Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Ludwig Häberlin >

So war es. Erster Theil

Karl Ludwig Häberlin: So war es. Erster Theil - Kapitel 3
Quellenangabe
authorKarl Ludwig Häberlin
titleSo war es. Erster Theil
publisherVerlag von C. L. Fritzsche
year1849
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180703
Schließen

Navigation:

Erstes Buch.

Familienleben, Polizeileiden und aristokratische Amüsements.

»Lebe rein, mein Kind, dies schöne Leben,
Rein von allem Fehl und bösem Wissen,
Wie die Lilie lebe in steter Unschuld,
Wie die Taube in des Haines Wipfeln.«
.  .  .  .  .  .  .  .
Daß dein Lieben sei wie Licht der Sonne.

Schefer's »Laienbrevier.«

———————

1.

Es war der heilige Christabend des Jahres 1846, womit unsere Erzählung beginnt.

Die Winterkälte war schon bedeutend empfindlich, besonders für verwöhnte Stubenhocker, die sich selten hinauswagen ins Freie. Um desto heller brannten die Gaslampen in dem großen Berlin, auf welchem jetzt noch der Gottesfrieden einer Regierung ruhte, unter deren Schutz und Schirm, bei allen Mängeln und Gebrechen des absoluten Systems, doch Handel und Gewerbe blühend waren.

Von tausend Lichtern flimmerten die Boden und Tische des berühmten Weihnachtsmarktes, der sich vom Lustgarten über den Schloßplatz weithin in die angrenzenden Straßen zog.

Tausende und aber Tausende von Menschen wanderten dort auf und nieder. Eine ganze kleine Kinderwelt jubelte den überall ausgestellten Herrlichkeiten entgegen. Aeltere Personen, die zum Theil wohlhabend und glücklich aussahen, machten noch ihre letzten Einkäufe für die Erhöhung der Familienfreuden am heiligen Christabend.

Da bemerkte man ein ältliches Paar, das in gleicher Absicht den Weihnachtsmarkt besucht haben mochte; aber jedes Stück Spielzeug – jede Marzipanpuppe, Peitsche oder Wiegepferd, Puppe und kleine Küche – was sie gern gehabt hätten, war ihnen zu theuer.

Die Käufer hatten es den beiden alten Leuten wohl angesehen, daß sie nicht gerade zu den Wohlhabenden gehörten. – Der Ueberzieher von gelbem Flausch, dessen Kragen in die Höhe geklappt war, um die Ohren zu schützen, war schon ziemlich fadenscheinig und Madame trug eine alte Pelzmantille, an welcher die Motten wohl nicht viel Wärmendes gelassen haben mochten. Ein grauer Filzhut hatte schon manchen falschen Knick bekommen und dennoch sich gefallen lassen müssen, mit seiner Berechtigung für die Sommertracht in den Winter mit hinüber zu gehen. – Die Käufer legten ihnen die Ausschußwaaren vor, zerbrochenes Spielzeug oder kleine Schäfchen, vier für einen Silbergroschen. Und für fünf Silbergroschen, denn weiter mochte der Geldvorrath nicht reichen, war schon ein ganz artiger Einkauf gemacht.

»Ach, lieber Alter«, sprach die Mutter, eine kleine, etwas runde Frau, die am Arm des kleinen freundlichen alten Mannes trippelte und beträchtlich fror, »wenn wir nur noch ein Weihnachtsbäumchen hätten – im Lustgarten an der eisernen Einfassung der Spree sind ganze Berge davon aufgestellt.«

»Ja das wäre schon Alles gut, aber das ist für einen armen alten Canzlisten, dem immer abgeknapst wird am sauern Verdienst, viel zu theuer.«

Da, als sie eben in der Nähe des Candelabers standen und nochmals die gekauften Herrlichkeiten, besonders einen Pfefferkuchen-Husaren besahen, kam eben ein junger Mensch in einem schwarzen Sackpalletot, unter dem er etwas sehr Dickes trug, heran; er kannte die beiden Alten und rief: »Ach, das ist ja prächtig, daß ich Euch hier treffe, lieber Vater und Herz-Mütterchen. Ich war schon bange, daß Ihr einen Weihnachtsbaum gekauft haben möchtet.«

»Lieber Edmund«, entgegnete der Alte in einem fast jovialen Tone, »das sind jetzt hochbeinige Zeiten; so weit reichen Moses und die Propheten nicht.«

»Die Meinigen um so mehr«, entgegnete der junge Mensch, »meine A B C Schützen haben mir das Monatsgeld bezahlt, für jede Stunde einen Silbergroschen, schon ein anständiger Verdienst für einen wohlbestallten Primaner; und hier ist der Freiheitsbaum für die Kleinen.«

»Ein Weihnachtsbaum«, rief die Frau; »guter Junge, Du machst Deine alte Mutter damit ganz glücklich.«

»Junge, Junge, wahre Deine Zunge; nichts von Freiheit, ein schreckliches Wort, hört es die Polizei, so bekommst Du als Demagoge freie Wohnung und Kost in der Hausvogtei.«

»Aber es ist ja wahr, Vater, schon der Gedanke ist erhebend und wo sollte noch Freiheit wohnen im Polizeistaate, wäre es nicht im glühenden Herzen der Jugend; setzen wir diesem Bäumchen eine rothe phrygische Mütze auf und der Freiheitsbaum wird fertig sein; wir tanzen Reigen um ihn her und singen das »ça ira« oder die Marseillaise und Alles wird besser werden.«

»Um Gotteswillen gieb Dich den neuen Ideen nicht hin, sie stürzen uns Alle ins Unglück.«

»Aber die ganze Schule schwärmt dafür; selbst ein Lehrer sagte uns: »»Nur in der heranwachsenden Generation sieht das Vaterland noch seine Hoffnungen.««

»Ach, das ist ganz anders gemeint; komm nur, komm, lieber Junge, wir wollen aufbauen.«

»Neu aufbauen, ja, das thut auch Noth in unserm öffentlichen Leben; aber erst einreißen das Alte und Veraltete, reine Bahn machen, tabula rasa, so verlangen's unsere Radikalen. Alle Wetter, Vater, das sind noch Kerls von rechtem Schrot und Korn, die haben Bärte, hu, prächtige Bärte, worin eine ganze Welt von Volksbeglückungsgedanken nistet; und Brillen tragen sie, weil ihre Kurzsichtigkeit sonst Welt und Leben nicht erkennen läßt und Literaten nennen sie sich, die immer drohen, ein Buch zu schreiben, ohne jemals damit zu Stande zu kommen; das Doctordiplom geben sie sich selbst oder zahlen dreißig Thaler dafür nach Gießen – dann glauben sie das Patent ihrer Gelehrsamkeit bei allen vier Zipfeln zu halten.«

»Das sind Demagogen; hüte Dich, Junge, daß man Dich nicht auch für einen solchen hält.«

»Hat nicht Noth, gutes Väterchen, mein Bart keimt ja erst und meine gesunden Augen haben die Gesichtsschärfe eines Falken.«

»Möge es Dein Geist auch haben, mein Sohn, um Dich von einem falschen Freiheitsschwindel nicht hinreißen zu lassen. Spare Deine Kräfte, wenn es dereinst einmal gelten sollte, die wahre gesetzliche Freiheit durch Mannesmuth zu erringen. – Doch diese Zeiten, wo es einmal besser werden könnte, sind noch fern, sehr fern; bis dahin dulde und trage Jeder sein Päckchen Unheil, das ihn drückt.«

»Wird nicht lange dauern, Vater, so wachsen dem jungen Adler die Schwingen, und er steigt auf zur Sonne des ewigen Lichts einer geistigen Freiheit. – Sieh, Papa,« fuhr der hübsche Junge lachend fort, so daß im rosigen Antlitz die weißen Zähne blitzten, »ich kann schon Cigarren rauchen, wie lange wird es noch dauern, so bin ich ein gemachter Mann und an Muth soll es mir wahrlich nicht fehlen.«

»Du rauchst schon, Junge? – Wo denkst Du denn hin? – Schon wieder eine neue Ausgabe, die sich nicht erschwingen lassen wird; und noch dazu auf der Straße geraucht, das ist ja das schrecklichste Verbrechen, zu dessen Verfolgung der Staat expreß die Gensdarmen eingesetzt hat.«

»Diese Cigarre wird wohl erlaubt sein und auch aushalten«, lachte der Jüngling, und nahm eine jener Scheincigarren, an welcher das Feuer mit Cinnober und Folie sehr täuschend nachgemacht war, aus dem Munde.

»Herr, Sie haben geraucht! ... Kostet 20 Silbergroschen Geld, oder im Unvermögensfall verhältnißmäßige Gefängnißstrafe.«

So redete ihn ein neubehelmter Gensdarm an und griff gleichzeitig nach der aus Pappe gemachten Cigarre.

»Denkt nicht daran«, sprach Edmund phlegmatisch und zog die Attrape zurück, »ich glaube nicht, daß dieses Feuerwerk die beschneiten Pflastersteine in Brand stecken wird.«

»Herr, Sie widersetzen sich der hohen Obrigkeit, in deren Namen ich als Wächter des Gesetzes Sie auffordere, mit zum Polizeicommissair zu gehen und 20 Silbergroschen zu erlegen.«

»Sie sind auf dem Holzwege, verehrungswürdige Polizei. Wenn unter Ihrem Helm so viel Grütze sich befindet, um Nichtrauch von Rauch unterscheiden zu können und Farbe von Gluth, Pappe von Tabak, so werden Sie sich gefälligst überzeugen, daß dieses Ding da keine Cigarre, sondern ein unschuldiges Spielwerk ist.«

»Herr, in des drei Teufels Namen, das ist erfunden, um die Polizei zu foppen; desto schlimmer, damit wird die Sache criminalistisch; Sie werden sofort Collé geschleppt und das von Polizeiwegen ...«

»Herr Gensdarm«, sprach jetzt der alte Herr zu dem eifernden Wächter des Gesetzes, der den jungen Menschen schon am Arm festgepackt hatte, »ich bin der geheime Canzlist Redlich, wohne Brüderstraße Nr. 43 im Hinterhause, vier Treppen hoch und dieser hier ist mein Sohn, der Primaner Edmund Redlich; nehmen Sie doch Raison an, ich bitte Sie um Gotteswillen, schreiben Sie seinen Namen auf; aber nicht arretiren, nicht arretiren.«

»Nur über meine Leiche, Barbar!« rief die kleine runde Madame Redlich mit dem natürlichen Pathos der höchsten Angst und klammerte sich an seinen andern Arm, »geht sein Weg in den Kerker!«

»Was ist denn das? was schreit die Frau?« riefen mehrere Stimmen aus dem Volke.

»Ach, meine Herren und Damen,« sprach die Frau zu den umstehenden Holzhauern, Eckenstehern und Torfweibern, unter welchen sich auch einige ganz anständig gekleidete Männer, unter andern Einer im Sackpalletot mit großem Bart und einer ovalen Brille befand, »sie wollen meinen Erstgebornen, meinen Edmund arretiren um nichts und wieder nichts!«

Und nun wandte sich zu diesen Umstehenden der geheime Canzlist und seine Gattin, und erzählten nach beiden Seiten hin, die Frau mit großer Redseligkeit und umständlich, die Veranlassung zu diesem Scandal. Dabei zeigte Edmund die Attrape in Form einer Cigarre hin, und versicherte auf Ehre, daß er sich nichts Arges dabei gedacht habe.

»Das ist schändlich, das ist abscheulich« hörte man hier und da rufen, »wir müssen ihn mit Gewalt befreien!«

Nun drängten sie heran von allen Seiten; vergebens rief der Gensdarm sein: »Zurück, zurück!« »Er ist unschuldig«, schrien mehrere Stimmen, »es ist eine Dummheit von der Polizei.« – »Rebellion!« riefen schon einzelne Straßenbuben in heilloser Lust; da nahm aber jener, durch seine kräftige Gestalt mit breiter Brust und langem vollen Bart auffallende junge Mann das Wort:

»Noch ist es zu früh, meine Freunde! Im Polizeistaat, worin wir leben, muß erst: »»unerträglich sein das Joch««, damit das Gefühl der Nothwendigkeit einer großen Volkserhebung die Massen durchdringe. Also hören Sie auf meinen Rath, gehen Sie ruhig auseinander und Sie, junger Mann, lassen Sie sich ohne Widerstand gefangen nehmen. Im Interesse der guten Sache wäre es wünschenswerth, daß man Sie prügelte, mit Gaunern und Dieben zusammengekettet in ein Moderloch würfe; desto größer würde die allgemeine Entrüstung sein über solchen Beamtendespotismus, wenn ich diese Geschichte in meiner Dampfzeitung, so weit es im Kampf mit der Censur möglich sein wird, veröffentliche. Sie müssen mich dem Ruf nach kennen, junger Mensch; ich bin der Held des Tages – – mein Name ist Ajax.«

Auf dieses Wort ging der Volkshaufen, dem seine volltönende Stimme und kräftige Gestalt mächtig imponirt hatte, nicht ohne Achtungsbeweise für diesen angehenden Volkstribun auseinander.

Dieser aber ergriff die Hand des Jünglings und sprach mit gedämpfter Stimme: »Uebrigens danke ich Ihnen im Namen der Freiheit für den genialen Einfall, womit Sie die Cigarren-wüthige Polizei gefoppt haben; wir werden uns wiedersehen!«

Damit ging er davon. Mehreren hinzugekommenen Gensdarmen gelang es leicht, den gefährlichen Cigarrendelinquenten aus den Armen von Vater und Mutter loszumachen. Edmund tröstete sie noch mit den Worten: »Weinet doch nicht, liebe Eltern, es wird ja nicht ewig dauern. – Da habt Ihr den Weihnachtsbaum, nun feiert den heiligen Christabend einmal ohne Euren Edmund; aber seid nicht traurig, es würde mir das Herz brechen. – Wenn Alles vorbei ist, habe ich noch eine Freude für Euch in der Tasche – hofft auf das Beste und grüßt mir Schwester Emma und die lieben Kleinen.«

Noch eine Umarmung, ein Wort des Segens von Vater und Mutter und dann ließ er sich ruhig zum Polizeiarrest abführen.

 

2.

Das war indeß in der Hofwohnung, Brüderstraße Nr. 43 im vierten Stocke und zwar linker Hand vom Aufgange auf einer schmalen, steilen und dunklen Treppe – eine trübselige Weihnachtsfeier.

Der Anfang derselben ließ sich noch ganz freundlich an. Emma, die älteste Tochter des geheimen Canzlisten, war eine der geschicktesten Damen-Schneiderinnen, die bei ihrer Bescheidenheit für geringes Tagelohn in wohlhabende Häuser ging, um den Töchtern oder Frauen derselben, nach sorgfältiger Berathung im weiblichen Familienkreise, jene ballonweite Kleider mit wehenden Volants zu machen, die neben der Bestimmung, den untern Theil des weiblichen Körpers in die Façon der großen Erfurter Glocke zu verwandeln, den Zweck haben, unentgeltlich die Straßen zu kehren. Statt der Handhabe dieser Glocke springt aus der Krone derselben die eingeschnürte Taille hervor, möglichst fingerdünn und aus dieser die nackte Büste mit mehr oder weniger Fülle oder Magerkeit, Schwanenweiße oder Lederfarbe der Carnation.

Solche Reize, durch eine geschickte Scheere und Nadel zu vermitteln, das war Emma's Geschäft und ihre anerkannte Kunstfertigkeit in diesem Fach hatte ihr zahlreiche und angesehene Kunden zugeführt und gewährte ihrem rastlosen Fleiß einen Ertrag, der nicht wenig dazu beitrug, ihrem lieben guten Vater die schwere Last, eine so zahlreiche Familie in dem theuern Berlin zu erhalten, mittragen zu helfen und nebenbei ihren geliebten Bruder Edmund in seinen fleißigen Schulstudien durch Anschaffung von Büchern und nothwendigen Kleidungsstücken wesentlich zu unterstützen.

Daß eine solche Schwester und Tochter mit ihrem liebevollen Herzen einen Christabend nicht vorübergehen lassen würde, ohne ihren lieben Eltern und Geschwistern noch eine besondere Freude und Ueberraschung im Geheim zu bereiten, ließ sich wohl voraussehen.

Jetzt benutzte das liebliche achtzehnjährige Mädchen, dem selbst die stets sitzende Lebensweise und angreifende Näharbeiten die feste Gesundheit, die Fülle ihrer feinen Körperform und die frische Farbe ihrer mehr einnehmenden als schönen Gesichtszüge nicht hatte rauben können, die Abwesenheit ihrer Eltern und ihres Bruders auf dem Weihnachtsmarkt, um für diese, wie man es in Berlin nennt, Weihnachten aufzubauen.

Das war ein Anblick, so recht erfrischend für Herz und Seele, wenn man die freundliche Geschäftigkeit dieses jungen Mädchens sah, wie sie ein Stückchen nacheinander aus dem untersten Schubfach ihrer geschweiften nußbaumnen Kommode von alterthümlicher Form nahm und dann noch einmal genau mit einem gewissen Behagen betrachtete, denn es war ja Alles das Werk ihrer kunstfertigen Hände und nächtlichen Arbeit, wozu sie in den letzten Wochen vor Weihnachten nach kurzem Schlaf um 12 Uhr Nachts, wenn Eltern und Geschwister im tiefsten Gottesfrieden schlummerten, aufgestanden war. Dann hatte sie die kleine Seidler'sche Lampe mit dem grünen Schirm angezündet und war selbst so sorgsam gewesen, für ihr eigenes Geld Oel zu kaufen, damit Mütterchen nicht schelten solle über den allzuvielen Oelverbrauch. So ging sie denn an diese ihre liebste heimliche Arbeit und nähte und stickte rastlos fleißig bis gegen sechs Uhr Morgens, dann legte sie sich noch ein Stündchen nieder und mußte um sieben Uhr schon aus gesundem festen Schlaf von der Mutter geweckt werden, denn es war nun ihre Aufgabe, erst den Kaffee zu kochen, dann das Haar zu ordnen und sich einfach, aber geschmackvoll anzukleiden; denn um acht Uhr mußte sie schon wieder an ihr Geschäft gehen – in recht vornehmen Häusern, wo man es liebt, aus dem schönsten Theil des Tages, der goldnen Morgenstunde, Nacht zu machen, um neun Uhr.

Große Reichthümer hatte sie freilich an ihre Geschenke nicht anwenden können; aber ihr Hauptwerth bestand in der Arbeit, denn aus dem geringsten Stoff wußte Emma irgend eine geschmackvolle Kleinigkeit anzufertigen.

Das Tüllhäubchen für Mütterchen, mit dem einfachen Lilabändchen, aber der reichen Spitzengarnitur, die mit täuschender Nachahmung der ächten von ihr im feinsten Zwirn gehäkelt waren, mit dem von ihr selbst mit illusorischer Naturwahrheit angefertigten Blumenbouquet, man kann nichts Reizenderes und zugleich für eine alte Frau Einfacheres und Kleidsameres sehen. Ein gestickter Tüllkragen dazu, ein Paar feine gestrickte Handschuhe, ein warmes, gehäkeltes Wolltuch, das war wohl reich genug, um mit Liebe gegeben, mit Liebe empfangen, Herz-Mütterchen zu erfreuen.

Und für den Vater hatte sie ein Hauskäppel und einen die Nase wärmenden Shawl gehäkelt, wobei besonders die einfache und geschmackvolle Zusammenstellung der Farben gelungen war. Für die kleinen Brüder hatte sie Fausthandschuhe, für jede der kleinen Schwestern eine den Hals wärmende Boa gestrickt. Aber für ihren Liebling, Edmund, war der Rest einer ganzjährigen Ersparniß angewendet; sie hatte ihm, was er so lange Jahre vergebens gewünscht hatte, eine sauber eingebundene gute Ausgabe von Scheller's großem lateinischen Lexikon gekauft, und damit er doch auch etwas von ihrer Hände Arbeit haben möge, dazu eine sehr hübsche Geldbörse gehäkelt, wahrscheinlich um die Gelder aufzubewahren, die er nicht besaß.

Das Alles ordnete sie in dem stillen freundlichen Stübchen auf dem weiß gedeckten Tisch, stellte ein Paar Blumentöpfe, ein Myrthenblümchen und eine im Winter getriebene Hyacinthe dabei, die sie von einer ihrer Kunden, der Tochter eines reichen Handelsgärtners, auf ihre bescheidene Aeußerung, daß sie sehr glücklich sein würde, wenn sie ihrer Mutter zum Weihnachten ein Paar Blumenstöcke schenken könnte, erhalten hatte; und schnitt nun einen erkauften Wachstock in kurze Enden, womit sie eine alle Jahre dazu dienende Pyramide besteckte.

Die Kinder waren in die Kammer gesperrt und konnten kaum den Weihnachtsmann mit seinen hellglänzenden Christgaben erwarten. Ueber diese Erwartung aber waren sie am Ende glücklich eingeschlafen.

Jetzt war Emma fertig bis auf das Anzünden der Weihnachtslichter. Sie horchte bald aus dem Fenster in den dunkeln Hof hinunter, bald auf den kleinen Vorplatz, die enge Treppe hinab.

Endlich war ihre Geduld fast erschöpft; da hörte sie das eigenthümliche Räuspern ihres Vaters und das nie ruhende Plaudern ihrer Mutter; sie zündete jetzt schnell die Lichterchen an, weckte die Kinder mit zärtlichen Küssen und ermahnte sie, ruhig und hübsch artig zu sein, bis der Weihnachtsmann klingle, der jetzt schon im großen Bärenpelz mit einem Sack voll unartiger Kinder und einigen Spielsachen angekommen sei und auskrame; und Fritzchen, Bärbchen, Adolph, Julius und Christchen regten sich nicht und rissen schon vorläufig die fast noch verschlafenen Aeuglein auf, um alle die Herrlichkeiten zu schauen.

Und mit klopfendem Herzen kehrte Emma in die jetzt erleuchtete Familienstube zurück, trat dann mit der grünen Lampe hinaus auf den Flur und leuchtete zu dem mühsamen Treppaufsteigen der beiden guten Alten.

»Aber wo ist denn Edmund? er wollte Euch ja aufsuchen auf dem Weihnachtsmarkt – und nun nicht da?« fragte Emma, als sie die Heraufkommenden übersah, und ihre anmuthigen Gesichtszüge konnten einen leichten Schatten von Unmuth über getäuschte Erwartung nicht unterdrücken.

Diese Frage drückte den beiden guten Alten fast das Herz ab. Sie sahen sich einander bedenklich an; aber das war nothwendig, um sich gegenseitig zu kräftigen, die vorher verabredete Unwahrheit: »er wird bald hier sein, er hat nur noch etwas zu besorgen«, an den Tag zu bringen. Es wollte ihnen nicht über da Herz gehen, ihrer lieben Emma, die immer eine kleine Freude für ihre Eltern bei der Hand hatte, so plötzlich Kummer machen zu müssen. Erst nach und nach sollte sie darauf vorbereitet werden.

»Aber mein Gott«, sprach das junge Mädchen nicht ohne Verlegenheit, »hier ist es kalt und zugig; ich kann Euch unmöglich auf dem Flur stehen lassen und doch ist die ganze Freude verloren, wenn unser herziger Edmund nicht dabei ist«.

»Ja wohl verloren!« seufzte die Mutter mit halblauter Stimme, die kaum noch in ihrem ungeheuern Schmerz an sich zu halten vermochte; »aber laß uns nur eintreten; der Edmund ist kein Kind mehr, er wird sich gewiß ebenso freuen, wenn er, was Du ihm etwa schenken willst, auch später....«

Da versagte ihr der Schmerz die Stimme, und der Vater ergänzte eintönig: » post festum empfängt«.

»Aber wie kommt Ihr mir vor, Ihr Beide! das sind keine glückliche Weihnachtsgesichter« und damit küßte sie die eben Heraufgekommenen und fühlte deren Thränen auf ihren Wangen. »Um Gott was ist vorgefallen? – Thränen – Schmerz – Vater, Mutter! ich beschwöre Euch ....«

»Es hat nichts auf sich, wird bald abgemacht sein«, sprach der geheime Canzlist, der sich noch am ersten ermannte, mit einer sichtbar erzwungenen Fassung; »kommt nur, kommt nur«!

Die Mutter aber brach aus: »Wenn Gottes Zorn nicht alle Gensdarmen ausrottet, so giebt es keine Gerechtigkeit mehr im Himmel, noch auf Erden.«

In diesem Augenblick hatte der Vater die Stubenthür aufgemacht. Mutter und Tochter folgten und auf den Ruf der Klingel stürzten die Kleinen in die Stube, und ihr Ausruf: Ach! galt zunächst der schönen Erleuchtung. Dann theilte Emma ihre Geschenke aus, und diese wurden von den Kindern mit Jubel, von den Eltern mit Thränen empfangen.

Das liebe Mädchen weinte mit ihnen aus Mitgefühl, noch ohne die Veranlassung ihrer Thränen zu kennen – es war eine Umarmung, eine Ergießung der Herzen – da durchbrach auf Emma's flehende Bitten das Geheimniß alle Schranken der Zurückhaltung und die alte Mutter erzählte mit ihrer gewohnten Redseligkeit das Ereigniß von A bis Z, und der Vater half ein, wo es Noth that zu berichtigen und aufzuklären, und endlich nach einer peinvollen Viertelstunde, in welcher eben durch das langsame und verhaltene Näherrücken der Wahrheit Emma's Angst und Pein sich aufs Höchste steigerte, erfuhr sie denn das Ende vom Liede, daß Edmund um einer Buße von 20 Silbergroschen willen polizeilich verhaftet sei.

Das junge Mädchen hatte durch seinen vielfachen Verkehr unter fremden Leuten und in gebildeten Familien jene Entschlossenheit und den sichern Takt gewonnen, der uns nicht selten an jungen Mädchen überrascht, die durch ihre Verhältnisse zu einer gewissen Selbstständigkeit des Handelns gelangt sind.

»Ist es nichts weiter?« rief sie aufathmend, »so gehe ich sogleich zum Polizeicommissair des Reviers, und hilft das nicht, auf das Büreau des Polizeipräsidenten, bezahle die 20 Groschen und wenn es auch mehr ist.«

»Aber Emma....«! sprachen Vater und Mutter mit bedenklicher Miene.

Emma verstand sie. – »Macht Euch keine Sorgen darüber; meine Kasse ist zwar leer; aber das Geld schaffe ich schon an.«

Damit schloß sie das obere Fach ihrer Kommode auf und nahm ein noch neues wollenes Wiener Umschlagetuch heraus, das sie in eine weiße Serviette wickelte und mit Nadeln zusteckte.

»Du wirst doch nicht das schöne Tuch verkaufen wollen«, fragte die Mutter, »das Du Dir vom sauer verdienten Lohn den vorigen Sommer erspart und gekauft hast?«

»Warum nicht, Mütterchen? Jetzt ist es Winter, da brauche ich es nicht und wenn es wieder Sommer wird, so bin ich ohne Sorgen. Guten Menschen hilft Gott – und unser Edmund soll doch nicht etwa bis zum Sommer sitzen bleiben?«

»Was wirst Du dafür bekommen? Zwölf Thaler kostet das Tuch und Du wirst vom Trödler kaum vier Thaler dafür bekommen.«

»Und wenn ich auch nur zwei Thaler erhalte, so ist mir doch mein Edmund lieber, um für seine Befreiung nicht solchen Verlust verschmerzen zu können.«

»Besser wäre es, wir feierten keine Weihnachten«, sprach der Vater, »verkaufen wir lieber alle Weihnachtsgeschenke.«

» Meiner Hände Arbeit?« fragte Emma und in jedem Wort lag ein Vorwurf, den sie durch den weichsten Ton der Stimme zu mildern suchte.

»Nein, nein, liebes Herz, beruhige Dich«, versetzte der gute Alte; »es war unüberlegt von mir gesprochen, lieber versetze ich meinen Ueberzieher – mein Hemde, wenn es sein muß – bis zum Ersten, und dann bekomm' ich ja wieder Geld, den Verdienst vom ganzen Monat. – Der Himmel wird mich bis dahin nicht erfrieren lassen, denn die Liebe meiner guten Kinder hält mir das Herzblut warm.«

»Nie, mein Vater, werde ich es zugeben, daß Du Dir in Deinem Alter etwas von Deiner Pflege entziehst. – Es bleibt dabei, ich gehe«, sprach sie mit dem anmuthigen Trotz, der keinen Widerspruch duldete, hing ihren Mantel um, setzte das schwarze Sammethütchen mit Schleier auf, nahm ihren kleinen Muff in die Hand, das Päckchen unter den Arm, und forderte den zehnjährigen Fritz auf, sie zu begleiten. Der Junge war natürlich gern dazu bereit; vergebens bot sich der alte Herr an, ihre Begleitung zu übernehmen – so ein Junge sei kein Schutz und dem Vater stehe es ja doch am besten zu, für seinen Sohn das Wort zu nehmen.

»Auf keinen Fall, Papa«, protestirte Emma, »Du hast Dich heute Abend schon müde genug gelaufen, und die Hauptsache bleibt immer hier, rasch zu handeln; mich aber und Fritzchen treibt der Sporn der Liebe, und junge Beine machen uns zu Wettrennern. – Adieu, Papa! adieu, Mama!« und dabei küsste sie Beide; »bauet indeß nur immerhin den Weihnachtsbaum auf, den Mütterchen da so ganz still und traurig bei Seite gestellt hat. In einer Stunde sind wir wieder hier und bringen Edmund mit, adieu, adieu!«

Indeß hatte die Mutter ihren kleinen Liebling, der nur eine Knabenjacke ohne Ueberzieher besaß, in ein altes Umschlagetuch eingehüllt wie eine Mumie bis über beide Ohren, küßte den Jungen und leuchtete ihnen dann mit tausend Glück- und Segenswünschen, die sie mehr halblaut dachte als sprach, die Treppe hinunter.

Darauf schickte sie die andern Kinder zu Bett, um für den andern Morgen mit seiner lieben runden Altschere, wie er seine Gattin in zärtlichen Anwandlungen nannte, den Weihnachtsbaum auszuschmücken.

Es war acht Uhr Abends, als Emma und Fritz fortgingen. Die erste Stunde des Harrens verlief noch so leidlich in liebevoller Geschäftigkeit.

Aber auch die zweite Stunde verlief und sie kehrten nicht zurück; die dritte und vierte, fast die ganze Nacht, ebenso trostlos.

 

3.

Spät noch um Mitternacht ging der alte Mann mit dem dünnen weißen Haar und hochstehenden Rockkragen auf die Straße, um seine Kinder zu suchen; aber die Kälte der Nacht, die Aufregung und wohl selbst die Nüchternheit des Magens, denn an Essen und Trinken war bei so schmerzlichen Ereignissen nicht zu denken gewesen, hatte ihm sein altes Uebel zugezogen, eine Eingenommenheit des Kopfes, die nahe an Schlagfluß grenzte und sich bis zur Schlafsucht steigerte.

Er konnte sich auf seinen dünnen alten Beinchen nicht mehr erhalten, und setzte sich auf die Stufen eines Palastes, aus dessen glänzend erleuchteter Beletage rauschende Tanzmusik schallte.

So nahe grenzen im menschlichen Leben die schärfsten Gegensätze aneinander.

Der geheime Canzlist Redlich war auf den Stufen des Hotels des russischen Gesandten in einen betäubenden Schlummer gesunken, und da war es noch ein Glück, daß die Nachtwächter den alten Trunkenbold, wofür sie ihn hielten, in die Wache schleppten, und dort auf der Holzpritsche mochte er unter Tabaksqualm und Branntweinsdunst seinen Rausch ausschlafen, den der arme nüchterne Mann in seinem ganzen Leben nicht gehabt hatte. – Als er erwachte, wurde er in das Polizeigefängniß geschickt.

Auch er war bis ein Uhr Nachts noch nicht nach Hause gekommen.

Madame Redlich raufte sich eine Handvoll Haare aus und erfüllte das ganze Haus mit ihrem Geschrei, und die Kinder weinten mit, bis endlich gutherzige Hausgenossen dem Nachtwächter zwei Groschen Courant gaben, damit er dem unsinnigen Weibe ankündige, bei Gefängnißstrafe sogleich ihr Zetergeschrei einzustellen, mit Androhung sofortiger Verhaftung wegen Ruhestörung.

Das war denn der Weihnachtsabend 1846, den die Familie Redlich mit Hülfe der Wächter allgemeiner Wohlfahrt, der Polizei, noch nie so schön gefeiert hatte.

 

4.

Emma war mit ihrem kleinen Bruder zunächst in den offenen Laden eines Trödlers getreten. Sie hatte nicht die entfernteste Ahnung davon, daß die freundliche manierliche Frau, welche sie dort bei dem schwachen Lichte einer Hängelampe in dem mit alten Kleidern und mancherlei Geräth fast überfüllten Raume empfing, nebenbei im kleinen Hinterzimmer und einem Oberstübchen auch noch andere, minder harmlose Geschäfte trieb, wovon Kuppelei und Diebeshehlerei keineswegs zu den unschuldigsten Erwerbsquellen gehörten.

Wohl aber schien eine wohllöbliche Polizei davon einigermaßen unterrichtet zu sein. Während ein Paar Gensdarmen in der Nähe des Hauses auf dem Trottoir standen und sich anscheinend von unbedeutenden Dingen unterhielten, befand sich ein Mann von mittlerer Größe mit markirten Gesichtszügen im Civilrocke mit einem zugeknöpften Winterüberzieher im Geschäftslocale der Handelsfrau und fragte, nachdem er im Laden Alles durchgemustert hatte, nach Umschlagetüchern, die aber noch gut und neu sein müßten.

Die Trödlerin gerieth in einige Verlegenheit und suchte in einer Kommoden-Schublade nach, woraus sie mehrere Tücher vorlegte, die aber der Mann für zu alt und schlecht erklärte. – Da erwachte in Emma's geängstigter Seele die Hoffnung, jetzt grade ein gutes Geschäft machen zu können, und bescheiden trat sie vor mit der Aeußerung, daß sie vielleicht in diesem Augenblick dienen könne, indem sie ein noch ganz neues Umschlagetuch zu verkaufen habe.

»Das ist ja ganz charmant«, sprach der ältliche Herr, indem er das Tuch besah, »wenn Madame hier auf den Handel eingeht, so werde ich den Abnehmer machen und ihr gern einen billigen Profit gönnen. – Ah! da ist ja noch die Etiquette und Preisnummer daran befestigt; ein Beweis, daß das Tuch noch ganz neu ist.«

»In der That ich habe es auch noch nicht getragen.«

»Ja, ja, mein liebes Kind, man kennt schon solche Kauferei.«

Nun zog die Frau mit schlauem Lächeln die engelreine Emma in den Hintergrund, wo noch eine brennende Lampe auf einem Tische stand, und sagte: »Nun liebes Kind, was willst Du haben? machen wir den Handel; aber ich bedinge es mir aus, daß der alte Herr nicht erfährt, was ich dafür bezahle.«

»Madame«, entgegnete Emma mit einiger Empfindlichkeit, »ich habe Sie noch nicht gedutzt und bitte also ...«

»Aha, eine sogenannte Vornehme! nun, nun, dann mag es darum sein, bis wir uns näher kennen lernen.«

Emma that, als überhörte sie das Verletzende dieser Aeußerung, und forderte 5 Thaler für das Tuch, das mehr als das Doppelte werth war.

»Potz Flickerment, Mamsell, wo denken Sie hin? – dabei müßte ja eine ehrliche Handelsfrau zu Grunde gehen. Wissen Sie was, Liebe? mein letztes Wort auf Ehre, ich zahle Ihnen zwei Thaler, einen blanken Champagnerthaler, den Sie in der Villa Colonna wieder an den Mann bringen können, und da Sie ein hübsches Kind sind und nobel gekleidet gehen, so schaffe ich Ihnen aus Seele und Seligkeit heute Abend noch einen kleinen Nebenverdienst von mindestens 2 Thlrn. – Nun?« –

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Emma höchst verletzt und nahm ihr Tuch zurück.

»Na – man sachte – nur nicht so mausig machen! – wenn Sie auch von einem weißköpfigen Geheimrath oder knickebeinigen Rentier unterhalten werden, so kennt man das; es reicht selten zu und am Ende verlangt das Herz auch einmal nach einem hübschen Jungen. – Wissen Sie was, Engelchen,« und mit diesen Worten drängte sie sich schmeichelnd an sie heran und hielt sie fest am Arme, »ich habe da, da im Hinterstübchen zwei feine, schwarzbärtige junge Herren ....«

»Kein Wort weiter!« rief Emma erzürnt und wickelte ihr Tuch zusammen.

Als sie der kleine Fritz bei der Hand gefaßt hatte und nun durch die niedere offene Ladenthür sich entfernen wollte, hielt sie der alte Herr, mit einem ganz andern Gesicht als vorher, bei der Hand fest und sprach sehr ernsthaft: »Vorerst bleiben wir noch hier, wir haben noch ein Wort miteinander zu reden.«

Emma erschrak und noch mehr, als sie sah, daß der ältliche Herr einen höchst verdächtig aussehenden Kerl herbeiwinkte, der mit langem zerzausten Haar, einem weißgelben schäbigen Felbelhut, bekleidet mit einem Sackpalletot und auffallend bunt carrirten Hosen, Alles schadhaft und unsauber, bis dahin an den einen Pfosten der offenen Ladenthür gelehnt gestanden hatte, mit dem der ältliche Herr heimlich gesprochen hatte, während Emma sich mit der Trödlerin in der unglücklichen Unterhaltung befand.

Ihr Schreck aber steigerte sich zur entsetzlichen Furcht, als dieser Mensch mit rothgesoffenem Gaunerantlitz, mit unbeschreiblicher Frechheit an sie herantrat, sie von oben bis unten genau betrachtete, dann aber mit einer tiefen heisern Stimme sprach: »Ja, die iß et, Herr Polizeirath, sollen mir gleich 99 Legionen Deibel holen, wenn ick nicht die Wahrheit sage.«

»Und Du kannst es vor Gericht beschwören?«

»Na, nu! Hundert Millionen Schock Eidens in einem Athem, wofür hat man denn die Ehre, Vigilante einer hochlöblichen Polizei zu sein, wenn man nicht ganz perfect mit Eidens umzugehen wüßte.«

»Du hast es gehört!« sprach jetzt barsch der Polizeirath zu dem erblassenden Mädchen, dem alle Augenblicke es wie Anwandlung einer Ohnmacht über die kalte, von Angstschweiß perlende Stirn lief.

»Ach, mein Gott, mein Gott«, stöhnte Emma, die keines Worts mehr mächtig war, und der Polizeirath fuhr fort: »Jetzt bekenne augenblicklich, daß Du die Ladendiebin bist, die heute, unter dem Vorwand der Auswahl in dem Eckladen vor der Breitenstraße nach dem Schloßplatz, dieses neue Tuch in die große Manteltasche hat fallen lassen. He!«

»O Gott, nein, nein!«

»Leugne Du nur, versteckte Diebin, man hat auf der Polizei Mittel, die Wahrheit an den Tag zu bringen«, und damit machte er das Zeichen des Schlagens.

»Uebrigens nenne Deinen Namen. Wie heißt Du?«

»Emma Redlich, Tochter des geheimen Canzlisten Redlich, Brüderstraße Nr. 43, Hofwohnung, vier Treppen hoch.«

»Das kann Jede sagen.«

»Aber, mein Gott, ist denn keine Gerechtigkeit mehr auf Erden; so führen Sie mich dorthin, meine Eltern werden mich anerkennen.«

»Das wird sich finden«, sprach der Polizeirath im Tone des Nachgebens.

»Die lügt wie gedruckt«, erklärte der Vigilant, »die würde der löblichen Polizei die schönste Nase drehen, führte uns in ein Absteigequartier, und ließe sich bezeugen, was sie wollte.«

»Indeß, mir scheint denn doch das Mädchen ganz rechtlich auszusehen.«

»Na, verbrenn' sich der Herr Polizeirath nur nicht die feine Polizeinase. Mit Erlaubniß; aber ich kenne diese Person ganz genau, und war Augenzeuge ...«

»Rede!«

»Herr Polizeirath«, sprach der Vigilant weiter, mit dem Aplomb einer gewissen Amtswürde, die er jetzt zu bekleiden wähnte, »so wahr ich die Ehre habe, Fabian Greif zu heißen, bisweilen auch anders, so frage ich diese ledige Frauensperson auf Pflicht und Gewissen: Na, Rieke, Du weest doch, wir kennen uns, alle Donner, wenn die Brandenburger Zuchthausmauern reden wollten, Herrjeh! det war een Plaisirvergnügen.«

»Herr Polizeirath«, erklärte Emma mit der Entrüstung der beleidigten Unschuld, »wenn eine rechtliche Beamtentochter von einem solchen Zuchthäusler in Gegenwart der Polizei insultirt werden darf, so ist die Polizei kein Schutz, sondern ein Unglück für den Staat.«

»Hüte Deine Zunge, daß man Dich nicht noch wegen unehrerbietiger Aeußerungen über Staat und Behörden zu zehn Jahre Zuchthausstrafe verurtheilt.«

»Rieke, ziere Dir man nich! Du weeßt doch, ehe Dir die fetten Kobers Ein technischer Ausdruck dieser verworfenen Menschenklasse; bedeutet »reiche Liebhaber«. D. V. so vornehm und neumodig gemacht haben, wie oft wir uns in Nr. trente und six hinter der Königsmauer gesprochen haben?«

»Herr Polizeirath, ich beschwöre Sie im Namen der Menschlichkeit, können Sie mich nicht freilassen, so schützen Sie mich in irgend einem Gefängniß vor solcher empörenden Frechheit eines rohen Menschen.«

»Du hast also mit eigenen Augen gesehen, Fabian ....?«

»Na, warum denn nicht, hochwohlgeborne Polizei; stand ich doch vor dem Ladenfenster und beguckte mir die schönen Damenkleiderstoffe, und dachte dabei: Hui, darin werden Taschen angebracht und in diesen giebt es gespickte Börsen, wer da so einen Griff hinein thun könnte, ohne sich die Finger zu verbrennen, der könnte glücklich werden Zeitlebens; da bemerkte ich denn die Rieke, wie sie in den Laden ging. Ich nicke ihr zu, dat Beest dankt mir kaum, so vornehm und hochmüthig war sie geworden. »Willst'e Geschäft machen, Rieke«, frage ich und trete ihr dabei aufs Kleid, dat se nicht fortloofen konnte. »»Halt's Maul««, sagte sie. »»Schon gut!«« sage ich, »»dat Maul will ick wohl halten; aberst halbpart. Sonst, Du weeßt, ick bin Staatsdiener als Vigilant. Und uf Ehre und Gewissen...«« da nickt sie mir zu: »»Na, meinetwegen halbpart, Fabian,«« spricht sie, »»aber reenen Mund gehalten.«« Ick lege die Finger aufs Maul und trete herunter von ihrem seidenen Gassenfegerkleide. Da sehe ick denn ganz natürlich mit beden Oogen, wie sie dit selftige Tuch in die Diebestasche ihres Mantels hineinprakticirt, und davongeht. Ick folge ihr auf dem Fuße; an der Fischerbrücke trete ick an ihr heran und ziehe ein flämisches Gesicht. »»Na, na, Rieke,«« spreche ich. »»Ick kann doch dat Tuch nicht halbiren, dann haben ja beide Hälften keinen Werth mehr. Wart hier vor dem Trödlerladen; ick werde hineingehen und et verkofen, dann kriegst Du dat halbe Geld.«« »»Aber prelle mir nicht!«« Sie hatte mir aber doch geprollen. Dat Haus hatte hinten einen Durchgang; die olle Kunglersche mußte sie kennen und hatte sie zur Hinterthür hinaus prakticirt. Ick aber stehe da Ecke und halte Maulaffen feil, bis ick denn endlich begreife, dat sie mir um meinen Antheil vom Compagniegeschäft bestohlen hat. Herr Polizei! ick denuncire ihr auch noch für meine eigene Rechnung, als meine eigene Diebin, und ick verlange Denuncianten-Gebühren für die Ueberführung dieser dreifachen Verbrecherin.«

»Hier, Fabian; jetzt geh, Schurke, und ruf den Gensdarm herein.«

»Mich arretiren?« rief das arme Mädchen voll Entsetzen, »o meine unglücklichen Eltern, mein Bruder, den ich aus ungerechter Haft befreien wollte!«

Die Trödlerin, Frau Sara Goldfinger, eine Jüdin, hatte indeß zwei Herren aus einem Hinterzimmer hervorgeführt, die im Hintergrunde unbemerkte Zeugen der letzten Scene waren.

Die Frau hatte mit ihnen geflüstert: »Na, habe ich zu viel gesagt; das ist etwas Extrafeines, wenn der Herr Graf ihre milde Hand aufthun wollten ...«

»Still, hier Geld!«

Und nun traten beide junge Männer in den Vordergrund; der Eine war eine untersetzte, breitschulterige Figur, mit vollem schwarzen Bart und Brille, mit einem Wort, es war derselbe Radikale, den wir früher unter dem Namen Ajax auf dem Weihnachtsmarkt gesehen haben; der Andere hatte einen starken Schnurr- und Backenbart, der aber nicht unter dem Kinn durchging. Dieser hatte das junge Mädchen durch ein zwischen den Augenwimpern eingeklemmtes Lorgnon mit besonderem Interesse betrachtet. Jetzt trat er vor, und sprach in einem ziemlich hohen Ton und mit jener eleganten und feinen Tournüre, die man vorzugsweise in einigen alten Adelsfamilien findet.

»Mein Herr Polizeirath,« redete er ihn an, während schon die Gensdarmen sich in der Ladenthür zeigten, »was ist der Grund, wenn man fragen darf, der vorhabenden Arrestation dieses jungen Mädchens, das ich als rechtlich und unbescholten kenne.«

»O, mein Herr, wie viel Dank bin ich Ihnen schuldig!« sprach Emma im flehend weichen Ton, der unwillkürlich zum Herzen dringt, »ich bin die Tochter des geheimen Canzlist Redlich, wohne Brüderstraße Nr.43, und ernähre mich und meine Geschwister als Damenschneiderin in vornehmen Häusern.«

»Hm, ganz recht, Fräulein Redlich, Damenschneiderin, ich habe sie im Hause meiner Mutter oft gesehen und bezeuge dieses auf Ehrenwort.«

»Ich wollte meinen Bruder befreien, der wegen vermeintlichen Rauchens auf dem Weihnachtsmarkt arretirt wurde.«

»Ist das Ihr Bruder?« fragte der Andere, der Langbärtige; »ei, den kenne ich ja, ein netter junger Mann. Ich war zugegen bei der Geschichte. Fräulein Redlich, ich biete Ihnen meine Dienste an, den jungen Mann zu befreien.«

»Meine Herren, mit welchem Rechte mischen Sie sich hier in eine Polizeiangelegenheit. Ich bitte um Ihre Namen.«

»Nicht mehr wie billig,« entgegnete der Bärtige; »ich bin der Doctor Ajax, Herausgeber der Dampfzeitung.«

»Mein Herr Doctor, Ihr Zeugniß hat kein Gewicht; Sie stehen schwarz bei der Censur.«

»Und Sie, mein Herr?« fragte der Polizeirath den Andern.

»Ich präsentire mich hier als Bürger und Kaufmann.«

»Das will gar nichts sagen, mein Herr, der geringste meiner Polizeiagenten hat mehr Fidem, und ein solcher zeugt gegen diese Person. Es bleibt dabei, sie wird als Herumtreiberin und des Ladendiebstahls verdächtig, arretirt.«

»Dies wird nicht geschehen, Herr Polizeirath, oder ich garantire Ihnen Amtsentsetzung. Werfen Sie einen Blick auf diese Karte,« und mit diesen Worten führte er ihn ein Paar Schritt zurück und sprach mit leiser, gedämpfter Stimme, »respectiren Sie das Incognito eines Gardeoffiziers und königlichen Kammerherrn, Neffen eines Ministers ....«

Der Polizeirath nahm schnell und ehrerbietig den Hut ab und sprach ebenso leise: »Herr Graf, die junge Dame steht ganz zu Ihrer Verfügung.«

Mit diesen Worten zog er sich unter höflichen Bücklingen mit den Gensdarmen zurück.

Das war damals eine schöne Zeit, wo noch Ansehen der Person und hohe Stellung galt, wo doch wenigstens die Behörden Rücksicht nahmen auf die Wünsche einer hohen Aristokratie, während der unbedeutende Bürger nichts galt gegen die frechen und hinterlistigen Denunciationen eines als Verbrecher schon öfter bestraften Polizeivigilanten.

Der junge Kaufmann Liebreich, unter welchem Incognito es dem hochgebornen Herrn Grafen beliebt hatte, sich dem nichts Arges ahnenden jungen Mädchen vorzustellen, war ein viel zu feiner Welt- und Mädchenkenner, um nicht auf den ersten Blick und nach den ersten, aus der Fülle des Herzens gesprochenen Worten des nur zu leicht ihrem artigen Retter vertrauenden jungen Mädchens zu erkennen, daß sie keineswegs in die elende Classe der Prostituirten gehöre. Aber desto pikanter war für den von allen Lebensgenüssen junger Roués übersättigten Cavalier der Gedanke, eine vorübergehende Liaison mit einer hübschen kleinen Bürgermamsell, die vielleicht noch unschuldig war, anzuknüpfen. »Das wäre famos, auf Ehre«, sprach er vor sich hin und sein Plan war sogleich fertig in seinem Kopfe. »Sie ist charmant, lieber Doctor«, bemerkte er leise seinem Begleiter und strich mit Behagen den Schnurrbart, »auf Ehre, ich wäre vielleicht darauf capricirt, hier mein Glück zu poussiren, schaffen Sie mir nur den dummen Jungen vom Halse, der sich eben an ihre Hand schmiegt.«

In der That war es Fritzchen, der in fast weinerlichem Tone sagte: »Ach, liebe Emma, mir wird so Angst, gehen wir noch nicht nach Hause?«

»Bald, liebes Fritzchen, wir müssen erst noch Bruder Edmund von der Polizei befreien.«

»Aber Papa und Mama werden ängstlich sein über unser langes Ausbleiben.«

»Du hast Recht, Fritzchen, aber unverrichteter Sache können wir doch nicht zurückkehren; der arme Edmund im Polizeigefängniß, schlaflos, angstvoll, es ist entsetzlich.«

»Was wünschen Sie, liebes Fräulein?« redete sie jetzt der junge Mann an, der sich für den Kaufmann Liebreich ausgegeben hatte, »ich biete meine Dienste an, ich kenne die Verhältnisse. Eine junge Dame allein würde so spät Abends nicht einmal mehr vorgelassen werden und dann, wie würden Sie sich exponiren im großen Berlin. Gönnen Sie mir das Glück, Sie begleiten zu dürfen. Sein Sie überzeugt, es ist mehr als ein glücklicher Zufall, der mich hierher geführt hat zu Ihrem Beistande.«

Und das sprach er mit einer so arglosen, ehrlichen Miene, daß Andere dadurch getäuscht worden wären, als ein so unschuldiges harmloses junges Mädchen, das bei seiner stillen Lebensweise bisher nur immer Liebes und Gutes, wenigstens in den gebildeten Ständen gesehen hatte.

Und dabei war er ein sehr hübscher Mann, ein Mann von so feinen bescheidenen Sitten mit einer so anständigen Zurückhaltung und doch so zutraulichem offenen Wesen, daß er zu den Männern gehörte, mit denen man leicht bekannt werden kann. Kein Wunder, wenn Emma's Herz diesem gefälligen Freunde gegenüber etwas schneller anfing zu klopfen und sie die Augen niederschlug, wobei ihr ganz wundersam zu Sinn wurde. Sie nannte dieses so schnell entstandene Gefühl des Wohlgefallens, das sie auch gar nicht zu unterdrücken gedachte, »Dankbarkeit;« aber, aber, Dankbarkeit in einem achtzehnjährigen jungen Mädchenherzen, einem so hübschen, liebenswürdigen, artigen und gefälligen Helfer in der Noth gegenüber, wenn er ihr auch noch fremd war, gleicht nicht selten dem kleinen Samenkorn, aus welchem der Riesenbaum einer mächtigen Leidenschaft erwachsen kann. – Doch davon hatte das liebe gute Mädchen, das nur an ihre Rettung, an ihren Bruder und ihre Eltern dachte, auch noch nicht die leiseste Ahnung.

In der Befangenheit, die solche Situation mit sich bringt, hatte sie keine Antwort als den schon ziemlich verbrauchten Gemeinplatz: »Sie sind gar zu gütig, mein Herr!«

Aber schon im nächsten Augenblicke sagte ihr das feinere Gefühl, daß sie seine großen Dienste viel zu kalt aufgenommen hatte, und so gab sie sich denn unbewußt ganz ihren Empfindungen hin und, frei von aller Prüderie, ergriff sie die Hand des Freundes und sprach mit einem Ausdruck von Innigkeit, den keine Worte beschreiben:

»O mein guter Herr, wenn Sie wüßten, wie dankbar Sie mich verpflichtet haben, Sie würden sich selbst freuen, daß Ihnen Gott die Gnade gegeben hat, ein armes hülfloses Mädchen vom gänzlichen Untergang zu retten.«

In demselben Augenblick aber erschrak Emma über ihre eigene Wärme und sie wendete sich an die Trödlerin und sagte: »Wir haben erst noch unser Geschäft abzumachen, Madame, drei Thaler für das Tuch und es ist das Ihrige.«

»Was ist das?« fragte der Graf, »wozu wollen Sie das Tuch verkaufen?«

»Offen gesagt, um meinen Bruder auszulösen aus der Polizeihaft.«

»Nun dann biete ich Ihnen fünf Thaler, das Tuch ist neu und ich führe diese Waare als Kaufmann auf dem Laden.«

»Ihnen aber, Madame, vergüte ich hiermit den entbehrten Gewinn,« damit drückte er ihr ein Goldstück in die Hände.

Emma war glücklich, daß sich der Handel so gut machte, übergab das Tuch und empfing dafür ganz arglos einen Fünf-Thalerschein. Der junge Kaufmann bot ihr nun den Arm, um sie fort zu führen.

»Aber«, sprach er stehen bleibend, »wäre es nicht angemessen, daß mein Freund Ihren kleinen Bruder nach Hause führte, damit Ihre lieben Eltern über Ihr längeres Ausbleiben sich nicht ängstigen, es ist ohnehin schon sehr spät!«

»O mein Gott,« entgegnete Emma, »das war mein Wunsch, ich habe keine Worte, meine Dankbarkeit für Ihren gütigen Vorschlag auszusprechen.«

Der Doktor Ajax übernahm mit Bereitwilligkeit den Vorschlag und Emma beredete den Knaben, sich vor dem großen Barte nicht zu fürchten und mit dem Herrn zu gehen, der ihn zu Papa und Mama führen würde.

Fritz versprach hübsch artig zu sein und faßte schnell Vertrauen zu dem Herrn mit dem großen Barte, der ihn mit freundlichem Zureden bei der Hand nahm. Emma küßte den kleinen Bruder und dieser ließ sich willig fortführen.

»Soll ich eine Droschke holen?« fragte derselbe Gauner, der die arme Emma vorhin so schnöde behandelt hatte.

»Nur geschwind!«

Eine Minute später hielt die Droschke auf dem schmalen Fahrwege vor der niedrigen Colonnade des Mühldammes, worunter sich Laden an Laden befindet, einer immer ärmlicher als der andere. Da meldete der Vigilant mit abgezogenem Hute: »Gnädigster Herr Graf, Ew. Durchlaucht oder vielmehr Ew. Hoheit, denn jetzt ist Alles Hoheit geworden, habe die Ehre zu melden, daß es meinem rastlosen Bemühen mit Lebensgefahr gelungen ist, eine Droschke zu attrapiren, wenn vielleicht Ew. Majestät geneigt wären, ein kleines Biergeld .....«

Damit hielt er den abgezogenen vielfach verknitterten gelblichen Hut hin und empfing mit den Worten: »Hier, Schurke, nun pack dich fort!« ein Achtgroschenstück.

»Danke allerunterthänigst Ew. kaiserliche Hoheit, aber der Fabian Greif, Nummer 65 auf der Vigilantenliste, kennt die Egards in der Bedienung hoher Herrschaften zu gut, um nicht auch die Thür der Droschke zu öffnen.« Und damit sprang er hinaus auf die Straße, öffnete die Droschkenthür und stellte sich daneben, indem er seinen Hut unter dem Arm, in Form eines Chapeau-bas, zusammenquetschte.

Der junge Kaufmann, den wir Herr Liebreich nennen wollen, hob Emma in die Droschke und stieg selbst hinein.

Während dem sprach der Vigilant zu Emma: »Allergnädigste Prinzessin halten zu Gnaden, daß ich vorhin, von einer seltsamen Aehnlichkeit geblendet, Ew. Gnaden für die Rieke aus der Bummelgasse gehalten habe. Es war Alles nur Spaß damit und ich bitte huldreichst um Excuse.«

Mit diesen Worten machte er den Wagenschlag zu und hielt abermals dem jungen Herrn die Hand hin mit der Bitte: »Nun, mein Prinz, dieser Dienst verdient noch ein Biergeld.«

»Hab ich dir nicht schon gegeben?«

» Mille pardons, excuse Monseigneur! indeß hier habe ich Lakaiendienst verrichtet und hohe Herrschaften bezahlen ihre Tagediebe von Lakaien besser als die fleißigsten Arbeiter.«

»Du hast Recht, Spitzbube, da hier!« damit warf ihm Herr Liebreich noch ein Achtgroschenstück zu und befahl: »Droschke, nach dem Polizeibüreau des Reviers vom Schloßplatz.«

Der behelmte Vereins-Droschkier versetzte der knickebeinigen Droschken-Rosinante ein Dutzend schallende Peitschenhiebe und langsam setzte sich dieses lebende Pferdegerippe in Bewegung, nachdem es wohl noch eine Minute über die Dringlichkeitsfrage einer solchen Interpellation seiner Ruhe mit schlagenden Gründen belehrt war.

 

5.

Jetzt müssen wir noch einige Worte über den Entschluß des jungen Mädchens sagen, in dem großen sittenlosen Berlin sich so ganz unbefangen einem ihr eigentlich noch ganz fremden jungen Manne anzuvertrauen.

Emma hatte, wie wir wissen, keine französische Bonnen- und Gouvernanten-Erziehung empfangen. In den einfachsten bürgerlichen Verhältnissen erzogen, Vertrauen gewährend und Vertrauen empfangend, war ihr, gewiß selten bei Berlinerinnen, jene unbefangene Kindlichkeit des Gemüths geblieben, die nicht gleich das Schlimmste denkt, wenn sich ihr ein fremder junger Mann mit einiger Artigkeit nähert. Emma war dreist und sicher in ihrem Benehmen, wie eine Berliner Grisette, aber sie gehörte dieser Classe von Arbeiterinnen an, als eine der reinsten und unschuldigsten ihres Geschlechts. Vor dem Gifthauch der Vergnügungssucht, der Eitelkeit und des Leichtsinnes hatte sie das fast idyllische Familienleben ihres Hauses geschützt. Indem ihr Geschäft sie nöthigte, viel unter fremden Leuten und meistens in gebildeten Familien zu verkehren, hatte sie jene sonst den jungen Mädchen so lange anhängende Scheu und Blödigkeit verloren, wenn sie auch ganz fremden Personen sich gegenüber befand. Dazu kam ihr klarer Verstand und ihr fester sittenreiner Charakter, der zwar in der Unschuld ihres Herzens die Größe irgend einer unsittlichen Gefahr nicht kannte, aber auch sich bewußt war, Reinheit und Festigkeit genug zu besitzen, um keiner Gefahr dieser Art zu erliegen.

Es war also die Eroberung dieses jungen Mädchens für verwerfliche Zwecke keine leichte Aufgabe. Das erkannte denn auch sehr bald der hochgeborne Mädchenjäger und beschloß mit feinem und richtigem Takt, eine langsamere Belagerung, statt sonst gewohntes Sturmlaufen zu beginnen und vorsichtig seine Approchen anzulegen, um sich erst nur ihr unbegrenztes Vertrauen zu erschmeicheln, ehe er mit seiner Liebeswerbung deutlicher hervorrückte.

Nach Verlauf von etwa zehn Minuten hielten sie vor einem vier Etagen hohen Hause.

Hier wohnte der Polizeicommissair des Reviers.

»Das Büreau wird schon geschlossen sein,« sprach Herr Liebreich, wie wir, das Incognito des Herrn Grafen respectirend, ihn nennen werden, bis es ihm beliebt, im Glanz seines hohen Ranges vor uns zu erscheinen. »Sie sollen sich aber nicht bemühen, Fräulein Emma. Hätten Sie vielleicht die Güte, mir das Tuch einen Augenblick aufzubewahren und meine Rückkehr hier in der Droschke zu erwarten, so werde ich schon Alles abmachen.«

»Wie gütig Sie sind, Herr Liebreich, wie soll ich das wieder gut machen?«

»Indem Sie meinen Namen zu dem Ihrigen machen,« entgegnete er doppelsinnig im scherzenden Ton, aber mit einem Blick voll Innigkeit und einem raschen, warmen Händedruck, wodurch seine leicht hingeworfene Aeußerung mehr wie zu sehr für ein so leicht täuschbares Ding, wie ein reines, warmfühlendes Mädchenherz ist, die Farbe eines tief bedeutungsvollen Ernstes empfing. Sie nahm das Tuch wieder zu sich und erwartete im Wagen vor dem Hause seine Rückkehr. Dabei versank sie in ein Glückseligkeitsgefühl, das sie sich selbst nicht klar zu machen wagte.

Aus solchen Träumereien erweckte sie die Rückkehr des jungen Kaufmanns.

»Ach mein Gott,« rief sie erschreckend, »Sie wollen gewiß das Geld holen für die Auslösung meines Bruders!« dabei nahm sie aus ihrer Börse den Fünf-Thalerschein hervor.

»Im schlimmsten Fall,« entgegnete er lächelnd, »glaube ich noch so viel im Vermögen zu besitzen, um die Auslage machen zu können. Uebrigens« fuhr er ernster fort, »ist es sehr unangenehm, daß der Polizeicommissair noch nicht zurück ist von einem nächtlichen Dienstgeschäft. Man erwartet ihn erst um zwölf Uhr in seiner Wohnung wieder.«

»Ja wohl, sehr unangenehm,« entgegnete Emma; »so werde ich bis dahin nach Hause gehen, um wenigstens meine Eltern zu beruhigen.«

»Die werden durch die Rückkehr Ihres kleinen Bruders schon beruhigt sein und mein Freund wird ihnen bezeugen können, daß Sie sich in guten Händen befinden, so wie denn auch ihm bekannt ist, daß in der Nacht, wo es oft am meisten Noth thut, löbliche Polizei nicht immer zu haben ist. Wollen Sie mir vertrauen, liebe Emma, so führe ich Sie so lange in eine Conditorei, wo wir uns ein wenig von der Kälte der Nacht restauriren können.«

»Aber mein Gott, wird sich das schicken?«

»Dem Reinen ist Alles rein, zudem ist es schon spät Abends nach zehn Uhr. Gäste werden nicht mehr dort sein, jedenfalls finden wir immer ein leer stehendes, traulich durchwärmtes Stübchen und trinken ein Glas Punsch, uns zu durchwärmen.«

Emma schwieg. Die Idee hatte allerdings etwas Lockendes für die Phantasie eines jungen Mädchens, dessen Erziehung und Verhältnisse wenig geeignet waren, sie zur Sclavin äußerer Anstandsrücksichten zu machen, als das in vornehmen Familien der Fall zu sein pflegt.

Sie antwortete nicht, weder ja noch nein, aber wie willenlos ließ sie sich führen. Nach wenigen Minuten hielt die Droschke vor einer der kleinen Conditoreien, in welchen das Geschäft durch eine Ladenmamsell besorgt wird und nebenbei noch manches Andere, das man nicht auf die Firma zu setzen pflegt.

»Ein Zimmer, Eierpunsch und Backwerk« gebot der junge Kaufmann, indem er das junge Mädchen durch den Laden in ein größeres Seitenzimmer führte, wo noch mehrere Herren mit Zeitungslesen beschäftigt waren.

Dieser Befehl hatte für Emma's Unerfahrenheit nichts Abschreckendes; wohl aber erregten die frechen Blicke der Ladenmamsell, die auf sie selbst spöttisch gerichtet waren und gegen ihren Begleiter fast den Ausdruck eines vertraulichen Einverständnisses anzunehmen schienen, einigermaßen ihr Mißvergnügen. Weniger genirten sie die eine oberflächliche, vorübergehende Neugier verrathenden Blicke der Zeitungsleser, besonders der ältern Herren, die aber solche Scenen schon zu sehr gewohnt gewesen waren, um darauf länger als einen Moment zu achten.

Desto wohler und behaglicher war ihr zu Sinn, als sie in dem hintern kleinen Zimmer an der Seite ihres Freundes auf dem schwellenden Sopha von dunkelbraunem Plüsch Platz genommen hatte. Es war in der That hier ungemein gemüthlich; das Zimmer klein, die dunkelrothe Velourtapete mit Goldleisten befestigt, ein Querspiegel in Rococo-Goldrahmen über dem Sopha. Das Stübchen hatte nur ein Fenster, das mit gelbseidenen Vorhängen dicht verhangen war. Eine Moderateurlampe mit rundem Ballen von mattgeschliffenem Glase warf ein gedämpftes Licht auf die Beiden, Liebenden dürfen wir wohl sagen, obgleich noch keine Erklärung vorhergegangen war, und ein kleiner Coaksofen verbreitete eine behagliche Wärme im Gemach. Emma legte ihren Mantel und Hut ab, und jetzt erst sah Herr Liebreich ihre feine Taille, die runden Arme mit der feinen weißen Hand und die schwellenden Formen, die im Verein mit dem frischen gesunden reinen Teint, welchen die Kälte noch etwas mehr als gewöhnlich geröthet hatte, mit den großen dunkelbraunen Augen, die im weißen Email der Augäpfel zu schwimmen schienen und ihn so freundlich, unbefangen und herzlich anblickten, so wie mit dem kastanienbraunen Haar, das spiegelglatt mit einfachem Scheitel und vollen Flechten-Restchen des Hinterhaares, geordnet, fast wie angegossen, das dunkelbraune Tibetkleid, mit der silbernen Armspange, nirgends überladen mit Aufputz, nicht von unnatürlicher Weite und Länge.

Der junge Kaufmann verschlang sie fast mit den Augen und gestand sich selbst, daß er auch nicht in den höchsten Regionen der Gesellschaft jemals in den Salons und Soireen ein frischeres, lieblicheres und entzückenderes Mädchen gesehen habe. Dabei überschlich ihn ein Gefühl von wirklicher Liebe. Alles, was er früher einem hübschen Mädchen gegenüber empfunden hatte, war Sinnentaumel, hier wehte ihn zum ersten Male die Ahnung einer höhern Liebe an. Er wollte diese ihm neue Empfindung wegspotten, aber er vermochte es nicht. Er mußte sich machtlos diesem weit schönern und tiefern Eindruck wenigstens für den Augenblick hingeben, wenn auch ein Charakter wie der seinige nicht dauernd von edlern und rein menschlichen Gefühlen beherrscht werden konnte.

Bald darauf brachte die Ladenmamsell eine Bowle Eierpunsch mit Backwerk.

Wir fühlen, daß unsere liebe Emma wohl einer kleinen Apologie bedarf, wenn sie in solcher Situation von dem ihr eigentlich noch fremden Manne ein Gläschen dieses warmen, verführerischen Getränks annahm und mit einem gewissen Behagen austrank. Schelten wir sie nicht für leicht und leichtsinnig deshalb. Allerdings war damit der böse Schein gegen sie erweckt und diesen mußte schon der erfahrene Mädchenjäger für ein halbes Entgegenkommen halten; aber wir dürfen wohl an die tägliche Erfahrung erinnern, daß nicht selten die Frauenzimmer, die auf das Sorgfältigste jeden schlimmen Schein vermeiden und ihren Ruf hüten, weit weniger sittenrein und unschuldig sind, als diejenigen, die eben im Bewußtsein der Reinheit ihrer Gesinnungen arglos eine Huldigung für eine harmlose Freundlichkeit annehmen, die nicht bekannt werden dürfte, ohne ihrem Rufe mehr zu schaden, als eine wirklich im Geheimen gewährte Näscherei an Amors süßestem Bisquit.

In einem solchen Fall einer harmlosen, aber zu weit gegangenen Arglosigkeit befand sich Emma an diesem Abend. Der warme Punsch in einer so kalten Nacht war ihr gleichsam ein physisches Bedürfniß und warum sollte sie eine in ihren Augen so unschuldige Erquickung nicht annehmen, aus den Händen eines so bescheidenen und artigen jungen Mannes, der sich durch so große Dienste und noch größere, die er noch verheißen hatte, Anspruch auf ihre Dankbarkeit, ihr Vertrauen und selbst ihre Freundschaft erworben hatte.

Dieser Punsch aber war keineswegs ein so harmloses Getränk, es war ein trefflich bereiteter Eierpunsch, stark mit Vanille gewürzt. Das schäumende Glas duftete so lieblich, wie die feinste Chokolade, Chokolade aber hat längst schon die Berechtigung für weibliche Gaumen erlangt und Emma hatte keinen Grund, Verdacht dagegen zu schöpfen, und den Zusatz von Eiern, welches Frauenzimmer auf der Welt hätte Eier nicht für unschuldig gehalten. Und dennoch giebt es kein lieblicheres, das ganze Nervensystem, alle Sinne und Geistesheiterkeit mehr aufregendes Getränk als diese Teufelei des Eierpunsches. Kein Wunder, daß Emma sich noch das zweite Glas und dann das dritte von ihrem freundlichen Wirth aufnöthigen ließ, und nun sehen wir sie da an seiner Seite sitzend, das Antlitz glühend, alle Pulse kochend, die schönen Augen in feuchtem Glanze auf den seinigen ruhend, ihre ganze Seele in die seinige versenkt. Und kaum schien sie es zu bemerken, wie der Versucher so schmeichelnd zärtlich ihr näher gerückt war, wie er erst leise, dann mit warmem Druck ihre feine Taille umschlungen hielt. Wie konnte sie auch so etwas beachten? Das ganze Mädchen schwebte ja schon in einer höhern Welt.

Gewiß gehört es auch zu den noch unerforschten Geheimnissen der Natur, daß, wenn zwei Liebende verschiedenen Geschlechts einander so nahe kommen, daß nicht viel fehlt, um das Klopfen der Herzen fühlen zu können, alsdann aus dem Dunstkreis des einen Körpers in den des andern ein magnetisches Fluidum überströmt, welches willenlos den schwächern Organismus den Einflüssen des stärkern preis giebt. Und damit erklärt sich so Manches milder, was im Gebiet des rein Menschlichen geschieht und oft so hart und lieblos verurtheilt wird.

So waren denn Emma's schwellende Lippen, glühend wie Granatblüthen, den seinigen näher gekommen, Worte waren schon lange nicht mehr geredet; wo die Gefühle wogen, da verstummt die Sprache, die ohne Macht ist, wärmer zu reden als Blick und Herzklopfen. Nun aber vermochte der junge Mann nicht länger den Zurückhaltenden zu spielen, stürmisch umschlang er das glühende junge Mädchen und drückte einen süßen Kuß auf ihre keuschen Lippen.

Das aber war zu viel! Es war eine That, die ihr den Abgrund zeigte, an dem sie schwebte; augenblicklich war ihr Rausch verflogen, entrüstet rang sie sich los von ihm und mit Thränen im Auge sagte sie: »O mein Herr, womit habe ich das verdient, daß sie mein Vertrauen so entsetzlich täuschten. Ich sehe ein, daß ich darin zu weit gegangen war, daß ich mich in Ihnen irrte; erlauben Sie, daß ich mich entferne.« Damit stand sie auf, um nach Hut und Mantel zu greifen.

Der junge Mann aber erkannte augenblicklich, daß auch er zu weit gegangen war; daß er hier kein gewöhnliches Mädchen vor sich habe, sondern eine so reine Probe schöner Weiblichkeit, daß es wohl der Mühe lohne, mit der äußersten Vorsicht um ihre Gunst zu werben.

Er hielt ihre kleine liebe Hand fest und zog die Weinende, mit den zärtlichsten Bitten, ihm die Uebereilung einer Leidenschaft, die er nicht mehr zu beherrschen vermöge, nur dieses eine Mal zu verzeihen, wieder zum Sitzen nieder; schwur den theuersten Eid, daß er lieber untergehen wolle in verzehrender Gluth, als jemals sich wieder so vergessen.

Was ist versöhnlicher, als ein liebendes Mädchenherz, was ist vertrauender, als eine Seele, die liebt?

 

6.

Emma saß wieder an seiner Seite, aber sie hielt ihn fern. Ihre Augen hatten jetzt einen andern Glanz, es waren Thränen; sie strahlten nicht mehr liebend in seinen Blicken, denn ihre langen seidenen Wimpern waren gesenkt und die Gluth ihrer Wangen war einer Blässe des Schreckens gewichen; ihr Gewissen machte ihr Vorwürfe.

Herr Liebreich, dadurch nicht wenig betroffen, legte jetzt vorsichtig eine neue Mine an.

»Sind Sie mir böse, Emma?« fragte er, »daß ich im Scherz eine Anspielung auf meinen Namen nannte, und den Wunsch äußerte, daß Sie selbst sich denselben aneignen möchten?«

»Ich habe es gleich für nichts weiter gehalten, als für einen Scherz, ein Wortspiel und finde nur in Ihrer eigenen Aeußerung die Bestätigung davon.«

»Aber es liegt im Scherz oft ein tiefer Ernst und das war hier der Fall. Wollen Sie wissen, welcher Wunsch dabei im Hintergrunde meines Herzens sich angesiedelt hatte?«

»Ich bin nicht neugierig, besonders in Dingen, die mich nichts angehen.«

»Dieser Wunsch aber geht Sie sehr viel an, mein süßes, himmlisches Mädchen.....«

»Mein Herr!.....«

»O, um Gottes Barmherzigkeit willen, Emma, geliebte Emma, nicht diesen Ton kalter Zurückhaltung, der mich zu Tode martern würde, während ein tiefes heiliges Gefühl mich drängt, den Wunsch auszusprechen, daß Sie die Meinige werden wollen; werden Sie meine Gattin, Emma, tragen Sie meinen Namen »Liebreich« vor der Welt und im Herzen und Sie werden zwei Glückliche machen, mich, und ich schwöre es Ihnen zu, auch Sie.«

Wenn eine solche Sprache nicht Glauben findet, was soll dann noch Glauben finden in der Tiefe des weiblichen Lebens?

Noch aber war in ihrer Seele eine leise warnende Stimme. Der geraubte Kuß hatte sie eingeschüchtert. Ihre Vernunft sagte ihr, er ist dir ja noch fremd, du kennst ihn nicht und wie sehr auch ihr Herz sie hinzog, sich dem innigst geliebten Mann vertrauungsvoll an die Brust zu werfen, so vermochte sie es doch über sich selbst, ihm leise und mit fast athemloser Stimme zu sagen: »Reden Sie mit meinen Eltern, wenn diese unsere Verbindung segnen, so wird es uns auch an Gottes Segen nicht fehlen.«

»Darf ich in diesen Worten die Zustimmung Ihres Herzens lesen?«

»Würde ich sie sonst gesprochen haben.«

»O meine süße himmlische Emma, dann sind Sie ja vor Gott schon meine Braut. Dann haben wir ja Beide ein schönes Anrecht, durch das heilige Siegel der vereinigten Lippen diesen sittlichen Bund unserer Herzen und Hände zu weihen.«

Damit machte er aufs Neue den zärtlichen Versuch, sie zu küssen.

»Noch zu früh!« entgegnete Emma, indem sie ihn mit Ernst zurückwies. »Meine Eltern werden entscheiden, ob die Verhältnisse, die im Leben oft ein so bedeutendes Wort dazu sprechen, von der Art sind, daß ich mich ewig binden darf.«

»Sie lieben mich nicht, Emma, wer noch auf Vernunftgründe hört, versteht nicht zu lieben.«

»Eben um im Taumel der Leidenschaft die Stimme der Vernunft nicht zu überhören, zwinge ich mich, das Gefühl der Liebe meinem Herzen fern zu halten, bis es ein berechtigtes ist.«

»Ein kleiner Teufel von Sittsamkeit und Tugend«, dachte er im Stillen und dann fuhr er fort:

»So werde ich denn alle Formen erfüllen, um eine solenne Verlobung à la deutscher Michel zu Stande zu bringen. Morgen um zehn Uhr werde ich im Sonntagsrock mit Schuhen und seidenen Strümpfen, einen mächtigen Blumenstrauß vor der Brust, und das parfümirte weißleinene Taschentuch nebst silberner Schnupftabaksdose in der Hand haltend, vor Papa und Mama nebst Töchterchen, das vor Verlegenheit am Schürzchen zupfend, gesenkten Hauptes hinter ihren Sesseln steht, hintreten und in Gegenwart von Chokolade trinkenden Basen mit spitzen Nasen und hölzernen Vettern also reden: »Verehrungswürdiger Herr Geheimer-Ober-Canzlist, ehrwürdige Frau Geheime etc., indem ich allhier auf Freiers-Füßen erscheine, muß ich damit beginnen, Ew. Wohlgeb. gehorsamst anzuzeigen, wasmaßen ich allhier in königlicher Residenz Berlin Hauseigenthümer, Bürger und Kaufmann bin, auch sonstiges Vermögen habe. Um solches zu bewahrheiten, erlaube ich mir hiebei vorzulegen: primo einen Hypothekenschein über meinen schuldenfreien Grundbesitz und dessen Taxwerth zu 60000 Thlr.; ferner pro secundo, meinen Bürgerbrief; pro tertio eine Versicherungspolice meines Waarenlagers auf 20,000 Thlr.; pro quarto ein polizeiliches Attest über meine gute Führung; pro quinto einige Dutzend Berlin-Potsdam-Magdeburger Eisenbahn-Actien, die sicher wieder al pari zu stehen kommen werden, sobald die projectirte Eisenbahn nach dem Monde zum erfreulichen Anschluß fertig sein wird. Würden nun, fahre ich dann fort, Wohldieselben aus sothanen Documenten genügende Ueberzeugung schöpfen, daß meine geringe Wenigkeit hinreichend qualificirt sei, um einen würdigen Freier abzugeben, so gebe ich mir hiermit die Ehre, um Herz und Hand von Wohlderoselben Demoiselle Tochter zu bitten; solches auch demnächst bei Empfang des Jaworts und obligaten Segens fußfällig zu repetiren; dann coram clerico die Verlobung und nach diesem unter Gottes Segen die Hochzeit zu celebriren.« – »Nun, was sagt meine süße Emma zu einer so rührenden, ächt spießbürgerlichen Scene, wird sie dann die Meine werden und wenn Papa mich Sonntags zu Tische einladen sollte, was der Anstand erfordert, mich mit Brühsuppe und Klößen, Erbsen mit Sauerkohl und Schweineohren bewirthen, oder wird sie auf alle diese Ceremonien Verzicht leistend in meine Arme sinkend sprechen: »Dieses Bocksbeutels bedarf es nicht und würfe das Jawort mir ins Gesicht.«

Diese ironische Rede, womit eigentlich der junge Mann seine eigene erwachende ernstlichere Leidenschaft für das liebenswürdige, engelreine, junge Mädchen hatte hinwegspötteln wollen, war wohl geeignet, das feinere Gefühl der Jungfrau auf das Tiefste zu verletzen. Sie hatte schweigend zugehört. Mit gesenktem Kopf und thränenden Augen war ihr die Ahnung aufgegangen, daß dieser Mann, der es vermochte, den heiligsten Moment des Lebens, die Dahingabe des ganzen Lebensglücks an einen geliebten Mann, das weihende Jawort, den ersten bräutlichen Verlobungskuß, den Segen tief gerührter Eltern, so heillos zu verspotten, – mit dem Herzen betrogen sein müsse, und dann, was sollten ihr denn seine Reichthümer, dann würde sie, das fühlte sie lebhaft, mit dem Ringe des mindestens leichtsinnigen und herzlosen Mannes, das erste Glied einer Kette maßlosen, lebenslänglichen Elends an ihre Hand geknüpft haben.

Diesem Gefühl, das wie ihr klarer Verstand und reiner Sinn erkannte, erst durchgekämpft werden mußte und sei es bis zur ewigen Trennung, vermochte sie jetzt nicht Worte zu geben. Sie stand auf und sprach im kalten ruhigen Ton: »Aber es wird Zeit sein, meinen Bruder aus seiner Gefangenschaft zu erlösen.«

Herr Liebreich erkannte sogleich, daß er zu weit gegangen war, indem er sich von einer aristokratischen Laune, die im blasirten Uebermuth so gern über alles Bürgerliche spottet, zu weit hatte hinreißen lassen. Aber er war zu stolz, sie deshalb um Verzeihung zu bitten, oder nur den Scherz mit der Wirkung der Punschbowle zu entschuldigen.

Na, dachte er bei sich selbst, die bürgerliche Creatur wird sich am Ende in diesen Ton der Noblesse schon finden müssen, bis dahin freilich werden wir den sentimentalen Heirathscandidaten aus der Philisterwelt spielen müssen.

Er stand auf, hing schweigend Emma den Mantel um, zog seinen russischen Pelz-Palletot an und bot ihr seinen Arm. Er versuchte es, durch Schweigen den Beleidigten zu spielen, weil er aus Erfahrung wußte, daß junge Mädchen die versöhnlichsten Wesen auf der Welt sind, wenn man sie nur dahin bringen kann, zu erkennen, daß sie den Mann, den sie lieben, gleich viel ob mit Recht oder Unrecht, tief verletzt haben.

Nachdem Herr Liebreich die Collation in der Conditorei bezahlt hatte, stieg er mit Emma abermals in eine Droschke und fuhr mit ihr nach dem Polizeicommissair, der jetzt ja zu Hause sein mußte.

Die Nachtwächter pfiffen ein Uhr. Einige Glockenthürme nahe und fern gaben dieselbe Stunde an. Die Gaslampen brannten noch hell auf den fast menschenleeren Straßen; und die Räder der von Bällen und Soireen zurückkehrenden Equipagen pfiffen auf dem hartgefrornen Schnee.

Noch hatte Emma kein Wort gesprochen; denn neben dem schweigenden Nachbar gab sie ihren raisonnirenden Mädchengedanken eine kleine Privataudienz.

»Es ist wahr,« sprach sie bei sich selbst, »er mag leichtsinnig sein, aber er ist noch jung und kann sich an der Hand einer klugen Frau noch bessern. Und wenn sein Spott über die gewiß jedem Mädchenherzen heilige Verlobungsscene etwas herzlos klang, so darf man das einem Berliner nicht besonders übel nehmen, bei dem der Hang zu witzeln und Alles zu bespötteln, jede tiefere Gefühlsäußerung unterdrückt. Und ohne Witz war es nicht, was er sagte, nur nicht auf meine Verhältnisse passend, nicht einmal die heutige Kleinstädterei richtig persiflirend, sondern nur die aus der Komödie des vorigen Jahrhunderts. Er scheint das kleinbürgerliche Leben nur aus Büchern zu kennen und dann ist es an mir, ihm die reine, gemüthliche Seite desselben aufzuschließen. Und am Ende, beim Licht der Vernunft besehen, was will ich denn mehr? Ein armes Mädchen, dessen ganzer Reichthum eine kunstfertige Nadel ist; das einmal einen alterschwachen Vater oder gar eine hülflos verwittwete Mutter und vier verwaisete kleine Geschwister zu ernähren haben wird, muß es noch für ein großes Glück von Gottes Gnade erkennen, wenn ihr eine solche Partie dargeboten wird, wie diese: Hausbesitzer, Kaufmann, Bürger, vermögend dazu und unbescholten. Und wenn ich ihn nicht liebte, so würde ich gewissenlos, unklug und albern handeln, wollte ich ihn zurückweisen, aus vielleicht zu weit gehender Besorgniß, daß sich das Herz nicht zum Herzen finde! – Wo, in welcher Ehe im Leben findet sich wohl solche Harmonie der Seelen? Ist es dem Kaiser Karl V. in seiner Mönchszelle im Kloster Escurial nicht gelungen, nur zwei Uhren übereinstimmend zu reguliren, wie mag das von zwei Menschenseelen verlangt werden können? Und dann geht es selbst in der glücklichsten Ehe wie in der Musik: jede Dissonanz löset sich in Harmonie auf, die um so mehr an Wohlklang gewinnt, je mehr sie durch den vorhergegangenen Mißklang gehoben wird. Und am Ende bin ich auch wohl zu weit gegangen in meiner Empfindlichkeit.«

Mit diesen Gedanken legte sie leise ihre Hand auf die seinige und fragte mit unnachahmlichen Tönen der Liebe: »Was fehlt Ihnen, Herr Liebreich, Sie sind so schweigsam!«

»Sie waren es ja auch nach meinem unzeitigen Scherz, liebe Emma, und so wagte ich denn nicht ....«

»O mein Gott, bitte, vergeben Sie dem unerfahrnen Mädchen, mein unartiges Maulen, ich glaubte ja wirklich, Sie wollten meine lieben Eltern, meine heiligsten Gefühle verspotten; ich meinte in meiner thörichten Aengstlichkeit: Sie hätten kein Herz für reine, wahre Liebe und da dachte ich, was soll mir eine Liebe ohne Herz!« –

»O Sie Engel an Güte! wie glücklich Sie mich machen? wie sehr Sie mich beschämen? an mir liegt es ja, mich zu entschuldigen und um Nachsicht zu bitten. Ich hatte mir ja, weil ich mit dem Sturmdrange einer glühenden Leidenschaft Ihre besonnene Zurückhaltung nicht reimen konnte, gedacht, daß Sie grade, deren Liebe mich zum glücklichsten Sterblichen gemacht hätte, kein Herz haben für die Liebe und nur aus Rücksichten auf eine gute Partie mir die Anwerbung bei ihren Eltern erlaubt haben.«

»Und sie konnten wirklich mich für so kaltherzig halten?«

»O nein, nein!« rief er leidenschaftlich und küßte ihre liebe kleine Hand, »es ist ein Unglück in der Liebe, wenn man mißtrauisch ist! Ich schwöre für immer solche störende Gedanken ab, aber dann, liebste Emma, hätte ich noch eine dringende Bitte, die Sie mir gewähren müssen...«

»Wenn es irgendwie möglich ist, reden Sie.«

»Bitte, bitte«, und dabei sah er sie so komisch zärtlich an, daß sie nicht umhin konnte zu lächeln, »sein Sie nicht immer so schauderös vernünftig!« –

Jetzt wurde das Lächeln des jungen Mädchens ein Lachen.

Das war es, was er beabsichtigt hatte; denn er wußte wohl, daß die Amouretten im Scherzen oft mehr Blumen brechen, als die tragische Maske der Leidenschaft.

Und Emma entgegnete: »Sie nehmen das Leben so leicht....«

»Immer von der heitersten Seite«, unterbrach er sie.

»Daß,« fuhr Emma fort, »es fast unmöglich ist, ernst zu bleiben auch in ernster Sache.«

»Und ich frage Sie, liebe Emma, gewährt der trockne Ernst und das daran sich knüpfende tragische Gefühl nur einen Hauch von jener Heiterkeit, die doch das Leben bedarf, um in so schweren Zeiten, auf dornenvoller Bahn das Dasein ertragen zu können?«

»Freilich, ein Scherz zu rechter Zeit ist wohlthuend, selbst für ein krankes Herz.«

»Nun, dann gewähren Sie dem Scherz, was Sie dem Ernst versagten, den Versöhnungskuß.«

Und Emma ließ sich küssen, ohne zu zürnen.

Sie dachte dabei, was ihre selige Tante, ein altes unvermähltes Hausinventar, immer zu äußern pflegte, wenn sie von ihrer Jugendschönheit und ihren damaligen Liebschaften erzählte: »Einen Kuß in Zucht und Ehren kann Niemand wehren!«

Die Droschke hielt und Herr Liebreich war zufrieden mit diesem vorläufig erlangten Erfolge, stieg dann aus und begab sich in das Haus, worin die Wohnung und das Büreau des Polizeicommissairs dieses Reviers sich befand.

Nach einigen Minuten trat er wieder an die offene Thür der Droschke.

»Verdammt,« sprach er, »löbliche Polizei schläft zum Heile der Stadt. Vergebens zog ich die Klingel. Einen Hund hörte ich bellen, aber Menschen rührten sich nicht. Was nun beginnen? Ob ich Feuerlärm schreie, dann muß wohl die löbliche Polizei auf die Beine kommen.«

»Treiben Sie keinen Unsinn, bedenken Sie, daß Sie mich selbst exponiren würden, ohne helfen zu können, und dann, wie viel Menschen würden Sie erschrecken.«

»O in unserm guten Berlin läßt sich der brave Weißbierphilister durch ein Bischen Feuerlärm nicht aus dem Schlafe stören. Er kennt und achtet das große Gesetz: »Ruhe ist die erste Bürgerpflicht« und überläßt alles gemeinsame Unglück dem höchsten Gott und einer hohen Obrigkeit. Aber auf dem Büreau des Polizeipräsidenten werden noch Beamte sein, welche die Nachtwache haben. Fahren wir dorthin.«

Emma war damit zufrieden. Herr Liebreich aber flüsterte dem Droschkier einige Worte zu, die sie nicht verstand. Es war der Befehl, noch eine Stunde in der Stadt herum zu fahren; dann vor dem Polizeipräsidium zu halten.

»Aber in der Nacht? das kostet mehr!«

»Versteht sich, hier sind zwei Thaler.«

Dann stieg er ein, ließ alle Fenster schließen und befand sich mit der lieblichen Emma allein in dem nur durch vorübergleitende Gaslaternen bisweilen unterbrochenen Helldunkel.

Aber Emma in der reinen Jungfräulichkeit ihres ganzen Wesens war wie die Sensitive, bei der leisesten unzarten Berührung zog sie sich in sich selbst zurück. Sie machte sich Vorwürfe darüber, im Scherz dem leidenschaftlichen, aufgeregten jungen Manne schon viel zu viel gewährt zu haben, und als dieser aufs Neue den Versuch wagte, sie zu küssen, wies sie ihn mit einem Ernst und einer Würde der höheren Weiblichkeit, die selbst dem Roué imponirte, in die Grenzen der Bescheidenheit zurück.

»Achten Sie so wenig mein sittliches Gefühl«, sprach sie, »so darf ich Ihnen nicht erlauben, bei meinen Eltern um meine Hand zu werben. Ein Mann, der seine Leidenschaften nicht zu beherrschen weiß, wird nie die Bürgschaft für eine glückliche Ehe gewähren können.«

»Sie reden da wie ein Buch über weibliche Erziehung, liebe Emma«, sprach er verletzt.

»In diesem Falle,« entgegnete sie, »war es das Buch, das stets in meinem Innern aufgeschlagen liegt, woraus ich diese Stelle citirte, das Buch der Sittlichkeit und des gesunden Verstandes.«

»Es ist zum Desperatwerden!« sprach er vor sich hin, »mit einem solchen Satan von Keuschheit könnte man drei Tage und drei Nächte in einer versiegelten Droschke herumkutschiren und käme um keinen Schritt weiter. – Droschke!« rief er und klopfte ans Fenster, »auf dem kürzesten Wege nach dem Polizeipräsidium!«

Es dauerte nicht lange, so hielt der Wagen.

Diesmal lud er Emma ein, ihn zu begleiten. Eine Wache von Gensdarmen befand sich im Vorzimmer eines Locals, das mit großen Buchstaben die Aufschrift führte: Polizeipräsidium, und dann mit kleinerer Schrift »Man wolle eintreten ohne anzuklopfen.«

Liebreich und Emma traten ein. Mehrere Gensdarmen richteten sich schlaftrunken auf von dem alten Eichentisch, worauf sie mit den Köpfen lagen und eingeschlafen waren, in der Eigenschaft als Wächter der öffentlichen Sicherheit.

Pfeifen, ausgebrannte Cigarren, Würfel und Karten lagen umher auf dem Tische, wir wollen hoffen, daß es confiscirte Gegenstände waren, um nicht annehmen zu müssen, daß die löbliche Polizei für sich als erlaubt hielt, was sie an Andern mit Diensteifer verfolgte.

Auf die Frage des Herrn Liebreich, ob er nicht den Herrn Polizeipräsident in einer dringenden Angelegenheit sprechen könne, antwortete ein Gensdarm: »Mein Herr, haben Sie die Güte mir zu sagen, ob Sie verrückt sind noch um ein Uhr Nachts eine Audienz bei Sr. Excellenz zu verlangen oder ich, daß ich Sie nicht zur Thür hinauswerfe.« – »Um ein Uhr Nachts«, bemerkte ein Anderer etwas höflicher, »befindet sich eine Excellenz entweder im Bett oder auf einem Souper und Ball, diesmal bei dem russischen Gesandten.«

»Nun dann wird doch wenigstens ein Polizeisecretair den Dienst haben.«

» A la bonne heure, das ist etwas Andres, belieben Sie nur einzutreten.«

Ein kleines Männchen hatte den Nachtdienst. In einem Sessel hinter dem warmen Ofen war er eingeschlafen. Von einem Gensdarmen geweckt war das ältliche Männchen, mit der Feder hinterm Ohr und grünem Büreauärmel am rechten Arm, bald munter.

Herr Liebreich brachte sein Anliegen vor und erzählte die Geschichte von Edmund's Verhaftung wegen irrthümlich angeschuldigten Cigarrenrauchens auf der Straße und daß hier dessen Schwester die Absicht habe, die Geldstrafe zu erlegen; dann aber auch dessen augenblickliche Entlassung aus der Polizeihaft erwarte.

Der Polizeisecretair warf sich ein wenig in die Brust, strich sich das glatt rasirte Kinn und sprach: »Hm, hm! die Sache hat keine Eile, morgen wird die Meldung eingehen und bis dahin bleibt die vorläufige Verhaftung legal. Das Weitere wird sich finden; übrigens, mein Herr, finde ich es, mindestens gesagt, bedeutend unverschämt von Ihnen, wegen einer solchen Bagatellsache die nächtliche Ruhe einer löblichen Polizei zu stören. Adieu!«

»Nicht also, mein Herr Secretarius,« sprach der junge Mann mit dem vollen Aplomb eines hohen Ranges, »Sie werden augenblicklich die Güte haben, wegen Ihrer unbescheidenen Aeußerung um Verzeihung zu bitten und dem billigen Verlangen dieses jungen Mädchens, dessen Wünsche ich zu den meinigen mache, zu genügen, widrigenfalls beim Diner dem Könige eine lustige Geschichte von dem lächerlich übertriebenen Diensteifer der hiesigen Polizei, von ihrem neuesten Fang auf der Cigarren-Parforce-Jagd erzählt werden wird.«

»Wie, mein Herr! Sie wagen es?....«

»Und mit vollem Rechte. Hier, meine Karte. Schweigen Sie über den Inhalt. Ich erscheine hier als der Kaufmann Liebreich.«

Auch dieser Polizeimann hatte kaum einen Blick auf die gräfliche Visitenkarte geworfen, so war er wie umgewandelt, zog das Hauskäppel vom halb kahlen Kopfe und stand auf, um sich tief zu verneigen.

»Bitte tausendmal um Entschuldigung« sprach er. »Wollen der Herr...«

»Liebreich.«

»Ja, ja, Herr Liebreich und das gnädige Fräulein nicht die hohe Gewogenheit haben, Platz zu nehmen?« Damit deutete er auf ein altes, mit Leder überzogenes Canape und zog die Klingel. Ein Ordonnanz-Gensdarme trat herein.

»Wer hat gegen neun Uhr den Dienst gehabt auf dem Weihnachtsmarkt am Schloß, auf der Station vom Candelaber nach der Brüderstraße?«

»Die Gensdarmen Krause und Schäfer.«

»Sind sie noch hier?«

»Im Vorzimmer.«

»Sollen eintreten.«

Zwei andere Gensdarmen traten ein und erklärten auf Befragen, daß sie einen jungen Menschen mit einer Scheincigarre im Munde, womit er eine löbliche Polizei habe verhöhnen wollen, verhaftet hätten, weil er die Geldbuße nicht habe entrichten können. Auf dem Morgenrapport werde die Sache zur Meldung kommen.

»Dummheiten das,« zürnte der Polizeisecretair, »augenblicklich loslassen, auf meine Verantwortung.«

Die beiden Gensdarmen sahen sich einander betroffen an und Einer sprach: »Zu Befehl!« der Andere fügte hinzu: »Sollen wir den Contravenienten hierher führen?«

»Wir wünschen ihn selbst aus der Gefangenschaft zu erlösen, man führe uns in das Polizeigefängniß.«

 

7.

Wir haben indeß den armen Edmund und dessen Vater ganz aus dem Gesicht verloren.

Die Gensdarmen hatten ihn richtig zur vorläufigen Detention in das Polizeigefängniß der Hausvogtei abgeliefert. Das sollte aber kein Gefängniß heißen, sondern nur ein vorläufiger Aufbewahrungsort für solche Polizeiarrestanten, die demnächst entweder wieder entlassen oder ihrem Richter vorgestellt werden sollten.

Die Polizeigefängnisse in der Hausvogtei würde man viel zu hoch ehren, wenn man sie die »Vorhölle der Verdammten« nennte; denn das ist eben das Verdammliche dieser dunkeln Moderlöcher, daß sie den Schuldigen wie den Unschuldigen, den Gebildeten wie die roheste Gemeinheit, den Nüchternen wie den viehisch Betrunkenen in sich aufnehmen.

Diese engen, dunkeln Gemächer dienen sämmtlichen Gefangenen, so viel auch in einer Nacht aus einer so großen Stadt wie Berlin eingebracht werden mögen zum gemeinschaftlichen Aufenthalt. Dort herrscht die vollkommenste Gleichheit vor dem Gesetz. Gleichviel, ob Armuth und das Verbrechen der Besitzlosigkeit die Ursache der Verhaftung ist; gleichviel, ob oder welche Ueberschreitung der Polizeiordnung oder Willkür hochmüthiger Beamten ihn zur Haft gebracht haben, ob er an das Criminalgericht geliefert oder schon nach einigen Tagen entlassen werden muß: so herrscht doch hier völlige Gleichheit bei einer scheußlich ekelhaften Unsauberkeit. In einem dieser kleinen Gemächer liegen oft mehr als zehn Personen beisammen auf dem Fußboden, und der später Eintretende hat sich wohl in Acht zu nehmen, daß er nicht auf menschliche Leiber trete, die sich dann mit Fußtritten und wildem Geschrei gegen ihn erheben würden. Höchstens wird ein Holzklotz oder eine Pritsche zur Unterlage gegeben, welches Glück jedoch nur den Wenigsten zu Theil wird. – Eben weil hier weder Untersuchungshaft, noch Gefängnißstrafe verbüßt werden soll, sind für solche Verwahrungsorte der Polizei keine Ausgaben im Budget ausgeworfen und darum sind sie weit scheußlicher, als die eigentlichen Gefängnisse des preußischen Staates.

Diese Höhlen sind meist so voll Ungeziefer, daß der, welcher nur einige Stunden darin sich aufhält, Mühe hat sich davon wieder zu befreien. Dabei herrscht auf den Gängen und in den Gemächern ein pestilentialischer Geruch, vor welchem selbst die Gefängnißwärter bei der Morgeninspection den tiefsten Ekel empfinden.

Nichts schützt dort den gebildeten Mann gegen die Rohheit der tiefsten Gemeinheit. Der stille Seufzer des Unglücklichen verhallt dort unter dem wilden Lachen vom Auswurf der Menschheit.

In einem dieser schrecklichen Gemächer erblickte man inmitten dieser grotesken Gruppe, nur von einem schwachen Lampenscheine erhellt, zwei Unglückliche, die aneinander geschmiegt kaum ihre Thränen zu überwältigen wissen.

Ein alter Mann mit gelblichem Flausrocke, mit dünnem weißen Haar auf dem zum Theil schon kahlen Scheitel, saß auf dem einzigen Schemel in diesem gräulichen Gemach und ein junger Mensch im schwarzen Sackpalletot stand daneben und hielt den müden Greis umfaßt, indem er ihm Trost und Hoffnung auf Entlassung nach Tagesanbruch zusprach.

Schon hatten sie bis nach ein Uhr unter dem Spott und Hohn ihrer entsetzlichen Mitgefangenen hier gesessen und gestanden, als die Thür sich aufthat und ein Gensdarme, ein Licht in der Hand haltend, hereintrat und rief: »Der Gymnasiast Edmund Redlich, wegen Tabakrauchens, soll entlassen werden!«

Hinter dem Manne des Gesetzes waren aber noch zwei Personen in der offnen Thür stehen geblieben, ein junger Mann und ein junges Mädchen, und im nächsten Augenblick erkannte Emma ihren Bruder Edmund und dann mit freudigem Schreck ihren Vater, den alten Geheimen Canzlist Redlich.

Das war ein Aufschrei, eine Umarmung und Herr Liebreich bedrängte die Tochter mit dem Bruder und dem Vater, diese Höhle polizeilichen Elends möglichst schnell zu verlassen.

Der Polizeisecretair hatte sie auf das Höflichste nach dem Hausvogtei-Gefängnisse begleitet, bald war es auch wegen des alten Mannes zur Verständigung gekommen und als auch dessen Freilassung genehmigt war, stellte Emma ihrem Vater und Bruder ihren gütigen Retter vor, auch aus einer eigenen Gefahr, wie sie später erzählen werde.

Dieser antwortete, daß er sich glücklich fühle im Stande gewesen zu sein, einer so achtbaren Familie einen so kleinen Dienst zu leisten und bat um Erlaubniß, sich um elf Uhr Morgens persönlich nach ihrem Befinden erkundigen zu dürfen.

Diese Erlaubniß wurde dem artigen jungen Mann mit den wärmsten Dankbezeugungen zugesagt und Herr Liebreich führte seine drei Geretteten zu der vor dem Eingange noch haltenden Droschke, indem er sie einlud hineinzusteigen und dann selbst auf dem Rücksitz Platz nahm. Der Wagenschlag wurde zugemacht, die Fenster waren aufgezogen und die Droschke setzte sich im langsamen Hundetrapp in Bewegung.

Jetzt hatte Emma weit mehr Muth, als da sie noch mit dem jungen Manne sich allein befand. Sie erzählte jetzt mit den wärmsten Farben der Dankbarkeit die Scenen ihrer Rettung, so weit sie sich von einem jungen Mädchen mittheilen ließen und schilderte, wie sich Herr Liebreich überall so männlich und fest benommen habe, und wie er auf diese Polizeimänner zu imponiren gewußt. »Ohne seine menschenfreundliche Hülfe«, schloß sie, »säße ich jetzt, wer weiß auf wie lange im Criminalgefängniß und an Euere Befreiung, mein Vater und Bruder, wäre noch lange nicht zu denken gewesen.« Und damit reichte sie ihm die Hand, indem sie ihm die seinige drückte und der vorüberfliegende Schein einer Gaslaterne beleuchtete die liebevollen Blicke eines glücklich sich fühlenden jungen Mädchens.

Während Vater und Sohn ihn mit den wärmsten Danksagungen fast überschütteten, zog er ihre Hand an seine Lippen und sprach dann halblaut: »Sie kennen meine Wünsche, liebe Emma. Legen Sie ein gutes Wort für mich ein bei ihren Eltern. Morgen komme ich, mir die Antwort zu holen, die über das Geschick meines Lebens entscheiden wird.«

In gewissen Dingen sind die Väter oft schwer von Begriffen, und der junge Mensch war noch viel zu unerfahren, um diese doch ziemlich deutliche Anspielungen zu verstehen, die auch seinem Vater noch böhmische Dörfer blieben.

Der Wagen hielt vor dem Hause, Brüderstraße Nro. 43 und der Droschkier öffnete den Schlag. Sie stiegen aus.

Während der Nachtwächter, der herbeigerufen war, sich beschäftigte, das Schloß der Hausthür vermittelst seines Schlüsselbundes zu öffnen, wünschte Herr Liebreich der geretteten Familie noch eine gute Nacht und küßte den Sohn und den Vater und reichte dann Emma die Hand, indem er sie beweglich ansah.

»Emma,« sprach der junge Mensch in naiver Heiterkeit, »so gewähre ihm doch einen Kuß der Dankbarkeit; Du siehst ja, daß er darum bettelt wie ein aufwartendes Hündchen.« Dabei drückte er beide Köpfe gegen einander und fast hätte es Noth gethan, sie wieder zu trennen, denn beinahe eine Minute lang waren ihre Lippen wie aneinander gewachsen.

In Gegenwart ihres Vaters und Bruders hielt sie nicht mehr für Unrecht, was sie ihm unter vier Augen nicht gewährt haben würde.

Bald darauf war die Familie in der Hofwohnung im vierten Stock versammelt. Die Mutter lebte wieder auf von ihrer Angst. Erst vor einer halben Stunde hatte ein bärtiger Mann den kleinen Fritz wieder gebracht. Dieser erzählte ziemlich confus, daß der gute freundliche Herr ihn in einen Conditorladen geführt, wo hübsche Mamsells gewesen seien, mit denen er viel Spaß gemacht habe; dann habe er ihn im kleinen Hinterzimmer mit Chokolade gepappt und das habe prächtig geschmeckt; darüber sei er eingeschlafen, und im Schlaf sei er hierher gebracht, er wisse nicht wie. Von Schwester Emma wußte der dumme Junge auch nicht viel mehr zu erzählen, als ein buntes Durcheinander von Gensdarmen, Polizei und Diebesgeschichten, daß seine Mittheilungen wenig geeignet waren, das Mütterchen zu beruhigen.

»Nun, Gott sei Dank,« sprach endlich der Vater, »daß Alles so abgelaufen ist. Morgen mehr. Legen wir uns zu Bett.«

»Gute Nacht, gute Nacht, gute Nacht!«

Bald war alles Licht erloschen und im tiefen Schlummer war aller Noth vergessen.

Nur Emma konnte lange nicht einschlafen.

Sie träumte wachend und schlummernd von ihrem lieben Retter, der, wenn sie das Alles so überdachte, in ihren Augen immer mehr das Ideal eines vollendeten, herrlichen und liebenswürdigen Mannes wurde.

»Und,« fragte sie sich selbst, »ob er heute um elf Uhr noch kommen wird? O gewiß, er liebt mich ja.«

Armes, liebliches Wesen, wie schön ist Dein Traum, Dein Glaube, Deine Liebe und Deine Hoffnung; wie schwer werden erst Deine Täuschungen sein!

 

8.

Bei der beschränkten Wohnung, welche die hohen Miethpreise in Berlin den minder wohlhabenden Familien gestatten, sieht man in den meistens nicht sehr räumlichen Wohnstuben in der Regel ein bis zwei schmale Betten stehen, deren egal gelegte Bettstücke mit einer weißen Decke belegt sind. Dann steht dort noch ein Schlafsopha, das Abends auch mit Betten belegt wird, und diese Schlafstellen dienen dann einem Theil der Familie als Ruhestätte, ein anderer Theil schläft in einer kleinen einfenstrigen Kammer, neben der Wohnstube.

An einer Küche, oder selbst einem Kamin fehlt es solchen Wohnungen in der Regel. Das sogenannte Kochgelaß, welches einen Ehrenplatz mit im Miethcontract einnimmt, besteht dann in dem schwarzen Kachelofen, der von innen mit Torf und einigen Holzstücken geheizt wird und dann eine Thür hat, die groß genug ist, um einen Topf in den Ofen zu schieben. Im Winter ist das angenehm, gleichsam zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, d. h. Wärme und Kocherei von einem Feuer zu gewinnen; im Sommer dagegen erträgt man das Bischen Hitze zur Mittagszeit, öffnet die Fenster und geht so ökonomisch mit dem Feuermaterial um, daß die Belästigung doch so groß nicht ist.

Damit haben wir zugleich die bescheidene Wohnung des geheimen Canzlisten geschildert. In der Stube schliefen Emma mit den beiden kleinen Mädchen; in der Kammer Vater und Mutter, nebst Edmund. Die beiden Knaben lagen nur leicht zugedeckt mit einer wollenen Decke, mit den Füßen gegeneinander auf dem Schlafsopha.

Emma war, wie gewöhnlich, trotz der unruhigen Nacht die Erste im Hause auf. Mit stiller Geschäftigkeit ordnete sie ihr glänzendes kastanienbraunes Haar, das sie glatt gescheitelt trug, um weniger Zeit darauf verwenden zu müssen, gab mit reinem kalten Wasser den dunkelbraunen Augen ihren Glanz und der Gesichtsfarbe die jugendliche Frische wieder, setzte dann Kaffeewasser auf in dem erwähnten Ofen, reinigte und ordnete das Zimmer so weit es möglich war, ohne ihre noch schlafenden kleinen Geschwister zu stören, und wie der duftende Kaffeetopf mit den kleinen Tassen von Steingut auf dem Tische stand, legte sie Brod und Messer daneben und klopfte leise an die Kammerthür, neben welcher Edmund schlief. Dieser klopfte wieder, zum Zeichen, daß er es gehört hatte, und bald trat er häuslich angekleidet aus dem Schlafgemach und küßte Emma mit dem Guten-Morgengruß.

Dann begab sich das liebliche Mädchen in die Kammer und weckte Papa und Mama mit einem Kuß und Glückwunsch zum heutigen Weihnachtsfeste.

»Möge es uns ein segensreiches sein,« fügte sie hinzu mit einem Gedanken, der ihr Thränen der Rührung brachte. Es lag eine tiefe Andacht in diesen Worten und ihr Vater fühlte das wohl, denn er sprach mit gefalteten Händen sein »Amen« dazu.

Nun wurden von dem thätigen Mädchen die Kinder geweckt und schnell angezogen, während Edmund draußen auf dem Flur seine und seines Vaters Stiefeln und die Schuhe seiner Geschwister putzte; das galt dem in oft drückender Armuth erzogenen Primaner nicht für eine Schande. Indeß räumte Emma schnell das Nachtlager vom Sopha, ordnete die Betten und eilte dann die drei Treppen hinunter und auf die Straße, um für Vater und Mutter jedem ein Milchbrödchen zu kaufen. Sie vergaß auch nicht, ein Töpfchen Milch und einen Krug Wasser mit hinauf zu nehmen; denn so viel warfen die Einkünfte dieser Familie nicht ab, um eine Aufwärterin zu halten.

Endlich war Alles geordnet. Vater und Mutter saßen auf dem Sopha; Emma und Edmund stellten den etwas schweren Kaffeetisch vor ihnen hin; der kleine Fritz, an dem die Reihe mit dem Gebet war, sprach mit gefalteten Händchen: »Diesen Morgen segne uns Gott der Vater, Amen!« Alle beteten still mit und nun schenkte Emma die Kaffeetassen zum Ueberlaufen voll Milchkaffee, damit Jedem sein Recht werde. Aus einem Papierchen wickelte sie für Vater und Mutter, für Jeden ein Stückchen Zuckerkand, Emma und Edmund, die sich, jener neben den Vater, diese an die Seite der Mutter gesetzt hatten, nebst den Kindern, die gegenüber am Tische standen, waren an solchen Luxus nicht gewöhnt. Das schwarze Morgenbrod in den Kaffee getunkt, bekam ihnen ganz prächtig, wie ihre frischen blühenden Wangen bezeichneten, und nun wurden noch einmal die Ereignisse der vorigen Nacht besprochen.

Erst jetzt vermochte es die liebende Tochter mitzutheilen, daß eben jener dienstfertige Fremde, dem sie ihre Rettung zu danken hatten, um ihre Hand geworben und heute um elf Uhr kommen werde, es ihren Eltern zu sagen.

Aber bis es dahin kam, daß dieses bruchweise, mit fast stockendem Athem und hörbarem Herzklopfen, von dem jungen Mädchen abgegebene Geständniß zu Stande kam, hatte sie erst weinend sich in die Arme ihrer Mutter geworfen und gesagt: »Lieb Mütterchen! ich habe Dir Wichtiges zu entdecken, aber ich kann's nicht herausbringen und doch drückt's mir das Herz ab.«

Und als es denn endlich heraus war, da hätte man die Glückseligkeit dieser Familie sehen sollen, die nun auf einmal mitten in ihrer Noth an dem reichen Tochtermann, denn das hatte Emma schon um Vater und Mutter willen wohlbedächtig hervorgehoben, eine Stütze für ihr Alter und damit das Glück ihres Kindes gefunden zu haben wähnten.

Der Vater nahm sein Hauskäppchen ab und betete laut ein Vaterunser. Die Mutter wünschte ihrer Tochter Tausend Gottes-Segen; Edmund sprang ihr an den Hals und jubelte laut: »Schwester Emma ist Braut, nun ist Alles gut, ich mache ihr ein griechisches Hochzeitscarmen – und werde Student!«

»Höre, Vater,« fuhr er fort, indem er aus seiner Palletottasche ein besiegeltes Attestat zog, »hier!« rief er, »mein Maturitätszeugniß, herzliebes Väterchen, und zwar magna cum laude, Alles glücklich überstanden, das sollte mein Weihnachtsgeschenk sein, und hier ist es; ja, ja, Herz-Väterchen, Alles glücklich überstanden, selbst die letzte öffentliche Prüfung; nun gehe ich Ostern auf die Universität, Stipendien werden sich ja wohl schon finden.«

Und dazwischen riefen die Kinder: »Aber, Papa und Mama, der Weihnachtsmann hat uns ja ganz vergessen und da am Fenster unter Edmund's Schreibtisch liegt ja schon der Weihnachtsbaum!«

Die Mutter vertröstete die beiden Knaben und die kleinen Mädchen auf den Abend, wo Alles nachgeholt werden solle, denn jetzt hatte sie Wichtigeres mit ihrer Tochter zu besprechen.

 

9.

Die Tochter Braut! und zwar die Erste, die bestimmt ist, von den Familienbanden sich abzulösen und dem Bibelwort zu folgen, das da gebietet: »Du sollst Vater und Mutter verlassen und dem Manne anhangen, den dir Gott gegeben.« Dieses Wort hat so tiefe Bedeutung, daß es der ganzen uneigennützigen Liebe eines Mütterchens bedarf, wenn es mehr im Glücksgefühl, als im Schmerz der Trennung aufgehen soll.

Eine kleine mütterliche Eitelkeit der guten Madame Redlich mochte auch wohl hinzukommen, um dieses Glück noch zu erhöhen, und so fing sie denn schon an von der Ausstattung zu reden, wobei sich freilich nicht geringe Verlegenheiten zeigten. Nicht die geringste derselben war der Gedanke: »An eine Ausstattung ist gar nicht zu denken, wenn wir nur das Brautkleid anschaffen können.«

Und nun ergoß sich der ganze Fluß ihrer Rede auf diesen Gegenstand.

»Das ist meine geringste Sorge,« unterbrach sie Emma; »wenn er wirklich um mich anhält, so thut er es um meiner Person willen und nicht, um Geld und Gut durch meine Hand zu erwerben. Ich wollte lieber gar nicht heirathen, als Euch berauben, ihr lieben guten Eltern. Das ist ja am Ende noch der einzige Vorzug, den arme Mädchen, die ja so selten an den Mann kommen, vor den Reichen voraus haben, daß sie die gewiß beseligende Ueberzeugung hegen dürfen: der Mann nimmt Dich um Deiner selbst willen, also aus reiner Liebe, wenn reiche Mädchen nur schwer von dem Gedanken sich losmachen können: er liebt mehr Dein Geld, als Dich selbst.«

 

10.

Während Mutter und Tochter ein solches verständiges Gespräch führten, war das des Vaters mit seinem Sohne nicht weniger ernst; denn es sollte über die ganze Zukunft eines jungen Menschen entscheiden, der weit mehr gelernt hatte, als er für die Laufbahn eines subalternen Beamten bedurfte.

»Den Nagel, lieber Junge, studiren zu wollen,« sprach der alte Mann, »laß Dir nur ganz aus dem Kopfe ziehen. Wenn wir auch es mit Gottes Hülfe durchführen wollten, Dich noch drei Jahre lang zum Mitesser zu haben, so würde doch keine Macht der Erde, selbst mit Zangen aus meiner Tasche das Geld für Bücher und Collegien herausziehen.«

»Freie Collegia würde ich mir schon verschaffen; haben's doch manche Söhne weit höher stehender Beamter.«

»Allerdings wenn diese Männer von Einfluß sind oder Du ein testimonium paupertatis auflegen kannst; dieses aber würde man Dir nicht geben, bis Dein Vater Almosen aus der Stadtarmenkasse empfängt und dafür bewahre uns der liebe Herrgott.«

»Ja wohl, Vater, lieber würde ich Deinen Schreiberdienst versehen; denn durch Deine Fürsorge schreibe ich eine ebenso schöne Hand, wie die Deinige ist, vielleicht noch etwas fester und rascher.«

»Und wenn auch wirklich der eine oder andere der Herren Professoren Dir das Honorar erließen, so würden sie kränkend für Dich hinzufügen: »Wenn Sie wirklich kein Vermögen haben, so kann man Ihnen keinen bessern Rath geben, als jeden Gedanken, ein sogenanntes Brodstudium zu machen, aufzugeben; denn ergreifen Sie welches Fach Sie wollen, so bleibt das Ende vom Liede, daß Sie nach absolvirtem triennium Ihren Eltern noch so ein drei bis zehn Jährchen auf der Tasche liegen würden; denn so ein Auscultator, Referendar und gehaltloser Assessor, der nicht einmal mehr das Recht hat, Schulden zu machen, gleicht einem Spinnrade, wenn's nicht geschmiert wird, es pfeift vor Hunger, während es von seinen Obern getreten wird, um darauf den Faden seines Lebens spinnen zu lassen.«

»Ach lieber Vater, wäre ich nur erst durch die drei Studienjahre, dann wollte ich mir wohl helfen, aber wäre es denn gar nicht möglich Stipendien zu erhalten, mein Pathe, der Consistorialrath, hat ja mehrere zu vergeben.«

»Damals als Du geboren wurdest, lieber Edmund, war der Consistorialrath Hammelberg noch ein armer Candidat, der mit uns in einem Hause wohnte und als es noch besser mit den Subalternen stand, wenn ihn hungerte, manche Suppe mit an unserem Tische gegessen hatte, aber er war klug genug, die fromme Seite herauszukehren, gründete eine Kirchenzeitung, hielt Conventikel von alten Herren und Betschwestern, wobei es ihm gelang, sich in einflußreichen Familien Connexionen zu verschaffen. Kurz es gelang ihm auf solchen heuchlerischen pietistischen Schleichwegen die Stelle eines Predigers, dann unter Eichhorn's Protection seine höhere Stellung zu gewinnen und diese zu benutzen, sowohl in seiner Zeitschrift als von der Kanzel Intoleranz zu predigen, frömmelnde Candidaten zu befördern, Nationalisten und Lichtfreunde von ihren Stellen zu entfernen und Haß und Zwietracht nicht blos unter den verschiedenen Religionsgesellschaften, sondern auch unter den Bekennern derselben Confession zu verbreiten. Er war es, der als das brauchbarste Werkzeug der Minister Eichhorn und Thiele das Erwachen der Deutschkatholiken, trotz des in der königlichen Cabinetsordre an die Spitze gesetzten Princips Friedrichs des Großen: »»in meinen Staaten kann Jeder nach seiner Façon selig werden,«« unterdrücken half, der die Lichtfreunde verfolgte und mit Strenge den Symbolzwang des Augsburg'schen Glaubensbekenntnisses wieder einführte; der den katholischen Unfug mit den gemischten Ehen, unter dem verlangten Revers alle daraus entstehenden Kinder gegen den klaren Inhalt des Landrechts katholisch erziehen lassen zu wollen, begünstigte und die heilige Rock-Geschichte in Trier für einige heilige, Gott wohlgefällige Handlung erklärte, weshalb der Bischof Arnoldi den rothen Adlerorden mit der Schleife verdient habe. Dieser Hammelberg war es, der durch seine Wühlereien in allen Glaubensangelegenheiten, durch seine geheime Protection der Jesuiten, der Mucker, Pietisten und Mystiker, vor Gott die schwere Verantwortung auf sich geladen hat, überall Religionshaß zu entzünden, aufgeklärte Geistliche, die, um nicht ihre Familien brodlos zu machen, sich gegen innere, bessere Ueberzeugung dem von obenher protegirten Wunderglauben anschlossen, zu Heuchlern und Lügnern an heiliger Stelle zu machen oder von ihren Pfarrstellen in das Elend zu jagen.

»Dieser Mann, dessen Herz längst sich verknöchert hat gegen alle wahrhaft religiösen und rein menschlichen Gefühle, war es, den ich zuerst anging, um ihn zu bitten, von den drei Stipendien, worüber er zu verfügen habe, eins meinem armen Sohne zuzuwenden.

»Dieser Kopfhänger, der vor den Leuten den demüthigen Frommen spielte, empfing mich mit dem vollen Aplomb eines geistlichen Hochmuths, welcher sich noch durch das Gewicht seiner hohen Stellung gesteigert hatte.

»Als ich ihm meinen Namen und Amt nannte, verrieth kein Zug seines blassen marmorkalten Gesichts, daß er sich dessen erinnere, und wie ich ihn darauf an unsere früheren Verhältnisse und an Dich, mein Sohn, dessen Taufpathe er sei, erinnerte, entgegnete er: »Ja, ja, es ist möglich, ich habe so oft dieses christliche Liebeswerk als ein redlicher Arbeiter im Weinberge des Herrn vollzogen, daß ich mich der speciellen Fälle nicht mehr so recht erinnern kann.«

»Darauf erst sprach ich ihm meinen Wunsch aus wegen des Stipendiums für Dich.«

»Bedauere sehr«, versetzte er, »daß Sie damit nicht früher gekommen sind, ich habe das Großhelmsche Stipendium von 300 Thalern jährlich gestern dem Sohne des Geheimraths von Wegwart zugesagt.«

»Aber der ist ja ein reicher Mann mit 2000 bis 3000 Thaler Besoldung.«

»Eben darum, so wie auch durch seine Stellung ein einflußreicher Mann.«

»Indeß erlaube mir der Herr Consistorialrath die Bemerkung: nach dem Willen der Stifter solcher Stipendien sind sie für arme Studirende bestimmt.«

»Ganz gut, das steht auch in alten, vergelbten Pergamenten; wir aber leben in einer neuern Zeit, wo der Besitzlose nichts gilt, der Reiche Alles.«

»Freilich, wenn solche Rücksichten gelten, so muß ich mich bescheiden...«

»Gern würde ich Ihrem Herrn Sohne das zweite Stipendium zu 100 Thalern jährlich, conferirt haben, befände sich nicht unter Denen, die sich gemeldet haben, ein naher Verwandter....«

»Eines hohen Gönners?«

»Nein, meiner Frau.«

»Ha, so!«

»Ja, ja, mein alter Freund, es steht in der heiligen Schrift: wer das Kreuz hat, der segnet sich, und da der junge Mensch doch am Ende mit seinen Studien auf meine Tasche fiele, so habe ich mich gesegnet mit dem Kreuze, das ich trage, indem ich ihm aus christlicher Liebe das besagte Stein'sche Stipendium conferirte.«

»Es bleibt also nichts übrig als das dritte, das Helzesche Stipendium, das werden doch Ew. Hochwürden, da es nur 40 Thaler jährlich beträgt, das werden Sie doch meinem armen Jungen zuwenden, der gewiß unter allen Bewerbern das glänzendste Maturitätszeugniß erhalten wird.«

Damit hielt ich dem Consistorialrath ein vorläufiges Zeugniß über Deine Talente, Deinen Fleiß und Deine Kenntnisse vor Augen; er las es murmelnd und äußerte ein beifälliges Hm, hm! dann fragte er: für welches Fachstudium hat sich denn Ihr Herr Sohn bestimmt?

»Für die Jurisprudenz.«

» Proh dolor!« rief er, »welche unheilige Wissenschaft! Es ist die Wissenschaft des Haders und des Kampfes um das Mein und Dein, des Eingreifens in das hohe Strafamt eines über die Sünden der Menschen zornigen Gottes, es ist das Haar, woran der Teufel den Advocat gewordenen Menschen, so wie den Richter, der Blutschuld auf sein Haupt ladet, indem er ein Todesurtheil spricht, in die Hölle fördert; an Juristen gebe ich nie ein Stipendium, das ist mein Princip, um, so viel an mir liegt, nicht gottlose Studien zu fördern. Ja, wollte er Theologie studiren, hätte er den wahren Glauben, der auf Christi Wunder schwört und nach vollendeter Adamshäutung den neuen Menschen anzieht, meine erbaulichen Betstunden besucht, ja, dann....«

Da nahm ich meinen Hut und entgegnete mit aller Bescheidenheit, die meine Stellung als Subalterner fordert, aber auch im tiefen Gefühl des Unrechts, woran sich selbst der vielfach getretene Mann so leicht nicht gewöhnen kann: »Hochwürden werden es einmal schwer vor Gott zu verantworten haben, wie Sie diese frommen Stiftungen verwalten.«

»Mein Herr Geheimer Canzlist,« entgegnete er im scharfen, verweisenden Ton, »wer so viel betet wie ich wird am Ende Alles, was ihm gut dünkt, vor Gott zu verantworten wissen.«

»Sieh, lieber Edmund,« schloß der alte Mann und reichte dem unglücklichen Sohne in tiefer Bewegung die Hand, »so erging es mir auch bei andern Curatoren von solchen milden Stiftungen unserer frommen Vorfahren; immer war ein Vetter oder sonst Begünstigter vor dem wirklich Befähigten und Begünstigten bevorzugt, und für Dich, mein guter Junge, ist für Deinen brennenden Durst nach wissenschaftlicher Ausbildung nichts zu hoffen.«

»O welche Zeit, welche Zeit!« rief Edmund im tiefsten Wehgefühl aus; »das kann, das darf nicht so bleiben! Ist das eine Regierung, unter welcher das Volk sich glücklich fühlen kann? Ist das ein Rechtsstaat, in welchem Jedem das Seinige wird? Nein, ein Polizeistaat ist es, in welchem die Rechte mit Füßen getreten werden, welche die Behörde schützen soll; ein Beamtenstaat ist es, in welchem die Beamten-Hierarchie durch die ganze Scala bis hinaus zum Thron, die Willkürherrschaft jene kleinen besoldeten Despoten schützt, die, für sich und die Ihrigen sorgend, das Mark eines geknechteten Volkes aussaugen.«

»Junge, Junge, welche hochverrätherischen Worte! gebiete selbst Deinen Gedanken zu schweigen; jetzt bin ich froh, daß Du nicht die Mittel hast zu studiren, denn auf der Universität würdest Du Demagoge werden und dann entweder im geheimen Gerichtsverfahren bis zum Tode inquirirt, oder auf einer Festung am Heimweh nach der verlornen Freiheit sterben.«

»Was soll aber dann aus mir werden? Frei muß die Luft sein, die ich athme und frei das Wort, das ich rede und frei der Gedanke, der mir frisch und warm aus der Seele quillt; wenn ich Unrecht sehe, so kocht es mir im Herzen; ich könnte mein Leben dransetzen, jede Ungerechtigkeit zu verfolgen. Ja, mein Vater, im lebendigsten Rechtsgefühl und in warmer Humanität ertrage ich die heutigen Zustände in Deutschland nicht mehr. Vater, soll ich leben und geistige Blüthen und Früchte treiben, so muß ich auswandern, fort, fort! fort von hier! in ein freies Land. Ich gehe nach Amerika!«

»Junge! bist Du unsinnig? Mutter und Schwester würden sich darüber zu Tode weinen, nie würden wir uns wiedersehen und Du wolltest es über's Herz bringen, den letzten Wunsch Deines alten schwachen Vaters nicht zu erfüllen: ihm einmal, wenn er scheiden sollte aus diesem irdischen Jammerthal, mit einem stillen Gebet die Augen zuzudrücken?«

»O, mein Vater, vergieb!« rief der junge Mensch und küßte die magere Hand seines alten Vaters, die aber mit so warmer Liebe die seinige drückte: »Wie schlecht ist doch der Mensch, immer denkt er zuerst an sich selbst, unbekümmert darum, was seine Lieben darunter leiden werden. Daß ich das vergessen konnte, wie sehr Euch die Trennung von Eurem Edmund schmerzen würde, war wohl leichtsinnig genug von mir, aber vergieb es mir, mein guter Vater! schlecht bin ich darum doch noch nicht. Jeden Gedanken an Auswanderung, so lange Ihr noch lebt und meine Geschwister meiner bedürfen, habe ich aufgegeben. Mußte sich doch selbst einst Pegasus, das geflügelte Musenroß, an Egge und Pflug spannen lassen. Wie könnte ich mich darüber beschweren. Seitdem dem Menschengeschlechte das Paradies verloren ist, soll es im Schweiß des Angesichts sein Brod essen. Auch ich füge mich in diese allgemeine Schickung; bestimme über mich, welchen Weg ich gehen soll, um am schnellsten aus Deiner Tasche los zu kommen und wenn das Glück gut ist, dahin zu gelangen, Euere eigenen Lebenstage erleichtern zu können.«

»Guter Junge,« sprach der Alte gerührt, »ich erkenne die Größe Deines Opfers, wüßte aber für Dich keine bessere Carriere als die eines Subalternbeamten.«

»Vater, in diese Büreaukratie soll ich mich selbst begeben, die ich hasse und verabscheue? Soll helfen schmieden an den Ketten des Volkes, die ich lieber zertrümmern möchte? soll mich bücken und soll keuchen unter den Fußtritten hochmüthiger Dummköpfe, die ich durch die Tüchtigkeit meiner Arbeiten zu Ruhm und Ehren bringen soll, während man mich als Packesel für immer an die Büreaustube festnagelt; soll schweigen zu den Abscheulichkeiten, die ich sehe und doch nicht hindern kann; soll fördern, was ich verabscheue? O nimmermehr! mein Vater, fordere das nicht von Deinem Sohne.«

»Lieber Edmund, ich erkenne und theile Deine Gefühle. Das Bewußtsein Deiner Kraft und Wissenschaft giebt Dir jenes Selbstgefühl, das sich nur schwer mit serviler Unterwürfigkeit in unwürdige Verhältnisse zu schmiegen lernen wird; aber darin eben besteht die Charaktergröße eines Mannes, daß er die Vernunft zur Gebieterin seiner Handlungen macht und nie die Leidenschaft. So laß uns denn, was auf Deine künftige Lebensbahn Bezug hat, vernünftig überlegen. Höre mir zu.«

»Mein Vater,« sprach Edmund mit Resignation, »ich fühle wohl, der Mensch beherrscht des Lebens Verhältnisse nicht, wohl aber beherrschen sie ihn. Ich gebe mich daher gefangen, nicht an die Ideale einer unreifen Jünglingsseele, sondern an die gereifte Welterfahrung eines vielgeprüften Mannes. Rede, mein Vater, ich werde unbedingt Deinem Rathe folgen.«

»Die sogenannte Subaltern-Carriere, mein Sohn, ist in Preußen noch immer eine der günstigsten, die ein junger Mann nur betreten kann. Während der junge Jurist Zeit und Vermögen opfern muß, indem er die besten Jahre seines Lebens der elastischen Gymnasialbildung und den Universitätsstudien widmet, um endlich nach der Marter halbjähriger Prüfungen zu der Erlaubniß zu gelangen, dem Staate zehn bis fünfzehn Jahre umsonst zu dienen, und ihm endlich, wenn er Glück hat, nach dem Opfer vieler Tausende, ein ärmliches Gehalt von 600 Thalern zu Theil wird, geht der Supernumerar im Verwaltungsfache, mit der Bildung eines Tertianers oder eines Scholaren aus Realsecunda, auf die Schreibstube, erwirbt sich dort durch Application und Unterwürfigkeit die Gunst seines hohen Chefs und rückt dann immer weiter vor im Verwaltungsfach zu einem Diensteinkommen, welches das eines Richters oft um das Doppelte und Dreifache übersteigt. Wir haben Hofräthe mit 1200 Thlr. Gehalt, Rechnungsräthe, Geheimräthe, Präsidenten, Abtheilungsdirigenten, selbst Minister, die in der Schreibstube begonnen hatten, ohne jemals ein Colleg auf einer Universität besucht zu haben, und deshalb wüßte ich nichts Besseres für Dich, als Dich um die Stelle eines Supernumerars bei der Regierung, dem Oberpräsidio oder wenn es möglich wäre, im Ministerium zu bewerben. Du hast durch einen seltenen Verein der schönen Handschrift mit Kenntnissen, und gewandten Styl einen Vorzug vor vielen Deiner Mitbewerber und bist zudem nicht auf den Kopf gefallen. Ueberlege Dir das, ich will heute noch keine Antwort, denn wer über seine ganze künftige Lebensbahn einen Entschluß fassen will, darf sich nicht übereilen.«

Nachdem so von beiden Seiten das Wichtigste besprochen war, begann Mutter Redlich beredtsam über die Entdeckung, die ihr die Tochter gemacht hatte, zu reden.

Der Vater aber hatte schon zu viel Unglück in seinem Leben erfahren, um sich so blind und mit sanguinischen Hoffnungen den neuen Verhältnissen hinzugeben.

»Hm, hm!« meinte er, »es wäre allerdings ein großes Glück, wenn unsere liebe Emma eine so gute Partie machte und wenn er sonst ein guter braver Mann wäre, so würde ich gern meinen Segen dazu geben; aber, aber, nachdem ich so Alles überlegt habe, kommt mir doch noch so Manches bedenklich vor. Fritzchen, lauf 'mal hinunter, hier nebenan zu dem Kaufmann Pfeffer und bitte Deinen Herrn Gevatter schönstens, mir einmal den Wohnungsanzeiger zu borgen.«

Als der flinke Junge fort war, reichte Emma ihm mit fast noch in Thränen schwimmenden Augen die Hand und sprach dabei: »Aber lieber Vater, wer wollte so mißtrauisch sein? Seine schönen und lieben Gesichtszüge, so wie seine edlen Handlungen versprachen ja so viel Liebes und Gutes....«

»Das wohl zehn junge Mädchen berücken könnte,« fiel der Alte bedächtig ein, »aber keinen erfahrnen Mann, der das Leben so ein sechzig Jahr durchgekämpft hat. In Berlin giebt es neben trefflichen Menschen, eine Unzahl von Schwindlern und liederlichen Wüstlingen, von denen die die gefährlichsten sind, die am meisten durch Gewandtheit und Heuchelei den Schein des redlichen und sittlichen Mannes anzunehmen wissen. Doch da kommt Fritz mit dem Buche. Wir wollen sehen.«

Da gab es denn Keinen des Namens Liebreich; obwohl es in einer großen Residenz an liebreichen Männern und Mädchen nicht fehlen mag, so war doch ein Kaufmann dieses Namens nicht zu finden.

Der Vater sprach sein »Hm, hm!« – Emma wurde schweigsam; die Mutter aber erschöpfte sich in Muthmaßungen, was wohl der Grund sein könne, weshalb Herr Liebreich als Kaufmann nicht im Wohnungsanzeiger stehe. Da kamen Druckfehler, Auslassungen, Unordnung der Redaction, Mißverständnisse aller Art an die Reihe, ohne sonderlich beruhigend einzuwirken; endlich aber that der Vater den Ausspruch: »Möglich ist es auch, entweder daß Herr Liebreich sich erst später, nach dem Erscheinen dieses Wohnungsanzeigers hier niedergesetzt hat, oder daß sein Geschäft eine andere Firma trägt. Wir wollen daher Niemand verurtheilen, ehe wir ihn nicht gehört haben.«

»Um elf Uhr wird er hier sein, mein Vater!«

Aber es schlug elf Uhr, es schlug zwölf Uhr und ein Uhr und Herr Liebreich ließ sich nicht sehen.

Auch am folgenden Tage kam er nicht.

Die Familie wurde sehr niedergeschlagen. Wie oft auch immer das Geschick den Armen um seine Lebenshoffnungen betrügt, so war doch dieser Fehlschlag ihrer Hoffnungen härter als jeder frühere.

Jetzt erst fühlte Emma, wie sehr sie ihn schon liebte. Sie saß in trüben Gedanken, aus denen sie nur bisweilen sich durch das Gefühl ihrer Verpflichtungen als Schwester und Tochter ihrer Lieben aufwecken ließ.

Das folgende Buch wird uns einen Blick in das aristokratische Leben eines Mannes werfen lassen, der besser gethan hätte, sich nie wieder im Kreise dieser stillen, tugendhaften Familie sehen zu lassen.

 

———————

 

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.