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Skizzenbuch

Mark Twain: Skizzenbuch - Kapitel 14
Quellenangabe
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typenarrative
authorMark Twain
titleSkizzenbuch
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesMark Twains ausgewählte Humoristische Schriften
volumeIII. Band
year1892
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121017
projectidbfedc49f
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Antworten auf Zuschriften.

I.
An einen Moral-Statistiker.

Behalten Sie Ihre statistischen Notizen ein andermal für sich! Ich habe das ganze Bündel genommen und mir die Pfeife damit angezündet. Leute von Ihrem Schlage sind mir verhaßt. Sie rechnen fortwährend aus, wie sehr ein Mensch seiner Gesundheit schadet, wie sehr er seine Denkkraft schwächt und wie viele elende Dollars und Cents er vergeudet, wenn er sich zweiundneunzig Jahre lang den verderblichen Genuß des Rauchens gestattet, der ebenso verderblichen Gewohnheit des Kaffeetrinkens fröhnt, gelegentlich eine Partie Billard spielt, bei Tische ein Glas Wein trinkt u. s. w. u. s. w. Und Sie zählen sich immer an den Fingern her, wie viele Frauen der gefährlichen Mode, weite Reifröcke zu tragen, zum Opfer gefallen und verbrannt sind u. s. w.

Immer sehen Sie nur die eine Seite der Frage. Sie sind blind gegen die Thatsache, daß die meisten alten Männer in Amerika rauchen und Kaffee trinken, obgleich sie nach Ihrer Theorie alle jung gestorben sein sollten, daß rüstige alte Engländer Wein trinken und am Leben bleiben, daß dicke alte Holländer sowohl tüchtig trinken als rauchen und doch die ganze Zeit über nur immer älter und wohlbeleibter werden. Auch kümmern Sie sich nie darum, wie viel Behagen, Erholung und Vergnügen der Mensch im Lauf seines Lebens vom Rauchen hat, (was zehnmal soviel wert ist als das Geld, welches er sparen würde, wenn er es bleiben ließe) und fragen gar nicht danach, was für eine ungeheuere Menge von Wohlsein dem Menschen in seiner Lebenszeit verloren geht, wenn er, – wie Ihresgleichen – nicht raucht.

Natürlich können Sie Geld sparen, wenn Sie sich fünfzig Jahre lang jene kleinen lasterhaften Genüsse versagen, aber was wird Ihnen das nützen, wozu können Sie das Geld gebrauchen? Es kann Ihre arme sündhafte Seele doch nicht ewig selig machen. Nützlich verwendet wird das Geld nur, wenn es uns in diesem Leben Genuß und Behagen verschafft; für Sie, der Sie ein abgesagter Feind von Genuß und Behagen sind, hat es daher keinerlei Zweck, Schätze aufzuhäufen. Sagen Sie nur nicht, Sie fänden es besser, das Geld für gute, gesunde Speisen auszugeben, Werke der Barmherzigkeit zu thun und sich an Traktätchen-Gesellschaften zu beteiligen. Sie wissen recht gut, daß Leute von Ihrer Sorte, die keine kleinen, menschlichen Schwächen haben, nie einen Cent verschenken und sich die Nahrung so knapp zumessen, daß sie immer hohlwangig und hungrig aussehen. Sie getrauen sich ja bei Tage kaum zu lachen, aus Furcht, irgend ein armer Teufel, der Sie bei guter Laune sieht, möchte den Versuch machen, Ihnen einen Dollar abzuborgen. In der Kirche liegen Sie auf den Knieen und vergraben Ihr Gesicht in das Kissen, wenn der Klingelbeutel herankommt, und dem Steuerbeamten geben Sie nie den vollen Betrag Ihres Einkommens an. Das alles wissen Sie recht gut selber, nicht wahr? – Nun also – wozu sollten Sie Ihr erbärmliches Leben bis in ein armseliges, welkes Alter ausdehnen? Was nützt es Ihnen, Geld zusammenzuscharren, das doch völlig wertlos für Sie ist? Kurz und gut, warum legen Sie sich nicht lieber hin und sterben, anstatt fort und fort den Versuch zu machen, andere Leute mit Ihrer abscheulichen Moralstatistik zu verführen, ebenso »tugendhaft« und unausstehlich zu werden wie Sie? Ich für meine Person billige die Verschwendung nicht und treibe selbst keine; aber ich hege das größte Mißtrauen gegen einen Menschen, der gar keine kleinen Schwächen hat und wünsche deshalb nichts mehr von Ihnen zu hören,

II.
An einen jungen Schriftsteller.

Jawohl, Agassiz empfiehlt den Schriftstellern Fische zu essen, weil ihr Phosphorgehalt Gehirn erzeugt. Insofern haben Sie ganz recht. Aber zu einer Entscheidung der Frage, wie viel Sie davon essen müssen, kann ich Ihnen nicht verhelfen – wenigstens nicht mit Sicherheit. Wenn der Probeaufsatz, den Sie einschicken, dem entspricht, was Sie im Durchschnitt leisten können, so sollte ich denken, daß für jetzt ein Paar Wallfische genügen würden. Es brauchten nicht gerade die allergrößten Wallfische zu sein, sondern eine gute, gesunde Mittelsorte.

III.
An einen verschmähten Liebhaber.

Herr Higgins in Los Angeles schreibt mir: »Mein Leben ist verfehlt. Ich habe sie bis zum Wahnsinn geliebt und angebetet; sie aber hat sich kalt von mir abgewendet und ihr Herz einem andern geschenkt. Raten Sie mir, was soll ich thun?«

Antwort. Schenken Sie Ihr Herz auch einer andern – oder mehreren, wenn genug zu haben sind. Thun Sie auch alles, was in Ihrer Macht steht, um Ihre frühere Flamme unglücklich zu machen. In Romanen findet man die abgeschmackte Vorstellung verbreitet, daß ein verschmähter Liebhaber sich um so glücklicher fühlt, je glücklicher seine Geliebte mit einem andern ist. Glauben Sie nur ja nicht an solchen Unsinn. Je mehr das Mädchen Ursache hat zu beklagen, daß es nicht Ihre Frau geworden ist, um so behaglicher wird Ihnen dabei zu Mute sein. Das klingt nicht poetisch, ist aber eine höchst vernünftige Regel.

IV.
An Arthur Augustus.

Nein, da haben Sie unrecht. Das ist wohl die Art, wie man einen Pflasterstein oder einen Tomahawk schleudert, aber für einen Blumenstrauß eignet sie sich weniger; Sie könnten dabei leicht einmal jemand Schaden anthun. Einen Strauß hält man mit den Blumen nach unten, faßt ihn bei den Stengeln und wirft ihn dann im Bogen. Haben Sie je mit der Wurfscheibe gespielt? Gerade so muß man's machen. Die Sitte, ungeheuere massive Bouquets von der Größe und Schwere eines preisgekrönten Kohlkopfs aus den schwindelnden Höhen der Galerie hinabzuwerfen, ist höchst gefährlich und tadelnswert. Wissen Sie, was vorgestern Abend in der Musikakademie geschehen ist? – Eben hatte die Signorina das wundervolle Lied: »des Sommers letzte Rose« zu Ende gesungen, da kam ein solcher Schmiedehammer aus dem Blumengeschlecht durch die mit Beifallssturm erfüllte Luft herniedergesaust. Hätte sie nicht eine schnelle Wendung nach rechts gemacht, so würde er sie wie einen Schindelnagel in die Bretter der Bühne hineingehämmert haben. Natürlich wurde der Strauß in guter Absicht geworfen, aber hätten Sie etwa die Zielscheibe sein mögen? Glauben Sie mir – eine aufrichtig gemeinte Artigkeit wird von einer Dame stets dankbar empfunden, so lange man nicht versucht, sie damit zu Boden zu schmettern.

V.
Einer jungen Mutter.

Sie denken also, ein kleines Kind sei allezeit ein Ausbund von Schönheit und eine Quelle ewiger Freude? Die Idee ist zwar ansprechend, aber wie mir scheint nicht ganz neu. Jede Kuh denkt dasselbe von ihrem Kalbe. Vielleicht denkt es die Kuh auf weniger anmutige Art, aber sie denkt es doch und ich rechne es der Kuh zur Ehre an. Wir alle schätzen dieses rührende, mütterliche Gefühl, wo wir es auch finden, sei es im Hause der Pracht und des Reichtums oder im niedern Kuhstall. Aber wirklich, verehrte Frau, genau betrachtet, finde ich, daß Ihre Behauptung sich nicht in allen Fällen als stichhaltig erweist. Man kann ein schmutziges Kind, dem nicht rechtzeitig die Nase geputzt wird, nicht mit gutem Gewissen für einen Ausbund von Schönheit erklären und da das frühste Kindesalter höchstens drei kurze Jahre umfaßt, kann ein kleines Kind unmöglich eine »ewige« Freude sein. Es schmerzt mich, daß ich genötigt bin, zwei Dritteile Ihres schönen Ausspruchs mit einem einzigen Satz zu vernichten, aber bei meiner verantwortlichen Stellung als Redakteur darf ich Ihnen nicht gestatten, das Publikum mit wohlklingenden Redensarten zu täuschen und in die Irre zu führen.

Ich kenne ein kleines Kind weiblichen Geschlechts in dieser Stadt, das achtzehn Monate alt ist und außer stande vierundzwanzig Stunden hintereinander eine Quelle der Freude zu sein – von »ewig« gar nicht zu reden! Es ergeht sich in den merkwürdigsten Absonderlichkeiten und besitzt einen Appetit, wie er mir noch nicht vorgekommen ist. Ich will hier aufzählen, was dieses Kind an einem einzigen Tage sich alles ganz allein ausgedacht, vorgenommen und ausgeführt hat, ohne Anraten und Hilfe seiner Mutter oder einer andern Person. Auch bemerke ich, daß sich meine sämtlichen Angaben durch beschworene Zeugenaussagen bestätigen lassen.

Das Kind begann damit, ein Dutzend große Pillen samt der Schachtel zu verzehren, dann fiel es die Treppe hinunter und stand mit einer dicken blauroten Beule an der Stirn wieder auf, um sich sofort nach anderer Unterhaltung und Zerstreuung umzusehen. Es fand eine Glasbrosche mit Messingverzierung, zerbrach erst das Glas, verspeiste es und verschluckte dann das Messing. Hierauf trank es wohl ein Dutzend Eßlöffel voll starken Kampferspiritus und etwa zwanzig Tropfen Laudanum; wäre mehr dagewesen, es hätte noch mehr getrunken. Dann legte es sich auf den Rücken und steckte sich einen Spazierstock mit silbernem Knopf vier bis fünf Zoll weit in den Hals hinab, wo er so fest saß, daß die Mutter die größte Mühe hatte, ihn wieder herauszuziehen, ohne ein Stück von dem Kind selbst mit herauszureißen. Dann verspürte es wieder Hunger nach Glas, brach ein paar Weingläser entzwei und begann die Scherben zu verzehren; daß es sich dabei verschiedenemale schnitt machte ihm nichts aus. Ferner aß es eine Menge Butter, Salz, Pfeffer und Zündhölzchen; immer abwechselnd einen Löffel voll Butter, einen voll Salz, einen voll Pfeffer und drei oder vier Hölzchen. Nun wusch es sich den Kopf mit Seife und Wasser, aß die übrige Seife auf und trank soviel von dem Seifwasser, als es unterbringen konnte. Darauf spazierte es hinaus, faßte die Kuh vertraulich am Schwanz und erhielt von derselben einen Schlag mit dem Huf, daß es einen Purzelbaum schoß. Wenn diese »Quelle der Freude« im Lauf des Tages gerade nichts anderes vorhatte, vertrieb sie sich die Zeit damit, auf Stühle und Tische, zu klettern, herabzufallen und sich regelmäßig dabei weh zu thun. Trotz ihrer Jugend kann sie einzelne Wörter schon ganz deutlich aussprechen und da sie auch in anderer Hinsicht nicht hinter dem Berge hält, sondern dreist auf alles losgeht, eröffnet sie die Unterhaltung mit jedem Fremden, sei er männlichen oder weiblichen Geschlechts mit derselben Formel: »Wie geht's Jim?«

Da ich mit den Eigenheiten der Kinder im allgemeinen nicht vertraut bin, habe ich vielleicht Dinge als etwas Außergewöhnliches geschildert, die jedem, der in der Kinderstube Bescheid weiß, höchst alltäglich erscheinen. Indessen kann ich doch nicht glauben, daß dies wirklich der Fall ist und wiederhole daher nochmals, daß mein Bericht über die Thaten dieses Kindes vollkommen mit der Wahrheit übereinstimmt; sollte irgend jemand hieran zweifeln, so kann ich ihm das Mädchen vorführen. Ich will mich auch dafür verbürgen, daß es alles verschlingen wird, was man ihm giebt, (einen Amboß möchte ich allenfalls ausnehmen) und überall hinunterfallen, wo man es hinsetzt.

Aber ich sehe, daß ich zu weit von meinem Gegenstand abschweife, deshalb will ich nur noch einmal die Überzeugung aussprechen, daß nicht jedes kleine Kind ein Ausbund von Schönheit und eine Quelle ewiger Freude ist.

VI.
An einen gelehrten Fragesteller.

Ein Arithmetikus aus Virginia in Nevada schreibt: »Ich studiere mit Begeisterung Mathematik und finde es recht verdrießlich, daß mein Fortschritt unaufhörlich durch geheimnisvolle, technische Ausdrücke der Gelehrten gehemmt wird. Wollen Sie mir nicht gefälligst sagen, worin der Unterschied zwischen Geometrie und Conchologie besteht?«

Antwort: Bleiben Sie mir vom Leibe mit Ihren arithmetischen Rätseln, mir ist der Kopf ohnehin von einem Schnupfen eingenommen, der mich halb tot macht. Hätten Sie den Ausdruck von Hohn sehen können, der noch vor einem Augenblick meine Gesichtszüge verdüsterte und sofort vom Mittelpunkt aus durch mein letztes Niesen nach allen Seiten hin gesprengt wurde, wie ein zersplittertes Spiegelglas, Sie würden diese schimpfliche Frage schwerlich niedergeschrieben haben.

Die Conchologie ist eine Wissenschaft, die nichts mit der Mathematik zu thun hat; sie bezieht sich einzig und allein auf Schaltiere. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß ein Mann, welcher Austerschalen für ein Gasthaus öffnet, oder sich einer Wageschale bedient, Schalen mit Milch füllt, oder Eierschalen ausbläst, ein Student der Conchologie ist – diese seine sarkastische Bemerkung wird an einer so hohlen Hirnschale wie die Ihrige wohl verschwendet sein. Nun vergleichen Sie einmal die Conchologie und die Geometrie mit einander, da werden Sie sehen, was der Unterschied ist und die Antwort auf Ihre Frage finden. Aber martern Sie mich nicht wieder mit Ihren arithmetischen Greueln, bis Sie hören, daß ich meinen Schnupfen los geworden bin. Mich erfüllt in diesem Augenblick der bitterste Haß gegen Sie, weil Sie mich auf solche Weise nörgeln und quälen, während ich vor Wut nur niesen und meine Taschentücher zu Atomen zerschnauben kann. Seien Sie froh, daß Sie nicht im Bereich meiner Nase sind. Es wäre mir eine wahre Genugthuung, Sie mit einem kolossalen Nieser in alle Winde zu blasen.

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