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Sittengeschichte Roms

Ludwig Friedländer: Sittengeschichte Roms - Kapitel 6
Quellenangabe
typereport
authorLudwig Friedlaender
titleSittengeschichte Roms
publisherPhaidon-Verlag
year1934
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160513
projectidaca0d7b3
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IV. Der gesellige Verkehr

Bereits ist darauf hingewiesen worden, daß die Formen des Verkehrs am Hofe sich nach den sonst in Rom üblichen festgestellt, dann aber diesen wieder vielfach zum Vorbilde gedient und auf sie bestimmend eingewirkt haben. Auch diese Wechselwirkungen lassen sich freilich nur unvollkommen erkennen, zum Teil nur vermuten. Das bereits geschilderte Verhältnis der Klienten zu ihren Patronen bietet die meisten Analogien für die Hofsitte, da es dem der am Hofe verkehrenden Personen zum Kaiser in manchen Beziehungen entsprach. Aus der Betrachtung eines Verhältnisses zwischen Vornehmern und Geringern läßt sich aber natürlich nur eine einseitige und unvollständige Kenntnis der Umgangsformen jener Zeit gewinnen. Auch waren die Verpflichtungen ( officia), die der gesellige Verkehr mit sich brachte, sehr mannigfacher Art, und sie konnten von niemandem, der sich der Geselligkeit nicht ganz entzog, ungestraft umgangen werden, am wenigsten von Hochgestellten; der Einfluß einer mehr und mehr sich ausbildenden Hofsitte trug, wie gesagt, sowohl zu ihrer Vermehrung wie zu ihrer genaueren Regelung bei.

Wie am Hofe war auch in den vornehmen Häusern nicht bloß für die Klienten, sondern für alle Besucher die eigentliche Empfangszeit in den beiden ersten Tagesstunden. Dies war der römischen Tageseinteilung ganz angemessen, welche die sämtlichen Verrichtungen und Geschäfte in die Zeit der Tageshelle verlegte und am Nachmittage mit dem Hauptmahle beschloß: wo denn für einen großen Teil der geselligen Verpflichtungen keine andre Zeit übrig blieb als die des Tagesanbruchs. Den großen Palästen strömte darum in jeder Frühe eine bunte Menge zu, von deren Tritten der Boden dröhnte. Die Klienten des Hauses, gar mancher in schmutziger Toga und geflickten Schuhen, lärmten und drängten sich schon seit der Dämmerung auf dem Vorplatz, zuweilen in solcher Masse, daß sie die Gasse stopften und den Durchzug der Vorübergehenden hinderten. Sänftenträger in roten Mänteln, ähnlich wie Soldaten gekleidet, brachten einen reichen Mann in eiligem Laufe getragen, der hinter zugezognen Vorhängen seinen Morgenschlummer fortsetzte und von einem Gefolge eigner Klienten umgeben war. Man vernahm den bekannten Ruf des Liktors, der die Ankunft eines Konsuls ankündigte, und vor den mit Rutenbündeln voraustretenden und an die Tür schlagenden Amtsdienern wich die Menge auseinander und machte dem hohen Würdenträger in purpurverbrämter Toga Platz. Da war der dürftige griechische Gelehrte, der sich um eine Lehrerstelle in dem vornehmen Hause bewarb und deshalb sich über sein Vermögen gekleidet und in Schnitt und Farbe seine Tracht nach Möglichkeit dem Geschmack des vornehmen Manns anbequemt hatte, oder (namentlich in Marc Aurels Zeit) der griechische Philosoph in grobem Mantel und langem Barte, der sich bei einem Sklaven eifrig um eine Einladung zur Tafel bemühte, aber auch der Senator, der sich um ein Konsulat, der Ritter, der sich um ein Legionstribunat bewarb – und überhaupt der ganze Schwarm derer, die etwas für sich zu erlangen hofften, die Plutarch mit den Fliegen in einer Küche vergleicht. Seneca sagt (gewiß aus eigner Erfahrung), daß manche sich gerade bei denen selten zur Aufwartung einstellten, denen sie das Leben oder eine Würde verdankten, und so, indem sie es vermeiden wollten, für Klienten zu gelten, den Namen von Undankbaren verdienten. An der Türe hielt, mit einem Rohrstabe bewaffnet, der Pförtner Wache, dessen guten Willen man gewöhnlich erkaufen mußte; Vernünftige, sagt Seneca, betrachten ihn wie den Pächter eines Brückenzolls, während andre, die den Eintritt erzwingen wollten, ihm grobe Antworten gaben, sein Rohr zerbrachen oder sich an den Herrn wandten und seine Durchpeitschung verlangten. Geringere wurden barsch abgewiesen und die Tür vor ihnen zugeworfen.

Der zum Empfang bestimmte Raum, das Atrium, eine Säulenhalle mit einer großen Lichtöffnung in der Decke, vermochte in vornehmen Häusern eine große Menge von Besuchern zu fassen. Bänke standen hier für die Wartenden; als am Neujahrstage des Jahres 31 alles in den Palast Sejans strömte, um ihm beim Antritt des Konsulats zu huldigen, brach ein Sofa unter der Menge der darauf Sitzenden zusammen: eines von den unglücklichen Vorzeichen, die seinen bevorstehenden Sturz andeuteten. Die Großartigkeit und Pracht der weiten, hohen, mit buntem Marmor prangenden Räume, die endlosen Reihen der Ahnenbilder, die Menge der geschmückten Dienerschaft – alles vereinte sich, um den solchen Glanzes ungewohnten Besucher mit Scheu und Beklommenheit zu erfüllen. Hier mußte man mit den einflußreicheren Sklaven und Freigelassenen des Hauses wegen der Vorlassung unterhandeln oder sie bestechen; der Nomenklator, dessen Geschäft die Nennung der Namen der Vorgelassenen war, bedurfte langer schriftlicher Verzeichnisse, obwohl man zu diesem Amte nur Leute von besonders gutem Gedächtnis wählte. Wie am Hofe waren die Besucher in Klassen erster und zweiter Vorlassung abgeteilt; im Innern der Paläste gab es wieder viele Türen, die sich nur für eine kleine Anzahl öffneten; nur Vertraute oder Bevorzugte wurden einzeln oder in kleiner Zahl in die innern Gemächer oder selbst in das zum Empfange eingerichtete Schlafzimmer vorgelassen, die große Mehrzahl von dem Hausherrn im Atrium begrüßt. Wenn Plautianus, so erzählt Cassius Dio, seine Freunde vor den andern Besuchern zu sich hereinrufen ließ, folgte ihnen Cöranus, der sich den Anschein geben wollte, zu den Vertrauten des mächtigen Manns zu gehören, bis an die letzte Tür; und wenn diese auch für ihn verschlossen blieb, so erreichte er doch in den Augen der im Atrium wartenden Menge seinen Zweck. Überhaupt war der Empfang der mächtigen Großen dem Empfange am Hofe sehr ähnlich. Vor Sejans Türe drängte man sich wie vor dem kaiserlichen Palast, da jeder fürchtete, zu spät oder gar nicht bemerkt zu werden; Senatoren huldigten seinen Klienten, legten selbst auf die Bekanntschaft mit seinen Türstehern und Freigelassenen hohen Wert und ertrugen ihren Hochmut und ihre Gunst. Plutarch sagt, daß diejenigen, die in den Häusern der Reichen und Hochgestellten ein großes Gewühl und Getöse von Begrüßenden, Huldigenden und Aufwartenden sehen, jene wegen ihres Reichtums an Freunden glücklich preisen. Seneca, der, um Neros Verdacht von sich abzulenken, im Jahre 62 überhaupt den mit seiner bisherigen hohen Stellung notwendig verbundenen Glanz vermied, verbat sich auch die Morgenaufwartungen. Auch gesuchte Gerichtsredner hatten die Genugtuung, ihre Häuser täglich durch das Zusammenströmen der angesehensten Männer gefüllt und belebt zu sehen. War die Empfangszeit vorüber, dann spieen, wie Vergil sagt, die großen Paläste aus stolzen Pforten eine gewaltige Woge von Morgenbesuchern aus.

Die Sitte der Morgenaufwartung und der Begleitung der Patrone beim Ausgange durch ihre Klienten scheint sich im wesentlichen unverändert bis in die letzte Zeit des römischen Altertums erhalten zu haben. Tertullian sagt (um 200), daß Bewerber um ein Amt bei Nacht und vor Beendigung des Verdauungsprozesses sich in sämtlichen Atrien einen Platz sicherten. Der Astrolog Firmicus (um 334-337) spricht von Leuten, die in Morgenbesuchen über alle Schwellen eilen. »Ich schäme mich«, sagt der heilige Hieronymus in einem Briefe, »von der Häufigkeit der Besuche zu reden, die wir entweder täglich bei andern machen oder bei uns empfangen«, und Symmachus spricht etwa um dieselbe Zeit von den vor den Türen der Mächtigen verwachten Nächten. Der Gallier Orientius beschreibt (um die Mitte des 5. Jahrhunderts), wie ein Bewerber bei Tagesanbruch aufsteht, dann von der Tür des Reichen, an den er sich wenden will, einschläft oder vom Liktor mit Schlägen fortgejagt wird, falls er nicht den Pförtner besticht. Sidonius Apollinaris rühmt von zwei sehr vornehmen Konsularen, die beim Ausgehen stets von einem gewaltigen Gefolge von Klienten umgeben waren, daß der Zutritt bei ihnen weder schwierig noch kostspielig war. Paulinus von Pella sagt in seinem im Jahre 459 verfaßten Gedicht, daß sein ehrenvoller Aufzug mit Scharen unterwürfiger Klienten prangte.

Nicht bloß die Höflichkeitsbesuche, die nach damaliger Sitte so viel häufiger und regelmäßiger gemacht werden mußten, als nach der heutigen, sondern auch eine Anzahl von Feierlichkeiten, die nur im Beisein geladner Gäste vollzogen werden konnten, pflegten in der ersten Frühe stattzufinden. Dazu gehörte namentlich die Anlegung der Männertoga, die den Eintritt des erwachsenen Knaben in das reifere Alter und seine Befähigung zur Teilnahme am öffentlichen Leben bezeichnete: daß der spätere Kaiser Claudius, der als Knabe geflissentlich zurückgesetzt wurde, sich zu dem diese Feierlichkeit beschließenden Opfer auf dem Kapitol in einer Sänfte bereits um Mitternacht, und zwar ohne die übliche Begleitung, begeben mußte, geschah eben, um auch bei diesem Akt die gewohnte Öffentlichkeit auszuschließen. Auch bei Hochzeiten wimmelten die Häuser beider Verlobten schon von Gästen, wenn kaum der Tag angebrochen war. Desgleichen wurden Verlobungsfeste in der ersten und zweiten Tagesstunde gefeiert, und die dazu Geladnen kamen so zuweilen um die für die Verdauung erforderliche Nachtruhe. Bei den Familienfesten der ersten Bartschur und der Haarweihe pflegten sich Gratulanten einzufinden. Besonders aber erforderte die Sitte, daß zum Amtsantritt der Magistrate sich alle einstellten, die zu ihnen in Beziehung standen, und zwar selbstverständlich ebenfalls in der ersten Frühe; namentlich der feierliche Zug der Freunde, Bekannten und Klienten, in dem sich die neuen Konsuln auf das Kapitol begaben, wird oft erwähnt, aber auch die Aufwartung bei andern Beamten. Hadrian wohne dem Amtsantritt von Konsuln und Prätoren bei, und der große Gönner des jungem Plinius, der dreimalige Konsul Verginius Rufus, der im Jahre 97 starb, kam bei jedem von jenem anzutretenden neuen Amt vom Lande in die Stadt, auch als er sich sonst bereits von allen solchen Feierlichkeiten fernhielt. Auch der etwa um dieselbe Zeit verstorbne Corellius Rufus hatte dem jüngern Plinius bei allen Amtsantritten das Geleit gegeben. Ein Brief, in dem der letztere sein Ausbleiben bei dem Antritt des Konsulats des Valerius Paulinus durch die dringende Notwendigkeit, die Verpachtung seiner Güter selbst zu besorgen, entschuldigt, zeigt, mit welcher Sicherheit die Beamten auf das Erscheinen ihrer sämtlichen Freunde zählen durften, und daß sie ihr Wegbleiben ohne triftige Gründe übelnahmen. Es fehlte übrigens auch nicht an solchen, die sich aus der Erfüllung dieser Pflichten ein Vergnügen machten, und ohne deren Begleitung man keinen neuen Konsul oder Tribunen öffentlich erscheinen sah. Noch Ammianus Marcellinus sagt, daß kleinmeisterliche Beurteiler von Geschichtswerken es tadelten, wenn darin nicht die Namen aller angegeben waren, die sich zum Geleit des antretenden Stadtprätors eingefunden hatten.

Andre im Beisein zahlreicher Teilnehmer begangene Akte oder Feierlichkeiten fielen in die spätem Tagesstunden, wie z. B. Leichenbegängnisse; und für solche, deren gesellige Beziehungen einigermaßen ausgedehnt waren, wurde die Erfüllung dieser Obliegenheiten höchst zeitraubend und füllte nicht selten ganze Tage aus, ohne daß sie doch allen Ansprüchen genügen konnten. Hat man zahlreiche Freunde, sagt Plutarch, so verlangt vielleicht gleichzeitig der eine, daß man ihn in einem Prozeß verteidigt, der andre, daß man ihn im Richteramt als Beisitzer unterstützt, der dritte Beistand bei einem Kauf oder Verkauf, wieder andre Teilnahme an einem Hochzeitsfest oder Begräbnis. Entschuldigung mit Vergeßlichkeit oder Unwissenheit wird nicht so übelgenommen, als wenn man die Versäumnis mit der Notwendigkeit entschuldigt, der Aufforderung eines andern Freundes zu folgen, z. B. einen unterlassenen Krankenbesuch mit einer Einladung zu Tisch. Martial mußte vor Tagesanbruch aufstehen, um Besuche zu machen und Gratulationen abzustatten, die nicht erwidert wurden. Dann hatte er bald etwas beim Dianatempel mit zu untersiegeln, bald war er eine Verabredung für die erste, dann wieder für die fünfte Stunde eingegangen, bald war er durch einen Konsul oder Prätor in Anspruch genommen, bald mußte er eine Vorlesung eines Dichters anhören, die einen ganzen Tag ausfüllte. Aber auch einem Anwalt konnte man nicht ungestraft versagen, sich bei seiner Rede, oder einem Grammatiker oder Rhetor, sich bei ihren Vorträgen einzufinden. So kam er endlich müde nach der zehnten Stunde (der zweiten vor Sonnenuntergang) ins Bad und hatte keine Zeit zum Dichten. »Es ist merkwürdig«, sagt der jüngere Plinius, »wie in Rom an jedem einzelnen Tage die Rechnung stimmt oder zu stimmen scheint, im ganzen aber, und wenn man mehrere zusammen nimmt, gar nicht. Denn wenn man jemanden fragt: Was hast du heute getan? so ist die Antwort: Ich habe einer Bekleidung mit der Männertoga beigewohnt, eine Verlobung oder Hochzeit besucht; jener hat mich zur Mituntersiegelung seines Testaments, dieser zum Beistande vor Gericht, ein dritter zur Teilnahme an einer Sitzung eingeladen. Dergleichen Dinge erscheinen an dem Tage, wo man sie getan hat, notwendig; wenn man bedenkt, daß man sie täglich getan, nichtig, und das um so mehr, wenn man Rom verlassen hat.« Unter den von Plinius erwähnten Sitzungen sind Gerichtssitzungen zu verstehen, zu denen die Magistrate wie die Präfekten, Prätoren und Ädilen ihre Freunde (wohl auch der Ehre halber) als Beisitzer einluden. Außerdem hat Plinius einige gesellige Verpflichtungen beispielsweise genannt, die wohl hingereicht haben mögen, einen Tag auszufüllen; doch gab es deren noch viele andre, auch von Plutarch und Martial nur teilweise angeführte, die oft noch lästiger und zeitraubender waren; wobei man in Anschlag bringen muß, daß meistens ein festlicher Anzug erfordert wurde, dies z. B. auch bei der Abfassung von Urkunden und Testamenten. Plinius erzählt, daß eine angesehene Frau, Aurelia, zur Untersiegelung ihres Testaments ihre besten Tuniken angelegt hatte; der zu diesem Akt miteingeladene Regulus war schamlos genug, sie zu bitten, daß sie ihm diese vermachen möchte. »Zu welchem Zwecke«, fragt Seneca, »sind jene geschmückten Männer eingeladen und drücken ihr Siegel auf? Damit dieser nicht ableugnen könne, empfangen zu haben, was er wirklich empfangen hat.« Außer den Testamenten (bei deren Eröffnung die Besiegler ebenfalls gegenwärtig sein mußten) erforderten noch viele andre Handlungen, z. B. die Freilassung von Sklaven, zu ihrer Rechtsgültigkeit Unterschrift und Siegel mehrerer Zeugen; die Reihenfolge, in der dieselben beides unter das betreffende Dokument setzten, bestimmte sich nach ihrem Range und nach der Rücksicht, die man auf sie nahm. Der Wert, der auf Behauptung des Rangs gelegt wurde, zeigt sich übrigens auch in der strengen Etikette, die bei der Anordnung der Plätze an der Tafel herrschte; Seneca rügt es wiederholt als Torheit, unwillig zu werden, wenn man bei einem Gastmahl einen minder ehrenvollen Platz, als man erwartete, erhalte. Die für die halbrunden Speisesofas festgesetzte Rangordnung hat sich bis in das Mittelalter erhalten.

Eine gewiß sehr häufige Veranlassung zu Höflichkeitsbesuchen war die Abstattung von Geburtstagsgratulationen. Außer Krankenbesuchen waren auch Kondolenzbesuche zu machen; als Regulus seinen einzigen Sohn verloren hatte, strömte die ganze Stadt zu ihm, obwohl er allgemein verabscheut war. Oder man mußte einen neu ernannten Beamten zu seiner Ernennung beglückwünschen, einem in die Provinz abgehenden das Geleit geben. Der Beistand bei einer gerichtlichen Verhandlung konnte viele Tage, die Unterstützung eines Kandidaten bei seiner Amtsbewerbung sogar Wochen in Anspruch nehmen. Am häufigsten und zugleich zeitraubendsten dürften aber die Vorlesungen der Autoren gewesen sein; diese, welche selbst in den heißen Sommermonaten zuweilen wochenlang an jedem Tage stattfanden, rechnet Juvenal neben den unaufhörlichen Einstürzen und Bränden zu den schlimmsten und gefährlichsten Übeln Roms. Bei allen derartigen Veranlassungen wurde der Sitte gemäß die Anwesenheit nicht nur der Freunde und Klienten, sondern aller, die zu dem Beteiligten in irgendwelcher Beziehung standen, erwartet. Cicero sagt, daß man vor Tagesanbruch die weitesten Wege machte, um die mit der Männertoga bekleideten Söhne selbst der geringsten Leute auf das Forum zu geleiten: und wenngleich nicht ganz in demselben Umfange wie in der Republik, wurden solche und ähnliche Verpflichtungen gewiß auch in der Kaiserzeit anerkannt. Aus dem Wunsche, namentlich Festlichkeiten im Beisein möglichst zahlreicher Versammlungen zu begehen und sich für die erwiesne Ehre sowie für die verursachte Mühe dankbar zu zeigen, entwickelte sich die Sitte, sämtlichen Teilnehmenden eine Gabe in Geld zu verabreichen, welche in Rom im Anfange des zweiten Jahrhunderts bereits bestanden zu haben scheint.

In diesem Strudel der Geselligkeit war es schwer, sich selbst zu leben, und tiefere Naturen retteten sich aus den »Fluten und Stürmen« Roms gern in die ländliche Stille und Einsamkeit; nicht alle vermochten es, die Fesseln, deren Druck sie schmerzlich empfanden, abzustreifen; Senecas Schriften z. B. enthalten fast auf jeder Seite Klagen über die Unersprießlichkeit und Inhaltslosigkeit des Lebens in Rom. Nie, sagt Martial, ist man Herr seiner Zeit, man wird in dem Meere der Stadt umhergeworfen, und das Leben vergeht in fruchtlosem Abmühen. Dagegen für den geschäftigen Müßiggang war dies die eigentliche Lebensluft, in der er so wie nirgends gedieh und eine ungewöhnliche Ausbreitung gewann. Die Zahl derer, die ihr Leben in Begehung unnützer Förmlichkeiten, in Bezeigung leerer Höflichkeiten verbrachten, war schon zu Anfang der Kaiserzeit unverhältnismäßig groß; sie bildeten eine eigne, in die Augen fallende Klasse und wurden mit einem, wie es scheint, aus dem Minus stammenden Namen »Ardalionen« benannt. In einem unter Tiberius geschriebnen Buche des astrologischen Werks des Manilius heißt es, daß die unter einer gewissen Konstellation Gebornen von regem Geist, behendem Körper und unermüdet im Diensteifer sein, einem Volke gleichen und in ganz Rom wohnen werden, »über alle Schwellen eilend und als Allerweltsfreunde überallhin in der Frühe dieselben Worte des Grußes tragend«. Es gibt, so schreibt ein andrer Dichter unter Tiberius, zu Rom eine Nation von Ardalionen, die eilfertig umherrennt, voller Geschäftigkeit im Müßiggang, um nichts in Atem, vieles betreibt und nichts zustande bringt, sich selbst beschwerlich, andern aufs höchste widerlich ist. Seneca vergleicht diese geschäftigen Müßiggänger, welche sich in Häusern, Theatern und auf den Foren umhertrieben, mit Ameisen, die (wie er meinte) ohne Plan und Zweck an Bäumen zum Gipfel hinauf und wieder zur Wurzel hinab laufen. Es sind die Leute, deren Leben eine ruhelose Untätigkeit ist, die nie etwas zu tun haben, aber immer so aussehen, als hätten sie etwas zu tun, die nicht ein bestimmtes Vorhaben, sondern der neue Morgen aus dem Hause treibt, die nur ausgehen, um das Gedränge zu vermehren. Wenn sie aus der Tür treten, geben sie auf die Frage: Wo gehst du hin? Was hast du vor? zur Antwort: Ich weiß es in der Tat selbst nicht; aber ich will einige Besuche machen, irgend etwas unternehmen. Man fühlt Mitleiden mit ihnen, wenn man sie laufen sieht wie zum Feuerlöschen, so sehr rennen sie an die Begegnenden an und stürzen sich und andre kopfüber. Und weshalb laufen sie? Um einen Besuch zu machen, der nie erwidert wird, um sich dem Leichenbegängnis eines Unbekannten anzuschließen, oder zu einer gerichtlichen Verhandlung in der Angelegenheit eines Prozeßsüchtigen, oder zur Verlobungsfeier einer Frau, die häufig Hochzeit macht. Wenn sie aus den nichtigsten Veranlassungen in der ganzen Stadt umhergerannt sind und endlich wieder nach Hause kommen, beteuern sie, sie wüßten gar nicht, weshalb sie ausgegangen, wo sie gewesen seien, und – treten am nächsten Tage ihre Wanderungen von neuem an. Es gab selbst Greise, die keine Schwelle unbetreten ließen und an jedem Morgen schweißbedeckt und »von den Küssen des ganzen Rom feucht« umherkeuchten; Männer über sechzig Jahre mit weißen Haaren, die täglich die ganze Stadt durcheilten und vor dem Lehnsessel jeder Frau ihren Morgengruß abstatteten, die bei dem Amtsantritt jedes Tribunen, aller Konsuln sich einstellten, zehnmal an jedem Tage die Straße zum kaiserlichen Palast hinaufliefen und die Namen der mächtigsten Höflinge im Munde führten. »Dies mögen«, so schließt Martial, »immerhin junge Männer tun, aber nichts ist häßlicher als ein alter Ardalio.« Etwa ein Jahrhundert später schildert Galen die, wie er versichert, in Rom gewöhnliche Art, den Tag hinzubringen, folgendermaßen: in der Frühe macht jedermann Besuche, dann begibt sich eine große Menge auf das Forum zu den Gerichtsverhandlungen, eine größre zu den Wagenlenkern und Pantomimen, eine nicht geringe Anzahl verbringt die Zeit mit Liebschaften, Würfelspiel, Bädern, Trinkgelagen und andern körperlichen Genüssen, bis sich abends wieder alles bei den Gastmählern versammelt, wo dann die Unterhaltung nicht in Musik und ernsten Gesprächen besteht, sondern in wüstem Zechen, das oft bis an den Morgen währt.

Wie groß aber auch in Rom die Zahl der Ardalionen sein mochte, so wurden doch natürlich bei weitem die meisten jener Besucher, die in den Frühstunden unaufhörlich die Straßen durchzogen, nicht von bloßer Ruhelosigkeit oder dem Verlangen, die Zeit zu töten, getrieben, sondern von dem Streben nach Gewinn und Vorteilen welcher Art auch immer. In der Tat war dies Streben ganz eigentlich die Haupttriebkraft des geräuschvollen und rastlosen Treibens, das Tag für Tag Straßen und Paläste erfüllte: es war eine allgemeine Jagd nach dem Besitz als dem höchsten oder vielmehr einzigen Gut, von dem alle übrigen abhingen, das Rang und Stand, Ehre und Ansehen verlieh. Die freilich überall und zu allen Zeiten erhobne Klage, daß Reichtum allein geschätzt werde und Geltung verschaffe, erhielt ihre besondre Berechtigung im damaligen Rom nicht bloß dadurch, daß für die Armen die Existenz je länger desto unerschwinglicher wurde (schon längst hätten sie, sagt Umbricius bei Juvenal, in Masse auswandern sollen), sondern namentlich dadurch, daß der Stand sich nach dem Vermögen richtete, und daß im ersten Stande die hohen Ehrenstellen wegen des erforderlichen Aufwands nur von sehr Begüterten bekleidet werden konnten. Dadurch, sagt der ältere Plinius, sei alles zugrunde gegangen, was dem Leben wahren Wert und Erhebung verleihe, und Erniedrigung das beste Mittel zum Emporkommen geworden; dieser ergebe sich der eine auf diese, der andre auf jene Art, doch die Wünsche und das Streben aller seien auf ein und dasselbe Ziel, den Besitz, gerichtet, und selbst ausgezeichnete Männer sehe man vielfach fremden Lastern größre Ehre erweisen als den eignen Tugenden. »Wenn auch das verderbliche Geld«, sagt Juvenal, »noch nicht als Gottheit in einem Tempel wohnt, noch keine Altäre der klingenden Münze erbaut sind, so wird doch der Majestät des Reichtums die höchste Verehrung gezollt.« Auch Galen klagt wiederholt, daß die Jagd nach Geld und Ehre, Macht und Genuß alle idealen Bestrebungen vernichtet habe.

Wenn sich nun die grobe Selbstsucht, der plumpe Materialismus auch unter den feinsten und glättesten Formen verbarg, so wurde doch niemand dadurch getäuscht, der nicht blind oder verblendet war. Es war ein öffentliches Geheimnis in Rom, daß gerade die Aufmerksamsten und Eifrigsten unter allen Höflichkeitsbeflissenen ( officiosi) gewerbsmäßige Erbschleicher waren, die also mit gespannter Erwartung auf den Tod derer lauerten, die sie mit Freundschafts- und Ehrerbietungsbezeugungen überhäuften; ja die sich nicht immer begnügten, den Eintritt des ersehnten Ereignisses von Astrologen berechnen zu lassen, sondern auch vielleicht Ärzte bestachen, ihn durch Gift zu beschleunigen, was nach der Invektive des ältern Plinius gegen die Medizin nur zu oft geschah. Keine Erscheinung ist für das damalige Rom charakteristischer, keine zeigt die Lügenhaftigkeit dieses ganzen Formenwesens in so grellem Licht wie der Umfang, in dem die Erbschleicherei wie ein Gewerbe betrieben wurde. Kaum wäre dafür in irgendeiner Periode der Geschichte eine Analogie zu finden. Daß damals, und keineswegs bloß von Glücksrittern und Spekulanten, grade dieser Weg eingeschlagen wurde, um zu dem gewünschten Ziele zu gelangen, das hatte seinen Grund in der beispiellosen und unnatürlichen Ausdehnung der Ehe- und Kinderlosigkeit in den höhern Ständen. Die Ehe hatte schon in der Republik für eine Last gegolten, der sich zu unterziehen der Bürger nur durch die Pflicht gegen den Staat bewogen werden könne. Die Zeit der Bürgerkriege untergrub die schon gelockerten sittlichen und sozialen Zustände vollends auf die Dauer, und die von Augustus versuchte Restauration mußte oberflächlich bleiben, da all seine Maßregeln nur gegen die Symptome des Übels gerichtet waren, dessen Wurzeln abzugraben er nicht vermochte. Vergebens hatte er sich bemüht, die Ehe durch Belohnungen und Auszeichnungen der Verheirateten und Eltern, durch Strafen der Ehe- und Kinderlosen zu heben und zu stützen. Denn die Vorteile, die den letztern zuflossen, wenn sie eine Erbschaft zu vergeben hatten, konnten dadurch nicht aufgewogen werden; und hatte ihr Stand schon längst als der gemächlichste und sorgenfreiste gegolten, so wurde er nun noch weit mehr beneidet und gepriesen.

Schon in der Zeit des Augustus hatte die Erbschleicherei sich zur Kunst ausgebildet, die nach Regeln systematisch betrieben wurde, ihre technischen Ausdrücke hatte, in der man Virtuosen und Anfänger unterschied. Seneca rechnet die Redner L. Arruntius und Q. Haterius (beide von senatorischem Stande) zu denjenigen, die aus der Erschleichung von Testamenten ein Geschäft machten. Schon damals waren die Verhältnisse zwischen den Erbschleichern und den Reichen ohne Erben ein willkommener Gegenstand für die Satire. In einem der witzigsten Horazischen Gedichte befragt Ulixes den Schatten des Tiresias, wie er seine durch die Freier zerrütteten Vermögensumstände verbessern könne, und erhält den Rat, sich auf Erbschleicherei zu legen, nebst den nötigen Anweisungen. Schon hier finden sich fast alle Züge, die sich bei den Spätem immer wiederholen, sowohl in der Schilderung der Künste, mit denen sich die Erbschaftsjäger die schwer zu fassende Beute zu sichern suchten, ohne sich Blößen zu geben, als von dem Verfahren der Reichen, Hoffnungen zu nähren, die sie keineswegs zu erfüllen gedachten, um daraus für sich möglichst große Vorteile zu ziehen. Es gab kaum etwas, was sie nicht fordern und erwarten durften, von kleinen Aufmerksamkeiten bis zu den wichtigsten, mit persönlicher Aufopferung verknüpften Dienstleistungen. Sie wurden mit Geschenken überhäuft, man sandte ihnen Leckerbissen aller Art. Edelobst, Gebäck, Fische, Wild, alten Wein; die Erbschleicher konnten so Jahr für Jahr bedeutende Summen verausgaben. Martial rät spottend einem Bithynicus, sich nicht zu beklagen, da ihm Fabius an den er jährlich 6000 Sesterzen (1300 Mark) wandte, nichts vermacht habe: in der Tat habe er ihm ja doch durch seinen Tod diese Summe als jährliche Rente hinterlassen. Die Gesundheit der Reichen war der Gegenstand der zärtlichsten Sorgfalt. Lagen sie krank, so hatten sie sich der aufmerksamsten Pflege, der sorgsamsten Wartung, die sich bis auf die Dienstleistungen des Schneuzens und Abwaschens erstreckte, zu erfreuen. Gebete und Opfer stiegen zu den Göttern auf, die Wände der Tempelhallen bedeckten sich mit Gelübden, Wahrsager wurden befragt, man vermaß sich, sagt Juvenal, im Falle ihrer Genesung Elefanten und Menschen zu opfern. Gefiel ihnen das Haus eines ihrer Freunde, so wurde es ihnen unentgeltlich eingeräumt; brannten sie ab, so wurde ihr Verlust durch Beisteuern mehr als ersetzt. Waren sie in einen Rechtshandel verwickelt, so drängte man sich, sie zu verteidigen; ihre Sache mußte verzweifelt stehen, wenn sie nicht gewannen. Im Jahre 58 wurde Pompejus Silvanus wegen Mißbrauchs der Amtsgewalt als Prokonsul von Afrika angeklagt. Seine Ankläger waren zahlreich, doch erwirkte er durch seinen Reichtum und seine Kinderlosigkeit bei hohem Alter die Freisprechung und überlebte noch die, deren Gunstbuhlerei ihm dazu verholfen, und die ihn zu beerben gehofft hatten. Machten die reichen Alten Verse, so fanden diese eifrige Bewunderung; hielten sie Vorlesungen, so drängte man sich zu ihren Hörsälen; der kinderlose Philosoph Annäus Cornutus, den Nero im Jahre 65 verbannte, soll sein gedrängt volles Auditorium hauptsächlich der Hoffnung sehr vieler, ihn zu beerben, zu verdanken gehabt haben. Ihre handgreiflichsten Lügen hörte man scheinbar gläubig an, im Brettspiel ließ man sie stets gewinnen; all ihren Neigungen kam man entgegen, ihre Schwächen wurden auf das schonendste berücksichtigt. Die Frauen gaben ihren Anträgen williges Gehör. Ihre Atrien waren an jedem Morgen von einem Schwarme vornehmer Besucher gefüllt. Martial zählt einmal unter den Diensten, die der Patron von seinen Klienten verlangt, auch den auf, ihn täglich zu ungefähr zehn alten Weibern zu begleiten. Man sieht, sagt Juvenal, einen Prätor am frühen Morgen den voraufgehenden Liktor zu größrer Eile treiben: warum ist er so hastig? Die kinderlosen Frauen sind längst aufgestanden und er fürchtet, es möchte ihm bei Frau Modia oder Albina ein Kollege zuvorkommen. War es aber nicht leicht, alle Nebenbuhler zu überbieten und allen Ansprüchen der verwöhnten Reichen zu genügen, so war es noch schwerer, dieser unermüdlichen Dienstfertigkeit den Schein uneigennütziger Freundschaft zu geben. Man zeigte sich um die Verlängerung ihres Lebens besorgt, den Kinderlosen wünschte man Leibeserben, man testierte zu ihren Gunsten, natürlich in der Voraussetzung, daß sie ein Gleiches tun würden; diese erbschleicherischen »Verfügungen« müssen häufig gewesen sein, da mehrfach gesetzliche Bestimmungen über ihre Ungültigkeit getroffen worden sind. Zuweilen starben die Erbschleicher vor den Alten, denen sie ihr Vermögen vermacht hatten, und diese wurden nun ihre Erben. Manche stellten die bisherigen Sendungen von Geschenken plötzlich ein, wenn sie sich durch Einsicht in das Testament von der Erreichung ihres Zwecks überzeugt hatten: sie setzten sich dadurch der Gefahr aus, wie Martial sagt, daß der eingefangene Eber, weil nicht genügend genährt, aus dem Käfig wieder ausbrach.

Dieser schmählichen und entwürdigenden Dienstbarkeit unterzogen sich die Erbschleicher immer auf sehr ungewisse Aussichten hin, weil diejenigen, die sie zu beerben hofften, sie vielleicht noch öfter überlisteten als überlebten. Sie suchten, wie gesagt, ihrerseits die Hoffnungen der Erbschaftsjäger zu nähren, ohne sie zu befriedigen, ihre Opferwilligkeit auszubeuten, ohne sie zu entschädigen. Sie verwiesen ihre Freunde immer von neuem auf ihr Testament, sie testierten wohl dreißigmal in einem Jahre, um sie zu den äußersten Anstrengungen zu treiben. Sie stellten sich krank und schwach, sie hüstelten, und Plinius erzählt, daß Julius Vindex, der mit großem Sinne das römische Reich von Neros Tyrannei zu befreien unternahm, nicht verschmäht habe, zur Anlockung von Erbschaftsjägern sich durch ein Medikament eine künstliche Gesichtsblässe zu erzeugen. »Tongilius«, sagt Martial, »soll am anderthalbtägigen Fieber leiden, aber ich kenne seine Schlauheit, er hat nur Hunger und Durst; er stellt mit seiner simulierten Krankheit nur Netze für fette Drosseln, für Hechte und Seebarben aus und rechnet auf Sendungen alten, edlen Falerner- und Cäcuberweins.« Ja bisweilen mochte es einem Meister in solchen Künsten gelingen, sich in den Besitz aller Vorteile der kinderlosen Reichen zu setzen, ohne reich zu sein. Die ungeheuren Güter in Afrika, die Kauffahrteischiffe, die von Karthago unterwegs waren, die Sklavenheere usw., mit denen er groß tat, waren bloße Aufschneidereien. Es gab viele, die solchen Betrug der Betrüger billigten. Auf der andern Seite hatte jeder, der sich nicht der Erbschleicherei verdächtig machen wollte, kinderlosen Reichen gegenüber die größte Zurückhaltung zu beobachten: ihnen ein Geschenk zu machen, hielt der jüngere Plinius nicht für anständig.

Über die ungeheure Ausdehnung dieses Treibens lauten die Äußerungen der Schriftsteller aus verschiedenen Perioden dieses Zeitraums gleich; sie klingen unglaublich, aber sie bestätigen einander durch ihre völlige Übereinstimmung. Vielleicht die einzige Stelle in der ganzen Literatur dieses Zeitraums, in der die Kinderlosigkeit beklagt wird, findet sich in einem Gratulationsgedicht des Statius an den Ritter Vibius Maximus bei der Geburt eines Sohnes: »die Kinderlosigkeit, die der feindselige Erbe mit seinen Wünschen bedrängt, die ohne Tränen zur Gruft bestattet wird usw.«. Bei den so überaus zahlreichen Schilderungen der Vorteile der Kinderlosigkeit darf man freilich nicht vergessen, daß sie, wie fast alles, was damals geschrieben wurde, von einer zum Teil unabsichtlichen rhetorisierenden Übertreibung nicht frei sind. In dieser Stadt, schrieb unter Nero Petron (der das in Rom heimische Treiben nach Kroton verlegt), werden weder wissenschaftliche Studien getrieben, noch findet Beredsamkeit einen Platz, weder Bravheit noch Sittenreinheit kommen auf einen grünen Zweig, sondern alle Menschen, die ihr sehen werdet, sie mögen sein, welche sie wollen, sind in zwei Parteien geteilt: entweder angeln sie oder lassen nach sich angeln. In dieser Stadt erkennt niemand Kinder an; denn wer Leibeserben hat, wird weder zu Gastmählern geladen, noch zu Lustbarkeiten zugelassen, sondern von allen Vorteilen ausgeschlossen, und führt unter den mit Schande Bedeckten ein unbekanntes Leben. Die aber nie geheiratet und keine nahen Verwandten haben, gelangen zu den höchsten Ehren und werden für die einzigen vortrefflichen Menschen und sogar für schuldlos gehalten. Ihr werdet eine Stadt sehen, die einem Gefilde in einer Pest gleicht, auf dem es nichts gibt als Leichen und Raben, die sie zerfleischen. Die Erzählung bricht bei der Erwähnung eines Testaments ab, nach welchem die Legatare ihre Vermächtnisse nur dann erhalten sollen, wenn sie die Leiche des Testators in Stücke geschnitten und im Beisein des Volks verzehrt haben werden. Von einer Rede, in welcher diese Bedingung als eine keineswegs unerfüllbare dargestellt wurde, ist noch ein Fragment vorhanden. Man möge nur die Augen schließen und sich vorstellen, daß man nicht Menschenfleisch, sondern 10 Millionen hinabschlucke. Die Einwohner belagerter Städte hätten nicht selten dasselbe getan, ohne daß sie eine Erbschaft zu erwarten hatten usw. Daß Petrons Schilderung, wie sehr auch karikiert, doch nichts weniger als ein bloßes Phantasiegemälde ist, zeigen die gleichzeitig (im Jahre 63) im Senat vernommenen Klagen über Scheinadoptionen, durch welche Kinderlose die Vorrechte der Familienväter erschlichen: »Vorteil genug hätten die Kinderlosen, da ihnen bei größter Sorglosigkeit und ohne Belastung Gunst und Ehren bereit seien und entgegengebracht würden.« Ja noch mehr, Seneca, der oft mit großer Bitterkeit von der Erbschleicherei spricht, der er freilich von seinen Gegnern selbst bezichtigt wurde, konnte in einer Trostschrift an eine Mutter, die ihren einzigen, hoffnungsvollen Sohn verloren hatte, folgende Worte richten: »Um einen sehr unwahrscheinlich klingenden, aber doch wahren Trost anzuwenden, so gibt in unsrer Stadt Verwaisung mehr Einfluß, als sie entreißt, und Einsamkeit führt das Alter, das sie seiner Stützen zu berauben schien, vielmehr so sicher zur Macht, daß viele Feindschaft gegen ihre Söhne heucheln, ihre Kinder abschwören und sich eine künstliche Verwaisung schaffen.« Auch der ältere Plinius nennt Erbschleicherei den einträglichsten Erwerb, auch nach ihm stand die Kinderlosigkeit in Ehre und höchstem Ansehen; sie hatte, sagt Tacitus, in guten und schlimmen Zeiten gleiche Macht, und daß sie in Germanien keine Vorzüge gewähre, unterläßt er nicht als Beweis für die unverdorbnen Zustände dieses Landes anzuführen. Der jüngere Plinius berichtet von einem seiner Freunde als Beweis wahren Bürgersinns, daß seine Ehe reich mit Kindern gesegnet, daß er sogar Großvater geworden sei »in einer Zeit, wo den meisten schon ein Sohn durch die Vorzüge der Kinderlosigkeit zur Last wird«. Die Kinderlosen wurden von den Reichen zu Gaste geladen, die Vornehmen schmeichelten ihnen, die Redner erteilten ihnen ihren Beistand umsonst; ward ihnen ein Kind geboren, so wurden sie plötzlich freund- und machtlos. In einem unter Hadrian verfaßten Gedicht äußert Juvenal seine lebhafte Freude über die Errettung eines Freunds aus Seegefahr und ordnet dafür ein Dankopfer an: dies, fügt er hinzu, könne verdächtig erscheinen; er wolle daher sogleich bemerken, daß der Gerettete drei Kinder habe, also ein Mann sei, an den sonst nicht leicht jemand auch nur das Opfer eines kranken Huhns oder einer Krähe wenden würde. Auch unter Marc Aurel gehörte die Erbschleicherei zu den Schattenseiten der sittlichen Zustände Roms, die dem Fremden zunächst in die Augen fielen. Unter Septimius Severus rechnete Tertullian zu den Arten der Geduld, die der Teufel die Heiden gelehrt habe (gleichsam um mit der christlichen Geduld zu wetteifern), auch jene, die »in Umgarnung der Kinderlosigkeit die Mühsal erzwungner Willfährigkeit mit erlogner Neigung erträgt«. Und hierin hat sich bis auf die letzten Zeiten schwerlich etwas geändert.

28. TRÄGER EINER TISCHPLATTE.
Marmor, um 100 n. Chr. London, British Museum

Wenn eine solche Häufung gleichlautender Zeugnisse ermüdend ist, so bedarf es derselben doch, um zu ermessen, in welchem Grade den Zeitgenossen diese Erscheinung auffällig war, die für die damaligen geselligen Zustände so charakteristisch ist und auf Wert und Zweck jener wohlgeregelten Höflichkeitsbezeigungen ein so überraschendes Licht wirft.

Der gesellige Verkehr erhielt durch die Sitte, an öffentlichen Orten zur Unterhaltung und selbst zu Geschäften zusammenzukommen, wie in sogenannten »Stationen«, auf freien Plätzen und Wandelbahnen, in Bädern, Tempeln, Bibliotheken, Buchläden, Geringere in Barbier- und Arzneibuden usw., Ähnlichkeit mit dem modernen italienischen: nur daß freilich diese Sitte im alten Rom in ungleich höherem Grade verbreitet war, teils infolge der antiken Lebensweise, teils der Großartigkeit und Menge der öffentlichen Anstalten, zu denen der Zutritt niemandem versagt war. In den spätern Tagesstunden fand man sich nach Beendigung der Geschäfte auf den öffentlichen Spaziergängen zwischen Buchshecken oder im Schatten von Lorbeer- und Platanenalleen, oder in den Säulenhallen, die mit Statuen, Bildern, kostbaren Teppichen reich geschmückt waren. Inschriften gaben für die Spaziergänger die Summen der Schritte an, die man gemacht hatte, wenn man eine bestimmte Zahl von Malen hin- und zurückgegangen war; Liebhaber von Brettspielen fanden auf den Stufen und Fußböden der Hallen die nötigen Vorzeichnungen. Auf dem grünen Boden des Marsfelds tummelte sich eine unzählbare Menge in Leibesübungen, man lief um die Wette, ritt, fuhr, schlug Ball und Reifen, maß sich in Waffen und im Ringkampf, schwamm in den gelben Fluten des vorüberströmenden Tiber, und Gewandtheit und Kraft wurden durch die Zurufe der Zuschauer belohnt. Unmittelbar vor der Hauptmahlzeit versammelte die Sitte des täglichen Bads viele Tausende in den hohen, weiten, von königlicher Pracht strahlenden Sälen und Hallen der Thermen. Es versteht sich, daß auch das Zusammensein in den Schauspielen zur geselligen Unterhaltung benutzt wurde. Diese fand in den erwähnten Orten in Kreisen ( circuli) von Bekannten statt, die sich gewiß zum größten Teil regelmäßig versammelten. So erwähnt Martial einen Versammlungsort der Dichter ( schola poetarum), und die Säulenhalle des Quirinustempels, in der man sich allenfalls über seine Gedichte unterhielt, wenn man der Gespräche und des Wettens über den Zirkus müde war: eine müßigere Gesellschaft als die dortige gab es selbst in den Säulenhallen des Pompejus, der Europa und der Argonauten nicht. In solchen Kreisen wurden die Tagesereignisse, auch die literarischen Neuigkeiten besprochen. Wenn Cäsius Sabinus an Martials Gedichten Gefallen fand, war diesem für ihren Ruhm nicht bange, »dann würden Gastmähler, Foren, Tempel, Plätze, Portiken, Tabernen von ihnen widerhallen und das einem zugesendete Buch von allen gelesen werden«. Der Vater des großen Juristen Ulpianus hatte nach Athenäus von den gelehrten Fragen, die er zu jeder Stunde auf den Straßen, Spaziergängen, in Buchläden und Bädern an die Anwesenden richtete, einen Spitznamen erhalten, der bekannter war als sein wirklicher. Dürfte er sein Leben nach eigner Wahl genießen, sagt Martial, so würde er das Marsfeld, seine Säulenhallen und den Schatten seiner Haine zu Aufenthaltsorten, Bäder in der besonders kühlen Aqua Virgo (der Wasserleitung, die jetzt Fontana Trevi bildet) und in den Thermen, Spaziergänge, Plaudereien und Lektüre als Beschäftigungen wählen.

29. KLEINER HOCKER MIT DURCHBROCHENER VERZIERUNG.
Um 100 n. Chr., angeblich aus Baalbeck. Berlin, Antiquarium

Gesellige Zusammenkünfte geladner Gäste werden außer den Gastmählern nie erwähnt und können auch, da diese die von Geschäften freien späten Tages- und Abendstunden füllten und in die Nacht hinein dauerten, kaum anders als ausnahmsweise vorgekommen sein. Bei den Gastmählern war es Sitte, den Gästen eine möglichst reiche Auswahl von Unterhaltungen und Ergötzlichkeiten zu bieten, die natürlich nach dem Geschmack, den Neigungen und dem Bildungsgrade des Gastgebers sehr verschieden waren. Die gemeinen Belustigungen, die reiche Freigelassene zum besten gaben, die Unschicklichkeiten und Lächerlichkeiten, durch die sie ihre Feste zum Gespött der feinern Gesellschaft machten, hat Petron sicherlich ohne erhebliche Übertreibung geschildert; zwar spielt sein Gastmahl des Trimalchio nicht in Rom, doch daß es dort in ähnlichen Kreisen ähnlich zuging, liegt in der Natur der Sache. Auf der andern Seite hat Plutarch ausführlich erörtert, welche unter den üblichen Unterhaltungen für Gäste von hoher Bildung und geläutertem Geschmack die empfehlenswertesten seien; obwohl das Gespräch, in dem dies geschieht, nach Chäronea verlegt ist, kann man hier doch nach der Widmung an einen römischen Freund, den Konsularen Sossius Senecio, entweder geradezu römische oder doch Rom und Griechenland gemeinsame Sitte voraussetzen. Plutarch erwähnt auch einiges Ungewöhnliche, wie die damals in Rom aufgekommenen, aber noch wenig verbreiteten Aufführungen platonischer Dialoge und den »Wettkampf der Figurenbildner«, die vermutlich vor den Augen der Gäste einander im Formen von Figuren und Figürchen (etwa Saturnaliengeschenken) aus weichen Massen, wie Wachs, Ton, Stuck u. dgl., zu übertreffen suchten. Auch die in gebildeter Gesellschaft gewöhnlichen Unterhaltungen waren mannigfacher Natur. Bei ausgelaßnen Festen tanzten üppige Andalusierinnen ihre verrufnen Tänze nach dem Takt der Kastagnetten und Flöten, beim Schall unzüchtiger Gesänge; trieben Possenreißer und Narren ihre Zoten; belustigten Kinder, die man namentlich aus Alexandrien kommen und eigens hierzu einüben ließ, die Gäste durch naive oder freche Bemerkungen und Antworten; führten Mimen Szenen auf, die nicht einmal für Sklaven ehrbarer Herren anständig waren. Wo der Anstand mehr beobachtet wurde, tanzten Pantomimen, wurden Szenen aus Komödien und Tragödien gespielt, besonders aus der neuern Komödie. Plutarch sagt, wenn bei einem Gastmahl der Kitharöde eines Freunds schlecht singe, oder ein teuer gekaufter Komöde den Menander mißhandle, so habe man nicht nötig, in das Lob und Klatschen der andern Gäste einzustimmen. Am allgemeinsten waren Vorlesungen und musikalische Unterhaltungen aller Art, Chöre wie Einzelgesänge, Lyra und Flötenspiel, oft zur Beschwerde der Gäste; das beste Gastmahl, sagt Martial, sei das, bei dem keine rauschende Musik stattfinde. Doch ganz ohne Musik, Deklamationen und Vorlesungen wurden auch frugale und bescheidne Mahlzeiten selten begangen; namentlich scheinen Rezitationen aus Vergil und Homer gewöhnlich gewesen zu sein. Es gab auch wohl Leute, die ein Gewerbe daraus machten, Gedichte zu deklamieren und Tischgesellschaften durch Scherze und Anekdoten zu ergötzen. Ein Ti. Claudius Tiberinus, kaiserlicher Freigelassener, rühmt sich in seiner selbstverfaßten Grabschrift, daß man die Gastmähler, an denen er teilnahm, durch ihn stets heiter und die Gäste bei seinen Scherzen die Nächte durchwachen sah, und daß er auch geübt war, die Werke der Dichter und namentlich der Epiker vorzutragen, was er besonders auf dem Forum des Augustus getan hatte. Ob die dramatische Aufführung homerischer Szenen durch sogenannte »Homeristen«, die natürlich auch in den Versen des Dichters redeten, bei Gastmählern öfters stattgefunden hat, ist ungewiß, doch scheint es so. Auch war es nicht selten, daß der Hausherr selbstverfaßte Schriften oder Gedichte vortrug.

30. BISELLIUM.
Römischer Lehnstuhl mit Bronzebeschlägen und Silberintarsien. Rom, Museo dei Conservatori

Nach der Tafel waren Glücksspiele, namentlich Würfel, eine sehr gewöhnliche, natürlich nicht immer harmlose Unterhaltung. Das Laster des Spiels mit allen seinen verderblichen Folgen war offenbar kein seltnes. Manche, sagt Galen, bringen bei Gastmählern mit dem Würfel- und Brettspiel so viel Zeit zu, wie ernste Männer bei den edeln Wissenschaften, und bei diesem unedlen Zeitvertreibe sind sie so ausdauernd, daß sie auch heftige Kälte und unmäßige Hitze ertragen und keines von beiden empfinden, daß sie hungern und dürsten, die Nächte schlaflos verbringen und sich schwere Übel zuziehen. In einer christlichen Predigt heißt das Würfelbrett eine offenbare Schlinge des Teufels, die das tödliche Gift der Schlange in sich trägt. Noch Ambrosius schildert Spielergesellschaften ( alaetorum conventicula), wo unter dem Beifallsgeschrei der Zuschauer und dem Jammer der Verlierenden ganze Vermögen den Besitzer wechselten, den besten Gewinn aber die Wucherer machten. Die in diesen Kreisen anerkannten Gesetze wurden mit unverbrüchlichem Gehorsam befolgt, eine andre Ehre und Schande galt hier als in der übrigen Welt, und ein von einem Rate von Spielern ( aleonum consilium) gefälltes Urteil ward mehr gefürchtet als ein Richterspruch. Von Augustus, der das Würfelspiel sehr liebte und noch in seinem Alter nicht bloß an den Saturnalien, sondern auch an andern Fest- und Werktagen spielte, teilt Sueton ein Billett an seine Tochter Julia mit, mit welchem er ihr 250 Denare schickt: soviel hatte er jedem seiner Gäste bei einer Mahlzeit gegeben, um Würfel oder »Gerade und Ungerade« zu spielen. Auch Claudius liebte das Würfelspiel leidenschaftlich und schrieb sogar ein Buch darüber.

31. BETTGESTELL MIT BRONZEBESCHLÄGEN.
Holzteile ergänzt. Hellenistisch. Berlin, Antiquarium

Was »bei Gastmählern und in geselligen Kreisen« gesprochen wurde, war auch den Kaisern keineswegs gleichgültig; dort bildete sich die öffentliche Meinung. »Wohl weiß ich«, sagte Tiberius in einer Rede im Senat im Jahre 22, »daß man bei Gastmählern und in geselligen Kreisen über das Überhandnehmen des Luxus klagt und einschränkende Maßregeln verlangt.« Die gesellige Unterhaltung war im damaligen Rom in mehr als einer Hinsicht von andrer Natur und hatte eine andre Bedeutung als in irgendeiner Stadt des heutigen Europa, weil sie das Hauptsurrogat für die fehlende Publizistik war und eine Menge von Nachrichten und Neuigkeiten in Umlauf brachte, zu deren Verbreitung es sonst kein Mittel gab. Überhaupt hatte bei dem Mangel der Presse die schriftliche Verbreitung von Ansichten und Tatsachen nur eine sehr untergeordnete Bedeutung im Vergleich mit der mündlichen, und die Tragweite, die Wirkungen und die Wichtigkeit dieser letztern waren unendlich größer als gegenwärtig. »Es gab in Rom«, sagt ein französischer Schriftsteller, »eine Art von Öffentlichkeit, die wir bei unsern nordischen seßhaften und häuslichen Lebensgewohnheiten nicht kennen; eine Öffentlichkeit, die ohne Zweifel mit der Entfernung an Kraft verlor, die Provinz nur langsam erreichte, doch im Innern der Stadt ganz ungemein wirksam war. Vielleicht war Rom Tag für Tag und Stunde für Stunde über seine eignen Angelegenheiten und Stimmungen besser unterrichtet als das heutige Paris. Die gesprochne Zeitung der ewigen Stadt entzog sich dem Stempel, der Zensur, der Polizei, der Warnung und der Beschlagnahme.« Allerdings hatte Rom auch eine geschriebene Zeitung, aber sie war ein Regierungsorgan, und dieser offizielle Tagesanzeiger ( acta diurna) enthielt über die öffentlichen Angelegenheiten nichts, als was die Regierung bekannt werden lassen wollte, also sehr vieles gar nicht, andres entstellt, und das wenige der Wahrheit gemäß Mitgeteilte in großer Kürze: außerdem Hofberichte, Familiennachrichten aus den höhern Ständen, Stadtereignisse u. dgl. Die unterdrückte öffentliche Meinung äußerte sich hie und da, wie im neueren Rom, durch Anschläge an Säulen und Statuen; durch lebhafte Aufnahme von Anspielungen, die kühne Schauspieler auf der Bühne wagten; zuweilen auch durch Rufe oder Demonstrationen des bei Schauspielen versammelten Volks, selbst im Beisein der Kaiser, die hier eine sonst nirgends gestattete Freiheit der Äußerung duldeten. Doch diese dürftigen, verstohlenen und seltnen Kundgebungen reizten natürlich das Bedürfnis mehr, als sie es befriedigten; und die gewaltsame Ausschließung der Öffentlichkeit gerade an dem Orte, wo unaufhörlich die Nachrichten aus der ganzen Welt zusammenströmten und das Schicksal der Welt bestimmt wurde, konnte keine andre Folge haben, als in der »redelustigen, alles deutenden Stadt« Vermutungen, Gerüchte, Kombinationen und Erdichtungen ins Grenzenlose zu vermehren und Neugier und Phantasie unaufhörlich rege zu erhalten. Auch Tacitus hielt die Stadtgespräche für wichtig genug, um sie wiederholt in seiner Zeitgeschichte zu erwähnen. So berichtet er im Jahre 54, daß beim Bevorstehen eines Partherkriegs die unerfahrne und unselbständige Jugend des (siebzehnjährigen) Kaisers Nero die einen mit Besorgnis erfüllte, während die andern voll Vertrauen auf seine Freunde und Berater Seneca und Burrus blickten; ferner im Jahre 69, daß die Nachrichten von dem Abfalle der germanischen Legionen von Galba immer häufiger wurden und der »Hang der Stadtbevölkerung, alles Neue, wenn es traurig ist, anzunehmen und zu glauben«, den Senat zur Absendung einer Gesandtschaft an dieselben veranlaßte. Als dann in demselben Jahre Vitellius seinen Amtsantritt als oberster Pontifex auf den 18. Juli, den Tag der Niederlagen an der Cremera und Allia, ansetzte, wurde dies natürlich in der Stadt, »wo man alles deutet«, als übles Vorzeichen aufgenommen. Das Verbot des Vitellius, von den Kriegsereignissen zu sprechen, hatte nur die Wirkung, daß um so mehr davon gesprochen und um so beunruhigendere Gerüchte verbreitet wurden; bei völliger Redefreiheit wäre die Wahrheit bekannt geworden. Martial hat den gewerbsmäßigen Neuigkeitskrämer geschildert. Er weiß, was König Pacorus in dem Palast der Arsaciden beschließt, kennt die Stärke der Heere am Rhein und an der Donau aufs genaueste, ist imstande anzugeben, was die noch unentsiegelte Depesche von der dacischen Armee enthält, und sieht den Siegeslorbeer, bevor er kommt. Er weiß, wie oft im Laufe des Jahrs in Oberägypten Regen gefallen, wie viele Schiffe aus den afrikanischen Häfen ausgelaufen sind, welcher Dichter bei der nächsten Preisverteilung auf dem Kapitol den Kranz erhalten wird. »Spare deine Kunst«, schließt das Gedicht, »du sollst heute bei mir speisen; aber unter der Bedingung, daß du mir nichts Neues erzählst.« Auch Frauen gab es, die alles wußten, was in der ganzen Welt geschah, die neuesten Gerüchte an den Toren auffingen oder selbst veranlaßten, den Kometen, der (im November 115 n. Chr.) dem Partherkönig drohte, zuerst gesehen hatten, von allen Überschwemmungen und Erdbeben im fernsten Osten erzählen konnten.

Wenn über dergleichen Dinge Mitteilungen unverwehrt waren, so konnte dagegen jedes Gespräch, das an die innere oder äußere Politik der Regierung auch nur streifte, unter dem Drucke des schrankenlosesten Despotismus, in der unmittelbaren Nähe des kaiserlichen Hofs, sich nur mit tastender Behutsamkeit bewegen. Martial sagt in einem Gedicht, in dem er sechs Freunde zu einem frugalen Mahle ladet, diesem Feste solle die Freimütigkeit fernbleiben, die man am andern Tage bereuen könne: »Meine Gäste mögen sich von den Blauen und Grünen im Zirkus unterhalten, und meine Becher sollen niemanden auf die Bank der Angeklagten bringen.« Dieses Gedicht steht in einem bereits unter Trajan herausgegebenen Buche, zum Beweise, daß man auch unter den besten Regierungen keineswegs völlig zwanglos war: »Das Glück, denken zu dürfen, was man will, und sagen zu dürfen, was man denkt«, ist in dem kaiserlichen Rom wohl nie zur vollen Wahrheit geworden. Hiernach mag man sich vorstellen, welche drückende Schwüle in jenen furchtbarsten Zeiten der kaiserlichen Schreckensherrschaft über Rom lagerte, wo man sich nicht begnügte, das im traulichen Zwiegespräch harmlos hingeworfene, in fröhlicher Weinlaune unwillkürlich entschlüpfte Wort gegen den Sprecher zeugen zu lassen; wo man die zum Verderben Ausersehenen mit Spionen umgab, die über ihre Blicke, Seufzer, gemurmelten Worte Buch führten; ihnen ihre Gedanken künstlich ablockte, um sie dann ihr unvorsichtiges Vertrauen mit dem Leben büßen zu lassen. Der Verkehr des Redens und Hörens war durch Spürerei und Horcherei so gut wie abgeschnitten: »Auch das Gedächtnis selbst« – dies sind Tacitus' Worte – »hätten wir mit der Sprache verloren, wenn es ebenso in unsrer Macht stände zu vergessen wie zu schweigen«. In seiner Darstellung der Majestätsprozesse, die sich wie ein leitender Faden durch die innre Geschichte dieser Zeit schlingt, hat Tacitus aber nur jene höher gestellten, den Blicken der Mitwelt ausgesetzten Delatoren gebrandmarkt, die ihr schändliches Gewerbe in Hoffnung auf hohe Gunst, Beförderung oder andre Vorteile trieben; die unheilvolle Tätigkeit der im Verborgnen schleichenden bezahlten Späher und Horcher zu schildern, hat er sich nicht herabgelassen.

In welchem Umfange diese geheime Polizei organisiert war, darüber haben wir nur gelegentliche Andeutungen. Vielleicht ist auch hier wie bei so manchen Einrichtungen des Kaiserreichs die geheime Polizei des persischen Reichs das Vorbild gewesen. Mäcen erteilt Augustus bei Cassius Dio die Warnung, da es nun einmal nötig sei, in seinem ganzen Reiche Späher und Horcher zu haben, damit ihm nichts unbekannt bleibe, was der Vorkehrung oder der Abhilfe bedürfe, möge er den Angebereien dieser Menschen nicht zu viel trauen, die sie oft völlig grundlos aus den schändlichsten Beweggründen machten. Ähnliche Warnungen hat derselbe Geschichtsschreiber der Livia in den Mund gelegt. Die Spione, heißt es dort, denunzieren oft gegen Unschuldige aus Haß, oder weil sie von deren Feinden Geld erhalten oder von jenen selbst keines erhalten haben; und zwar nicht bloß, daß der oder jener etwas Übles getan habe oder tun werde, sondern auch, daß einer das und das gesagt, ein andrer dazu geschwiegen oder geweint oder gelacht habe. Claudius hatte sich von seinen Spähern behufs der in seiner Zensur zu erlassenden Rügen genaue Nachrichten auch über persönliche und Familienverhältnisse (vermutlich der ganzen beiden ersten Stände) geben lassen: sie hatten ihn übrigens sehr schlecht unterrichtet. Denn solche, denen Claudius vorhielt, daß sie unvermählt, kinderlos oder in Dürftigkeit lebten, wiesen nach, daß sie verheiratet, Väter, vermögend seien. Einer, der eines Selbstmordversuchs bezichtigt wurde, legte seine Kleider ab und zeigte, daß er unverletzt war. Nero bediente sich der Bordelle und ihrer Bewohnerinnen, um die dort Verkehrenden auszuforschen, und diese Spürerei erwies sich, wie Plinius in seiner schwülstigen Weise sagt, noch verderblicher als seine Totenbeschwörungen, da sie die Stadt auf grausame Weise mit Geistern (der infolge von Denunziationen Hingerichteten) füllte. Soldaten in bürgerlicher Tracht als Geheimpolizisten werden zuerst unter Otho im Jahre 69 erwähnt, wo sie überall in den Häusern des Adels, der Reichen oder der sonst irgendwie hervorragenden Personen spionierten und deren Inneres mit Angst und Argwohn erfüllten. »Durch vorschnelles Vertrauen«, sagt Epictet, »lassen sich Unvorsichtige in Rom von den Soldaten fangen. Ein Soldat in bürgerlicher Tracht setzt sich neben dich und fängt an, vom Kaiser übel zu reden; du, in der Meinung dadurch, daß er zuerst beleidigende Äußerungen getan, ein Pfand für seine Zuverlässigkeit erhalten zu haben, sagst auch, was du denkst: dann wirst du in Ketten und ins Gefängnis geworfen.« Das ist wahrscheinlich unter Hadrian geschrieben, von dem es bekannt ist, daß er ein eignes Truppenkorps, die frumentarii (Furiere), als eine Art von Gendarmen zu polizeilichen Zwecken und namentlich auch zur geheimen Polizei im weitesten Umfange verwendete, wozu sie auch später benutzt wurden. Daß er auch in den Häusern seiner Freunde Spione hielt, ist oben bemerkt worden. Natürlich war die geheime Polizei nirgends so zahlreich und so tätig wie in der Hauptstadt. Tigellinus läßt in dem Roman des Philostrat den Apollonius von Tyana »mit allen Augen beobachten, mit denen die Regierung sieht, wenn er redete oder schwieg, stand oder saß; welche Nahrung er zu sich nahm und von wem er sie erhielt, und ob er opferte oder nicht«. Apollonius selbst nennt Rom dort eine Stadt, in der lauter Augen und Ohren sind für alles, was ist und was nicht ist; da könne man nicht an Neuerungen im Staate denken, falls man nicht nach dem Tode großes Verlangen trage; die Vorsichtigeren und Vernünftigen würden dort auch in bezug auf das Erlaubte zurückhaltend. Lucian sagt in der Schrift gegen den ungebildeten Reichen, der durch den Ankauf einer großen Bibliothek sich dem Kaiser Marc Aurel empfehlen wollte, er hoffe vergebens, jenen über sich zu täuschen; ob er denn nicht wisse, daß der Kaiser viele Augen und Ohren habe. Ohne Zweifel wurden die höhern Stände von der geheimen Polizei am eifrigsten beobachtet. Caracalla machte die Soldaten, die er dazu verwandte, sich allein verantwortlich; außer ihm konnte sie niemand zur Strafe ziehen: die Folge war, daß sie, die ihm alles, auch das Kleinste berichteten, eine Willkürherrschaft über die Senatoren übten. In einer dem Aristides zugeschriebenen, aber sicher erst dem 3. Jahrhundert angehörenden Rede heißt es: das ganze Reich sei niedergedrückt und von Furcht geknechtet gewesen, da in allen Städten Spione umhergingen und behorchten, was man sprach, und es nicht möglich war, frei zu denken und zu reden, da die vernünftige und gerechte Freimütigkeit vernichtet war und jedermann vor einem Schatten zitterte; von dieser Furcht habe der jetzige Kaiser die Seelen aller erlöst und befreit, indem er ihnen die Freiheit völlig und ganz zurückgab. Von Alexander Severus rühmt sein Biograph, daß er über alle Personen Nachforschungen durch zuverlässige Leute anstellen ließ, deren Verwendung zu diesem Zweck niemandem bekannt war; er sagte, daß durch die Aussicht auf Beute alle verdorben werden könnten. Im 4. Jahrhundert scheinen, infolge einer neuen Organisation der über das ganze Reich erstreckten Geheimpolizei, durch deren nur auf ihre eigne Bereicherung bedachte Agenten die Verfolgungen und Plünderungen Unschuldiger sowie die Verheimlichung von Verbrechen (wie der Falschmünzerei) den weitesten Umfang erreicht zu haben und, wenn man dem Libanius glauben darf, systematisch betrieben worden zu sein. Doch sein Vergleich der damaligen Spione und Angeber mit Hunden, welche den Wölfen Beistand leisten, sowie überhaupt die häufigen und leidenschaftlichen Klagen der damaligen Schriftsteller passen auch auf die frühern Jahrhunderte. Seiner Natur nach war das pestartig wütende Unwesen zu allen Zeiten dasselbe, und neu eben nur, daß es weiter um sich gegriffen hatte.

Wenn nun auch die Tätigkeit wie die Macht dieser im Verborgenen schleichenden Späher und Horcher unter milden Regierungen, namentlich unter der der Antonine, eingeschränkt war, so versteht es sich doch von selbst, daß freie Gespräche über politische Dinge in größern Kreisen, vollends an öffentlichen Orten, im kaiserlichen Rom zu keiner Zeit möglich waren. Übrigens empfahl sich aber auch, abgesehen von der Furcht vor der überall lauernden Angeberei, die äußerste Behutsamkeit im Reden; Tacitus nennt Rom eine Stadt, in der man alles erfährt und nichts verschweigt. Die Verbreitung gefährlicher Geheimnisse erfolgte nicht immer in böser Absicht; auch Zudringlichkeit, Neugier und Unvorsichtigkeit stifteten Unheil genug. Seneca leitet solche Umträgereien aus dem Bedürfnis des in Rom so verbreiteten beschäftigten Müßiggangs her, die Zeit zu füllen. »Daher rührt«, sagt er, »jenes scheußlichste Laster, die Horcherei und Ausspürung von öffentlichen und geheimen Angelegenheiten und die Wissenschaft vieler Dinge, die weder ohne Gefahr angehört noch ohne Gefahr mitgeteilt werden.« Man bemerkt die Vorsicht, mit der Seneca sich ausdrückt, und es ist dies in seinen zahlreichen Schriften das einzige Mal, wo er den Gegenstand überhaupt berührt. Den größten Vorschub leisteten diesen Umträgereien die weitausgebreiteten Klientelen und ungeheuren Dienerschaften der großen Häuser. Den Klienten wurde unheilvolle Geschwätzigkeit vorgeworfen, aber noch weit mehr den Sklaven, an denen die Zunge der schlimmste Teil war. Ein Geheimnis ihrer Herren ausplaudern war ihnen ein noch größres Vergnügen als gestohlnen Falerner trinken, und es gab kein Verbrechen, dessen sie jene nicht beschuldigten, um sich für empfangene Züchtigungen zu rächen. Ein reicher Mann konnte kein Geheimnis haben. Schweigen seine Sklaven, sagt Juvenal, so reden seine Pferde und Hunde, seine Türpfosten und Marmorwände; er schließe die Fenster, verstopfe die Spalten und lösche das Licht; niemand schlafe in seiner Nähe: und doch weiß vor Tagesanbruch der nächste Schenkwirt, was er um die Zeit des zweiten Hahnenschreis getan hat. Martial sagt, ein Kutscher sei mit 20.000 Sesterzen (4350 Mark) bezahlt worden, weil er – taub war.

So konnte es denn nicht fehlen, daß die Kunde von persönlichen Ereignissen aller Art sich schnell in den nächststehenden Kreisen verbreitete und der Unterhaltung immer neuen, willkommnen Stoff zuführte. Neben Umträgerei waren Skandalsucht und Verleumdung geschäftig. Schon Cicero hat gesagt, daß es »in einer so übelredenden Stadt« schwer sei, üblem Leumunde zu entgehen, und Hieronymus hat es fast fünfhundert Jahre später wiederholt. In der Unterhaltung, sagt der letztre, werden die Abwesenden zerfleischt, der Lebenswandel andrer geschildert, und während wir bissig über jene herfallen, werden wir wieder von ihnen vernichtet. Am meisten waren natürlich Verhältnisse zwischen Männern und Frauen, welcher Art sie auch sein mochten, der Nachrede ausgesetzt; diese war, nach Properz, über die Schönen wie eine Art Buße für ihre Schönheit verhängt; und er wie die andern Dichter jener Zeit klagen wiederholt, wie Liebende von ihr verfolgt wurden. Auf Straßen und Plätzen vernahm man ihre Geschichte, an fröhlichen Tafeln wurde sie von den Gästen belacht. In dem Gedicht auf die Vermählung Stellas mit Violentilla sagt Statius, nun endlich habe die Stadt die Umarmung gesehen, von der sie sich schon so lange erzählt hatte. Besonders eifrig waren die Frauen in der genauesten Erkundung aller Einzelheiten. Aber natürlich beschränkten sich die Stadtgespräche nicht auf dieses Gebiet. Die Klätscher wußten, welchem geheimen Laster dieser und jener frönte, wieviel den einen seine Maitresse koste, daß der andre seine Mahlzeiten bis zum Anbruch des Tags verlängre, daß Titus dem Lupus 700.000 Sesterzen (152.250 Mark) schuldig sei. Die Schwelger ihrerseits wünschten nichts lebhafter, als daß von ihrem Luxus gesprochen würde. Starb ein reicher Mann plötzlich, ohne ein Testament zu machen, gab jemand in dürftigen Verhältnissen einen großen Schmaus, so waren alle Gastmähler, Thermen, Stationen, Theater von dem Gerede voll. Der jüngere Plinius berichtet einem Freunde über den Tod und das Testament des reichen Domitius Tullus, der gegen die allgemeine Erwartung statt seiner Erbschleicher seine Verwandten freigebig bedacht hatte, und teilt die verschiednen Beurteilungen mit, die diese letzten Verfügungen erfuhren; viele lobten es als zeitgemäße Klugheit, daß er die auf seinen Tod Lauernden hintergangen habe. Plinius schließt mit den Worten: »Da hast du das ganze Stadtgespräch, denn die ganze Stadt spricht nur von Tullus«. Oder man unterhielt sich von Palästen und Landhäusern, oder von der Vorlesung eines neuen Trauerspiels, in dem gewagte Stellen vorgekommen waren, oder kritisierte den Tanz eines berühmten Pantomimen. Die Schauspiele vor allem boten der Unterhaltung unerschöpflichen Stoff. Die Anstrengungen der Kaiser, das Volk durch diese zu beschäftigen, sind allbekannt, und kolossal, wie sie waren, sind sie durch den Erfolg noch überboten worden. Die Leidenschaft für die Bühne, die Arena und den Zirkus glich einer epidemischen Krankheit, von der auch die höhern Stände ergriffen waren; die Leidenschaft für Gladiatoren und Rennpferde, so wird in einer gegen das Ende des 1. Jahrhunderts verfaßten Schrift geklagt, erfüllte die Gemüter so völlig, daß sie keinen Raum für edlere Bildung ließ. Äußerungen über diese Dinge gehörten neben den Bemerkungen über das Wetter (einer gewöhnlichen Einleitung der Gespräche, »dem törichten Geschwätz derer, die nach Worten suchen«) zu den Lückenbüßern auch in der Unterhaltung der Gebildetsten. Epictet empfiehlt, wenig und nichts Unnützes zu reden: nicht von Fechterspielen, Wagenrennen, Athleten, nicht von Speisen und Getränken, wovon überall geredet werde, am wenigsten aber über Personen, lobend, tadelnd oder vergleichend. Hiermit sind die Kreise bezeichnet, innerhalb deren sich die triviale Unterhaltung vorzugsweise zu bewegen pflegte, und einige davon berührt auch Martial in einer bekannten Schilderung der damaligen römischen Stutzer. »Du bist ein artiger Mann, Cotilus, so sagen viele; doch was ist ein artiger Mann? Einer, der seine Locken in kunstvoller Ordnung trägt, der stets nach Balsam und Zimtöl duftet, der die Melodien alexandrinischer und spanischer Tänze summt, der seine glatten Arme tänzerartig bewegt, der den ganzen Tag zwischen den Sesseln der Frauen sitzt und immer in irgendein Ohr flüstert, der Briefchen schreibt und die Briefchen andrer liest, der sich vor der Berührung mit dem Ellbogen seines Nachbars in acht nimmt, der weiß, in welches Mädchen einer verliebt ist, der von einem Gastmahl zum andern läuft, der den Stammbaum des edelsten Renners im Zirkus auswendig weiß. Was sagst du? Das also, das, Cotilus, ist ein artiger Mann? Dann, Cotilus, ist es eine sehr verwickelte Sache, ein artiger Mann zu sein.«

Bei Gastmählern war es eine Hauptpflicht des Gastgebers, den Anwesenden Gelegenheit zum Sprechen über Gegenstände zu geben, die ihnen nicht bloß geläufig, sondern auch angenehm waren. Plutarch hat sich weitläufig über diese Kunst verbreitet, das Gespräch durch geschickte Fragen zu leiten, er bezeichnet sie als einen Hauptteil der Kunst des Umgangs überhaupt. Er gibt zahlreiche Beispiele von geeigneten Fragen, wie nach einem rühmlich verwalteten Amt, nach einer Audienz beim Kaiser, nach den Fortschritten studierender Söhne, nach erfreulichen Dingen, die Freunden, noch besser nach Niederlagen und Beschämungen, die Feinden des Gefragten widerfahren waren. An der Sucht, ihre Erlebnisse zu erzählen, litten seiner Meinung nach am meisten Personen, die weite Seereisen nach entlegenen, wenig bekannten Ländern gemacht hatten; Epictet dagegen erwähnt die bei jeder Gelegenheit wiederkehrenden Geschichten des Kriegsmanns von seinen Taten in Mösien: »Ich erzählte dir bereits, Bruder, wie ich die Anhöhe erstieg« usw. Wenn der Jagdliebhaber am liebsten Fragen nach seinen Hunden, der Freund der Gymnastik nach turnerischen Wettkämpfen hörte, der Fromme und im Gottesdienst Eifrige gern erzählte, wie er dieses oder jenes mit Hilfe von Träumen und Opfern durch die Gnade der Götter glücklich vollbracht habe, so erwies man alten Leuten stets einen Gefallen, wenn man ihnen Veranlassung zu Erzählungen wovon auch immer gab.

Die Kunst, ein heitres, geistig belebtes Gastmahl zu veranstalten, wurde im römischen wie im griechischen Altertum hoch geschätzt, und bedeutende Schriftsteller haben es der Mühe wert gehalten, Anweisungen dazu zu geben. Im Gegensatz zu den üppigen Festen der Reichen in Sälen, die dreißig Tafeln faßten, ein ganzes Volk aufnehmen konnten, und wo man unter dreihundert Gästen allein sein konnte, weil man keinen kannte, sollte nach Varros Regel die Zahl der Gäste von der der Grazien nur bis zu der der Musen steigen dürfen; und vor allem sollten sie so gewählt werden, daß eine allgemeine Unterhaltung stattfinden konnte. Bei den Gastmählern, wo geistreiche und feingebildete Männer sich in kleinern Kreisen zusammenfanden, war das vertraute Gespräch so erquickend wie nirgends sonst. Cicero meinte, daß das römische Wort für Gastmahl, convivium (Zusammenleben), glücklicher gewählt sei als die griechischen, die das Zusammenessen und -trinken bedeuten, denn gerade da lebe man am meisten zusammen. Das Vergnügen, das man genoß, ließ das Bewußtsein nicht aufkommen, daß man sich bildete. Einer wahrhaft herzlichen Zuneigung waren allerdings die Römer nur selten fähig. Fronto sagt, daß er in seinem ganzen Leben in Rom nichts weniger gefunden habe, als wahre Herzensfreundschaft, zu deren Bezeichnung er sich auch eines griechischen Wortes (φιλοστοργία) bedienen muß, und sein kaiserlicher Schüler Marc Aurel zählt zu den Wahrheiten, deren Kenntnis er ihm verdankte, auch die, daß die vornehmen Römer von Herzen kalt (ἀστοργότεροι) seien. Aber wie die Italiener noch heute bei aller Zurückhaltung in Gewährung ihrer Herzensfreundschaft etwas Gewinnendes haben, das dem Fremden ihre Gesellschaft schnell behaglich macht, so war auch im alten Rom Liebenswürdigkeit im Umgange häufig. Bei den Gastmählern entfaltete sich die eigentümliche Begabung der Südländer am freiesten, die anmutige Gewandtheit der Rede, das Talent, leicht und artig zu erzählen, und, was am höchsten geschätzt wurde, der schlagfertige Witz, auf dessen »nur innerhalb der Stadtmauern erzeugtes Salz« die echten Römer stolz waren, und dessen spezifisches Wesen sie durch die Bezeichnung der »Urbanität« für sich ausschließlich in Anspruch nahmen. Cicero meinte sogar, der altrömische Witz habe mehr Salz als der attische: er schätzte ihn um so höher, je seltner er noch in ganzer Echtheit zu finden war, seit Rom zuerst so viel lateinische, dann ausländische Elemente, selbst aus behosten und transalpinischen Völkerschaften in sich aufgenommen hatte, daß von der alten Grazie keine Spur mehr übrig war.

Wer die Gabe der Unterhaltung besaß, um dessen Gesellschaft bemühten sich um die Wette »die Mächtigen« in Portiken und Theatern. Allerdings wurde das Gespräch zuweilen durch ein Übermaß der Rezitationen, der musikalischen, theatralischen und sonstigen Unterhaltungen beeinträchtigt, da manche ihren Speisesaal geradezu zur Bühne oder zum Hörsaal machten, und es war dann den Gästen wohl nicht immer zu verdenken, wenn sie aufbrachen oder gelangweilt dalagen, wie der jüngere Plinius klagt. Doch im rechten Maße geboten, hatten jene Unterhaltungen auch den Vorteil, dem Gespräch eine bestimmte Richtung zu geben, wie z. B. die Vorlesungen von Dichterwerken jene ästhetischen Tischgespräche herbeiführten, an denen auch Frauen so eifrigen Anteil nahmen. Überhaupt darf man die Sitte, bei Gastmählern geistige, besonders künstlerische Genüsse zu bieten, nicht nach ihren Übertreibungen und Ausartungen beurteilen. Vielmehr zeigt auch diese Sitte, daß die damalige Zeit sich auf die Verfeinerung des Genusses verstand wie keine andre. Auch war das Bestreben, der Unterhaltung bei Tische einen geistigen Inhalt und ein höheres Interesse zu geben, offenbar sehr verbreitet, da ja selbst die Trimalchios es in ihrer Weise nachahmten. Gespräche über Gegenstände aus dem Gebiet der Wissenschaft, Literatur und Kunst, die sich für Zeit und Ort schickten, waren für eine gebildete, geschmackvolle Gesellschaft der angenehmste Nachtisch, und selbst gemeine und ungebildete Menschen, sagt Plutarch, empfanden und befriedigten das Bedürfnis einer geistigen Unterhaltung nach der Mahlzeit durch Aufgeben und Erraten von Rätseln und ähnlichen Problemen. Die von Plutarch mitgeteilten Tischgespräche, die teils an der Tafel des Konsularen Sossius Senecio in Rom, teils in Plutarchs Kreisen in Griechenland geführt worden waren, bewegen sich auf den verschiedensten Gebieten. Einige beziehen sich unmittelbar auf die Mahlzeiten selbst: ob der Wirt den Gästen die Plätze anweisen oder ihnen die Wahl überlassen solle: warum der sogenannte konsularische Platz der vornehmste sei; ob zusammengesetzte oder einfache Speisen leichter verdaulich seien; ob das Meer oder das Land beßre Nahrung liefere. Andre gehören zu den besonders in philosophischen Kreisen beliebten, zur Übung und Schaustellung des Scharfsinns aufgeworfnen Problemen: warum A der erste Buchstabe sei; ob die Henne früher war oder das Ei. Mehrere sind naturwissenschaftlich: warum ältre Leute besser aus der Entfernung lesen; weshalb man den Schnee unter Spreu und Tüchern aufbewahre; ob es möglich sei, daß neue Krankheiten entstehen und aus welchen Gründen. Wieder andre gehören dem Gebiet der Philologie, besonders der homerischen an: warum Homer das Salz göttlich und das Öl von allen Flüssigkeiten allein feucht nenne; an welcher Hand Diomedes die Aphrodite verwundete. Auch ästhetische Fragen werden erörtert; warum wir der Darstellung des Zorns und der Trauer auf der Bühne mit Vergnügen folgen, in Wirklichkeit aber die Äußerungen dieser Affekte ungern wahrnehmen; daß man sich vor allem vor den entsittlichenden Wirkungen unedler Musik hüten müsse und auf welche Weise. Außerdem werden Wissenswürdigkeiten aus den verschiedensten Fächern behandelt: die Geburtstage berühmter Männer; das Verbot des Pythagoras, Fische zu essen; ob sich die Juden des Schweins aus Verehrung oder Abscheu enthalten; wer der Juden Gott sei; warum die nach den Planeten benannten Tage nicht in der Reihenfolge derselben, sondern in umgekehrter gezählt werden; über die Menschen mit dem bösen Blick usw. Waren Gelehrte bei Tische, so ließen sie sich nicht immer abhalten, Erörterungen über Gegenstände ihres Fachs von unerwünschter Ausführlichkeit zum besten zu geben. Der unter Nero in Rom lebende griechische Dichter Lucilius klagt namentlich über die Philologen und beschwört den Hausherrn, ihn an seiner Tafel nicht diesen Pedanten und Wortklaubern von der Zunft des Aristarch zur Beute werden zu lassen; heute möge ihm nicht das »Singe den Zorn, o Göttin« aufgetischt werden. Auch Philosophen konnten oft der Versuchung nicht widerstehen, sich in Untersuchungen und Disputationen über schwierige und abstrakte Probleme zu vertiefen, zur Qual der übrigen Gäste, die ihnen nicht zu folgen vermochten und sich dann mit Gesängen, possenhaften Erzählungen, banausischen und trivialen Reden schadlos hielten. Vor solchen Tischgesprächen hatte schon Varro gewarnt. Plutarch erklärt die Beschäftigung mit dialektischen Spitzfindigkeiten bei Tische für unzuträglich. Es gab auch Leute, die darauf bedacht waren, sich etwas aus der Philosophie anzueignen, was sie einmal bei einem kaiserlichen Gastmahl zur Schau stellen könnten; die philosophische Lehrbücher studierten und Vorträge zu keinem andern Zwecke hörten, als um die Bewunderung eines Senators zu erregen, den ihnen das Glück etwa zum Tischnachbar geben würde; oder um die Gäste durch Aufzählung sämtlicher Schriftsteller in Erstaunen zu setzen, die über eine gewisse Schlußform geschrieben hatten.

Wie sehr dergleichen übrigens auch bespottet wurde, so konnte es doch nicht so völlig ungehörig erscheinen, wie es heutzutage der Fall sein würde. Denn Bildung, Belehrung und geistige Förderung wurde damals wie überhaupt im Altertum weit mehr in persönlichem Verkehr, »im lebendigen Ideentausch, durch heitre Geselligkeit« erstrebt und erreicht als in neuern Zeiten, und dieses Bestreben gab unter anderm auch zu den so häufigen Gastmählern der Philosophen und Gelehrten Veranlassung, die in der Tat eine Art von wissenschaftlichen Sitzungen waren und sein sollten. Auf sie näher einzugehen, ist hier, wo nur die gesellige Unterhaltung gebildeter Kreise in Betracht gezogen werden sollte, nicht der Ort.

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