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Sittengeschichte Roms

Ludwig Friedländer: Sittengeschichte Roms - Kapitel 7
Quellenangabe
typereport
authorLudwig Friedlaender
titleSittengeschichte Roms
publisherPhaidon-Verlag
year1934
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160513
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V. Die Frauen

Wenn alle Darstellungen von Zuständen der hier geschilderten Zeit um so unvollständiger bleiben, je mehr sie auf gelegentlichen, zerstreuten, nicht selten einseitigen Äußerungen beruhen, so gilt dies am meisten von dem Leben der Frauen, von dem sich zusammenhängende Anschauungen am schwersten gewinnen lassen. Überdies beziehen sich die uns erhaltnen Nachrichten zum allergrößten Teil auf die Frauen der höhern Stände.

Der Mädchenstand der Römerinnen war kurz; kaum dem Kindesalter entwachsen, wurden sie schon verlobt und vermählt. Die Wünsche und Sorgen der Mütter, Verwandten und Wärterinnen; die von der Zärtlichkeit eingegebnen Liebkosungsworte und Schmeichelnamen (Vögelchen, Täubchen, kleine Krähe, Mütterchen, Fräulein); die tändelnde, das Kinderlallen nachahmende Sprache und die Schlaflieder der Ammen; der Gebrauch der Kinderklappern und sonstigen Beschwichtigungsmittel (z. B. den Stein zu schlagen, an dem das Kind sich gestoßen hatte); den mannigfachen Aberglauben, der sich an alle Entwicklungsmomente des Kindesalters knüpfte (Wolfs- oder Pferdezähne wurden z. B. den Kindern als Mittel leichten Zahnens angebunden); die Angst vor dem Beschreien und dem bösen Blick und die zahllosen Mittel und Amulette dagegen – alles dies hatten die Kinderstuben jener Zeit mit den heutigen gemein. Zum Schutz gegen die Nachtunholde, die den Kindern das Blut aussogen (Strigen), knüpfte man ihnen Knoblauch in die Windeln und legte Weißdornruten in die Fenster. Ging die Mutter an einem Venustempel vorüber, so murmelte sie wohl ein Gebet an die Göttin, daß dem Töchterchen Schönheit zuteil werden möchte, und fügte ein Gelübde hinzu. Überdies wurde natürlich nichts unterlassen, was zur Ausbildung einer tadellosen Gestalt beitragen konnte. Dazu gehörte das feste Einschnüren der Brust der Mädchen mit Binden von frühster Kindheit an, um die Hüften stärker hervortreten zu lassen, wodurch infolge der Nachlässigkeit oder Unerfahrenheit der Wärterinnen häufig Verkrümmungen des Rückens entstanden und eine Schulter höher als die andre wurde. Schwerlich war das Schnüren und seine üblen Folgen auf Pergamum beschränkt, wo Galen am meisten Gelegenheit hatte, die letztern zu beobachten, sondern es ist vermutlich ziemlich allgemein, namentlich auch in Rom, und zwar von jeher in Gebrauch gewesen. Schon bei Terenz wird (in einer Stelle, die wohl auch für Rom Geltung gehabt haben muß) geklagt, daß die Mütter sich bemühen, die Mädchen schmächtig zu machen, mit herabfallenden Schultern und geschnürter Brust. Ist eine etwas kräftiger, so sagen sie, sie sähe aus wie ein Faustkämpfer, und lassen sie fasten; so machen sie durch ihre Pflege auch die von Natur trefflichen Gestalten binsenähnlich.

Viele Mütter überließen die Kinder ganz den Ammen oder Wärterinnen, in der Regel ohne Zweifel Sklavinnen, also sehr oft »Ausländerinnen aus irgendeinem Barbarenvolke«. Das Selbstnähren der Mütter scheint weder in Italien noch in Griechenland die Regel gewesen zu sein, so sehr es auch Philosophen wie Favorinus und Plutarch empfahlen; auch die Frau des letztern hatte wenigstens ihr früh verstorbnes Töchterchen nicht selbst genährt. Über die Wahl einer Amme geben die ärztlichen Schriftsteller ausführliche Vorschriften: unter anderm, daß ihre Milch durch Gesicht, Geschmack und Geruch geprüft werden sollte. Zuweilen wurden für ein Kind mehrere Ammen bestellt. Der Arzt Soranus von Ephesus, der unter Trajan und Hadrian in Rom praktizierte, empfiehlt Griechinnen zu wählen, nicht bloß damit die Kinder von ihnen die schönste Sprache lernen, sondern weil sie ihren Säuglingen am meisten Liebe und Sorgfalt erweisen; der Mangel an beidem bei den Römerinnen war nach seiner Ansicht an den in Rom so häufigen Verkrümmungen der Beine bei Kindern schuld.

Als Spielzeug kleiner Mädchen dienten Blumen, bunte Steine, Muscheln (auch Bernstein), farbige Bälle und Kugeln oder Nüsse (mit denen man mannigfache, zum Teil noch jetzt in Italien übliche Spiele spielte), Knöchel (Astragalen), mit denen spielend Mädchen öfters von Künstlern dargestellt wurden; vor allem Puppen, von denen mehrere (aus Terrakotta und Elfenbein), zum Teil mit beweglichen Gliedern, in Kindergräbern gefunden worden sind. Plutarch erwähnt in der Trostschrift an seine Frau über den Tod jenes einzigen, nach vier Söhnen gebornen Töchterchens, Timoxena, wie die freundliche Natur der Kleinen sich auch darin zeigte, daß sie Geschirre und Spielzeuge, an denen sie ihre Freude hatte, zu ihrer Amme brachte und sie aufforderte, ihnen die Brust zu reichen.

Hatten die kleinen Mädchen sich müde gespielt, dann saßen sie erwartungsvoll zu den Füßen der alten Wärterin, von deren Lippen das wohlbekannte: »Es war einmal ein König und eine Königin« ertönte. Nicht bloß in diesem Anfange stimmt das römische Märchen mit unsern Haus- und Volksmärchen überein; es führte überhaupt die kindliche Phantasie in dasselbe bunte, glänzende Reich der Wunder. Auch unter seinen Heldinnen war die wunderschöne Königstochter, »so schön, daß es mit Worten gar nicht zu sagen war«. Sie war die jüngste von dreien und wurde von ihren minder schönen Schwestern beneidet und mit bösen Ränken verfolgt, heiratete aber endlich doch den schönsten Prinzen, während die beiden andern zur Strafe ihrer Schändlichkeit einen schrecklichen Tod fanden. Auch wir kennen die angstvolle Spannung, welche die kleinen Hörerinnen ergriff, wenn die Königstochter die drei schweren Arbeiten verrichten mußte, und das frohe Aufatmen, wenn ihr jede unter dem freundlichen Beistande wunderbarer Wesen gelang. Wenn sie auf Befehl der bösen Herrin einen großen Haufen verschiedner Sämereien bis zum Abend auseinanderlesen sollte, kamen Ameisen und verrichteten für sie das Geschäft. Das Schilfrohr am Flusse flüsterte ihr zu, wie sie Flocken von den Vließen der wilden, goldwolligen Schafe erhalten könne, und der Adler holte für sie das Wunderwasser aus der von Drachen bewachten Quelle.

Dann kamen die Jahre des Lernens. Die Mädchen lernten zunächst weibliche Arbeiten. Die Stickerei, die zu den Gewerben der Männer gehörte, scheint allerdings auch von Frauen betrieben worden zu sein. Varro verlangt, daß die Mädchen im Sticken ( pingere, d. h. acu pingere) unterrichtet werden sollen, weil sie sonst die Stickerei von Teppichen und Vorhängen nicht beurteilen können. Hauptsächlich lernten sie spinnen und weben; denn auch damals wurden die Kleider für die Familie in Häusern, wo man auf gute alte Sitte hielt, unter der Mitwirkung oder doch Leitung der Hausfrau verfertigt. Bekanntlich mußten selbst Augustus' Töchter und Enkelinnen spinnen und weben, und er trug gewöhnlich keine andern Kleider als die von ihnen oder seiner Frau und Schwester gearbeiteten. Der Gatte der Turia, deren zwischen 8 und 2 v. Chr. gehaltene Grabrede uns noch vorliegt, rühmt an der Verstorbnen unter andern Tugenden, die sie mit allen ehrbaren Frauen gemein gehabt habe, auch ihren Fleiß bei der Wollarbeit. Selbstverständlich wurde dieser in den mittlern und untern Ständen noch mehr zu den Pflichten der Hausfrau gerechnet als in den höhern; und selbst Frauen, die auf matronale Ehrbarkeit keinen Anspruch machten, entzogen sich der allgemeinen Sitte nicht, wie die Cynthia des Properz, die Delia des Tibull. Der letztere beschwichtigt den Schmerz der Trennung von der Geliebten, indem er sich das Wiedersehn ausmalt: wie Delia am späten Abend bei der Lampe, von den Märchen einer Alten wach gehalten, während den ringsum spinnenden Mägden schon die Augen zufallen, bei seinem plötzlichen Erscheinen aufspringen, mit bloßen Füßen und aufgelösten Haaren ihm entgegeneilen werde. Wenn nun Columella klagt, die meisten Frauen seien so üppig und träge, daß sie sich nicht einmal um das Spinnen und Weben im Hause kümmern wollten, so ist klar, daß die Sitte es nach wie vor von ihnen forderte, wenn es auch vielfach in Abnahme gekommen sein mochte. Auch Musonius Rufus betrachtete Spinnen und Weben als die den Frauen ganz eigentlich zukommenden Arbeiten, und Tertullian hebt unter den Pflichten der Hausfrau die Einteilung und Beaufsichtigung der Wollarbeit hervor. Grabsteine, die Frauen als fleißige Spinnerinnen rühmen oder als Symbol ihres Fleißes das Bild eines Webstuhls tragen, bestätigen die Fortdauer der Sitte, für die es an Zeugnissen auch aus der spätesten Zeit nicht fehlt. Ausonius hat in den Nachrufen an seine Mutter und die Frau seines Schwestersohns ihre »in der Bereitung der Wolle emsigen Hände« nicht übergangen, und auch Symmachus dankte seiner »Frau Tochter« für ein aus Bajä übersandtes Kleid, ein treffliches Denkmal ihrer Wollarbeit, das ebensosehr ihre kindliche Liebe wie ihren Fleiß als Hausfrau bewies.

Den wissenschaftlichen Unterricht erhielten die Töchter der höhern Stände ohne Zweifel im Hause, und nur geringere Leute sandten die ihren in jeder Frühe in die Schule, die der Schulmeister, »dies den Knaben und Mädchen verhaßte Haupt«, in strenger Zucht hielt; und zwar scheinen Knaben und Mädchen (bis zu einem gewissen Alter vielleicht gewöhnlich) zusammen in die Schule gegangen zu sein. Martial fragt, ob es für einen Dichter wünschenswert sei, daß ein aufgeblasener Lehrer seine Gedichte mit heiserer Stimme vorlese und er dadurch heranwachsenden Mädchen und guten Jungen verhaßt werde. Das Grabdenkmal eines Schulmeisters zu Capua zeigt einen ältern Mann auf einem erhöhten Stuhle sitzend, zu seiner Rechten einen Knaben, zu seiner Linken ein Mädchen. Nach Paulus von Ägina sollte der Unterricht im Lesen und Schreiben bei beiden Geschlechtern mit dem sechsten und siebenten Jahre beginnen. Aus den seltnen Erwähnungen des höhern Mädchenunterrichts darf man schließen, daß er ebenso wie der der Knaben wesentlich in der Lesung und Erklärung der geeigneten Dichter beider Sprachen bestand. Knaben und Mädchen, sagt Ovid, lesen die Stücke des Menander, obwohl in jedem eine Liebesgeschichte vorkommt. Martial nennt Tragödien und Epen als Gedichte, die in den (von beiden Geschlechtern besuchten) Schulen gelesen wurden, und noch Claudianus rühmt von der Braut des Honorius, Maria, daß sie nicht aufhöre, unter Anleitung ihrer Mutter griechische und römische Dichter zu lesen, und nennt von den erstern Homer, Orpheus und Sappho. Ein christlicher Dichter aus der letzten Zeit des Altertums sagt, daß die christlichen Lehrer selbst daran schuld seien, wenn die Mädchen statt der Schriften des Paulus und Salomo Vergil, Ovid, Horaz und Terenz lesen. Mitunter mochten sich wohl unerwünschte Verhältnisse zwischen Lehrern und Schülerinnen ergeben. Q. Cäcilius Epirota, ein Freigelassener von Ciceros Freunde Atticus und namhafter Gelehrter, unterrichtete die Tochter seines Patrons nach ihrer Vermählung mit M. Agrippa; er wurde wegen des Verdachts eines Liebesverhältnisses mit seiner Schülerin entlassen. Wenn hier die Schülerin bereits vermählt war, so kann doch die Gefahr der Verführung, die Quintilian nur in bezug auf den Privatunterricht der Knaben hervorhebt, für Mädchen nicht geringer gewesen sein.

Besondrer Wert wurde auf die Ausbildung der Mädchen in Musik und Tanz gelegt. Catilinas Freundin Sempronia, in griechischer und römischer Literatur gebildet, tanzte und spielte besser, »als für eine rechtschaffene Frau erforderlich ist«. Angesehene Musiker wie Demetrius und Tigellius brachten schon in der Zeit des Horaz einen großen Teil des Tags neben den Lehnsesseln ihrer Schülerinnen zu. In einer Liebeselegie, in der er seine Empfänglichkeit für alle weiblichen Reize und Vorzüge schildert, nennt Ovid als für ihn unwiderstehlich den süßen Gesang einer wohlgeschulten Stimme, die Kunst einer fertigen Hand, die klagenden Saiten zu durchlaufen, und die anmutigen Bewegungen einer geübten Tänzerin. Die Geliebte des Properz, eine Hostia, war in beiden Künsten ausgezeichnet. Der Dichter Statius rühmt seine Stieftochter als ein vollkommen gebildetes Mädchen. Sie werde, versichert er seiner Frau, bald einen Mann finden, wenigstens verdiene sie es durch die Vorzüge des Geistes und der Gestalt; mag sie die Laute schlagen oder väterliche Gedichte nach eignen Melodien singen oder die weißen Arme gefällig im Tanze bewegen. Doch Talent und Kunst wird bei ihr durch Trefflichkeit des Gemüts und Sittsamkeit noch übertroffen. Auf Grabdenkmälern bezeichnet zuweilen die Kithara in der Hand der Mädchen die weibliche, wie die Schriftrolle in der der Jünglinge die männliche Bildung; und wenn Hieronymus von der christlichen Jungfrau verlangt, daß sie für die Orgel taub sein, von Flöte, Lyra und Kithara nichts wissen solle, so geht daraus hervor, daß in der heidnischen Welt die Ausbildung in der Musik noch immer ein wesentlicher Bestandteil des Mädchenunterrichts war. Die Kunst des Tanzes bestand vorzugsweise in rhythmischen Bewegungen des Oberkörpers und der Arme, und wie die heutigen Nationaltänze, die diesen Charakter im ganzen bewahrt haben, nicht am wenigsten zu der Grazie in Gang und Haltung beitragen, welche die Römerinnen so sehr auszeichnet, so haben sie im Altertum ohne Zweifel ähnliche Wirkungen geübt. Ein edler Gang wurde an Frauen besonders geschätzt. Nicht bloß Ovid sagt, es liege auch im Gange ein nicht gering zu achtender Teil des Reizes: selbst auf einer Grabschrift aus der Zeit der Republik wird von der Verstorbenen gerühmt: »Sie war von artiger Rede und von edlem Gang«. Außer dem Gesange lernten die Mädchen auch auf Saiteninstrumenten spielen; einige derselben wurden als weichlich und aufregend von strengen Beurteilern verworfen, sowie manche griechische Tänze. Von ihrer Gesangskunst legten sie auch wohl öffentliche Proben ab. An Bettagen und Götterfesten, so auch bei den Säkularfeiern, gingen Chöre von dreimal neun Jungfrauen aus edlen Familien Hymnen singend der Prozession voraus; manche Frau, so hoffte Horaz, werde sich einst erinnern, wie sie als Mädchen das von ihm gedichtete Festlied gelernt und geübt habe. Bei Augustus' Bestattung sangen Kinder beiderlei Geschlechts aus den vornehmsten Familien die Totenklage. Bei der der Apotheose eines Kaisers vorausgehenden Totenfeier auf dem Forum sang an der Bahre ein Chor edler Knaben und ein Chor edler Frauen Lobgesänge auf den Verstorbenen, die in klagenden und feierlichen Weisen gesetzt waren. Übrigens scheinen Mädchen und Frauen sehr gewöhnlich die Fertigkeit erworben zu haben, Texte von Dichtern nach selbstgesetzten Melodien zur Laute vorzutragen, was nicht bloß Statius von seiner Stieftochter, sondern auch der jüngere Plinius von seiner Gemahlin rühmt.

Unter solchen Beschäftigungen und Unterhaltungen, unter der Aufsicht von Wärterinnen und Pädagogen, reifte das Kind zur Jungfrau. Das Bild eines liebenswürdigen und wohlerzogenen Mädchens aus vornehmem Hause gibt uns der jüngere Plinius in seinem Lobe der kurz vor der Hochzeit verstorbenen Tochter des C. Minicius Fundanus (Konsul 107). »Noch war sie nicht volle dreizehn Jahre alt, und schon hatte sie die Klugheit des Alters und die Würde einer Frau, und doch mädchenhafte Anmut mit jungfräulicher Züchtigkeit vereint. Wie hing sie am Halse des Vaters! Wie liebevoll und sittsam zugleich umarmte sie uns väterliche Freunde! Wie liebte sie ihre Wärterinnen, Pädagogen und Lehrer, jeden nach seinem Amt! Wie fleißig, mit welchem Verständnis trieb sie ihre Studien! Wie selten und vernünftig spielte sie! Mit welcher Fassung, Geduld und Kraft ertrug sie ihre letzte Krankheit!« Die marmorne Aschenurne dieser jungen Braut ist in einem Grabmal auf Monte Mario gleich hinter der Villa Mellini gefunden worden. Nach der Inschrift ist sie im Alter von 12 Jahren 11 Monaten und 7 Tagen gestorben.

Schon früh suchten, wie gesagt, die Eltern das künftige Schicksal einer Tochter durch eine angemessene und glückverheißende Heirat zu sichern. Die zur Ehe erforderliche Volljährigkeit trat schon mit dem zurückgelegten zwölften Jahre ein; in der Grabschrift eines gerade zwölfjährig verstorbenen Mädchens heißt es, daß ihr Alter ihr die Aussicht auf Hochzeit und Ehe gab. Zuweilen wurden die Mädchen schon früher dem verlobten Gatten zugeführt, erreichten dann aber die gesetzmäßigen Gattinnenrechte erst mit der Vollendung des zwölften Jahrs. Wegen eines vorher begangnen Ehebruchs konnten sie (nach einem Reskript des Septimius Severus) zwar nicht als Gattinnen, wohl aber als Verlobte angeklagt werden. Man darf annehmen, daß die Mädchen in der Regel zwischen dem dreizehnten und sechzehnten oder siebzehnten Jahre vermählt wurden. Der Arzt Rufus (unter Trajan), der das von Hesiod empfohlne Alter von 18 Jahren für das normale hält, gibt zu, daß es »nach den gegenwärtigen Verhältnissen« ein spätes sei. Eine Frau, die zwanzig Jahre alt geworden war, ohne Mutter zu sein, verfiel schon den Strafen, die Augustus über Ehe- und Kinderlosigkeit verhängt hatte; hier also war das achtzehnte und neunzehnte Jahr als äußerste Grenze für die Schließung der Ehe in naturgemäßem Alter angesehen. Ohne Zweifel war der Wille der Eltern in der Regel für die Töchter durchaus und allein entscheidend; er mußte es auch, abgesehen von der väterlichen Gewalt, schon wegen der unerfahrnen Jugend der letztern sein. Zwar war der Konsens der Tochter zur Verlobung und Heirat notwendig, doch wurde vorausgesetzt, wenn sie keinen Widerspruch erhob, und dieser war ihr nur gestattet, wenn der Vater einen schimpflichen oder durch seinen Charakter unwürdigen Verlobten für sie wählte.

Gewiß sehr häufig war die Eingehung der Ehe nur Sache der Konvenienz zwischen zwei Familien. Einige Belehrung über die Gesichtspunkte, die bei der Wahl eines Schwiegersohns in guten Familien der höhern Stände die leitenden waren, gibt ein Brief des jüngern Plinius. Sein Freund Junius Mauricus hatte ihn ersucht, für die Tochter seines Bruders Arulenus Rusticus einen Gemahl vorzuschlagen. Plinius nennt einen jüngern Freund, Minucius Acilianus, der über dreißig Jahre alt war, da er schon die Prätur bekleidet hatte. Er war aus Brixia gebürtig, einer der Städte Norditaliens, in denen man noch auf gute alte Sitte hielt. Sein Vater gehörte zu den Ersten des Ritterstands, seine Großmutter war eine Frau von hoher Sittenstrenge, auch sein Oheim ein trefflicher Mann: überhaupt in der ganzen Familie nichts, was Mauricus nicht gefallen würde. Der Empfohlene war ein Mann von großer Energie und Tätigkeit und dabei nicht minder großer Bescheidenheit. Er hatte ein edles Gesicht, eine gesunde frische Wangenröte, eine Gestalt von edler Schönheit, einen vornehmen (senatorischen) Anstand. »Dergleichen muß man nicht gering achten; denn es gebührt den Mädchen gleichsam als Preis der Keuschheit. Ich weiß nicht, ob ich hinzufügen soll, daß der Vater ein sehr großes Vermögen besitzt. Denn wenn ich an euch denke, für die ich einen Schwiegersohn vorschlage, glaube ich davon schweigen zu müssen; blicke ich dagegen auf unsre Sitten und auch auf die Staatseinrichtungen, die ja ganz vorzugsweise auf das Vermögen Rücksicht nehmen, so meine ich es nicht übergehen zu dürfen. In der Tat, wenn man an die Nachkommenschaft, und zwar eine zahlreiche denkt, so muß man bei der Wahl eines Gatten auch diesen Punkt in Betracht ziehen.« Daß das Vermögen bei der Wahl sehr häufig den Ausschlag gab, bedarf kaum der Bestätigung durch ausdrückliche Zeugnisse. Horaz zählt unter die Güter, die das allmächtige Geld verschafft, auch eine Frau mit reicher Mitgift, und Juvenal fragt, ob schon je ein Schwiegersohn annehmbar gefunden worden sei, der dem Mädchen an Vermögen nachstand. Daß auf beiden Seiten Stand und Herkunft berücksichtigt wurde, ist ebenfalls selbstverständlich. Agricola heiratete die Tochter einer Familie von ritterlichem Adel, und diese Ehe gereichte ihm bei seinem Streben nach höhern Stellungen zur Empfehlung und Unterstützung.

32. DIE PORTLAND-VASE.
Blaues und weißes Glas. Anfang der Kaiserzeit. London, British Museum

In der Regel werden übrigens die Männer in früherm Alter geheiratet haben als der von Plinius Empfohlene. Die von Augustus für Kinderlosigkeit festgesetzten Strafen traten für Männer mit dem Alter von mehr als 25 Jahren in Kraft. Ummidius Quadratus hätte im Alter von weniger als 24 Jahren schon Vater sein können; Agricola war es im Alter von 23; als Tacitus dessen dreizehnjährige Tochter heiratete, war er höchstens 23 Jahre alt; Ovid bei seiner ersten Verheiratung »fast noch ein Knabe«. In dem Roman des Apulejus ist eine Braut nur um drei Jahre jünger als ihr mit ihr seit frühester Jugend Verlobter und zusammen aufgewachsner Bräutigam. Nach den bisher bekannten, allerdings nicht zahlreichen Angaben scheinen selbst in den mittlern und untern Ständen Ehen von Männern unter 18 (vielleicht sogar unter 20) Jahren Ausnahmen gewesen zu sein; womit ja auch die Bestimmung des Augustus über die Strafen der Kinderlosen sich sehr wohl vereinigen läßt. Auf keinen Fall sind wir zu der Annahme berechtigt, daß Ehen »halbwüchsiger Buben« zu irgendeiner Zeit die Regel waren. Im Senatorenstande mag für die jungen Männer die Bekleidung des ersten Amts, der Quästur (die man in der Regel im fünfundzwanzigsten Jahre erhielt), oft eine Vorbedingung der Eheschließung gewesen sein. Helvidius Priscus war von Pätus Thrasea »noch als Quästorier« zum Schwiegersohn gewählt worden. Junius Avitus, der als designierter Ädil starb, hatte ein Jahr vorher geheiratet und war eben Vater geworden.

33. MARMORTISCH.
Neapel, Nationalmuseum

Oft wurden die Töchter schon als Kinder verlobt, und die Verlobungen erfolgten gewöhnlich durch Mittelspersonen; für freien und werben hat die lateinische Sprache kein Wort. In Rom scheint es auch Makler gegeben zu haben, die in eignen Bureaus die Vermittlung von Heiraten als Geschäft betrieben. Die Fürsprecher oder die jungen Männer selbst wandten sich natürlich an die Eltern oder Vormünder der Mädchen. Die Verlobung wurde festlich, im Beisein einer großen, zur Feier geschmückten Gesellschaft begangen. Der ältere Plinius hatte Lollia Paullina, einst Caligulas Gemahlin, bei einem Verlobungsschmause in einer nicht gerade vornehmen Familie mit einem im Lampenscheine funkelnden Schmuck von Smaragden und Perlen angetan gesehen, der 40 Millionen Sesterzen (8,7 Millionen Mark) gekostet hatte, wie die Trägerin aus den Rechnungen zu beweisen sofort bereit war. Daß bei der Verlobung die Frage der Mitgift eine sehr wichtige, wenn nicht die wichtigste war, versteht sich von selbst. Nach dem Traumbuche des Artemidor bedeuten Träume von Kindern zwar immer Kummer und Sorgen, denn ohne diese kann man sie nicht aufziehen; doch ist es schlimmer, von einer Tochter als von einem Sohn zu träumen, es bedeutet einen Verlust, weil eine Tochter der Mitgift bedarf, es ist dasselbe, wie wenn man von einem Gläubiger träumt. »Denn auch die Forderung der Tochter ist eine unabweisbare, und wenn sie mit vielen Sorgen erzogen ist, geht sie mit der Mitgift davon, wie ein Gläubiger mit der geliehenen Summe.

Übrigens scheint die Verlobung, auch wenn sie Jahre dauerte, in dem Verhältnis der zukünftigen Gatten nichts geändert zu haben. Ein bräutliches Verhältnis gab es nicht; die Römer so wenig wie die Griechen haben einen Ausdruck wie das deutsche Wort Braut, der die aus dem Mädchenstand in die Ehe tretende Jungfrau in einer Art von Weihe und Verklärung erscheinen läßt. Der Verlobte schenkte seiner zukünftigen Gattin außer andern Brautgaben einen eisernen Ring ohne Stein (weil eiserne Ringe in älterer Zeit von Männern als Siegelringe allgemein getragen wurden), später einen goldnen als Pfand der Treue, erhielt aber keinen von ihr zurück; dieser Ring hat also mit dem bei uns üblichen Verlobungsringe nur eine entfernte Ähnlichkeit. Nahte dann die Hochzeit, so gab die Anschaffung des hochzeitlichen Schmucks, die Ausstattung, die Auswahl, Vervollständigung und Ausrüstung der Dienerschaft, welche der jungen Frau in das neue Haus folgen sollte, allen Hausgenossen zu schaffen und zu sorgen. Der jüngere Plinius sendet einem (unbekannten) Quintilian, der nur ein mäßiges Vermögen hatte, seine Tochter aber an einen Mann verheiratete, dessen amtliche Stellung einen gewissen Glanz erforderte, zur Ausstattung derselben mit Kleidern und Dienerschaft ein Geschenk von 50 000 Sesterzen (10 875 Mark), da er sich wie ein zweiter Vater der Braut betrachte, mit der Bemerkung, daß seine Beisteuer nur deshalb so klein sei, weil er glaube, daß Quintilian sich durch seine Bescheidenheit von der Annahme einer größern abhalten lassen würde. Daß ein reicher Schmuck, namentlich Perlen und Edelsteine, bei der Ausstattung einer Braut aus vornehmem Hause nicht fehlen durfte, ist selbstverständlich. Zum Teil werden kostbare Schmuckgegenstände zu den regelmäßigen Gaben des Bräutigams gehört haben. Die Jungfrau nahm von ihrer Kindheit Abschied, indem sie ihre Puppen und andres Spielzeug den Gottheiten weihte, die ihre Kindheit beschützt hatten, und endlich kam der Tag, an dem die Mutter die Tochter zu dem bedeutungsvollen Gange schmückte. Der Hauptteil des Brautschmucks war ein viereckiges, feuerfarbnes Kopftuch, das auf den Seiten und hinten herabfallend das Gesicht freiließ.

Schon in der ersten Frühe füllten sich die Wohnungen beider Verlobten mit Freunden, Verwandten und Klienten, die zugleich bei der Unterzeichnung des Ehekontrakts als Zeugen dienten. Beide Häuser prangten in festlicher Erleuchtung, besonders die Atrien, in denen die Schränke der Ahnenbilder geöffnet waren, mit ausgehängten Teppichen, Kränzen und grünen Zweigen. Die Brautführerin gab das Paar zusammen, das nunmehr an den Altar trat, um ein Opfer zu bringen. Auch in den Tempeln wurde den Göttern geopfert; auf den Straßen, durch welche der Hochzeitszug gehen sollte, drängte sich die Menge, um das Schauspiel zu sehen. Zuweilen scheinen dazu selbst Gerüste aufgeschlagen worden zu sein. In alter Zeit war die Verlobte erst beim Aufgang des Abendsterns in das Haus ihres Gatten geleitet worden; dies war zwar längst außer Gebrauch gekommen, aber noch immer leuchteten Fackeln bei der Heimführung der Braut und bestrahlten die Häuser der Straßen. Der Klang der Flöten mischte sich mit dem Jubel ausgelassner Gesänge. Die Braut ward über die Schwelle ihres neuen Hauses gehoben, und falls nicht schon das Hochzeitsmahl in ihrem elterlichen Hause stattgefunden hatte, beschloß ein Schmaus im Hause des jungen Ehemanns, an dessen Seite die Neuvermählte lag, das Fest. Den Luxus dieser Mahlzeiten hatte Augustus durch ein Gesetz einzuschränken gesucht; für Hochzeit und Nachfeier sollten nicht mehr als 1000 Sesterzen (217 Mark) ausgegeben werden; die Geringfügigkeit dieser Summe läßt kaum glauben, daß die Bestimmung je beobachtet worden ist. Die Kosten dieses Schmauses wurden (abgesehen von den Massenbewirtungen und Geldverteilungen an Klienten) noch durch die Sitte erhöht, den Gästen als Anerkennung der dem Hause erwiesnen Ehre ein Geldgeschenk zu überreichen. Paare, welche diese rauschenden Festlichkeiten und großen Ausgaben zu vermeiden wünschten, begingen ihre Vermählung in der Stille eines ländlichen Aufenthalts; sie hatten dadurch zugleich den Vorteil, den »vielen und lästigen« Einladungen zu Festmahlzeiten zu entgehen, mit denen Neuvermählte überhäuft zu werden pflegten. So verfuhren wenigstens Apulejus und Pudentilla in Oea (Afrika); daß die Sitte aber in den übrigen Provinzen und in Rom dieselbe war, darf man wohl unbedenklich annehmen.

Der Eintritt in die Ehe mußte bei der großen Jugend der Frauen in der Regel ein jäher Übergang aus unbedingter Abhängigkeit in unbeschränkte Freiheit sein, eine plötzliche unermeßliche Erweiterung des Lebenshorizonts: denn daß die Mädchen überall, wo man auf gute Sitte hielt, in ziemlich strenger Abgeschlossenheit gehalten wurden, darf man schon nach der Analogie der gegenwärtigen Mädchenerziehung in den südlichen Ländern voraussetzen. Wenn Ovid zur Entschuldigung der Frivolität seiner Gedichte sagt, daß sie noch lange nicht so unzüchtig seien wie die Mimen, deren Aufführungen doch Frauen und erwachsne Mädchen beiwohnten, so ist es schwer zu glauben, daß die letztern aus guten Familien waren. In diesen dürfte man die Töchter vielmehr wie in alter Zeit auch von Gastmählern ferngehalten haben, bei denen sie in Gefahr waren, Reden zu hören, die sich für ein jungfräuliches Ohr nicht eigneten. In der Tat traten wohl die Töchter edler Häuser aus der Kinderstube unmittelbar in die Ehe, was auch die oben angeführten Äußerungen des jüngern Plinius über die Tochter des Minicius Fundanus bestätigen. Beinahe eben noch in den engsten Raum gebannt, sahen sie sich nun mit einem Schlage in eine weite, glanzerfüllte, farbenprangende Welt versetzt. Von den Genüssen und Zerstreuungen, die diese neue Welt in Überfülle und unaufhörlichem Wechsel bot, waren sie durch Sitte und Herkommen ebensowenig ausgeschlossen, wie vor ihren unzähligen Versuchungen und Gefahren geschützt.

Im eignen Hause nahmen sie eine höchst selbständige Stellung ein. Das alte römische Familienrecht, das dem Hausherrn die unumschränkte Gewalt über alle Angehörigen verliehen hatte, hatte sich im Lauf der Jahrhunderte allmählich gelockert und endlich völlig gelöst, und die Emanzipation der Frauen war dadurch vollendet worden, daß das Gesetz ihnen das Eigentumsrecht an ihrem eingebrachten Vermögen gab. In der sogenannten freien Ehe, die in der Kaiserzeit durchaus die gewöhnliche war, ging nur die Mitgift in das Vermögen des Manns über – nicht einmal an diese war sein Anrecht: unbeschränkt; ihr übriges Hab und Gut behielt die Frau als Eigentum, und rechtlich stand dem Manne nicht einmal dessen Nießbrauch zu. Die Gültigkeit der Schenkungen zwischen Mann und Frau war auf bestimmte Fälle beschränkt. Vermutlich kam es häufig vor, daß Frauen von dem Rechte Gebrauch machten, ihren Männern durch eine Schenkung den Ritter- oder Senatorenrang zu verschaffen. Martial preist eine Nigrina, welche mit ihrem Gemahl Antistius Rusticus (der später in Cappadocien starb) ihr väterliches Vermögen geteilt hatte; sie habe ihre Liebe besser bewiesen als Euadne und Alcestis. Die Unantastbarkeit des Vermögens der Frauen wurde denn auch bei betrügerischen Bankerotten mißbraucht. Hatte der Mann, der seine Zahlungen einstellte, sein Hab und Gut noch vor Erklärung seiner Insolvenz seiner Frau verschrieben, so hatten die Gläubiger keinen Anspruch darauf. Apulejus behauptet, daß der Vater seines Anklägers Herennius Rufinus bei seinem Bankerott diesen Betrug verübt und so, dürftig und entblößt, doch von seiner Schande bedeckt geblieben sei, seinem Sohne aber nichtsdestoweniger 3 Millionen hinterlassen habe.

Die Hausverwalter reicher Frauen, denen sie ihre »Edelsteine, Goldgeschirre, Weine, Lieblingssklaven« anvertrauten, werden in der Regel erprobte Freigelassene gewesen sein. Doch häufig hatten sie außerdem ihre eignen, womöglich rechtskundigen Geschäftsführer (Prokuratoren), die natürlich bis zu einem gewissen Grade zugleich Freunde, Ratgeber und Vertraute waren. Das Grabmal einer Paulina zu Sestinum in Umbrien ist von ihrem Freunde und Prokurator Petronius Justus errichtet. Ein gelehrter Freigelassener des M. Lepidus (Konsul 6 n. Chr.), namens Pudens, war Prokurator von dessen mit dem Adoptivenkel des Tiberius, Drusus († 33 n. Chr.), vermählter Tochter Ämilia Lepida, welche im Jahre 36 sich den Tod gab, um der Verurteilung wegen Ehebruchs mit einem Sklaven zu entgehen. Pudens rühmt sich in einer Inschrift, über ihre Sittlichkeit gewacht zu haben: solange er gelebt, sei sie Gemahlin des kaiserlichen Prinzen geblieben. Cicero spottet in der Rede für Cäcina über Äbutius, der die Geschäfte und Prozesse der Witwe Cäsennia führte und ihr eine solche Meinung von sich beigebracht hatte, daß sie glaubte, ohne ihn könne nichts auf kluge Weise betrieben werden. Die Rolle, die er spiele, sei aus dem täglichen Leben bekannt: ein ergebner Diener der Frauen, Vertreter der Witwen, ein streitsüchtiger Verteidiger, albern und töricht unter Männern, unter Frauen rechtsgelehrt und verschmitzt. Solche Verhältnisse erschienen um so bedenklicher, wenn die Erwählten schöne, stutzerhafte, junge Männer waren, die zugleich die Rolle von Cicisbeen spielten. »Wer ist das krausgelockte Männchen«, fragt Martial einen nachsichtigen Ehemann, »der deiner Frau nicht von der Seite geht, der unaufhörlich in ihr Ohr zu zischeln hat und ihren Sessel mit dem rechten Arm umfaßt hält? Er besorgt die Angelegenheiten deiner Frau? Das ist denn freilich ein zuverlässiger und strenger Mann, dem man den Prokurator schon am Gesicht ansieht. An Schärfe wird ihn selbst Aufidius Chius (ein als Ehebrecher bekannter Jurist) nicht übertreffen. Er besorgt die Angelegenheiten deiner Frau? O Tor, deine eignen Angelegenheiten besorgt er.« Auch in den erdichteten Kriminalfällen, die den Rhetorenschülern zur Übung in Anklage und Verteidigung vorgelegt wurden, kam »der schöne Prokurator« vor und war vielleicht eine in Ehebruchthemen öfters verwendete Figur. Folgendes Thema wurde in Augustus' Zeit zum Sprechen für und wider aufgegeben: »Ein Mann nahm nach dem Tode seiner Frau, von der er einen Sohn hatte, eine zweite, die ebenfalls einen Sohn gebar. Er hatte einen schönen Prokurator im Hause. Da zwischen Stiefmutter und Stiefsohn häufig Streit war, befahl er dem letztern, auszuziehen. Derselbe mietete eine Wohnung im Nebenhause. Man redete von einem ehebrecherischen Verhältnis des Prokurators und der Frau. Eines Tages wird der Mann in seinem Schlafzimmer ermordet gefunden, die Frau verwundet, die Zwischenmauer der beiden Häuser durchbrochen. Die Verwandten beschließen, den fünfjährigen Sohn, der bei den Eltern geschlafen hatte, zu fragen, ob er den Mörder kenne. Das Kind zeigt mit dem Finger auf den Prokurator. Der Sohn klagt den Prokurator des Mords, dieser den Sohn des Vatermords an.« Unter dem Gefolge, das die junge Frau in ihr neues Heim mitbringt, wird u. a. genannt der Prokurator »mit gekräuselten Locken, unter welchem Namen sich ein Liebhaber verbirgt«. Der Astrolog Firmicus Maternus erwähnt wiederholt die Prokuratoren reicher und edler Frauen, und Hieronymus ermahnt seine christlichen Freundinnen, sich nicht in Begleitung eines »Prokurators mit gekräuselten Locken« zu zeigen.

Daß Frauen in so unabhängiger Stellung – zumal wenn sie überdies auf eine lange Ahnenreihe stolz sein konnten – häufig die Zügel des Hauswesens ergriffen und die Gebieterinnen ihrer Männer im eigentlichsten Sinne des Worts wurden, liegt in der Natur der Sache. Horaz hat in seine Schilderung der Urzustände der Scythen als charakteristisch aufgenommen, daß dort nicht die »begüterte Gattin den Mann beherrscht«. »Warum ich keine reiche Frau heiraten will?« fragt Martial: »weil ich nicht Lust habe, die Frau meiner Frau zu werden«; er fand, daß die Ziererei und der Übermut verwöhnter schöner Knaben leichter zu ertragen war als eine Mitgift von einer Million. Auch nach Juvenal gab es »nichts Unerträglicheres als eine reiche Frau«. Beiläufig war schon den Römern wie den Griechen der Pantoffel das Symbol der Herrschaft der Frau über den Mann.

Auch Scheinehen, zu denen sich arme Männer für Bezahlung hingaben, wurden vermutlich nicht selten geschlossen, um die Gesetze gegen Ehelosigkeit zu umgehen und eine schrankenlose Freiheit zu genießen. Seneca hatte dies in seinem Buch über die Ehe erwähnt, und Martial spottet: »Deine Lälia, die dich des Gesetzes halber geheiratet hat, Quintus, kannst du in der Tat eine gesetzmäßige Gattin nennen.« Tertullian spricht von der Geduld erkaufter Ehemänner gegen ihre Rivalen, desgleichen Hieronymus von armen Männern, die sich dazu hergeben, nur den Namen der Gatten zu führen, und wenn sie sich den leisesten Widerspruch erlauben, fortgewiesen werden. Dagegen lebten Frauen von senatorischem Stande zuweilen im Konkubinat mit Männern, die sie nach den Ehegesetzen nicht heiraten konnten, ohne ihren Stand zu verlieren, namentlich mit Freigelassenen (sowie aus demselben Grunde Senatoren mit freigelassenen Frauen); der römische Bischof Callistus (218-223) gestattete solche Verhältnisse vornehmen Frauen, die seiner Gemeinde angehörten, ausdrücklich. Daß Frauen der übrigen Stände ihre Freigelassenen heirateten, war seltner, als daß ehemalige Sklavinnen von ihren Herren zu rechtmäßigen Gattinnen erhoben wurden, und wenigstens seit dem Anfang des 3. Jahrhunderts gesetzlich nur bei Frauen der untersten Stände zulässig. Ein Freigelassener Ti. Claudius Hermes, der seine fünfundzwanzigjährige Herrin geheiratet und zweiundzwanzig Jahre »durch ihre Güte ohne Mißgunst« mit ihr gelebt hatte, sagt in der »seiner trefflichen Patronin und zugleich treusten Gattin« gesetzten Grabschrift, daß er dank ihrer Wohltat sich für sein ganzes Leben Vertrauen und Ansehen erworben habe. Dagegen lautet die Grabschrift einer von ihrem Herrn zur rechtmäßigen Gattin erhobnen Sklavin (in Aquileja): »Ich war Anicia Glycera, Freigelassene des P. Anicius. Von meinem Leben habe ich genug gesagt: ich habe mich wohl bewährt, da ich die Zufriedenheit eines guten Manns erworben; er hat mich aus niedrem Range zu hoher Ehre emporgehoben.« Das Verbot in einem von Augustus erlassnen Gesetze, daß die mit ihrem Patron vermählte Freigelassene sich gegen seinen Willen nicht von ihm scheiden dürfe, galt noch im Justinianischen Recht.

Nicht minder selbständig als innerhalb des Hauses war die Stellung der Römerinnen in der Gesellschaft. Auch in der frühern Zeit der Republik waren sie nie einer Einschränkung unterworfen gewesen wie die Griechinnen, deren höchster Ruhm es war, »wenn ihrer unter Männern so wenig wie möglich, weder im Lobe noch im Tadel, gedacht wurde«, und als deren Grenze die Schwelle des Hauses galt, die sie ohne Gefahr ihres Rufs nur ausnahmsweise überschreiten konnten. Wenngleich auch im alten Rom die häuslichen Tugenden an der Matrone allein oder vorzugsweise geschätzt wurden, so hatte die Sitte sie doch niemals von der Geselligkeit und Öffentlichkeit ausgeschlossen. Cornelius Nepos stellt in der Vorrede zu seinen Biographien die Hauptunterschiede zwischen griechischer und römischer Sitte zusammen. Welcher Römer, fragt er, schämt sich, seine Gattin zu einem Gastmahl zu führen, oder wessen Hausfrau bewohnt nicht den Hauptraum des Hauses und hält sich vom Verkehr fern? Auch der Besuch der Schauspiele sowie öffentlicher Orte war den römischen Frauen stets gestattet. Mit der fortschreitenden Auflösung des Familienrechts, mit dem Aufhören der alten Sittenstrenge machte sich mehr und mehr die Tendenz geltend, auch jeden äußern Zwang abzustreifen, und schon zu Anfang der Kaiserzeit war die gesellschaftliche Stellung der Römerinnen kaum noch durch irgendwelche Schranken eingeengt.

Die Ranges- und Standesverhältnisse der Frauen und die ihnen gebührenden Titel, Vorrechte und Auszeichnungen waren nicht minder genau geregelt als die der Männer. Wenn, wie sich von selbst versteht, in der Regel Rang und Stand der Frau sich nach dem des Manns bestimmte, so erteilten doch die Kaiser zuweilen auch Frauen, namentlich verwandten, die nicht mit Konsularen verheiratet waren, den (wie es scheint, auch für sie mit Insignien verbundnen) konsularischen Rang, oder ließen ihnen (obwohl sehr selten) diesen, wenn sie in zweiter Ehe einen Mann von geringerm Rang heirateten, wie dies Elagabal seiner Tante Julia Mamäa bei der Eingehung ihrer Ehe (aus der der spätre Kaiser Alexander entsproß) mit Gessius Marcianus, einem Manne von Ritterrang, bewilligte. Derselbe Kaiser erhob die Mutter seines Günstlings Hierocles, eine karische Sklavin, zu konsularischem Range. Die Auszeichnungen der Konsularinnen (zu denen nach Ulpian nur die Frauen, nicht auch die Mütter der Konsulare gehörten) müssen sehr groß gewesen sein; ob ein Mann selbst vom Range der Präfekten vor ihnen den Vortritt hatte, war eine bestrittne Frage, die von Ulpian nicht mit voller Sicherheit bejaht wird.

Eine »Korporation der Frauen« ( conventus matronarum), welche, ursprünglich ohne Zweifel zu religiösen Zwecken organisiert, vielleicht schon in alter Zeit bestand, wird einmal im 1. Jahrhundert n. Chr. erwähnt. Agrippina, die Mutter Neros, hatte nach dem Tode ihres Gemahls Domitius dem mit einer Lepida vermählten spätem Kaiser Galba so offenbar auf alle Weise nachgestellt, daß sie in dem Frauenkonvent von der Mutter der Lepida heftig zur Rede gestellt und sogar geschlagen worden war. Doch über Zusammensetzung, Verfassung und Kompetenz dieser Korporation wissen wir aus keiner Zeit etwas Näheres. Sie hatte jedenfalls, wie ähnliche Vereine in andern Städten, z. B. die bei einer öffentlichen Festlichkeit mit einer doppelten Mahlzeit bedachte Frauenkurie in Lanuvium und die Frauenkorporation in Neapel, deren »heiligem Hause« eine Priesterin vorstand, ein eigenes Versammlungslokal, vielleicht auf dem Forum Trajans, wo sich Inschriften: »Die Kaiserin Sabina den Frauen«, »Julia, die Mutter der Kaiser (Caracalla und Geta) und der Truppen, hat es für die Frauen wiederhergestellt«, gefunden haben. Den Müttern dreier Kinder war (wie es scheint, bereits unter Augustus) ein besondres Ehrenkleid bewilligt worden, eine durch irgendwelchen Schmuck ausgezeichnete Form der allen unbescholtenen Frauen zustehenden Stola; auch als diese (unter den ersten Kaisern) aus der Mode kam, erhielt sich das Ehrenkleid und der Titel der Stolaträgerin ( stolata femina), und zwar ohne Zweifel nicht bloß für die Mütter, sondern auch für die Frauen, denen die Kaiser das Kinderrecht verliehen hatten.

Die Mädchen der höhern Stände wurden, wie gesagt, durch die Heirat aus der Stille und Abhängigkeit im elterlichen Hause in eine fast unbegrenzte Freiheit versetzt. Zahllose Eindrücke, verwirrend und berauschend, stürmten von allen Seiten auf sie ein. Die junge Frau hörte sich nun, selbst von ihrem Manne, mit der ehrerbietigen Anrede domina begrüßen, die dem französischen madame entspricht (das neuere donna). Hunderte von Händen waren ihrer Winke gewärtig. In der kleinen Welt, die ein großes Haus mit seinen ausgedehnten Besitzungen, seinen Legionen von Sklaven, seinem Anhange von Klienten und Untergebnen bildete, entschied ihr Wille über Glück und Unglück, ja über Leben und Tod. Jünglinge und Männer in grauen Haaren, Gelehrte und Tapfre, Verdiente und Hochgeborne sah sie wetteifernd sich um ihre Huld bemühen. Welche Ansprüche auf Bewunderung sie auch besaß, mochte es Schönheit, Geist, Talent oder Bildung sein, sie war eines glänzenden Erfolgs gewiß. In den Kreisen, in die sie nun eintrat, wurde der Eitelkeit und Gefallsucht die vollste Befriedigung, fand die Intrigue den günstigsten Boden, die Leidenschaft die stärksten Aufregungen, die Koketterie den unerschöpflichsten Wechsel, und wie hätten schwächre Naturen so vielen Versuchungen nicht erliegen sollen! Auch dem weiblichen Ehrgeiz öffnete sich die weiteste Aussicht. Wie manche Frau aus edlem Geschlecht hat in einer späteren Ehe auf dem kaiserlichen Thron gesessen!

Zur Beurteilung der sittlichen Zustände der Frauen fehlt es weder an bezeichnenden Tatsachen noch an allgemeinen Äußerungen der Zeitgenossen aus den verschiednen Perioden dieses Zeitraums. Die letztern lauten fast ohne Ausnahme ungünstig, aber freilich erwecken sie gerade durch ihre Allgemeinheit Mißtrauen, und ihre Benutzung erfordert Vorsicht. Auch war die Klage über die Sittenlosigkeit der Frauen in Rom sehr alt: schon seit der Zensur des M. Messalla und C. Cassius (154 v. Chr.), so meldete ein gewichtiger Gewährsmann, der Konsul (133) L. Piso Frugi in seinen Annalen, sei die Keuschheit in Rom vernichtet gewesen. Dagegen gerade aus der Zeit der letzten Bürgerkriege, deren unheilvollste Folge gewiß eine tiefgreifende Zerrüttung aller sittlichen Verhältnisse war, haben wir das unverdächtige, für die Frauen Roms höchst ehrenvolle Zeugnis des Vellejus: während die Söhne der von den zweiten Triumvirn Geächteten sich durchweg treulos, ihre Freigelassenen und Sklaven nur teilweise treu erwiesen, sei die Treue ihrer Gattinnen die größte gewesen. Den hierzu sehr schlecht stimmenden Äußerungen aus dem nächsten Menschenalter wird man also kein gar zu großes Gewicht beilegen dürfen. Bei Augustus' Eifern gegen die Ehelosigkeit berief man sich im Jahre 18 v. Chr. im Senat auf die Zuchtlosigkeit der Frauen, und Horaz' pathetische Deklamationen wie Properz' schmerzliche Klagen stimmen mit den frechen Scherzen Ovids überein: daß in Rom Frauentugend nicht zu finden sei. »Die an Sünde reiche Zeit«, sagt Horaz in einer seiner feierlichen Staatsoden, »hat zuerst Ehe, Familie und Haus befleckt. Aus dieser Quelle fließend, hat sich das Unheil über Staat und Volk ergossen.« Eher, heißt es bei Properz, vermöchte man die Meeresfluten zu trocknen und mit Menschenhand die Sterne vom Himmel zu reißen, als unsre Frauen am Sündigen zu hindern. Frauentreue gibt es im fernen Osten, wo die Witwen wetteifern, sich auf den Scheiterhaufen des Gemahls zu stürzen. Hier sind die Gattinnen treulos und keine unter ihnen eine Euadne oder Penelope. Keusch, sagt Ovid, seien nur die Frauen, um die niemand geworben habe, und gar zu ländlich und mit den Sitten unbekannt der Mann, der über eine untreue Gattin zürne. Ähnliche Klage wiederholen sich dann in spätem Zeiten immer von neuem, und auch an Maßregeln hat es nicht gefehlt, um der überhand nehmenden Unsittlichkeit der Frauen zu steuern. Im Jahre 19 n. Chr. hatte eine aus prätorischer Familie stammende Frau, Vistilia, sich selbst bei den Ädilen als Prostituierte angemeldet. Sie wurde auf eine Felseninsel im Archipel verbannt, und es erfolgte ein Senatsbeschluß, durch den die Prostitution Frauen, deren Großvater, Vater oder Ehemann Ritter gewesen, ausdrücklich verboten wurde; gegen Frauen, die sich der Verletzung der Keuschheit schuldig machten, sollten, wenn ein öffentlicher Ankläger fehlte, nach alter Sitte die Verwandten einschreiten. Der Sittenverfall in Rom, heißt es bei den altern Seneca, ist schon so weit vorgeschritten daß bei dem Verdacht weiblicher Untreue niemand zu leichtgläubig erscheinen kann. Der jüngere Seneca preist seine Mutter, daß nicht die Unkeuschheit, das größte Übel des Zeitalters, sie der Mehrzahl der Frauen beigesellt habe. Wer nicht, sagt er an einer andern Stelle, sich durch eine Liebschaft bemerklich gemacht hat, wer nicht einer verheirateten Frau ein Jahrgeld zahlt, ist bei den Frauen in Verachtung und wird für einen Mägdeliebhaber gehalten. Es sei so weit gekommen, behauptet er, daß sie Männer nur haben, um Liebhaber anzureizen. Keuschheit ist ein Beweis von Häßlichkeit. Wo findet man eine Frau, die so vernachlässigt ist, daß sie sich mit einem Paar von Männern neben dem eignen begnügen müßte? Sie teilen die Zeit für ihre Liebhaber ein, und der Tag reicht nicht für alle aus. Ein Verhältnis mit nur einem Liebhaber nennen sie Ehe, und eine, die das nicht weiß, ist einfältig und altmodisch. Als Vespasian die Regierung antrat, hatte, wie Sueton sagt, Unzucht und Üppigkeit infolge des Mangels an Strafgesetzen überhand genommen; auf den Antrag des Kaisers beschloß der Senat, daß Frauen, die sich mit fremden Sklaven eingelassen, als Sklavinnen gelten sollten. »Ich frage schon lange in der ganzen Stadt«, sagt Martial, »ob keine Frau nein sagt: keine sagt nein, als ob es erlaubt oder schimpflich wäre, nein zu sagen: keine sagt nein. Also keine ist keusch? Tausend sind es. Was tun denn nun die keuschen? Sie sagen nicht ja, aber sie sagen auch nicht nein.« Tacitus rühmt an Germanien im Gegensatz zu Rom, daß dort niemand des Lasters lache und nicht verführen und sich nicht verführen lassen, Zeitgeist genannt werde. Die Schilderungen der sechsten Satire Juvenals, wie karikiert auch immer, müssen doch in der Wirklichkeit ihre Vorbilder gehabt haben. Marc Aurel war genötigt, der Üppigkeit der Frauen und edeln Jünglinge zu steuern; Cassius Dio fand infolge der von Septimius Severus gegen den Ehebruch erlassnen Gesetze als Konsul dreitausend darauf bezügliche Prozesse auf der Liste vor, und dies können nur solche gewesen sein, die bei dem konsularisch-senatorischen Gericht schwebten: die Angeklagten gehörten also vorzugsweise den höhern Ständen an. Als nach dem Friedensschlusse des Septimius Severus mit den Caledoniern (210) die Kaiserin Julia gegen die Frau eines Häuptlings derselben über die dort herrschende Weibergemeinschaft spottete, erwiderte diese: die Caledonierinnen seien besser als die Römerinnen, die im geheimen mit den Schlechtesten Ehebruch trieben, während jene offen mit den Besten Umgang pflegten. Übrigens war auch im Altertum Hörnerträger die Bezeichnung des betrognen Ehemanns.

Wenn nun freilich Äußerungen, wie die hier angeführten der Zeitgenossen, zum großen Teil auf schiefen und einseitigen Beobachtungen, auf momentanen Stimmungen und Verstimmungen beruhen mögen, zum Teil offenbar ihre Färbung mit Rücksicht auf rhetorischen Effekt erhalten haben: so sind doch die mitgeteilten Tatsachen bedeutsam genug, und auch sonst fehlt es nicht an Symptomen, die auf eine weite Verbreitung der Korruption schließen lassen. Dazu gehört vor allem der durch die Willkür der Ehescheidung erzeugte und genährte frevelhafte Leichtsinn, mit dem die Ehen eingegangen und gelöst wurden. Ein Mann von prätorischem Stande hatte unter Julius Cäsars Diktatur eine vor zwei Tagen geschiedne Frau geheiratet: Cäsar trennte diese Ehe, obwohl der Verdacht eines vorausgegangenen Ehebruchs nicht vorlag. Tiberius setzte einen Quästor ab, weil er sich von einer Frau, die er (um als Verheirateter bevorzugt zu werden) einen Tag vor der Verlosung der quästorischen Stellen geheiratet, am Tage darauf geschieden hatte. Bei Martial verläßt eine Frau ihren Mann im Januar des Jahrs, in dem er die Prätur antritt, weil die Ausgaben dieses Amts ihr zu groß sind: sie hat, sagt der Dichter, keine Scheidung, sondern einen Gewinn gemacht. Wenn Seneca sagt, es gebe Frauen, die ihre Jahre nicht nach Konsuln, sondern nach ihren Männern zählten, und Juvenal, manche Frauen ließen sich schon wieder scheiden, wenn die grünen Zweige noch nicht abgewelkt seien, die beim Einzüge der Neuvermählten die Haustür schmückten, und brächten es so zu acht Männern in fünf Jahren; wenn auch Tertullian versichert, die Frauen heirateten nur, um sich scheiden zu lassen: so sind dies freilich bittre oder scherzhafte Übertreibungen. Aber es mußte doch um die Wirklichkeit schlimm bestellt sein, die zu solchen Übertreibungen Anlaß geben konnte. Sicherlich waren Ehen von sehr langer Dauer seltner, als es bei den frühen Heiraten naturgemäß gewesen wäre. In der Lobschrift auf die zwischen 8 und 2 v. Chr. verstorbne Turia heißt es: »Selten sind so lange Ehen, die durch den Tod gelöst, nicht durch Scheidung zerrissen werden; denn uns war beschieden, daß die unsre ohne Grund zur Klage bis zum einundvierzigsten Jahre fortdauerte.« Aber auch in dieser Ehe hatte nach dem Tode der, wie es scheint, einzigen Tochter die Gattin dem Manne die Scheidung vorgeschlagen, damit er eine andre Ehe eingehen und Kinder erzielen könne (ein schon wegen der Benachteiligung der Kinderlosen bei Erbschaften gewiß häufiger Scheidungsgrund). Sie selbst wollte ihm eine neue Gattin suchen, seinen Kindern eine zweite Mutter, für ihn, eine Schwester oder Schwiegermutter sein, keine Trennung des Vermögens sollte stattfinden. Doch der Mann hatte dies Anerbieten in leidenschaftlichster Erregung von sich gewiesen. Auch der Trimalchio Petrons rühmt sich, die ihm aus demselben Grunde angeratne Scheidung abgelehnt zu haben, weil er gutmütig sei und sich nicht den Vorwurf der Leichtfertigkeit zuziehen wolle. Doch setzte wohl die Mehrzahl der Männer sich über solche Bedenken leichter hinweg, und solche, die (wie Ovid und der jüngere Plinius) drei, oder (wie Cäsar und Antonius) vier, oder selbst (wie Sulla und Pompejus) fünf Frauen hatten, dürften keineswegs selten gewesen sein. Ob bei dem Epigramme Martials, in dem es heißt: »Du begräbst schon die siebente Frau, Phileros, auf deinem Gute. Mehr Ertrag hat noch keinem ein Gut gebracht«, eine Übertreibung angenommen werden muß, mag dahingestellt bleiben. Nicht minder häufig dürften mehrfache Wiederverheiratungen der Frauen gewesen sein. Ciceros Tochter Tullia war z. B. dreimal, Poppäa in dritter, Statilia Messalina in fünfter Ehe mit Nero vermählt. Martial spricht von einer Frau, die sechs bis sieben mißlungne Heiratsversuche gemacht hat; von einer andern, die wieder heiratet, nachdem sie sieben Männer durch den Tod verloren, von einer dritten, die im Verdacht stand, sieben Männer umgebracht zu haben.

Sodann ist nicht zu vergessen, daß die Sklaverei, in Rom wie überall, auch auf die eheliche Sittlichkeit in höchstem Grade verderblich einwirkte. Von jeher war, und zwar hauptsächlich infolge der Sklaverei, die eheliche Untreue des Manns, und nicht bloß in Rom, sehr nachsichtig beurteilt worden. Selbst Plutarch sagt in seinen an ein hochgebildetes, neu vermähltes Paar gerichteten ehelichen Vorschriften: wenn der Mann mit einer Hetäre oder Sklavin einen Fehltritt begehe, müsse die Frau nicht unwillig werden, sondern bedenken, daß er aus Scheu vor ihr eine andre zur Teilnehmerin seiner Zügellosigkeit macht; wie die Könige der Perser ihre Königinnen vom Mahle fortsenden und Kebsweiber und Musikantinnen kommen lassen, wenn sie sich berauschen wollen. Aber auch die Frauen nahmen infolge der fortschreitenden Emanzipation und des zunehmenden Verfalls der Zucht mehr und mehr die den Männern gestattete Freiheit für sich in Anspruch oder benutzten sie wenigstens als Entschuldigung ihrer eignen Treubrüche. Die in den Armen eines Sklaven oder Ritters von ihrem Manne überraschte Frau verliert bei Juvenal keinen Augenblick die Fassung: »Es war ja seit lange ausgemacht, daß du tun solltest, was dir beliebte, und ich ebenfalls nach meinem Gefallen leben könnte.« Auch für die Frauen lag ohne Zweifel in der Gewißheit, unter ihren Sklaven stets unterwürfige und verschwiegne Liebhaber wählen zu können, eine Versuchung, und derartige Verhältnisse waren schwerlich seltne Ausnahmen. »Deine Frau«, so lautet ein Epigramm Martials, »nennt dich einen Mägdeliebhaber und ist selbst ein Sänftenträgerliebchen: ihr habt einander nichts vorzuwerfen.« In einem andern zählt er die sieben Kinder einer Marulla auf, deren Gesichtszüge nur zu deutlich erkennen lassen, welche Sklaven des Hauses ihre Väter sind: der maurische Koch, der plattnasige Athlet, der triefäugige Bäcker, der zarte Liebling des Herrn, der spitzköpfige, langohrige Kretin, der schwarze Flötenbläser und der rothaarige Hofverwalter.

Auch eine andre, noch unheilvollere Wirkung der Sklaverei auf die Frauen muß hier erwähnt werden, die Gefahr der Gewöhnung an Härte und Grausamkeit, die in Rom durch die blutigen Schauspiele des Amphitheaters so furchtbar gesteigert wurde. Juvenal hat in seiner Satire gegen die Frauen nicht unterlassen zu schildern, wie die mißgelaunte Gebieterin ihre Sklavinnen unmenschlich peitschen läßt, ohne sich in ihren Beschäftigungen zu unterbrechen, bis die Prügelknechte ermüden und das gräßliche: Hinaus! ertönt; aber auch Ovid ermahnt die Frauen, den Dienerinnen, die sie schmücken, nicht das Gesicht zu zerkratzen, sie nicht mit Nadeln in die bloßen Arme zu stechen. Hadrian verwies eine Frau, die ihre Sklavinnen mit scheußlicher Grausamkeit behandelte, auf fünf Jahre nach einer Insel; und ehe derselbe Kaiser den Herren das Recht nahm, ihre Sklaven willkürlich zu töten, hatte es entmenschten Weibern freigestanden, Sklaven, »die ja keine Menschen waren«, ohne Angabe eines Grunds zum Kreuzestode zu verdammen.

Aber noch andern korrumpierenden Einflüssen der verderblichsten Art waren die Frauen ausgesetzt. Zwar die entsittlichenden Wirkungen der schönen Literatur wird man kaum sehr hoch anschlagen dürfen: eher ist man berechtigt, Produktionen wie Ovids Elegien und seine »Kunst zu lieben«, die an Unsittlichkeit (im höheren Sinne) kaum je überboten sind, als Symptome einer schreckenerregenden Verderbnis anzusehen, die aber nicht notwendig eine weitverbreitete gewesen sein muß. Auch ist nicht zu vergessen, daß die damaligen, völlig von den unsrigen verschiednen Anstandsbegriffe ehrbare Frauen vieles unbedenklich erscheinen ließen, was heute jedes weibliche Schamgefühl empören würde. Wenn man erwägt, daß Leibniz eines der gewagtesten Gedichte Johann von Bessers der verwitweten Kurfürstin Sophie von Hannover (Mutter der ersten Königin von Preußen) schickte, daß diese es für die verwitwete Herzogin von Orleans (Elisabeth Charlotte) abschreiben ließ, und daß alles »entzückt über die amoureusen Verse« war: so wird man Abstand nehmen, über die Sittlichkeit selbst derjenigen Römerinnen ohne weitres den Stab zu brechen, die Martial und Petron lasen; mit Besser verglichen, dürfen beide keusch genannt werden. In der Tat hat Martial seiner hochverehrten Gönnerin, der etwa im Alter von 40-50 Jahren stehenden Witwe Lucans, Polla Argentaria, sein an groben Obszönitäten nicht eben armes zehntes Buch mit der Bitte überreicht, seine Scherze nicht mit finstrer Stirn aufzunehmen. Ebenso läßt sich schwerlich ermessen, inwiefern lüsterne Darstellungen der bildenden Künste schädlich gewirkt haben. Zwar klagt Properz über die Bilder an den Wänden, welche die unschuldigen Augen der Frauen und Mädchen verdarben, und gelegentlich werden derartige Bilder auch erwähnt. Aber man kann kaum glauben, daß gesittete Frauen in Rom oft solchen Anblicken ausgesetzt waren, da man dort wohl auf keinen Fall eine größre Lizenz voraussetzen darf als in Pompeji, wo unter so vielen Hunderten von Wandgemälden obszöne Bilder schwerlich anderswo als in Bordellen gefunden worden sind. Auch spricht nichts dafür, daß in dem kaiserlichen Rom die Schamlosigkeit jemals so weit ging wie in Paris um die Mitte des 18. Jahrhunderts, wo man auf die Karossen anstatt der Wappen mit großen Kosten anstößige Bilder malen ließ: eine Mode, die nach Rousseau von den Frauen eingeführt war, deren Kutschen sich von denen der Männer nur durch die etwas größre Üppigkeit der Gemälde unterschieden.

Am schlimmsten waren ohne Zweifel im alten Rom »die Verlockungen der Schauspiele, die Aufregungen der Gastmähler«: beide nennt Tacitus als die Hauptaufgaben für Unschuld und Sittenreinheit; daß die Frauen der Germanen beiden entzogen waren, sah er als einen Hauptgrund ihrer Keuschheit an.

Die Leidenschaft für die Schauspiele gehört zu den Schwächen, die den Römerinnen dieser Zeit am meisten vorgeworfen worden sind, und an der die Frauen aller Stände gleich sehr litten. Bei der Entführung der Gemahlin eines Senators durch einen Gladiator fand Juvenal am staunenswertesten, daß sie sich entschlossen habe, von den Schauspielen und dem Pantomimen Paris sich zu trennen. Ebenso konnte sich Statius nicht erklären, warum es seiner Frau schwer falle, Rom zu verlassen, da sie doch nicht am Zirkus und Theater hing. Diese Leidenschaft entsprang nicht bloß aus Schaulust, sondern auch, wie Ovid an einer bekannten Stelle sagt und Spätre wiederholen, aus dem Wunsch, gesehen zu werden. Er vergleicht die im höchsten Schmuck zum Theater strömenden Frauen mit wimmelnden Ameisen oder schwärmenden Bienen. Nie schmückten sie sich reicher und sorgfältiger als für die Schauspiele: hier, wo das kaiserliche Rom seine Pracht am blendendsten entfaltete, waren sie des größten und glänzendsten Kreises von Bewundrern gewiß. Wenn Tacitus und Cassius Dio nicht verschmäht haben, den Mantel von gewebtem Golde zu erwähnen, in dem die Kaiserin Agrippina bei dem Schiffskampf auf dem Fucinersee erschien (ein Prachtstück, das auch Plinius seiner Merkwürdigkeit halber anführt), so mag man sich vorstellen, mit welcher Aufmerksamkeit die Frauen sich gegenseitig musterten, und wie sie alles aufboten, um mit möglichstem Glanze aufzutreten. Zuweilen war dieser Glanz nur erborgt. In Rom, wo die dem italienischen Nationalcharakter tief eingepflanzte Leidenschaft des far figura die reichste Nahrung fand, wo Tausende mehr scheinen wollten, als sie waren, war alles zu mieten, bis auf Fingerringe, die erfahrne Advokaten bei der Verteidigung anlegten, um von ihren Klienten höher bezahlt zu werden. Als Gegenstände, die Frauen bei erschöpfter Kasse für das Erscheinen im Theater mieteten, nennt Juvenal: Kleider, Gefolge, einen Tragsessel (der nach Herausziehung der Tragstangen als Sitz diente), Kopfkissen, eine alte Wärterin und eine blonde Zofe. In dem Märchen des Apulejus läßt sich Venus durch Psyche von Proserpina das Schönheitswasser holen, um sich zum Besuch des Theaters der Götter damit zu besprengen.

Durch die Anwesenheit der Frauen in so großer Zahl erhielten natürlich die Schauspiele auch für die männliche Jugend eine starke Anziehungskraft. Properz freut sich über den Entschluß Cynthias, aufs Land zu gehen, wo keine Schauspiele sie verderben können, und Ovid empfiehlt sie als besonders geeignet zur Anknüpfung von Liebesverhältnissen. Zwar im Theater und Amphitheater mußten seit der Zeit des Augustus die Männer sich damit begnügen, ihre Blicke nach den obern Sitzreihen zu richten, die den Frauen ausschließlich angewiesen waren; im Zirkus aber waren die Plätze beider Geschlechter nicht getrennt. »Mögen junge Männer hingehen«, schreibt Juvenal, »für die es sich schickt, mitzuschreien, hoch zu wetten und neben einer geschmückten Schönen zu sitzen.« Besonders hier knüpfte sich die Bekanntschaft leicht durch das gemeinsame Interesse an dem Schauspiel und die zahlreichen kleinen Dienste, die man seiner Nachbarin erweisen konnte: z. B. ihr ein Kissen zurechtlegen, eine Fußbank herbeischaffen, ihr Luft zufächeln und gegen etwaige Belästigungen andrer Schutz gewähren. Ovid, der über dies alles ausführliche Regeln gibt, hat auch Proben aus den dort angeführten Unterhaltungen mitgeteilt. Der Wagenlenker, an dem die schöne Nachbarin Anteil nahm, ward glücklich gepriesen, man wünschte an seiner Stelle zu sein. Man war zweifelhaft, ob es wirklich so heiß sei, oder ob man es der innern Glut zuzuschreiben habe usw. Für die christlichen Eifrer gegen den Besuch der Schauspiele war das Zusammensein der beiden Geschlechter ein Grund der Verdammung mehr. Im Schauspiel, sagt Tertullian, gibt es keinen größern Anstoß als den Anblick der aufs feinste geputzten Männer und Frauen. Durch die Parteinahme für und wider entstehen Beziehungen, welche die Funken der Begierde anblasen, kurz niemand hat beim Besuch des Schauspiels etwas mehr im Auge, als zu sehen und gesehen zu werden. Auch Clemens von Alexandria fand, daß diese Zusammenkünfte von Männern und Frauen ein Grund zur Zuchtlosigkeit waren.

Doch dieser Gegenstand hat auch seine furchtbar ernste Seite. Die entsittlichenden Wirkungen der Schauspiele kann man sich kaum groß, kaum entsetzlich genug vorstellen. Der Zirkus, wo Pöbelmassen von Parteileidenschaft zur Raserei entflammt gegeneinander tobten, bot noch bei weitem unschuldigere Szenen als das Theater und Amphitheater. Auf der Bühne herrschten die Pulcinellkomödie ( Atellana) und die Posse ( mimus) voll grober, unzweideutiger Unzüchtigkeit, an denen sich die Masse, und der pantomimische Tanz, an dem sich die feine Welt ergötzte, wo in der Darstellung der meist schlüpfrigen Gegenstände das Äußerste für erlaubt galt und der raffinierteste Sinnenkitzel aufgeboten ward, um auch erschlaffte und übersättigte Nerven zu reizen. Die Verdammung des Theaters bei den Christen ist namentlich durch diese Aufführungen nur zu sehr begründet: wohl durften sie sagen, daß eine Frau, die keusch in das Schauspiel gegangen war, unkeusch daraus zurückkehre. Wie vollends die Gewöhnung an die Schlächtereien und Marterszenen der Arena die Seelen verwüsten und die zartere Empfindung abtöten mußte, das ist eine Vorstellung, vor der man zurückschaudert.

Das Interesse der Frauen an den Schauspielen erstreckte sich auch auf die darin auftretenden Künstler. Auch Athleten, Zirkuskutscher und Gladiatoren hatten, die letztern selbst bei Frauen der höchsten Stände, Glück; wenn es galt, sich von einem Gladiator entführen zu lassen, scheuten nach Juvenal vornehme Damen selbst die Seekrankheit nicht, ja sie gaben, was (wie gesagt) das Erstaunlichste war, sogar die Schauspiele auf. Nicht minder waren Bühnenkünstler, Sänger und Musiker bei Frauen beliebt, die sich durch ihre Leidenschaft zuweilen zu den größten Torheiten hinreißen ließen: so wartete z. B. dem Schauspieler Stephanio (in Augustus Zeit) eine verheiratete Frau in Knabentracht mit kurzgeschornem Haar auf. Die Gemahlin des Kaisers Pertinax hatte ein offenkundiges Verhältnis mit einem Kitharöden. Man behauptete sogar, daß jene Virtuosen ihre Gunst teuer verkauften. Die Instrumente berühmter Kitharaspieler wurden von ihren Verehrerinnen hoch bezahlt, als kostbarer Besitz geschätzt und zärtlich geküßt. Eine Frau aus einem der edelsten Häuser suchte nach Juvenal durch ein feierliches Opfer zu erforschen, ob ein damals berühmter Kitharaspieler bei der nächsten Preisbewerbung den Kranz erhalten werde: was hätte sie mehr tun können, fügt der Dichter hinzu, wenn ihr Mann oder Sohn gefährlich erkrankt wäre? Doch der allgemeinsten und höchsten Gunst erfreuten sich die Pantomimentänzer, um die Männer und Frauen sich wetteifernd bemühten. Für die Kunst des Pylades und Bathyllus, schreibt Seneca in der spätern Zeit Neros, gibt es viele Schüler und viele Lehrer. Überall in der Stadt sind Bühnen in den Privathäusern errichtet, auf denen Männer und Frauen tanzen: Gatten und Gattinnen machen einander den Vorzug streitig, am üppigsten zu tanzen. Die Pantomimen waren vorzugsweise schöne, junge Männer, die überdies durch ihre Kunst die höchste, verführerische Anmut und Gewandtheit erwarben. Schon im Jahre 22 oder 23 n. Chr. kam es zu einer Ausweisung der beliebtesten von ihnen aus Italien wegen der Parteispaltungen, die sie im Publikum erregten, und wegen ihrer anstößigen Verhältnisse mit Frauen, ohne Zweifel mit angesehenen, sonst würde dies kein Grund für die Maßregel gewesen sein. Der schöne Mnester, der gefeiertste Pantomime unter Claudius, besaß unter anderm die Gunst der älteren Poppäa, der schönsten Frau jener Zeit; daß er auch, obgleich nur gezwungen, Messalinens Liebhaber war, brachte ihm den Tod. Den Pantomimen Paris ließ Domitian, dessen Eifersucht er erregt hatte, auf offner Straße niederstoßen; auf dem Fleck, wo er gefallen war, streuten viele seiner Verehrer Blumen und gossen Wohlgerüche aus. Das Gerücht brachte sogar die spätre Ermordung Domitians mit der Leidenschaft seiner Gemahlin für diesen oder einen andern Pantomimen in Verbindung. Mit mehr Gelassenheit ertrug Marc Aurel die Liebschaften Faustinas, die nach dem Stadtgespräch ebenfalls diese Künstler begünstigte. Die Leidenschaft der Gemahlin eines Justus für den Pantomimen Pylades erkannte Galen auf ähnliche Weise, wie einst der Arzt Erasistratus die Liebe des Antiochus zu Stratonice. Da er für die Schlaflosigkeit der Kranken in ihrem körperlichen Befinden keinen Grund zu entdecken vermochte, schloß er auf eine tiefe Gemütsbewegung, und die plötzliche Veränderung ihrer Gesichtsfarbe, ihres Blicks und Pulses, als der Name jenes Tänzers genannt wurde, gab ihm über die Natur dieses Übels Gewißheit.

Tacitus hat neben den Verlockungen der Schauspiele die der Gastmähler genannt; doch können selbst in den schlimmsten Zeiten die üppigen Feste, an die er gedacht hat, nie so allgemein gewesen sein, daß sich Frauen ihnen nicht hätten entziehen können, und deshalb ihre Wirkungen auch nicht entfernt so weit- und tiefgreifend wie die der Schauspiele. Bei diesen schwelgerischen Gastmählern war man allerdings ähnlichen Eindrücken ausgesetzt wie im Theater; denn Musik, Tänze und theatralische Szenen waren hier gewöhnliche Unterhaltungen. Hier wurden keusche Ohren durch unzüchtige Gesänge und obszöne Theaterszenen, und keusche Augen durch die berüchtigten Tänze von Syrerinnen oder Andalusierinnen beleidigt, die an wollüstiger Üppigkeit und Zuchtlosigkeit den schlimmsten pantomimischen Darstellungen der ägyptischen Almés nicht nachgestanden zu haben scheinen. Gar viele, sagt Plutarch, lassen (bei ihren Mahlzeiten) Darstellungen von Handlungen und Reden aufführen, welche die Gemüter in weit größre Aufregung bringen als jeder Rausch, und das in Gegenwart von Frauen und unerwachsenen Kindern.

Aber auch abgesehen von diesen Aufregungen konnten die Gastmähler der Tugend der Frauen gefährlich werden, sie boten den Männern eine noch viel günstigere Gelegenheit der Annäherung als die Schauspiele, und diese wurde eifrig gesucht und benutzt. Bei den Gelagen, sagt der ältere Plinius, schätzen gierige Augen den Preis der Frauen ab, während die schlaftrunknen (der Gatten) sie hingeben. In einem der frechsten unter Ovids Namen erhaltnen Gedichte ist die Verführung der schönen Frau eines einfältigen Mannes geschildert; den Namen nach ist es die Geschichte von Paris und Helena; aber dieser Namen bediente man sich allgemein, um eine untreue Gattin und ihren Liebhaber zu bezeichnen; auch ist jeder Zug dem wirklichen Leben jener Zeit entnommen, und dies gibt der Darstellung eine wunderbare Realität. So entspricht auch das Betragen des Liebenden bei der gemeinsamen Mahlzeit den Anweisungen, die Ovid selbst erteilt. Die Schöne fühlt die kühnen, unverwandten Blicke ihres Bewundrers auf sich geheftet; er seufzt, er ergreift ihren Becher und berührt ihn an der Stelle mit den Lippen, wo sie ihn zum Trinken angesetzt hat, er macht ihr Zeichen mit Augen und Fingern, er schreibt mit Wein zärtliche Chiffren auf den Tisch, er erzählt Liebesgeschichten, die in durchsichtiger Verhüllung seine eigne Leidenschaft verraten, ja er stellt sich betrunken, um seine Kühnheit unverfänglich erscheinen zu lassen. Übrigens hatte die frühere Sitte, daß die Frauen bei Tische saßen, schon unter Augustus aufgehört, sie lagen ebenso wie die Männer. In der altern Zeit hatte dies für unanständig gegolten, aber in der Kaiserzeit wurde die alte Strenge nur noch auf dem Kapitol festgehalten, wo man bei dem Mahl der Götter Juppiter in liegender Stellung, Minerva und Juno auf Stühlen sah. Es komme ja wohl, spottete Valerius Maximus, mehr darauf an, daß die gute Sitte bei den Göttern, als daß sie bei den Frauen bewahrt bleibe.

Inwiefern außer den Gastmählern eigentliche gesellige Zusammenkünfte beider Geschlechter stattfanden, wissen wir nicht. Eine andre Gelegenheit, sich den Frauen zu nähern, hatten die Männer an öffentlichen Orten, wo jene sich zum Lustwandeln einfanden, besonders in den zahlreichen Säulenhallen, die sich um freie, garten- und parkartig bepflanzte Plätze zogen. Hier versah dann wohl statt des Pagen oder Eunuchen, der seiner Gebieterin zuweilen als Wächter beigegeben war, ein Verehrer den Dienst, den Sonnenschirm über ihr Haupt zu halten. Übrigens berührten Frauen von Stande, die meist nur mit großem Gefolge in der Öffentlichkeit erschienen, wohl selten das schwarze Basaltpflaster der Straßen mit ihren Füßen. Gewöhnlich zeigten sie sich im Tragsessel oder in der von riesigen ausländischen Sklaven getragnen Sänfte; der Sänfte, und zwar der bedeckten, sich zu bedienen, war, wie es scheint, eine Auszeichnung der Senatorenfrauen, obwohl die Sitte sowie die bezüglichen Bestimmungen gewiß nicht zu allen Zeiten gleich waren, und die letztern auch häufig übertreten wurden. Cäsar hatte das Recht der Sänfte auf Ehefrauen und Mütter im Alter von mehr als 40 Jahren, überdies auf gewisse Tage beschränkt; Domitian entzog es Frauen von schimpflichem Lebenswandel. Die strengere Sitte forderte dicht zugezogne Vorhänge, da diese Sänften, wo sie sich zeigten, von den Blicken der Neugierigen verfolgt wurden; wir sehen sagt Plutarch, nichts Tadelnswertes darin, wenn wir die Augen auf die Sänften der Weiber heften und nicht von deren Fenstern weichen. Aber Ehemänner, die ihren Gattinnen verboten, »sich im Tragsessel auszustellen und sich den von allen Seiten auf sie gerichteten Blicken der ohne Unterschied zugelaßnen Beschauer preiszugeben«, galten, wie Seneca sagt, bei den Frauen als bäurisch, übelgesittet und ihre Gattinnen als beklagenswerte Opfer ehelicher Tyrannei. Denn die Frauen bedienten sich, wie auch Clemens von Alexandria zu bemerken Gelegenheit hatte, der Sänften keineswegs, um sich den Blicken zu entziehen, sondern gerade um kokettierend einherzustolzieren. Bei zurückgeschlagnen Vorhängen scharf nach den sie Anblickenden umschauend, sogar sich häufig hinausbiegend, beschämten sie die angenommne Würde durch diese Ausbrüche ihrer Neugier. Der Wagen bediente man sich in Rom nicht; bei Fahrten über Land aber scheinen Frauen nicht selten selbst die Pferde gelenkt zu haben.

Auch die Schamlosigkeit der Tracht ist den Frauen in jener Zeit vorgeworfen worden; doch ist aus den bezüglichen Äußerungen der zum Übertreiben und Generalisieren geneigten Schriftsteller, namentlich der beiden Seneca und des älteren Plinius, nicht zu entnehmen, welche Ausdehnung das gerügte Übel gewonnen, besonders inwieweit die berüchtigten, nichts verhüllenden koischen Florkleider (eine Tracht der Prostituierten) bei den Frauen überhaupt Eingang gefunden hatten; noch weniger, ob jene Klagen damals mit mehr oder auch nur mit ebensoviel Grund erhoben wurden, als in Deutschland und anderwärts in den verschiedensten Perioden des Mittelalters und der neuern Zeit. Vollends die völlige Durchsichtigkeit der weiblichen Kleidung zur Zeit des Direktoriums in Paris, wo Frau Tallien, und bei den Festen Stanilaw Augusts in Grodno, wo die Marquise von Lulli das Beispiel gaben, kann wohl überhaupt niemals überboten worden sein. In Paris ergab in jener Zeit die Wägung einer bewunderten Damentoilette mit Einschluß des Kameen- und Goldschmucks ein Gewicht von nur ein Pfund. Seitdem strebten die Frauen, ihre Anzüge so leicht wie möglich zu machen, und man wurde nicht müde, sie zu wägen. Die ebenfalls von den Schriftstellern der ersten Jahrhunderte öfters (namentlich als Ursache der Käuflichkeit) beklagte Putzsucht der Frauen und ihre Verschwendung, hauptsächlich mit orientalischen Stoffen und Fabrikaten (namentlich Seide, Byssus, Edelsteinen, Perlen und Wohlgerüchen), ist, wenn auch unzweifelhaft in einzelnen Fällen kolossal, doch einerseits bloß auf kleine Kreise beschränkt gewesen, und hat auch andrerseits allem Anschein nach den Luxus der Tracht in neuern Zeiten kaum erreicht.

In der selbständigen und unabhängigen Stellung der Frauen lag eine starke Versuchung, die Fesseln, die Natur und Sitte ihnen auferlegt hatten, abzustreifen, nach Vorzügen zu streben, die ihrem Geschlecht versagt, Beschäftigungen zu wählen; die mit echter Weiblichkeit unvereinbar waren. Zwar jene widerwärtigen Abnormitäten, die besonders Juvenal mit soviel Vorliebe schildert, werden zu allen Zeiten nicht häufig gewesen sein: die turnenden, in Gladiatorenrüstung fechtenden, die mit den Männern um die Wette die Nächte durch zechenden und den zu reichlich genoßnen Wein wieder von sich speienden, oder die prozeßsüchtigen Frauen, welche die Klageschrift selbst ausarbeiteten. Daß solche Emanzipationsversuche Ausnahmen waren, sagt Juvenal selbst ausdrücklich. Häufiger dürften die gewesen sein, die an den Weltangelegenheiten eifrigen Anteil nahmen. Sie wußten über die entlegensten Länder aufs genaueste Bescheid, sie fingen die Gerüchte an den Toren auf oder veranlaßten sie, führten hohen Militärpersonen gegenüber dreist das Wort und erzählten jedem, der ihnen auf der Straße begegnete, von den neuesten Erdbeben, Überschwemmungen und was sich in der ganzen Welt zugetragen hatte.

Der Ehrgeiz feiner organisierter Naturen nahm einen höhern Flug an; es war in der Natur der Verhältnisse begründet, daß Frauen in hoher Stellung mittelbar oder unmittelbar in den Gang der Dinge bestimmend eingriffen, und das Trachten nach Macht und Einfluß kann unter ihnen nicht anders als sehr verbreitet gewesen sein. Es ist bekannt, daß das Schicksal der römischen Welt nicht selten von Frauen bestimmt worden ist, daß mehr als eine Kaiserin im Namen ihres Gemahls regiert hat, daß nicht wenige an der Regierung bedeutenden Anteil hatten. Selbst Augustus, einer der größten Staatsmänner aller Zeiten, ließ sich häufig von seiner klugen Gemahlin – diesem »Ulyß im Weiberkleide«, wie sie Caligula nannte – beraten, und man erzählte sich in Rom, daß er nie mit Livia ein wichtiges Gespräch führe, ohne (wie er übrigens auch sonst tat) sich schriftlich darauf vorzubereiten. Zu dem vielen Guten, das die Kaiserin Eusebia, Gemahlin des Kaisers Constantius, getan habe, rechnet der Kaiser Julian in einer Lobrede auf sie, »daß der eine durch sie im Besitz seines väterlichen Erbes ist, ein andrer von der ihm durch das Gesetz auferlegten Strafe befreit wurde, ein dritter der dringenden Gefahr entging, die ihm eine Denunziation bereitete, Unzählige Ehre und Amt erlangten«. Die Witwe Trajans, Plotina, erwirkte von Hadrian, daß der Vorsteher der epikureischen Schule in Athen seinen Nachfolger selbst ernennen durfte, und zwar auch aus Nichtbürgern, was bis dahin nicht zulässig gewesen war. Der Sophist Philiscus erhielt den Lehrstuhl der Beredsamkeit zu Athen durch die Kaiserin Julia Domna. Aber auch den Einfluß der vornehmen, besonders der den Kaiserinnen befreundeten, dem Hofe nahestehenden Frauen wird man sich als einen sehr großen und weitverzweigten vorzustellen haben. Wie sehr man sich bemühte, ihre Gunst zu gewinnen, zeigt eine gelegentliche Äußerung Juvenals. Er rügt die Schwelgerei des Günstlings Domitians Crispinus, der eine sechs Pfund schwere Seebarbe mit 6000 Sesterzen (1305 Mark) bezahlte; hätte er sie zum Geschenk für eine vornehme Freundin gekauft, die in einer riesigen, von großen Scheiben geschloßnen Sänfte dahergetragen wird, so wäre die Ausgabe gerechtfertigt gewesen. Besonders wirksam zeigte sich der weibliche Einfluß natürlich bei der Besetzung von großen wie kleinen Stellen und Ämtern, in Rom wie in den Provinzen. Seneca rühmt von seiner mütterlichen Tante, daß sie ihre Zurückhaltung so weit überwunden habe, um den ihrigen zugunsten seiner Ernennung zum Quästor geltend zu machen. Gessius Florus wurde Prokurator von Judäa durch seine Gemahlin Cleopatra, die mit der Kaiserin Poppäa befreundet war. Der Obervestalin Campia Severina wurde im Jahre 240 von jemandem eine Statue errichtet, weil er auf ihre Verwendung die Erhebung in den Ritterstand, ein Kohortentribunat und die Überspringung eines Grads bei der militärischen Beförderung, von einem andern, weil er ebenfalls durch ihre Empfehlung ( suffragium) die oberste Direktion der kaiserlichen Bibliotheken erlangt hatte. Epictet läßt einen unredlichen Beamten sich mit der Hoffnung trösten, er werde nicht zur Strafe kommen: »Wir haben einflußreiche Freunde und Freundinnen in Rom.« Wo die eignen Verbindungen ehrgeiziger Frauen nicht ausreichten, nahmen sie ihre Söhne in Anspruch, deren Beredsamkeit und Vermögen sie rücksichtslos zu ihren Zwecken oder den Zwecken andrer ausbeuteten. Unter den Wahlempfehlungen zu städtischen Ämtern, die an die Mauern der Pompejanischen Häuser angeschrieben sind, sind einige auch von Frauen unterzeichnet.

In den Provinzen sah man die Gemahlinnen der Statthalter den Übungen und Paraden der Truppen beiwohnen, sich unter die Soldaten mischen, von Centurionen umgeben: so die stolze Plancina, Tochter des Gründers von Lyon, Munatius Plancus, Gemahlin des im Jahre 17 zum Statthalter von Syrien ernannten Cn. Piso, und Cornelia, Gemahlin des Statthalters von Pannonien, Calvisius Sabinus († im Jahre 39). Cäcina Severus unterstützte seinen im Senat im Jahre 21 eingebrachten Antrag, kein Statthalter solle seine Frau mit in die Provinz nehmen dürfen, durch Hinweisungen auf das Auftreten der Plancina in Syrien. Der Senat möge bedenken, wie oft bei Anklagen wegen Erpressungen das meiste den Frauen zur Last falle. An sie hänge sich sogleich der ganze Auswurf der Provinz. Von ihnen würden Geschäfte übernommen und durchgeführt. Die Provinzialen hätten zwei Hofhaltungen ihre Aufwartungen zu machen. Die Weiber seien herrischer und maßloser im Befehlen; von allen Fesseln gelöst seien sie zu Gebieterinnen nicht bloß über die Häuser und Gerichte, sondern auch über die Heere geworden. Doch wurde diesem Antrag nicht stattgegeben, und auch in spätern Zeiten wiederholen sich die Klagen über Erpressungen der Gemahlinnen von Statthaltern, die »wie Harpyien mit scharfen Klauen, um Geld zusammenzuraffen, durch die Städte und Kreistage stürmten«.

Auch dem literarischen Treiben konnten die Frauen unmöglich fremd bleiben, um so weniger, als sie (wenigstens in den höhern Ständen) in der Regel eine gewisse literarische Bildung durch den Jugendunterricht erhalten hatten. Quintilian bezeichnet in seiner »Erziehung zum Redner« eine möglichst große Bildung der Eltern des auszubildenden Knaben als wünschenswert, und er spreche nicht von den Vätern allein. Eine mit allen Vorzügen ausgestattete Frau bei Martial ist reich, von edler Abkunft, gebildet ( erudita), keusch. Ovid freilich (der in seiner »Kunst zu lieben« trotz aller Versicherungen, daß er nur von Libertinen und ihresgleichen rede, die Frauen überhaupt schildert, wie er sie kannte und wie sie ihm erschienen) sagt: »Es gibt auch gelehrte (d. h. literarisch gebildete) Weiber, ein sehr dünnes Häuflein, und andre, die es zwar nicht sind, aber dafür gelten wollen.« Es ist bekannt, mit welcher Intensität und in welcher Ausdehnung in den beiden ersten Jahrhunderten literarische Tendenzen sich geltend machten, und wie verbreitet namentlich in der gebildeten Gesellschaft der poetische Dilettantismus war. In dem Hause des Augustus, der diese Bestrebungen so geflissentlich begünstigte und förderte, konnten auch die Frauen nicht umhin, zur Literatur in ein Verhältnis zu treten. Seine Schwester Octavia nahm die Widmung eines philosophischen Werks an; Vergil las ihr und ihrem Bruder das sechste Buch der Äneide vor; bei den Versen, die sich auf ihren in der Blüte des Lebens hinweggerafften Sohn Marcellus beziehen, soll sie in Ohnmacht gefallen sein. Besonders nahe stand ihr und ihrer Familie der Dichter Krinagoras aus Mytilene, der als Gesandter seiner Vaterstadt zweimal (709 = 45 und 729 = 25) zu Augustus in Beziehung getreten war. Wir besitzen noch Gedichte, die er an Octavias Sohn Marcellus und ihre schöne und tugendhafte Tochter Antonia (als Mädchen und als Gemahlin des Drusus) richtete; eins derselben begleitete die Übersendung einer Sammlung lyrischer Gedichte, ein andres ist ein Gebet für Antonias leichte und glückliche Entbindung, einige beziehen sich auf ihren Gemahl Drusus und auf seinen Bruder, den nachmaligen Kaiser Tiberius. Zu der Beliebtheit der Tochter des Augustus Julia trug auch ihr Interesse für Literatur und ihre reiche (in jenem Hause, wie Macrobius sagt, leicht zu erwerbende) Bildung bei. Ohne Zweifel war (auch abgesehen von der Nachahmung solcher Beispiele) unter den Frauen jener Zeit die Beschäftigung mit der Literatur verbreitet. So war Perilla (wohl Ovids Stieftochter) Dichterin. Auch die Gemahlin des Lucan, Polla Argentaria, zeichnete sich nach Statius durch Geist und Bildung aus. Von der Beteiligung der Frauen der spätern Kaiserhöfe an der Literatur ist nur bekannt, daß Agrippina, Neros Mutter, ihre Denkwürdigkeiten hinterließ, die Tacitus und der ältere Plinius benutzt haben, und daß Statilia Messalina, die dritte Gemahlin Neros, nach dessen Tode ebensosehr durch Geist wie durch Schönheit und Reichtum glänzte und sich sogar durch schulmäßige Studien die Redekunst zu eigen zu machen suchte; von den literarischen Beschäftigungen der Gemahlin des Septimius Severus, Julia Domna, wird später die Rede sein. Die Tochter des Rhetors Nazarius (unter Constantin) kam ihrem Vater in der Beredsamkeit gleich.

Die Frauen, die an der Literatur nicht tätigen Anteil nahmen, teilten doch wenigstens die Interessen ihrer Männer oder Freunde und waren auf deren Erfolge stolz. Der jüngere Plinius rühmt von seiner Frau, daß sie aus Liebe zu ihm Interesse an der Literatur gefaßt habe. Seine Bücher las sie wiederholt und lernte sie sogar auswendig. Hielt er eine Vorlesung, so hörte sie hinter einem Vorhange zu und lauschte begierig auf die Beifallsbezeigungen der Zuhörer. Führte er eine Verteidigung vor Gericht, so wartete sie den Erfolg mit höchster Spannung ab, und Boten, in Zwischenräumen vom Gerichtshof bis zu ihrer Wohnung aufgestellt, meldeten von Minute zu Minute die Stimmung der Zuhörer, das Beifallsgemurmel, die Bravorufe usw. Seine Gedichte sang sie zur Kithara nach selbst gesetzten Melodien, worin, wie Plinius sagt, kein Musiker sie unterrichtet hatte, sondern die beste Lehrerin, die Liebe. Auch die Fertigkeit, sich leicht und geschmackvoll auszudrücken, war wohl unter den Frauen von Stande sehr allgemein. Ovid empfiehlt den Frauen, in Liebesbriefen in gewählten, doch nicht ungewöhnlichen Ausdrücken zu schreiben; oft sei eine dem Erlöschen nahe Liebesglut durch einen Brief neu angefacht worden und andrerseits durch Sprachfehler einem schönen Gesicht Eintrag geschehen. Wenn die Frauen sich mit ihren etwaigen schriftstellerischen Versuchen nicht an die Öffentlichkeit wagten, so wurden diese doch Freunden vorgelegt. Plinius erzählt, daß ihm ein befreundeter Schriftsteller Briefe von seiner Frau vorgelesen, man hätte Plautus und Terenz in Prosa zu hören geglaubt. Er zweifelt sogar, ob sie wirklich von ihr selbst geschrieben seien; sei dies aber der Fall, so gereichte ihre Ausbildung dem Manne, der sie als ungebildetes Mädchen geheiratet, zu hohem Ruhme: in der Tat muß es eine Folge der frühen Verheiratung der Mädchen gewesen sein, daß auch ihre geistige Bildung häufig, wenn nicht in der Regel, erst in der Ehe vollendet wurde. Sehr verbreitet dürfte auch bei den Frauen die Sucht gewesen sein, griechisch statt lateinisch zu reden, wenigstens zierliche und zärtliche griechische Phrasen einzumischen (schon in der Zeit des Lucretius war Griechisch die Lieblingssprache der Liebenden); man möchte dies, sagt Juvenal, ihnen hingehen lassen, solange sie jung seien, aber bei Sechsundachtzigjährigen sei es unerträglich.

Doch in einer Zeit des wuchernden poetischen Dilettantismus waren natürlich auch die Dichterinnen zahlreich, die sich sowohl in griechischen als in lateinischen Versen versuchten und es gerne hörten, wenn man ihnen sagte, daß sie nur der Sappho und auch dieser kaum nachständen. Diese Dilettantinnen gegenüber unvermeidliche Schmeichelei hat schon Ovid jener Perilla gegönnt, deren poetische Begabung er von früh an zu entwickeln bemüht gewesen war; oft hatten sie sich ihre Verse gegenseitig vorgelesen, oft war er ihr Lehrer und Kritiker gewesen. Die Dichterin Sulpicia, deren poetische Liebesbriefe in die Sammlung Tibulls aufgenommen sind, war wahrscheinlich eine Enkelin des berühmten Juristen Servius Sulpicius Rufus und Tochter eines Freundes des Horaz. Hostia, die Geliebte des Properz, durfte sich mit Sappho und Corinna vergleichen. Persius spottet über die Afterdichterinnen seiner Zeit als »dichterische Elstern«. Martial rühmt von Theophila, der Braut seines Landsmanns, des Dichters Canius Rufus aus Gades, daß sie keuscher als Sappho und als Dichterin ihr ebenbürtig sei; mit derselben Wendung verherrlicht er die Gemahlin des Calenus, Sulpicia, unter deren Namen wir noch ein recht schwächliches »Gespräch mit der Muse« in Versen über die Philosophenaustreibung durch Domitian besitzen. In den Gedichten, die Martial von ihr las, hatte sie die Freuden einer glücklichen Ehe ohne jede Prüderie besungen. Auf dem Memnonskoloß sind griechische Verse einer Cäcilia Trebulla und einer Julia Balbilla eingehauen. Die letztre rühmt sich der Abstammung von Claudius Balbillus (Statthalter von Ägypten unter Nero, auch als Schriftsteller bekannt) und einem syrischen Fürsten Antiochus, auf die sie sehr stolz gewesen zu sein scheint. Den Memnonskoloß besuchte sie im November des Jahres 130 im Gefolge des Kaisers Hadrian und »der liebenswürdigen Kaiserin« Sabina, die an ihren Versen großes Gefallen gefunden zu haben scheinen, da diese in den sehr harten Stein mit tiefen großen Buchstaben sorgfältig eingehauen sind. Diesen Beifall mögen ihnen besonders die dem Kaiserpaar reichlich gespendeten Schmeicheleien erworben haben: Memnon habe früher als die Sonne den Kaiser begrüßt, er habe sich vor dessen Zorn gefürchtet usw. Bei einer gewissen Gewandtheit zeigen Balbillas Gedichte einen hohen Grad gelehrter Pedanterie in dem strengen Festhalten des äolischen Dialekts, in welchem Sappho gedichtet hatte; ihre Werke waren also offenbar das eifrig studierte Vorbild auch dieser gelehrten Dilettantin.

Machten die Frauen nicht selbst Verse, so kritisierten sie wohl fremde, und diese Kritikerinnen hält Juvenal für noch schlimmer als die, welche den Wein zu sehr liebten. Kaum hatten sie sich bei Tafel niedergelassen, so begannen sie schon die ästhetische Unterhaltung über Vergil und Homer und wogen die Vorzüge beider gegeneinander ab; so unaufhaltsam rauschte der Strom ihrer Rede, daß niemand zu Worte kam, es war, als ob eherne Becken und Schellen geschlagen würden. Nicht minder unleidlich war das Auskramen der sonstigen Gelehrsamkeit: wenn sie Zitate aus verschollnen Büchern anzuführen wußten, die ihre Männer nicht kannten, immer das grammatische Lehrbuch aufgeschlagen hatten, die Ausdrücke ihrer Freundinnen korrigierten und ihren Männern keinen Sprachfehler durchschlüpfen ließen. Eine Frau, sagt Juvenal, muß nicht die ganze Enzyklopädie im Kopfe haben und einiges in Büchern auch nicht verstehen; auch Martial spottet zynisch über pedantische Puristinnen und zählt unter seine Lebenswünsche eine nicht zu gelehrte Frau.

Den meisten Widerspruch aber fand wohl die Beschäftigung der Frauen mit der Philosophie. Von denen, die nach altrömischer Ansicht sie durchaus mißbilligten, ward teils angeführt, daß diese Studien nur, um damit zu prunken, getrieben würden (aus diesem Grunde hatte der ältere Seneca, ein streng an der alten Sitte festhaltender Mann, seiner Frau nicht gestatten wollen, sich mehr als oberflächlich damit bekannt zu machen, was der Sohn sehr bedauert); teils, daß die Frauen anmaßend und keck werden müßten, wenn sie, anstatt zu Hause zu spinnen und zu weben, unter Männern verweilten, Reden studierten, gelehrt sprächen und Schlüsse auflösten. Zu den Vertretern der entgegengesetzten Meinung gehörten namentlich die Stoiker, die dafür eintraten, daß Knaben und Mädchen auf dieselbe Weise zu erziehen seien; Musonius Rufus erörterte in einer besondern Schrift, »ob man den Töchtern dieselbe wissenschaftliche Bildung geben solle wie den Söhnen«. Plutarch schrieb ebenfalls darüber, »daß auch die Frauen eine wissenschaftliche Bildung erhalten müssen«. Musonius wollte die Frauen auf Moralphilosophie beschränkt wissen, die er als Grundlage auch der weiblichen Sittlichkeit für unentbehrlich erklärte; Plutarch ging weiter und riet, nach Sokratischer Methode mit dem Studium der Philosophie auch das der Mathematik und Astronomie zu verbinden, weil ein von den erhabensten Ideen und Vorstellungen erfüllter Geist für Eitelkeiten, Aberglauben und Torheiten unzugänglich sei; eine Frau, die Mathematik verstehe, werde sich schämen zu tanzen, und die den Zauber Platonischer und Xenophontischer Dialoge kenne, Beschwörungen und Zauberei verachten.

In der Tat scheinen jene Wissenschaften von Frauen neben der Philosophie nicht selten und nicht immer zum Vorteil ihrer Anmut und Liebenswürdigkeit getrieben worden zu sein. Plutarch rühmt von Cornelia, die erst die Gemahlin des Crassus, dann des Pompejus war, daß sie außer ihrer Schönheit noch andre Reize besaß: eine gute Bildung in Literatur, Musik, Geometrie; auch hatte sie mit Nutzen philosophische Vorträge gehört und war dabei von der Pedanterie und Unliebenswürdigkeit frei, »die junge Frauen durch solche Studien leicht annehmen«. Ciceros Freundin Cärellia hatte sich, »offenbar von Eifer für die Philosophie entbrannt«, eine Abschrift seiner Bücher vom höchsten Gut vor der Veröffentlichung verschafft. Wohl mochten tiefre Naturen in den Lehren der Weisen Trost im Unglück suchen und finden. Livia soll ihn bei dem Tode ihres Sohnes Drusus in den Worten des stoischen Philosophen Areus gefunden haben. Der an demselben Hofe lebende Stoiker Athenodorus aus Kana durfte eine seiner Schriften Augustus' Schwester Octavia widmen. Der Beziehungen der Kaiserin Plotina zur Schule Epikurs ist bereits gedacht worden. Auch die Kaiserin Julia Domna wandte sich, als sie durch die Intriguen des Günstlings Plautianus mit ihrem Gemahle Septimius Severus zerfallen war, der Philosophie und wissenschaftlichen Beschäftigungen zu. Sie umgab sich mit Mathematikern und Rhetoren, und Philostrat, der zu diesem Kreise gehörte, schrieb auf ihre Veranlassung den Roman von Apollonius von Tyana. Jene von Martial als Dichterin gerühmte Theophila war in der epikureischen und stoischen Philosophie gleich sehr zu Hause. In einer dem Galen zugeschriebnen Schrift wird eine dem Verfasser befreundete Frau, namens Arria, erwähnt, welche von den Kaisern (Sever und Caracalla) wegen ihrer ernsten Studien (namentlich der Platonischen Philosophie) hochgeschätzt worden sei: vielleicht dieselbe Verehrerin des Plato, der Diogenes Laertius seine Lebensbeschreibungen der Philosophen widmete.

Doch bei der Mehrzahl blieben freilich wohl auch diese Beschäftigungen bloße Tändelei. Horaz spricht in einem Spottgedichte auf eine verliebte Alte von den zwischen seidnen Polstern liegenden stoischen Büchern. Zu Epictets Zeit lasen die Frauen in Rom mit Vorliebe Platons Republik, weil hier die Aufhebung der Ehe und die Weibergemeinschaft in einer gewissen Ausdehnung für die Grundbedingung des idealen Staats erklärt wird; sie meinten darin eine Entschuldigung für eigne Fehltritte zu finden; und Lucian versichert, daß es Philosophen gab, die jene Lehre Platons mit den von ihnen verführten, zur Philosophie bekehrten Frauen verwirklichten, ohne zu begreifen, in welchem Sinne jener heilige Mann die Weibergemeinschaft verstanden hatte. Als Marc Aurels Beispiel die Studien der Philosophie und der Wissenschaften überhaupt allgemein machte, besoldeten auch vornehme Frauen unter ihrer übrigen Umgebung griechische Weltweise, Rhetoren und Philologen, von ehrwürdigem Äußern, mit langen grauen Bärten, zu deren Obliegenheiten es gehörte, unter dem übrigen Gesinde ihre Sänfte zu begleiten. Anders als bei Tafel oder während des Ankleidens fanden sie aber nicht Zeit, sich philosophische Vorträge halten zu lassen; wenn ihnen etwa während eines Vortrags über Züchtigkeit die Zofe das Billett eines Liebhabers übergab, so unterbrachen sie sich nicht länger als nötig war, um die Antwort zu schreiben, und hörten dann aufmerksam weiter. Selbst auf Reisen wurden die Philosophen mitgenommen, wobei man sie freilich zuweilen nach langem Warten im Regen mit einem Tänzer, Koch oder Haarkräusler in den letzten Wagen packte. Lucian erzählt, daß eine reiche und vornehme Frau einem alten, in ihrem Solde stehenden Stoiker ihre trächtige Malteser Schoßhündin zur besonderen Beaufsichtigung übergeben und daß diese während der Fahrt auf dem Mantel des Philosophen Junge geworfen habe.

Wenn aber auch ein großer oder der größte Teil der Frauen nur mit dem Schein philosophischer Bildung prunkte, so fehlte es doch, wie gesagt, zu keiner Zeit an solchen, die mit allem Ernste durch die Philosophie einen Halt und eine Richtschnur für das Leben zu gewinnen strebten. Auch der Ägypter Plotinus, der Begründer des Neuplatonismus, der letzten großen Schöpfung des antiken Geistes, fand bei seinem Aufenthalte in Rom (seit 244 n. Chr.) zahlreiche eifrige und ergebne Schülerinnen, auch in den höhern Ständen, unter ihnen die Kaiserin Salonina; er wollte ihre und ihres Gemahls Gallienus Gunst benutzen, um mit seinen Anhängern auf dem Gebiet einer untergegangenen Stadt in Campanien (wahrscheinlich Pompeji) einen platonischen Philosophenstaat, eine Platonopolis, zu gründen. Doch seine Gegner vereitelten die Ausführung dieses Plans, und das antike Ikarien ist nie ins Leben getreten. Der Schüler Plotins, Porphyrius, vermählte sich mit der Witwe eines Freunds, Marcella, nicht bloß um die nicht mehr junge, kränkelnde Frau in der Erziehung ihrer sieben Kinder zu unterstützen, sondern auch wegen ihrer hohen Begabung für wahre Philosophie, in welche sie bereits eingeweiht war.

Am tiefsten wurden die Frauen von den religiösen Bewegungen berührt und ergriffen, die schon seit dem 1. Jahrhundert begonnen hatten, im 2. an Umfang und Intensität sehr zunahmen, im 3. und 4. ihren Höhepunkt erreichten. Es waren die letzten Anstrengungen des Heidentums, durch eine Regeneration sich gegenüber dem neuen Geist zu behaupten, dessen von Osten ausgegangenes Wehen immer gewaltiger die Welt erfüllte. Der scheinbar schon ganz in Verfall geratne griechisch-römische Götterglaube erlebte eine überraschende Restauration, die seine immer noch ungeschwächte Lebenskraft bewies; aber auch jede fremde Form der Gottesverehrung, die einen positiven Inhalt zu haben schien, war mit Begierde ergriffen, und ein großer Teil der Gläubigen suchte nicht in einer einzigen, sondern in einer Häufung und Mischung der verschiedenartigsten Religionen und Kulte das Heil.

Orientalische Kulte waren jedoch bei weitem am meisten verbreitet und standen im höchsten Ansehen. Ihr Pomp war auf die Sinnlichkeit wohl berechnet, ihr umständliches Zeremoniell imponierte der Einfalt, in ihren Symbolen, Wundern und Geheimnissen ahnten Gläubige eine höhere Offenbarung, der mystische Hang nach inniger Vereinigung mit dem Göttlichen fand hier vollste Befriedigung. Wenn diese Kulte so gerade den Bedürfnissen des weiblichen Gemüts am meisten entgegenkamen, so wirkte noch stärker die Verheißung, durch Büßungen und Sühnungen zur Reinigung und Heiligung und zu einer höhern Seligkeit im Jenseits zu führen. Die Neigung zur Askese war eine natürliche Wirkung der sittlichen Auflösung und Zügellosigkeit; dieselbe sittliche Schwäche, welche die Verschuldung herbeiführte, wähnte auch, sich durch äußerliche Bußen von der Schuld befreien zu können.

So steigerte sich denn namentlich bei den Frauen das Verlangen, in diesen Religionsübungen entweder eine höhere Weihe oder Trost und Entsündigung zu finden, zur Leidenschaft; und Frömmigkeit ohne Aberglauben, die einer Frau in ihrer Grabschrift von ihrem Gatten nachgerühmt wird, mag unter ihnen nicht häufig zu finden gewesen sein. Plutarch empfiehlt in seinen Ehevorschriften der Frau ausdrücklich, nur die Götter zu verehren, die ihr Mann anerkenne, jedem andern Dienst und Aberglauben aber die Tür zu verschließen. Denn die von den Frauen im Verstohlenen dargebrachten Opfer könnten keinem Gotte angenehm sein. In den Verehrerinnen der orientalischen Gottheiten hatten deren Priester die blindgläubigsten, gehorsamsten und freigebigsten Anhängerinnen. Bald ließen sie sich von einer herumziehenden Bande von Bettelpriestern der Großen Mutter einreden, daß ihnen die ungesunde Septemberluft ein Fieber zuziehen würde, wenn sie sich nicht mit einem Geschenk von hundert Eiern und einem getragnen Gewande sühnten, in welchem Falle die bevorstehende Gefahr in die Kleider fahren sollte. Bald tauchten sie auf priesterliche Vorschrift dreimal am frühen Morgen in dem mit Eis gehenden Tiber unter und rutschten eine bestimmte Strecke in der notdürftigsten Kleidung vor Kälte und Seelenangst zitternd auf bloßen Knien. Bald reisten sie nach Ägypten, um Nilwasser zu holen, wenn ihnen Isis im Traum befahl, damit in ihrem Tempel zu sprengen. Die große Göttin Isis, die »millionennamige«, wurde von den Frauen in der ganzen römischen Welt als gnadenreiche Heil- und Schutzgöttin am allgemeinsten und inbrünstigsten angerufen. Zu ihren schon seit der Mitte des 1. Jahrhunderts in Rom zahlreichen Tempeln wallfahrteten in Masse die Beterinnen in den vorgeschriebnen leinenen Gewändern, sangen mit aufgelöstem Haar zweimal am Tage in den Chören zum Preise der Göttin mit, ließen sich mit Nilwasser besprengen und beobachteten die Fasten und die sonstige Enthaltsamkeit, welche die Priester ihnen aufzulegen für gut fanden; hatten sie dagegen gefehlt, so legten diese für gute Bezahlung ihre Fürbitte bei Osiris ein, und durch das Opfer eines Kuchens oder einer fetten Gans ließen sich die erzürnten Götter beschwichtigen.

Es kann nicht wundernehmen, daß die von Frauen so viel besuchten Tempel der Isis vielfach zu schändlichen Zwecken mißbraucht wurden. Ihre Priesterinnen, Priester und Tempeldiener wurden allgemein der gewerbsmäßigen Kuppelei bezichtigt, und der ganze Kultus war aus diesem Grunde verrufen. Was im Innern dieser Tempel vorgehen konnte, davon gibt ein Ereignis, das sich im Jahre 19 n. Chr. in Rom zutrug, eine Probe. Ein Ritter Decius Mundus hatte eine edle Frau von unbefleckter Keuschheit, Paulina, lange vergeblich mit Anträgen verfolgt. Sie war dem Isisdienst sehr ergeben; die Priester des von ihr besuchten Tempels, durch eine Summe von 5000 Denaren bestochen, redeten ihr ein, der Gott Anubis wünsche eine nächtliche Zusammenkunft mit ihr, und natürlich erschien Mundus in der Maske des Gottes. Der Frevel kam zu Tiberius' Kenntnis; er verbannte den Hauptschuldigen, ließ die Priester ans Kreuz schlagen, den Tempel niederreißen und das Bild der Göttin in den Strom werfen. Aber nicht bloß die Tempel der Isis, sondern alle, in denen Frauen aus- und eingingen, waren als Orte der Verführung verrufen; es gab keinen, sagt Juvenal, in dem Frauen sich nicht preisgaben, und wenn auch mit Übertreibung, so doch auch sicher nicht ohne Wahrheit brandmarken christliche Schriftsteller Tempel, Haine und andre heilige Orte als Brutplätze nicht bloß des Ehebruchs und der Unzucht, sondern auch der schwersten Verbrechen. In den Tempeln, heißt es bei Minucius Felix und Tertullian, werden Verabredungen zum Ehebruch getroffen, zwischen den Altären Kuppelei geübt, in den von Weihrauch duftenden Zellen der Tempelwächter und Priester geht es zu wie in Bordellen. Tertullian führt die Götzendienerei redend ein: Meine (von Andächtigen besuchten) Haine, Berge und Quellen und in den Städten die Tempel wissen, wieviel Vorschub ich der Untergrabung der Keuschheit leiste – Zauberer und Giftmischer wissen, wie oft ich der Eifersucht zur Rache verhelfe, wieviel Wächter, Angeber, Mitwisser ich aus dem Wege räume. Auch Properz nennt die Tempel neben den Schauspielen als Hauptursache der Untreue seiner Cynthia, und Ovid empfiehlt die Tempel neben Theatern und Portiken Männern, die Liebesabenteuer suchen, und unter den nicht zu versäumenden Festen auch die Sabbatfeier der Juden.

Die ungemeine und immer wachsende Ausbreitung, die das Judentum damals schon in der westlichen Welt gewonnen hatte, ist vielfach bezeugt, und sicherlich zählte es mehr Proselytinnen als Proselyten. Zu jenen scheint die Kaiserin Poppäa gehört zu haben. Josephus nennt sie als eifrige Fürsprecherin der Juden: »denn sie war gottesfürchtig«; und vielleicht war dies der Grund, weshalb ihre Leiche nicht verbrannt, sondern nach der Weise der ausländischen Könige mit Wohlgerüchen einbalsamiert und in der Grabstätte der Julier beigesetzt wurde. Die erste harte Maßregel gegen die Juden in Rom erfolgte im Jahre 19 gleichzeitig und im Zusammenhange mit jenem Einschreiten gegen den Isisdienst: 4000 waffenfähige Freigelassene, »die von ägyptischem oder jüdischem Aberglauben angesteckt waren«, wurden nach Sardinien zur Bekämpfung der dortigen Räuberbanden geschickt; die übrigen erhielten den Befehl, Italien zu verlassen, falls sie nicht vor einem bestimmten Termin ihren unheiligen Gebräuchen entsagt hätten. Die Veranlassung zur Verfolgung der Juden soll zunächst ein gegen eine vornehme, dem Judentume ergebne Römerin Fulvia, verübter Betrug gegeben haben. Ihre jüdischen Lehrer hatten sie bewogen, eine Tempelsteuer nach Jerusalem zu senden, und diese fromme Gabe unterschlagen. Unter Domitian spottete Martial (im Jahre 88) über den nüchternen Atem sabbatfeiernder Frauen.

Auch die Lehren des Christentums entzündeten vorzugsweise die Herzen der Frauen, und seine Sendboten haben sicherlich den Wert ihrer Empfänglichkeit für die Verbreitung der neuen Lehre nicht unterschätzt. Wie bekannt, erfolgte diese zunächst in den untern Ständen. Die Heiden spotteten noch im 2. Jahrhundert, daß die neuen Gemeinden vorwiegend aus geringen Leuten, aus Handwerkern und alten Frauen beständen, daß die Christen nur die Einfältigsten und Niedrigsten, nur Sklaven, Weiber und Kinder zu bekehren vermöchten. Doch vielleicht gewann wie im Osten, so auch in Rom das Christentum schon früh einzelne Bekennerinnen in den höhern Ständen. Aber die Annahme, daß zu diesen Pomponia Gräcina, Gemahlin des Konsuls Plautius, des Besiegers von Britannien, gehört habe, ist so äußerst schwach begründet, daß man ihr nicht die geringste Wahrscheinlichkeit beimessen kann. Sie wurde im Jahre 57 des »ausländischen Aberglaubens« angeklagt, das Urteil aber ihrem Gemahl überlassen, der sie freisprach. Unter ausländischem Aberglauben liegt es am nächsten, eine der beiden von Tiberius verfolgten Religionen, die ägyptische oder die jüdische, zu verstehen. In der lebenslänglichen, vierzigjährigen Trauer der Pomponia Gräcina um eine ermordete Verwandte die Abwendung einer Christin von der Welt zu erkennen, ist schon darum unzulässig, weil Fälle einer leidenschaftlichen, jahrelangen Trauer aus jener Zeit auch von unzweifelhaft heidnischen Frauen berichtet werden. Auch die altchristliche Tradition kennt diese Konvertitin nicht, während doch die Legende von persönlichen Beziehungen zwischen Seneca und dem Apostel Paulus zeigt, wie sehr sie geneigt war, hervorragende Personen der heidnischen Welt auf irgendeine Weise als Proselyten in Anspruch zu nehmen. Mehr Grund hat die Annahme, daß die Schwestertochter Domitians, Flavia Domitilla, sich zum Christentum bekannt habe. Gegen sie und ihren Gemahl, T. Flavius Clemens (Konsul im Jahre 95), wurde die Anklage des Atheismus erhoben, wegen dessen damals viele, die sich »den Gebräuchen der Juden« zugewandt hatten, teils zum Tode, teils zur Einziehung der Güter verurteilt wurden: Clemens wurde hingerichtet, Domitilla auf eine Insel verbannt. Vielleicht sind die von dieser Verfolgung Betroffnen, wie Renan vermutet hat, Judenchristen gewesen. Die nicht vor Ende des 5. Jahrhunderts verfaßten Märtyrerakten der als Schutzpatronin der Musik verehrten heiligen Cäcilia, nach welchen diese aus edler senatorischer Familie (des beginnenden 3. Jahrhunderts) gewesen sein soll, sind völlig unglaubwürdig, und es bleibt zweifelhaft, ob und welche Tatsachen ihnen zugrunde liegen.

Die Zeit vom Tode Marc Aurels bis zu der großen Verfolgung des Decius war für die Kirche im ganzen eine Zeit der Ruhe und der Ausbreitung des neuen Glaubens sehr günstig. Unter der Regierung des Commodus, dessen Maitresse Marcia, wie bemerkt, wahrscheinlich eine Christin war, traten in Rom ganze vornehme Familien zum Christentum über; Septimius Severus nahm in den ersten Jahren seiner Regierung Männer und Frauen von senatorischem Stande, deren christliches Bekenntnis offenkundig war, gegen die Verfolgungssucht in Schutz; Julia Mamäa, die Mutter des Alexander Severus, soll durch die Vorträge des Origenes für das Christentum günstig gestimmt worden sein. Der römischen Kirche erwuchsen durch die vornehmen Proselytinnen, für die selbst der eifernde Tertullian die ihnen durch Geburt und Stand auferlegte Notwendigkeit einer prachtvollen Kleidung anerkannte, manche Verlegenheiten. Der Bischof Callistus (218-223) gestattete, wie erwähnt, Jungfrauen und Witwen von senatorischem Stande, die ihren Rang nicht durch die Vermählung mit einem Geringeren einbüßen wollten, Konkubinate, selbst mit Sklaven, indem er offenbar diesen durch Gesetz und Sitte gebrandmarkten Verhältnissen vor den Ehen mit Ungläubigen den Vorzug gab. Die Denkmäler der Katakomben machen uns auch mit den Namen einiger edler Römerinnen aus jener Zeit bekannt, die sich zum Christentume bekannten. In den Krypten der Lucina ist der Sarkophag einer Jallia Clementina gefunden worden, der Tochter des Jallius Bassus und der Catia Clementina; der Vater ist vielleicht ein Mann, der unter Marc Aurel und Verus hohe Stellungen bekleidete und es bis zum Konsulat brachte; ebenda sind die Inschriften einer Annia Faustina, Licinia Faustina, Acilia Vera zum Vorschein gekommen, die einer sowohl mit den Pomponii Bassi als mit dem kaiserlichen Hause der Antonine verwandten Familie angehört zu haben scheinen.

Daß in dem Jahrhunderte währenden Ringen zwischen Heidentum und Christentum immer von neuem die heiligsten Bande der Natur zerrissen und Herzen gebrochen werden mußten, wer möchte daran zweifeln, auch wenn von all diesen Leiden und Kämpfen keine Kunde auf uns gekommen ist. Doch sagt Origenes, daß die Sendboten des Christentums sich nicht scheuten, ins Innere der Familien einzudringen und sich zwischen Blutsverwandte zu stellen, daß christliche Sklaven, wie die Heiden ihnen vorwarfen, Frauen und Kinder ihrer Herren zu ihrem Glauben hinüberzuziehen suchten, daß die Eifrigsten die Kinder zu Versagung des Gehorsams gegen Väter und Lehrer antrieben. Ein Fall, den der christliche Schriftsteller Justinus (unter Antoninus Pius) erzählt, muß sich seinem wesentlichen Inhalt nach tausendfach ereignet haben. Ein Ehepaar war schändlichen Lüsten ergeben, die Frau wurde Christin: vergebens versuchte sie durch Mitteilung der neuen Lehre und Hinweisung auf die ewigen Strafen den Mann zu bessern; endlich fürchtete sie, wenn sie länger seine Gattin bliebe, Teilhaberin an seiner Gottlosigkeit zu werden, und schied sich von ihm. Wenn sich hier sittliche Bedenken zu den religiösen gesellt haben sollen, so reichte doch vermutlich in den meisten Fällen die Verschiedenheit des Glaubens, die Gewissensangst hin, um auch die für das Leben geschlossenen Bündnisse zu lösen. Es kam aber auch wohl vor, daß der heidnische Gemahl seiner christlichen Frau die Mitgift abdrang und sich damit für sein Schweigen bezahlt machte. Die Zahl der christlichen Frauen, die es über sich gewannen, »Heidinnen unter den Heiden, Gläubige unter den Gläubigen« zu sein (wie es in einer Inschrift heißt), war wohl zu keiner Zeit groß, und sicherlich mußte nur zu oft »Lieb und Treu wie ein böses Unkraut ausgerauft« werden. Zwar messen die christlichen Schriftsteller begreiflicherweise die Schuld an solchen Spaltungen und Trennungen ausschließlich dem heidnischen Teile bei. Aber die Härte, mit der Tertullian in seiner montanistischen Periode die in gemischten Ehen Lebenden als der Unzucht Schuldige und von der Gemeinde Auszuschließende bezeichnet, läßt vermuten, daß die Scheidungen solcher Ehen oft genug durch christlichen Glaubenseifer herbeigeführt wurden. Zuweilen stand denselben allerdings auch ein starker heidnischer Fanatismus gegenüber. Porphyrius teilt eine Antwort eines Apolloorakels auf die Frage eines Mannes mit, welchen Gott er zu versöhnen habe, um seine Frau vom Christentum abzuziehen: »Eher könntest du ins Wasser schreiben oder durch die Luft fliegen, als den Sinn deiner befleckten, gottlosen Gattin wandeln. Möge sie nach ihrem Willen bei eitlem Truge verharren und mit trügerischem Wehklagen ihren Gott besingen, den nach seiner Verurteilung durch gerechte Richter ein arger Tod getroffen hat.«

Wenn die Frauen sich auch damals auf religiösem Gebiet als »Führerinnen in der Gläubigkeit« erwiesen, so waren sie ohne Zweifel nicht minder für jeden neuen Aberglauben am empfänglichsten, so wie sie an jedem alten mit der zähesten Festigkeit hingen. Nur eine von den zahllosen Formen der in jenen Jahrhunderten unendlich vielgestaltig und üppig wuchernden Superstition scheint von den Männern in höherm Grade gehegt worden zu sein, die Astrologie, deren Weissagungen die größten und gefahrvollsten Unternehmungen veranlaßt und gelenkt und auf die Schicksale der damaligen Welt keinen geringen Einfluß geübt haben. Doch versteht es sich von selbst, daß diese für jene Zeit vorzugsweise charakteristische und ganz besonders von den höhern Ständen begünstigte Art, die Zukunft zu erforschen, auch bei den Frauen weit verbreitet war. Kein Astrolog, sagt Juvenal, gelte bei ihnen für geistvoll, der nicht einmal verurteilt worden sei; am gefeiertsten waren die Sterndeuter, wenn sie in einen großen politischen Prozeß verwickelt gewesen, wenn sie lange in Ketten gelegen hatten, mit Not zur Verbannung auf eine wüste Insel begnadigt waren. Auch gab es Frauen, die selbst in der Astrologie gelehrt waren und nicht das Geringste unternahmen, ohne den astrologischen Kalender nachzuschlagen. Manche sorgten sogar, wenn sie ihre Niederkunft erwarteten, dafür, daß ein Chaldäer auf einer Sternwarte in der Nähe sich zur Beobachtung der Gestirne bereit hielt, der von der erfolgten Geburt durch einen Schlag an eine Metallscheibe augenblicklich benachrichtigt wurde, um dem zur Welt gekommenen Kinde sofort die Nativität zu stellen. Augustinus erzählt von zwei Freunden, die der Astrologie so eifrig ergeben waren, daß sie selbst die Momente der Geburten ihrer Haustiere und die Konstellationen, unter denen sie erfolgten, aufs genaueste aufzeichneten. Es begab sich, daß die Frau des einen und eine Sklavin des andern zugleich gebaren, und die genaueste Beobachtung der Tage, Stunden und kleinern Zeitteile ergab, daß die beiden Kinder in demselben Augenblick, also auch unter derselben Konstellation, zur Welt gekommen waren. Trotzdem stieg der eine hoch, der andre blieb ein Sklave: diese Tatsache zerstörte bei Augustus auch den Rest des Glaubens an die Astrologie.

Vor allem aber war das ganze unermeßliche Zauberwesen mit all seiner Gaukelei und Betörung, mit seinem Wahnwitz, seinen Verbrechen und Greueln unter den Frauen im Schwange. Auch diese Superstition erlitt unter dem wachsenden Einflusse orientalischer Mystik im Laufe dieser Periode eine völlige Umwandlung, und die Zauberer der ersten Kaiserzeit sind von denen des 2. Jahrhunderts sehr verschieden. Zu jenen gehörten ganz besonders die Hexen des Volksglaubens. Es waren verrufne und gehaßte Weiber, die zweideutige Gewerbe trieben, vor allem Kuppelei; sie wußten Salben und Schönheitsmittel zu kochen, aber auch andre Medikamente, die mehr oder minder mit Giftmischerei zusammenhingen; auch pflegten sie den Wein sehr zu lieben. Dieses ganze Treiben war zu armselig und bettelhaft, um bei den Gebildetern Eingang finden zu können, und war doch nicht aus den Gemächern der Frauen zu verbannen, unter denen namentlich der Glaube an die Macht des Liebeszaubers ungemein verbreitet war; selbst Plutarch übergeht ihn in seinen »Lehren für die Ehe«, die an ein hochgebildetes, neuvermähltes Paar gerichtet sind, nicht mit Stillschweigen. In Italien scheint er übrigens erst im letzten Jahrhundert v. Chr. Eingang gefunden zu haben.

Aber das Ansehen der Zauberei wuchs, und ihre Gläubigen mehrten sich ungemein, seit sie sich zeitgemäß umgestaltete. In der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts, wo bereits die ersten Vorläufer des Neuplatonismus auftraten, wie der Chaldäer Julianus, berührte sich die Philosophie mit der Theurgie und Magie je länger, je mehr. Schon Apulejus sagt, daß die Philosophen bei der Menge im Verdachte der Zauberei standen, und Zauberer wie Naturphilosophen schöpften nun immer häufiger aus jenen Urquellen höherer Weisheit, die im Morgenlande fließen sollten; sie gingen am Nil, am Euphrat und Ganges in die Schule. Nun traten statt jener kuppelnden und betrunknen Hexen fromme und heilige Wundertäter in Rom auf, die entweder aus dem Orient stammten oder doch viele Jahre in den ägyptischen Katakomben zugebracht hatten, oder gar der Gemeinschaft der Brahminen gewürdigt worden waren, frei von menschlichen Leidenschaften, irdische Speise und Trank verschmähend, in weißen, leinenen Gewändern, würdevoll in ihrer Erscheinung und gern gesehene Gäste in großen Palästen. Kurz, wenn jene frühern Hexen denen unsres Mittelalters gleichen, so haben diese spätern Zauberer die täuschendste Ähnlichkeit mit den Großkophtas des 18. Jahrhunderts; auch ihre Zaubermacht wurde von ihren Anhängern aus der Heiligkeit ihres Lebenswandels hergeleitet: denn wer die menschliche Natur überwinde, werde den Göttern ähnlich und vermöge mit ihrer Hilfe Wunder zu vollbringen. Auch sie verdankten ihre Erfolge nicht zum geringsten Teil den Frauen, die zu gewinnen sie sich vor allem bemühten. Auf ihre äußre Erscheinung verwandten sie die größte Sorgfalt. Alexander von Abonuteichos war nach Lucians Schilderung ein schöner Mann, von stattlicher, würdevoller Gestalt, weißer Haut, wohlgepflegtem Bart, feurigem und schwärmerischem Blicke, höchst sanfter und zugleich klangreicher Stimme; außer seinem eignen Haar trug er eine sehr täuschend gemachte Perücke, so daß sein Kopf von einer reichen Lockenfülle umflossen war; er erschien in einem weiß und purpurnen Unterkleid und einem weißen Mantel, in der Hand ein Hakenschwert, als Zeichen seiner Abkunft von Perseus. Die Gunst der Frauen wurde ihm überall zuteil, Lucian versichert sogar: mit Wissen, ja auf den Wunsch der Männer, und ohne Zweifel war ihm die Erwerbung ihrer Gunst nicht bloß Zweck, sondern auch Mittel zur Befestigung seiner Stellung. Vielleicht würden wir ähnliches von Apollonius von Tyana erfahren, wenn Lucian auch sein Leben geschrieben hätte. Philostrat verrät nur gelegentlich, daß die Sage ging, er habe eine vielbewunderte, schöne Frau in Seleucia in Cilicien geliebt, und diese, die andre Bewerber zurückwies, sich ihm ergeben, lediglich aus Verlangen, mit trefflichen Kindern gesegnet zu werden, da er von göttlicher, über die Menschheit erhabner Natur war; aus dieser Verbindung soll der Sophist Alexander, genannt Peloplaton, entsprossen sein, der ein vorzüglich schöner Mann war. Doch erklärt Philostrat, wie natürlich, das Gerücht für durchaus unglaublich.

 

Wenn hier vorzugsweise Schwächen und Torheiten, Verirrungen und Laster der Frauen geschildert worden sind, so ist der Grund nur der, daß die Zeitgenossen sich mit Vorliebe darüber verbreitet, bei ihren scheinlosen Tugenden aber selten verweilt haben, da diese der Satire wie der Rhetorik keinen oder keinen so dankbaren Stoff boten. Doch fehlt es nicht ganz an Schilderungen von Ehen, in welchen die Gatten »durch gegenseitige Liebe, und indem wechselweise eines sich dem andern unterordnete, in wunderbarer Eintracht lebten: wobei das Verdienst einer guten Frau um ebensoviel größer ist als (bei einer unglücklichen Ehe) die Schuld einer schlechten«; an Schilderungen von Gattinnen und Müttern, die »das Licht ihres Hauses« waren, wie Annia Regula, die Gemahlin des Herodes Atticus, auf der Basis einer ihrer Statuen genannt wird. Namentlich die Briefsammlung des Jüngern Plinius lehrt uns eine Reihe edler und trefflicher Frauen kennen. Er berichtet auch den heldenmütigen Tod einer Frau aus seiner Vaterstadt Como, den er mit Recht dem so viel gepriesnen der altern Arria gleichstellt. Bei einer Fahrt über den Corner See hatte ihm ein ältrer Freund eine Villa und in dieser ein über das Wasser vorspringendes Gemach gezeigt, aus dem jene Frau mit ihrem Manne sich hinabgestürzt hatte. Dieser litt infolge einer langen Krankheit an fressenden Geschwüren; er zeigte sie seiner Frau und fragte, ob sie das Übel für heilbar halte. Es erschien ihr hoffnungslos, sie ermahnte ihn, sich den Tod zu geben, und war dabei nicht bloß seine Gefährtin, sondern auch seine Führerin und sein Vorbild; sie banden sich aneinander und stürzten sich so in den See.

Auch die Geschichte hat manches leuchtende Beispiel weiblicher Seelengröße und Hochherzigkeit gerade aus Zeiten aufbewahrt, die, im ganzen betrachtet, ein abschreckendes Bild tiefster Herabwürdigung und erbärmlichsten Knechtsinns zeigen. In jenen furchtbarsten Perioden der kaiserlichen Schreckensherrschaft, wo Frauen selbst um der Tränen willen verfolgt wurden, die sie ihren geopferten Angehörigen nachweinten, haben sie nicht selten den Männern das Beispiel des Muts, der Treue und der Aufopferung gegeben; wie ja auch in der Zeit der Proskriptionen die Gattinnen den Geächteten die höchste Treue bewiesen, während die Söhne sich durchweg treulos zeigten. Auch in den Schreckenszeiten der Julischen Dynastie starben Frauen oft mit den Ihrigen, wenn ihre Bitten diese nicht zu retten vermochten; Mütter folgten ihren Söhnen, Gattinnen ihren Männern ins Exil. Nur ausnahmsweise hat Tacitus die Schicksale einzelner von diesen Frauen erzählt. Antistia Pollitta sah ihren Gatten Rubellius Plautus (im Jahre 62) durch Neros Schergen fallen; sie hatte seinen blutigen Nacken umschlungen, bewahrte das blutbespritzte Gewand und lebte als Witwe in tiefer Trauer, ohne mehr Nahrung zu sich zu nehmen, als zur Fristung des Lebens unumgänglich war. Als dann im Jahre 65 auch ihr Vater L. Vetus auf den Tod angeklagt wurde, versuchte sie vergeblich, zu Nero vorzudringen, um sein Schicksal abzuwenden, und beschloß dann, es zu teilen; auch die Schwiegermutter des Vetus, Sextia, wollte beide nicht überleben. Vetus verschenkte seine ganze Habe an seine Sklaven und behielt nur drei Betten zurück; auf diesen durchschneiden die drei sich mit demselben Messer die Adern und werden dann eiligst, jedes in ein Gewand schamhaft verhüllt, ins Bad getragen. »Der Vater heftet den Blick auf die Tochter, die Großmutter auf die Enkelin, diese auf beide, und alle flehen wetteifernd um schnellen Ausgang des hinschwindenden Lebens« – das Schicksal beobachtete die Naturordnung, die beiden ältern starben zuerst, die junge Frau zuletzt. Servilia, die Gemahlin des im Jahre 65 verbannten Annius Pollio, wurde im folgenden Jahre in die Anklage ihres Vaters Soranus verwickelt, weil sie in ihrer Angst den Ausgang des Prozesses durch verpönte Zauberkünste zu erforschen gesucht hatte. Vater und Tochter suchten jedes die Schuld von dem andern ab und auf sich zu wälzen, doch mußten beide sterben, und nur die Wahl der Todesart ward ihnen verstattet. Senecas Gemahlin Paulina bestand darauf, mit ihrem nach der Pisonischen Verschwörung zum Tode verurteilten Gatten zugleich zu sterben; beide öffneten sich die Adern, doch wurde sie ins Leben zurückgerufen. »Sie lebte dann noch einige Jahre, in löblicher Erinnerung an den Gemahl, so leichenblaß an Gesicht und Körper, daß man sah, ein großer Teil der Lebenskraft sei ihr entzogen worden.« Folgende rührende Geschichte meldet die Inschrift eines in den Fels gehauenen Grabdenkmals zu Cagliari. Ein Cassius Philippus war nach Sardinien (einem gewöhnlichen Verbannungsort) verwiesen worden, seine Frau Atilia Pomptilla ihm dahin gefolgt; der Mann erkrankte, vielleicht infolge des ungesunden Klimas, sie weihte sich für ihn dem Tode und starb wirklich (nach einundzwanzigjähriger Ehe), während er am Leben blieb. Vielleicht sind diese Opfertode von Frauen für ihre Männer, die der Glaube veranlaßte, daß die unterirdischen Mächte ein Leben statt des andern annehmen, öfter vorgekommen. Auch eine griechische Grabschrift nennt eine neue Alcestis namens Kallikrateia, die »für ihren trefflichen Gemahl Zeno gestorben war, den einzigen, den sie je an die Brust gedrückt hatte, den ihr Herz höher schätzte als das Sonnenlicht und die süßen Kinder«.

Unter so vielen Frauen, deren Heldenmut das stärkre Geschlecht beschämte, ist der höchste Ruhm jener Arria geworden, die ihrem zaudernden Gemahl A. Cäcina Pätus (Cos. suff. 37) den Dolch, den sie sich selbst in die Brust gestoßen, mit den unsterblichen Worten reichte: »Pätus, es schmerzt nicht.« Andre kaum minder denkwürdige Züge von der Seelengröße dieser seltnen Frau erzählt der jüngere Plinius. Ihr Gemahl und ihr Sohn lagen zu gleicher Zeit an lebensgefährlicher Krankheit darnieder. Der Sohn, die Hoffnung der Eltern, starb, und Arria trug ihn zu Grabe, ohne daß Pätus es erfuhr. Seine Fragen beantwortete sie mit erheuchelter Ruhe; es gehe besser, er habe geschlafen, Speise zu sich genommen. Wenn dann die lange zurückgehaltnen Tränen mit Gewalt hervorbrachen, verließ sie das Krankenzimmer und gab sich ihrem Schmerze hin; hatte sie sich gesättigt, so kehrte sie mit trocknen Augen und ruhigem Antlitz zurück. So nach dem Verlust des Sohns die Mutter zu spielen, sagt Plinius, war größer, als ihrem Gatten jenes Beispiel der Todesverachtung zu geben. Der Grund zu Pätus' Verurteilung war seine Teilnahme an der Verschwörung des Legaten Scribonianus in Illyrien gegen Kaiser Claudius (42 n. Chr.) Scribonianus wurde getötet und Pätus gefangen nach Rom geführt. Arria bat vergebens, das Schiff mit ihm besteigen zu dürfen; sie wollte die Stelle der Sklavin vertreten, die man einem Manne von seinem Range nicht werde versagen wollen. Als dies abgeschlagen wurde, mietete sie sich einen Schifferkahn, in dem sie dem Schiffe folgte. Zu der Gemahlin des Scribonianus, die von Claudius als Zeugin vernommen wurde, sagte sie: »Ich soll auf dich hören, die du lebst, nachdem Scribonianus in deinem Schoße getötet worden ist?« Ihr Schwiegersohn beschwor sie, sich zu erhalten, und sagte unter anderm: »Wünschest du denn, daß deine Tochter mit mir sterbe, wenn ich sterben muß?« Ihre Antwort war: »Wenn sie so lange und so einträchtig mit dir gelebt hat, wie ich mit Pätus, ja.« Die Sorge der Ihrigen um sie wurde durch diese Antwort vermehrt. Man bewachte sie aufmerksamer, sie wurde es gewahr und sagte: »Ihr erreicht nichts, ihr könnt bewirken, daß ich einen harten Tod leide; daß ich sterbe, könnt ihr nicht hindern.« Mit diesen Worten sprang sie vom Sessel auf und rannte mit solcher Gewalt ihre Stirn gegen die Wand, daß sie zusammenstürzte. Als sie wieder ins Leben zurückgebracht war, sprach sie: »Ich hatte euch gesagt, daß ich einen Weg in den Tod finden würde, wenn gleich einen schweren, falls mir ein leichter versagt wäre.« Die spätre Zeit nannte Arria in einer Reihe mit den durch Gattenliebe berühmten Frauen der Heldensage. In der Grabschrift einer Frau in Anagnia bittet der überlebende Gatte sie und Laodamia, die Seele der Verstorbnen zu empfangen und durch Aufnahme als geweihte in die Schar der römischen und griechischen Frauen zu ehren.

Arrias Tochter gleichen Namens wollte nach dem Beispiel ihrer Mutter das Schicksal ihres Gemahls Thrasea Pätus teilen, der im Jahre 66 zum Tode verurteilt ward; doch er beredete sie, am Leben zu bleiben und ihrer Tochter nicht die einzige Stütze zu entziehen. Auch diese Tochter, Fannia, bewies sich der Mutter und Großmutter würdig. Sie begleitete ihren Gemahl Helvidius Priscus zweimal in die Verbannung (unter Nero, 66, und unter Vespasian); nach seiner Hinrichtung (im Jahre 93) erlitt sie um seinetwillen dieselbe Strafe zum dritten Male: Herennius Senecio, ein Freund des Helvidius, schrieb sein Leben und wurde deshalb angeklagt: sie bekannte frei, daß sie ihn aufgefordert, ihm die Papiere ihres Mannes gegeben habe, stellte jede Mitwissenschaft ihrer Mutter in Abrede; Gefahr und Drohungen konnten ihr kein weiteres Geständnis abpressen. Herennius wurde hingerichtet, Fannia nach Konfiszierung ihres Vermögens verbannt. Das Buch, das die Ursache des Urteils gewesen, obwohl auf Senatsbeschluß verboten und vernichtet, hegte und bewahrte sie und nahm es mit in ihr Exil, das ihre Mutter mit ihr teilte und aus dem beide im Jahre 97 zurückkehrten. Plinius gibt ihr das Zeugnis, daß sie nicht weniger anmutig und liebenswürdig als verehrenswert war. Welche Frau, fragt er, werden, wenn sie aus dem Leben scheidet, die Männer ihren Gattinnen als Muster vorhalten?

 

Anschauungen wie die hier mitgeteilten beschränken sich, wie gesagt, fast durchaus auf die Existenz der Frauen, die auf die Höhen des Lebens gestellt waren, und geben, einseitig, fragmentarisch und unzusammenhängend wie sie sind, auch von dieser kein Gesamtbild. Wie das weibliche Leben sich in den mittlern und untern Schichten der Gesellschaft gestaltete, darüber finden wir in der Literatur kaum hier und da eine flüchtige Andeutung. Nur Grabsteine von Frauen dieser Stände sind erhalten, auf denen ihre hinterbliebnen Gatten ihre Tugenden rühmen; einmal freilich gesteht auch ein Witwer mit naiver Aufrichtigkeit in der Grabschrift seiner Frau: »An dem Tage ihres Tods habe ich bei den Göttern und den Menschen meinen Dank bezeugt.« Daß die Grabschriften der Frauen aller Stände einander gleichen mußten, ist in einer ausführlichen Lobrede auf eine (keinesfalls einer vornehmen Familie angehörige) Verstorbne (Murdia, vielleicht aus der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts) ausdrücklich gesagt: »Da das Lob aller guten Frauen einfach und ähnlich zu sein pflegt, weil die von der Natur verliehnen, durch eigne Hut bewahrten Tugenden keiner Mannigfaltigkeit bedürfen, und es genug ist, daß alle sich desselben guten Rufs würdig erwiesen haben; und weil es für eine Frau schwer ist, neuen Ruhm zu erwerben, da ihr Leben nicht in so vielen Wechselfällen umhergeworfen wird: so müssen sie notwendig nach dem allen Gemeinsamen streben, damit nicht die Unterlassung irgendeines von den gerechten Geboten alles Übrige schände. Um so größern Ruhm hat meine teuerste Mutter erworben, da sie in Bescheidenheit, Rechtschaffenheit, Keuschheit, Gehorsam, häuslicher Arbeit ( lanificio), Sorgfalt und Treue den übrigen rechtschaffnen Frauen gleich und ähnlich gewesen ist und keiner nachgestanden hat.« Ähnlich sagt der Gatte der Turia in seiner bereits erwähnten Lobschrift auf seine verstorbne Gemahlin: »Wozu sollte ich die häuslichen Tugenden der Keuschheit, Unterwürfigkeit, Freundlichkeit, Nachgiebigkeit, des Fleißes bei der Wollarbeit, der Religiosität ohne Aberglauben, der Vermeidung des Auffallenden und Übertriebnen in Schmuck und Tracht – wozu sollte ich dies alles überhaupt erwähnen? Wozu von deiner Liebe zu den Deinen, der Anhänglichkeit an die Verwandten reden, da du meine Mutter ebenso wie deine Eltern geehrt und für jene nicht minder als für deine eignen Angehörigen gesorgt, überhaupt Unzähliges mit allen Frauen gemein gehabt hast, die auf Frauenehre halten?«

Diese Auffassung des Frauenlebens wird auch in mittlern Kreisen überall und zu allen Zeiten die herrschende gewesen sein; um so eher kann es erlaubt sein, diese Grabschriften zusammenzustellen, trotz der Verschiedenheit oder Ungewißheit von Ort und Zeit, welch letztre sich zum Teil ebensowenig bestimmen läßt wie Stand und Verhältnisse der betreffenden Personen. Geben übrigens die Inschriften auch von diesen, welchen sie die Prädikate der »seltensten, sittenstrengsten, unvergleichlichen« Gattinnen und ähnliche aufs freigebigste spenden, gewiß keine zuverlässigen Nachrichten, so zeigen sie doch, welche Eigenschaften an Frauen vorzugsweise geschätzt wurden. In einer Grabschrift aus der Zeit der Republik ist der Stein selbst redend eingeführt: »Kurz, Wandrer, ist mein Spruch; halt an und lies ihn durch. Es deckt der schlechte Grabstein eine schöne Frau. Mit Namen nannten Claudia die Eltern sie; mit eigner Liebe liebte sie den eignen Mann; zwei Söhne gebar sie; einen ließ auf Erden sie zurück, den andern barg sie in der Erde Schoß. Sie war von art'ger Rede und von edlem Gang, besorgt' ihr Haus und spann. Ich bin zu Ende, geh.« Es gereichte den Frauen zum Ruhm, nur einem Manne gehört zu haben, was bei den frühen Vermählungen, leichtsinnigen Scheidungen und Wiederverheiratungen mindestens nicht die Regel war. Ein kaiserlicher Freigelassener rühmt seiner Frau nach, sie habe durch ihre Keuschheit ein herrliches Beispiel gegeben »und auch ihre Söhne mit eignen Brüsten genährt«; ein andrer Witwer hebt an seiner Frau hervor, daß sie »Amme von zwei Senatoren« gewesen war. Oft spricht sich in diesen Inschriften ein inniges Verhältnis der beiden Gatten einfach und rührend aus. Eine derselben lautet: »Hier liegen die Gebeine der Urbilla, Frau des Primus. Sie war mir mehr als mein Leben. Sie starb mit dreiundzwanzig Jahren, den Ihren unendlich teuer.« In einer andern heißt es: »Meiner teuersten Gattin, mit der ich achtzehn Jahre ohne Klage gelebt; aus Sehnsucht nach ihr habe ich geschworen, nie eine zweite Frau zu nehmen.« Einer im Alter von fünfundzwanzig Jahren gestorbnen Frau ist in der Grabschrift der Wunsch in den Mund gelegt, daß ihre Tochter an ihrem Beispiel lernen möchte, ihren Mann zu lieben. Ein Monument, das einem Manne von seiner überlebenden Frau errichtet ist, hat eine Inschrift, die sich in ähnlichen Wendungen auch sonst oft wiederholt: »Was ich hoffte, daß nach meinem Tode mir von meinem Gatten geschehen sollte, das habe ich Unselige jetzt an seiner Asche getan.« Ein gemeinsames Grabmal zweier Gatten hatte nach der Inschrift die überlebende Frau errichten lassen, um von dem Manne, mit dem sie 35 Jahre als Gefährtin glücklich und in ungestörter Eintracht gelebt hatte, auch im Grabe nicht getrennt zu sein. »Lebe wohl, mein Trost!« so schließt in einer andern Grabschrift der Nachruf des Manns an die Frau. Auf dem Denkmal eines Paars von Freigelassenen stehen bei dem Namen der zuerst verstorbnen Frau nur die Worte: »Ich erwarte meinen Mann.« Der schöne Nachruf: »Nie habe ich einen Schmerz von ihr erfahren als durch ihren Tod«, oder »nie habe ich von ihr eine Kränkung erfahren oder ein böses Wort gehört« – ist so vielfach angewandt worden, daß er zur Formel geworden ist. In andern Grabschriften rühmen Ehemänner ihren Frauen nach, daß sie mit ihnen »ohne Zank und Streit«, »ohne Verdruß«, »ohne Ärger« gelebt haben. Ein kaiserlicher Freigelassener sagt zum Lobe seiner Gattin, daß er sie stets frei von Begehrlichkeit gefunden habe. Ein Witwer erklärt: wenn er den Verdiensten seiner Frau den gebührenden Lohn geben könnte, müßte ihre Inschrift in goldnen Buchstaben prangen. Ein kaiserlicher Kammerdiener, der (vielleicht im Gefolge Hadrians) nach Karthago gekommen war, hat seiner dort im Alter von 17 Jahren gestorbnen Frau ein Grabmal errichtet, wie es ihr gebührte, »weil sie ihm in die Provinz Afrika gefolgt war«; und auch in einer Grabschrift in Rom wird einer Frau von ihrem Manne nachgerühmt, daß sie aus Liebe zu ihm in eine Provinz gereist sei. Eine römische Grabschrift lautet wörtlich wie folgt: »Der tugendhaftesten Gattin und sorgsamen Hauswirtin, dem Verlangen meiner Seele, die mit mir 18 Jahre, 3 Monate und 13 Tage gelebt hat. Ich habe ohne Klage mit ihr gelebt, aber jetzt klage ich bei ihren Manen und verlange von dem Gotte der Unterwelt: entweder gebt mich meiner Gattin wieder, die mit mir bis zum Tage des Verhängnisses so einträchtig gelebt hat, oder du, Mevia Sophe, erwirke (falls es abgeschiedne Geister gibt), daß ich eine so schreckliche Scheidung nicht länger erdulden darf. Fremdling, so möge dir die Erde leicht sein, wie du an diesem Grabe nichts versehrst; wer aber daran etwas versehrt, der soll weder den Göttern gefällig sein, noch die Unterwelt ihn aufnehmen, und die Erde soll ihm schwer sein.« Nicht bloß die Tage der Ehe und des Lebens, wie in dieser Inschrift, sondern auch die Stunden sind öfters in Zahlen angegeben; was nur in Zeiten geschehen konnte, wo man auf die Stunden der Geburt und wichtiger Zeitereignisse sorgfältig achtete, um astrologische Berechnungen darauf zu basieren; und die Häufigkeit solcher Inschriften ist ein Beweis mehr für die ungemeine Verbreitung dieses Aberglaubens, die sich z. B. auch aus der Erzählung des Plinius ergibt, daß die erkrankte Verania (Witwe des von Galba adoptierten Piso) die Frage des Regulus nach ihrer Geburtsstunde sofort beantworten konnte, worauf dieser eine Berechnung ihrer Lebensdauer anstellte. Ein Witwer in Lyon fordert diejenigen, welche die Grabschrift seiner Frau lesen, auf, in das Apollobad zu gehen und dort zu baden; er habe es mit ihr zusammen getan und wünsche, er könnte es noch. Eine Witwe empfiehlt ihren gestorbenen Gatten den Unterweltsgöttern und bittet sie, seinem Geiste zu gestatten, ihr während der Nachtstunden zu erscheinen.

Auf den Denkmälern, welche die häuslichen Tugenden der Frauen rühmen, heißt es öfters, sie seien gute Beraterinnen und Erhalterinnen des Vermögens gewesen und hätten sich die Bereitung der Wolle angelegen sein lassen. »Als erste erhob sie sich vom Lager, als letzte begab sie sich zur Ruhe, nachdem sie alles im Hause in Ordnung gebracht; nie legte sie ohne dringenden Anlaß die Wollarbeit aus der Hand«, heißt es in der neuerdings gefundnen Grabschrift der Allia Potestas, die neben der Hervorhebung der vortrefflichen Charaktereigenschaften der Verstorbnen auch eine recht indiskrete Schilderung ihrer körperlichen Reize gibt. Ein kaiserlicher Sklave, der Dispensator in Niedermösien war, rühmt von seiner Frau: »Sie war der Schutzgeist meines Hauses, meine Hoffnung, mein einziges Leben. Was ich wünschte, wünschte auch sie, mied, was ich mied. Keiner ihrer innersten Gedanken war mir je verborgen. Auch ermangelte sie nicht des Fleißes bei der Wollarbeit, war sparsam, doch freigebig aus Liebe zu ihrem Mann. Speise und Trank mundete ihr nicht ohne mich. Trefflich war ihr Rat, klug ihr Sinn, edel ihr Ruf.« Ein gewaltiger Sarkophag, in welchem sich ein andrer kleiner befand, trägt folgende Inschrift in großen, sehr schönen Buchstaben: »Amymone, Frau des Marcius, liegt hier: gut war sie und schön, eine fleißige Spinnerin, wirtlich, häuslich, züchtig, keusch und fromm.«

Es ist zu bedauern, daß diese Inschriften – aus dem bereits angedeuteten Grunde – nicht mehr Individuelles enthalten. Wäre dies der Fall, so würden sie uns ganz andre Einblicke in das Leben der Frauen gewähren als Geschichte und Sittenforschung. Denn jene, die von hoher Warte aus die Weltschicksale übersieht, bewahrt das Bild des Einzelnen nur dann für die Nachwelt auf, wenn Verhältnisse oder eigner Wert ihn über das Niveau der Masse erhoben haben; während die Sittenschilderung, welche die Menge der einzelnen Eindrücke zu Gesamtbildern zu vereinigen sucht, auch bei der strengsten Wahrheitsliebe in Auffassung wie Darstellung sich von dem Einfluß der Subjektivität nie völlig freimachen kann.

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