Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Weerth >

Skizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten

Georg Weerth: Skizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten - Kapitel 10
Quellenangabe
typereport
booktitleSkizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten (Sämtliche Werke, 3. Bd.)
authorGeorg Weerth
firstpub1957
year1957
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
titleSkizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten
pages3-475
created20050926
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

 

Sunderland, 14.Septbr.

Gestern vergiftete sich hier der Schmied James Pemberton, 32 Jahre alt. Er hatte eine Frau und vier Kinder und konnte seit verflossenem Januar keine Beschäftigung finden. Um während dieser langen Zeit mit seiner Familie leben zu können, verkaufte er zuerst seine Mobilien, dann seine Kleider, so daß bald nichts mehr übrigblieb, woraus ein Pfennig Geld gelöst werden konnte. Seit mehreren Tagen hatten die Leute nichts mehr zu essen, als was sie von den Nachbarn erhielten, die selbst arme Leute waren und nicht viel geben konnten.

Der Hunger brachte Pemberton zur Verzweiflung; er ging und verschaffte sich Gift, um seinem Dasein ein Ende zu machen. Nachdem er eine große Quantität Laudanum zu sich genommen, erzählte er seinem Weibe, was er getan, und versicherte, nur das Elend habe ihn dazu gezwungen. Die Frau lief zugleich zu den Nachbarn, die einen Arzt und die Behörde herbeiriefen. Mr. Taylor, Relieving-Officer für den Sunderland-Distrikt, fand die Familie Pemberton im schrecklichsten Zustande. Der Mann lag im Todeskampfe auf dem Strohlager in der Ecke des Zimmers ohne irgendeine Bedeckung. Ein alter Stuhl und ein Tisch waren das ganze Möblement. Seine Frau saß neben ihm, halbtot vor Schreck und Hunger. Die Kinder waren am frühen Morgen davongelaufen. Die ärztliche Hilfe kam zu spät. Pemberton starb im Beisein des Relieving-Officer. (Northern Star)

 

Im Januar v. J. wurde Thomas Stew, 20 Jahre alt, des Mordes überwiesen und in Liverpool hingerichtet. Dem Kaplan machte er folgendes Geständnis:

»Ich liebte Alice Nolan seit ungefähr vier Monaten. Sie war ein sehr liebenswürdiges Mädchen, und ich dachte, wir würden einst glücklich miteinander leben. Einen Monat vor ihrem Tode versprach ich ihr, sie in Zeit von fünf Wochen zu heiraten; ich konnte aber mein Versprechen nicht halten, da ich in schlechte Gesellschaft geriet und all mein Geld ausgab (6 Schillinge). Da wir also auf Erden nicht leben konnten, so dachte ich, wir würden im Himmel glücklich miteinander sein. Ich lieh ein Messer, um ihr und mir das Leben zu nehmen. Mit diesem Messer in der Tasche ging ich ihr entgegen, wie ich stets zu tun pflegte, wenn Alice von der Arbeit nach Hause zurückkehrte. Als ich sie angetroffen, setzten wir uns auf eine Bank und sprachen miteinander wie manchen Abend vorher. Sie fragte unter anderm: ›Sollen wir uns am Montag bei Sallys treffen?‹ – Ich drückte sie fester an mich. ›Nein!‹ sagte ich, ›zunächst werden wir uns im Himmel wiedersehen‹ – und durchfuhr mit dem Messer ihren Hals. – ›O mein geliebter Tom!‹ rief sie und stürzte zusammen. Ich ging meines Weges. Vor dem Hause meines Bruders kniete ich nieder und sagte: ›Ich hoffe, daß sie jetzt im Himmel sein wird und daß wir uns dort treffen.‹ Da durchschnitt ich mit dem Messer meinen eigenen Hals. Ich fiel mit dem Kopf gegen die Tür. Die Tür öffnete sich; ich fiel auf die Hausflur. Dort hob mich jemand empor, ich weiß nicht wer. Ich verlor die Sinne. Als ich im Spital erwachte, standen meine beiden Brüder neben mir.« (Manchester Guardian)

 

Thomas weinte bitterlich, als man ihn aufs Schafott brachte, denn es hatte ihm jemand versichert, er würde seine Alice sehr wahrscheinlich nicht im Himmel wiedersehen.

 

Im April 1844 wurde in London eine Frau Mary Furley des Kindesmordes angeklagt. Sie erzählte vor Gericht:

»Als ich in das Bethnal-Green-Arbeitshaus ging, litt mein ältestes Kind an einer bösen Kopfkrankheit. Es wurde ins Spital gebracht und mir nach einiger Zeit zurückgegeben. Da sich das Übel aber aufs neue zeigte, so befahl man, dem Kinde die Haare abzuscheren. Der Barbier, der diese Operation vornahm, war betrunken und schnitt ganze Fetzen Fleisch vom Kopfe des Kindes. Die Wunden wurden sehr schlimm und blieben so für einige Zeit; als sie endlich geheilt waren, bekam das Kind triefende Augen. Auch bedeckte seinen Leib bald von oben bis unten ein häßlicher Ausschlag, welcher gewiß nur dadurch entstand, daß man dem Kinde im Arbeitshause nur hartes Rindfleisch zu essen gab. Ich bat, man solle ihm Hammelfleisch geben, was aber verweigert wurde. Da entschloß ich mich, das Haus zu verlassen, und nachdem ich von den Wächtern ein Darlehen von 6 Schillingen erlangt hatte, ging ich bei meinen Bekannten umher und sammelte noch einige Schillinge dazu. Ich fand dann Beschäftigung bei einem Hemdenfabrikant; da man aber nur 1¾ Pence für die Anfertigung eines Hemdes bezahlte und ich bei angestrengtem Fleiße nur drei Stück an einem Tage fertigbrachte, so war ich bald gezwungen, diese Arbeit dranzugeben und mich nach etwas Besserem umzusehen. Ich beschloß daher, für mein weniges Geld Bänder zu kaufen, hieraus Mützen zu nähen, sie wieder zu verkaufen und dadurch einigen Unterhalt für mein Kind zu erwerben. Ich ging aus, um dies zu tun. Als ich aber in einen Kaufladen kam, fand ich, daß mein Geld fort war. Ich habe es entweder verloren, oder es ist mir aus der Tasche gestohlen worden. Dies versetzte mich natürlich in die schrecklichste Betrübnis, denn ich hatte jetzt keinen Freund in der Welt mehr, und es blieb mir nichts anderes übrig, als wieder in das Arbeitshaus zurückzukehren. Vor dem Arbeitshaus hatte ich aber einen solchen Abscheu, daß ich es vorzog, mich lieber samt meinem Kinde ums Leben zu bringen.« Die Gefangene hielt inne bei diesen Worten und sprach so leise, daß man nur noch die Worte hörte: »und ich fiel von den Planken der Werft hinab.« (The Times)

 

Das arme Weib stürzte sich nämlich mit ihrem Kinde in eine mit Schlamm und Wasser gefüllte Kloake. Das Kind ertrank, die Mutter wurde gerettet, zum Tode verurteilt, begnadigt und nach Van-Diemens-Land transportiert.

Fälle wie die angeführten, wo es ein Mensch vorzieht, durch Gift statt durch den Hunger zu sterben, wo sich ein junger Mann samt seiner Geliebten umbringt, weil ihm 6 Schillinge (2 Taler) zur Hochzeit fehlen, wo sich eine Mutter mit ihrem Kinde in eine Kloake stürzt, um nicht der »öffentlichen Mildtätigkeit« in die Hände zu fallen – solche Sachen passieren so häufig, daß etwa nur die den Volksinteressen gewidmeten Zeitungen, wie der »Northern Star« z. B., aus wirklichem Anteil davon Notiz nehmen oder Blätter wie der »Manchester Guardian« oder die »Times« nur dann darauf zurückkommen, wenn es ihnen entweder darum zu tun ist, irgendeine leere Spalte ihres großen Formats mit einer Mordgeschichte auszufüllen, oder der Vorfall gerade der Art ist, daß er wie die Geschichte der Mary Furley als Argument gegen das neue Armengesetz gebraucht werden kann.

Bei einer Handelskrisis wäre es indes auch unmöglich, alle Unglücksfälle zur Sprache zu bringen; die Berichterstatter der verschiedenen Grafschaften beschränken sich dann darauf, nur die Totalsumme der Menschen aufzuführen, die infolge des größeren Elendes über die durchschnittliche Totenzahl hinaus in diesem oder jenem Monat umgekommen sind.

Dieses Hinsterben und Verschwinden vieler Menschen infolge einer Geschäftsstockung hat etwas Entsetzliches, etwas Grauenhaftes. Ich erinnere mich noch eines Vorfalls, der in Bradford vor meinen eigenen Augen passierte und den ich deswegen jedenfalls erwähnen will, weil er zeigt, wie der Ruin der Kinder in solchen Zeiten am häufigsten vorkommen muß und gewiß am allerwenigsten bemerkt wird.

Ein junger Arbeiter war infolge des Stillsetzens einer Spinnerei außer Brot gekommen. Fünf Monate lang suchte er vergebens nach Beschäftigung. Alle Mobilien mußten verkauft werden, und zuletzt blieben ihm nur zwei sehr schöne Kinder, zwei Knaben, der eine von 2, der andere von 4 Jahren, und eine Frau, die alles Geld, was sie hin und wieder durch Waschen verdiente, in Schnaps versoff und, wie sich der Mann selbst darüber aussprach, »glücklicherweise« auch endlich gar nicht mehr nach Hause kam.

Der Vater saß daher gewöhnlich mit seinen zwei Söhnen allein am kalten Herde. Endlich findet er Arbeit, aber leider 3 Meilen von der Stadt entfernt. Er konnte seine Wohnung nicht gleich dorthin verlegen, weil er mit der Miete des bisherigen Hauses noch im Rückstand war. Am Morgen um 5 Uhr verließ er daher gewöhnlich seine Kinder und kehrte erst gegen Abend zurück. Die beiden Knaben spielten dann den Tag über auf der Straße vor dem Hause. Eine Woche lang ging dies recht gut. Da erkrankten beide Kinder, und wie mir der Doktor versicherte, infolge der vielen Entbehrungen der letzten Zeit. Es fragte sich nun, ob der junge Mann die kaum erhaltene Arbeit wieder aufgeben sollte, um zu Hause zu bleiben und seine Kinder zu pflegen, oder ob er wie bisher am Morgen hinausgehen sollte, um die beiden Kranken volle vierzehn Stunden ihrem Schicksal zu überlassen. Da doch jedenfalls etwas verdient werden mußte, so zog er das letztere vor, indem er sich auf einige Nachbarn verließ, welche versprochen hatten, sich von Zeit zu Zeit nach den Kindern umzusehen. Dieser Zustand dauerte acht oder zehn Tage lang; die Kinder wurden mit jeder Stunde kränker. Da ging ich mit Mac eines Abends in diese Gegend hinaus; er erzählte mir unterwegs von der Geschichte. Seit dem Beginn der Krankheit, sagte er mir, sei er zweimal täglich hinausgegangen, um den armen Würmern Medizin einzugeben. Das Haus sei immer offen, aber niemand warte den Kindern auf; die Nachbarn schienen sich wenig darum zu kümmern, und alles Kurieren könne nichts helfen; bei dieser Vernachlässigung müßten beide sterben, und es solle ihn sehr wundern, wenn wir das jüngste Kind nicht bereits tot anträfen. Da waren wir an Ort und Stelle. Durch die halboffene Haustür treten wir gleich ins Zimmer. Es war kalt und unfreundlich im Innern. Mac zog seine Schwefelhölzchen hervor und zündete ein Licht an; wir schritten in die Ecke des Raumes, Mac schlug die Bettdecke zurück, und wie er erwartet hatte, war das jüngste der beiden Kinder bereits kalt; das ältere eben im Begriff, seinem Brüderchen in den Tod nachzufolgen.

Mac versicherte mir später, daß solche Ereignisse in seiner Praxis zu den allergewöhnlichsten gehörten. Man kann sich solche Sachen aber sehr gut erklären, wenn man bedenkt, daß in den Fabrikstädten Englands der Wert der Menschen im eigentlichsten Sinne des Wortes mit dem Werte der Kalikos im gleichen Maße steigt und fällt. Stehen die Waren aus Mangel an Vorräten hoch im Preise, da zieht man die Arbeiter heran, um mehr zu produzieren; die Arbeiter bekommen also einen Wert, sie steigen im Preise wie jeder Artikel, den man sucht und nötig hat. Gehen dagegen die Warenpreise niedriger, weil genug Vorräte da sind, da schränkt man die Produktion ein, man entläßt die Arbeiter – die Arbeiter hören auf, ein wertvoller Artikel zu sein, sie fallen ebenfalls im Preise; und hält dies Wertlossein der Arbeiter längere Zeit an, sind sie, mit andern Worten, durch das Aufhören der Löhne längere Zeit, als dies ein Mensch aushalten kann, auf das Hungern angewiesen, da fangen sie eben samt ihren Kindern an zu kränkeln, und wenn sie dann auch gerade nicht Hungers sterben, so verrecken sie doch wenigstens an den Folgen dieser langen Entbehrungen, was im Grunde ein und dasselbe ist.

Daß es weiter gar keine Sensation macht, wenn die Kinder eines Arbeiters sterben wie die Fliegen, das brauche ich wohl nicht zu versichern. Auf der einen Seite sind die Eltern manchmal nur gar zu sehr mit dem Tode ihrer Kinder zufrieden, weil sie dieselben in üblen Zeiten doch nicht zu ernähren wissen, und auf der anderen Seite beruhigen sich die Behörden gern genug bei diesen Sterbefällen, weil ja, um mit dem gelehrten, angebeteten Malthus zu sprechen, die überflüssige Bevölkerung dadurch auf gute Manier aus dem Wege geräumt wird. Übrigens gilt meine Bemerkung, daß die Arbeiter ihre Kinder manchmal gar nicht sehr beweinen, nur für den Fall, daß die Kinder eben noch sehr klein sind. Haben sie schon ein solches Alter erreicht, um in den Spinnereien gebraucht werden zu können, da ist die Sache bei weitem anders. Sie werden dann ein wahrer Segen der Eltern, indem sie zur Erhaltung der letztern beizutragen gezwungen sind. Diese verkehrte Welt, daß die Kinder arbeiten müssen, während die Eltern zu Hause sitzen, ist eine natürliche Folge der allmählich verbesserten Maschinen, die besser durch die gelenken Finger der Jugend als durch die schon steiferen Fäuste des Alters besorgt werden können. Es kommt daher nur gar zu häufig vor, daß man den Hausvater die kleinen Kinder verwahren sieht, während die Mutter mit den schon etwas herangewachsenen Söhnen und Töchtern in der nächsten Spinnerei den Unterhalt der ganzen Familie erwirbt.

Das Verhältnis eines Fabrikanten zu seinem Arbeiter ist in den meisten Fällen so barbarisch, daß es von dem Verhältnis eines Bauers zu seinem Ochsen wenig verschieden ist. In der Tat, die letztern stehen eigentlich in einem innigem Verhältnis wie die erstem. Außer dem Interesse, was der Besitzer eines Ochsen an der augenblicklichen Arbeit dieses Tieres nimmt, muß ihm auch noch an dem körperlichen Wohlsein seines Zugstieres gelegen sein; er muß ihn konservieren, um ihn desto länger ins Joch spannen zu können. Der Fabrikant sieht dagegen in seinem Arbeiter nur eine Maschine, an deren augenblicklicher Benutzung ihm nur gelegen ist und deren Verschleiß ihm deswegen durchaus gleichgültig sein kann, da sie ja jeden Tag anderweitig, und zwar ohne weitere Kosten, zu ersetzen ist. Wenn der Fabrikant von seinen Arbeitern spricht, da redet er auch niemals von Menschen: er tituliert seine Arbeiter schlechtweg »hands«, Hände.

Die Art und Weise, wie mir einst ein Fabrikant von seiner Reise nach Schottland erzählte, wo er sich ein paar Dutzend starke Menschen geholt hatte, war gar nicht von einem Bericht verschieden, den etwa ein Viehhändler von einer gelungenen Expedition nach Friesland geben würde.

Daß die Fabrikanten bisweilen auch noch ganz mittelalterlich in ihrer Umgebung verfahren, mag daraus hervorgehen, daß z. B. ein Worsted-Spinner fast sein ganzes, sehr bedeutendes Etablissement mit eigenen Kindern treiben soll. Der würdige Mann ist Junggeselle und feierte vergangenes Jahr seinen siebzigsten Geburtstag. Ich kann indes diese Geschichte nicht verbürgen; da aber jeder delikate Handel im schlimmsten Falle durch eine wöchentliche Rente von 2 Schilling und 6 Pence an die Mutter eines unehelichen Kindes auf gerichtlichem Wege zu schlichten ist, so ist der Moralität eines reichen, unverheirateten Fabrikanten eben keine sehr strenge Grenze gezogen.

Es gehen in England wirklich oft so schauderhafte Geschichten vor, daß man nicht anders meint, als in der Türkei oder in China zu sein. Das Schrecklichste, was mir indes zu Ohren kam, fiel im November 1845 in Bradford vor. Ich will dies Ereignis erzählen, weil es mehr als alles andere die Schattenseiten englischer Zustände charakterisiert und weil ich die geringsten Details dieser Affäre als wahr verbürgen kann.

In einem Arbeiterviertel in Bradford starb ein sechs Wochen altes Kind und wurde auf dem Kirchhofe innerhalb der Stadt begraben. Die Mutter dieses Kindes war sehr arm, sie begrub ihr Kind, wie es gewöhnlich die armen Leute in England zu tun pflegen. Sie kaufte nämlich für weniges Geld eine kleine Kiste, legte die Leiche hinein und erkundigte sich bei dem Totengräber, ob nicht sonst jemand in der Stadt gestorben sei, der in den nächsten Tagen begraben werde. Da dies der Fall war, so stellte sie sich mit ihrem kleinen Sarge zur bestimmten Zeit ein, und während man die Leiche eines Erwachsenen hinabsenkte, steckte der Totengräber den Sarg mit dem Kinde zu gleicher Zeit in dieselbe Grube. Dies ist eine alte Sitte in England, von der gewöhnlich die ärmsten Leute Gebrauch machen. Ein eigenes Begräbnis kostet nämlich wenigstens 5 Pfund Sterling; die meisten Leute haben dies natürlich nicht aufzuwenden, und die Leichen der Kinder werden dann bei Gelegenheit mitverscharrt, wofür der Totengräber nur 2 Schillinge in Anspruch nimmt. Das Kind jener armen Frau wurde auf dieselbe Weise zu Grabe gebracht. Eine Woche verfloß, und niemand dachte vielleicht daran, daß von dem begrabenen Kinde je wieder die Rede sein würde. Da verbreitet sich plötzlich das Gerücht, man habe das kleine Geschöpf vergiftet; man erzählt noch allerlei sonderbare Nebenumstände; die Geschichte wird in einigen Tagen das allgemeine Gespräch des ganzen Arbeiterviertels, und die Behörde sieht sich zuletzt veranlaßt, die Sache näher zu untersuchen.

Mein Freund Mac erhielt den Auftrag, das Kind wieder ausgraben zu lassen und es zu öffnen.

Dies geschieht. Während er damit beschäftigt ist, erklärt eine alte Frau, die neben der Mutter des toten Kindes wohnte, der Doktor, der das Kind behandelt habe, sei an seinem Tode schuld. Er habe ihm ein solches Brechmittel eingegeben, daß das Kind im eigentlichsten Sinne des Wortes seine ganze Inside von sich gegeben habe und augenblicklich darauf gestorben sei. Man erkundigt sich, wer dieser Doktor ist, und läßt ihn kommen. Er erscheint, und es findet sich, daß er nicht ein privilegierter Doktor, sondern ein Schreiner ist. Nach einem kurzen Verhör ergibt sich, daß er gewöhnlich Särge macht und nebenbei die Leute seiner Nachbarschaft als Arzt behandelt. Der Richter bemerkt ihm, daß dies sehr verdächtig sei, das Kurieren vertrage sich nicht gut mit dem »Särgemachen«.

Der gute Mann fühlt sich sehr beleidigt; er versichert, diese beiden Handwerke schon seit fünfzehn Jahren mit großem Erfolge betrieben zu haben. Man gibt ihm recht, daß es sehr einträglich sein müsse, zuerst die Leute gegen eine hübsche Gratifikation tot zu kurieren und ihnen dann noch die Särge zu machen. Der Schreiner-Doktor wehrt sich mit Händen und Füßen gegen jeden Verdacht. Da ist Mac mit seiner Untersuchung fertig. Es stellt sich heraus, daß man das Kind zwar nicht vergiftet hat, daß die Quantität des auf einmal eingegebenen Brechpulvers aber so groß gewesen ist, um fast einen erwachsenen Menschen in Gefahr zu bringen, geschweige ein krankes, sechs Wochen altes Kind am Leben zu halten. Ein ungebrauchtes, noch im Originalpapier befindliches sehr starkes Pulver macht dies noch gewisser.

Man wirft also die Frage auf, in welcher Weise gegen diesen Schreiner auf gerichtlichem Wege zu verfahren sei; wie in allen Fällen hatte er auch in diesem, nach Anwendung seiner Brechmittel, den Sarg fabriziert. Der Verdacht eines absichtlichen Verbrechens lag also nur zu nahe.

Man debattiert lange Zeit und wird zuletzt darüber einig, daß nicht genug Beweise vorhanden seien, um die Sache zu einer Kriminaluntersuchung bringen zu können. Das einzige, was man tun könne, sei eine Verfolgung des Schreiners, weil er ohne Erlaubnis die Funktionen eines Arztes versehen habe; da aber ein solcher Prozeß wenigstens 300 Pfund Sterling kosten werde und niemand gegenwärtig sei, der die Rolle eines Verfolgers übernehmen wolle, so sei auch kein Angeklagter da, und man müsse sich darauf beschränken, dem questionierten Schreiner streng ins Gewissen zu reden und ihn vor weiterer Ausübung ähnlicher Kuren unter Androhung der härtesten Strafen zu warnen. Dies geschieht, und die Sache ist beendigt. Der Instruktionsrichter entfernt sich, der Schreiner geht ebenfalls nach Hause, und Mac packt die Leiche wieder in den Sarg ein.

Ich frage meine Leser, ob man bei einer solchen Geschichte nicht glauben muß, eher in der Türkei als in England zu sein? Aber ich bin noch lange nicht fertig. Bei seiner Untersuchung findet Mac, daß das Kind so sehr an der Syphilis gelitten hat, daß es dennoch schon in kurzem hätte sterben müssen, wenn es auch nie mit den Brechmitteln des Schreiners in Berührung gekommen wäre. Er untersucht deswegen auch die Mutter des Kindes und findet, daß sie schon seit zwei Jahren an derselben Krankheit leidet. Er erkundigt sich nach ihrem Manne – sie ist unverheiratet, hat aber längere Zeit mit einem Eisenbahnarbeiter gelebt – – dieser Eisenbahnarbeiter wird aufgesucht – er ist vor kurzem an demselben Übel, das er Mutter und Kind mitgeteilt, im Spitale gestorben.

Was soll man zu einem Lande sagen, wo solche Dinge möglich sind, wo sie an der Tagesordnung sind? Jawohl, an der Tagesordnung! Denn in England wundert sich niemand mehr darüber.

Daß Mac mir das ganze Ereignis mit der größesten Gleichgültigkeit erzählte, als ich ihn unmittelbar nach Beendigung seiner Aventüre beim Händewaschen in seinem Zimmer antraf – das verstand sich von selbst. Mac ist ein Doktor. Aber daß die Presse diesen Vorfall kaum mit fünf oder sechs Zeilen erwähnte, das beweist, daß auch noch andere Leute als Doktoren mehr oder weniger zu Barbaren herabgesunken sind. Übrigens lasse ich meinem schottischen Freunde gern Gerechtigkeit widerfahren; ich glaube nicht, daß ich je wieder einen Menschen antreffen werde, der sich mit einem solchen Heroismus und mit einer solchen Ruhe wie Mac unter dem unglücklichsten und verworfensten Volke der Welt herumschlagen wird. Als ich einst mit ihm in das Bradforder Krankenhaus trat, da richteten sich alle alten Weiber in den Betten empor, um ihren Freund zu begrüßen.

Die Mysterien Bradfords kamen wohl nie besser ans Licht als infolge einer Arbeiterversammlung, in der man den Gesundheitszustand der Bewohner zur Sprache brachte. Man wählte einen Ausschuß, der genaue Nachforschungen über diesen Gegenstand anstellen, die gesammelten Tatsachen dem Publikum im allgemeinen, namentlich aber den einflußreichsten Fabrikbesitzern und Kaufleuten mitteilen und endlich Vorschläge machen sollte, wie man einem Übel abhelfen könne, das inmitten einer der lebendigsten und am meisten prosperierenden Industriestädte des Königreichs zu einem solchen Umfang angewachsen ist, daß die gelindeste Schilderung fast übertrieben erscheint.

Der Ausschuß jener Versammlung ging sofort ans Werk. Man teilte die Stadt in gewisse Distrikte und ließ die Einwohner derselben von einer Deputation von jedesmal drei oder vier Personen besuchen, damit man sich genau davon überzeuge, einen wie großen Teil an Annehmlichkeiten des Lebens die heutige hochzivilisierte Welt dem Arbeiter zuerkennt. Wir finden, daß der Ausschuß seinen Auftrag gut vollzogen hat. Er gab einen Bericht über das Resultat seiner Untersuchungen, aus dem wir einige wenige Fälle anführen, um dem Kontinent eine Idee zu geben, wie es mit den Bradforder Arbeitern bestellt ist.

Der Bericht beginnt mit einer »Adresse der Gesundheitskommission, gewählt in einer zahlreichen Versammlung von Wollkämmern, am Montag, 5. Mai 1845«, in der man zuerst seine Freude darüber ausdrückt, daß das Gouvernement beabsichtige, den beklagenswerten Zustand großer Städte vor das Publikum zu bringen, und daß die Arbeiter in Bradford sich verpflichtet fühlten, das Ihrige zu diesem Zwecke beizutragen.

Es heißt dann wörtlich weiter: Wir haben hier in der Stadt und in der nächsten Umgebung über 10 000 Wollkämmer, die größtenteils gezwungen sind, Werkstatt und Schlafzimmer an einem und demselben Orte zu haben. Die Art ihrer Beschäftigung nötigt sie, über einem Kohlenfeuer zu arbeiten, welches bei Tage fortwährend in ihrem Zimmer brennt und das man auch häufig die Nacht fortglimmen läßt, um die Arbeit am folgenden Morgen desto mehr zu beschleunigen. Die gefährlichsten und tödlichsten Dämpfe verbreiten sich dadurch in dem geschlossenen, schlecht ventilierten Zimmer und werden fortwährend von den Bewohnern eingeatmet, welche unglücklicherweise kein anderes Eigentum haben als ihre Gesundheit und kein Mittel, um ihre Familie zu unterhalten, wenn die Kraft ihres Körpers bald und rasch schwindet und sie endlich den verheerendsten Krankheiten unterliegen. Ein hinreichender Beweis dieser Tatsachen zeigt sich in dem ausgemergelten Aussehen aller Opfer dieser traurigen Zustände, die stets einen frühzeitigen Tod herbeiführen. Sehr groß ist die Zahl der Witwen und Waisen, die von hier in die Welt hinausgestoßen werden.«

Es folgt dann im allgemeinen eine Schilderung der Plätze und Straßen, in denen die Wohnungen der Arbeiter liegen, sowie ein Aufruf an Prediger, Ärzte und andere einflußreiche Leute, dem Bericht einige Aufmerksamkeit zu widmen und die später zu machenden Vorschläge der Arbeiter zu unterstützen.

In der Aufstellung der Details finden wir Straße und Hausnummer eines jeden berichteten Falles verzeichnet; ferner die Zahl der Familienglieder, die Zahl der Zimmer jeder Wohnung, die Zahl der beschäftigten Personen, die Zahl der Frauen und Mädchen sowie die Dimensionen jedes Zimmers und die Art der Stoffe, welche bei der Arbeit benutzt werden.

Aufs Geratewohl nehmen wir das Folgende aus dem Bericht:

Fall Nr. 6. Kanonenstraße. Familie von 11 Personen. 5 weiblichen Geschlechts. 7 arbeiten im Hause, das aus 3 Zimmern besteht. 6 Personen arbeiten im Schlafzimmer. Schlechte Ventilation. Kein Wasserabfluß. Schweinestall: Schmutz.

Fall Nr. 7. Handelsstraße. Außerordentlich ungesund. Unerträgliche Hitze. 3 Männer und 1 Frau arbeiten in einem Schlafzimmer. 2 Personen, Vater und Sohn, wurden vor einiger Zeit infolge des fortglimmenden Kohlenfeuers am Morgen tot gefunden.

Fall Nr. 13. Daselbst. Dies ist ein Keller mit zwei Abteilungen, 3 Fuß niedriger als das Straßenpflaster. Kein Wasserabfluß. Fortwährender Gestank. Asche und Schmutz vor der Türe aufgehäuft. Ein erwachsener Mann erstickte vor kurzem in diesem Keller.

Fall Nr. 15. Daselbst. Eine Frau liegt todkrank im Bett – in demselben Zimmer arbeiten 4 Personen. Das Zimmer ist 3 Fuß unter der Erde.

Fall Nr. 1–5. Mill-Bank, liegt im untern Teile der Stadt, neben einer Kloake, die sich durch das schmutzige Wasser und den Kot, der aus den nahen Fabriken dorthin geschwemmt wird, allmählich bildete. In der ganzen Gegend herrscht durch das stehende Wasser der fürchterlichste Gestank, die verdorbenste Luft. Hier wird in allen Wohnungen über Kohlenfeuern gearbeitet, und die Menschen sind so zusammengedrängt, daß es für 33 Personen nur 7 Betten gibt.

Fall Nr. 16–18. Die Straße wird hier sehr eng, und außer den gefährlichen Dünsten, die aus der Kloake aufsteigen, leiden die Bewohner auch noch dadurch, daß ihre Häuser von beiden Seiten durch sehr hohe Magazine und Fabriken überragt werden, die fast alles Licht fortnehmen. Fast alle Menschen sind hier krank. In diesen 12 Wohnungen halten sich 95 Personen auf. Sie besitzen 23 Zimmer und nur 24 Betten. 4 Personen also für jedes Bett. In Nr. 6 arbeiteten und schliefen Bruder und Schwester, nur ein Zimmer und ein Bett. Die Schwester ist aber neulich ausgezogen – sie ist schwanger.

Fall Nr. 21–25. Dieselben Übelstände wie vorher. 55 Personen in 5 Wohnungen. 9 Betten; also nicht weniger als 6 Personen für ein Bett.

Fall Nr. 28. Ein Kohlenloch. 4 Personen einschließlich einer Frau schlafen dort. Dieses Loch, genau gemessen, ist 3 Fuß breit, liegt 5 Fuß unter der Erde. Dieses Kohlenloch gehört eigentlich noch zur Victoria-Straße.

Fall Nr. 40. White-Abbey. Ein Zimmer, 4 Fuß unter der Erde. In diesem Loch schlafen in einem Bett, das aus Abfall gemacht ist, 1 Mann, 1 Frau und 4 Kinder – alle krank.

Fall Nr. 83. Daselbst. Ein Zimmer, 5 Fuß unter der Erde. Eine Masse Dreck. Ein Mann mit seiner Mutter, seiner Frau und 4 Kindern schlafen in diesem erbärmlichen Loch in einem Bett.

Fall Nr. 109. Wir fanden 4 Personen in einem Zimmer an der Arbeit. Eine kranke Frau lag im Bett – und ein totes Kind. Alles in einem Zimmer.

Fall Nr. 119. Westgate. Dies ist eine schauderhafte Wohnung. 13 Personen liegen zusammen auf zwei Bündeln Stroh, auf einer feuchten Steinflur. 4 unter diesen 13 Personen sind Frauen. Der Schmutz, das Elend und die Unsittlichkeit an diesem Orte sind fürchterlich.

Fall Nr. 121 und 122 gelten für die ungesundesten Wohnungen in Bradford. In ihnen wohnen die ärmsten und verlassensten Arbeiter. Man gibt eine fürchterliche Beschreibung dieses Ortes. Die Unsittlichkeit ist hier an der Tagesordnung. Männer, Frauen, Knaben und Mädchen liegen halbnackt durcheinander.

Diese wenigen Beispiele aus den hunderten, durchaus ähnlichen, welche der Bericht des Ausschusses mitteilt, mögen zeigen, wie es einesteils mit den häuslichen Verhältnissen der Arbeiter aussieht, und zweitens, in welcher Weise, in welcher Form sich der Gesundheitsausschuß seines Auftrages entledigte. Zu besserem Verständnis des Obigen ist nur noch zu bemerken, daß das Wort »Zimmer« nicht durchgängig einen wohnlichen Raum bedeutet, sondern daß man auch Keller und ähnliche mit Steinen gepflasterte Löcher darunter versteht. Ebenso versteht man unter Betten sehr häufig auch einen alten Teppich, der von einer Wand zur andern gespannt ist und gleich einer Hängematte zum Lager dient, ferner Strohsäcke mit einer Decke darüber usw. Wenn man die Zahl aller in dem Bericht angegebenen Personen und Betten zusammenfaßt, so kommt im Durchschnitt stets auf 4½ Personen ein Bett.

Der Bericht der Wollkämmer machte einige Sensation, namentlich da die einzelnen Personen des Ausschusses als wahrheitsliebende Männer bekannt waren und außerdem die Angabe der Häuser usw. jeden in den Stand setzte, sich von der Richtigkeit der ganzen Darstellung zu überzeugen.

Nachträgliche Forschungen wurden auch vorgenommen und bestätigten nur zu sehr die Richtigkeit des Berichtes.

Gleich nach Veröffentlichung desselben luden die Arbeiter das Publikum Bradfords zu einer Versammlung auf dem Börsensaale ein, um dort in Gemeinschaft mit den Herren Fabrikanten usw. Beschlüsse zu fassen, wie dem vorhandenen Elend abzuhelfen sei. Es hatten sich etwa 70 bis 80 Personen eingefunden. Die Hälfte derselben bestand aus Arbeitern, namentlich aus Wollkämmern, die den Zustand der Wohnungen untersucht hatten. Sie nahmen die eine Seite des Saales ein. Auf der andern bemerkte man Fabrikanten, Händler, Prediger, Doktoren usw.

Zum Präsidenten erwählte man den Dr. Divinitatis Scoresby, zum Sekretär den Chartisten George White. Eine sonderbare Zusammenstellung! – Von dem vornehmen Geistlichen, dem Herrn Scoresby, ist wenig in der Welt bekannt. Von dem Wollkämmer George White weiß man, daß er schon seit zwanzig Jahren ein unermüdlicher Agitator ist. Er hat die Stimme eines Löwen; sein linker Arm ist steif, mit dem rechten gestikuliert er desto besser. Dr. Scoresby berührte in seiner Rede noch einmal den Inhalt des mehrerwähnten Berichts und erklärte sich damit einverstanden, daß es unangenehm sei, den ganzen Tag über einem Kohlenfeuer arbeiten zu müssen, das die vordere Seite des Körpers in hohem Grade erhitzt, während die durch das geöffnete Fenster hereindringende Luft, namentlich zu rauher Jahreszeit, den Rücken des Arbeiters eiskalt erhält.

Er fand es ferner schrecklich, daß der Arbeiter auch meistens die Nacht im Kohlendampfe liegen muß, und hielt es für wünschenswert, daß seine schlechten engen Wohnungen besser und geräumiger gemacht würden, und da es den Doktor Divinitatis sehr unangenehm berührt hatte, daß die Sterblichkeit in Bradford seit einiger Zeit um 5 Prozent größer war als sonst im ganzen Königreich, so wünschte er auch schließlich den Arbeitern für alle ihre Unternehmungen viel Glück und Segen, nahm dann die Zipfel des Frackrocks in die Hände, setzte sich und lächelte.

Die Arbeiter schwiegen – die andere Seite rief ihrem feinen, frohen Geistlichen den lautesten Beifall zu. Es erhob sich dann ein anderer Gentleman, der nach verschiedenen zarten Redensarten, in denen er sich mit den Ansichten des hochwürdigen Dr. Scoresby einverstanden erklärte, sich dahin aussprach, daß es doch wünschenswert sei zu erfahren, aus welchem Grunde die Arbeiter sich mit der fraglichen Gesundheitsangelegenheit befaßt hätten.

Keiner der Anwesenden verstand augenblicklich, was der Herr meinte, und man ersuchte ihn von mehreren Seiten, sich etwas deutlicher auszudrücken. Der Redner wiederholte daher nochmals, daß er zu wissen wünsche, wie man auf den Gedanken gekommen sei, sich für eigene und fremde Leiden so sehr zu interessieren, daß man Berichte abfasse, Versammlungen anberaume usw.

Da der Redner als ein sehr geistreicher und gelehrter Mann bekannt war, so mußte sich den Arbeitern und einigen anderen Leuten bei dieser zweimaligen Schamlosigkeit doch der Gedanke aufdrängen, daß der Wunsch des Redners eben nur aus vollendeter Schamlosigkeit entsprungen sei, daß er zu den Gesellen gehörte, die es gar nicht begreifen können, wie ein Arbeiter so frech sein kann, seine Leiden aufzudecken, sich zu beschweren, ja zu murren!

Es verbreitete sich daher über der Stirn mancher Anwesenden eine kleine Wolke der Verlegenheit, die bald dadurch verscheucht wurde, daß der ehrliche George White seinen wachsenden Zorn unterdrückte und den vornehmen Pinsel in einigen kräftigen, aber höflichen Worten zurechtsetzte. Die Niederträchtigkeit dieses Menschen war indes doch zu eklatant. An der linken Seite des Saales saßen 40 Arbeiter – zur Hälfte bleich und ausgemergelt, Gram in den Zügen, die Verzweiflung in den Augen –, die vielleicht noch die letzte Nacht auf faulem Stroh geschlafen, in dem Kohlenloch der Victoria-Straße – und dieser Pinsel, der ihnen vor der Nase stand, der in jeder Fratze ein Buch Hiob aufgeschlagen sah, konnte noch fragen, wie man auf den Gedanken gekommen sei, die Not von zehn-, vierzig-, fünfzigtausend Menschen in einer Stadt ans Licht heraufzuziehen!

Einige junge Leute wollten sich daher mit den Auseinandersetzungen des Sekretärs auch nicht zufrieden geben, und einer wagte es sogar zu behaupten, daß man hier nichts anderes zu tun habe, als Mittel zur Abhilfe des Elends vorzuschlagen, und da jedenfalls alle zu erwartenden Leistungen der besitzenden Klasse wie alle Erleichterungen des Gouvernements nicht hinreichen würden, die Kloaken auszutrocknen, den Kohlendampf abzuschaffen, die Wohnungen der Arbeiter umzubauen und diese auf Rosen statt auf faules Stroh zu betten, so schlage er vor, den untern, von den arbeitenden Klassen bewohnten Stadtbettel in Brand zu stecken – – –

Man hat mir später erzählt, daß ich selbst diesen Vorschlag machte. – Die Lage der Wollkämmer in Bradford ist noch immer dieselbe.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.