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Sladek oder Die schwarze Armee

Ödön von Horváth: Sladek oder Die schwarze Armee - Kapitel 4
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Dritter Akt

VIII Die Justiz der Wiedererstarkung

Der Untersuchungsrichter verhört den verhafteten Franz.

Franz Ich protestiere gegen meine Verhaftung.

Untersuchungsrichter dieselbe Person wie Der Bundessekretär: Sie geben zu, diesen Artikel verfaßt zu haben?

Franz Ja.

Untersuchungsrichter Sie behaupten in diesem Artikel, daß eine maßgebende Stelle der deutschen Republik entgegen unseren außenpolitischen Verpflichtungen heimlich Soldaten geworben und ausgebildet hat, die unter dem Kommando eines ehemaligen Hauptmanns eine sogenannte schwarze Armee gebildet haben. Sie schreiben fernerhin, daß diese Truppen zum Schutze ihrer Existenz Selbstjustiz übten – Sie reden von Feme. Sie wagen die ungeheuerliche Behauptung, daß aus Angst vor Enthüllung Menschen zu Tode gemartert wurden und nicht nur verratsverdächtige, sondern auch vollkommen Unschuldige. Sie »enthüllen«, daß der Hauptmann zu guter Letzt der Gefangene seiner eigenen Feme wurde, die aus moralisch und geistig minderwertigen Subjekten bestand, die zu guter Letzt also die wahre Befehlsgewalt hatten. Sie berühren hier auch ein Verbrechen, einen nachgewiesenermaßen ganz gewöhnlichen Mord, nämlich den Fall Sladek. Leider konnte dieser Sladek noch immer nicht verhaftet werden.

Franz Leider. Sonst würde er es Ihnen selbst erzählen, daß das kein »gewöhnlicher« Mord war, sondern eine sogenannte Hinrichtung im sogenannten Interesse des sogenannten Vaterlandes. Er hat es mir selbst erzählt, als ich mich in der Gewalt der Feme befand, die mich totgeprügelt hätte, wäre die ganze schwarze Armee nicht von der maßgebenden Stelle aufgelöst worden.

Untersuchungsrichter Ich warne Sie in Ihrem eigenen Interesse.

Franz Danke.

Untersuchungsrichter Sie ziehen in Ihrem Schrieb den Schluß, daß die maßgebende Stelle offenbar den Bankrott ihrer innerpolitischen Pläne erkannte und deshalb die sogenannte schwarze Armee zwang, sich aufzulösen. Sie erzählen hier ein Märchen von einer Schlacht mit Artillerie.

Franz Das ist kein Märchen.

Untersuchungsrichter Es gab keine Schlacht mit Artillerie, es gab lediglich den lächerlichen Putschversuch einer winzigen Gruppe Ultrarechtsradikaler, eine Wahnsinnstat nationalkommunistischer Haufen!

Franz Das ist nicht wahr. Das war die Armee der sogenannten nationalen Revolution! Das waren die Söldner der Reaktion, die unter der Maske der nationalen Diktatur die Entrechtung und Versklavung des eigenen Volkes erstrebten!

Untersuchungsrichter Das ist krankhaft.

Franz Die schwarze Armee sollte die Republik stürzen, das heißt: die Plattform zur Schaffung des wahren Volksstaates mit Artillerie zertrümmern.

Untersuchungsrichter Es gab keine schwarze Armee!

Franz Ich selbst sollte totgeprügelt werden, weil ich der Republik dienen wollte! Ist es nicht grotesk, daß mich nun die Justiz dieser Republik, für deren Leben ich fast fiel, verurteilen will, weil ich sie vor ihren falschen Freunden warne?

Untersuchungsrichter Nein, das ist nicht grotesk.

Franz Daß Sie das als gerecht empfinden, darüber bin ich mir klar.

Untersuchungsrichter Sie sind verhaftet wegen eines Verbrechens des versuchten Landesverrates. Des »versuchten«, merken Sie sich das! Ich warne Sie. – Ein jeder Deutsche hat die Pflicht, auch entgegen Gesetz gewordenen, uns aufgezwungenen außenpolitischen Verpflichtungen zu wissen, was dem Deutschen Reiche schadet; zeigt er dafür kein Gefühl, so ist er entweder ein gemeingefährlicher Phantast oder ein Feind des Landes. Des Staates Wohl gebietet, ihn vom Fleck weg zu verhaften.

Franz Das Wohl des wahren Staates ist das Wohl des Volkes. Der alte Staat sorgte allein für das Wohl seiner herrschenden Schicht – und ist zusammengebrochen. Noch herrscht die alte Schicht über dem Schutt. Sie will eine Ruine renovieren und sie mit Kanonen und Paragraphen befestigen. Das Volk schreitet aber über Schutt und baut sich ein Haus, ohne Fassaden aus »großer Zeit«.

Untersuchungsrichter Sie sind Pazifist?

Franz Ich wäre glücklich, wenn wir ein internationales Strafgesetzbuch hätten, das die Macht besäße, den Krieg zu sühnen genau wie den Mord. Daß es trotzdem Kriege geben wird, nehme ich als unerbittliche Tatsache, aber nicht als Ausrede.

Untersuchungsrichter Wir haben leider keine Wehrmacht mehr. Leider. Si vis pacem, para bellum, sagt der Lateiner. Können Sie Lateinisch?

Franz Nein.

Untersuchungsrichter Das heißt: Wenn du Frieden willst, rüste dich zum Krieg.

Franz lächelt: Das habe ich verstanden, obwohl ich nicht Lateinisch kann.

Stille.

Untersuchungsrichter räuspert sich: Ihr Artikel kann uns Wehrlosen nur schaden. Das ist Wasser auf die Mühle der gehässigsten feindlichen Propaganda. Das ist Verrat, denn Sie hindern des Deutschen Reiches Wiedererstarkung, indem das Ausland kraft solcher Artikel an unserem aufrechten Verständigungswillen zweifelt.

Franz Wer meuchelte die aufrechten Versöhnungsfreunde? Aus innenpolitischen Gründen verschlechterten jene Verbrecher gewissenlos die verzweifelte Lage des Volkes! Mein Artikel kämpft für den ehrlichen Frieden gegen lichtscheue Machenschaften –

Untersuchungsrichter unterbricht ihn: Es gab keine schwarze Armee! Alle Ihre Behauptungen sind glatte Fälschungen!

Franz Ich selbst sollte ja ermordet werden! Ich werde alles beweisen!

Untersuchungsrichter Ich warne Sie, wie gesagt: in Ihrem eigensten Interesse. Sie sind eines Verbrechens des versuchten Landesverrates angeklagt, beweisen Sie mir aber, daß es tatsächlich eine schwarze Armee gab, so sind Sie eines Verbrechens des vollendeten Landesverrats überführt und kommen kaum unter zwei Jahren Zuchthaus davon.

Franz Ich kann also nur verurteilt werden?

Untersuchungsrichter Nur. So oder so.

Franz Es gibt also keine Verteidigung?

Untersuchungsrichter Keine für Landesverräter.
Stille.
Sie sind doch Pazifist? Oder Kommunist?

Franz Es hat mir einmal einer gesagt, ich hätte einen Denkfehler, – das habe ich mir schon vorher gestanden, nur habe ich falsche Konsequenzen gezogen. Wissen Sie, was meinen Pazifismus betrifft, so ist das richtig, daß meine Ehrfurcht vor der einzelnen Kreatur übertrieben ist, trotz all dem Elend, das ich sah. Der Glaube an die Unantastbarkeit jedes lebendigen Wesens führt in die Labyrinthe des Betruges. Es gibt nämlich Kreaturen, verfassungsmäßig organisierte Kreaturen, die moralisch derart verkommen sind, daß es selbst der liebe Gott aufgegeben hat, sie bessern zu wollen. Selbst er hat im Tempel sofort zur Knute gegriffen, ohne auch nur ein Wort für ihr Seelenheil zu verschwenden. Die kann nämlich selbst der liebe Gott persönlich nicht bekehren, – sie gehören aus dem Tempel der Menschheit wie räudige Hunde mit Fußtritten verjagt, sie, die das Heiligste verhandeln, sie gehören vernichtet, die zu verludert sind, um es sich auch nur vorstellen zu können, daß es auch anderes gibt. – Der Hauptmann hatte recht, obwohl er es gar nicht ahnte: Das »zu guter Letzt« geht uns nichts an.

Untersuchungsrichter Sie sind also Terrorist?

Franz Ich muß.

Untersuchungsrichter Sie bekämpfen also den Staat an sich?

Franz Ihren Staat.

Untersuchungsrichter Es gibt nur einen Staat, Sie, und der wird sich zu schützen wissen! Auch der Wurm krümmt sich, wenn er getreten wird.

IX Nordseehafen

Sladek spricht mit zwei Matrosen auf einem stillen Kai. Es wird bald Abend.

Erster Matrose Wie? Was? Du willst um das Kap der Guten Hoffnung herum nach Südamerika?

Sladek Ich denk.

Erster Matrose Um das Kap der Guten Hoffnung?

Sladek Nach Nikaragua.

Zweiter Matrose In Südamerika?

Erster Matrose Mittelamerika, Kamel! Mittelamerika!

Sladek So? Möglich.

Zweiter Matrose Wen hast du denn in Nikaragua, du Neger? Erbtante? Erbonkel?

Sladek Niemand. Ich fahr auch anderswohin. Nur möglichst bald, bitte. Hier ist es nicht schön. Ich hörte von Nikaragua – da dacht ich: Dorthin, der Name war mir so sympathisch, er ist so sehr fremd, so ganz anders, wie hier. Hier ist es doch wirklich nicht schön. Zum Beispiel: Immer nur Nebel. Ich möcht mal ganz anderswohin. Das ist alles.

Erster Matrose Wer bist denn du?

Sladek Ich?

Zweiter Matrose Du!

Sladek Warum?

Erster Matrose Darum. Ich glaub, wir kennen uns. Bist du denn nicht der Kerl, der bei der Frau, der Witwe – die alte Schraube hatte sich in ihren Aftermieter verknallt, aber plötzlich fiel es auf, daß ihr Fräulein Tochter trächtig war – ich hab diesen Herrn Aftermieter nur mal flüchtig gesehen, du siehst so aus, als ob – Das war in Triest.

Sladek Nein, das ist ein sogenannter Irrtum. Ich war noch nie in Triest, ich hab ja nur gefragt, ob ihr mich mitnehmen wollt als irgendetwas, wie eine Kiste, ihr seid doch Matrosen. Ich kann auch etwas kochen, ich wollt nämlich eigentlich Kellner werden, aber ich trag auch Kohlen, wenn es sein muß. Nur fort.

Zweiter Matrose Du hast was ausgefressen?

Sladek Was? Wieso?

Erster Matrose Was würd man uns für dich zahlen?

Sladek Für mich? Wer?

Erster Matrose Der Staatsanwalt.

Stille.

Sladek Ich hab doch nichts getan, obwohl auch Belohnungen auf die Ergreifung unschuldiger Verbrecher ausgesetzt werden, oft, ich bin keiner. Es werden, glaub ich, sehr viele verfolgt, schuldig und unschuldig, da kann man nichts machen, das läßt sich nicht anders organisieren. Daß ich aus Europa will, das hat einen sogenannten bevölkerungspolitischen Grund. Es ist nämlich zu eng hier – ich hab zum Beispiel immer das Gefühl, man müßt ein Fenster aufmachen, damit frische Luft herein kann, es ist zu dumpf hier. In der Ferne ertönt die Internationale.

Erster Matrose Hörst du?

Zweiter Matrose Ja.

Sladek Nehmt mich mit, bitte. Nach Nikaragua.

Zweiter Matrose Wir fahren nicht nach Nikaragua. Wir fahren überhaupt nicht.

Sladek Ihr seid doch Matrosen.

Erster Matrose Rindvieh.

Sladek Wieso?

Erster Matrose Wir warten doch genau wie du, daß sich manches ändert. Wir würden nach Nikaragua rudern, sogar um dein Kap der Guten Hoffnung herum, Elefant, aber heut trifft auf hundert Matrosen ein Kahn.

Sladek Ihr habt also auch nichts zu tun?

Erster Matrose Weil wir faul sind, hat neulich ein Professor gesagt.

Sladek Da hat er sich geirrt, wir sind nämlich nicht faul, wir sind zuviel, auch wenn wir faul wären. Das war eigentlich mein erster wirklicher Gedanke auf der Welt. Wenn wir zwanzig Millionen weniger wären, das wär fein.

Erster Matrose Wir sind nur um zehntausend zuviel, aber diese zehntausend wiegen zwanzig Millionen. Tumult in der Ferne.

Sladek Man schreit.

Zweiter Matrose Das hat doch alles keinen Sinn.

Erster Matrose Sondern?

Zweiter Matrose Sie werden mit Schupo und Sipo die Straßen säubern, und wer weitergeht, wird wieder erschossen, aber sie werden ihn nicht amnestieren.

Sladek Wen?

Erster Matrose Das weißt du nicht?

Sladek Vielleicht.

Zweiter Matrose Sie haben ihn zu Zuchthaus verurteilt, weil er es bewiesen hat, daß es eine schwarze Armee gab, die uns über den Haufen schießen wollte, wie tolle Hunde.

Erster Matrose Sie nennen das Landesverrat. Überall.

Zweiter Matrose Ich hab den mal reden gehört, vor zwei Jahren. Er ist ein braver Mann.

Erster Matrose Er war in den ewigen Frieden verliebt, heut wird er wohl bekehrt sein! Er hat gegen Moskau geschwätzt, gegen die Tat, er wollt die Republik mit der Gösch gesundbeten.

Zweiter Matrose Er ist ein braver Kerl. In der Ferne fällt ein Schuß; Kreischen; Musik bricht ab.

Erster Matrose Das deutsche Volk einig in seinen Stämmen und gewillt, den gesellschaftlichen Fortschritt zu fördern, gibt sich den Artikel 48. Rasch ab.

Sladek zum zweiten Matrosen, der dem ersten folgen will: Halt! Kennst du eigentlich die Reichsverfassung?

Zweiter Matrose Und ob!

Sladek Ich möcht sie gern mal lesen. Ich bin nämlich in der letzten Zeit etwas von der Gewalt abgekommen, es ist ja schon richtig, daß alles Gewalt ist, aber trotzdem möcht man mal sozusagen ruhig sein können, nicht?

Zweiter Matrose Nein! Noch lange nicht, du Schleimer! Noch lange nicht! Ab.

Sladek allein: Das hab ich auch schon gehört. Ich hab Hunger.

Stille.

Ob sie einen erschossen haben, zuvor? Wahrscheinlich. Jetzt ist wieder alles vorbei, das Meer ist auch still und groß und tief. Sozusagen majestätisch. Ich dacht mir das Meer eigentlich grün, es ist nämlich grau. Auch so einen Hafen hab ich mir anders gedacht, sozusagen romantischer, aber es ist doch nicht so dreckig. Was ist eigentlich besser: Verhungern oder Verdursten? In der Wüste waren mal Reisende, die haben nirgends Wasser gefunden, und haben ihr eigenes Blut gesoffen, bis nichts mehr drinnen war – man müßt ein Kamel sein, dann hielt man es länger aus. Und dabei gibt es auf der Welt mehr Wasser als Land. Das ist falsch. Es müßt mehr Land geben, das wär gerechter, wir sind nämlich wirklich zuviel. Was ist denn jetzt nur die Hauptstadt von Nikaragua?

Stille.

Nikaragua ist sicher schön. Dort gibt es keinen Winter, nur Palmen, und es wächst alles von allein. Man kann so ohne weiteres satt sein. Ich möcht mich dort unter einen Baum legen und kein Haus mehr sehen, und dann müßt ein Bächlein so dahinfließen, und dann würd ich sagen: Das gibt es auch.

Stille.

Der Dampfer. Der große Dampfer. Vier Stock hoch und wahrscheinlich noch höher. Und ganz beleuchtet, von oben bis unten, der fährt bald fort und läßt so manchen zurück, der Dampfer. Dort gibt es sicher belegte Brötchen und berühmte Weiber und auch Gesellschaftsspiele. Allerhand. Und diese Dreckweiber sind so fein herausgeputzt, die lecken sich den ganzen Tag die Glasur, meistens Amerikanerinnen. Ob der Dampfer nicht doch vielleicht untergeht? Ja, Sladek, wenn du als einzelner draußen stirbst, dann wirst du in das Meer geworfen mit einem Kranz, das ist ja bekannt. Und was es da drunten für Fische gibt, große und kleine, das ist alles bekannt. Man sollte so durch das Meer durchschaun können, so bis fünftausend Meter, das wär eine Erfindung! Und erst: Wenn man so die Erde durchschaun könnt! Ich glaub nicht daran, daß die Erde eine Kugel ist, ich denk, sie ist flach, aber man sagt halt das Gegenteil, das plappert einer dem anderen nach. Das ist ja keine Kugel, das ist doch unmöglich. Er starrt in das Wasser. Es dämmert. Knorke und Halef kommen. Sladek bemerkt sie nicht.

Halef unterdrückt: Du schwörst, daß er kommt? Ich wette, daß wir umsonst warten. Der bringt es doch fertig, sich freiwillig zu stellen und feierlich alles zu unterschreiben, was dieser Schuft veröffentlicht hat.

Knorke Kaum. Der Hauptmann ist zwar eitel, aber zu guter Letzt intelligent. Er hat mir sein Ehrenwort gegeben, daß er kommt. Ich habe den Paß besorgt und alles andere. Wir sind schändlich betrogen. Rein juristisch waren das nämlich korrekte Morde – und der Herr Staatsanwalt wird wohl nicht umhin können anzuklagen.

Halef Ich wette, er besteigt auch das Schafott aus Eitelkeit.

Knorke Wir sind alle vielleicht eitel, aber noch nicht verrückt.

Halef Der Hauptmann ist ein Narr.

Knorke Alle großen Männer waren Narren, lehrt die Geschichte.

Halef Ein ehemaliger Unteroffizier denkt ein zweiter Alexander zu sein, weil er zum Offizier befördert worden ist. Ich hab es bald gemerkt, das ist kein großer Mann, aber trotzdem ein Narr. Ein Trommler, kein General!

Knorke Salm ist bereits drüben. Sein Vetter ist Farmer.

Halef Ist es wahr, daß der kleine Horst tot ist?

Knorke An Malaria.

Halef Ich habe gehört, daß ihn der Rübezahl bei der Überfahrt über Bord geworfen hat.

Knorke Auch möglich.

Stille. Es ist Nacht geworden.

Halef Es wird allmählich Zeit. Ich wette, daß er nicht kommt.

Hauptmann kommt. Sladek erkennt den Hauptmann.

Hauptmann sehr leise: Ich hätte fast mein Ehrenwort gebrochen. Es ist doch feig, sich so zu verkriechen, aber zu guter Letzt kann keiner von mir verlangen, daß ich mich für gemeine Verräter sinnlos opfere, nicht?

Sladek Hauptmann!

Knorke Was ist das?!

Sladek Ich.

Knorke Was heißt das: »Ich«?

Sladek Ich. Er nähert sich. Hauptmann, ich hab dich gleich, erkannt, obwohl es finster ist. Er erkennt Knorke und Halef. Du, ihr seid auch da! Ist das ein Zufall? Das ist aber sehr gut, da könnt ihr mir nämlich helfen, sicher, ich muß nämlich fort, in eine andere Welt, ich hab zwar eigentlich nichts getan, aber selbst das, was ich getan haben soll, das hab ich ja alles für ein Vaterland getan, wofür ich verfolgt werd wie ein gemeiner Verbrecher, derweil war doch das alles ideal – Was, was habt ihr denn?

Knorke Was hast denn du?

Sladek Ich? – Halt! Ich bin doch der Sladek, Kameraden!

Knorke Ich bin nicht dein Kamerad!

Hauptmann Ich kenne dich.

Knorke Himmel, halt das Maul, du kennst ihn nicht, was soll denn das?!

Hauptmann Ich kenne dich. Du bist der feige Hund, der als erster nach der weißen Fahne schrie, ich werde diese Fresse nie vergessen!

Sladek Das ist ein Irrtum!

Hauptmann Du bist der! Diese Fresse, diese Fresse –

Knorke Nein, das ist nicht der!

Sladek Ich bin ein anderer.

Hauptmann versetzt ihm einen Tritt: Da hast du den anderen! Da hast du den anderen!

Sladek krümmt sich: Au –

Knorke Einer wie der andere! Ist der das wert, daß du hängst?!

Halef Da kommt schon wer!

Knorke Fort! Wir kennen keinen Sladek! Rasch ab mit Hauptmann und Halef.

Sladek allein: Wir kennen keinen Sladek. Wir kennen keinen Sladek. – Wenn einer das Talent hat, verwechselt zu werden, so ist das schlimm. Es erinnert sich keiner an ihn, in diesem Fall an den Sladek. Alles an ihm wird radikal vergessen, draußen und drinnen, als wär einfach nichts da, es kommt ja auch nicht auf so einen einzelnen Sladek an, trotzdem – Nein, es hat keinen Sinn mehr zu denken, ich wollt, ich könnt bis Nikaragua schwimmen. Warum bin ich kein Fisch?
Stille.
Ob die Fische die Sternlein sehen? Ich hab mal gehört, daß jeder einzelne mit den Sternlein zusammenhängt, das ist freilich Mist, aber unter welchem Sternlein könnt ich geboren sein? Man sollt das ausrechnen können und ein Kind nur dann auf die Welt lassen, wenn grad ein guter Stern droben ist. Einmal hat mir die alte Kartlerin gesagt, 1922 wird Polen vernichtet, Frankreich halb vernichtet, Paris ganz, England im Meer versinken und der Vesuv ausbrechen, ganz fürchterlich – und Deutschland wird wieder Monarchie und der bayerische Rupprecht wird zum Deutschen Kaiser gekrönt, in Berlin. Das hätt schon voriges Jahr sein sollen, aber man kann nichts geben auf Prophezeiungen, obwohl es eine sogenannte Vorsehung sicher gibt. Es geht nämlich alles nach einem bestimmten Gesetz, das ist traurig. Ich hab mal gedacht, daß, wenn kein Gesetz wär, wär das ganze Leben sinnlos, aber es ist trotzdem sinnlos, das ist nämlich ein schlechtes Gesetz. Ein Kriminalkommissar und zwei Detektive sind erschienen.

Der Kommissar dieselbe Person wie der Untersuchungsrichter: Im Namen des Gesetzes! Sladek, ich verhafte Sie!

Sladek mechanisch: Mich?

Der Kommissar Sie! Leugnen Sie nicht, Sie sind der Sladek, wir wissen alles! Im Namen des Gesetzes verhafte ich Sie wegen Mord an der Witwe Schramm.

Sladek Also doch. Ein Detektiv fesselt ihn an sich.

Der Kommissar Widerstand ist sinnlos.

Sladek Das weiß ich, meine Herren.

X Der Fall Sladek

Mit Richter, Staats- und Rechtsanwalt. Unter dem Gekreuzigten.

Richter dieselbe Person wie der Kriminalkommissar: Ihr Name?

Sladek Sladek.

Richter Geboren?

Sladek Am 7. Juli 1902, in Hohenstein, das ist an der Grenze.

Richter Beruf?

Sladek Ich wollt Kellner werden.

Richter Und?

Sladek Ich bin keiner geworden.

Richter Sie haben sich von der ermordeten Witwe Schramm aushalten lassen?

Sladek Nein.

Richter Sondern?

Sladek Sie hat mir nichts geschenkt, das war nämlich ein richtiges Geschäft, das wir abgeschlossen haben, das war nur scheinbar, daß ich von ihr gelebt hab so ohne weiteres, ich hab ihr nämlich für das alles auch etwas gegeben.

Staatsanwalt Was denn?

Sladek Mich. Man hört die Öffentlichkeit lachen.

Richter Angeklagter. Ich warne Sie!

Sladek Warum? Wieso?

Richter Schweigen Sie! – Angeklagter! Bekennen Sie sich schuldig?

Sladek Das ist sehr kompliziert. Da kann man sehr schwer was sagen, weil es zuviel zu sagen gäb. Es ist alles richtig, daß Anna und ich uns nicht so recht verstanden haben, wenigstens oft, daß es Streit gab, daß es sogar zu sogenannten Tätlichkeiten kam, des öfteren sogar, daß ich ihr auch mal aus dem Schrank was nahm und mit fremden Weibern zu Gartenunterhaltungen ging, das geb ich alles zu, denn ich hab die Gerechtigkeit lieb, aber deshalb fühl ich mich nicht schuldig. Wenn ich nämlich so nachdenk, so war das doch nur der Altersunterschied. Meine Herren! Als ich sie kennenlernte, war sie um fünfzehn Jahr jünger als zuletzt, obwohl bis dahin nur vier Jahr vergangen sind, aber der Reiz war schon eigentlich nach zwei Jahr weg, der natürliche Reiz –. Meine Herren, das alles ist doch kein Problem, das ist nur traurig.

Rechtsanwalt Ich beantrage, den Angeklagten auf seinen Geisteszustand hin untersuchen zu lassen.

Staatsanwalt Ich beantrage, den Antrag der Verteidigung abzulehnen und den Angeklagten mit den schärfsten Mitteln zu zwingen, sich der Würde des Gerichtes entsprechend zu benehmen.

Sladek Wie?

Richter Angeklagter! Sie leugnen also, die Witwe Schramm ermordet zu haben?

Sladek Ich leugne es sogar sehr, ich hab noch nie jemand ermordet.

Richter Sie wiederholen also, daß dieser Mord ein sogenannter Fememord war, ein Akt verbrecherischer Selbstjustiz der sogenannten schwarzen Armee. Angeklagter, heute können wir laut über jene verworrene Zeit sprechen, wir sehen klar. Jene furchtbaren Tage der Inflation haben wir nun gottlob überwunden. Das deutsche Volk befindet sich im kraftvollen Wiederaufstieg, es hat Unglaubliches ertragen und Ungeheueres vollbracht. Man hört die Öffentlichkeit applaudieren.

Sladek Ich kann trotz Wiederaufstieg undsoweiter nur sagen, daß ich sozusagen unschuldig bin.

Staatsanwalt »Sozusagen«!

Sladek Zu guter Letzt. Ich hab immer darüber geredet, daß in der Natur eben gemordet wird, und daß sich das nicht ändert, aber – meine Herren, ich war sehr dagegen. Als ich hernach mit den vier Soldaten in jenem Auto nach dem Hauptquartier fuhr, da hat es schaurig geregnet in der Nacht, ich werd das nie vergessen.

Richter Die vier Soldaten sind verschollen.

Sladek Alle. Ich glaub, in Nikaragua.

Staatsanwalt Sie gestehen also, daß Sie in jener Nacht mit vier Soldaten in der Prinzenstraße erschienen sind und daß diese vier Soldaten die Witwe Schramm ermordet haben?

Sladek Ja.

Staatsanwalt Was haben Sie sich denn dabei gedacht?

Sladek Ich? Zuerst: Daß man sie umbringen muß.

Staatsanwalt Danke.

Sladek Bitte.

Staatsanwalt Das genügt.

Sladek Nein, das genügt nicht, denn hernach war ich sehr dagegen, aber da war schon alles vorbei. Ich hab sogar »Halt!« gerufen, denn ich hab an die Gerechtigkeit gedacht, und wegen diesem »Halt!« hätten sie mich gar auch erschossen, wenn ich nicht gewußt hätt, daß sich nichts ändern läßt, – ich hab aber plötzlich trotzdem »Halt!« gerufen, es war nämlich nicht mehr nötig sie umzubringen, weil sie es sich überlegt hat. Sie hätte nichts verraten. Sicher.

Rechtsanwalt Was wollte sie denn verraten?

Sladek Die schwarze Armee.

Richter Ich mache Sie aufmerksam, daß es für das Schicksal des Angeklagten keine Bedeutung hat, den Komplex der sogenannten schwarzen Armee hier aufzurollen. Jene Männer waren alte Soldaten, die für des Vaterlandes Wohl zu kämpfen glaubten, verworrene fanatische Idealisten –. Aber in diesem Falle Sladek darf man wohl mit Recht bezweifeln, ob das alles so ideal –

Sladek unterbricht ihn: Oho!

Richter Sie sind nicht gefragt! Mord bleibt Mord, und der Mörder ist in jenem Falle persönlich verantwortlich!

Sladek Aber ich dachte –

Richter unterbricht ihn: Ruhe! Sie haben die Witwe Schramm ermorden wollen, das haben Sie gestanden! Jetzt reden Sie.

Sladek Was soll ich da reden, bitte? Ich hab immer selbständig gedacht und dann hab ich aber überall gehört, daß der Einzelne nichts zählt, daß er sich für das Ganze aufopfern muß, ob er nun will oder nicht – das hab ich so lang gehört, bis ich es glaubte, es ist ja auch so, aber trotzdem ist da ein Fehler, nämlich der, daß ich hier nun als Einzelner für etwas, was ich als Teil tat, getan haben soll. – Ich hab nämlich mit all diesen Problemen gerungen. Man hört die Öffentlichkeit lachen. Ich hab doch alles, was ich ja gar nicht tat, nur tun wollte, für das Vaterland getan, das war alles sozusagen ideal. Ich hätt sie nie umgebracht, wenn dies Vaterland nicht gewesen wär, ich hab mich ja zu guter Letzt geopfert, aber das wird nirgends anerkannt. Ohne dieses Vaterland hätt es vielleicht zwischen mir und ihr nur einen Wortwechsel gegeben, höchstens, daß ich ihr eine heruntergehaut hätte, und dann wär das ausgewesen, wie jedes Liebesverhältnis.

Rechtsanwalt Der Angeklagte ist das Geschöpf einer kranken Zeit. Ein Mensch, der sich an unsere stolze Vergangenheit nicht erinnert, der in der großen Zeit die Stimme wechselte und der anfing zu denken, als wir den Krieg verloren haben, das spricht Bände. Ohne Sinn für Moral negiert er alles allgemeinmenschlich – Gefühlsmäßige und grübelt über lauter Selbstverständlichkeiten: Es beschäftigt sich nur mit sich selbst, aber ohne jede Kultur. Ich bitte um mildernde Umstände für ein Gespenst: Hier sitzt die Zeit der Inflation.

Sladek Ich bitte, mich als Menschen zu betrachten und nicht als Zeit.

Rechtsanwalt Ich bitte, den Angeklagten auf seinen Geisteszustand hin untersuchen zu lassen.

Richter Das Gericht beschließt, Zeugen zu vernehmen. Franz kommt.

Rechtsanwalt schnellt empor: Ich protestiere gegen die Vereidigung dieses Zeugen! Ein wegen Landesverrat Verurteilter –

Franz unterbricht ihn: Und »Begnadigter«. Freilich säße ich noch heute im Zuchthaus, gäbe es morgen keine Wahl! Der neudeutsche Staat –

Richter unterbricht ihn: Keine Tiraden, bitte!

Staatsanwalt Der Zeuge nimmt es auf seinen Eid, daß ihm der Angeklagte Sladek gestanden hat, die Witwe Schramm ermordet zu haben.

Franz Ja.

Sladek Nein.

Richter Schweigen Sie!

Sladek Ich hab noch nie jemand ermordet!

Franz Ich selbst hätte ermordet werden sollen, diese Bestien! Wagst du es denn zu leugnen, daß du es mir selbst erzählt hast, wie jene Bedauernswerte im sogenannten Interesse des sogenannten Vaterlandes »hingerichtet« wurde?

Sladek Das geb ich schon zu, aber ich hab dir nie gesagt, daß ich sie umgebracht hab.

Franz Er lügt! Er lügt!

Stille.

Sladek Ich weiß, daß du nicht lügst. – Also müssen wir uns mißverstanden haben.

Franz Ich habe dich verstanden.

Sladek Nein, ich bin unverstanden. Hab ich dir nicht zweimal gesagt, daß ich ein sogenannter zurückgezogener Mensch bin, und daß alles, was ich dir so sag, nur für dich persönlich ist? Du hast das vergessen. Ich hab über das alles nachgedacht, was du dem Hauptmann gesagt hast –. Du hast mich sozusagen bekehrt: Zu guter Letzt gibt es wirklich nur den Sladek. Und jetzt? Hier? In diesem Saal?

Franz fast gewollt spöttisch: Du hast mich sozusagen bekehrt, daß man keine Rücksicht nehmen soll auf den Sladek, weil sonst das Ganze nicht vorwärts kommt. Wie ich mich auch betrogen habe, es werden immer welche vernichtet.

Sladek Immer nur für das Ganze geopfert werden – wo bleibt denn da der Sladek?

Franz Ich lasse mich nicht mehr hindern, hörst du?

Sladek Ja.

Franz Du gehst mich nichts an.

Sladek Jetzt lügst du.

Franz Meinst du?

Sladek Das ist nicht schön von dir.

Richter Keine Privatgespräche! – Angeklagter! Leugnen hat doch keinen Sinn. Denken Sie an Gott.

Staatsanwalt Gott kennt Sie, Sladek!

Sladek Mich kennt kein Gott. Meine Herren, was ist das: Gott? Ein alter Mann mit einem langen Bart. Was kennt der? Nichts kennt der, denn der lebt zu sehr weit droben, da sieht er auch nur das Ganze, das merkt man nämlich, denn wie es hier unten zu guter Letzt zugeht – Meine Herren! Mein Herr Verteidiger war so freundlich zu sagen, daß ich ein Gespenst sei – vielleicht –, aber ich bitte zu berücksichtigen, daß ich wahrscheinlich ein sogenanntes ungeborenes Gespenst bin. Meine Herren! Vielleicht hol ich das alles nach und vergeß das alles – Nehmen wir nur mal an: Ich hätt jemand ermordet, so bitt ich Sie trotzdem: Lassen Sie mich los, vielleicht wird doch was daraus, ich glaub nämlich allmählich selbst, daß ich noch ein sogenanntes ungeborenes Gespenst bin.

Rechtsanwalt Ich beantrage, den Angeklagten auf seinen Geisteszustand hin untersuchen zu lassen.

Sladek Aber –

Staatsanwalt Ich beantrage lebenslängliches Zuchthaus und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte.

Sladek Wieso?

XI

Rummelplatz.

Mit Wachsfiguren, Karussell, Flohzirkus und Akrobaten. Die Sonne scheint.

Lotte das Mädchen: Heuer wird der Sommer schön. Ich hoffe, daß der Nordpol jetzt endlich überflogen wird.

Ein anderes Mädchen In der Zeitung steht, daß in London sieben zu eins für gewettet wird.

Ein drittes Mädchen Laß doch die Zeitung! Wart ihr schon bei dem Mann mit den Kamelbeinen und weiblichen Brüsten? Na so was! Da drüben ist übrigens der Zwerg, das ist auch ein Hermaphrodit – und in dem Kabinett steht das Bett von Haarmann, dem bekannten Massenlustmörder.

Lotte Nein, nicht in die Schreckenskammer, da streik ich! Ich vertrag keine Wachsfiguren, dann schon lieber richtige Verbrecher!

das Mädchen mit der Zeitung: Habt ihr das gelesen, daß wieder einer ausgerissen ist, ein Mörder, der ist bloß zwei Jahre gesessen – dann hat er einen Geldbriefträger überfallen, der hat ihm gleich alles gegeben, so, daß er jetzt fein heraußen ist. Das ist das Beste, nur gleich alles hingeben.

Lotte blickt in die Zeitung: Sieht so weit ganz nett aus.

Das Mädchen mit der Zeitung: Das Profil ist gewöhnlich. Wer ihn fängt, kriegt tausend Mark.

Das dritte Mädchen Ich würd ihn nie erkennen.

Lotte Es reißen zuviel aus.

Das Mädchen mit der Zeitung: Vor drei Tagen der Verrückte – und sie haben ihn noch immer nicht, das ist doch gemeingefährlich.

Lotte Es ist alles so unwahrscheinlich.

Sladek erscheint.

Das dritte Mädchen blickt in die Zeitung: Ja, die Hüte werden wieder breiter. Hoffentlich hält das Wetter, jetzt hat es jeden Sonntag geregnet. Ich hab keinen Mantel mit.

Lotte Es gibt schon keine Männer mehr. Man muß sich schon wirklich anstrengen als Frau. Nur gut, daß ich keine Jungfrau mehr bin.

Das Mädchen mit der Zeitung: Das Bett von diesem Haarmann möcht ich schon gern sehen.

Lotte So geht doch! Ich warte hier – Sie stößt zufällig an Sladek an. Verzeihung!

Das dritte Mädchen Wir sind gleich wieder da. Ab mit dem anderen Mädchen.

Lotte Ich warte.

Eine Handleserin zu Sladek: Wollen der Herr sich nicht aus der Hand lesen lassen? Vergangenheit und Zukunft.

Sladek Danke.

Die Handleserin Sehen Sie, das Fräulein interessiert sich schon für Ihre Zukunft –

Lotte schnippisch: Sogar sehr.

Die Handleserin Hören Sie?

Sladek Ja, was kostet das mit der Zukunft?

Die Handleserin Nur zwanzig Pfennig.

Sladek Das geht.

Die Handleserin Also zeigen Sie. Hm – die Vergangenheit – So machen Sie doch keine Faust!

Sladek Nein, ich will nur die Zukunft.

Die Handleserin Ohne Vergangenheit?

Sladek Ja, ohne.

Die Handleserin Wie Sie wollen.

Sladek Ich will.

Die Handleserin Sie sind aus kultiviertem Hause – Techniker, dabei aber stark künstlerisch veranlagt – mehr Sinn für Architektur als für Gemälde –

Sladek Stimmt.

Die Handleserin Sie leben viel an der See, eigentlich ohne Sorgen, aber Sie leiden viel in der Phantasie –

Sladek Auch das.

Die Handleserin Das ist eben Ihre künstlerische Ader. – Verschlossener Charakter, Achtung vor dem Weibe, Familiensinn. Lotte lächelt.

Sladek wird verlegen.

Und die Zukunft –: Sie fahren bald fort, das steht ganz deutlich da. Sehr weit sogar, über das Meer – Sehr reich werden Sie zwar kaum, denn dazu sind Sie zu fein, zu wenig brutal – aber Sie werden auch fernerhin gut leben und ungefähr achtzig Jahr alt werden.

Sladek Das wär schön.

Lotte Na klar.

Die Handleserin Zwanzig Pfennig, bitte.

Sladek zahlt und fixiert schüchtern Lotte: Das wär auch schön. Das wär sogar sehr schön, wenn –. Verzeihen Sie, wenn Sie mit mir – Sie fahren doch auch gern Karussell? Das wär doch schön, Fräulein.

Lotte Das wär schon schön, aber ich muß auf meine Freundinnen warten, die kommen jeden Augenblick.

Sladek Das ist nicht schön. Es wär nämlich wirklich sehr schön gewesen, wenn wir jetzt zum Beispiel Karussell gefahren wären, oder überhaupt: Es gibt hier ja so viel zum Sehen, aber so allein, da geht man nur immer an allem vorbei – ich kenn nämlich keinen Menschen.

Lotte Sie sind hier fremd?

Sladek Sehr fremd.

Lotte Sind Sie nicht Engländer?

Sladek Stimmt.

Lotte In der Zeitung steht, daß in London sieben zu eins gewettet wird, daß es ihnen gelingen wird, den Nordpol zu überfliegen.

Sladek Was? Wem?

Lotte Na den Nordpol!

Sladek Den Nordpol?

Lotte Na Sie wissen doch!

Sladek Überfliegen?

Lotte Sie sind komisch.

Sladek Sehr komisch. Ja, freilich, ich hab nur jetzt länger keine Zeitung gelesen, ich war nämlich sozusagen unwohl, aber jetzt fällt mir wieder alles ein. Also überfliegen werden sie ihn, den Nordpol.

Lotte Ich hoffe es.

Sladek Ich auch.

Lotte So Sportsleute sind doch wirklich Helden. Sie setzen für den Fortschritt einfach ihr Leben aufs Spiel. Es sind ja auch zu ihrer Unterstützung alle Funkstationen bereit, ich kann an nichts anderes mehr denken.

Sladek Wissen Sie, es gibt so Sportsleute, die haben sich auch geopfert, zwar vielleicht nicht gerade für den Fortschritt, aber für sonst was, doch die hat keine einzige Funkstation unterstützt, ja, denen hat man es hernach gar nicht geglaubt, daß – Verstehen Sie mich?

Lotte Nein.

Sladek Zum Beispiel im Krieg. Und besonders hernach –

Lotte Sie meinen den Weltkrieg?

Sladek Ja.

Lotte Da habe ich vorgestern einen fabelhaften Film gesehen vom Weltkrieg. Besonders die Regie war unerhört. Es war ein amerikanischer Film.

Sladek So. Ein amerikanischer.

Lotte Sind die besten. Durch so einen Film kann man sich den Krieg erst richtig vorstellen, besser als durch Bücher. Sehen Sie dort den Seiltänzer! Der ist auch fabelhaft!

Sladek So ein Seiltänzer ist auch ein schwieriger Beruf.

Lotte Können Sie gut tanzen?

Sladek Kaum. Schweigen. Ich kann Verschiedenes. Ich hab eine Zeitlang immer gedacht, daß ich eigentlich nichts kann, aber dann bin ich immer darauf gekommen, daß man doch vielleicht kann. Die Sonne verschwindet plötzlich.

Lotte Himmel, das wird doch nicht regnen!

Sladek Möglich. Die beiden Mädchen kommen rasch zurück.

Das Mädchen ohne Mantel: Siehst du, daß es regnet! Nein, das ist entsetzlich!

Das andere Mädchen Das hört bald auf.

Das Mädchen ohne Mantel: Nein, das regnet jetzt durch! Kleider, Schuhe – warum hab ich nur keinen Mantel mit?!

Lotte Wir könnten ins Kino.

Das andere Mädchen Zu dem amerikanischen Kriegsfilm?

Lotte Nein, der ist zwar fabelhaft, aber zweimal schau ich mir ihn nicht an.

Das andere Mädchen Freilich, das ist langweilig.

Das Mädchen ohne Mantel: Jetzt regnets! Daß aber auch keine von uns einen Schirm hat! Alle drei Mädchen rasch ab.

Sladek allein: Ich hab eigentlich noch nie einen Schirm gehabt. Und dieser Nordpol –.

Es regnet.

Ein Polizist erscheint; es ist dieselbe Person wie der Richter: Halt!

Sladek erstarrt.

Ich muß Ihre Personalien feststellen. Sie wissen, weshalb. – Sie wurden beobachtet, Sie haben zuvor Ihr Bedürfnis nicht in der Bedürfnisanstalt, sondern an der hinteren Wand des Flohzirkusses verrichtet. Warum? Das ist strengstens verboten. Sie haben den Flohzirkus verunreinigt. Ihr Name?

Sladek Was kostet das?

Der Polizist Fünf Mark. Ihr Name?

Sladek Das ist ein sogenannter schwieriger Name, ein sehr langer, sozusagen ein ausländischer Name, ich bin nämlich gerade im Begriffe nach weit fort –

Schiffsirene.

Der Polizist unterdrückt: Halt! Ihren Paß. Ihre Papiere.

Sladek Hier – aber das Schiff fährt in wenigen Minuten.

Der Polizist Welches Schiff?

Sladek Ich kann das Wort nicht aussprechen.

Der Polizist blättert; stutzt: Wohin?

Sladek Nach Nikaragua. Ich hab keinen Fahrschein. Ich arbeit mit an der Überfahrt.

Stille.

Der Polizist blättert noch immer; sehr leise: Sie sind amnestiert.

Sladek Man hat unter mich einen Schlußstrich gezogen. Hoffentlich fehlt kein Stempel. Sagen Sie: Gibt es in Nikaragua einen deutschen Konsul?

Der Polizist Natürlich.

Sladek Das ist sehr gut.

Stille.

Der Polizist gibt ihm die Papiere zurück: Es ist in Ordnung.

Sladek Ich will auch den Flohzirkus nicht mehr verunreinigen.

Der Polizist läßt ihn stehen: Das ist auch strengstens verboten. Ab.

Sladek Es soll wirklich nicht mehr vorkommen –

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