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Skizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten

Georg Weerth: Skizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten - Kapitel 15
Quellenangabe
typereport
booktitleSkizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten (Sämtliche Werke, 3. Bd.)
authorGeorg Weerth
firstpub1957
year1957
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
titleSkizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten
pages3-475
created20050926
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Nach einer kurzen Tätigkeit brachte man indes den eifrigen Methodisten in den »Court of Queen's Bench« und beschuldigte ihn der Absicht, den öffentlichen Frieden auf eine sehr gefährliche Weise haben stören zu wollen. Er habe eine große Menge der Untertanen der Königin zum Tumult, zur Insurrektion und zum Ungehorsam vor dem Gesetz aufgereizt und sie zu überreden gesucht, die Person und das Eigentum verschiedener friedlicher Untertanen Ihrer Majestät zu beschädigen. Am 17. August 1839 machte man ihm dann in Chester den Prozeß. Die Sitzung begann um 9 Uhr morgens und dauerte ohne Unterbrechung, ausgenommen ungefähr 10 Minuten, bis 8 Uhr abends.

Stephens verteidigte sich in einer Rede, welche 5 Stunden weniger 5 Minuten dauerte, weswegen er von den Richtern im höchsten Grade bekomplimentiert wurde. Der Generaladvokat war aber ohn' Maßen wütend. Die Jury, nachdem sie fast eine halbe Minute deliberiert hatte, gab das Verdikt: »Schuldig«, und der Richter eröffnete dem ehrenwerten Agitator, daß er sich auf 18 Monate nach dem Korrektionshause von Knutsford zu verfügen habe.

So bestrafte man den würdigen Mann, der die Kühnheit hatte, dem Volke zu sagen, daß das neue Armengesetz und das Kindermordbuch des Marcus aus derselben Quelle stammten.

Die Gefangenschaft des Methodisten wurde dadurch versüßt, daß die englischen Arbeiter eine Subskription für Stephens eröffneten, wodurch über 3000 Pfund Sterling in seine Taschen geflossen sein sollen.

Mit diesem Sümmchen hat der gute Mann sich aus dem Leben und Treiben der Politik wieder nach Stalybridge zurückgezogen, wo er noch heutigen Tages sehr vergnügt seines Daseins pflegt.

Während, wie wir erzählten, die Sozialisten ihren Versuch machten, das System Owens praktisch auszuführen, während die Agitation gegen die Stempeltaxe, gegen das Fabriksystem und gegen das neue Armengesetz im besten Zuge war, hatte der Irländer Feargus O'Connor seinen Fuß auf britischen Boden gesetzt und den ersten Anlauf genommen, um die Bewegung des englischen Volkes in seine Hände zu nehmen. Sein Unternehmen war nicht das leichteste. Schon als Irländer, der stets von den Briten mit etwas zweideutigen Augen betrachtet wird, hatte er mit mehr Vorurteilen als mancher andere zu kämpfen. Die meisten Schwierigkeiten machten ihm indes die Führer der alten Radical Reformers, welche nach und nach konservativ in ihren Ideen geworden waren und sich durch den ersten besten sprudelfrischen Geist nicht aus ihrem Schlendrian herausreißen lassen wollten. Durch die teilweisen Erfolge der letzten Jahre hatte sich eine gewisse Aristokratie unter den revolutionären Leuten gebildet, die größtenteils aus abgenutzten und verschlissenen Individuen oder aus solchen bestand, die, in gewissen Lieblingspunkten disappointiert, den Mut zu weitern Anstrengungen verloren und sich mürrisch in sich zurückzogen, indem sie die jüngeren Agitatoren neidisch anbellten. In gewisser Beziehung gehörte auch der alte Jackson, der uns im vorigen Kapitel die Entwicklung der Radical Reformers schilderte, zu diesen Leuten; je mehr O'Connor an Einfluß gewann, desto inniger neigte sich mein alter Freund der letzten, äußersten Spitze der Partei der Radical Reformers zu, die sich in dem in Birmingham lebenden bekannten Sturge personifizierte. Seine Abneigung vor den Chartisten ging sogar schließlich so weit, daß er entschieden mit ihnen brach und ihren Chef O'Connor in einer sehr ausgearbeiteten Broschüre von unten bis oben angriff.

Wir müssen gestehen, daß es ihm gelungen ist, O'Connor manche Inkonsequenzen nachzuweisen; nichtsdestoweniger scheitert aber all sein Scharfsinn an den vielen guten Eigenschaften jenes merkwürdigen Mannes, und wir glauben, unbeschadet unseres Helden, den Beginn der Jacksonschen Broschüre erwähnen zu dürfen, da sie uns in sehr lustiger Weise das erste Auftreten unseres O'Connors schildert. »Gern«, beginnt Jackson, »machen wir mit Feargus O'Connor den englischen Radikalen ein Geschenk. So drückte sich Daniel O'Connell einst aus, und daß er überhaupt dies Geschenk machte, daß er es so gern und zu damaliger Zeit gab, das zeigt nur zu deutlich, daß Daniel viel früher als die englischen Radikalen wußte, wie es wirklich mit diesem Geschenke aussah.

O'Connor hatte seine Anlage zu einem politischen Agitator und seine Ausdauer in allem, was er unternahm, genügsam in Irland bewiesen. O'Connell griff ihn daher auf und hoffte, aus seiner wilden Hast allmählich einen nützlichen Eifer zur Erringung gleicher Rechte und Gesetze Irlands mit Alt-England zu machen. Die Hoffnungen O'Connells schlugen aber fehl; denn nachdem er Feargus zu einer Stellung erhoben hatte, in welcher er etwas leisten konnte, zeigte es sich nur zu bald, daß seine Indiskretion mehr schadete als sein Mitarbeiten nützte. O'Connors Rücksichtslosigkeit und seine Wut, in allen Dingen das Kommando übernehmen zu wollen, zwangen O'Connell, ihn entweder als unbrauchbar laufen zu lassen oder sich der Gefahr auszusetzen, stets die Sache seines Landes durch ihn kompromittiert zu sehen. Daher die Bereitwilligkeit Daniels, sich O'Connor vom Halse zu schaffen...

Die englischen Radikalen nahmen indes das Geschenk an; sie waren damals in einer sonderbaren Lage; mit jedem Tage wurde es ihnen klarer, wie die Reform Bill doch nur von sehr geringfügigen Folgen für die Masse des Volkes sein könne, mehr als je fühlten sie sich in ihren Hoffnungen getäuscht, und von allen Seiten drängten sie sich zu einem neuen Sturm zusammen.

Da trat ›Feargus O'Connor, Esq., früher M. P. für Cork, Barrister at law, der Sprosse altirischer Aristokratie‹, mitten unter sie, imponierend durch sein Äußeres, gewinnend durch seine Versprechungen, sowohl auf die Whigs losschlagend, weil sie nicht genug reformiert hatten, als auch auf die Torys, weil sie sich gegen jede Reform gesträubt hatten, und nur die Demokratie erhebend bis in den Himmel.

Seine Beredsamkeit, seine Energie und seine pekuniären Mittel waren so bedeutend, daß bald die Kunde seines Erscheinens durch das ganze Land drang und namentlich in den Fabrikdistrikten schnell ein Haufe Bewundrer seinen Schritten folgte, die sich gern von ihm wiederholen ließen, daß er ihr devouiertester, determiniertester und unbestechlichster Freund und Anwalt sei.

Dieser Erfolg machte ihn so üppig, daß er schon gleich von vornherein alle übrigen Leiter der Volkspartei zu verdächtigen suchte und überhaupt jeden angriff, der nicht ganz seiner Meinung war.

Die Versicherung, daß sich die ganze Presse gegen ihn verschworen habe und nichts von seinen Reden erwähnen wolle, weil sie nur zu gut die Wichtigkeit derselben spüre, setzte mehrere Skribenten in Bewegung; andere bestach er durch Geld; man fing an, sich für ihn zu interessieren, sein Anhang wuchs zusehends, und es dauerte gar nicht lange, da stand der große Demagoge schon in seiner vollen Glorie da.«

Soweit Jackson.

O'Connor hatte erreicht, was er wollte; seine Gestalt hatte hinfort ein paarmal hunderttausend Menschen zum Hintergrunde; bei jedem Meeting konnte er auf einige hundert gute Fäuste rechnen, die ihm auf jeden Wink durch den rasendsten Applaus antworteten. Die Sache war im Gange, sie brauchte nur poussiert zu werden.

Hierzu war vor allen Dingen ein großer Schlachtruf nötig, irgendein Wort, ein Schrei, wie man ihn gern zur Losung der Partei macht. O'Connor erfand das Richtige, indem er das »Hurra für die Volks-Charte« anstimmte.

Die Volks-Charte, von einigen Radical Reformers entworfen, enthielt fast dieselben Punkte, für welche man schon bis zur Reform Bill agitiert hatte. Jährliche Parlamente, allgemeine Wahl, Votieren durch Ballotage, gleiche Repräsentation, keine Eigentumsqualifikation und Bezahlung der Parlamentsmitglieder. Das sind die sechs Punkte, welche die Chartisten bis auf den heutigen Tag als Ziel ihrer politischen Bestrebungen verfolgen.

O'Connor machte sich verbindlich, für dieselben in die Schranken zu treten, und da sich die Masse des Volkes immer dichter um ihn scharte, so verschwand allmählich die Benennung »Radical Reformers«, und die revolutionäre Partei nahm von der Charte den Namen »Chartisten« an, indem sie O'Connor als Chartist Leader auf den Schild erhob.

Wie wir sahen, hatte die Agitation gegen den Zeitungsstempel, gegen das Fabriksystem und gegen das Armengesetz sowie die allgemeine Unzufriedenheit mit den geringfügigen Folgen der Reform Bill dem neuen Koryphäus ein hübsches Feld der Eroberungen zurechtgemacht. Es kam jetzt darauf an, daß er sich mit seinem jungen Ruhme praktisch darauf herumtummelte. O'Connor tat dies dadurch, daß er einen Aufruf an die Bewohner sämtlicher Grafschaften erließ, in welchem er sie ersuchte, Abgeordnete zu einer Volksversammlung nach London zu senden, damit man sich darüber berate, wie nach den Erfordernissen der Zeit zu Werke zu gehen sei.

Der von O'Connor gewählte Augenblick war der günstigste. Die Handelskrise von 1836–39 war gerade in ihrer Blüte. In den Fabrikdistrikten herrschte das schrecklichste Elend, und gern befreundete man sich daher mit der Idee jenes Konventes, der wenigstens die Lage der Arbeiter in energischer Weise zur Sprache bringen würde. An demselben Tage, an dem sich die junge Königin Victoria nach hergebrachter Sitte in großer Prozession zur Eröffnung des Parlamentes verfügte, hielt der Konvent seine erste Sitzung im »Britischen Kaffeehause« in London. Es war am 4. Februar 1839. Die Zahl der Abgeordneten war zweiundfünfzig.

Die erste Woche verstrich mit Vorarbeiten. Man beschloß dann, eine Petition an die Königin abzuschicken, in der man die Einführung der Volks-Charte beantragte. Ferner sandte man Mitglieder des Konvents durch ganz England, um das Volk überall mit den Prinzipien der Charte bekannt zu machen, Beiträge für die Nationalrente und Unterschriften für die Petition zu sammeln. Als sich bald darauf die Nachricht verbreitete, daß das Gouvernement beabsichtige, den Konvent mit Gewalt auseinanderzutreiben, erklärte man, daß sich in diesem Falle alle Abgeordneten in ihre Grafschaften zurückverfügen würden, um den Zorn und die Indignation des Volkes das vollenden zu lassen, was man in diesem Augenblicke auf friedlichem Wege durchzusetzen suche.

Die weitern Verhandlungen, welche wir übergehen, nahmen bald die Aufmerksamkeit der ganzen Arbeiterwelt in Anspruch. Es zeichnet sich unter ihnen namentlich die Debatte über das Recht der Volksbewaffnung aus, welche deutlich zeigt, wie große Einsicht das Volk in die Mittel zu seinem Zwecke hatte.

Ebenso prächtig beleuchtete man schon damals das Treiben der Freetraders, die sich gern der Volksbewegung bemächtigt hätten, um ihre eignen Absichten durchzusetzen. Schnell war man hierüber im reinen, da jeder Arbeiter einsah, daß trotz des größern Handels, der bei freiem Verkehr entstehen würde, dennoch bald aller Vorteil durch Herabsetzung der Arbeitslöhne aufgehoben sein werde.

Fünfzehn Mitglieder des Konvents gingen indes in die verschiedenen Grafschaften ab, um zu agitieren. Sie wurden überall mit lautem Jubel empfangen; Meetings von 10 000 bis 20 000 Menschen waren bald an der Tagesordnung. Auch Frauen und Mädchen hielten überall aufrührerische Zusammenkünfte und beschlossen, ihre Ehemänner und Geliebten im Kampfe für die Charte ehrlich zu unterstützen, sie noch mehr aufzureizen, damit die »schuftigen Whigs und namentlich die kleine Schlange Lord John Russell« bald zur Hölle fahren möchten.

Der eifrigste unter den Abgeordneten des Konvents war Feargus O'Connor, indem er kein Dorf und keinen Flecken auf seinem politischen Streifzuge unberührt ließ. Sein »Northern Star« wurde schnell eins der gelesensten Blätter Englands, und nicht selten geschah es, daß man in den Hauptfabrikstädten einen ganzen Ballen davon auf einem Karren durch die Straßen führte, um allen Nachfragen sofort zu genügen.

Unter den Volksversammlungen, welche die Agitation der Abgeordneten hervorrief, ist ein Meeting auf Kersal Moor bei Manchester vor allen andern merkwürdig. Es geschah am 1. Juni 1839, und man versicherte damals, daß nicht weniger als 300 000 Menschen dabei zugegen gewesen seien. Die Beschlüsse dieser Versammlung waren, daß sich erstens jeder Arbeiter bewaffne, daß zweitens alle ihr Geld aus den Sparkassen zurückfordern sollten, um eine Finanzkrise herbeizuführen, und daß man drittens »einen heiligen Monat« feire, d. h. einen ganzen Monat lang in ganz England, Schottland und Wales nicht arbeite, um dadurch dem Handel und der Industrie den gefährlichsten Schlag zu versetzen. Durch solche Mittel wollte man die politische Reform erzwingen, und half das alles noch nicht, so wollte man eben von den Waffen Gebrauch machen.

Nachdem diese Beschlüsse gefaßt worden waren, kehrten die Abgeordneten des Konvents aus den Grafschaften nach London zurück, um die Überreichung der Petition vorzubereiten. Die Zahl der Konventsmitglieder war indes bis zu 200 angewachsen. An dem dazu bestimmten Tage versammelten sich alle in ihrem Saale und verfügten sich dann zu Herrn Attwood, M. P. für Birmingham, der die Petition beim Hause der Commons einreichen sollte. Nach dem Bericht der »Times« hatte diese Petition eine Länge von 3 Meilen weniger 250 Yards. Sie wog beinahe 6 Zentner und trug 1 250 000 Unterschriften. An beiden Seiten war sie mit Zinn beschlagen und war befestigt an einer Rolle von großer Dimension. Sie lag auf einem Karren, an dessen vorderer Seite ein Schild angebracht war mit den Worten »National-Petition«. Zu beiden Seiten der Karre waren Flaggen und Banner befestigt.

Am 20. Juni wurde dieses wunderliche Aktenstück, die Petition von einer Million zweimal hundertfünfundzwanzigtausend Engländern, die Petition des gedrücktesten und zertretensten Teiles der englischen Bevölkerung in das Haus der Commons hineingefahren und – mit schallendem Gelächter empfangen.

Es wäre jetzt der Augenblick gewesen, um von den Waffen Gebrauch zu machen und überhaupt die Pläne auszuführen, welche man auf dem Meeting zu Kersal Moor gefaßt hatte. Es zeigte sich aber bald, daß unter den Arbeitern trotz ihrer großen Aufregung nicht das Einverständnis herrschte, welches zu einem Aufstande nötig war. Zur Zurückziehung des Geldes aus den Banken kam es gar nicht; zur Feier des »heiligen Monats« ebenso nicht, da man nur für drei Tage im ganzen Lande die Arbeit einstellte, und mit der Bewaffnung sah es noch schlechter aus. Eine vereinzelte und sehr unglückliche Revolte war daher das nächste Resultat der Bewegung.

Gleich nachdem man die National-Petition im Hause der Commons überreicht hatte, verlegte nämlich der Konvent seine Sitzungen von London nach Birmingham. In London wurde es unsicher; in Birmingham, wo die größere Anzahl Arbeiter mehr Schutz versprach, schien es ratsamer, in Zukunft zu verweilen. Infolge einiger Reden fielen aber dort Emeuten vor, die mit Brandstiftungen endeten. Da sah sich das Gouvernement veranlaßt, mit Gewalt einzuschreiten. Die besten Redner, die tüchtigsten Mitglieder des Konvents wurden verhaftet. Die Zurückgebliebenen gaben aber doch die Hoffnung nicht auf, noch einen Aufstand zuwege zu bringen. Frost, früher Magistratsperson in Newport, sollte in Wales beginnen. Man würde dann die meisten Truppen dorthin senden. Frost sollte sich gegen diese in den Bergen von Wales halten; währenddessen wollten die übrigen in Yorkshire losbrechen und sich aller größern Städte bemächtigen. Auf diese Weise wäre der Anschlag vielleicht noch gelungen. Da wurde Frost von seinen Leuten gezwungen, früher, als man verabredet hatte, ins Feld zu rücken. Die Kugeln des Militärs sprengten die Chartisten auseinander. Frost wurde gefangen, und da man in Yorkshire mit der Bewaffnung noch nicht weit genug vorgeschritten war, so mußten die übrigen Mitglieder des Konvents teils nach Amerika und Frankreich flüchten, teils vor der Polizei das Gewehr strecken. Viele Arbeiter teilten das Schicksal ihrer Abgeordneten.

Wiederum war also, nach unsäglichen Anstrengungen, der Versuch einer politischen Umwälzung für die englischen Arbeiter mißlungen. Das Ungewohnte des Waffenführens, die eingewurzelte Liebe des Engländers zu einem gesetzlich begründeten Kampfe und vielleicht auch in etwa der Schreck vor einem Bürgerkriege, alles dies hatte jene große Masse des Volkes wieder im Momente des Losschlagens gelähmt und eine totale Niederlage für sie herbeigeführt.

Man hat das deutsche Volk mit einem Elefanten verglichen, der lange mit sich spaßen lasse, ehe er wild werde – von den englischen Arbeitern läßt sich dies noch viel eher sagen!

Die Periode, welche zwischen dem verunglückten Aufstande von 1839 und der Insurrektion von 1842 liegt, ist durch nichts merkwürdig als durch den Einfluß, welchen inzwischen der O'Connorsche »Northern Star« auf die Arbeiterwelt ausübte. Besiegt und auseinandergejagt, fand die Chartistenpartei in diesem Blatte das einzige Organ, welches sich ihrer Prinzipien annahm und namentlich die Berichte über die mit der Entwicklung der Industrie immer zahlreicher werdenden Einzelkämpfe der Arbeiter und ihrer Herren in voller Ausdehnung vor die Augen des Volkes brachte.

Wie wir früher bereits bemerkten, besteht außer der allgemein-politisch sich bewegenden Masse der Chartisten noch jene Vereinigung der verschiedenen Gewerbe in England, die unter dem Namen der Trade Unions bekannt ist. Diese große Union, welche durch Gesellschaften in fast allen Orten Englands vertreten ist, setzte während und nach der politischen eben erzählten Agitation ihre alten Kämpfe mit den Fabrikherren und Meistern des Landes ruhig fort. Das Signal zu einem solchen Kampfe ist gewöhnlich das Herabdrücken der Löhne von Seiten der Arbeitgebenden.

Die Wollkämmer eines Ortes erhalten z. B. von ihren Herren heute die Anzeige, daß diese von dem und dem Tage an nur soundso viel Lohn für das Kämmen eines Pfundes Wolle bezahlen werden, indem sie als Grund der Verkürzung die Not der Zeiten, den schlechten Geschäftsgang, andre Ursachen oder oft auch gar nichts angeben.

Die Arbeiter nehmen diese Erklärung ruhig entgegen, versammeln sich aber sofort und überlegen, wie man dieser Maßregel widerstehen könne. Nach beendigten Debatten wird dann in den meisten Fällen eine Deputation aus ihrer Mitte gewählt, um sich sofort mit den Meistern oder Fabrikherren in Verbindung zu setzen, ihnen das Grausame ihres Verfahrens usw. auseinanderzusetzen und sie zur Zurücknahme der Erklärung zu bewegen. Diese Deputation hat sich ihrer Mission sofort zu entledigen. Gelingt es ihr, durch Unterredung oder durch Drohungen die Sache wieder ins gleiche zu bringen, so bleibt die Sache natürlich beim alten; weigern sich dagegen die Herren, den Vorstellungen der Arbeiter Gehör zu geben, so kehrt die Deputation nach dreimal wiederholten Demonstrationen zu der Versammlung zurück, und einer schlägt dann vor, ob man nun nicht, da alles freundschaftliche Unterhandeln nutzlos sei, zu energischen Mitteln übergehen und einen »Strike« organisieren solle. Dieser Strike besteht darin, daß die Arbeiter sich verbindlich machen, sofort die Hände in den Schoß zu legen und zu feiern, damit der Arbeitgebende, in seinem Geschäfte aufgehalten, zur Rückkehr zu den bisherigen Arbeitsbedingungen gezwungen werde.

Ist dieser Vorschlag gemacht und von der Majorität angenommen, so geht man von Stund an zur Ausübung des Vorgebrachten über. Arbeitet man in den eigenen Wohnungen für die widerspenstigen Herren, so legt man einfach die Arbeit nieder. War man in dem Etablissement des Herrn beschäftigt, so hält man in aller Feier, manchmal Fahnen und Musik voran, seinen »Turn-out«, seinen Auszug aus dem Hause des Herrn. Feindlich stehen sich nun beide Parteien gegenüber. Das Bestreben des Arbeitgebenden ist es, sich neue Arbeiter zu verschaffen; das Bestreben der Arbeiter ist, dies zu verhindern, und nicht selten geht man zu Drohungen und tätlichen Angriffen auf diejenigen über, welche es wagen, den Platz ihrer Kameraden einzunehmen. Ein »Knobstick«, wie man die dem Arbeiterinteresse Abtrünnigen nennt, ist in den Augen seiner Kameraden das verächtlichste und elendigste Wesen.

Wochen- und monatelang sucht der eine des andern Willen so zu brechen, und kaum glaublich ist es, welchen Aufopfrungen sich der Arbeiter bei solchen Fehden unterwirft. Die Gelder der Sparkasse werden zuerst zurückgezogen; ihnen folgt der Verkauf der am wenigsten nötigen Haushaltungsgegenstände und Kleidungsstücke. Je länger die Zeit des Kampfes dauert, desto mehr schränkt sich der unerschrockene Arbeiter ein, immer hoffend, daß er endlich seinen Herrn durch diesen passiven Widerstand zum Nachgeben bringen werde. Eine Zeit des Hungerns und Darbens beginnt – er achtet's nicht. Er verkauft den Rock vom Leibe, er bringt sein Bett aufs Pfandhaus – er ist entschlossen, seinen Willen durchzusetzen! Noch immer bleiben seine Anstrengungen fruchtlos. Da hält man eine neue Versammlung; man sendet eine abermalige Deputation an den hartherzigen Herrn und wendet sich zugleich an andere Unionen, indem man nach Aufopfrung aller eignen Güter ihre Hilfe in Anspruch nimmt.

Ist der vorliegende Fall so bedeutend, daß man ein allgemeines Interesse daran zu nehmen für gut hält, so erfolgt natürlich die erbetene Unterstützung, und der Herr muß sich dann nicht selten dem Willen seiner Arbeiter fügen. Im andern Falle bricht dann aber endlich der mutige Paria unter der Wucht seines Schicksales zusammen. Weiber und Kinder hungerten schon seit Wochen; der Herd der Hütte erlosch, das Bett ist verschwunden; gebeugt und ermüdet bis zum Tod, schleicht er endlich mit seinen Kameraden vor die Türe des Herrn – es ist aus, und man erklärt sich für besiegt.

Dies ist die Art und Weise des Kampfes, den Arbeiter und Herrn seit den letzten fünfzig Jahren mit einer Ausdauer und Erbitterung geführt haben, die kaum ihresgleichen kennen. Jahraus, jahrein, selbst in den Zeiten der höchsten Prosperität, fallen diese Streitigkeiten an einem oder andern Orte Englands vor. Welche Energie, welche Ausdauer und welcher Mut wird in ihnen verschwendet!

In frühern Jahren nahm die englische Presse kaum von solchen stets sich wiederholenden Vorfällen Notiz. Dem »Northern Star« und seinem unermüdlichen O'Connor gehört das Verdienst, sie durch seine treuen Schilderungen der Nachwelt aufbewahrt zu haben.

In den Jahren, welche zwischen der Insurrektion von 1839 und 1842 verstrichen, füllte er mit der Darstellung dieser Einzelfehden nicht selten die Hälfte seines Blattes und brachte dadurch jenes große Resultat zuwege, daß sich das englische Volk gerade in seiner schönsten und herrlichsten Eigenschaft, in seinem Mut und in seiner Ausdauer gegenseitig kennenlernte.

Die Frucht dieses Bekanntwerdens wird sich in der Zukunft zeigen.

Dem Aufstand von 1839, den die Arbeiterwelt auf ihre eigne Faust unternahm, folgte im Jahre 1842 wieder ein Feldzug, in dem wir die Leiter der Mittelklasse mit den Chartisten Hand in Hand gehen sehen.

Gerade wie man sich im Jahre 1829 zur Durchsetzung der katholischen Emanzipations-Bill und im Jahre 1831 für die Reform Bill vereinigt hatte, so schloß man jetzt aufs neue eine Allianz in der Bewegung der Abschaffung der Korngesetze. Ein wunderlicher Anblick; dieselben Menschen, die sich fortwährend durch ihre Privatstreitigkeiten in die Haare geraten, sie werden plötzlich wieder sozusagen gute Freunde, wenn es einer politischen Maßregel gilt, welche für beide Seiten von Interesse ist!

Das Band, welches die Säbel der Manchester Yeomanry so infam zerhauen, es knüpft sich von neuem, wenn es gilt, der Aristokratie des Landes einen Stoß zu versetzen, der vereint besser als einzeln auszuführen ist. Schnell, ehe man sich's versieht, ist diese Vereinigung fertig, um natürlich nur so lange zu dauern, als bis der Zweck des Unternehmens erfüllt ist.

Bei einem Diner, wie wir kurz erzählen müssen, welches man am 1. September 1838 dem Dr. Bowring gab, wurde von einigen Fabrikanten in Manchester beschlossen, eine League zu bilden, welche die Agitation gegen die zugunsten der Landaristokratie passierten Korngesetze zu ihrem Gegenstande hatte. Dieser Verein nannte sich die National Anti-Corn-Law-League.

Die wirklichen Folgen einer Abschaffung der Korngesetze waren, man kann es wohl sagen, den drei großen Klassen der englischen Gesellschaft, der Aristokratie, der Mittelklasse und der Arbeiterwelt, von vornherein ziemlich klar. Die alte grundbesitzende Aristokratie stemmte sich nicht nur gegen eine solche Maßregel, weil ein pekuniärer Verlust für sie dadurch entstehen, sondern namentlich, weil der Sieg der diese Sache unternehmenden Mittelklasse auch ihrem, dem politischen Einflüsse der Aristokratie einen Stoß versetzen mußte.

Aus diesem sowie aus kommerziellen Gründen war natürlich die ganze Mittelklasse für die Maßregel, und die Arbeiter schlossen sich der Agitation ebenfalls an, weil es ja nur in ihrem Interesse war, daß Aristokratie und Mittelklasse sich untereinander aufrieben. Von zwei gefährlichen Feinden blieb dann schließlich nur einer übrig.

Die Anti-Corn-Law-League hatte damit angefangen, ein Journal zu gründen und drei Lecturers (Agitatoren) zu mieten, welche ihre Lehren unter dem Volke verbreiten sollten. Broschüren, fliegende Blätter und ähnliche Sachen wurden außerdem so zahlreich im Lande verteilt, daß die League sich schon im Jahre 1840 rühmen konnte, 150 000 Exemplare solcher Pamphlets gegen die Korngesetze verbreitet zu haben; etwa 160 000 Exemplare wurden von ihrer Zeitung abgesetzt. Außerdem hatte man 400 Vorträge gehalten und daher wohl 800 000 Menschen für die Sache bearbeitet. Die Ausgaben für alles dies betrugen damals kaum 5000 Pfund Sterling.

Weit mehr als die Reden der gemieteten Lecturers halfen indes die Vorträge der eigentlichen Mitglieder der League, unter denen sich bald Richard Cobden, ein Fabrikant aus Manchester, John Bright, Wilson und andere als die Hauptleute hervortaten.

Ein Bäcker in Carlisle zeigte seine edlen und unermüdlichen Anstrengungen für die gute Sache dadurch, daß er eine Anzahl Brote backte, von denen der eine Teil »taxed« und der andere »untaxed« war. Beide Sorten Brot verkaufte er zu 6 Pence; das untaxierte Brot hatte aber wenigstens den Wert von 2½ Pence mehr an Brot als das taxierte.

Diese handgreifliche Demonstration machte um so mehr Effekt, da sie gerade an einem Tage geschah, wo man eine Petition für die Abschaffung der Korntaxe zur Unterschrift umhertrug. Die Anhänger der League, die Freunde des freien Handels, welche man Freetraders nannte, trugen auch wohl solche taxierten und untaxierten Brote auf Stöcken durch die Straßen der Städte – ein Manöver, das viele Leute zum Unterschreiben der Petitionen herbeilockte.

Namentlich interessierten sich die Weiber für die größern Brote und versprachen stets, ihre Männer zum Unterzeichnen herbeizubringen.

Auch von den Kanzeln herunter wußte die League Propaganda zu machen, indem sie den größten Teil der Dissenter-Prediger für die Kornagitation gewann.

Je größer die begonnene Bewegung wurde, desto größer wurden natürlich auch die damit zusammenhängenden Kosten. Aber auch dafür wußte die League zu sorgen, indem sie einen National Anti-Corn-Law-Bazar errichtete, eine Sammlung aller möglichen zum Geschenk gemachten Gegenstände, welche dann zum Besten der Sache verkauft wurden. Dies Experiment brachte nicht weniger als 10 000 Pfund Sterling auf, welche mit den durch Geldbeiträge gebildeten Fonds von 80 000 Pfund allein vom Herbst 1841 bis zur selben Zeit 1842 für die Agitation ausgegeben wurden.

Alle diese Anstrengungen würden aber dennoch wenig geholfen haben, wenn es den Freetraders nicht gelungen wäre, auch die Masse des Volkes in Bewegung zu bringen. Durch die heuchlerischsten Schmeicheleien hatten sie dies gleich von vornherein versucht, indem sie den Arbeitern vordemonstrierten, daß die freie Einfuhr des Kornes den Brotpreis erniedrigen, also ganz zu ihrem Vorteil sein würde. »High wages, low prices and plenty to do!« (Hohe Löhne, niedrige Preise und viel zu tun!) Das war das Motto aller an das Volk gerichteten Demonstrationen. Wie wir bereits erwähnten, wußten die meisten Arbeiter und namentlich die Chartisten aber sehr gut, wie es mit diesen schönen Versprechungen aussah, und nur aus politischen Gründen war es, daß sie sich den Freihandelsmännern anschlossen.

Am 15. Februar 1842 geschah diese Einigung in aller Form, indem die Leiter der Chartistenpartei und die Koryphäen der League bei einem Meeting in Manchester zusammentrafen, um den Plan zu entwerfen, nach welchem man die Agitation in Zukunft gemeinschaftlich betreiben wollte. Dieser Plan und die zugleich gefaßten Beschlüsse enthielten die Hauptpunkte der Bewegung beider Parteien, nämlich allgemeine Parlamentswahl für die Chartisten und totale Abschaffung der Korngesetze für die Freetraders. Ähnliche Meetings der Chartisten und der League erfolgten in Bolton, Stockport usw.

Drohend stand nun die Mittelklasse mit der Arbeiterwelt vereinigt dem torystischen, von Sir Robert Peel vertretenen Gouvernement gegenüber. Von den Mitteln, durch welche man dasselbe zum Bewilligen aller Forderungen zwingen wollte, war das erste der Beschluß, daß sich jeder verpflichtete, nie eine Note der Bank von England vierundzwanzig Stunden im Hause zu behalten, sondern sie gleich gegen Gold umzuwechseln, was natürlich, wenn es streng in Ausführung gebracht wurde, sofort den entsetzlichsten Wirrwarr für die Finanzverwaltung herbeiführen mußte. Die zweite, übrigens mehr von den Mitgliedern der League adoptierte Maßregel bestand darin, daß man bei dem angeblich aus dem Bestehen der Korngesetze hervorgegangenen schlechten Geschäftsgang alle unbeschäftigten Arbeiter aus den Fabrikdistrikten in die Agrikulturgegenden jagen wollte, um sie den Grundbesitzern zur Last fallen zu lassen, so daß diese durch die Unterhaltungskosten der Fremdlinge bald ihren ganzen Profit an der protegierten Produktion ihrer Ländereien ausgeglichen sehen und nicht länger an dem Bestehen der Kornzölle halten würden.

Sowohl das Einwechseln der Banknoten als das Verabschieden der Arbeiter würde seinen erwarteten Effekt gemacht haben. Gerade wie die Chartisten aber im Jahre 1839 mit dem Feiern eines »heiligen Monats« und mit dem Zurückziehen des Geldes aus den Stadtkassen nicht reüssiert hatten, ebenso fielen auch jetzt die Freetraders mit ihren zwei Hauptmaßregeln durch. Denn außer daß die Chartisten sahen, daß es trotz der scheinbaren Allianz den Mitgliedern der League nur darum zu tun war, die Resolutionen in betreff der Charte bei jedem Meeting zu eskamotieren und nur die Interessen der League durchzusetzen, so schien es ihnen doch auch ein wenig zuviel Aufopferung, plötzlich ihre Wohnungen zu verlassen, um ohne die geringste Garantie eines günstigen Erfolges so ohne weiteres in die Agrikulturdistrikte hineinzustürzen. Je mehr daher die League auf Ausführung des Beschlossenen drang, desto kühler und vorsichtiger wurden die Chartisten. Doch noch ein anderer fataler Umstand stellte sich für die Freetraders ein. Das Geschäft besserte sich nämlich plötzlich ganz zur unrechten Zeit, so daß der League nicht nur das Hauptargument gegen die Korngesetze aus der Hand gewunden wurde, sondern daß auch Massen von Arbeitern, die sich nur aus Mangel an Beschäftigung bisher in die politische Bewegung hineinbegeben hatten, plötzlich aus den Meetings verschwanden, um bei ähnlich gesinnten Fabrikanten ruhig ihre Arbeit fortzusetzen.

Dies war rein zum Verzweifeln. Die League stand ratlos da, aufgehalten in ihrem besten Laufe.

Da beschlossen drei Mitglieder der League, die Herren Reyner Brothers in Ashton, Georg Cheetham & Sons und William Bayley & Brothers in Stalybridge, das durch Gewalt zuwege zu bringen, was sich gutwillig nicht machen wollte. Sie setzten nämlich die Löhne ihrer Arbeiter so sehr herunter, daß sie dieselben zu einem Strike und zu einem allgemeinen Turn-out zwangen.

Man mußte unbeschäftigte Arbeiter auf den Straßen haben, um das Gouvernement zu erschrecken, – jene drei großen Fabrikanten opferten sich auf, indem sie den Anfang machten, hoffend, daß andere ihrem Beispiele folgen würden. Ebenso kühn, wie das Manöver war, ebenso gut wurde es aber auch in seinem Beweggrund von der Arbeiterpartei begriffen.

Es war jetzt allen klar, daß die League nur damit umging, die Arbeiter aufs neue zu ihren Zwecken zu benutzen, ohne sich weiter daran zu kehren, ob auch die .Interessen der Chartisten in der Bewegung berücksichtigt wurden.

Die spöttischen Worte des Herrn Bayley: »You had, perhaps, better go and play for a few days«, mit denen er seine Arbeiter davonjagte und welche hinfort das Stichwort der Bewegung wurden, reizten den Zorn der Verabschiedeten noch mehr, und man beschloß sofort, den durch das Stillsetzen jener drei Fabriken hervorgerufenen Tumult nicht zum Besten der League, sondern zu einem allgemeinen, dem Interesse des Volkes geltenden Aufstand zu benutzen.

Nachdem die Arbeiter die Bayleysche Fabrik verlassen hatten, zogen sie daher in Prozession nach Mottram Moor, wo man eine Rednertribüne errichtete und die von allen Seiten herbeieilenden Leute, so gut es ging, über den Zweck der Bewegung aufklärte. Man war bald einig und fiel nun sofort über sämtliche Fabriken von Stalybridge her, indem man alle Arbeiter zwang, ihre Beschäftigung einzustellen und sich dem Zuge anzuschließen, der sich nach Manchester in Bewegung setzen sollte, um dort eine Abrechnung mit der Mittelklasse und eine politische Umwälzung herbeizuführen. Auf dem Banner, welches der Masse voranwehte, las man die Worte: »They that perish by the sword are better than they that perish by hunger.« (Die, welche durchs Schwert sterben, sind besser dran als die, welche verhungern.)

Je weiter man zog und je mehr Fabriken man berührte, desto größer wurde der Zug. Überall, in allen kleinern Industrieorten, wurden die Arbeiter gezwungen, dem Beispiele ihrer Kameraden zu folgen, und einer Lawine gleich wälzte sich die Masse auf Manchester zu. Hin und wieder versuchten es die Anhänger der League noch, den Sturm aufzuhalten, indem sie sich mitten unter die dichtesten Haufen begaben und die Nächststehenden im Sinne der Freetraders anredeten. Es war aber zu spät; den Geist, den man heraufbeschworen – man wußte ihn nicht zu bändigen, und ehe man sich's versah, rückten Tausende von Arbeitern in Manchester ein. Ein Trupp Kavallerie und eine Abteilung Fußvolk empfing sie in einer der ersten Straßen. Die Zahl der Heranrückenden war aber so groß, daß es tollkühn gewesen wäre, wenn man sie durch eine so geringe Anzahl Bewaffneter hätte aufhalten wollen, und der Magistrat ersuchte daher den kommandierenden Kolonel, seine Truppen zurückzuziehen, indem er sich selbst an die Spitze der Arbeiter stellte.

Dieses kluge Verfahren ist vielleicht schuld daran, daß Manchester noch heute so aussieht wie damals.

Die Arbeiter, welche nicht anders gemeint hatten, als daß es einen ehrlichen Kampf absetzen würde, ehe sie sich der Stadt bemächtigen könnten, waren sogar konsterniert, als sie sahen, daß man ihnen nicht das geringste Hindernis in den Weg legte. Ohne ihre Stöcke, Äxte und Piken zu gebrauchen, ja, ohne nur einmal ihrem Zorn durch einen Ruf, durch einen Schrei Luft gemacht zu haben, war die zweitgrößeste Stadt des Königreichs in ihre Hände gelangt.

War es ein Wunder, daß sie erstaunt in ihrem Marsche innehielten? Zum Glück für die Bewohner von Manchester geschah dies. Die Einigkeit, welche für einen Kampf dagewesen war, hörte auf, sobald alle Aussicht zu demselben verschwand; der Enthusiasmus, die Wut der Einrückenden legte sich mit dem Verschwinden jedes Widerstandes, und während die einen darüber deliberierten, wie man von seinem Siege Gebrauch machen sollte, und die andern auch die Arbeiter der Fabriken innerhalb Manchesters zur Arbeitseinstellung veranlaßten, fiel der größere Haufe in toller Freude über die Bäcker- und Fleischerläden her, so daß bald von der frühern kompakten Masse nichts mehr zu sehen war und nur vereinzelte Haufen die Stadt durchzogen. Diesen Umstand benutzten natürlich die Bewohner der Stadt, indem sie von allen Seiten Truppen durch die Eisenbahnen herbeischaffen und schnell alle Hauptpunkte Manchesters von Bewaffneten und Konstablern besetzen ließen.

Den Aufstand, den man im Interesse der League hervorgebracht hatte, suchte man zu unterdrücken, da er nicht nach dem Willen der Freetraders ausfiel.

Vergebens strengten sich indes die Leiter der Chartisten an, ihre Partei zusammenzuhalten, damit man zu einigen praktischen und wirksamen Maßregeln übergehen könne – es war zu spät. Die Führer der Mittelklasse hatten sich von ihrem Schreck erholt, ehe sie damit zustande kamen; vierundzwanzig Stunden der kostbarsten Zeit, in denen man die Charte mit allen ihren sechs Punkten und wer weiß was sonst noch hätte durchsetzen können – sie waren nutzlos verstrichen, und wie man im Jahre 1819 den Säbeln der Yeomanry und im Jahre 1839 den Kugeln des Militärs hatte weichen müssen, so mußte man sich jetzt vor den Konstablern Manchesters zerstreuen und den kaum errungenen Sieg wieder fahren lassen.

So endete das dritte gewaltsame Zusammenstoßen der englischen Bourgeoisie mit der Arbeiterwelt. In den sechs Jahren, welche seitdem verflossen sind, hat die Partei der Chartisten eine sehr ruhige Entwicklung genommen; die unerhörte Prosperität, deren sich England unter Peel vom Jahre 1842 bis 1845 zu erfreuen hatte, war nicht geeignet, den politischen Geist des Volkes in Bewegung zu setzen.

Der unermüdliche O'Connor, indem er zwar keine Gelegenheit vorbeigehen ließ, um den Arbeitern die Charte ins Gedächtnis zurückzurufen, unternahm daher nebenbei noch eine andere Agitation, welche die unmittelbare Besserung der sozialen Lage eines Teiles der Arbeiter zum Zweck hat. Es war dies der Vorschlag seines »Landplans«, den wir indes nur flüchtig berühren wollen, da er uns zwar wie alle ähnlichen philanthropischen Experimente von Nutzen, aber nicht von allgemeiner Wichtigkeit erscheint.

Der Hauptpunkt des O'Connorschen Landplanes besteht darin, daß jeder Arbeiter durch das Einzahlen eines sehr geringfügigen Betrages Aktionär einer Compagnie wird, welche sich damit beschäftigt, von dem zusammengeschossenen Gelde Ländereien im großen anzukaufen und sie in Parzellen an die Aktionäre zum Gebrauch (nicht zum Besitz) zu verlosen. Jeder, dem eine Parzelle zur Bebauung zufällt, erhält ein Haus darauf, Gerätschaften und eine Summe Geldes, um damit seine Arbeiten beginnen zu können. Die Vorteile des Landplanes, sowohl für die Arbeiter selbst als für die Partei der Chartisten, sind nicht zu leugnen. Fürs erste bleiben viele Arbeiter, welche bisher rein von den Chancen des Handels abhingen, durch ihre ackerbautreibende Lebensweise vor manchen Unfällen bewahrt. Zweitens fließen die ersparten Gelder der Arbeiterwelt nicht mehr in jene Kassen, aus welchen Bankiers und Spekulanten manchmal ihre Fonds schöpfen, um damit zum Nachteil derselben Leute zu operieren, welche ihnen die Mittel ihrer Manipulationen lieferten, sondern die Ersparnisse der Armen werden von diesen Armen selbst zu ihrem eigenen Nutzen verwandt.

Drittens glaubt namentlich O'Connor als Anhänger des »Kleinen Ackersystems«, daß die sorgfältige, mit dem Spaten vor sich gehende Bearbeitung des Landes ein viel günstigeres Resultat als gemeinschaftliche, im großen vor sich gehende Besorgung des Ackerbaus liefere; und viertens, und dies ist einer der Hauptpunkte, hofft man durch die wenigstens für den Augenblick zu besitzenden Leuten gemachten Arbeiter nach und nach eine Menge Stimmen zu den Wahlen zu bekommen, so daß dann die Chartistenpartei mehr Gelegenheit bekäme, ihre hervorragendsten Leute ins Parlament zu schicken.

Dies sind so ziemlich die Hauptvorteile, welche sich O'Connor von seinem Landplan verspricht, und sie scheinen den Arbeitern so sehr einzuleuchten, daß schon seit mehreren Jahren jede Woche von 1500 bis zu 2000 Pfund Sterling aus allen Teilen des Landes durch die ersparten Pfennige der Arbeiter in die gemeinsame Landkasse nach London gingen, womit man bereits sehr bedeutende Ländereien ankaufte und die Pläne O'Connors in Ausführung bringen konnte.

Die Zukunft muß es lehren, inwieweit den Arbeitern ein allgemeiner Nutzen aus diesen wirtschaftlichen Bestrebungen hervorgehen wird. Jedenfalls erlangte O'Connor mit seinem Landplan in der Weise etwas sehr Bedeutendes, als er die Aufmerksamkeit der Arbeiter dadurch fesselte und seine Partei in Zeiten großer politischer Niedergeschlagenheit damit zusammenhielt.

Daß ihm dies gelang, zeigten die Ereignisse des Jahres 1845.

Die Anti-Corn-Law-League hatte sich nämlich von ihrer Schlappe im Jahre 1842 etwas erholt und doppelt gewaltige Anstrengungen gemacht, um ihre Agitation wieder in Schwung zu bringen.

Gemietete Redner lärmten auf allen Gassen und Märkten; ehrenwerte Mitglieder erstürmten die Tribünen aller Säle; die Manchester-Helden Cobden, Thompson, Wilson usw. durchzogen das Land und agitierten vom Palast hinab bis zur letzten Hütte, indem sie rechts und links mit Broschüren, Pamphlets, fliegenden Blättern, Zeitungen usw. um sich warfen, die in kurzen, manchmal sogar witzigen Artikeln die Quintessenz ihrer Weisheit enthielten.

Bezahlte Säufer tranken auf das Wohl des freien Handels; bezahlte Boxer boxten sich für die Abschaffung der Korngesetze; bezahlte Poeten machten die schlechtesten Verse gegen die Brottaxe, und bezahlte Krämer wickelten um jedes Pfund Butter eine Abhandlung über die Notwendigkeit des Freetrades. Preise wurden ausgesetzt für alle, welche nicht allein die ganze hohe ökonomische Wissenschaft, nein, auch die Religion, die Philosophie, kurz alles, was es auf der Welt gibt, am besten zugunsten der League verdrehen konnten. Selbst die zarten, süßen Frauen mischten sich in den Spektakel – die Damen von Manchester traten mehr als einmal für die Sache in die Schranken!

Oh, es war eine schlimme Zeit! Wollte man im Theater den Othello oder den Hamlet sehen, so sah man den dicken Quäker Bright, wie er gerade die Bühne innehatte, um einen Korngesetzsermon loszulassen. Wollte man sich im Hause Gottes an den Lehren des Heilands erquicken, so fing ein schnarrender Dissenter plötzlich an, den Ricardo und den Adam Smith zu zitieren! »Abschaffung der Korngesetze!« – so war der Schrei des Tages, so war der Schrei der Nacht. Die Wut des Agitierens durchraste alle Sphären der Mittelklasse; eine an Wahnsinn grenzende Sucht der Propaganda bemächtigte sich des ersten wie des letzten britischen Bourgeois, und die enorme Summe von einer viertel Million Pfund Sterling, welche man in einem Jahre aus der Erde stampfte und für die Bewegung hinwarf, machte vielen die Lehren der League natürlich nur um so begreiflicher.

Immer wollte die Sache aber noch nicht glücken – da kam der League plötzlich die schlechte Kartoffelernte von 1845 zu Hilfe, und ihr Sieg war entschieden. Zu einem System, was man nach dem Rat der Majorität der Mittelklasse gutwillig nicht hatte annehmen wollen, wurde man jetzt durch die Notwendigkeit der Umstände gezwungen. Lord John Russell schrieb seinen bekannten Brief an die Londoner Wähler und hätte fast nach dem augenblicklichen Sturz des Kabinett Peel ein Whig-Ministerium zusammengebracht, wenn nicht seine Bemühungen an der Hartnäckigkeit einiger Kollegen gescheitert wären. Sir Robert, nachdem er den alten Wellington auf seine Seite gebracht und als der einzig mögliche Premier die Führung der Geschäfte wieder übernommen hatte, bekam daher jetzt Zeit, dem Beispiele Russells zu folgen, indem er sich ebenfalls für eine Änderung der Korngesetze aussprach.

Die League hatte jetzt gewonnenes Spiel, und um den stärksten Widerstand zu besiegen, der sich allenfalls im Parlamente noch zeigen konnte, kam es nur noch darauf an, die letzten Feldzüge der Agitation zu tun und auch die seit dem Jahre 1842 untreu gewordenen Chartisten wieder für die Sache zu gewinnen.

Die Häupter der League unterzogen sich dieser Arbeit sofort mit einer Emsigkeit, welche alles bisher Geleistete hinter sich ließ. Es war wirklich komisch anzuschauen, mit welcher Liebenswürdigkeit die gleisnerischen Herren vor ihren zerlumpten Arbeitern erschienen. »Hohe Löhne, niedrige Preise und viel zu tun!« – das waren wieder die schönen Worte, welche sie mit gekrümmten Rücken von den Tribünen hinunterlispelten.

Aber auch die Aristokraten stürzten sich jetzt unter das Volk; denn im Augenblick der Gefahr wurde der Pöbel wieder nötig. Auf den unfashionablen, aus wenigen Brettern zusammengeschlagenen Tribünen der Chartisten, auf den engen, dumpfigen Sammelplätzen des Volkes erschienen jene stolzen alten Lords, um den gewaltigen Bau ihrer Institutionen vor dem Fall zu retten.

Ein seltsamer Anblick!

Die öffentliche Meinung, die Meinung des Volkes wurde im Augenblick der Gefahr als die entscheidende Richterin anerkannt, und das Volk richtete recht!

Von der Bourgeoisie zertreten und zerdrückt, hatte es Selbstbeherrschung und Verstand genug, sich dennoch für dieselbe zu erklären, damit der Aristokratie, damit einer Klasse ein Ende gemacht werde, welche wahrlich weniger als jede andere berufen ist, noch zu unsern Zeiten die Geschicke der Welt zu lenken.

Der Zufall wollte es, daß ich so glücklich war, bei dem letzten, eklatantesten Akte dieser politischen Gerechtigkeit des Volkes zugegen zu sein; nie werde ich diesen Augenblick vergessen.

Ein Stock-Tory, Busfield Ferrand, M. P. für einen Ort der West Riding von Yorkshire, versuchte es vor Toresschluß, nachdem schon alle andern Aristokraten jede Hoffnung aufgegeben hatten, zum letzten Male, die Arbeiterwelt für die Sache der Protektionisten zu gewinnen. In einem Saale, den ungefähr 5000 Menschen innehatten, erhob der unerschrockene Aristokrat seine metallene Stimme, zuerst ausführlich seine Argumente gegen den Umsturz der alten Gesetze des Landes geltend machend, dann an die glücklichen Zeiten erinnernd, welche England unter der ausschließlichen Herrschaft seiner Klasse erlebte, und hierauf zu dem neuesten Abschnitt der englischen Geschichte übergehend, die er bis in die kleinsten Details hinunter mit allen der Industrie und der Entwicklung der Mittelklasse entsprungenen Leiden zu schildern suchte.

Tiefe Stille lag über der ganzen Versammlung; da ging der Redner zu dem zweiten Teile seines Vortrags über, durch den er seine Zuhörer zur Rückkehr in den alten Zustand und zum Festhalten an das noch Bestehende bewegen wollte – und seine Stunde hatte geschlagen.

Die Schilderung der Wahrheit ließ man sich gefallen; aber der lockenden Stimme eines Aristokraten zu folgen – nimmermehr! Und ein Sturm des Unwillens erhob sich. Auch der letzte, der unwissendste Arbeiter war darüber klar, daß man nicht zurück, sondern vorwärts müsse.

Die Stimme eines einzigen entschlossenen Mannes, der seine Überzeugung, seine Existenz, den Ruhm seines ganzen Geschlechtes zu verteidigen entschlossen war, und der tausendstimmige Lärm einer tobenden Volksmenge erhoben jetzt das wunderlichste Duett, was ich je in meinem Leben gehört habe, ein Duett, welches bald dem Brausen eines Orkans, bald dem höhnischen Gelächter der Hölle und bald dem Jubel eines Haufens fröhlicher Kinder glich. Je mehr der Redner sich anstrengte, seine Worte bis zu den Ohren der Versammlung gelangen zu lassen, desto beleidigender suchte die Masse jede Silbe zu übertönen. Für ganze Minuten lang vernahm man auch nicht einen Laut des Sprechenden; nur an seinen wilden Gestikulationen sah man, daß er ununterbrochen in seiner Rede fortfuhr.

Stunden waren schon verstrichen, und immer noch hatten Tausende den einen nicht ermüden können; es war, als wenn sich alle Beredsamkeit der Welt in diesen einen, letzten Aristokraten geflüchtet hätte. Die Sonne war untergegangen, immer dunkler wurde es über der tobenden Menge, und eine entsetzliche Schwüle schien selbst die Zunge des Lebendigsten zu lähmen – nur dem unglücklichen Ferrand wollte die Stimme nicht versagen. Da machte man den Versuch, ihn mit Gewalt von der Tribüne zu vertreiben; ein entsetzliches Drängen begann; dem Redner entschlüpften einige den Chartisten geltende ziemlich unhöfliche Worte – jetzt sollte und mußte er das Schlachtfeld räumen.

Die Freunde, welche Herrn Ferrand auf der Tribüne umgaben, hielten den ersten Sturm aus, während der Redner selbst unbekümmert auf die Plattform donnerte und in seinem Zornergusse fortfuhr. Da folgte die zweite Attacke und ein solcher Lärm aller Lungen, aller Hände und Füße, daß ich nicht anders meinte, als daß Boden und Wände sofort ineinanderbrechen müßten. Die Wut des Redners und der Unwille der Versammlung hatten ihren Gipfel erreicht, ich fürchtete das Schlimmste – da versagte dem Sprechenden glücklicherweise endlich die Kraft; triefend von Schweiß, bleich wie der Tod, gelähmt an allen Gliedern stürzte der Arme zusammen – es war aus; einige der Nächststehenden schoben ihn durch das Fenster hinaus ins Freie. Dies war das letzte Meeting, welches vor der Abschaffung der Korngesetze außerhalb des Parlamentes gegen die verhaßtesten aller englischen Institutionen gehalten wurde.

Die Protektionisten gaben sich verloren. Das Volk wollte den Untergang der Aristokratie, damit es hinfort einzig und allein mit der Mittelklasse zu tun habe.

Wahrhaft dramatisch war der Schluß dieser größesten aller modernen Agitationen. Den Chartisten wurde dadurch Gelegenheit gegeben, ihren politischen Takt zu zeigen und den Beweis zu liefern, daß die Bemühungen eines O'Connor nicht an ihnen verloren waren.

Der Moment der Abschaffung der Korngesetze geht schon so sehr in unsere Tage hinein, daß wir dieser flüchtigen Skizze wenig mehr hinzuzufügen haben. Erzählen wir indes noch zum Schluß das Resultat der letzten allgemeinen Parlamentswahl. Um so weniger dürfen wir dies vergessen, da wir die Chartisten bei diesem Ereignis sich in ihrer ganzen Reinheit erheben und mit einem glänzenden Siege ihre gewonnene Macht dokumentieren sahen.

Vorher muß ich indes sowohl aus persönlichen Gründen als auch, wenn ich so sagen darf, der historischen Gerechtigkeit wegen meine Leser noch auf einige Männer aufmerksam machen, welche seit einer Reihe von Jahren mit seltner Aufopferung und mit wahrhaft gigantischem Fleiße den wilden O'Connor in seiner Arbeit, der Emanzipation des englischen Volkes, unterstützt haben. Es sind dies die Mitglieder des Chartisten-Komitees und außer den Herren Clark und Doyle namentlich die unermüdlichen: George Julian Harney, Ernest Jones und Philip McGrath.

Harney, die Seele des »Northern Star«, Ernest Jones, der Demosthenes seiner Partei, und McGrath, der den Arbeitern teuerste Agitator.

Ich halte es für meine Pflicht, diesen Männern vor allen andern den Zoll meines Dankes und meiner Bewunderung darzubringen, da sie, nicht geschmückt mit den Lorbeeren eines O'Connor, dennoch voll Uneigennützigkeit und ohne eine Spur jenes falschen, Zerwürfnisse stiftenden Ehrgeizes einer Sache dienten, deren Wichtigkeit sich im Laufe der Zeit unaufhaltsam allen Völkern Europas aufdrängen wird.

Harney, der glänzende Redner, der ausgezeichnete Schriftsteller, war es, der dem unter Leitung dreier Deutscher, Schapper, Bauer und Moll, in London bestehenden deutschen Arbeiter-Klub zuerst als Engländer die Hand bot und dadurch unter britischen und deutschen Arbeitern jene feste Verbrüderung herbeiführte, die in der Gesellschaft der »Fraternal Democrats« ihr Zentrum gefunden.

Jones, der ehemalige Göttinger Student, war es, der an deutscher Beredsamkeit vielleicht seinesgleichen in unserm Vaterlande sucht und der als englischer Redner neben Fox, Burke oder Brougham einen würdigen Platz einnehmen wird. Jones war es, der als der Beherrscher der zwei gewaltigsten Sprachen der Jetztzeit die tiefe deutsche Wissenschaft und die Fülle britischer Tatkraft redend zu vermitteln wußte und jenen großen Versammlungen der verbrüderten Demokraten vielleicht den höchsten Reiz verlieh.

Mutig sehen wir alle diese Leute, ihren Führer O'Connor an der Spitze, in die Arena sprengen, als kaum vor einem Jahre, nach siebenjährigem Zwischenraume, sich alle Wähler Britanniens zu jenem großen Akte rüsteten, der dem Lande ein neues, volkstümlicheres Parlament geben sollte.

Auf dem Markte zu Tiverton war es, wo Harney als Antagonist Lord Palmerstons sich erhob. Wahrlich nicht der unbedeutendste Gegner!

Auf der einen Seite stand der einfache Chartist, dem Volke entsprossen und nur für das Volk wirkend. Auf der andern der berühmte Staatsmann, der gefeierte Aristokrat, der wahre Repräsentant der egoistischen, grausamen Politik Alt-Englands, vor der die Völker der halben Erde zittern.

Ein Kampf entspann sich zwischen diesen beiden Rednern, welcher vom Morgen bis in die Nacht dauerte, und wenn es dem Chartisten auch nicht gelang, die Mehrzahl der Wahlstimmen zu erhalten, so hatte er wenigstens die Genugtuung, den edlen Lord nach einer vierstündigen Verteidigung nur mit einer höchst geringen Majorität siegen zu sehen und dadurch die Gewißheit zu erlangen, daß der große Staatsmann einem wiederkehrenden Sturme nicht mehr widerstehen können wird.

Dasselbe Schauspiel entwickelte sich auf dem Markte zu Halifax zwischen dem Kanzler des Exchequer Sir Charles Wood und dem Demosthenes Ernest Jones. Wiederum kam die alte Politik nur mit einigen Stimmen in die Majorität, ein Sieg, der von einer Niederlage nicht viel verschieden war und einen solchen Schrecken durch das Land verbreitete, daß der alte Held O'Connor fast ohne Widerstand in Nottingham gewählt wurde und sich bald auf die erste Bank des Unterhauses setzen konnte.

Dieser letzte Umstand setzte dem Erfolge der Chartisten die Krone auf, und mit kaum verhaltener Wut beeilten sich sämtliche Organe der Aristokratie wie der Mittelklasse, jedes in seiner Weise, dieses Ereignis zu betrauern.

»Feargus«, sagte die »Daily News« am 9. Dezember 1847, »der sich wieder in das Haus der Commons gedrängt hat:

Like a reappearing star,
Like a glory from afar,

sitzt nun auf der ersten Oppositionsbank. Rechts neben ihm Sir Robert Peel mit seinem zweideutigen Lächeln, links Sir James Graham mit seinem grimmigen Blick. An der einen Seite Lord George Bentinck mit seiner Anführermiene und an der andern Disraeli mit niedergeschlagenen Augen – da sitzt er, und er sieht aus wie der alte römische Gott Terminus, um zu zeigen, wo die eine Partei beginnt und wo die andere endet, oder wie ein Wächter, den man zwischen die Capulets und Montagues stellte, um den Frieden zu halten.«

Oh, es war traurig für alle die hohen Aristokraten, den Führer der Demokratie in ihrer Mitte zu sehen; daß der Chartist Thomas Duncombe unter ihnen saß – nun, das machte nichts, man war leider daran gewöhnt! Aber O'Connor – Goddam!

Der wilde Irländer saß und sitzt aber nun einmal in ihrer Mitte, um bald mit wahrhaft entsetzlicher Genauigkeit, mit wirklich beleidigender Schärfe die Interessen der Chartisten zu verteidigen und, bald alle Leiden des grünen Erins vor den Augen des entsetzten Parlamentes heraufzerrend, die Versammelten mehr zu plagen als weiland der selige O'Connell.

Wird man seiner mahnenden Stimme gehorchen? Vielleicht ist es nötig, daß auch erst durch die Londoner Gassen der schreckliche Ruf »aux armes!« erklingt, um seinen Forderungen den richtigsten Nachdruck zu geben.

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