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So war es. Erster Theil

Karl Ludwig Häberlin: So war es. Erster Theil - Kapitel 2
Quellenangabe
authorKarl Ludwig Häberlin
titleSo war es. Erster Theil
publisherVerlag von C. L. Fritzsche
year1849
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180703
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Vorwort.

Die Märzereignisse des Jahres 1848 haben die edelsten Herzen bewegt und viele Gemüther auf das Tiefste erschüttert.

Wem wären damit nicht große Hoffnungen erwacht auf einen beginnenden Völkerfrühling? Wer hätte seitdem nicht schmerzliche Täuschungen erfahren? Wer folgte nicht den Ereignissen, die sich noch täglich vor unseren Augen entfalten, mit den gespanntesten Blicken? Wer fragte nicht mit bebender Zunge und klopfendem Herzen, wird es zum Guten führen, oder zum Schlimmen? Werden die Völker die Humanität und Freiheit, die Gleichheit aller Menschenrechte erringen oder werden sie zurücksinken in Schlaffheit und Lauheit unter die Schlafmütze des deutschen Michels, der sich nur wohlfühlt, wenn er Excellenzen schweifwedelt, dem hohen Adel und verehrungswürdigen Publicum seinen Katzenbuckel in Zeitungsannoncen macht, die Belagerungszustände als die Panacee alles Heils preiset; in der brennenden Cigarre auf der Straße die Haupterrungenschaft der Märztage sieht, der als gedankenloser Weißbierphilister ein Fanatiker der Ruhe ist, oder wird sich Schiller's Spruch: »Wo die Kunst gefallen, da ist sie durch die Künstler gefallen,« so travestiren lassen: »Wo die Freiheit gefallen, da ist sie durch ihre eifrigsten Wühler gefallen?« oder wird die alte Beamtenhierarchie sich von ihrem Schreck erholen und ihre Macht wieder geltend machen? Werden die Kreuzzeitung und der Verein: »Mit Gott, für König und Vaterland« die Reaction in tausend Gestalten zurückführen? Wird wieder eine frömmelnde Camarilla mit Augenverdrehen und Intoleranz versuchen Friedrichs des Großen Wort: »In meinen Staaten kann Jeder nach seiner Façon selig werden,« zu einer Satyre auf den Geist der Hengstenberg'schen Kirchenzeitung, der im Staatleben spukte, zu machen. Werden wir Synoden und Concilien haben, die noch immer den Glauben der Liebe durch leeres Formuliren erstickt haben? Wird das seiner mittelalterlichen Privilegien beraubte Junkerthum sich wieder in die alte Bevorzugung in Beamten- und Offizierstellen einschleichen? Kurz wird das alte Unwesen wieder unter neuen Formen aufleben, oder wird der gesunde Sinn des Volks und seiner Vertreter, bei dem redlichen Willen unseres edlen Königs, das Wahre und Rechte treffen, was uns Garantien der Freiheit für die Zukunft und Frieden und Handel und Wandel für die Gegenwart bringt?

Doch das Alles sind Fragen, die wir an die Zukunft zu stellen haben. Um indeß richtig zu erkennen, was Noth thut, bedarf es der tiefern Blicke in die Vergangenheit.

Und da der Roman die Form ist, die am verbreitetsten in das Volksleben eindringt, so entschloß ich mich nachstehenden politisch-socialen Roman zu schreiben, der damit schließt, die Ereignisse der Märzrevolution der Wahrheit gemäß zu schildern; dann aber auch, um es klar zu machen, wie diese so allgemeine Volksbewegung nur möglich war auf dem tief unterwühlten Grunde einer allgemeinen Unzufriedenheit des Volks mit den bisherigen staatlichen und socialen Zuständen, mußte es eine Hauptaufgabe dieses Romans sein, in getreuen und lebenswahren Spiegelbildern furchtlos und freimüthig die Mysterien der Büreaukratie des alten Militair-, Polizei- und Beamtenstaats, die Bevormundung des »beschränkten Unterthanenverstandes,« die Begünstigung verblaßter Adelsbriefe, die aristokratischen Anmaßungen eines blasirten Junkerthums neben den Verkehrtheiten eines falschen Point d'honneur, bloßzustellen.

Um objectiv wahr zu sein, konnte es nicht vermieden werden, hier und da einen Zug aus dem Leben zu greifen; aber wir würden keinen Roman, sondern nur eine Chronique scandaleuse liefern, hätten wir nicht mit dem Rechte des Romans: Wahrheit und Dichtung gemischt.

Daher sage Niemand: »Der und Der ist gemeint, die Geschichte dieses oder jenes Ereignisses ist erzählt, und da sie hier und dort von der Wirklichkeit der bekannt gewordenen Thatsachen abweicht, so ist dieses Buch ein Pasquill und dem Strafrecht verfallen.« Gegen solche lieblose Deutung oder vielmehr Mißdeutung müssen wir ernstlich protestiren. Wir verbürgen, außer den historischen Thatsachen nirgends die subjective Wahrheit einer hierin gegebenen Charakterschilderung oder Erzählung. Wir wiederholen es: »Hier ist Wahrheit und Dichtung, also auch Erdichtung gemischt.« Wir geben nur objective Wahrheit der Schilderungen, um zu beweisen, wohin die früheren Zustände, Maximen und Mißbräuche führen konnten und mußten, wenn solche Persönlichkeiten und Verhältnisse vorlagen, wie sie der Roman erdichtete.

Und so würden wir diesen Roman nach unserem Wunsch gewürdigt sehen, wenn der geneigte Leser am Schluß desselben das Urtheil spräche:

» Si non è vero, è ben trovato

Potsdam, am 1. März 1849.

Der Verfasser.

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