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Skizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten

Georg Weerth: Skizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten - Kapitel 18
Quellenangabe
typereport
booktitleSkizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten (Sämtliche Werke, 3. Bd.)
authorGeorg Weerth
firstpub1957
year1957
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
titleSkizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten
pages3-475
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XIII
Reise nach Wales

Zwei der schönsten Jahre meines Lebens hatte ich in dem Rauch der Fabriken, in dem Dunst der Arbeiter-Meetings und in der Grabesstille meiner einsamen Wohnung verbracht, da erfaßte mich die süße, unwiderstehliche Lust des Davonlaufens, des Reisens. Es war mir zumute wie einst in London, wenn ich den ganzen Tag die City durchwandert hatte; aus dem Rasseln der Wagen, aus dem Gedränge der Fußgänger, aus dem Staub der Straßen sprang ich dann in die erste beste Kutsche und ließ mich hinausfahren nach meinem smaragdenen Camberwell Green, legte mich unter eine Föhre und wartete, bis die friedliche Nacht kam und der Donner der fernen Stadt gleich dem Rauschen der Brandung nur in dumpfen, verhallenden Tönen zu mir herüberdrang.

Es war im Mai, als ich Yorkshire verließ. Der Frühling lachte auf allen Hügeln.

Wie konnte ich so töricht sein, zwei volle Jahre in einem so häßlichen Ort wie Bradford zu leben? Nun, aber er lag endlich hinter mir, mit all seinem Reichtum und mit all seinem Gestank.

Wehmütig nahm ich von meiner alten Wohnung Abschied. Als ich sie einst betrat, hatte ich meiner Wirtin drei Gelübde tun müssen. Das erste war: niemals Karten zu spielen; das zweite: am Sonntag nichts anderes als Choräle zu singen; das dritte: den Gipsabguß einer Mediceischen Venus in tausend Stücke zu schlagen.

Arme Mediceische Venus, ich mußte dich einer dicken Matrone der Grafschaft Yorkshire opfern! Aber dafür liebte mich auch diese Matrone, und kein Morgen unseres zweijährigen Zusammenseins verging, ohne daß sie Punkt 9 Uhr, einen Psalm Davids singend, zu mir ins Zimmer trat, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen.

Hatte ich ihr auf Zerevis versichert, daß mich der allmächtige Gott gesund und froh zu einem neuen Tage habe erwachen lassen, so hörte sie auf zu singen, stemmte die ambrosischen Fäuste in die Seiten und verlangte zu wissen, was ich am kommenden Mittag essen wolle.

Nichts ist nun entsetzlicher, als sich gleich in der goldnen Frühe des lieben Fressens wegen bekümmern zu müssen, und mehr als einmal erklärte ich der guten Frau, daß sie mir ein gebratenes Kamel, einen gestooften Affen, einen Papagei oder irgend etwas besorgen möge – es sei mir alles einerlei – –

»Well!« erwiderte sie dann, und mit dem ernsthaftesten Gesichte von der Welt, aufs neue einen Davidschen Psalm beginnend, stieg sie wieder in ihre Küche hinab.

Soviel ich mich zu erinnern weiß, habe ich bei der Frau Thompson zwei Jahre lang jeden Mittag Beef, drei Kartoffeln, einen Yorkshire-Pudding zusamt einem Stück Chesterkäse genossen.

Daß ich bei dieser Lebensart mehr als einmal in den bedenklichsten Spleen verfiel – das war natürlich. Meine gute Wirtin sah mir das stets an der Nase an, und ihre Liebenswürdigkeit kannte dann keine Grenzen. Sie schenkte mir eine Apfelsine, sie machte mir ein Holzfeuer, sie lieh mir ihre Bibel – alles wollte nicht helfen! Da kam sie plötzlich auf einen herrlichen Gedanken: es fiel ihr ein, daß es schon im Worte Gottes heißt, es sei nie gut, wenn der Mann alleine sei – – ehe ich mich's versehe, bringt mir die Frau Thompson ein bildschönes, dummes Mädchen ins Zimmer. –

Wie gesagt, mit einer wahren Wehmut nahm ich von meiner alten Wohnung Abschied. Noch einmal drückte ich den alten Jackson an meine Brust; noch einmal leerte ich eine Flasche schottischen Ales mit Mac, dem Doktor; noch einmal fluchte ich auf die 300 Kamine, die mich umraucht hatten – da entführte mich die Lokomotive, und am Abend stand ich in Liverpool.

Liverpool ist ein ebenso liederlicher als langweiliger Ort; im Keller des Adelphi-Hotels findet man aber vorzügliche Austern.

Prangend in schneeigen Muscheln, gleich flüssigen Perlen, ruhen die zierlichen Bestien, des Meergotts zarteste Kinder, in der Tiefe der bläulichen Schüssel.

Die Zitronen Italiens und den Wein deiner Heimat läßt du abwechselnd auf sie hinabträufen, und mit freudiger Stimme beginnst du zu singen: »Gelobt sei Gott, ja dreimal gelobt,

Dieweil er die Austern erschaffen im Meer
Und den Rheinwein auf der Erde.«

Im Adelphi-Hotel war an jenem Abend die geschäftigste Bewegung. Ein amerikanischer Steamer hatte fünfzig Yankees ans Land gesetzt. Lärmend nahmen sie von den Zimmern des Hotels Beschlag. Es war das erste Mal, daß ich so viele Leute aus jener Welt beieinander sah.

Seltsam nehmen sie sich neben den Briten aus. Der Engländer steif, ernst und feierlich in jeder Bewegung; einfach, aber sauber gekleidet; mit glattgeschorenem Kinn; in sehr weißer Wäsche. Ruhig und in sich gekehrt dasitzend; nie jemanden anredend, der ihn nicht zuvor schon gegrüßt; abgeschlossen wie eine verriegelte Tür; der Karikatur Gavarnis gleichend, dem Menschen, qui s'est déguisé en quelqu'un qui s'embête à mort – so wenigstens sind die Liverpool Gentlemen.

Anders die Yankees!

Lebendig, munter und aufgeräumt; schwatzend, pfeifend und singend in einem Atem; ziemlich schlecht gekleidet – nachlässig wenigstens jedenfalls; die eine Spitze des Vatermörders hinaufstehend, die andre herabhängend; die Hose nicht selten über der Öffnung des Stiefels. Den Hut vorn auf dem Kopf, die Hände in der Hose, eine Zigarre im Munde und die Beine, der Verdauung wegen, auf dem Tisch – so redet er dich an, als ob er mit dir in die Schule gegangen, als ob er tausend Meilen mit dir gereist sei. Ehe man sich's versieht, ist man mit ihm bekannt; ehe man's weiß, hat er einen zehnmal belogen und betrogen.

Charakteristisch ist, was mir einst von einem Amerikaner erzählt wurde. Es war im »Jardin Mabille«, in der herrlichsten Sommernacht, die Bäume voller Blüten, die Beete voller Blumen – alles feenhaft erleuchtet und ein halbes Tausend der schönsten Menschen der Welt gerade cancanierend nach dem Jubel der Musik, daß es

»– – Stein' erweichen –
Menschen rasend machen könnt«.

Da tritt dieser Yankee an einen meiner Bekannten heran, legt ihm die Hand auf die Schulter und – offeriert ihm eine Ladung Häute.

Geschäfte vor allem!

Mißtrauisch beschauen sich Briten und Amerikaner, wenn sie nebeneinander sitzen. Je schweigsamer der erste wird, desto renommistischer räsoniert der andre. Zwei furchtbaren Kampfhähnen gleichen sie, welche wissen, daß sie sich einst die Kämme zerzausen werden. »Hie Welf, hie Waiblingen!« – »Hie Polk, hie Peel!«

»Wenn die übrige Welt entscheiden soll«, sagte vor kurzem ein englisches Blatt, »so ist indes nichtsdestoweniger eine große Familienähnlichkeit zwischen Bruder Jonathan und John Bull. Beide lieben wir Geld und Gewalt; beide nehmen wir die höchsten Attribute in Anspruch, ohne uns viel darum zu kümmern, ob dies der übrigen Welt genehm ist oder nicht. Beide halten wir uns berechtigt, die Ellenbogen einzusetzen und uns einen Weg durch den großen Haufen der Nationen zu bahnen, wo nur immer eine Lücke zwischen den verschiedenen Rippen zu erspähen ist. Beide moralisieren wir sehr abstrakt, ausgenommen, wo ein ganz besonderes Interesse die Notwendigkeit einer praktischen Ansicht erheischt. Beide ziehen wir der Prosperität die Segel auf, als ob wir wüßten, daß es immer so bleiben würde. Beide machen wir wenigstens einmal im Jahre halt, um einen befriedigenden Bericht unserer Nationalaffären zu entwerfen. Beide lassen wir uns durch den geringsten Erfolg verleiten, einen Sprung in die Zukunft hinaus zu tun, ohne recht zu sehen, ehe wir springen, oder ohne zu berechnen, was es uns kosten kann. Die Yankees und Briten gleichen sich durchaus in alle diesem. Wir lachen über sie, und sie lachen über uns.

Diese große innere Ähnlichkeit bei dem äußeren Verschiedensein macht aber gerade Briten und Amerikaner zu den schrecklichsten Rivalen. Nicht ohne Grund spottet der Amerikaner der britischen Macht und läßt jedes Kauffahrteischiff in dem Stile bauen, daß es in der kürzesten Frist zu einem Kriegsfahrzeuge umgewandelt werden kann – und nicht ohne Grund spottet der Brite wiederum der amerikanischen Gewalt, indem er sie durch alle Künste der Diplomatie zu hintertreiben und zu untergraben sucht.

Zweifelhaft wäre freilich in diesem Augenblick das Resultat eines feindlichen Zusammentreffens, denn allmächtig herrscht noch die britische Marine auf allen Meeren, und in wenigen Wochen würde sie alle amerikanischen Küstenstädte ineinanderschießen können, dem Handel ihrer Bewohner ein Ende machend und den Unternehmungsgeist des ganzen Volkes zurückdrängend in seine eigenen Grenzen.

Doch nur weniger Jahre würde es bedürfen, um den Amerikaner völlig wieder erstarken zu lassen und eine Wendung der Dinge herbeizuführen; denn außer daß England in allen Teilen der Welt seine Besitzungen beschützen muß, daß es in dem Schicksale Irlands und in der Lage seiner eigenen Arbeiter eine ewige Quelle der Unruhen und der Gefahren hat, ist es dem Amerikaner auch noch in allen den Artikeln tributär, welche gerade die Macht und die jetzige Weltstellung Englands begründen.

Reich an Gold, an Korn, an Baumwolle, an Wolle, an Kohlen, Eisen, Holz und mit einer Lage, die durch die Kraft des Dampfes über den Atlantischen wie den Stillen Ozean hinüber die Vermittlung zwischen dem asiatischen und europäischen Kontinente bildet, steht der Norden Amerikas in seiner enormen Ausdehnung, mit seinen unerschöpflichen Produktionskräften schon in dem ersten Jahrhundert seiner Kultur als ein Koloß da, vor dem nicht allein England schon in diesem Augenblicke zittert, nein, dem auch das ganze alte Europa vielleicht einst das Knie biegen muß, wenn nicht die Völker des Ostens dem Freiheitsrufe aus fernem Westen mit Herz und Hand antworten und jene Bruderliebe und Harmonie der Nationen herbeiführen, welche das grausame Gesetz der Konkurrenz in ein friedliches und menschliches Zusammenwirken der Völker verwandeln werden.

Aber verzeihen Sie diese Phantasien, verehrtester Leser! Unwillkürlich überkamen sie mich, so zwischen John Bull und Bruder Jonathan sitzend, in den Räumen des Adelphi-Hotels bei Austern und Rheinwein.

Ja, gelobet sei Gott, schier dreimal gelobet:
Dieweil er die Austern erschaffen im Meer
Und den Rheinwein auf der Erde!

Es war längst Nacht geworden. Viele der Gäste waren allmählich davongeschlichen; schon war ich im Begriff, ihrem Beispiele zu folgen, da bemerkte ich plötzlich dem Kamine zu das Schönste, was man außer Augen, Lippen, Locken et cetera et cetera an einem Weibe sehen kann, nämlich den zierlichsten Fuß, den je ein Frauenzimmer flink und flott auf die weite Welt Gottes setzte.

Schöner Fuß! Von wannen kommst du, und wohin gehst du? Ist er nicht vor lauter Freude verrückt geworden, der glückliche Schuster, als er deinen blauen Schuh machte? Hat nicht das Straßenpflaster vor Liebe gejauchzt, als du es zuerst betreten? Weinte nicht jeder Pudel Dankestränen, wenn er auch nur den leisesten Tritt von dir besah? Oh, lebte der alte Goethe noch! Wie würde ihm das Herz schlagen, wenn er dich in roten Pantoffeln, mit hohem Absatz, klipp, klapp einen hallenden Korridor hinunterwandeln sähe! Oh, stände der greise Hafis aus seinem Grabe auf! Taumelnd vor Wonne würde er dich mit den Rosen all seiner Lieder umwinden!

Fuß in blauem Schuh! So du zur Rechten gehst, so gehe ich zur Rechten, und gehst du zur Linken, so wirst du mich dir zur Linken folgen sehn!

Mein Entschluß war gefaßt. Ohne Plan, ohne Absicht war ich nach Liverpool gekommen – fest stand es jetzt in meiner Seele, daß ich diesem Fuße folgen wolle, und wandelte er vor mir her bis zu den Samojeden.

 

Auf stieg der Morgen.

»Maria, schöne Freundin, kommen Sie; ich werde die lieblichsten Märchen in Ihr Ohr säuseln!« – Da reichte sie mir fünf zarte Finger, welche eine Hand ausmachten, so reizend...!

»Ich bitte, Maria, würdigen Sie mich eines Backenstreiches mit dieser sammetweichen Rechten!«

Sie lachte. »O halten Sie fest! ja, recht fest! so!«

Und da machte sie sich rasch von mir los, denn ihr Fuß hatte eben das Verdeck des »John Mac Adam« berührt; der Sprung vom Lande ans Schiff war geschehen, und lustig tanzte sie über den glatten Boden der Kajüte.

Heiliger Gott, da war wieder der kleine Fuß!

Pfeilschnell flog der Dampfer die Mersey hinunter. Ein paar Minuten lang ergötzte uns noch das bunte Treiben der Liverpooler Docks, das Singen der Matrosen, das Flattern von tausend Wimpeln und die Stadt selbst, mit den greulich hohen Warenhäusern, die so voll sind von süßem Zucker, von langweiligem Tee und ambrosischem Rum, daß ich nicht begreife, weshalb ein solches Haus nicht gelegentlich den Verstand verliert, zu taumeln beginnt und weit hinaus ins Meer purzelt – einen Hering zu fangen! Denn ein Hering schmeckt vorzüglich, wenn man Tee mit unermeßlichem Rum genossen.

Froh war ich, daß wir Liverpool im Rücken hatten. Es ist eine ermüdende Stadt mit hohen Häusern, kleinen Menschen und großen Kaufleuten, außerdem etwas Welthandel – sonst wußte ich nicht viel zu notieren.

Jedenfalls sind mir aber zwei junge Hamburger unvergeßlich, die ich am ersten Abend meines Aufenthaltes gegen 11 Uhr in den Gassen fand.

Die Hamburger sind gewöhnlich nicht dumm, und diesen Vorzug hatten auch die beiden braven Leute, welche mich damals in gebrechlichem Englisch anredeten und mir treuherzig mitteilten, sie hätten sich fest vorgenommen, unter allen Umständen, à tout prix, sich den Rest der Nacht ganz ungeheuer gut zu amüsieren, und ich, als Eingeborener, sollte ihnen dabei behilflich sein. Natürlich eröffnete ich ihnen zuerst, daß ich nicht die Ehre hätte, ein Eingeborener zu sein, sondern weit hinten im Lande der Phäaken zu Hause wäre, und daß ich zweitens, bei ja und nein, der Ihrige sein wolle, Affenteuer aufzusuchen, zu finden und zu bestehen. Wir machten darauf gemeinschaftliche Sache, jagten lange vergebens unserem Glücke nach und wären vielleicht ruhmlos in die Heimat zurückgekehrt, hätte sich nicht die – Polizei unser angenommen! Ach, die Polizei! Wir nahmen Unterricht bei ihr und waren bald mit allem Teufelszeug besser bekannt als der rechtschaffenste Mann Großbritanniens.

Unser Schiff schwankte mit knarrenden Masten in die Irische See. Wo blieb meine schöne Berlinerin? Marie war nichts weniger und nichts mehr als das – nie ist ein erfreulicheres Geschöpf Unter den Linden zur Welt gekommen.

»Holde Männin, teure Landsmännin, was fällt Ihnen ein?«

Sogar der graue Kapitän wurde von schauerlichem Entzücken erfaßt, denn die verwegene Schöne hatte eben ihre verzweifelt kleinen Füße auf das purpurne Kissen einer Schiffsbank gesetzt und bog sich weit über den Rand des Verdeckes hinaus. »Liebes Kind, Sie fahren nicht auf unserm gemütlichen Rheine, zwischen Bonn und Bingen, wo sich gleich tausend Poeten in die Wellen stürzen würden, wenn Ihnen etwas Menschliches begegnete.

Sehen Sie die Irische See, wie sie tobt, wie sie schäumt!

Jene Felsen sind das Grab mancher stolzen Fregatte – und Sie achtzehnjährige Blume...?«

Keine Antwort. Ihre braunen Augen schweiften sehnsüchtig über die tanzenden Wogen; und der Morgenwind, wie galant machte er sich auf und riß den grünen Schleier von ihrem weißen Angesicht! »Halt an, du Geselle!« Er riß das seidene Tuch von ihrem Nacken und die Locken von ihrer Stirn; und wie die rote Korallenkette an ihrem Halse zu rasseln begann und wie die Falten des langen Gewandes immer toller um die leichte Gestalt wogten und wie sie weit schöner war auf der donnernden See als einst in den heimischen Gärten, da wollte es auch dem alten Ozean nicht länger auf kaltem Grunde behagen; er hob sich murmelnd über die Planken des Fahrzeugs und küßte den Saum ihres Kleides – der alte Kerl!

»Deutsche Donna, ich bin des Spaßes müde. Schämen Sie sich gütigst. Lassen Sie sich doch nicht von diesem irländischen Ozean verführen!

Seien Sie patriotischer! Und jetzt steigen Sie von der Bank herunter...«

Maria sah mich mit ihren liebenswürdigen Augen so sträflich an. »Ach, ich vergaß ganz, Sie meinen Reisegefährten vorzustellen!« rief sie. »Sehen Sie, hier Mr. John und Miss Clara!«

Ein kleiner Mann und eine große Dame standen vor mir. Mr. John aus Manchester – ein Baumwollen-Lord, wie man gewöhnlich die Leute nennt, welche durch den Handel mit Baumwolle oder durch Verarbeitung derselben zu unanständigen Reichtümern gelangten – küßte vor dreißig Jahren zuerst das Töchterchen Clara auf die beiden Lippen. Er war damals ein schlichter Mann, vierschrötig und steif wie fast alle Lancashire-Leute, und Clara war nicht höher, versteht sich, als eine Wachskerze damals.

Als aber aus dem trüben Manchester immer mehr Fabriken aufstiegen, immer schlankere Kamine emporwuchsen, immer mehr Mühlen und Maschinen in den Tag hinein rasselten, als die Arbeiter stets bleicher und stiller wurden und die Herren stets lustiger auf die Börse stolzierten: da war auch aus dem gewöhnlichen, steifen Lancashire-Mann ein reicher, geschliffener Gentleman und aus dem wachskerzenhohen Töchterlein eine fast sechs Fuß lange Miss geworden, die ihre großen Füße so stämmig auf den Boden setzte wie ein Dragoner, trotzdem daß der Tanzmeister ihr ein über das andere Mal geraten, leicht zu wandeln wie eine Elfe und melodisch wie eine Göttin.

Clara, Marie und Mr. John schritten der Vorkajüte zu, wo einige Matrosen am Boden kauerten. »Goddam, Jack, hier ist Geld genug!« schrie ein kerngesunder Bursche und warf eine Handvoll Schillinge und halbe Kronen in den Hut seines Nachbarn. »Jetzt Rum her!« – und an dem Donner seiner Stimme konnte man deutlich bemerken, daß schon am frühen Morgen ein treffliches Wetterleuchten durch die breite Stirn zuckte. »Seit gestern«, fuhr er fort, »no, what a devil, seit sieben Tagen bin ich schon am Lande und erst einmal betrunken gewesen. I say, Jack, sieben Tage voll!« – »Ist eine ganze Woche betrunken!« antwortete Jack und langte nach einigen irdenen Töpfen, in denen sie den goldgelben Rum zu Munde führten. »In Kalkutta«, rief der erste weiter, »kaufte ich diese Jacke.« Und da riß er das flanellene Wams von den Armen und warf es über Bord. »Diese Jacke – sieben Schilling und sechs Pence, schöne Jacke! I say, Jack, ich kenne eigentlich nur zwei Plätze auf dem festen Lande, das ist der ›Anker‹ in Liverpool und der ›Stern‹ in Kalkutta! O ›Anker‹ und ›Stern‹! Sechs Pfennig das Glas Brandy! Und hat mich die alte Liese in Liverpool aus dem ›Anker‹ geworfen, da reise ich wieder nach Kalkutta; und wirft mich der schiefe Mulatte aus dem ›Stern‹ in Kalkutta, da kehre ich zurück zu der alten Liese nach Liverpool. O Liese!«

Dieser Geständnisse der Matrosen wegen gab die lange Miss Clara sich alle mögliche Mühe zu erröten und bemerkte der aufmerksam lauschenden Freundin, daß der Anstand sehr erfordere, sich etwas von dem rohen Volke zu entfernen. Die heitere Marie, welche freilich wenig genug von den kräftigen Seeredensarten verstand, erwiderte darauf, daß jener Matrose im Grunde doch ein wunderschöner Mann sei. »Aber sehr gemein!« sagte Clara. – »Aber schön!« sagte Marie.

Da entfernten sich die Mädchen, und die lange Clara verdrehte noch einmal ihre blauen englischen Augen und sah nach dem dunkelbraunen Backenbarte des jungen Mannes. Es mußte so sein, denn »dunkelbraun« murmelte sie im Davongehen.

»Sehen Sie, teurer Herr«, sagte der Cotton-Lord zu mir, »so leben diese unglücklichen Matrosen. In frühester Jugend schon auf dem Wasser, hassen sie bald das Land. Es sind liederliche Gesellen, diese Matrosen! Kommen sie nach langer Reise in den Hafen, da bezahlt man ihnen den Lohn, und dieser macht gewöhnlich eine kleine Summe aus, denn unterwegs können sie ja nichts verzehren. Statt aber mit dem Erworbenen weise umzugehen und die Tage der Ruhe heiter zu genießen, stürzen sie vom Schiff gleich in die erste Schenke, schreien, tanzen und singen wie unsinnig, und sind sie betrunken, dann nehmen sich die schmutzigsten Geschöpfe ihrer an, bestehlen sie und werfen sie auf die Straße, wo sie am Morgen, ohne Geld, mit zerrissenen Kleidern, erwachen. Was sollen die armen Menschen anders tun, als wieder auf das erste beste Schiff gehen und neue Reisen machen? Dies geschieht, und im nächsten Hafen sind sie geradeso toll wie im letzten; die Jahre verstreichen, bald sind sie an Herz und Gemüt verwildert – o traurig, daß es solche Menschen gibt! Wie glücklich könnten sie sein, wenn sie mit dem Ihrigen zu Rate gingen! Ich kenne das, mein Freund!«

Während der alte Herr so mit Wärme sprach und eine sanftmütige Träne improvisierte, waren die Matrosen vom Boden aufgesprungen und rannten mit wildem Geschrei durcheinander. Der von Kalkutta Gekommene wollte von seinem Freunde Jack das Geld herausholen, was dieser verweigerte, um ihn, wie er sich ausdrückte, nicht in Zeit von zehn Minuten zu einem armen Teufel werden zu lassen. Der Betrunkene wollte aber von »brüderlicher Vorsicht« nichts wissen, streifte die Hemdärmel empor und versetzte seinem Jack ein paar regelrechte Stöße, die das Signal zu einer tüchtigen Boxerei waren.

Man steckte die beiden Kämpfer in die Matrosenkajüte, wo sie ihren Streit schlichten konnten, und Passagiere wie ein Teil der Schiffsmannschaft lehnten sich über die Luken, um mit der größesten Ruhe und Kaltblütigkeit zuzuschauen.

»Mit den Matrosen«, fuhr der alte Herr aus Manchester fort, »ist es gerade wie mit den Fabrikarbeitern. Das sind auch niedrige Menschen. Ich versichere Ihnen, ein solcher Arbeiter denkt nie an den folgenden Tag, und daher kommt es auch, daß er so oft unglücklich wird. Gebe ich einem Arbeiter dreißig Schilling die Woche, da erübrigt er keinen Pfennig – gebe ich ihm fünfzehn Schilling, da wird er auch fertig, nur mit dem Unterschied, daß er bei dreißig Schilling zehnmal betrunken war und bei fünfzehn Schilling nur fünfmal. Nichts aber wirkt verderblicher auf Geist und Körper als Trunkenheit! Ergo: man gebe den Arbeitern geringen Lohn, da sorgt man am besten für sie, man gebe ihnen fünfzehn Schilling statt dreißig – da haben sie genug zu leben und zu wenig, um ausschweifen zu können. Der hohe Lohn in England, das ist der Grund der schrecklichen Demoralisation der arbeitenden Klassen! Seien Sie versichert, teurer Herr, ich verstehe mich auf diese Sachen. Seit dreißig Jahren halte ich mich an diese Prinzipien.« – »Und sind ein reicher Mann dabei geworden!« – »Nun ja, man sagt so, aber... sehen Sie dort! Was ist das?« Wir blickten beide nach der Vorkajüte. Die Passagiere, welche dem Kampf der beiden Matrosen zugeschaut hatten, entfernten sich von den Luken, einige ziemlich bestürzt, andere mit den gleichgültigsten Gesichtern.

»Dort haben sich wieder zwei die Köpfe zerschlagen!« rief der Cotton-Lord. »Armes, ungebildetes Volk! Diese Menschen wissen das hohe Gut der Gesundheit nicht zu würdigen. Sieh, wie der eine blutet!« Da brachte man den Burschen von Kalkutta aufs Verdeck. »Es geschieht ihm recht, lieber Vater!« erwiderte die lange Clara, welche mit gemächlichen Schritten näher kam. »Gerade dieser mit dem dunkelbraunen Barte gebärdete sich vorhin so übermütig! – Aber, liebe Marie, was zittern Sie? Das ist ja etwas ganz Gewöhnliches! Das gemeine Volk in England ist immer so.« Und da setzte sie ihre Brille auf die dreißigjährige Nase, denn der unglückliche Vorfall gab eine schickliche Veranlassung, um den schönen Matrosen näher zu betrachten. Dieser hatte eine gehörige Wunde an der Stirn davongetragen, und das Blut rieselte in großen Tropfen über die Wange in sein blaugestreiftes Hemd. Man legte ihn an die eine Seite des Verdeckes, und Jack, der seinen teuern Freund so schlimm getroffen hatte, zog mit eigener Hand einen Eimer Wasser aus dem grünen Behälter, kniete dann nieder und wusch die Schläfe des Halbohnmächtigen. »Dam, old boy, how are ye?« rief Jack mit wehmütigem Tone. Er zitterte noch am ganzen Körper, und der Zorn murrte wie ein davonziehendes Gewitter durch die breite, kräftige Brust. »Ich wollte dir dein Geld verwahren, und dafür schlägst du mir zwei Zähne aus!« Jack erhielt keine Antwort. Sein getroffener Freund wurde immer bleicher, und als das kühle Wasser das Blut hinweggespült hatte und die Stirn von Staub reingewaschen war, da lag er im Schmuck seiner langen Haare und des vollen krausen Bartes so Ehrfurcht gebietend da wie die schönste Heldenleiche.

Unser Dampfer hatte indes einen großen Bogen durch die See zurückgelegt und arbeitete mit aller Gewalt auf die nördlichste Spitze von Wales zu. Wir kamen dem Lande immer näher; ein Zug Möwen hob sich flatternd von den Felsen empor und jubilierte über unsre Masten hinweg.

Fast den ganzen Morgen sahen wir das Ufer nur in dämmriger Ferne, und an Stellen, wo die Dünen sehr niedrig waren, schien nur die See den Horizont zu bilden. Wir waren daher nicht wenig erstaunt, als plötzlich die wildesten Klippen aus den Wellen emporsprangen – die Passagiere drängten sich an den Rand des Verdecks. »Great Ormes Head!« rief der Kapitän, und in grasgrüner Flut lag eine rosarote Felsmasse vor uns.

Der Lord stieß seine längliche Tochter an den Ellbogen, als hätte er sagen wollen: »Nun, mein Kind, entzücke dich!« Und die Tochter war auch schon bereit, eine Herzensergießung von sich zu geben, da bemerkte Marie, daß der liebe Gott doch wohl in sehr kurioser Stimmung gewesen sein müsse, als er dergleichen Seltsamkeiten erschaffen – ob welcher vermeintlichen Lästerung die lange Clara ihr linkes Auge wie eine Roulettescheibe im Gesicht herumdrehte. Die Matrosen des Schiffes waren indes nicht weniger aufmerksam, da der Wind plötzlich mit ungewöhnlicher Heftigkeit durch die Felsenreihen pfiff. Der Paß, den wir durchfuhren, war äußerst schmal; die Wellen gingen hoch, und der Dampfer wurde tüchtig hin und her geworfen. Es entstand dadurch eine allgemeine Verwirrung an Bord. Die Passagiere hielten sich der schönen Aussicht wegen alle auf dem Verdeck und klammerten sich an den Bänken fest. Da der Leute aber sehr viele waren, so konnte es nicht anders geschehen, als daß bald einige von ihren Sitzen herunterrutschten und wie bei einem zusammenstürzenden Kartenhause, wo ein Blatt das andere niederschlägt, sank bald eine Person auf die andere, und im Nu hatte sich die größeste fallende Sucht über alles Publikum verbreitet. Clara verlor zuerst das Gleichgewicht und neigte sich zu der Brust des vorüberlaufenden Schiffsjungen.

Dieser, ein schlanker Geselle, konnte natürlich der Wucht so vieler Reize nicht widerstehen und unterlag der bacchantischen Umarmung, indem er stolpernd zwischen das Gebein des ehrwürdigen Lords geriet und diesen so erschütterte, daß der gute Mann noch in seinen alten Tagen den jugendlichsten Sprung riskierte und niederfallend sein zürnendes Haupt bis über die Nase in den Filzhut begrub.

Auf der andern Hälfte des Schiffes ging es noch viel bunter zu. Eine Herde Ochsen, welche man von England nach Wales entführte, benutzte nämlich den stets zunehmenden Skandal und arrangierte den lieblichsten Nationaltanz, zu dem einige der kühnsten, freundlich brüllend, die schönste Kuh einluden, welche bisher hinter dem Takelwerk einsam ihr Leben vertrauert hatte. Dies war natürlich den Treibern ein höchster Greuel. Mensch und Ochs gerieten daher in den heftigsten Konflikt; von beiden Seiten geschahen Wunder der Tapferkeit; bald gab man keinen Pardon mehr, und also schwankte das Glück des Kampfes, daß ich mehrere Male, von einem höhern Standpunkte aus, nicht mehr unterscheiden konnte, wem der Lorbeer gebühre.

Die ganze Revolution im Tier- und Menschenreiche wurde von vielfältigem, herzinnigem Fluchen begleitet, wozu sich noch der tiefe Fagott-Ton jener Unglücklichen gesellte, die bei dem zunehmenden Schwanken des Schiffes endlich dem Meere ihre Leiden zu klagen gezwungen wurden.

Die prächtigen Felskolosse, der plötzliche Sturm und die dann folgende Aufregung hatten meine Aufmerksamkeit so gefesselt, daß ich den verwundeten Matrosen ganz aus den Augen verlor.

Als ich mich daher nach ihm umsah, fand ich, daß er von der Vorkajüte bis an den Dampfkessel gerollt war, und eben wollte ich hinabsteigen, um ihm weitere Rotationen unmöglich zu machen, da huschten zwei allerliebste Hände hinter dem Treppengeländer hervor und drückten ein schneeweißes Tuch auf die Wunde des armen Burschen. Sie zitterten recht, als sie dann das Haar von der bleichen Stirn streichelten. Ich sah es genau: es hob jemand den Kopf sacht empor und legte ihn auf die Schleppe eines seidenen Kleides.

Wer konnte es sein? Ich eilte die Treppe hinunter. Da rannte mir der Kapitän entgegen; er sprang auf einen Balken, der die beiden Radkasten der Maschine verbindet – ein paar Fuß über mir und den zarten Händen, die unten den Matrosen pflegten. Wir mußten an einer gefährlichen Stelle sein. Spitze, höhnische Felsennasen ragten weit hinaus in das Fahrwasser. Einige Leute drehten am Steuerruder nach Leibeskräften; aber ein fatales Segel blähte sich noch an der Spitze des mittleren Mastes und machte den Lauf des Schiffes unregelmäßig. Die flinksten Matrosen mußten hinan; ich lief die Treppe hinab, sie kamen herauf und versperrten mir den Weg. Da setzte der Kapitän sein großes Sprachrohr an den Mund, und von dem Donner seines Rufes tönten rings die Felsen wider. Es war ein ernster Befehl; die Matrosen boten ihre ganze Gewandtheit auf, und sieh, auf vom Boden richtete sich der verwundete Bursche von Kalkutta, wie ein Toter beim Blasen der himmlischen Posaune, plötzlich empor. Die zarten Hände, welche seinen Kopf gehalten, glitten zur Seite; eine schlanke Gestalt kam zum Vorschein – es war die lustige Marie, welche den armen Teufel beschützt hatte.

Rasch eilte sie hinunter in die Kajüte. Der Matrose aber fuhr mit der Hand über die Augen, taumelte noch einige Male, blickte dann in das Segelwerk hinauf, und wie eine Katze kletterte er über die Strickleiter. Seine Faust erreichte den einen Zipfel des Segels; drei, vier Griffe in die Taue, und das Linnen war gerafft. Der Dampfer zog seine rechte Straße und war bald im besten Wasser.

Ein letzter Blick auf die Felsen – und aller Augen schweiften entzückt über die tiefblaue Bay von Bangor. Zur Rechten die Insel Anglesea mit den waldigen Ufern und links die Berge von Wales, übersät von Landhäusern, Schlössern und grauen Ruinen. Vom Hafen herüber Lärm und Geschrei! Ein prächtiger Dreimaster schwankte der Küste zu – laut begrüßte ihn der Ruf der Matrosen, und hoch oben aus dem Segelwerk schaute ein sechsjähriger Mohr verwundert in europäisches Leben.

 

Auf der Küste von Nordwales steht ein Wirtshaus. Das nennt man das »Hotel des heiligen Ritters Georg«. Lieber Leser, gehst du vor die Tür dieses Hauses, da siehst du links die gewaltige Kettenbrücke, welche von Wales über die Menaistraße schnurgerade nach der Insel Anglesea hinüberreicht, rechts erblickst du die alten Städte Beaumaris und Bangor; vor dir die Insel und hinter dir steht die alte Frau Roberts und sagt: »Es ist heute sehr schönes Wetter!« In diesem Georgs-Hotel bei der Frau Roberts ruhten wir aus von den Stürmen des Meeres. Als wir den Tee genossen und das geröstete Brot, versank der Lord in die Falten einer Zeitung. Maria aber und die lange Clara rückten näher an den Kamin, in dem mehr des Spaßes als der Kälte wegen ein lustiges Feuer loderte.

»Meine teuern Frauenzimmer, Sie kennen doch das Land Madagaskar?« Beide sahen mich verwundert an.

»Das Land Madagaskar grenzt nördlich an den Ozean, südlich an das Meer, westlich an die See und östlich an das Wasser.«

»Ist also eine Insel?« sagte Clara. – »Geraten, meine Teure! Von der Insel Madagaskar will ich Ihnen aber gar nichts erzählen, sondern von der Insel Anglesea.«

»Nun, dann erzählen Sie doch!« rief Marie und stampfte ungeduldig mit ihrem himmlischen Füßchen.

»Fräulein, warten Sie! Das Warten ist eine Hauptsache. Das ganze Leben ist nur ein Warten, ein Erwarten! Sehen Sie hin, wohin Sie wollen, überall ein Warten! Denken Sie an Abraham! Er mußte lange warten, ehe ihm seine Frau ein Kind schenkte. Odysseus mußte lange warten, ehe er in die Arme der lilienarmigen Penelopeia zurückkehrte. Methusalem mußte lange warten, ehe er starb. Das war freilich vor vielen Jahren. Aber ist es nicht heute noch geradeso? Wie lange muß nicht ein Doktor warten, ehe er Professor wird! Wie lange muß man nicht vor der Tür warten, wenn man den Hausschlüssel vergessen hat! Wie lange muß nicht ein Kreditor warten, ehe er sein bares Geld zurückerhält! Oft drei Monate und dann noch zwei Respekttage!«

»Verzeihen Sie, drei Respekttage in London!« unterbrach mich hier der Lord und versank wieder in seine Zeitung.

»Aber das ist ja alles nur bei den Männern so«, versetzte Maria unwillig, »junge Mädchen läßt man nie warten! Und jetzt erzählen Sie uns von Anglesea! Junge Mädchen wollen nie warten!«

Die dreißigjährige Miss blickte grimmig zur Seite –

Ich fuhr fort: »Die Insel Anglesea war früher von den Druiden bevölkert. Aber man schlug die Druiden tot, und seitdem sind sie ausgestorben. Die Druiden waren langweilige Kerle, nährten sich von Wurzeln und Kräutern, sprachen schlecht französisch und ließen sich totschlagen. Später kam die Insel, welche jetzt eben im herrlichsten Mondenglanze vor uns liegt, unter britische Hoheit, und wenn Sie heute einen Brief in London schreiben, sich für einen Penny einen Stempel kaufen, worauf das Bild der Königin steht, und diesen Stempel auf das Kuvert des Briefes kleben, ihn dann auf die Post geben und sagen ›Lebe wohl, mein Brief!‹, so kommt der Brief, wo Sie wollen, richtig in Anglesea an. Nur müssen Sie den Stempel richtig aufdrücken, den Kopf der Königin oben!«

»Of course, natürlich!« sagte Clara.

»Aber das gehört wieder nicht zur Insel Anglesea!« bemerkte Marie.

»Verzeihen Sie, Fräulein – aber nichts wird uns jetzt mehr unterbrechen. – Dafydd ab Gwilym ist nämlich der unaussprechlich schöne Name eines Barden, der im Anfang des 14. Jahrhunderts auf der Insel Anglesea, in Wales oder sonstwo geboren wurde. Denn man weiß nicht recht, wes Landes er ist. Er machte recht hübsche Verse, die uns aber gar nichts angehen, denn wie kann der gute Mann verlangen, daß wir sie noch ein halbes Jahrtausend nach seinem Tode lesen? Wir schwärmen jetzt für ganz andere Leute, mein lieber Dafydd ab Gwilym, und ich würde es sehr sonderbar finden, wenn du irgendeine Aufmerksamkeit von uns erwartetest. Nein, bei der ewigen Sonne, wir nehmen nicht die mindeste Notiz von dir. Du bist längst verfallen – abgemacht; aber Dafydd, du warst einst ein sehr schöner Mann! Goldgelbe Locken flossen von deiner prächtigen Stirn hinab – deine Augen waren blau, dein Wuchs war schlank und dein Herz ein loderndes Feuer!

Dafydd ab Gwilym machte noch in seinem sechzigsten Jahre viel tollere Streiche als unser guter Nettelbeck seligen Andenkens von Kolberg in seinem vierzehnten. Es ist dies wieder ein Beweis, daß wir es doch unter keinerlei Umständen mit dem Auslande aufnehmen können. Sogar in tollen Streichen ziehen wir Deutsche den Kürzern! Welcher deutsche Poet hätte je in seinem Leben vierundzwanzig Geliebte auf einmal zu gleicher Zeit unterhalten? Das aber tat Dafydd! Freilich war er auch einst zweiundzwanzig Jahre alt, und gerade damals.

›Was soll ich mit vierundzwanzig Geliebten tun?‹ sprach Dafydd. ›Wenn ich eine küsse, wollen dreiundzwanzig vor Sehnsucht vergehn; das ist nicht wohlgetan.‹

Da setzte er sich eines Morgens an sein großes Schreibpult, nahm vierundzwanzig Pergamentrollen und schrieb an vierundzwanzig der schönsten Mädchen, Frauen und Witwen der benachbarten Inseln und Königreiche also: ›Übermorgen abends um 8 Uhr, bei der großen Eiche auf dem Wolfsfelde im Lilientale!‹

Ein anderer Mensch hätte vielleicht mehr geschrieben, noch etwas Verbindliches hinzu. Aber Dafydd sah ein, daß es nicht möglich ist, vierundzwanzigmal hintereinander geistreich und liebenswürdig zu sein. Er schrieb daher in Ermangelung einer Druckerei, die wir heutzutage bei ähnlicher Gelegenheit jedenfalls anwenden würden, er schrieb alle Briefe so kurz und bündig und schrieb den einen wie den andern.

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