist aber das Privilegium der löblichen Polizei, daß sie an kein anderes Gesetz als an das ihrer eigenen freien Willkür gebunden ist. Sie aber, Herr Ajax, werden der gesetzlichen Strafe einer unehrerbietigen Auflehnung gegen hohe Obrigkeit verfallen, wenn Sie nicht sogleich schweigen..«

Draußen aber lachte der Baron Kater und sprach zu seiner Begleiterin: »Das ist doch wenigstens noch ein Vortheil, den Leute von Familie haben, daß sie von der Polizei mit Egards behandelt werden.«

»Aber Ihr Ehrenwort, lieber Baron, wir haben Beide noch Geld bei uns.«

»Ein Ehrenwort bindet nur gegen Standesgenossen, wird es den Manichäern oder der Behörde oder gar einer Bürgermamsell gegeben, um sie zu düpiren, so ist das nur eine Kriegslist, die der Standesehre keinen Abbruch thut. N'importe! Das wäre noch schöner, wenn ein Mann von Ehre Schulden machte, was doch sehr nobel ist, und sein Ehrenwort gäbe, dann und dann zu bezahlen, und die bürgerliche Rouerie verlangte alsdann, pünktlich bezahlt zu werden. Unsinn das! es giebt nur eine Ehrenschuld, das ist die Spielschuld und die wird jeder Mann von Ehre bezahlen und sollte er das letzte Hemd verkaufen müssen.«

Wir werden später noch öfter Gelegenheit haben, zu beobachten, welche verkehrte Begriffe sich nach und nach in der exclusiven Gesellschaft und ganz vorzüglich im Offiziercorps solcher Regimenter, die sich möglichst fern von Bürgerblut zu halten wußten, gebildet haben.

 

3.

Es war der Lendemain jener bewegten Weihnachts-Nacht. Elf Uhr Morgens war vorüber.

In einem eleganten Wohnzimmer, welches vom englischen Fußteppich bis zu den elastischen Sophas und Sesseln und dem dicken hohen Wandspiegel im reichsten vergoldeten Rococorahmen den ausgesuchtesten Luxus des vornehmen Lebens vereinigte, sah man vor dem weißen Kachelofen einen schwarzen Mann knieen, der in der Livree grün mit Gold, die Grafenkrone auf den Knöpfen tragend, das Feuer anschürte, von dem aus schon eine behagliche Wärme das mit Doppelfenstern versehene Gemach durchströmte; da aber die weißen Flügelthüren offen standen und mehrere der elegantesten Zimmer gleichzeitig geheizt waren, so herrschte nirgends eine drückende Atmosphäre.

Gleichzeitig goß ein schwarz mit weißer Halsbinde gekleideter Kammerdiener einige Tropfen feiner Räucheressenz in die silberne Schale, welche von einer Hebe aus carrarischem Marmor hochgehalten wurde.

Wenn wir noch hinzufügen, daß die ganze elegante Einrichtung dieses gräflichen Quartiers vom Hoftapezier Höltl besorgt war, so genügt das, um keins der Comfords des vornehmen Lebens vermissen zu lassen, die in tausend kleinen Ueberflüssigkeiten die Rechtfertigung der raffinirtesten Nothwendigkeit finden.

Allein trotz der Graziengruppe auf dem Cylindersecretair von Polisanderholz und der das Gewand zum Bade sinken lassenden Venus auf der Chiffoniere, der vergoldeten Leisten, womit die rothen Velourtapeten befestigt waren und vieler anderer Herrlichkeiten ließ doch das kundige Auge überall die anmuthige Anordnung der Frauenhand vermissen.

» Ah diamine!« rief der Neger, indem er sich vom Boden erhob, »Massa schlafen sehre länglich, il couche comme un cochon. Ah, muß sehre, sehre liederling gewesen sein dieses Nacht.«

»Halt Dein ungewaschnes Maul, Schwarzer, und raisonnire nicht über Dinge, die Du nicht verstehst.«

» Oh massa chambre de valet, ich verstehe sehr gut. Wir arme Niggers haben schwarze Visage, aber ein weißes Herz, aber unser Graf hat weiß Gesicht und sehre schwarzer Herz. Immer auf der Mädchenjagd, gleichviel ob er Unglückliche macht, jedes Mittel ist ihm recht, wenn es auch ein dummer Nigger von der Goldküste Afrikas krokodilenmäßig finden sollte.«

»Der schwarze Wollkopf ist so dumm nicht, wie er aussieht, doch merke Dir die Regel, die schon, freilich in anderm Sinne, in der Bibel steht: was der Herr thut, das ist wohlgethan! Wenn zwei dasselbe thun, so ist es nicht dasselbe. Was sich hohe Herrschaften erlauben dürfen, dafür würde man uns arme Teufel gewaltig auf die Finger klopfen.«

In diesem Augenblicke schellte die Klingel.

»Geschwind Cäsar! der Graf erwacht, den Schlafrock und Pantoffeln, dummer Teufel, mußtest sie schon längst auf dem Arme haben.«

Es klingelte heftiger als zuvor.

Der Kammerdiener ergriff das Krystallglas mit lauwarmem Mundwasser, träufelte einige Tropfen Eau de Cologne hinein, so daß es ein milchartiges Ansehen erhielt und trug es auf einem silbernen Präsentirteller in das nahe Schlafgemach.

Der Mohr folgte ihm mit dem türkischen Schlafrock, den goldgestickten Pantoffeln, den sackförmigen, roth und schwarz carrirten Morgenhosen vom weichsten Merino und der rothen türkischen Morgenmütze mit der blauen Troddel.

Wir haben noch zwei Personagen vergessen, die sich ebenfalls im Zimmer befanden und dort einheimisch zu sein schienen, zwei große, zottige schwarze Neufoundländer Hunde, von welchen der eine auf dem mit braunen Plüsch überzogenen Sopha, der andere auf dem weichen Teppich, dicht am Ofen lag. Diese beiden, vielleicht die einzigen treuen Freunde des Grafen Banco, in dessen Appartements wir uns befinden, erhoben sich und erwarteten schweifwedelnd den Eintritt ihres Herrn.

Dieser erfolgte endlich. Mißlaunig und gähnend erschien der Herr, von seinen Dienern gefolgt.

»Cäsar, Du schwarzer Hund,« sprach er, »bist mir als Teufel im Traume erschienen, hier, Strafe dafür!« damit schlug er ihn mit einer Reitpeitsche, die an dem Tische lag, ins Gesicht. Der Neger kniete nieder und küßte den Saum des Schlafrockes seines gnädigen Herrn mit der Bitte: »Massa nicht mehr böse sein wollen; Nigger nicht wieder im Traum erscheinen will.«

»Chokolade und die lange Pfeife!« gebot der wie ein türkischer Pascha gekleidete Graf und warf sich auf das Sopha, »ihr Schlingels, jede Kleinigkeit muß man erst commandiren.«

»Ist Louis sein Sach'!« entgegnete der Neger aufspringend, »ich ihm die Prügel des Herrn bringen will für sein Faulheit!« damit lief der Neger hinaus.

Ehe noch der Bediente mit der Chokolade und Cäsar mit der langen Pfeife zurückkehrten, wendete sich der Herr mit großem Ernst gegen den Kammerdiener.

»He, Sie Spitzbube, hätten bei meiner Ehre eine gleiche Behandlung verdient. Auguste klagte mir diese Nacht, daß Sie sie hätten küssen wollen, als Sie mir die Dirne neulich zuführten. Glauben Sie, daß ich Appetit habe, die Bartneige von Lakaienküssen zu genießen?«

»Der Herr Graf sind sonst so delicat nicht in solchen Fällen.«

»Für Andere kann ich nicht einstehen, aber von meinen Leuten verbitte ich mir jeden Communismus auf Mädchenlippen.«

Der Kammerdiener verneigte sich, doch nicht ohne einen spöttelnden Ausdruck seiner markirten Gesichtszüge, welchen der Graf bemerkte.

»Du lachst noch, Schurke!« rief er wüthend, »Du bringst mich noch dahin, daß ich Dich auf dem Fleck zu allen Teufeln jage.«

»Damit ich in allen Bierschenken die Suiten und Verhältnisse des Herrn Grafen erzähle.«

»Bah! plaudere so viel Du willst, eine noble Libertinage bringt der Ehre eines Cavaliers keinen Abbruch.«

»Aber Ihre Schulden Herr Graf, ich führe davon ein ziemlich langes Register, als Kleidermacher, Fußbekleidungskünstler, Pferdehändler, Juden und Juweliere?«

»Weißt Du nicht, Narr, daß es nobel ist, Schulden zu machen und Ehre bringt, das Bezahlen zu vergessen und unbescheidene Mahner die Treppe hinunter zu werfen.«

»Aber der Credit, der Credit leidet, und es wird immer schwerer, Geld aufzutreiben.«

»Sei ohne Sorgen. So lange die Welt steht, wird es noch Narren geben, die sich eine Ehre daraus machest werden, von Leuten von Familie gerupft zu werden.«

Während dem schlürfte der Graf die Chokolade, die noch besonders mit Vanille stark gewürzt war, so daß das ganze Zimmer davon duftete.

»Der Kutscher und der Reitknecht!« gebot er, »aber daß mir die Schlingels nicht nach dem Stall riechen.«

»Sie warten schon auf des gnädigen Herrn Befehl.«

»Eintreten!«

»Was machen die beiden Nationalrussen?« fragte er den Kutscher.

»Die neuliche Wettcarriere auf der Potsdamer Chaussee hat ihnen doch etwas geschadet, die Wudka scheint Anlage zu Gallen zu haben und Paschal zuckte ein paarmal mit dem linken Hinterbein, wenn er nur nicht spathlahm wird.«

»Teufel, das wäre verdammt! lieber fünfhundert Friedrichsdor verlieren.«

»Sie kosten auch mehr, ächte kaukasische Race.«

»Den Doktor aus der Thierarzneischule holen, ich komme selbst in den Stall!«

Der Kutscher eilte fort und der Graf wandte sich an den Reitknecht.

»Nun und die Eklipse, der Buxking und der schottische Jagdklepper, dieser magnifique Hounter?«

»Lassen sich alle schönstens bedanken für gnädige Erkundigung und sie befänden sich sämmtlich noch so la la.«

»Was heißt la la?«

»Na, so so, passable, man muß zufrieden sein! manchmal den Hafer warm schnaufen und nicht fressen wollen, oder en Bisken Druse. Na, Pferde sind wie junge Mädchen, sie haben immer was zu pimpen.«

Der Graf lachte aus vollem Halse: »Du hast in jeder Beziehung recht mit Deinem Vergleich, hier hast Du einen Thaler für Deinen Witz; aber halts Maul darüber, ich werde ihn selbst bei passender Gelegenheit anbringen und noch etwas hinzusetzen, haha magnifique das, superb, mit einem Worte gesagt, magnifique, auf Ehre!«

»Befehlen der Herr Graf?«

»Sieben ein halb Minuten vor zwei Uhr nach dem Bahnhof!«

Der Kammerdiener meldete den Doctor Ajax.

»Ah, charmant, auf Ehre.«

Der Genannte trat ein.

———————

»Guten Morgen, lieber Ajax. Nun, wie geht's, haben Sie den dummen Jungen richtig nach Hause geliefert?«

»In optima forma! Darf man fragen, haben der Herr Graf reüssiert? eine vergnügte Nacht gehabt?«

»Das ist ein kleiner Teufel an Sittsamkeit, ah schwere Noth, fällt mir ein, ich wollte heute die Maskerade fortsetzen, aber das geht nicht, ich dachte nicht daran, ich bin engagirt, wir haben ein Diner fin bei Kast, auf dem Bahnhof in Potsdam, man speist dort superb. Sie übernehmen indeß wohl.... Aber was fehlt Ihnen lieber Doktor, Sie haben so ein air melancholique

»Wenn der Mensch Pech hat!«

»Wie so?«

»Mit einem Worte, wenn man von der Polizei des letzten Thalers beraubt wird, ach, Herr Graf, das ist ein Gefühl, als wenn man Cooper's »»Untergang des letzten Mohikaners«« gelesen hat.«

»Aha, Sie haben meiner Chatoulle wieder einen kleinen Aderlaß zugedacht. Eh bien, nous verrons! Erzählen Sie Ihre Aventüre!«

Der Doctor Ajax erzählte nicht ohne Humor, was ihm in der Spielhölle passirt war.

Das amüsirte den Cavalier königlich, er lachte, ventre à terre, und sprach: »Gestehen Sie selbst, so etwas wäre Leuten von Familie nicht passirt. Einen ähnlichen Angriff auf unsere Spielpartie unter den Linden hat schon, wie mir der Kellner erzählte, das Gewicht meines Namens und unsere Stellung als Gardeoffiziere zurückgeschlagen. Was will man mehr? Wir haben eine treffliche Polizei, die einen Unterschied zu machen weiß zwischen Leuten von gutem Hause und andern Personen.«

»Ja«, sagte Ajax, nicht ohne tiefer liegende Ironie, »das ist ein trefflich organisirter Staat, mit einem so formell ausgebildeten Kastengeist wie in Indien. Unser treffliches allgemeines Landrecht enthält darüber bewundernswerthe Bestimmungen. Der Edelmann ist eximirt von den ordentlichen Gerichten, wird er beleidigt, so hat er das Recht, keine Injurienklage einreichen zu brauchen, indem schon eine einfache Anzeige genügt, den Injurianten in fiscalische Untersuchung und Strafe zu bringen; und Gnade der Himmel, wenn ein Edelmann beleidigt wird von einer Person geringeren Standes, dann wird diese dreimal schwerer bestraft, als umgekehrt, wenn der Edelmann einen Bürgerlichen beleidigt. Endlich um zu verhindern, daß das ächte Vollblut nicht ausarte, erklären die Gesetze die Ehe zwischen einem Edelmann und einer Personage niedrigen Standes für Null und nichtig. Und begeht ein Edelmann ein Criminalverbrechen, so wird er in den Bürgerstand degradirt, als sei dieser Stand nicht mehr werth, als Verbrecher in sich aufzunehmen.«

»Es ist famos, wie der alte Fritz in seinen Gesetzbüchern für die Erhaltung des Familienglanzes alter Adelsgeschlechter gesorgt hat, überall entstanden Majorate, welche alle Reichthümer der Familie auf den Erstgebornen häuften, während die Nachgebornen mit geringen Apanagen an den Staat zur Versorgung gewiesen wurden. Friedrich der Große sprach zuerst den Grundsatz aus: »ich kann zu meinen Offiziers keine Andern als Adlige gebrauchen. Im Adel allein ist noch die wahre Ritterlichkeit zu finden.«

»Das war damals aber auch der Fall, wie noch jeder Bürgerliche sich tief vor dem Edelmann verneigte und ihn gnädiger Herr nannte.«

»Das ist freilich jetzt anders geworden; die Leute ohne Familie haben heutzutage einen impertinenten Bürger- und Bauernstolz. Ueberall drängen sie sich ein. Nur noch die Garde und wenige andere Regimenter haben sich im Offiziercorps ziemlich rein von Bürgerblut gehalten; nur die Artillerie zählt viele bürgerliche Offiziere.«

»Weil dazu Kenntnisse gehören.«

»Ah bah, das ist eine Phantasie der hohen Militairbehörde. Eine Kanone kann ich auch abschießen und habe mich auf Ehre niemals um Mathematik bekümmert. Im Nothfall, wozu hat man die Unteroffiziere, die mögen studiren, daß sie schwarz werden, aber den Adel sollte man mit solcher Schulfuchserei, wie das neue Offizierexamen voraussetzt, billig verschonen. Selbst in die Cadettenhäuser werden schon Söhne bürgerlicher Officiere eingeschoben. Aber man caschirt das. In dem Cadettenhause zu *** besucht die Mutter eines solchen bürgerlichen Eindringlings ihren Sohn und findet über seinem Bette seinen Namen mit dem bedeutungsvollen von angeschrieben. »»Von B...? Junge?«« rief die bürgerliche Mama, »»Du machst Deinem Vater, der in der Schlacht bei Großbeeren zur Rettung des Vaterlandes sein Bein verloren hat, noch in der Grube Schande; wie kannst Du Dich unterstehen, Dich von zu schreiben.«« »»Liebe Mutter,«« entgegnete der Junge, »»das hab' ich nicht gethan; der General hat's befohlen, obgleich ich ihm erklärte, daß ich ein ganzer Kerl und kein Stück von einem Menschen sei.«« »»Brav, mein Junge!«« Und die Mutter ging zum General. Dieser sagte: »»Beruhigen Sie sich nur, Frau Majorin, ich thats nur, um böses Blut zu vermeiden, die Junkers würden Ihrem bürgerlichen Sohne das Leben sauer gemacht haben und am Ende war das kleine »v« nothwendig, um das Institut vor den Augen der Welt in seiner Reinheit zu erhalten.«« Famos das! Indeß was hilft's, der verdammte Zeitgeist minirt fortwährend gegen unsere Adelsprärogative, was soll daraus werden? ein allgemeines Nivellement aller Stände, ein cri de république: »an die Laterne mit den Aristokraten!« eine Erhebung des Proletariats, allgemeiner Communismus et caetera! fi donc!«

»Aber brechen wir ab von dieser unerquicklichen Materie, die mich echauffirt vor Aerger, wenn ich an die neue Zeit denke,« fuhr er fort, trank den Rest seiner Tasse aus, that noch einige Züge aus seiner langen orientalischen Pfeife und fuhr dann fort.

» Mais, par Dieu, lieber Doctor, ich bemerke soeben, daß ich Ihnen noch keinen Stuhl offerirt habe; nehmen Sie Platz, wo es Ihnen beliebt, denn wir kommen jetzt auf das rein menschliche Gebiet, wo wir Alle gleiche Adamskinder sind.«

Doctor Ajax setzte sich neben dem Sopha auf einen der Sessel, die rund um den Sophatisch herum standen. Der Graf saß auf dem schwellenden Sopha in halb liegender Stellung.

»Haben Sie schon gefrühstückt, Herr Ajax?«

»Noch nicht,« entgegnete der Literat, indem sich sein Antlitz sichtbar erheiterte.

»Bedauere, für mich ist's noch zu früh, indeß können Sie ja überall dejeuniren. Hier, das gewünschte Darlehen, ich schreibe es auf Ihre Rechnung, in den Schornstein.«

Damit gab er ihm einige Cassenscheine und der Literat fühlte sich dadurch merklich erleichtert.

»Was befehlen der Herr Graf?« fragte er, »ich stehe zu jedem Dienste bereit.«

»Das weiß ich, darum vertraue ich Ihnen ein Geschäft an, das großer Discretion und einiger Gewandtheit bedarf.«

»Wegen der kleinen Poussage von dieser Nacht!«

»Allerdings, die kleine E.... E...., wie hieß sie doch gleich, Emilie – nicht?«

»Nein, Emma.«

»Ah, ja, ja, ganz richtig, meine kleine Braut, hahaha! wissen Sie, lieber Ajax, daß mich ihre Prüderie forcirt hat, ihr zu versprechen, daß ich heute kommen und feierlich um ihre Hand werben würde?«

»Sie speculiren auf die Leichtgläubigkeit der Mädchen, die, wenn man sie nur durch die Lorgnette ansieht, gleich meinen, der will Dich freien!«

»Ein Narr, der die Gelegenheit nicht benutzt!«

» Puella vult decipi, ergo decipiatur

»Das heißt?«

»Gänschen wollen getäuscht sein, also mögen sie getäuscht werden.«

»Haha, die alten Römer waren so dumm nicht. Doch nun zur Sache.«

»Heute kann ich in der Brüderstraße Nro. 43 auf dem Hof keine vier Treppen ansteigen, denn ich muß nach Potsdam. Morgen, auch nicht, vielleicht übermorgen, vielleicht auch nicht; dann aber machen wir den Witz ein andermal, auf Ehre; denn ich bin teufelmäßig verliebt in das Mädchen. Bis dahin aber mögen Sie meine Entschuldigung übernehmen. Mein Kammerdiener mag ihr in meinem Namen ein billet-doux schreiben. Der Kerl hat famose Routine in solchen Dingen. Sie aber melden ihr im tiefsten Bedauern, daß ich unwohl geworden sei, indem ich mich im Dienst der Schönen erkältet habe etc. Ich werde schon dankbar sein, auf Ehre.«

»Leider, Herr Graf, geht die Kunst nach Brod, meine Kunst zu intriguiren führt mich auf denselben Weg. Sie sollen mit mir zufrieden sein, Herr Graf. Sie haben mir da ein ganz neues Gebiet von Ehre aufgeschlossen. Was die dumme Bourgeoisie eine Schurkerei nennen würde, das gilt dem verfeinerten point d'honneur immer noch als Ehrensache.«

»Das wäre also der eine Auftrag; der andere ist nicht minder ehrenvoll für Sie.«

»Ich bin ganz Ohr!«

»Verschaffen Sie mir nur irgend einen dummen Teufel von Kaufmann, aber Modist muß er sein, in Ellenwaaren für die weibliche Toilette; sagen Sie ihm, eine hohe Person, er mag denken, daß es ein Prinz sei, wolle sich einen hohen Scherz machen, es gelte eine Wette oder dergleichen. Kurz, er muß mich einmal auf eine Stunde in seinem Geschäft als Principal unter dem Namen eines Kaufmann Liebreich gelten lassen, dann führen Sie meine kleine Braut, hahaha, köstlicher Witz! dorthin. Sagen Sie dem Quidam von marchand des modes, er würde dabei ein gutes Geschäft machen, indem ich alle Cadeaus für dieses Mädchen bei ihm kaufen würde; dann könne er doppelte Preise notiren. Aber Credit muß der Kerl geben, famosen Credit, denn in meiner Chatoulle giebt es einen ungeheuren Vorrath an leerem Raum.«

In diesem Augenblick trat der Kammerdiener ein und meldete vier Cavaliere von Potsdam, den Prinz Xaver, Graf Brenner und die Barone von Atout und von Coeur-Aß.

»O Lieber,« sprach Graf Banco zu Doktor Ajax, »Sie thun mir wohl den Gefallen und gehen durch die Garderobe, das Bedientenzimmer und die Küche, – man hat es doch nicht gern, wenn Standesgenossen....«

»Uns bei dem Besuch einer bürgerlichen Personage überraschen,« ergänzte Ajax nicht ohne Bitterkeit, erhob sich aber doch und zog sich auf dem bezeichneten Wege zurück.

»Ganz recht,« redete der Graf halblaut vor sich hin, »es ist auch unangenehm das. So lange man mit solchen Leuten vom Tiers-Etat allein ist, oder sich nur unter Bürgerlichen befindet oder wenn es Bürgermamsells sind, mag man sich noch so sehr mit ihnen gemein machen, das bleibt am Kleide nicht hangen. Ist aber nur ein Edelman dabei.....«

In dem Augenblick hörte man Hundegebell im Vorzimmer, und Poltern und lautes Lachen; im Gemach des Grafen knurrten Botz und Marryat, die beiden kohlschwarzen Neufoundländer Hunde.

Der Kammerdiener öffnete die Flügelthüren und nun kamen die genannten Cavaliere mit ihren Mänteln und Mützen von weißer Farbe herein, gleichzeitig aber hatten sich zwischen ihren Beinen durch zwei Bulldogs und zwei Windhunde von der großen Solofängerrace hereingedrängt, oder waren vielmehr mit hereingestürzt; denn in demselben Augenblick war die ganze Hundegesellschaft, ohne Rücksicht auf das selbst von Barbaren geachtete Gastrecht, ein Knäuel geworden von bellenden, beißenden, knurrenden und heulenden Bestien, die diesmal gar keine Raison annehmen wollten; denn alles obligate Schelten und Rufen, Schlagen und Lachen ihrer Herren half für das Mal nichts. Die beiden Bulldogs hatten sich in das zottige Fell der Neufoundländer so verbissen, daß der Neger und der Lakai, die zu Hülfe kamen und die Feuerzange als Brecheisen anwenden mußten, um die starken Kinnladen jener englischen Beißhunde zu öffnen; die verschiedenen Hundeparteien, wahrscheinlich eine Rechte und eine Linke, wurden nun mit Gewalt getrennt und in verschiedene Kammern verlegt, bei welcher Gelegenheit der Neger einige Bisse ins Bein erhielt, die seltsam genug den Beweis lieferten, daß so ein Schwarzer auch sein rothes Menschenblut hat.

Kurz der Hundekrawall war endlich gestillt, und nun gab es reichlichen Stoff zu einer lebhaften Unterhaltung über dieses Rencontre, wobei die Bulldogs des Prinz Xaver den Ruhm davontrugen, sich gut geschlagen zu haben. Graf Banco vertheidigte seine beiden weit größern Neufoundländer mit der dieser edlen Race angebornen Generosité, indem es ihnen ein Leichtes gewesen wäre, wenn sie ihre volle Kraft hätten anwenden wollen, ihre Potsdamer Gäste zu frikassiren. Die Windhunde des Grafen Brenner wurden der Feigheit beschuldigt, indem sie sich heulend zurückgezogen hätten.

»Kein Wunder, lieber Graf,« sprach dieser in seinem näselnden Ton, »sie lernen's von den Häsen, die sie chässiren, auf Aerre.«

»Famose Geschichte das, wissen Sie das Neueste aus Potsdam?« fragte Baron von Atout, und warf sich in einen Sessel, nachdem ihm der Schwarze den Mantel abgenommen hatte.

Die Andern folgten seinem Beispiele und Graf Banco fragte: »Nun? allons des nouveautés!«

»Graf Arnold's Fiumetta ist spathlahm geworden.«

»Wie war das möglich? sie hat ja handbreite Sprunggelenke und eine Croupe, die den Fasanenschweif wie eine Feder trägt!«

»Nach dem Stud-Book Nro. 690 ist die Fiumetta vom Bankal aus der Lady Howard.«

»Ja, ja, ächtes Vollblut, obgleich man behaupten will, die Howard sei nur Drei-Viertelblut gewesen.«

»Schauderöse Calumnie, für das Vollblut der Lady Howard parire ich zehn Flaschen Champagner.«

»Es gilt, wird angenommen.«

»Famos das, doch miraculos ist es, wie die Fiumetta zum Spath kommen kann; sie ist nicht schön, aber bei Gott und auf Aerre der erste Läufer und Springer im Regiment.«

»Ganz einfach! Auf der letzten Parforce-Jagd am Grunewald forcirte sie Graf Arnold, über einen Graben von sechzehn Fuß Breite zu springen. Das Thier hat sein point d'honneur und famoses Feuer, und setzt an, aber der Boden weicht, der Sprung gerieth zu kurz, Pferd und Reiter liegen im Moder; der rothe Sportsmansfrack wird schwarz wie auch die weißen Lederhosen und gelben Stulpstiefel, und seitdem hinkt die Fiumetta. 600 Pfund, noch nicht einmal ganz bezahlt, sind zum Teufel! und die Manövrezeit ist vor der Thür.«

»Ein pyramidales Pech!«

»O, es giebt dergleichen noch mehr, wenn auch nicht so bedeutend.«

»Erzählen Sie, lieber Coeur-Aß.«

Indeß hatte die Bedienung des Grafen ein pikantes Dejeuner servirt, bestehend aus trefflichen Nativaustern, großkörnigem Caviar aus Astrachan und Rheinlachs, nebst Portwein, Ungar und Madeira, einige treffliche schwammdicke Beefsteaks à l'Anglaise, aus denen der rothe Saft lief, machten den Beschluß.

»Wir wollen uns den Appetit nicht verderben, meine Herren Kameraden, deshalb habe ich nur etwas den Appetit Reizendes serviren lassen, unterbrach jetzt der Graf Banco den Lieutenant von Coeur-Aß, der soeben beginnen wollte seine Neuigkeit auszukramen. Wir diniren doch heute zusammen auf dem Bahnhofe bei Kast?«

»Deshalb kommen wir her, damit Sie uns nicht eklipsiren.«

»Nicht daran denken«, sprach der Graf feierlich und schlürfte behaglich seine Auster, dann fuhr er fort: »Man muß es dem Kast lassen, seine feinen Diners sind genial combinirt.«

»Die exquisitesten Delicatessen der Jahreszeit weiß er anzuschaffen.«

»Und welche Küche! Er ist selbst nicht Koch, aber er hält auf gute Leute.«

»Das Geniale bei der Sache ist, daß er zu jedem Gericht die dazu passende Weinsorte zu wählen weiß.«

»Man muß ihm nur den Preis des Couverts überlassen.«

»Und dann ist er nicht unbillig.«

»Er hat eine merkwürdige Attention, Jedem nach seinem Geschmack die exquisitesten Bissen vorzulegen.«

»Sein Schinken, in Burgunder gekocht, ist das Deliciöseste, was jemals die Zunge eines Gourmands erster Größe enchantirt hat.«

»Das weiß auch die Geldaristokratie der Actionaire, Eisenbahn-Directoren und die reichen Berliner Gourmands. Sie werden nächstens ein Wettessen haben. Einer dieser Herren behauptete, Kast in Potsdam wisse die feinsten Diners zu arrangiren und der Andere wettete auf einen berühmten Restaurant in Stettin, der lange königlicher Koch gewesen.«

»Hat aber seit zwanzig Jahren nicht mehr gekocht.«

»Doch nichts verlernt. Wer die Wette verliert, bezahlt beide Diners.«

»Ei der Teufel, da möchte ich mit dabei sein.«

»Haben Sie Connexionen mit dem reichen ***, so wird er Sie vielleicht einladen; er ist einer der Wettenden. Uebrigens werden es nicht mehr als zwölf Couverts sein.«

»Das ist aber auch die höchste Zahl. Kein Koch auf der Welt kann für die höchste Vollkommenheit der Bereitung bei einer größern Tafel garantiren.«

»Noch muß ich bemerken, daß kein Restaurant auf der Welt eine größere Geschicklichkeit und einen feinern Geschmack im Serviren hat; er scheut sich nicht, seine Gäste persönlich zu bedienen, wenn es eben fehlt.«

»Aber er weiß auch die Personen anzusehen.«

»Hätten seine Aufmerksamkeiten nur irgend einen Werth, wenn er sie Jedem ohne Unterschied des Standes erwiese?«

»Doch Ihre Neuigkeiten, lieber Coeur-Aß, wir sind ganz davon abgekommen.«

»Nichts Besonderes! Verdiente die öffentliche Meinung der Philisterwelt irgend eine Beachtung in den Kreisen der haute volée, so hätte der Graf Kronhelm eine kleine Unannehmlichkeit gehabt. Ein Potsdamer Bürger, ein Kaufmann, hatte einen Hund des Grafen aufgefangen und eingesperrt und verlangte dafür ein unverschämtes Futtergeld. Der Graf läßt ihm das Angemessene bieten und da er dieses ausschlägt und noch dazu grob und trotzig wird, so läßt er ihm sagen, dann solle er gar nichts haben. Der Mensch kommt aber immer wieder und wird immer ernstlicher abgewiesen. Eines Abends haben Augenzeugen ihn schwankend von der Gegend her, wo das Quartier des Grafen belegen ist, kommen sehen; er ist darauf gegen das Eisengitter des Kanals gefallen und ohne ein Wort sprechen zu können, todt gewesen. Das Volk aber behauptete, er sei von der Dienerschaft des Grafen an den Kopf geschlagen und erschlagen worden. Das erwies sich aber als Lüge; denn natürlich bewies die Obduction und gerichtliche Untersuchung, auf Grund eines Medicinalgutachtens, daß die Kopfverletzung davon herrühre, daß der Mann gegen das Eisengitter gefallen sei. Der Graf indeß, um Unannehmlichkeiten durch den Pöbel zu entgehen, nahm Urlaub und ging auf Reisen, bis sich die Sache verblutet haben wird.«

»Noch eine interessante Neuigkeit, auf meine Aerre, Herr Kämräd, die schöne Pauline, die zuletzt bei dem *** Regiment stand, ist zum Civil übergegangen.«

»Das ist schade, sie hatte eine so elegante Tournüre, daß selbst eine Dame von Adel im Kaufladen von Greinert sie für ihres Gleichen gehalten hatte, bis sie von einem Bekannten enttäuscht wurde.«

»Wissen Sie, daß der Secondelieutenant von *** mit einer ungeheuern Schuldenlast, wozu er noch zuletzt ein Paar tausend Thaler zu leihen wußte, auf und davon nach Amerika abgegangen ist? Sein würdiger Vater wird nichts bezahlen.«

»Das fehlte auch noch in der Naturgeschichte eines Cavaliers, daß er wegen Schulden desertiren müßte. In diesem Falle würde die halbe Armee auskneifen. Hahaha!«

»Was werden wir in Potsdam treiben?« fragte der Graf Banco, »ein langweiliger Garnisonsort das, schlägt man einmal über den Strang, gleich kommt's an die große Glocke. Das macht die verfluchte Kleinstädterei. Zum Glück führt die Eisenbahn in dreiviertel Stunden nach Berlin. Ich bin froh, daß ich jetzt hier stehe. Man bewegt sich doch hier viel freier. Eine Geschichte, wie ich jetzt vorhabe, wäre in Potsdam gar nicht durchzuführen.«

Und dann erzählte er unter allgemeiner Heiterkeit seine Geschichte von vergangener Nacht und theilte mit, was er beabsichtige, welchen Weg er einschlagen wolle. Am Schluß fragte er: »Sagen Sie selbst, meine Herren Kameraden, ist in Hinsicht des Point-d'honneur Bedenken dabei?«

»Na, na, so lange es nicht in die höchsten Regionen kommt. Bei solchen Dingen kommt Alles darauf an, die Dehors zu sauviren. So lange es nicht vor eine hohe Generalität kommt, wird es die Ehre nicht beflecken heißen, wenn ein junger Mann von Stande sein Leben genießt.«

»Aber wir kommen von unserem Thema ab. Wie amüsirt man sich heute in Potsdam?«

»Nachmittags Schlittenfahrt; Abends Costümeball im Casino; später möge König Pharao die Nacht beschließen.«

» Bon!«

»Also um zwei Uhr auf dem Bahnhofe!«

Die Offiziere, die Hunde, die man aus Vorsicht mit Berliner Hundemarken hatte versehen lassen, mit ihnen; und die Fahrt nach Potsdam begann.

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Wir wollen dieser nicht folgen, überhaupt unsere Skizze von dem blasirten Leben einiger der jüngern Gardeoffiziere mit der Bemerkung schließen, daß es gerade in diesem Offiziercorps höchst achtbare und hochgebildete Männer giebt, die allgemeine Achtung genießen. Sie stammen fast sämmtlich aus den ältesten und reichsten Adelsfamilien her und ihre stete Berührung mit dem Hof hat ihnen eine Tournüre und einen Takt gegeben, der in Hinsicht der Feinheit, Leichtigkeit und Eleganz der Umgangsformen so leicht von keinem andern Offiziercorps in der Welt überboten wird. Ihre große Anzahl, militairische Stellung und ihr Selbstbewußtsein scheidet sie völlig ab von jeder Berührung mit den bürgerlichen Ständen, worüber diese sich wohl zu trösten wissen, so daß man es nur als ehrenwerthe Ausnahme erkennen darf, wenn an einigen Vereinen, z. B. dem Gesangverein für classische Musik und dem literarischen Verein in Potsdam, auch gebildete Offiziere Theil nehmen.

Also nur die Roués dieses Standes und das blasirte moderne Junkerthum zeichnete diese Skizze und dadurch wird sich weder das ganze Gardeoffiziercorps, noch irgend eine achtbare Persönlichkeit desselben beleidigt fühlen können.

 

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