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Sittengeschichte Roms

Ludwig Friedländer: Sittengeschichte Roms - Kapitel 4
Quellenangabe
typereport
authorLudwig Friedlaender
titleSittengeschichte Roms
publisherPhaidon-Verlag
year1934
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160513
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II. Der Hof

1. Sein Einfluß auf Formen und Sitten

Wie das römische Kaisertum aus dem Privatstande hervorgegangen ist, so hat auch der kaiserliche Hof sich anfangs mit seinen Einrichtungen und Formen wie mit seinem Personal nach Art eines großen Privathauses gestaltet. In der ersten Zeit von den fürstlichen Haushaltungen der großen Familien Roms nicht wesentlich verschieden, hat er sich langsam und allmählich dem Charakter der Königshöfe der alten Welt angenähert. Die wiederholten und zum Teil aufrichtigen Bestrebungen mehrerer Kaiser, ihn soviel wie möglich auf jenen bürgerlichen Zuschnitt zurückzuführen, haben diesen Entwicklungsprozeß nur zu verzögern vermocht, der sich im 3. Jahrhundert unter den nun immer unwiderstehlicher einwirkenden Einflüssen des Orients vollendete.

Auf der andern Seite hat der Hof wieder vielfach auf Sitten und Formen der höheren Stande, selbst auf ihre häuslichen Einrichtungen, dann auf weitere Kreise zurückgewirkt. Entschieden ausgesprochne Ansichten und Grundsätze, Neigungen und Liebhabereien des Kaisers, seiner Familie, seiner Günstlinge sind zunächst für Rom in einer Weise bestimmend gewesen, wie es nur bei einem schrankenlosen Despotismus möglich ist. Nicht bloß für Rom: mit einer gewissen Wahrheit konnte das bekannte Wort ausgesprochen werden: der Erdkreis richtet sich nach dem Beispiel seines Beherrschers. Mit den Personen der Kaiser haben nicht bloß Einrichtungen, sondern auch Sitten und Formen gewechselt. Nur eine philosophische Abstraktion, wie die Marc Aurels, konnte in dieser Aufeinanderfolge verschiedenartiger, oft grell kontrastierender Zustände ein ewiges Einerlei erblicken. Alles – so erschien es ihm – war schon dagewesen und würde auch künftig so sein: der Hof des Hadrian und des Antoninus, und wieder des Philipp, Alexander und Krösus – es war alles dasselbe, nur die Personen andre. Es waren immer dieselben eiteln und vergänglichen Bestrebungen, unter Vespasian wie unter Trajan, dieselben Bemühungen und Enttäuschungen; und alles dieses war vergangen und vergessen, und so würde auch die Gegenwart vergehen und vergessen werden. Doch wer sich von den Erscheinungen des Lebens und der Wirklichkeit nicht geflissentlich abwandte, der ward immer von neuem gewahr, wie schnelle und umfassende Veränderungen, ja Umwandlungen jeder Wechsel in den höchsten Kreisen nach sich zog. Oft genug haben die Zeitgenossen dies ausgesprochen. »Biegsam werden wir«, so sprach der jüngere Plinius vor Trajan im Senat, »vom Kaiser nach jeder beliebigen Seite gelenkt und schmiegen uns seinem Vorgange an; denn ihm wünschen wir lieb zu sein, seinen Beifall zu erwerben, was solche, die ihm unähnlich sind, nicht hoffen dürfen, und durch fortgesetzte Fügsamkeit sind wir dahin gekommen, daß fast die ganze Welt nach den Sitten eines einzigen lebt. Das Leben des Kaisers ist ein Zensoramt, und zwar ein lebenslängliches; nach ihm richten wir, nach ihm wandeln wir uns: und wir bedürfen nicht sowohl des Befehls als des Beispiels«. Die Untertanen, sagt Herodian, pflegen in ihrem Leben dem Sinne des Herrschers nachzueifern.

Dergleichen Umwandlungen traten am auffallendsten hervor, wenn auf einen oder mehrere ausschweifende Höfe ein streng geregelter folgte. Daß der Tafelluxus, der während des Jahrhunderts von der Schlacht bei Actium bis auf Neros Tod seinen höchsten Grad erreicht hatte, nachher allmählich abnahm: dies, wie überhaupt die größere Sittenstrenge, wurde nach Tacitus vorzüglich durch Vespasians Beispiel bewirkt, durch seine altertümlich einfache Lebensweise. Die Folgsamkeit gegen den Kaiser und der Wunsch ihm nachzueifern erwies sich wirksamer als die Furcht vor Gesetzen und Strafen. Nicht minder grell war der Gegensatz zwischen den Höfen des Commodus und des Pertinax, und nicht minder schnell die Wirkung des Wechsels: die allgemeine Nachahmung von Pertinax' Sparsamkeit, sagt der Biograph dieses Kaisers, brachte in Rom eine große Wohlfeilheit hervor. Auch von Alexander Severus heißt es, seine Lebensweise sei gewesen wie ein Zensoramt: ihm ahmten die Großen Roms, seiner Gemahlin die edlen Frauen nach.

Eine ebenso allgemeine Nacheiferung riefen die geistigen Richtungen und Interessen der Kaiser hervor. Daß Nero zweimal, vor seiner Thronbesteigung und im ersten Jahre seiner Regierung, Übungsreden hielt, hatte einen gewaltigen Eifer für das Studium der Rhetorik zur Folge, und Rom ward mit einer Fülle von Lehrern dieser Kunst überschwemmt, die nie so sehr blühte, so daß viele durch sie aus tiefster Niedrigkeit zum Senatorenstande und zu den höchsten Ehren sich aufschwangen. Daß Neros Leidenschaft für Musik ähnliche Wirkungen geübt hat, darf als gewiß angenommen werden, auch ohne daß es ausdrücklich berichtet wird: musikliebende Herrscher, sagt Plutarch, bewirken, daß es viele Musiker gibt, ebenso wie solche, die Freunde der Literatur oder der Gymnastik sind, die Zahl der Gebildeten und der Athleten vermehren.

Daher mehrten sich auch unter Marc Aurel, dem Philosophen auf dem Throne, die Freunde der Weisheit und Wissenschaft, am meisten die angeblichen, die unter dieser Maske auf Beförderung und Reichtümer hofften. Lucian hat mit Vorliebe und fast bis zum Überdruß des Lesers das Treiben jener Afterphilosophen geschildert, von denen namentlich Griechenland damals wimmelte, wo man nach seiner Versicherung auf allen Straßen und Plätzen lange Bärte, Bücherrollen, große Stocke und abgetragene Mantel in Masse erblickte. Rohe, ungebildete Menschen kauften Bibliotheken, in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit des Kaisers auf sich zu ziehen und große Vorteile zu erlangen. Gegen einen solchen ist eine besondre Schrift Lucians gerichtet.

Seine Darstellungen durften kaum übertrieben sein; und eine Mitteilung Galens, die für die Wirkungen des kaiserlichen Beispiels charakteristischer ist als alles übrige, kann nicht dem mindesten Zweifel unterliegen. Marc Aurel nahm täglich eine Dosis Theriak, ein Gegengift, das zugleich für ein Universalmittel galt. Während seiner Regierung wurde dieses Mittel in Rom für die reichen Leute so massenhaft bereitet, daß oft die erforderlichen Ingredienzien ausgingen: denn, sagt Galen, es ist wunderbar, wie die Reichen alles nachahmen, was die Kaiser tun, oder doch es nachzuahmen scheinen wollen. Nach Marc Aurels Tode hörte die Nachfrage nach Theriak in Rom sofort auf. Natürlich kamen auch die kaiserlichen Lieblingsgerichte sofort in Aufnahme, wie unter Tiberius' Regierung eine eßbare Wurzel, die er sich jedes Jahr aus Deutschland kommen ließ, und die im Rauch aufbewahrten Weintrauben aus Afrika, denen er vor den früher beliebteren aus dem Veltlin den Vorzug gab; der Alant dadurch, daß ihn seine Mutter Livia täglich aß. Nero »verschaffte dem Schnittlauch Ansehen«, indem er ihn zur Verbesserung seiner Stimme an bestimmten Monatstagen aus Öl aß, ohne irgend eine andre Speise dazu zu nehmen. Als Hadrian, angeblich um angeborene Narben im Gesichte zu verdecken, mit dem bisherigen Brauche, den Bart zu rasieren, gebrochen hatte, wurde, wie die Denkmäler zeigen, der Vollbart allgemein Mode, wenn es auch natürlich im einzelnen an Ausnahmen nicht fehlt. Vermutlich wird auch das kurz geschorene Haar Marc Aurels wie das langgetragene des Lucius Verus nicht bloß für die Haartracht an den Höfen beider (von denen Galen es bezeugt) maßgebend gewesen sein, sondern auch für weitere Kreise, wie das zur Verhütung von Kopfweh kurz geschorene Haar Karls V., und später die hinter Ohren und Schläfen zurückfallenden Locken des Don Juan d'Austria diese wie jene Haartracht zur Mode machten.

So warfen also die Zustände in den höheren Schichten der Gesellschaft – und nur über diese sind wir einigermaßen unterrichtet – ein mehr oder minder treues Spiegelbild der jedesmaligen Hofsitten zurück: wenn freilich auch solche Erscheinungen, je augenblicklicher sie eintraten, desto oberflächlicher bleiben mußten.

2. Die Beamten, Freigelassenen und Sklaven des kaiserlichen Hauses

Der Hof im engeren Sinne bestand aus dem gleich anfangs sehr umfangreichen und vielfach abgestuften Dienerschafts- und Beamtenpersonal des Kaisers und der kaiserlichen Familie. In weiterem Sinne gehörten dazu auch die sogenannten Freunde des Kaisers.

Während des größten Teils des ersten Jahrhunderts haben die Kaiser, nach Art von Privatpersonen, ihre Sklaven und Freigelassenen nicht bloß zu ihrer Bedienung, sondern auch als Gehilfen ihrer Arbeiten und als Vertreter bei der Verwaltung von Einkünften und Instituten und zur Führung von Geschäften aller Art verwendet. Wenn dies freilich in der Absicht geschah, dem Kaiserhofe den Charakter eines Bürgerhauses zu erhalten, so wirkte doch hier auch ein zwar entgegengesetztes, aber mit jener zur Schau getragenen Bürgerlichkeit nicht unvereinbartes Motiv mit ein. Sehr bald gelangten diese Beamten des kaiserlichen Hauses, wie niedrig von Herkunft, wie untergeordnet und gering geachtet auch nach ihrer rechtlichen Stellung, zu einer faktischen Macht, die sie über die Höchstgeborenen erhob. Durch die Natur des Cäsarismus, zumal des werdenden, war eine gewisse geflissentliche Nichtachtung der Standesunterschiede, ein Nivellierungssystem bedingt, nicht bloß um die Widerstandskraft der Aristokratie zu brechen, sondern auch um zu zeigen, daß das kaiserliche Belieben allmächtig sei, daß es allein hinreiche, die niedrigste Stellung in die höchste zu verwandeln, daß ihm gegenüber alle Untertanen gleich seien. Mit unzweideutiger Beziehung sagt Tacitus, daß bei den Deutschen die Freigelassenen im Hause selten, im Staate nie etwas vermögen, ausgenommen bei den Völkern, die von Königen beherrscht werden; denn dort steigen sie sowohl über die Freien als über die Adligen, bei den übrigen ist ihre untergeordnete Stellung ein Beweis der Freiheit. Den rücksichtslosen Übermut des neuen Königtums gegenüber dem Herkommen und dem Gesetz trug der erste Cäsar auch in dieser Hinsicht zur Schau. Er machte Sklaven zu Vorstehern der Münze, übergab ihnen die Einziehung öffentlicher Abgaben und ernannte zum Befehlshaber der Legion, die er in Alexandria zurückließ, den Sohn eines Freigelassenen, Rufinus, seinen früheren Lustknaben.

Doch je mehr mit der fortschreitenden Entwicklung des Kaisertums sich Formen und Einrichtungen der absoluten Monarchie ausbildeten, desto mehr gewannen die Haus- und Hofämter wenigstens zum Teil den Umfang und die Bedeutung von Staatsämtern, die nur von Frei- und Edelgeborenen bekleidet werden konnten. Den Schein der Bürgerlichkeit zu retten, war hier fortan weder möglich noch wünschenswert, die kaiserliche Allmacht durch Erhebung niedriger Diener zu betätigen, nicht ferner nötig. So wurden die kaiserlichen Freigelassenen aus einigen der wichtigsten Hofämter verdrängt, und Ritter traten an ihre Stelle. Die Freigelassenen wurden in der Führung der Geschäfte auf untergeordnete Stellungen, außerdem auf den persönlichen Hausdienst beschränkt. Auch nach dieser Veränderung waren sie nicht selten sehr mächtig, aber die Natur ihrer Macht war eine andre als früher. Im ersten Jahrhundert beruhte sie zum Teil auf der Wichtigkeit ihres Amts, im zweiten und dritten allein auf ihrem vorausgesetzten oder wirklichen persönlichen Einflusse am Hofe. Die Freigelassenen, die in Claudius' Namen regieren, waren die Leiter des Rechnungsamts (d. h. der kaiserlichen Finanzverwaltung), des Sekretariats und des Amts für Bittschriften und Beschwerden; die allmächtigen Freigelassenen an Commodus Hofe waren Kammerdiener.

Die allmählich wachsende Bedeutung und Wichtigkeit der Hofbedienungen und Hausämter gibt also einen untrüglichen Maßstab für die Fortschritte der Entwicklung des Kaisertums, die, von den äußerlich beibehaltenen Formen der Republik ausgehend, mit einer Erstarrung in orientalischem Absolutismus endete. Die Ämter, die im ersten Jahrhundert nach außen unscheinbare Hausdienste blieben, obwohl ihre Inhaber schon seit Claudius zu den mächtigsten Reichsbeamten gehörten, waren bereits im zweiten hohe Ziele der ritterlichen Beamtenlaufbahn, die man erst nach Verwaltung wichtiger Posten erreichte, und Stufen zu den höchsten Stellungen, die überhaupt dem Ritterstande zugänglich waren.

Bis auf Vitellius waren die Freigelassenen im uneingeschränkten Besitz der Hofbedienungen, und zum Teil durch sie seit Caligula im Besitz der höchsten Macht. Vitellius war der erste, der ganz ausnahmsweise einige dieser Stellen mit Rittern (Präfekten oder Tribunen der zu ihm abfallenden Truppen) besetzte. Doch schwankte die Praxis noch längere Zeit, da hier teils das persönliche Belieben der Kaiser entschied, die zum Teil immer noch ergebene und gehorsame Diener in diesen Ämtern lieber sahen als Männer vom Stande, teils unter den Freigelassenen besonders geeignete und erprobte Persönlichkeiten sich darbieten mochten. Von den obengenannten drei wichtigsten Ämtern waren unter Domitian zwei mit Freigelassenen besetzt: das Amt der Bittschriften und Beschwerden und das Sekretariat. Doch verwaltete das letztere unter ihm, wie später unter Nerva und Trajan, auch ein Mann vom Ritterstande, aber unter Trajan auch Freigelassene.

Erst Hadrian zog eine feste Grenze zwischen der Verwaltung des Reiches und der des Fürstenhauses, indem er der letzteren auch formell ihren privaten Charakter nahm und an die Stelle der Freigelassenen einen kaiserlichen Beamtenstand mit magistratischem Charakter setzte, in dessen Begründung die einzige Möglichkeit lag, den ins Ungeheure gewachsenen Aufgaben zu entsprechen. In allen höheren Verwaltungsposten traten Ritter an die Stelle der Freigelassenen, namentlich in den drei Ämtern der Finanzen, der Bittschriften und Beschwerden und der Briefe, die so auch formell zu Staatsämtern wurden. Fortan sehen wir die Inhaber derselben teils mittelbar, teils unmittelbar zu den ersten Gewalten des Weltreichs gelangen, namentlich zu dem Vizekönigtum von Ägyptern und der Präfektur des Prätoriums in Rom. Bei dem Amt der kaiserlichen Finanzen findet sich indes die Anomalie, daß es auch noch in der Zeit, wo es in der Reihenfolge der Ämter eine so hohe Stufe bildete, hin und wieder von Freigelassenen bekleidet worden ist. Aber abgesehen davon, daß dergleichen Anomalien in dem Wesen des Absolutismus ihre Erklärung finden, mußte bei der Wahl gerade dieser Beamten die Rücksicht auf Geschäftskenntnis und Zuverlässigkeit andre Rücksichten überwiegen, und die Möglichkeit, bei etwaigen Veruntreuungen Zwangsmittel anwenden zu können, besonders in Betracht kommen. Dies letztere hebt auch Mäcenas in seiner Rede an Augustus bei Cassius Dio als Grund hervor, weshalb es sich empfehle, Freigelassene bei Geldverwaltungen anzustellen.

Als diese Ämter ganz oder größtenteils aufgehört hatten, den Freigelassenen zugänglich zu sein, war es vorzugsweise das Amt des Oberkämmerers ( a cubiculo, cubicularius), in dem sie noch zur Macht gelangen konnten: die Entwicklung desselben ist ebenso bezeichnend für das spätere Kaisertum, wie die der andern Ämter für das frühere. Waren die Kammerdiener freilich zu allen Zeiten einflußreich gewesen, so war doch ihre äußere Stellung anfangs eine sehr niedrige; erst der zunehmende Einfluß orientalischer Sitten gab dem »Vorgesetzten des heiligen Schlafgmachs« ( praepositus sacri cubiculi), wie er nun hieß, eine hohe Würde: und die in den letzten Jahrhunderten gewöhnliche Bekleidung dieser Stelle durch Eunuchen gehört zu den bezeichnendsten Symptomen der vollendeten Orientalisierung des römischen Kaiserhofes. Die Eusebius und Eutropius regierten nicht bloß in Byzanz und Ravenna unumschränkter als einst die Pallas und Narcissus in Rom, sondern wurden auch rechtlich den höchsten Reichsbeamten gleichgestellt.

Doch bevor auf diese Ämter naher eingegangen werden kann, ist es nötig, die Stellung zu betrachten, welche die kaiserlichen Freigelassenen als solche, abgesehen von ihrem Dienst, einnahmen, und die Veränderungen zu verfolgen, welchen diese unter den Regierungen der beiden ersten Jahrhunderte immer von neuem unterworfen war.

Es waren während dieser Zeit beinahe ausschließlich die östlichen Länder, die Länder der alten Kultur, Griechenland, Kleinasien, Syrien und Ägypten, aus denen die kaiserliche Hausdienerschaft sowie die der großen Paläste Roms sich in der Regel bildete und ergänzte. Während der Norden und Westen zum größten Teil die Leibwächter stellte, denen die Kaiser die Sicherheit ihrer Person anvertrauten, wählten sie Griechen und Orientalen am liebsten zu ihrer Bedienung und zur Führung ihrer Geschäfte, und so stiegen diese von dem römischen Nationalstolz unter allen Völkern am tiefsten verachteten Menschen immer wieder zur höchsten Macht empor. Die Menschen im Osten waren eben, wie einer von ihnen es selbstgefällig ausgesprochen hat, schärfer von Verstand.

In wie geringer Achtung die Griechen im allgemeinen bei den Römern standen, ist bekannt. Cicero nennt sie betrügerisch, unzuverlässig und durch lange Knechtschaft zur Schmeichelei erzogen. Den schärfsten Tadel erfuhr ihr Mangel an Wahrheitsliebe, der freilich schon ihre leicht angeregte und bildnerische Phantasie Eintrag tat. Überdies waren die Vertreter der Nation in Rom oft am wenigsten »des alten Griechenlands würdig«. Sie erscheinen in Juvenals bekannter Schilderung schnell von Geist, von betäubender Redefertigkeit, in allen Sätteln gerecht, nach Erfordernis bereit, als Gelehrte, Künstler, Turnlehrer, Wahrsager, Seiltänzer, Ärzte oder Zauberer aufzutreten, unerreichte Meister in der Kunst des Schmeichelns und Heuchelns, zu Schauspielern geboren, unerhört frech und in der Wahl ihrer Mittel unbedenklich und ruchlos. Abgesehen davon, daß hier die Farben stark aufgetragen sind, sind die Vorzüge, die auch die gesunkene Nation noch schmückten, vergessen: ihre (wie Philostrat rühmt, besonders den Ioniern) angeborene Feinheit, ihre höhere und reichere Bildung, die Anmut ihres Wesens, ihre Erfindungsgabe und Geschäftsgewandtheit, durch die sie sich schon an den Höfen von Persepolis und Susa ebenso unentbehrlich gemacht hatten wie jetzt in Rom.

Die Syrer galten für klug, zu anmutiger Unterhaltung wie Scherz und Spott ebenso geneigt wie dafür begabt, leichtfertig und zur Veränderung geneigt, aber auch für hinterlistig und verschlagen.

Der Nationalcharakter der Ägypter erschien den Griechen und Römern als ein seltsames Gemisch widersprechender, doch meist unliebenswürdiger und schlimmer Eigenschaften: »ägyptisch verfahren« sagten die Griechen für tückisch handeln. Geist und Scharfsinn wurden besonders an den Alexandrinern gerühmt, ihr Witz war als schlagfertig und beißend, wie als obszön und possenreißerisch bekannt; ihre Frechheit und Unverschämtheit in Reden galt als beispiellos. Den Ägyptern im allgemeinen wurde Eitelkeit, Aufgeblasenheit, Insolenz und Prahlerei vorgeworfen. Sie waren sowohl zu kühnen Taten als zur Ertragung der Knechtschaft beanlagt. Sie waren wollüstig und üppig, ertrugen aber Foltern mit bewundernswerter Standhaftigkeit. Leicht entzündlich und aufbrausend, händel- und streitsüchtig, immer nach Neuem begierig (was sie selbst in ihren Gassenliedern zeigten) und daher stets zu Aufruhr und Umwälzungen geneigt, waren sie zugleich voll Neid, tiefer Arglist und finstrer Verstocktheit, die sich namentlich auch in ihrem religiösen Fanatismus kundgab. Tacitus nennt Ägypten eine Provinz, die durch Aberglauben und Zügellosigkeit zwieträchtig und unstät sei. Übrigens werden an den Fellahs des heutigen Ägyptens viele mit den Schilderungen der Alten auffallend übereinstimmende Charakterzüge hervorgehoben, namentlich List und Verschmitztheit, Ausdauer und Hartnäckigkeit, Eigensinn und Streitsucht, Neid und Lügenhaftigkeit, Hang zur Satire und beißender Witz.

Die Schicksale dieser kaiserlichen Diener, die nicht selten Beherrscher ihrer Herrscher wurden, gehören mit zu dem Seltsamsten jener an seltsamen Erscheinungen so reichen Zeit. Oft waren sie zum Verkauf nach Rom geführt worden und hatten mit geweißten Füßen auf dem Gerüst gestanden, wo die feilgebotenen Sklaven von Kauflustigen in Augenschein genommen und betastet wurden. Sie waren aus einer Hand in die andre gegangen, hatten alle Herabwürdigungen der Sklaverei erduldet, bevor sie durch Verkauf, Schenkung oder Vererbung in das kaiserliche Haus kamen oder als Freigelassene dahin übergingen. Talent und Brauchbarkeit oder Gunst des Zufalls richtete das Auge des Herrn auf sie und hob sie aus dem unermeßlichen Dienertroß empor, die einen schnell und plötzlich, die andern langsam und stufenweise. Viele von ihnen haben in die Geschicke der Welt eingegriffen, und ihr Lebenslauf ist in den Blättern der Geschichte verzeichnet. Von andern, die allmählich von geringen zu höheren Diensten aufsteigend eine weniger glänzende, aber sicherere und immer noch ansehnliche und geehrte Stellung erreichten, geben Denkmäler uns Nachricht. Auch ihre Laufbahnen zu verfolgen, ist nicht ohne Interesse. Ähnliche Beispiele des Emporsteigens aus tiefster Niedrigkeit zu Glanz und Macht wie das damalige Rom bietet vielleicht nur noch Rußland im 18. Jahrhundert. Kutaissow, einer der Günstlinge Kaiser Pauls, war ein elternloser Türkenknabe, der beim Sturm von Bender den Soldaten in die Hände gefallen war und, aus dem Lager an den Hof gebracht, der untersten Dienerschaft zugezählt wurde; Stiefelputzer, dann Kammerdiener des Großfürsten, endlich Ober-Stallmeister, Graf, Ritter aller russischen Orden und überreicher Magnat, wußte er sich bis an sein Ende in der Gunst des Kaisers zu erhalten, wenn auch dieser, dessen Barbier er blieb, ihn gelegentlich mit dem Stocke abstrafte.

Die Stellung der Freigelassenen, insofern sie nur auf ihrem Verhältnis zum Kaiser beruhte, das Ansehen und die Macht, die sie als Diener seines Hauses auch außer dem Bereich ihres Amtes besaßen, war natürlich je nach den persönlichen Neigungen und Regierungsgrundsätzen der Kaiser sehr verschieden. Wenn aber auch ihr außeramtlicher Einfluß unter guten Regierungen verhältnismäßig beschränkt war, so war er doch, wie die folgende Übersicht ergeben wird, selbst unter den besten keineswegs gering: wobei man nicht vergessen darf, daß zu unsrer Kenntnis nur vereinzelte Tatsachen gekommen sind, und fast nur solche, die allgemeines Aufsehen erregten.

Augustus, der den Charakter eines Privatmannes geflissentlich zur Schau trug, war gegen seine Sklaven und Freigelassenen in Rom gelegentlich unnachsichtig streng, wenn sie sich im Vertrauen auf ihr Verhältnis zu seinem Hause Übergriffe erlaubten. In den Provinzen war ihnen mehr erlaubt. Wenigstens regierte der Gallier Licinus, ein ehemaliger Sklave Cäsars, in seinem Vaterlande als kaiserlicher Kommissar eine Zeitlang unumschränkt und erpreßte ungeheure Summen. Er hat sich durch die Abteilung des Jahres in 14 Monate berühmt gemacht – für solche Abgaben nämlich, die monatlich erhoben wurden –, da November und Dezember, wie die Namen zeigten, erst der neunte und zehnte seien, und man folglich noch zwei Monate, die er Augusteische nannte, hinzurechnen müsse. Trotz der Beschwerden der Gallier, trotz des Unwillens des Augustus gelang es ihm, sich mit Aufopferung einer großen Summe zu retten, und ihm blieb noch so viel, daß sein Reichtum sprichwörtlich und mit dem der Crassus und Pallas zugleich genannt ward. Sein hochragendes marmornes Grabmal an der Via Salaria, das für die Ewigkeit gegründet schien, war späteren Generationen ein Gegenstand bitterer Betrachtung. Erwähnung verdient, daß der Freigelassene und Pädagog des Augustus, Sphärus, ein Begräbnis auf Staatskosten erhielt, und daß der Judenkönig Herodes, der Augustus in seinem Testament 1000 Talente vermacht hatte, 500 Talente zu Legaten bestimmte, mit denen er neben dessen Frau, Kindern und Freunden auch seine Freigelassenen bedachte.

Tiberius war eine zu aristokratische Natur, um Sklaven wissentlich und öffentlich Einfluß auf seinen Willen einzuräumen. »Seine Sklaven waren bescheiden, sein Hausstand auf wenige Freigelassene beschränkt«, sagt Tacitus von der ersten Zeit seiner Regierung. Später, besonders seit dem Tode des Drusus, hat sich wohl auch dieses wie alles übrige geändert. Die wichtigste kaiserliche Provinz, Ägypten, ward nach dem Tode Sejans einem Freigelassenen, Hiberus, wenn auch auf kurze Zeit interimistisch übertragen. Der jüdische Prinz Herodes Agrippa richtete sich durch Geschenke an Tiberius' Freigelassene, deren tätigen Beistand er so erkaufte, fast zugrunde; und einer derselben, Thallus, ein Samaritaner, war imstande, ihm eine Million Denare zu leihen; doch war der Angesehenste von ihnen ein andrer, Euhodus. Einen weiteren Freigelassenen des Tiberius, Nomius, nennt Plinius als Besitzer eines der größten unter den bekannten, überaus kostbaren Tischen aus Citrusholz, und zwar eines massiven, während Tiberius selbst nur einen fournierten besaß.

Doch die ungeheure Anomalie, daß halbberechtigte und verachtete Menschen, allen Augen sichtbar an die Spitze des Weltreiches gestellt, nach Willkür die größten Schicksale entschieden, nahm erst unter Caligula ihren Anfang. Callistus, der Sklave eines Privatmannes, der ihn verkaufte, ward kaiserlicher Sklave und gelangte als Günstling Caligulas zu einer der kaiserlichen fast gleichen Allmacht und zu einem ungeheuren Vermögen. Seneca sah oft seinen früheren Herrn sich vergebens an seiner Tür um Einlaß bemühen. Caligula ließ sich im Jahre 39 durch seine Fürsprache bewegen, von der Verfolgung des ihm mißliebigen Redners Domitius Afer (Konsul 39) abzustehen. Als Teilnehmer der Verschwörung gegen Caligula behauptete Callistus auch unter dessen Nachfolger seine Stellung.

Die Regierung des Claudius war die Saturnalienzeit der Freigelassenen. In Senecas Pasquill auf die Vergötterung des Claudius heißt es bei seiner Ankunft im Himmel: man hätte glauben sollen, daß alle Anwesenden seine Freigelassenen waren, denn niemand kümmerte sich auch nur im geringsten um ihn. Callistus, Pallas und Narcissus, »kühne und verschlagene Männer«, welche das kaiserliche Haus an die Stelle der Reichsregierung setzten, teilten sich in die Herrschaft. Sie und die übrigen Freigelassenen, mit Messalina im Bunde, verhandelten nach Willkür nicht bloß Bürgerrechte, Ämter und Statthalterschaften, sondern auch Straflosigkeit und Todesurteile. Außer den Genannten erwähnt Sueton Boter als Liebhaber der ersten Gemahlin des Claudius Urgulanilla und Vater ihrer Tochter Claudia, ferner den Eunuchen Posides, den Prokurator von Judäa Felix, den Studienrat Polybius und Harpocras. Die beiden letzteren nebst Myron, Ampheus und Pheronactus empfangen in dem Pasquill des Seneca ihren ehemaligen Herrn in der Unterwelt: er hatte sie vorausgesandt, um nirgends ohne Dienerschaft zu sein. Plinius nennt einen sehr reichen Eunuchen Thessalicus, der eigentlich ein Freigelassener des Marcellus Aeserninus war, sich aber, um mehr Macht zu gewinnen, in das Gesinde des Claudius hatte aufnehmen lassen, als den ersten, der die immergrüne Platane aus Kreta nach Italien und auf seine Villen bei Rom verpflanzte.

Kaum geringere Macht besaßen die Freigelassenen Neros. Polyclet, einer der verrufensten Räuber an diesem Hofe, ward im Jahre 61 nach Britannien gesandt, als Schiedsrichter zwischen dem Legaten und dem Prokurator dieser Provinz, und um zugleich die noch rebellischen Stämme zur Ruhe zu bringen. Mit ungeheurem Gefolge zur Belästigung Italiens und Galliens reisend, erschien er in Britannien, von dem Heere gefürchtet, aber den Barbaren zum Gespött, weil sie die Macht der Freigelassenen noch nicht kannten, nicht begriffen, daß ein Heer, ein siegreicher Feldherr vor einem Sklaven sich beuge. Ein andrer, Helius, schon von Claudius freigelassen, war im Anfang von Neros Regierung Verwalter des kaiserlichen Privatvermögens in der Provinz Asia und wurde im Jahre 54 von Agrippina als Werkzeug der Ermordung des dortigen Prokonsuls Junius Silanus gebraucht. Ihn ließ Nero während seiner durch die Reise nach Griechenland verursachten Abwesenheit (im Jahre 66 und 67) in Rom zurück mit so unumschränkter Vollmacht, daß er Konfiskationen, Todes- und Verbannungsurteile selbst gegen Ritter und Senatoren vollstrecken ließ, ohne Nero vorher eine Anzeige zu machen, so daß Rom, wie Cassius Dio sagt, zwei Kaisern unterworfen war, von denen man nicht zu sagen wußte, welcher der schlimmere sei. Den Eunuchen Pelago gab Nero der im Jahre 62 zur Ermordung des Rubellius Plautus abgesandten, von einem Centurionen geführten Soldatenabteilung als Befehlshaber, wie einen königlichen Diener einer Schar von Trabanten. Vorsteher des Amtes der Bittschriften und Beschwerden waren Doryphorus, ein Genosse von Neros Ausschweifungen, den dieser später vergiften ließ, und Epaphroditus (der Herr des Philosophen Epictet), der Nero bei seinem Selbstmorde behilflich war.

Galba ließ diejenigen Freigelassenen Neros, deren Bestrafung der allgemeine Haß am lautesten forderte, hinrichten, namentlich Polyclet, Helius und Patrobius, der im Jahre 66 die prachtvollen Schauspiele zur Feier der Ankunft des Partherkönigs Tiridates in Puteoli geleitet hatte. Doch einen der verruchtesten, Halotus (vielleicht den Eunuchen, der als Vorkoster bei Claudius' Vergiftung tätig gewesen war), ließ Galba nicht bloß straflos, sondern verlieh ihm auch eine sehr bedeutende Prokuratur. Seinen eignen Freigelassenen gegenüber bewies er die schmählichste Nachgiebigkeit, und nach wie vor wurde am Hofe Besteuerung und Steuerfreiheit, Bestrafung Unschuldiger und Straflosigkeit Schuldiger für Geld verkauft oder nach Gunst verschenkt. Am mächtigsten war Galbas Günstling Hicelus, ein Mensch von der schmutzigsten Vergangenheit, der aber seinem Herrn Ergebenheit bewiesen hatte. Er ward durch Verleihung des goldnen Ringes in den Ritterstand erhoben, ja man bezeichnete ihn als Kandidaten für die Präfektur des Prätoriums. Auch er mißbrauchte seine Allmacht zur schamlosesten Plünderung. Otho ließ ihn hinrichten; dagegen setzte er die Freigelassenen und Prokuratoren Neros in ihre Stellen wieder ein, was allgemeine Besorgnis erregte. Seinem eignen Freigelassenen Moschus gab er im Bürgerkriege den Befehl über die Flotte und zugleich den Auftrag, das Verhalten der höheren Stände zu beobachten.

Aus ebenso tiefer Niedrigkeit wie Hicelus stieg am Hofe des Vitellius dessen Freigelassener Asiaticus zu gleicher Macht empor. Von seinem Herrn gemißbraucht, war er ihm aus Überdruß entlaufen und trieb sich in Puteoli als Verkäufer eines von den untersten Klassen genossenen Getränkes umher; wieder eingefangen, ward er abermals der Liebling seines Herrn und erbitterte ihn abermals, so daß dieser ihn aus Zorn an einen auf Märkten umherziehenden Führer von Gladiatorenbanden verkaufte; dann aber nahm er ihn aufs neue zu sich und ließ ihn endlich frei. Gleich am ersten Tage des neuen Kaisertums ward Asiaticus in den Ritterstand erhoben; innerhalb von vier Monaten hatte er es den verrufensten Freigelassenen der früheren Höfe gleichgetan. Er endete mit seinem Herrn, wahrscheinlich am Kreuze. Von den Freigelassenen der beiden ersten Flavier ist wenig bekannt. Bei Philostrat erteilt Apollonius von Tyana dem Vespasian den Rat, den Übermut der Freigelassenen zu brechen: je größer ihr Herr sei, desto demütiger müßten sie sein. Nach Sueton glaubte man, daß Vespasian die raubsüchtigsten Prokuratoren zu höheren Stellen beförderte, um sie verurteilen zu lassen, wenn sie sich in diesen noch mehr bereichert hatten, und ihr Vermögen einzuziehen. Einer seiner Freigelassenen, der übelberüchtigte Hormus, der im Bürgerkriege sich tätig bewiesen hatte (man gab ihm die Zerstörung Cremonas schuld), erhielt im Jahre 71 die Ritterwürde. Auch unter Domitian gelangten die Freigelassenen wieder zu wichtigen Ämtern und großer Macht; die Kämmerer Parthenius und Sigerus waren an diesem Hofe Personen von hoher Bedeutung.

Eine wesentliche Änderung in der Stellung der kaiserlichen Freigelassenen trat mit Nerva und Trajan ein. Doch der Ton, in dem der jüngere Plinius die neuen Regierungsgrundsätze preist, zeigt, daß sie immer noch mächtig genug blieben. »Die meisten Fürsten«, sagt er, »waren zugleich Herren der Bürger und Sklaven der Freigelassenen; durch die Ratschläge und Winke dieser wurden sie gelenkt, durch sie hörten, durch sie redeten sie; durch sie, oder vielleicht bei ihnen bewarb man sich um Präturen, Priestertümer und Konsulate. Du erweisest deinen Freigelassenen freilich die höchste Ehre, aber doch als Freigelassenen, und glaubst, daß es für sie völlig genug sei, wenn sie für redlich und rechtschaffen gelten. Denn du weißt, daß große Freigelassene ein Hauptmerkmal eines nicht großen Fürsten sind. Und vor allem hast du keinen um dich, der nicht dir oder deinem Vater und allen Guten teuer wäre, sodann weisest du sie täglich an, daß sie sich nach ihrer Stellung, nicht nach der deinen messen; und sie sind um so würdiger, daß ihnen von uns jede Ehre erwiesen wird, weil wir nicht dazu gezwungen sind.« Auch erzählt Plinius, daß bei der Anklage des Eurythmus, eines Freigelassenen und Prokurators des Trajan, auf Testamentfälschung die Beteiligten sich scheuten, gegen den Angeklagten aufzutreten, was Trajan zu der schönen Äußerung veranlaßte: »Weder ist jener Polyclet, noch bin ich Nero.« Hadrian soll es nicht verschmäht haben, um seine Adoption zu sichern, Trajans Freigelassene durch Bestechung und Aufmerksamkeiten zu gewinnen. Er selbst freilich wollte, daß die seinen nicht öffentlich bekannt sein, noch daß sie irgend etwas bei ihm vermögen sollten; er pflegte zu sagen, daß allen früheren Kaisern die Laster ihrer Freigelassenen zur Last zu legen seien, und war streng gegen alle, die sich ihres Einflusses bei ihm rühmten. Auch Antoninus Pius war gegen seine Freigelassenen sehr streng und vernichtete den Einfluß der Hofbedienten am wirksamsten dadurch, daß er sich selbst von allem unterrichtete und sie so verhinderte, ihre Mitteilungen zu verkaufen. Aber Marc Aurel war zu mild, wenigstens um den Einfluß der von seinem Mitregenten begünstigten Freigelassenen Geminus und Agaclytus zu brechen, ja er duldete, daß Verus den letzteren mit der Witwe seines Vetters M. Annius Libo († als Statthalter von Syrien um 165) vermählte, und war bei der Hochzeit zugegen, so sehr die Heirat ihm zuwider war. Nach dem Tode des Verus entfernte er freilich dessen Freigelassene unter ehrenvollen Vorwänden, mit Ausnahme dessen, der später der Mörder seines Sohnes wurde, Eclectus. Unter Commodus schalteten die Freigelassenen mit ebenso unumschränkter Willkür wie nur je unter Claudius, und einer von ihnen, Cleander, bekleidete wirklich die Stelle des Präfekten des Prätoriums von Rom, die höchste nach dem Kaiser. Pertinax zog sich durch energische Maßregeln gegen die Ausschreitungen der Hofdiener ihren tödlichen Haß zu, der nicht am wenigsten wirksam war, seinen Untergang zu beschleunigen. Sever war ebenfalls streng gegen die Freigelassenen; desto mehr vermochten sie unter Caracalla, dessen Schicksal sie teilten. Neue Saturnalien begannen für sie unter Elagabal.

4.-7. ZEREMONIE DER EHESCHLIESSUNG.
Marmorreliefs. Im Museum des Vatikans. – London, British Museum. – Rom, Thermen-Museum. – Mantua, Museo civico

Wenn auch zuweilen, namentlich nach gewaltsamen Umwälzungen, die Dienerschaft des kaiserlichen Hauses umgestaltet wurde, so ging sie doch in der Regel im ganzen unverändert von einem Hof auf den andern über, und so konnte es für die meisten nicht schwer sein, eine Erfahrung zu gewinnen, die sie befähigte, »ihr Fahrzeug in jedem Wasser zu steuern«. Von Graptus, der auf Nero einen unheilvollen Einfluß übte, sagte Tacitus, durch Alter und Erfahrung habe er von den Zeiten des Tiberius an das kaiserliche Haus gründlich kennengelernt. Der Vater des Claudius Etruscus, der als fast neunzigjähriger Mann unter Domitian starb, war, fast noch ein Knabe, unter Tiberius an den Hof gekommen, hatte zehn Kaisern gedient und, wie es scheint, in dieser Zeit nur eine kurze Ungnade erlebt. Von seinen Herren waren sechs eines gewaltsamen Todes gestorben, während so vieler blutigen Regierungen war manches alte Geschlecht ausgerottet worden, gewaltsame Erschütterungen hatten den Erdkreis umgestaltet: und der alte, übrigens von Vespasian in den Ritterstand erhobene Freigelassene ging in ungestörtem Genuß seines Ansehens und seiner ungeheuren Reichtümer einem friedlichen Ende entgegen. Und so sind Hunderte in den Kaiserpalästen aufgewachsen und emporgekommen, die sich in einen Herrn nach dem andern zu fügen wußten und einen nach dem andern überlebten – wer hätte erzählen können, was sie zu erzählen wußten!

8. WICKELKIND.
Stein. 3. Jahrhundert v. Chr. Rom, Villa Giulia

Doch freilich verminderte sich die Sicherheit ihrer Stellung, je höher sie stiegen. Wie zum Teil die eben gegebene Übersicht lehrt, brachte es vielen den Untergang, wenn ihre Reichtümer die Begierde des Kaisers erregten (namentlich Nero ließ mehrere alte und reiche Freigelassene vergiften), wenn sie ihm oder andern Günstlingen zu mächtig wurden, wenn sie bei Thron- und Palastrevolutionen zu den Häuptern der unterliegenden Partei gehörten, wenn sich die Folgen ihrer Teilnahme an verhängnisschweren Taten und Beschlüssen gegen sie selbst kehrten; denn oft genug haben sie bei Verschwörungen gegen die Kaiser, bei der Wahl ihrer Gemahlinnen oder Thronfolger einen entscheidenden Einfluß geübt.

Die Reichtümer, die ihnen infolge ihrer bevorzugten Stellung zuströmten, waren eine Hauptquelle ihrer Macht. In einer Zeit, wo die Reichtümer der Freigelassenen überhaupt sprichwörtlich waren, konnten sich doch sicherlich die wenigsten mit diesen kaiserlichen Dienern messen. Narcissus besaß 400 Mill. Sesterzen (87 Mill. Mark), das größte aus dem Altertum überhaupt bekannte, sonst nur noch einmal, bei dem Augur Cn. Lentulus unter Augustus, bezeugte Vermögen, und Juvenal stellt seinen Reichtum mit dem des Krösus und des Perserkönigs zusammen; Pallas besaß 300 Mill. (65 Mill. Mark), Callistus, Epaphroditus, Doryphorus und andre kaum minder kolossale Schätze. Als Claudius einst über Ebbe im kaiserlichen Schatz klagte, hieß es in Rom, er werde Überfluß haben, wenn er von seinen beiden Freigelassenen (Narcissus und Pallas) in ihre Genossenschaft aufgenommen würde. Von Epaphroditus erzählt Epictet, daß ein Bittsteller ihm einen Fußfall tat und sein Unglück bejammerte, da er nur noch 6 Mill. Sesterzen (1,3 Mill. Mark) besitze: worauf Epaphroditus sein Erstaunen äußerte, daß jener eine solche Armut ruhig habe ertragen können. Spätere Erwähnungen werden zeigen, daß auch viele, die nicht so hohe Stellungen einnahmen, sehr reich waren. Abgesehen von ihren einträglichen Ämtern hatten sie in den Provinzen wie in Rom, bei Geldverwaltungen wie im kaiserlichen Hausdienst tausendfache Gelegenheit, durch geschickte Benutzung der Umstände ihr Vermögen zu vermehren, auch ohne gerade zu plündern und zu erpressen. Es versteht sich, um nur dies zu erwähnen, von selbst, daß die im Hofdienst Angestellten sich jede wirkliche oder angebliche Mitwirkung, um ein Anliegen an das Ohr des Kaisers zu bringen, jeden mittelbaren oder unmittelbaren Einfluß auf seine Entschlüsse bezahlen ließen. Auf einer Reise Vespasians stieg der Maultiertreiber ab, angeblich um die Tiere zu beschlagen, in der Tat aber, um jemandem die Gelegenheit zu bieten, ein Anliegen an den Kaiser zu bringen. Vespasian fragte, für welchen Preis er beschlagen habe, und bedang sich einen Teil der Bezahlung aus. Mit Nachrichten über die kaiserlichen Äußerungen, Absichten und Stimmungen wurde ein gewinnreicher Handel getrieben, häufig waren diese teuer verkauften Mitteilungen bloßer Dunst ( fumi); bereits Martial erwähnt »das Verkaufen von eitlem Dunst beim kaiserlichen Palast« als Gewerbe, und die späten Kaiserbiographen brauchen den Ausdruck fast wie einen technischen. Alexander Severus ließ einen seiner Leute, der über ihn »Dunst verkauft« und dafür von einem Militär 100 Goldstücke empfangen hatte, ans Kreuz schlagen und seinen Vertrauten Verconius Turinus wegen gewerbsmäßiger Betreibung dieses Handels auf dem Forum des Nerva an einen Pfahl gebunden in Rauch ersticken, wobei ein Herold ausrief: der Dunst verkaufte, wird mit Dunst getötet. Hadrian und Antoninus Pius hielten an ihren Höfen so gute Ordnung, daß keiner von ihren Freunden und Freigelassenen etwas von dem, was sie sagten oder taten, »verkaufte, wie es die kaiserlichen Diener und Hofleute zu tun pflegen«. Die immer von neuem angewandten Maßregeln der Kaiser gegen diesen Handel mit falschen Vorspiegelungen zeigen, wie unmöglich es war, den Übelstand auf die Dauer zu beseitigen. Die Schilderung, die in dem Leben Elagabals in der kindischen Weise dieser Kaiserbiographien von dem Treiben eines seiner Günstlinge gegeben wird, paßt wohl auf den größten Teil der Kaiserzeit mehr oder weniger. Aurelius Zoticus, der Sohn eines Kochs aus Smyrna, »verkaufte alles, was der Kaiser sagte und tat, unter falschen Vorspiegelungen ( fumis), in Hoffnung auf ungeheure Reichtümer, indem er dem einen drohte, andern versprach, alle betrog, und wenn er von ihm herauskam, zu den einzelnen mit den Worten herantrat: Von dir habe ich dies gesagt, von dir habe ich dies gehört, mit dir wird dies geschehen: wie Menschen der Art sind, die, wenn sie zu einer großen Vertraulichkeit mit den Kaisern zugelassen werden, den Ruf nicht bloß der schlechten, sondern auch der guten Regenten verhandeln und infolge der Torheit oder Arglosigkeit der Kaiser, die dies nicht durchschauen, von solchen schändlichen Betrügereien sich mästen«.

Im Besitz so enormer Reichtümer überboten die kaiserlichen Freigelassenen die Großen Roms in Üppigkeit und Pracht. Ihre Paläste waren die prächtigsten Roms, der des Eunuchen Posides überglänzte nach Juvenal das Kapitol, und das Seltenste und Kostbarste, was die Erde bot, schmückte sie in verschwenderischer Fülle. Während der Arme sorglos ist, heißt es bei demselben Dichter, zittert der reiche Licinus für die phrygischen Säulen und Statuen, den Bernstein, das Schildpatt und Elfenbein in den Sälen seines Palasts. In einem von dem Freigelassenen Caligulas Callistus erbauten Speisesaal sah Plinius dreißig Säulen aus orientalischem Alabaster: vier kleinere Säulen aus diesem Stein hatte Cornelius Balbus in seinem (unter Augustus erbauten) Theater der Merkwürdigkeit halber aufstellen lassen. Wenn die »Bäder der Freigelassenen« ihrer Pracht wegen beinahe sprichwörtlich waren, so waren sicherlich die glänzendsten darunter die der kaiserlichen Freigelassenen. In dem Bade, das der Sohn eines solchen, Claudius Etruscus, baute, waren häufig gebrauchte, wenn auch kostbare Marmorarten als zu gemein gar nicht, die seltensten in Masse verwendet; die Gewölbe glänzten mit bunten Bildern aus Glasmosaik, aus silbernen Röhren sprang das Wasser in silberne Becken. Ihre Parks und Gärten waren die größten und schönsten der Stadt, ihre Villen die herrlichsten der Umgegend. Welcher »Knecht« Neros (hier und sonst sind mit diesem Ausdruck die verhaßten und verachteten Freigelassenen gemeint), fragt der ältere Plinius, wäre vor kurzem mit einem Grundstück von zwei Morgen für seinen Garten zufrieden gewesen? Erwähnt werden in Rom die Parks des Pallas und Epaphroditus auf dem Esquilin. Wer den Garten am Palast des Entellus (Freigelassenen des Domitian) sehe, sagt Martial, müsse ihn dem des Alcinous vorziehen: dort reifte unter schützender Glasdecke die Purpurtraube trotz der Winterkälte. Die kaiserlichen Freigelassenen schmückten aber auch Rom und andre Städte der Monarchie mit prachtvollen und gemeinnützigen Bauten. Cleander, der mächtige Freigelassene des Commodus, verwandte einen Teil seines ungeheuren Vermögens zur Erbauung von Häusern, Bädern und »andern, sowohl einzelnen als ganzen Städten nützlichen Anstalten«. An verschiedenen Orten nennen Inschriften kaiserliche Freigelassene als Erbauer von Tempeln, Thermen und andern großen Gebäuden, oder erwähnen die ihnen für solche Munifizenz errichteten Statuen oder sonst erwiesenen Ehren. Die kostbarsten Luxusgegenstände, die Erfindungen der raffiniertesten Üppigkeit trugen ihren Namen. Wannenbäder, die durch Hineinleiten oder Hineingießen bajanischen Sprudels erhitzt waren, hießen nach dem Eunuchen des Claudius Posidianische Bäder. Wie Caligula ließ auch einer von den »Knechten« Neros sein Badewasser mit Essenzen mischen. Wie die Feldherren Alexanders des Großen ließ Patrobius sich zu gymnastischen Übungen Sand vom Nil kommen. Ihre und der Ihrigen sterbliche Reste wurden mit orientalischem Pomp zur Ruhe bestattet, kolossale Denkmäler, zu deren Ausschmückung sich alle Künste vereinten, erhoben sich über ihrer Asche, und prahlende Inschriften verkündeten ihre Verdienste der Nachwelt. Die Angaben in der Grabschrift des Pallas († 62) über die ihm vom Senat angetragenen, von ihm nur teilweise angenommenen Ehrenbezeigungen ärgerten noch im Jahre 107 den Konsularen Plinius zu sehr, als daß er darüber hätte lachen können.

Den allmächtigen Dienern des Kaisers Ehre zu erweisen und zu huldigen, wetteiferte die höchste Aristokratie Roms, wie tief auch diese Abkömmlinge uralter ruhmvoller Geschlechter die aus verhaßten Stämmen entsprossenen, mit der Schmach der Knechtschaft unauslöschlich befleckten Menschen innerlich verachteten und verabscheuten, die überdies rechtlich in mehr als einer Hinsicht noch unter dem freigeborenen Bettler standen. Denn die kaiserlichen Freigelassenen waren als solche nicht besser berechtigt als der ganze Stand, und die Standeserhöhungen, welche die Kaiser und der Senat einzelnen bewilligten, gaben ihnen höchstens auf Rechte des zweiten Standes Anspruch, wenn auch (doch nur höchst selten) äußerliche Auszeichnungen des ersten damit verbunden wurden. Am häufigsten war schon im ersten Jahrhundert die Erhebung in den Ritterstand durch Verleihung des goldenen Rings, und selbst in der Austeilung dieser Ehre scheinen wenigstens die damaligen Kaiser sparsam gewesen zu sein; denn da sie gerade den verdientesten oder bevorzugtesten Günstlingen verliehen wurde, darf man glauben, daß sie damals noch nicht durch allzu häufige Erteilung ihren Wert verloren hatte. Bekannt ist die Erhebung in den Ritterstand von Pallas durch Nero, Hicelus durch Galba, Asiaticus durch Vitellius, Hormus und dem Vater des Claudius Etruscus durch Vespasian. Mit dieser Erhebung in den Ritterstand ward zuweilen die Beilegung eines neuen (ritterlichen) Beinamens verbunden: so erhielt Hicelus den Namen Marcianus; der zum Kammerdiener Elagabals ernannte Aurelius Zoticus wurde mit dem Namen von dessen Großvater Avitus geehrt. Ausnahmsweise wurde auch das Ritterpferd nach Erteilung der Ingenuität Freigelassenen verliehen. Daß Narcissus vom Senat quästorische und Pallas sogar prätorische Abzeichen verliehen wurden, gehört zu den Anomalien dieser Zeit des Regiments der Freigelassenen sowie auch, daß beide den Senatssitzungen beiwohnen durften. Dadurch, daß Claudius seinen sämtlichen Prokuratoren Jurisdiktion in Fiskalsachen erteilte, stellte er, wie Tacitus sagt, die Freigelassenen, die er über sein Privatvermögen gesetzt hatte, mit sich selbst und den Gesetzen auf eine Stufe. Narcissus und Domitians Kammerdiener Parthenius haben sogar den Offiziersdegen geführt, den nicht einmal den senatorischen Prokonsuln, sondern nur den vom Kaiser ernannten Befehlshabern zu führen zukam; vielleicht als Zeichen eines militärischen Kommandos über die Palastwache. Was Claudius seinem Freigelassenen Harpocras bewilligte, sich in der Stadt der Sänfte zu bedienen und öffentliche Schauspiele zu veranstalten, das waren Rechte, die vielleicht allen freigebornen und anständigen Personen zustanden. Eine militärische Auszeichnung (den Lanzenschaft ohne Spitze, hasta pura) gab mit gewohnter Taktlosigkeit Claudius beim britannischen Triumph dem Eunuchen Posides. Der Erzieher des L. Verus, der Freigelassene Nicomedes, der dieselbe und andre Auszeichnungen erhielt, war zuvor in den Ritterstand erhoben worden.

Die äußerlichen Auszeichnungen der kaiserlichen Diener waren also (kurze Perioden abgerechnet) im ganzen bescheiden; äußerlich wenigstens sollte ihr untergeordnetes Ranges- und Standesverhältnis gegenüber den hochgebornen, mit tönenden Namen und äußerlichem Pomp aller Art geschmückten Würdenträgern der Monarchie gewahrt und bezeichnet bleiben. In Wirklichkeit gestaltete sich das Verhältnis sehr anders, ja verkehrte sich oft genug in das Gegenteil, und die grenzenlos verachteten »Sklaven« hatten die Befriedigung, daß »Freie und Edle sie bewunderten und glücklich priesen«, daß die Größten Roms sich aufs tiefste vor ihnen demütigten; nur wenige wagten sie als Bediente zu behandeln, wie der unter Nero im Jahre 65 enthauptete Lateranus, der dem Epaphroditus, als dieser versuchte ihn auszuforschen, erwiderte: »Wenn es mir wünschenswert sein sollte, werde ich mit deinem Herrn sprechen.« Für Pallas ward mit plumper Schmeichelei ein Stammbaum ersonnen, der seine Abkunft von dem gleichnamigen Könige Arkadiens ableitete, und ein Abkömmling der Scipionen schlug im Senat eine Dankadresse vor, weil der Sproß eines Königshauses seinen uralten Adel dem Wohl des Staats nachsetze und sich herablasse, Diener des Fürsten zu sein. Auf den Vorschlag eines der Konsuln (vom Jahre 52) wurden ihm die prätorischen Insignien und ein bedeutendes Geldgeschenk (15 Mill. Sesterzen = 3¼ Mill. Mark) angetragen; Pallas nahm nur die ersten an. Nun folgte ein Dekret, das fünfzig Jahre später der jüngere Plinius im Senatsarchiv mit Scham und Entrüstung las. Der Senat habe zwar dem verdienten Manne aus dem Staatsschatz eine ansehnliche Summe zuerkannt und, je entfernter sein Gemüt von Habsucht sei, desto eifriger sich bei dem Kaiser, dem Vater des Vaterlandes, verwenden wollen, daß er seinen Schatzverwalter bewegen möchte, den Wünschen des Senats nachzugeben. Da aber der Kaiser auf Pallas' Wunsch und in dessen Namen das Geldgeschenk abgelehnt, so bezeuge der Senat, daß er zwar jene Summe und die übrigen Pallas zuerkannten Ehrenbezeigungen verdientermaßen und mit Freuden votiert habe, daß er jedoch dem Willen seines Fürsten, dem zu widerstreben er in keiner Sache für zulässig achte, sich auch hierin füge. Dieses Dekret wurde auf einer Bronzetafel (wahrscheinlich an einem Büro des kaiserlichen Schatzes) neben einer geharnischten Statue Julius Cäsars öffentlich aufgestellt und der Besitzer von 300 Mill. Sesterzen als ein Muster strenger Uneigennützigkeit gepriesen. L. Vitellius, der Vater des gleichnamigen Kaisers, ein Mann in sehr hoher Stellung, allerdings ein selbst damals staunenerregender Virtuose der Niederträchtigkeit, verehrte unter seinen Hausgöttern goldene Bilder des Pallas und Narcissus. Polybius wurde oft in der Mitte beider Konsuln wandelnd gesehen. Und noch Severus mußte ein vom Senat für seinen Freigelassenen Euhodus beschlossenes Ehrendekret mit der Bemerkung zurückweisen: es sei eine Schande, wenn dergleichen über einen kaiserlichen Diener in die Senatsakten eingetragen würde.

Doch nichts ist so bezeichnend für die Stellung dieser ehemaligen Sklaven, wie daß sie die Töchter vornehmer und selbst dem Kaiserhause verwandter Geschlechter als Gemahlinnen heimführen durften, in einer Zeit, wo der Stolz des Adels auf alte Abkunft und eine lange Reihe edler Ahnen sehr groß war, und trotz der gesetzlichen Bestimmung, daß die Töchter von Senatoren oder deren Enkelinnen und Urenkelinnen im Mannesstamme nicht mit Freigelassenen verlobt und vermählt werden sollten; eine Bestimmung, die freilich von den Kaisern ebensogut aufgehoben werden konnte wie die entsprechende, daß Senatoren nicht freigelassene Frauen heiraten durften. Felix, der Bruder des Pallas, bekannt als Prokurator von Judäa, ward der Gemahl dreier Königstöchter, deren erste, Drusilla, eine Enkelin des Antonius und der Kleopatra, die zweite, ebenfalls Drusilla genannt, eine Tochter des Herodes Agrippa war; die dritte ist unbekannt. Auch seine Nachkommen waren weit entfernt, sich der Abkunft von ihm zu schämen. Eine Inschrift zu Pola, die einem seiner Urenkel, L. Anneius Domitius Proculus, von dessen Großmutter Antonia Clementiana gesetzt ist, nennt diesen Knaben von senatorischem Stande ausdrücklich einen Urenkel des Antonius Felix. Die Mutter des Claudius Etruscus, ausgezeichnet durch Schönheit, war die Schwester eines Konsuls, der im ersten dacischen Kriege (86) befehligte. Auch Priscilla, die Gemahlin des Freigelassenen Domitians Abascantus, war von edler Abkunft. Daß Agaclytus die Witwe des Annius Libo, eines Vetters des Kaisers Marc Aurel, heiratete, ist bereits erwähnt. Diese zufällig bekannten Fälle berechtigen wohl zu der Annahme, daß Verschwägerungen von kaiserlichen Freigelassenen mit edlen Familien nicht selten waren.

Alles vereinigte sich also, um den plumpen Hochmut dieser oft aus tiefster Niedrigkeit aufgestiegenen Emporkömmlinge aufs höchste zu steigern, und die Insolenz, die sie zur Schau trugen, war um so trotziger, je mehr sie sich von den Frei- und Hochgebornen verachtet wußten. Als einst auf der Bühne der Vers gesprochen wurde: »Unleidlich ist ein abgeprügelter Knecht im Glück«, wandten sich alle Augen auf den anwesenden Polybius, und dieser rief zurück: derselbe Dichter habe auch gesagt: »Auch Könige wurden, die einst Ziegen hüteten.« Pallas, der seinen finstern Hochmut selbst Nero gegenüber (der ihm freilich mit den Thron verdankte) nicht verbarg und sich ihm endlich unerträglich machte, wurde im Jahre 55 wegen Hochverrats vor Gericht gestellt. Als einige aus seiner Dienerschaft als Mitwisser genannt wurden, erwiderte er: nie habe er in seinem Hause etwas anders als mit Winken und Deuten verfügt; wenn mehreres zu bemerken gewesen, habe er seine Befehle schriftlich erteilt, um sich nicht durch Sprechen gemein zu machen. Allerdings war der Übermut der Freigelassenen wie ihre Macht unter Claudius am größten, aber groß war er zu allen Zeiten, und jeder, der es wagte, ihm entgegenzutreten, konnte auf allgemeinen Beifall rechnen. Einen der vermutlich nicht häufigen Fälle, in denen dies geschehen war, berichtet Plutarch. Ein eben reich gewordner kaiserlicher Freigelassener betrug sich bei einem Gastmahl gegen einen anwesenden Philosophen plump und insolent und fragte schließlich, wie es komme, daß aus schwarzen sowohl wie aus weißen Bohnen gelbe Brühe werde; worauf dieser die Gegenfrage tat, weshalb von schwarzen und weißen Riemen gleicherweise rote Striemen entstehen. Martial, der in einem Gedicht die Haltung der Freigelassenen Domitians preist, ist hier nicht glaubwürdiger als in seinen übrigen Lobeserhebungen dieser Regierung. Bisher, heißt es dort, sei in Rom der Dienertroß der Fürsten verhaßt und der palatinische Hochmut berüchtigt gewesen. Aber jetzt seien die Leute des Kaisers so allgemein beliebt, daß sie jedem näher stehen als sein eigenes Haus. So groß sei ihre Milde, ihre Achtung für andere, so ruhig ihr Wesen, so bescheiden ihr Auftreten. Kein Freigelassener habe seinen persönlichen Charakter, sondern alle den ihres Herrn: so sei die Natur des mächtigen Hofs. Je größer der Hochmut der kaiserlichen Freigelassenen war, desto unwiderstehlicher wirkte ihre gelegentliche Herablassung; Epictet nennt ihre Freundlichkeit ausdrücklich unter den Dingen, die einem auf äußere Güter bedachten Menschen jedes Geheimnis zu entreißen vermochten.

In der eigentlichen Verwaltung bekleideten die Freigelassenen selten hohe Stellungen; vielmehr war es schon vor der neuen Organisation Hadrians durchaus Regel, diese mit Rittern zu besetzen. So sind die Direktoren der wichtigeren Steuerämter, z. B. der fünfprozentigen Erbschaftssteuer, der großen Mehrzahl nach Ritter. Doch kamen noch Ausnahmen vor, teils infolge kaiserlicher Willkür, teils, weil bei diesen Ämtern es vielfach so gut wie ausschließlich auf persönliche Brauchbarkeit ankam. Claudius ernannte den obenerwähnten Freigelassenen Felix (den Bruder des Pallas) sogar zum regierenden Statthalter von Judäa. Und wenn dies eine Anomalie dieser Zeit des Freigelassenenregiments war, so erscheint doch auch ein kaiserlicher Freigelassener, Acastus (aus unbestimmter Zeit), mit gleicher Vollmacht als Statthalter der ganzen Provinz Mauretanien, die sonst in zwei Statthalterschaften geteilt war und in der eine bedeutende Truppenmacht stand. Daß neben Rittern Freigelassene einzeln noch unter den Claudiern als Befehlshaber der Flotten erscheinen, hat seinen Grund darin, daß diese anfangs als dem Kaiser gehörige, nicht als Reichsflotten angesehen wurden: erst später (nachweislich seit Hadrian) wurden die Kommandos der bei den Flotten zu Misenum und Ravenna unter die höhern ritterlichen Ämter eingereiht.

Auch die Direktion der Finanzverwaltung in den kaiserlichen sowie der Erhebung der fiskalischen Gefälle in den Senatsprovinzen wurde Freigelassenen übertragen. Doch öfter wurden sie ohne Zweifel als Distrikts- und Subalternbeamte jenen höheren Finanzbeamten untergeordnet, wie z. B. ein Prokurator des Bezirks von Karthago dem Prokurator der Provinz Afrika, ein Prokurator der Inseln Malta und Gozzo dem von Sicilien. Die Intendanten des kaiserlichen Hoflagers ( procuratores castrenses, ein wegen seiner nahen Beziehung zu der Person des Kaisers nicht unbedeutendes Amt) waren in den beiden ersten Jahrhunderten regelmäßig Freigelassene; auch die Prokuratoren der Wasserleitung Roms waren es, noch nachdem Hadrian diese Stelle zu einer ritterlichen gemacht hatte, nicht selten. In der überaus umfangreichen und vielartigen Verwaltung des je länger je mehr zu ungeheurer Ausdehnung angewachsenen und durch das ganze Reich verbreiteten kaiserlichen Hausguts, das allmählich den Charakter eines Kronguts angenommen hatte, behielten Freigelassene, auch seit sie die von Hadrian den ritterlichen Prokuratoren übergebene Oberleitung nur ausnahmsweise erhielten, vielfach die Direktion der einzelnen Abteilungen. Sie führten oft die Aufsicht über kaiserliche Bergwerke und Marmorbrüche, über Waldungen und Güterkomplexe, über Parks, Villen und Paläste in Italien und den Provinzen; so verwaltete z. B. ein M. Ulpius Euphrates als Prokurator das aus der Erbschaft des Vedius Pollio in das kaiserliche Hausgut übergegangene Pausilypon (Posilipp bei Neapel). Unter den Freigelassenen, die seit Claudius die geschäftliche Leitung der kaiserlichen Gladiatorenspiele und Tierhetzen hatten, stand ein zahlreiches Personal: so gab es z. B. einen eigenen Prokurator für die Verwaltung der zur Unterhaltung der kaiserlichen Elefanten bestimmten Gelder. Für die Beförderung der Freigelassenen von einer Prokuratur zur andern bestand bereits unter Marc Aurel eine feste Ordnung. Von den Gehältern der ihnen zugänglichen Finanzämter kennen wir nur das des Prokurators der römischen Wasserleitungen, das 1.000.000 Sesterzen (21.750 Mark) betrug. Ein kaiserlicher Freigelassener, Euphrates, dankt in einer zu Lanuvium gefundenen Inschrift »dem Genius des Orts« dafür, daß er auf diesem Posten, wohl infolge einer Gehaltszulage, eine jährliche Einnahme von 100.000 Sesterzen gehabt habe.

Da die Freigelassenen in der Finanzverwaltung im ganzen selten in hohen Stellungen erscheinen, kann es auffallen, daß sie fast während des ganzen ersten Jahrhunderts im Besitz der drei durch die Freigelassenen des Claudius zu so großer Bedeutung erhobenen Ämter – des Rechnungsamts, des Amts der Bittschriften und Beschwerden und des Sekretariats – waren und selbst noch im zweiten Jahrhundert hin und wieder diese wichtigen Posten bekleideten. Der Grund ist, wie bemerkt, darin zu suchen, daß diese Ämter nicht sowohl persönliches Ansehen erforderten, wie die Verwaltungsposten besonders in den Provinzen, als Zuverlässigkeit, Ergebenheit und Brauchbarkeit.

In dem »Rechnungsamt« ( a rationibus), d. h. dem kaiserlichen Finanzamt (Reichsfinanzministerium), flossen die Einnahmen aller kaiserlichen Kassen zusammen, und hier wurden auch die sämtlichen Ausgaben des Fiskus angewiesen. Über den Umfang und Geschäftskreis dieses Amts enthält das schon mehrfach benutzte Gedicht einige Andeutungen, das Statius bei dem Tode des Vaters des Claudius Etruscus im Auftrage des Sohns zu dessen Verherrlichung verfaßte; auch gibt es sonst über das Emporkommen der Freigelassenen am Hofe und ihre Stellung manche Belehrung. Wenn dem Vater des Etruscus altes Geschlecht und Stammbaum abgegangen sei, sagt der Dichter, so habe das Glück diesen Mangel reichlich ersetzt. Er durfte keinen Herrn aus der Menge ertragen, sondern sie, denen Aufgang und Untergang huldigen. Dessen darf er sich nicht schämen; denn was könnte wohl auf der Erde oder am Himmel ohne das Gesetz des Gehorsams bestehen; auch der Sternenreigen, Mond und Sonne gehorchen bestimmten Gesetzen, selbst Herkules und Phöbus haben gedient! Etwa in den ersten Jahren unserer Zeitrechnung in Smyrna geboren, war er sehr jung nach Rom an den Hof des Tiberius gekommen und noch von ihm (also vor 37) freigelassen worden; unter Caligula hatte er seine Stellung behauptet und auf dessen gallischer Reise einen bescheidenen Platz in seinem Gefolge eingenommen; unter Claudius hatte seine Beförderung begonnen, unter Nero war, wie es scheint, seine Stellung unverändert geblieben – so war sein Kahn in jedem Gewässer glücklich gewesen. Nun (vielleicht im Jahre 55, wo Pallas das Amt niederlegte) ward ihm allein die Verwaltung der heiligen (d. h. kaiserlichen) Schätze anvertraut. Der Ertrag iberischer und dalmatischer Goldbergwerke, afrikanischer und ägyptischer Ernten, der Perlfischerei der östlichen Meere, der tarentinischen Herden, der alexandrinischen Fabriken des durchsichtigen Kristallglases, der numidischen Wälder, des indischen Elfenbeins: was auch die Winde aller Himmelsrichtungen in den Hafen führen, ist seiner alleinigen Verwaltung anvertraut. Ebenso hat er die Ausgaben anzuweisen. Durch seine Hände geht der tägliche Bedarf der Armeen, die Erfordernisse für die Getreideausteilungen in Rom, für Bauten von Tempeln, Wasserleitungen und Hafendämmen, für den Schmuck der kaiserlichen Paläste, für Götterstatuen, für die Münze. Sein Schlaf und seine Mahlzeiten sind kurz, Gelage meidet er ganz, das Vergnügen ist seinem Geiste fern. Vespasian erhob ihn in den Ritterstand. Unter Domitian (nach 84) fiel er in Ungnade, doch erhielt er nur die milde Strafe einer Verweisung an die campanische Küste, wohin ihn auch sein Sohn begleiten durfte, während sein nächster Untergebener nach einem überseeischen Verbannungsorte verwiesen wurde. Auch erlangte er bald wieder (89 oder 90) Verzeihung. Kurz nach seiner Rückkehr nach Rom starb er (etwa 92), fast neunzig Jahre alt. Sein Grabmal duftete von Blumen, in seine Aschenurne träufelten die köstlichsten Essenzen. Maler und Bildhauer waren geschäftig, die Züge des ehemaligen Sklaven in den kostbarsten Materialien zu verewigen, und die beiden gefeiertsten Dichter jener Zeit besangen ihn in Trauergedichten, die seinen Namen und seine Schicksale der Nachwelt überliefert haben.

Das politisch weit minder wichtige Amt der Bittschriften und Beschwerden ( a libellis) verwaltete unter Claudius der schon mehrfach erwähnte Polybius, an den Seneca als Verbannter von Corsica aus die bekannte unwürdige Trostschrift bei dem Tode eines jüngeren Bruders richtete. Einen Trostgrund entnimmt Seneca auch aus der Natur und Wichtigkeit seines Amtes, die ihm nicht erlaube, sich seinem Schmerz hinzugeben. Auf ihn seien aller Augen gerichtet. Nichts Gemeines, nichts Niedriges schicke sich für ihn; von ihm verlange und erwarte die Welt Großes. »Du hast so viel Tausende von Menschen zu hören und so viel tausend Bittschriften zu ordnen. Damit eine so große Masse von Sachen, die aus der ganzen Welt zusammenströmen, in gehöriger Ordnung dem Geiste des höchsten Herrschers vorgelegt werden kann, mußt du deinen eigenen Geist aufrichten. Du darfst nicht weinen, weil du so viel Weinende hören mußt. Um die Tränen so vieler zu trocknen, die in Gefahr sind und zur Barmherzigkeit des gnädigsten Kaisers zu gelangen wünschen, mußt du zuvor deine eigenen trocknen.« Die Erledigung der Bittschriften erfolgte in der Regel in Form einer kurzen Subscriptio auf der Eingabe selbst, die vom Kaiser eigenhändig hinzugefügt werden mußte. Seit Hadrian erlangten diese Subskriptionen als Norm für spätere Entscheidungen in ähnlichen Fällen eine Art von Gesetzeskraft, und das Amt wurde daher in späterer Zeit von berühmten Juristen verwaltet. Polybius bekleidete übrigens außer diesem Amte noch ein andres: er war Studienrat des Kaisers. Er hatte unter anderm Paraphrasen von Vergil und Homer verfaßt, und Seneca sagt, solange die Macht der lateinischen und der Zauber der griechischen Sprache dauern werde, so lange werde Polybius mit jenen großen Geistern leben. In ähnlichem Ton ist die ganze Schrift gehalten. Er ist der einzige der am Kaiserhofe Mächtigen, den zum Freunde zu haben für jedermann nicht bloß nützlich, sondern an und für sich eine Freude ist. Bei so großer Leichtigkeit, Reichtum zu erwerben, erzielt er daraus keinen höheren Nutzen als die Verachtung des Reichtums. Es ist so allgemein geachtet, daß sein Glück keinen Neid erregt usw.

Übrigens scheint das wohl von Claudius eingerichtete Studienamt ein am Hofe regelmäßig, und zwar mit einem größern Personal besetztes gewesen zu sein; im 4. Jahrhundert wird noch ein zweiter Direktor ( adiutor) mit einem Gehalt von 60.000 Sesterzen (13.050 Mark) erwähnt. Seit dem 2. Jahrhundert wurde es wohl in der Regel von Rittern bekleidet, wie von L. Julius Vestinus, der Oberpriester von Alexandria und ganz Ägypten und Vorsteher des dortigen Museums war, dann Oberbibliothekar zu Rom, Studienrat Hadrians und Sekretär desselben Kaisers. Ebenso scheint ein Sextus, den Martial bat, seinen Gedichten einen Platz in der kaiserlichen (palatinischen ) Bibliothek zu gönnen, zugleich Bibliothekar und Studienrat Domitians gewesen zu sein. Ihm, dem beredten Verehrer der palatinischen Minerva, war es vergönnt, sich an dem Geiste des Gottes (d. h. des Kaisers) in unmittelbarem Verkehr zu erfreuen, die Arbeiten des Fürsten in ihrem Entstehen kennen zu lernen und um Gedanken zu wissen, die er in sich verschloß. Im 3. und 4. Jahrhundert war der oberste Leiter des Studienamts ein hoher ritterlicher Beamter.

Das Amt der Briefe ( ab epistulis), die kaiserliche Kanzlei, hatte zwei Abteilungen, eine griechische und eine lateinische. Daß jede derselben zu allen Zeiten einen besondern Vorgesetzten gehabt hat, ist wohl unzweifelhaft. Doch scheint die Leitung des ganzen Amts während des ersten Jahrhunderts immer in der Hand eines obersten Direktors vereint gewesen zu sein. Denn der allmächtige Narcissus, der das Sekretariat unter Claudius verwaltete, kann wohl nicht ein bloßer Abteilungsdirigent gewesen sein, noch hätte er in dieser Stellung seinen Platz neben Callistus und Pallas behaupten können. Auch unter Domitian leitete der ab epistulis genannte Beamte das ganze Amt. Denn nach Statius' Schilderung erscheint der damalige kaiserliche Sekretär Abascantus mit dem ganzen Reich in Korrespondenz, mit den Ländern griechischer wie römischer Zunge – auch eine poetische Schilderung konnte keine groben, notorischen Unrichtigkeiten enthalten. Doch im 2. Jahrhundert scheint eine Änderung eingetreten zu sein, vielleicht bei der neuen Organisation aller kaiserlichen Ämter durch Hadrian. Vermutlich wurde nämlich jetzt das lateinische wie das griechische Büro als selbständiges Amt eingerichtet: eine Teilung, die sich bei der ungeheuren Last der Geschäfte als dringend wünschenswert herausgestellt haben mochte (nach Statius war kein Amt im »heiligen« Hause geschäftsvoller), besonders da mit der zunehmenden Konzentration der Verwaltung gerade in diesem Amt der Umfang des Geschäftskreises sich am meisten erweiterte. Mit der Zeit wird das Personal der kaiserlichen Kanzlei immer mehr gewachsen sein. Zu den Reformen Julians des Abtrünnigen bei seinem Regierungsantritt gehörte die Entlassung einer Menge von unnützen Schreibern, die ihre Stellung zu den schamlosesten Plünderungen und Erpressungen gemißbraucht hatten.

Das erwähnte Gedicht richtete Statius an den Freigelassenen Abascantus nach dem Tode seiner Gemahlin Priscilla, »da er stets bemüht war, der ganzen Umgebung des göttlichen Hauses nach schwachen Kräften seine Ergebenheit zu beweisen; denn wer in treuem Glauben die Götter verehrt, liebt auch ihre Priester«. Der Kaiser, dessen Scharfblick die Fähigkeiten und Vorzüge des noch jungen Abascantus nicht entgangen waren, legte auf seine Schultern diese unermeßliche Last, das kaum zu bewältigende Gewicht dieses hochwichtigen Amts. Priscilla drückte dem Kaiser ihren Dank und ihre Freude in einem Fußfall aus. Abascantus hatte nun in die ganze Welt die Befehle des Herrschers zu entsenden, die Kräfte und Hilfsquellen des Reichs zu leiten, die Siegesbotschaften vom Euphrat, von der Donau, vom Rhein, die Meldungen des Vordringens der römischen Waffen in den äußersten Ländern, selbst in Thule, zu empfangen: denn niemals mit der Feder (dem Zeichen unglücklicher Botschaft), immer mit lorbeerbekränzten Lanzen kommen die Boten. Er fertigt die Beförderungen im Heer aus, er macht bekannt, wer ein Primipilat, wer den Befehl einer Kohorte, ein Legionstribunat, die Präfektur einer Reiterabteilung erhalten habe. Er hat Nachrichten einzufordern, ob die Nilüberschwemmung für die Ernte hinreichend gewesen, ob in Afrika Regen gefallen sei, und tausend andre Anfragen zu erlassen: nicht Mercur, nicht Iris selbst haben so viel Botschaften auszurichten. Abascantus, so rühmt der Dichter, blieb sich nach seiner Beförderung gleich, in seiner Ruhe, seiner Rechtschaffenheit und Bescheidenheit; seine mäßigen Mahlzeiten und »nüchternen Becher« glichen denen apulischer oder sabinischer Bauern. Doch muß er sehr reich gewesen sein. Statius läßt Priscilla auf ihrem Totenbette ihren Mann beschwören, in ihrem Namen auf dem Kapitol ein goldenes Bild des Kaisers von hundert Pfund (etwa 90.000 Mark) zu errichten. Ihr Leichenbegängnis war von königlicher Pracht. Alle Wohlgerüche des Orients waren an den toten Leib verschwendet, der auf seidenen Polstern, in Purpur gehüllt, lag und nach vollzogener Mumisierung an der Via Appia beim Almo bestattet wurde. Ihr Grabmal war ein Palast, wo ihr Bild mehrmals wiederholt in den Gestalten verschiedener Göttinnen stand, als Ceres und Ariadne aus Erz, als Maja und keusche Venus aus Marmor. Reste dieses Grabmals sind vielleicht noch vorhanden.

Die Leitung des Amtes der Briefe erforderte übrigens einen gewissen Grad von literarischer Bildung, da die kaiserlichen Anschreiben und Reskripte von den Dirigenten desselben im Namen des Kaisers und in einer der kaiserlichen Majestät würdigen Form verfaßt werden mußten, wie denn selbstverständlich auch ihre kalligraphische Ausstattung eine vortreffliche war. Es war natürlich und ist wahrscheinlich oft vorgekommen, daß die hier Angestellten auch bei Bibliotheken verwendet wurden: der alexandrinische Grammatiker Dionysius, Sohn des Glaucus, als Schulvorsteher zu Alexandria Nachfolger des Stoikers Chäremon, war später zu Rom Bibliothekar und kaiserlicher Sekretar.

Als das Ansehen dieses wie aller kaiserlichen Ämter immer höher stieg, namentlich seit es regelmäßig nur von Rittern bekleidet wurde, darf man annehmen, daß es gewöhnlich nur Männer von anerkanntem literarischem Ruf erhalten haben. Titinius Capito, der es unter Domitian, Nerva und Trajan verwaltete, wird von dem jüngeren Plinius unter die Hauptzierden des Jahrhunderts gezählt und Wiederhersteller der alternden Literatur genannt; er hatte sich auch in Versen versucht. Unter Hadrian war Sueton kaiserlicher Sekretär, bekannt als gelehrter und fruchtbarer Schriftsteller, in dessen Kaiserbiographien man die Gewohnheit der präzisen, aber nüchternen, geschäftsmäßigen Ausdrucksweise zu erkennen glaubt; er verlor sein Amt wegen zu vertraulichen Benehmens gegen die Kaiserin Sabina. Doch ganz besonders scheint im 2. Jahrhundert die Direktion der griechischen Abteilung das Ziel des Ehrgeizes für die griechischen Rhetoren und Sophisten gewesen zu sein, und von nicht wenigen derselben wissen wir, daß sie es erreichten. Es war nicht bloß die kaiserliche Bestätigung ihres schriftstellerischen Ruhms, nach der sie strebten, sondern selbstverständlich auch die sehr glänzende Stellung und Aussicht, von diesem Posten zu andern höheren und lohnenderen befördert zu werden. Der Rhetor Avidius Heliodorus, der die Stelle unter Hadrian bekleidete, stieg bis zum Vizekönigtum von Ägypten, und sein Sohn, Avidius Cassius, durfte es wagen, die Hand nach der Kaiserkrone auszustrecken.

Doch freilich, wie hätte für diese Menschen, denen Sprachkunst das höchste Ziel menschlichen Bemühens war, nicht schon das etwas Großes sein sollen, durch eine solche Ernennung vom Kaiser als der erste lebende Stilist anerkannt zu werden – so wenigstens faßten sie und ihre Freunde es auf, während ihre Feinde behaupteten, der Kaiser könne sie zwar zu Sekretären, aber nicht zu guten Stilisten machen. Den Rhetor Cornelianus hatten nach dem Atticisten Phrynichus die Kaiser Marc Aurel und L. Verus als einen Mann vom höchsten Ansehen in der gelehrten Welt und als den Ersten unter den Ersten zum Vorsteher ihrer griechischen Kanzlei ernannt. Phrynichus rühmt ihn als einen Rhetor von reinem und antikem Ausdruck, den einzigen, der die Rhetorik zu ihrer alten und bewährten Form zurückführe, der den kaiserlichen Gerichtshof zu einem wahrhaft hellenischen und attischen mache und den übrigen ein Lehrer nicht nur für korrekten Ausdruck sei, sondern auch in bezug auf äußere Erscheinung, Blick, Stimme und Haltung. Deshalb – so fährt der Atticist mit lächerlicher Übertreibung fort – haben ihn die Kaiser der höchsten Stellung für wert gehalten und ihm die Verwaltung aller hellenischen Angelegenheiten übergeben, indem sie ihn als Wächter neben sich setzten und ihn dem Namen nach zum Sekretär ernannten, in der Tat aber zum Gehilfen in der Regierung erwählten! Man sieht, das Hochgefühl der damaligen kaiserlichen Kanzleien war nicht geringer als das der päpstlichen in der Renaissancezeit, und die Wertschätzung des Briefstils bei den Sophisten eine ähnliche wie bei den Humanisten des 15. Jahrhunderts. Von dem Sophisten Antipater von Hierapolis, dem Lehrer der Söhne des Kaisers Severus und Vorsteher seiner Kanzlei, sagt Philostrat, daß niemand die kaiserlichen Briefe besser geschrieben habe: wie ein vortrefflicher Schauspieler, der das Stück richtig aufgefaßt, habe er der Person des Kaisers würdig gesprochen. In seinem Schreiben war Deutlichkeit, Erhabenheit der Gesinnung, ein dem Gegenstand angemessener Ausdruck und eine gefällige Knappheit, die einem Brief vorzugsweise zur Zierde gereicht. Gegen den Sophisten Aspasius von Ravenna, kaiserlichen Sekretär, vielleicht schon unter Caracalla, richtete Philostrat einen Brief über die Kunst, Briefe zu schreiben. Seine im Namen des Kaisers verfaßten Briefe waren teils zu prunkvoll, teils nicht deutlich geschrieben. Denn wenn der Kaiser schreibt, bedarf es keiner künstlichen, rhetorischen Schlußformen, sondern nur der Willenserklärung; ebensowenig der Undeutlichkeit, da er Gesetze spricht, die Deutlichkeit aber die Dolmetscherin des Gesetzes ist.

Die kaiserlichen Oberkämmerer ( a cubiculo) haben, wie schon bemerkt, später als die bisher betrachteten Hausbeamten angefangen, am Hofe eine hervorragende Stellung einzunehmen. Sie standen an der Spitze eines zahlreichen Personals ( cubicularii), das im ersten Jahrhundert fast ausschließlich aus Sklaven, im zweiten meist aus Freigelassenen bestand, aus Freien während der früheren Kaiserzeit niemals. Die Bedeutung der Ausdrücke »Kammerdiener der ersten und zweiten Station« ist unklar. Ihre große Zahl ergibt sich auch daraus, daß ein eigner Dienst für die kranken Kammerdiener und nach Inschriften aus der Zeit Hadrians und des Antoninus Pius für das ihnen zu liefernde Getreide eingerichtet war. Daß auch sie zu allen Zeiten durch geschickte Benutzung der Umstände Einfluß gewinnen konnten, ist selbstverständlich. Schon Cicero hebt als Prokonsul von Cilicien hervor, daß bei ihm nicht der Zutritt, wie es in den Provinzen üblich sei, durch den Kammerdiener vermittelt werde und überhaupt nichts durch diesen geschehe. Bontems, der erste der vier Leibkammerdiener Ludwigs XIV., »sah den ganzen Hof zu seinen Füßen, selbst die königlichen Kinder, die Minister und Herren vom höchsten Adel«.

Die Bedeutung der kaiserlichen Kammerdiener auch in der ersten Kaiserzeit zeigt das Beispiel des Ägypters Helikon am Hofe Caligulas, den wir aus Philos' Bericht über die Gesandtschaft der alexandrinischen Juden kennen, wo er nach orientalischer Weise als »Schlummerdiener« und »Oberleibwächter« bezeichnet ist. Helikon, zuerst Sklave eines Privatmanns, der ihm eine allgemeine Bildung geben ließ und ihn an Tiberius schenkte, stieg erst am Hofe Caligulas zur Stellung des Leibkämmerers auf, die ihn in unmittelbarste und unausgesetzte Berührung mit dem Kaiser brachte. »Denn bei seinem Ballspiel, bei seinen Leibesübungen, beim Bade und Frühstück, und wenn Gajus sich niederlegte, war er zugegen, so daß ihm wie keinem andern das Gehör des Kaisers in aller Muße und bei jeder Gelegenheit zu Gebote stand«. Nach Philo verdankte er seinen Einfluß besonders dem seiner Nation eignen Talent zu Witz, Spott und Scherz, den er mit giftiger ägyptischer Bosheit zu würzen wußte; er war es, der an der Spitze einer Schar von Ägyptern dem Kaiser den ihm angebornen und anerzognen Judenhaß mitteilte. Es hieß, daß er überdies von den Gesandten der Alexandriner bestochen war, den Kaiser gegen die Juden einzunehmen, teils durch Gold, teils durch Aussicht auf Ehren, die ihm werden sollten, wenn er im Gefolge des Kaisers nach Alexandria käme. Auch die Juden hatten darauf gedacht, ihn für sich zu gewinnen, aber vergebens; niemand wagte wegen des hochmütigen, schroffen Wesens, das er gegen alle bewies, sich ihm zu nähern. Ob er ein Freigelassener oder, wie Philo ihn nennt, ein Sklave war, ist ungewiß, doch das letztere sehr möglich. Claudius ließ ihn später hinrichten.

Am Hofe Domitians gehörten die beiden Kämmerer Parthenius und Sigerus zu den wichtigsten Personen. Martial schildert einen alten Narren, der sich mit seinen Beziehungen zum Hofe breit macht: »Zehnmal am Tage läuft er die Straße zum Palast hinauf und führt nichts als Parthenius und Sigerus im Munde.« Von beiden hatte der erstere die höhere Stellung, Sueton nennt ihn mit dem später üblichen Titel »Vorgesetzter des Schlafgemachs«; er besaß die Gunst Domitians in hohem Grade, der ihm, wie erwähnt, das Recht verlieh, den Degen zu tragen. Martial bittet ihn, dem Kaiser das fünfte Buch seiner Epigramme zu überreichen: »Du kennst die Zeiten des heiteren Juppiter, wenn er in der ihm eignen milden Miene strahlt, mit der er Bittenden nichts abzuschlagen pflegt.« Parthenius und Sigerus nahmen an der Ermordung Domitians tätigen Anteil und wirkten zu Nervas Erhebung auf den Thron mit, an dessen Hofe Parthenius in Gunst blieb. Auch jetzt ging vieles durch seine Hand. Er hatte so viele Eingaben zu lesen, daß ihm für die Musen keine Zeit blieb: sonst würde er sich seiner eignen Muse gewidmet haben, denn nach Martial dichtete er vorzüglich. Dieser, der ihm bereits im Jahre 88 zum fünften Geburtstage seines Sohnes Burrus gratuliert und im Jahre 93 eine feine Toga von ihm zum Geschenk erhalten hatte, die leider im Jahre 94 schon abgetragen war, bat ihn auch jetzt wieder, seine Gedichte dem Kaiser zu empfehlen, wenn er Muße haben sollte, was freilich kaum zu hoffen war. Als im Jahre 97 die Prätorianer von Nerva die Bestrafung der Mörder Domitians forderten und sie trotz seiner Weigerung töteten, soll auch er gefallen sein.

Doch weit anders war die Stellung der Kämmerer hundert Jahre später am Hofe des Commodus, wo sie bereits, wie in einer orientalischen Despotie, einer nach dem andern als vermögende Stellvertreter des Kaisers erscheinen, um so mehr, als dieser, schon durch den Präfekten Perennis gewöhnt, ganz seinen Lüsten zu leben, seine Freigelassenen nach Willkür schalten ließ und überdies großenteils von Rom abwesend war. Schon der erste, der Nicomedier Saoterus, war mächtig; er wirkte seiner Vaterstadt beim Senat das Recht aus, ein periodisches Fest zu veranstalten und dem Kaiser einen Tempel zu bauen. Ihn verdrängte Cleander und überlieferte ihn mit andern dem Henker. Cleander, ein Phryger von Geburt, als Sklave nach Rom gebracht, um als Lastträger zu dienen, und öffentlich verkauft, kam in das kaiserliche Haus und stieg bis zum Amt eines Kämmerers. In dieser Stellung übte er eine unerhörte Gewalt – wie er z. B. in einem Jahre fünfundzwanzig Konsuln ernannte – und häufte durch Erpressung jeder Art ein kolossales Vermögen. Nachdem zum Teil auf seinen Antrieb der Präfekt Perennis der Wut der Soldaten preisgegeben worden war, ernannte und beseitigte er eine Zeitlang diese nächst dem Kaiser höchsten Beamten nach Belieben und bekleidete das Amt endlich mit zwei andern selbst. Weil er als Präfekt den Freigelassenen nur höchst selten zugestandenen Offiziersdegen, das Abzeichen des militärischen Kommandos, führte, nannte ihn das Volk den «Freigelassenen vom Degen«. Man meinte, er habe nach der höchsten Gewalt getrachtet. Als bei einer Teuerung die Volkswut gegen ihn entbrannte, gab ihn Commodus preis (189); sein Kopf ward auf einer Lanze in Rom herumgetragen, mit ihm fielen seine bedeutendsten Anhänger. Der letzte Kämmerer des Commodus war der Ägypter Eclectus, der, als er sein eignes Leben durch die Despotenlaune des Kaisers bedroht sah, sich mit dem Präfekten Lätus und der Lieblingskonkubine Marcia zu seiner Ermordung verband, Pertinax auf den Thron erhob und mit ihm nach tapferer Gegenwehr von den Soldaten erschlagen wurde. Severs Kammerdiener Castor, von dem Cassius Dio sagt, daß er der trefflichste unter den Leuten des Kaisers war, ließ Caracalla ermorden. Er bekleidete wahrscheinlich außerdem bei Sever dasselbe einflußreiche Amt wie bei Caracalla dessen Kammerdiener Festus. Der von Elagabal zum Kammerdiener ernannte Günstling Aurelius Zoticus ist bereits erwähnt.

Außer den wichtigsten Hofbeamten verdienen noch die Hofschauspieler und Hoftänzer Erwähnung – obwohl sie nicht immer Freigelassene des Kaisers waren –, weil es für die hier geschilderte Zeit charakteristisch ist, daß gerade sie so oft am kaiserlichen Hofe eine bedeutende Rolle spielten. Unter den zahlreichen Bühnenkünstlern, die zum Hofstaat gehörten, nahmen die Pantomimen den ersten Rang ein, weil dieser Gattung der szenischen Darstellung die höhern Stände mit der größten Leidenschaft ergeben waren, die Frauen noch mehr als die Männer; nicht selten konnten sich die Virtuosen des darstellenden Tanzes der Gunst der Kaiserinnen rühmen. So waren sie am Hofe zuweilen die mächtigsten Fürsprecher und Beschützer. Mancher, sagte Epictet, überlegt, wenn er am Morgen aufsteht, wem er aus dem kaiserlichen Hause aufwarten, wem er etwas Angenehmes sagen, wem ein Geschenk senden solle, wie er dem Tänzer gefallen, wie er durch Verleumdung des einen dem andern einen Gefallen erzeigen könne. Die Namen und zum Teil die Schicksale der berühmtesten Pantomimen hat die Geschichtschreibung aufbewahrt. Der Begründer dieser Gattung des Balletts, der Cilicier Pylades, der auf Augustus' Dank Anspruch zu haben glaubte, weil er die Aufmerksamkeit des Volks auf die Bühne ablenkte, scheint dessen Freigelassener, der schöne Mnester, der Günstling Caligulas und gezwungene Liebhaber Messalinas, mit welcher zusammen er im Jahre 48 hingerichtet wurde, ein Freigelassener des Tiberius gewesen zu sein. Paris, der Genosse von Neros Ausschweifungen, den dieser im Jahr 67 hinrichten ließ, war ein Freigelassener von Neros Vaterschwester Domitia. Ob der an Domitians Hofe einflußreiche Paris dessen Freigelassener war, ist unbekannt. Den zweiten uns bekannten Pylades, der ein Geliebter Trajans war, ließ Hadrian frei. Ein Apolaustus war bereits Trajans Freigelassener, ein zweiter dieses Namens ebenso wie ein dritter Pylades Freigelassene des Marc Aurel und L. Verus, Der erstere muß eine bedeutende Stelle an Commodus' Hof eingenommen haben, da er, in Cleanders Sturz verwickelt, hingerichtet wurde. Agilius Septentrio, »erster Pantomime seiner Zeit«, ein Freigelassener des Commodus, von dessen Mutter Faustina erzogen, war auf Veranlassung seines kaiserlichen Patrons öffentlich aufgetreten. Der Tänzer Theocritus, den Caracalla zu einer hohen militärischen Stellung in Armenien ernannte, war ein Sklave von Commodus' Kämmerer Saoterus gewesen.

Auch andere Bühnenkünstler werden gelegentlich als Personen erwähnt, die am Hofe Einfluß übten. Apelles aus Ascalon, der berühmteste Tragöde seiner Zeit, war Caligulas steter Begleiter und Ratgeber »und tat alles, was solche Menschen wagen, wenn sie zur Macht gelangen, in voller Freiheit«. Die aus Alexandria an Caligula gesandten Juden meinten, daß er, als Ascaloniter ein geborner Judenfeind, neben dem Kämmerer Helikon den Kaiser am meisten gegen sie einnehme. Später jedoch fiel er in Ungnade, wie erzählt wird, weil er bei der Frage Caligulas, ob er oder Juppiter ihm größer scheine, mit der Antwort zögerte. Caligula ließ ihn peitschen und lobte die Stimme des Schreienden, die noch im Schmerzensgeheul höchst angenehm klinge. Durch den Mimen Halityrus, einen Juden, der bei Nero sehr in Gunst stand, wurde Josephus in Puteoli der Kaiserin Poppäa vorgestellt und erlangte mit ihrem Beistande die Befreiung einiger jüdischer Priester, die der Prokurator Felix in Ketten an den Kaiser gesandt hatte. Der Mime Latinus, ein Meister in seiner Kunst, war ein Günstling Domitians und stolz darauf, daß Rom ihn als »Diener seines Juppiter« (des Kaisers) kannte. Er berichtete dem Kaiser die Tagesneuigkeiten und war als Denunziant gefürchtet.

Aus dem Heere der übrigen Hofdiener mögen die Pagen und Lieblingsknaben ( delicati) wenigstens erwähnt werden. Der Name des Antinous reicht hin, um daran zu erinnern, zu welcher Bedeutung auch sie gelangen konnten. Martial und Statius haben gewetteifert, den schönen Freigelassenen Earinus, einen Eunuchen und Mundschenken Domitians aus Pergamum, zu verherrlichen, der, wie der erstere sagt, unter tausend dem Ganymed gleichen Dienern dem Kaiser der liebste war. »Teurer Knabe«, redet ihn Statius an, »der den Göttern den Nektar zu kredenzen und die gewaltige Rechte so oft zu berühren erwählt ist, welche Geten, Perser, Armenier und Inder zu ergreifen verlangen!« Als er zum ersten Male seine langen Locken abscheren lassen wollte, eilte Venus mit den Liebesgöttern herbei, um ihn zu bedienen. Sie banden ihm einen seidenen Mantel um, schnitten die Haare mit den Schneiden zweier Pfeilspitzen ab, tränkten sie mit Wohlgerüchen und legten sie in ein goldnes, mit Edelsteinen besetztes Gefäß, welches nebst einem ebensolchen Spiegel an Äsculap zu Pergamum gesandt wurde.

Aus Inschriften kennen wir kaiserliche Sklaven und Freigelassene, die als paedagogi mit der Ausbildung der Pagen betraut waren. Das Paedagogium, die Pagenschule, läßt sich bis in die Zeit des Tiberius hinauf verfolgen, seit Hadrian befand sie sich in einem Caput Africae genannten Gebäude der zweiten Region auf dem Cälius, nach welchem eine ganze Straße benannt wurde. Außerdem sind in einem Zimmer am Abhange des Palatin gegen den Zirkus hin Inschriften eingeritzt, durch die einzelne bei ihrer Entlassung aus der Pagenschule ihre Namen an den Wänden verewigt haben. Die Inschriften zeigen, daß auch hier Knaben aus den verschiedensten Ländern (z. B. der Krim und Nordafrika) vereinigt waren. Unter diesen Kritzeleien, die vielleicht noch der Zeit der Antonine angehören, befand sich auch der Name eines Alexamenos, den seine Gefährten wegen seines Christentums durch eine roh in den Stuck gekratzte Zeichnung verhöhnt haben: er ist in der Stellung eines Betenden vor einer am Kreuze hängenden menschlichen Gestalt mit einem Eselskopfe abgebildet, die griechische Unterschrift lautet: Alexamenos verehrt seinen Gott.

Von der weiblichen Dienerschaft im kaiserlichen Hause, Freigelassenen wie Sklavinnen, ist natürlich selten die Rede; doch einige für ihre Stellung charakteristische Tatsachen verdienen Erwähnung. Die Jüdin Acme, Sklavin der Livia, wurde von dem Bastard Herodes des Großen Antipater mit großen Summen bestochen, an einer Intrige gegen Herodes' Schwester Salome tätigen Anteil zu nehmen; ein Brief von ihr an Antipater wurde aufgefangen und sie büßte mit dem Tode. Der spätere Kaiser Otho bahnte sich den Weg zur vertrauten Freundschaft mit Nero durch eine einflußreiche kaiserliche Freigelassene, die er auf jede Weise ehrte; ja um seinen Zweck besser zu erreichen, stellte er sich in sie verliebt, obwohl sie schon im höchsten Alter war. Auch hier wird man an moderne Höfe erinnert. An dem Ludwigs XIV. war Nanon, eine alte Magd der Maintenon, eine wichtige Person; die Prinzessinnen priesen sich glücklich, wenn sie Gelegenheit hatten, mit ihr zu sprechen; die Minister, welche bei Frau von Maintenon arbeiteten, machten ihr tiefe Verneigungen; die Herzogin Du Lude erreichte 1696 ihren Zweck, Ehrendame der Herzogin von Bourgogne zu werden, durch eine Zahlung von 20.000 Talern an Nanon, und zwar am Abende eines Tags, an dem der König mit entschiedenster Abneigung von ihr gesprochen hatte. »Das sind die Höfe!« fügt der Herzog von Saint-Simon hinzu.

Es versteht sich, daß am leichtesten die kaiserlichen Konkubinen Einfluß und Macht gewinnen konnten. Zu der gefahrvollen Anklage der Messalina bei Claudius bewog Narcissus zwei Konkubinen, die sich der besonderen Gunst des Kaisers erfreuten, Calpurnia und Cleopatra, durch Versprechungen, Geschenke und die Aussicht auf größere Macht nach Beseitigung der kaiserlichen Gemahlin. Solchen Personen gelang es bisweilen, den Kaiser auf die Dauer zu fesseln, aber eine Maitressenregierung hat es im römischen Kaiserreiche nicht gegeben; es mag dies in dem antiken Verhältnis der Geschlechter seinen Grund finden, das von dem modernen so durchaus verschieden war.

Der erste Kaiser, der sich zu einer solchen Liebschaft herabließ, war der damals neunzehnjährige Nero, die Erkorene die kleinasiatische Sklavin Acte; und dies Verhältnis erschien so anstößig, daß sich der Präfekt der Nachtwache Annäus Serenus dazu hergeben mußte, als Liebhaber Actes zu gelten. Die Kaiserin-Mutter geriet über die Liebschaft mit einer Sklavin, die ihren Einfluß zu lähmen drohte, in Wut; die älteren Freunde des Kaisers begünstigten sie gerade deshalb, und weil sie darin eine gefahrlose Ableitung für seine Begierden sahen. Neros Leidenschaft für Acte war so groß, daß er daran dachte, sie zu heiraten; Männer von konsularischem Range waren bereit, den Eid zu leisten, daß sie aus königlichem Geschlechte (der Attaler) stamme. Doch wurde sie bald, spätestens von Poppäa, verdrängt. Sie überlebte Nero und erwies ihm mit zwei seiner alten Wärterinnen die letzten Ehren durch eine sehr prunkvolle Bestattung, die 200.000 Sesterzen (45.500 Mark) kostete. Zahlreiche Denkmäler von ihren Sklaven und Freigelassenen (darunter zwei Kammerdiener, ein Läufer, ein Bäcker, ein Eunuch, eine griechische Sängerin) haben sich erhalten. Wasserleitungsröhren mit der Inschrift «Claudia Acte Freigelassene des Kaisers«, zu Puteoli und Veliträ gefunden, rühren aus ihren dortigen Villen, Ziegel mit ihrem Namen gestempelt aus ihren Ziegeleien in Sardinien her.

Durch andere Eigenschaften als Jugend und Schönheit erhielt sich Cänis die Neigung Vespasians bis an ihr Ende. Sie war eine Freigelassene der Antonia, der Mutter des Claudius, gewesen, die sich ihrer zum Schreiben wichtiger Briefe bedient hatte, da sie sich ebenso durch Treue wie durch ein ungewöhnliches Gedächtnis auszeichnete. Vespasian, der sie schon früher geliebt hatte, nahm sie nach dem Tode seiner Gemahlin wieder zu sich – sie muß damals etwa 40 Jahre alt gewesen sein, da sie schon vor dem Tode Sejans (Oktober 31) die Vertraute der Antonia war, Vespasians Gemahlin Flavia Domitilla aber frühestens 51 (Geburtsjahr Domitians) starb. Der Kaiser behandelte sie fast wie eine rechtmäßige Gattin. Um so auffallender war die schon damals sich äußernde Insolenz Domitians, der ihr, als sie ihn bei der Rückkehr von einer Reise wie gewöhnlich auf den Mund küssen wollte, die Hand zum Kusse hinhielt. Ihr Einfluß auf den Kaiser erwarb ihr unermeßliche Reichtümer, man meinte sogar, daß Vespasian sich ihrer bediene, um möglichst große Summen zusammenzubringen. »Denn sie empfing von allen Seiten Geld, indem sie Ämter, Prokuraturen, Befehlshaberstellen, Priestertümer, selbst Entscheidungen des Kaisers verkaufte. Vespasian ließ nämlich zwar niemanden um Geld hinrichten, gewährte aber vielen für Geld das Leben. Die Empfängerin war sie, aber Vespasian stand im Verdacht, daß sie es mit seinem Willen tue.« Sie erfreute sich ihrer Macht nicht lange; denn sie starb schon in den ersten Jahren von Vespasians Regierung. An der Via Nomentana ist ein »den Manen der Antonia Cänis, Freigelassenen des Kaisers, ihrer trefflichen Patronin« geweihter Grabaltar gefunden worden, den ihr einer ihrer Freigelassenen mit seinen drei Kindern errichtet hat. Nach ihrem Tode hatte Vespasian sehr viele Konkubinen. Auch auf Antoninus Pius übte eine Konkubine so großen Einfluß, daß das Stadtgerede ihr die Ernennung eines Präfekten der Leibwache zuschreiben konnte; vielleicht ist es eine aus einer Inschrift bekannte Lysistrate, Freigelassene seiner Gemahlin Annia Galeria Faustina.

Marc Aurel nahm nach dem Tode seiner Gemahlin die Tochter eines seiner Prokuratoren zur Konkubine, weil er seinen Kindern keine Stiefmutter geben wollte.

Eine Geliebte des Lucius Verus, die Smyrnäerin Panthea, verdankt ihren Nachruhm hauptsächlich der begeisterten Huldigung, die ihr der geistreichste Schriftsteller jener Zeit, Lucian, bei einem vorübergehenden Aufenthalt in Smyrna (im Jahre 162) durch seinen Dialog »Die Bilder« (Εἰκόνες) dargebracht hat. Ihre Schönheit – heißt es in der ihr gewidmeten Schrift – kann nur geschildert werden, indem man die Vorzüge der berühmtesten Meisterwerke des griechischen Pinsels und Meißels zusammenstellt, die sie alle vereint; ihre Stimme ist der süßeste Wohllaut, im Gesang übertrifft sie an Kunst und Melodie die Nachtigall, selbst Orpheus und Amphion würden ihr schweigend lauschen; ebenso meisterhaft ist ihr Kitharaspiel, zur Poesie hat sie die lebhafteste Neigung, mit den Werken der Geschichtschreiber, Redner und Philosophen ist sie aufs innigste vertraut. An Erfahrung, politischer Einsicht, Schärfe und Schnelligkeit des Verstands gleicht sie der Aspasia oder vielmehr ist sie hierin um so viel größer, wie das römische Reich das perikleische Athen übertrifft; sie wird darauf mit der Frau des Pythagoras, Theano, mit Sappho, mit Diotima verglichen. Dann wird wiederholt ihre Güte und Leutseligkeit, ihre Sanftmut und Freundlichkeit gegen Bittende, ihre Sittsamkeit und Treue gegen ihren Geliebten gepriesen. Ihr Glück macht sie nicht hochmütig, sie verkehrt mit denen, die sich ihr nähern, ungezwungen und auf gleichem Fuße, und ihr freundliches Betragen ist um so gewinnender, als es, obwohl von einer höheren Person bezeigt, doch nichts Gespreiztes hat. Übrigens zeigte ihre Erscheinung, daß sie eine hohe Stellung einnahm: eine zahlreiche glänzende Dienerschaft, Zofen, Eunuchen und Soldaten umgaben sie. Mit dem Vorgeben, die schöne Frau habe das ihr gespendete Lob zu überschwenglich gefunden, motiviert dann Lucian das Erscheinen einer zweiten Schrift, in welcher er das neue Lob der Bescheidenheit hinzufügt und das frühere nochmals wiederholt. Panthea scheint Verus auf die Dauer gefesselt und lange überlebt zu haben. Marc Aurel gedenkt ihrer einmal in einer seiner schwermütigen Betrachtungen über die Eitelkeit alles Irdischen. »Sitzt etwa Panthea oder Pergamus noch am Sarge ihres Herrn? Oder Chabrias und Diotimus an dem Hadrians? Es wäre zum Lachen. Und wenn sie dort säßen, würden die Toten es empfinden? Und wenn sie es empfänden, würden sie Freude daran haben? Und wenn sie Freude daran hätten, würden jene unsterblich sein? Ward nicht auch jenen verhängt, erst Greise und Greisinnen zu werden, dann zu sterben? Und was sollten sie dann tun, wenn jene tot wären? Alles ist eitel Verwesung und ein Balg voll Unrat.«

In dem Harem des Commodus, der 300 Frauen und Dirnen und 300 Lustknaben enthielt, schwang sich durch Schönheit und buhlerische Künste, nach dem Gerücht auch durch Zaubermittel, Marcia, eine frühere Konkubine des im Jahre 183 als Teilnehmer der Verschwörung der Lucilla hingerichteten Ummidius Quadratus, dessen Haushalt Commodus übernommen zu haben scheint, zur erklärten Favoritin auf und wußte diese Stellung neun Jahre hindurch zu behaupten. Commodus liebte es, sie als Amazone gemalt zu sehen, er ließ sich Amazonius nennen und wollte um ihretwillen in Amazonentracht in der Arena auftreten; wir besitzen vielleicht ihr Bild auf einer Münze, wo sich neben seinem Kopfe ein sehr schöner weiblicher mit angefügtem Amazonenschilde befindet. Sie wurde wie eine rechtmäßige Gemahlin geehrt und genoß alle Auszeichnungen einer Kaiserin, außer der Vortragung des Feuers. Ein Wort von ihr genügte, um die zu den Bergwerken in Sardinien verurteilten Christen in Freiheit zu setzen; sie war selbst Christin oder neigte doch zum Christentume (wie ihr Pflegevater, der Eunuch Hyacinthus, der Presbyter in der römischen Gemeinde war, und mehrere Freigelassene dieses Hofs) und stand mit dem Bischofe von Rom, Victor, in Verbindung. Vergeblich beschwor sie auf Knien und mit Tränen Commodus an seinem letzten Tage, um seiner selbst willen die Absicht der Übersiedlung in die Gladiatorenschule aufzugeben; sie erregte seinen Zorn dadurch so sehr, daß er sie töten zu lassen beschloß. Durch einen Zufall erfuhr Marcia dies, und nun verband sie sich mit zwei aus demselben Grunde auf die Liste der Hinzurichtenden Gesetzten, dem Präfekten des Prätoriums Lätus und dem Freigelassenen Eclectus, der ihr Liebhaber gewesen sein soll, zur Ermordung des Kaisers. Der Konsul Falco nannte sie und Lätus in der ersten nach der Tat abgehaltenen Senatssitzung Gehilfen der Schandtaten des Commodus, worauf Pertinax beide damit entschuldigte, daß sie wider ihren Willen hätten gehorchen müssen, ihre wahre Gesinnung würden sie fortan bewähren. Didius Julianus ließ Marcia sowie alle andern, die an der Verschwörung gegen Commodus teilgenommen hatten, töten.

 

Selbst die kaiserlichen Sklaven waren noch Personen von Bedeutung. Auch sie waren nicht selten sehr reich, auch um ihre Gunst bemühte man sich und hatte ihren Hochmut zu ertragen. Wenn Seneca davon spricht, daß es Leute gebe, die sich in ihrer Sänfte in den Park eines Türstehers oder noch geringerer Sklaven tragen lassen und es als einen Vorzug ansehen, von ihm geküßt zu werden, so ist hier wohl von kaiserlichen Sklaven die Rede. Claudius ließ einen seiner Sklaven, der sich an einem angesehenen Manne vergriffen hatte, auf dem Forum auspeitschen. Hadrian sah einen seiner Sklaven zwischen zwei Senatoren gehen, er ließ ihm einen Backenstreich geben mit der Ermahnung, nicht zwischen denen zu gehen, deren Sklave er noch sein könne. Zu den Gründen des Verdachts gegen seinen Schwager Servianus gehörte, daß dieser den kaiserlichen Sklaven eine Mahlzeit geschickt hatte. Doch solche Beispiele von Strenge der Kaiser gegen ihre Sklaven scheinen zu den Ausnahmen gehört zu haben: sonst würden sie kaum ausdrücklich berichtet werden. »Wie geht es zu«, fragt Epictet, »daß ein Mensch plötzlich Verstand bekommt, wenn der Kaiser ihn zum Aufseher eines Abtritts macht? Warum sagen wir sogleich: Felicio hat verständig mit mir geredet? Ich wollte, er würde von seinem Abtritt fortgejagt, damit er wieder unverständig erschiene. Epaphroditus hatte einen Schuster, den er wegen seiner Unbrauchbarkeit verkaufte. Später wurde dieser durch irgendeine Fügung des Zufalls von einem aus dem kaiserlichen Hause gekauft und so Schuster des Kaisers. Da hätte man sehen sollen, wie Epaphroditus ihn ehrte. ›Was macht der brave Felicio?‹ hieß es. ›Ich halte große Stücke auf dich.‹ Fragte dann einer von uns: ›Was macht er selbst?‹ so war die Antwort: ›Er berät sich mit Felicio.‹« »Ich möchte nicht leben«, ruft der Philosoph an einer anderen Stelle aus, »wenn es durch Felicio sein müßte, wenn ich seinen Hochmut, seine sklavenartige Insolenz ertragen müßte.« Doch wenige dachten so. Einem Numenius, einem Symphorus küßte man die Hände, brachte die halbe Nacht vor der Tür ihres Schlafzimmers zu und sandte ihnen Geschenke, um sich ihren Beistand für eine Beförderung zu sichern; selbst Bewerber um Präturen und Konsulate machten Sklaven den Hof. Von Neros geschicktem Barbier Thalamus, von seinem Mundschenken Pythagoras sprach man in Rom noch ein Vierteljahrhundert nach Neros Tode.

Mit dem Eindringen orientalischer Sitten und Gewohnheiten seit dem 3. Jahrhundert erweiterte sich der Umfang des kaiserlichen Haushalts je länger, je mehr. Nach Libanius fand Julian der Abtrünnige in demselben »tausend Köche, eine nicht geringere Zahl von Bartscherern, eine noch größere von Mundschenken, Schwärme von Tafeldienern und Eunuchen« vor: Angaben, die kaum als sehr übertrieben erscheinen, wenn man damit z. B. die Zahlen einiger Abteilungen des Gesindes am Hofe des Sultans Abdul Aziz vergleicht: 5005 Beamte und Diener des Palastes, 409 Wächter und Pförtner der 21 großherrlichen Residenzen, 359 Küchen-, 351 Gartenleute usw. Unter jenen Sklaven des römischen Kaiserhauses war keiner, der nicht seine Stellung zu Übergriffen, Vergewaltigungen und Plünderungen benutzte, »der nicht Land besitzen, mit eignem Gespann fahren, nicht Herr sein wollte, und zwar ein so großer wie sein eigner Herr; und sie begnügten sich nicht mit dem Reichtum, sondern waren unzufrieden, wenn sie nicht auch Ansehen erlangten, um damit ihre Knechtschaft zu verdecken«.

Natürlich gelang es immer nur einzelnen aus dem ungeheuren Troß, sich dem Herrn persönlich zu empfehlen, und oft genug wurden die Hoffnungen Ehrgeiziger, die sich vordrängten, zur Schadenfreude der Mitsklaven enttäuscht. Der Fabeldichter Phädrus, der als kaiserlicher Freigelassener in den Bedientenkreisen heimlich war, erzählt einen solchen Fall mit sichtlichem Vergnügen. Als Tiberius auf seiner Reise nach Neapel in seiner Villa bei Misenum einkehrte und im Park derselben lustwandelte, lief einer der vornehmern Sklaven des dortigen Personals (ein Atriensis) hochgeschürzt, zierlich gekleidet und wohl frisiert auf allen Gängen, die der Kaiser betrat, vor ihm her und sprengte eifrig den Boden. Endlich winkte ihm Tiberius, aber nur, um dem erfreut Herbeieilenden zu sagen: deine Mühe war umsonst, so wohlfeil ist die Ehre einer Ohrfeige von meiner Hand nicht zu erkaufen.

Zu den vornehmsten Sklaven gehörten auch im kaiserlichen Hause die Dispensatoren (Rechnungsführer, Zahlmeister und Intendanten), nicht bloß die am Hofe selbst, sondern auch bei den zahlreichen Verwaltungen in Rom und den Provinzen angestellten. Daß der Dispensator des armenischen Kriegs nach dessen Beendigung sich von Nero für 13 Millionen Sesterzen (2,827.500 Mark) freikaufen konnte, berichtet Plinius allerdings als eine Ungeheuerlichkeit. Wie groß die Einnahmen der Dispensatoren aber auch sonst waren, sieht man daraus, daß Otho einem kaiserlichen Sklaven, dem er bei Galba eine solche Stelle ausgewirkt hatte, als Belohnung dieses Dienstes eine Million Sesterzen (217.500 Mark) abpressen konnte. Ein Sklave des Claudius, Rotundus, der früher Caligulas Schwester Drusilla gehört hatte und Dispensator im diesseitigen Spanien war, besaß eine silberne Schüssel von 500 Pfund, zu deren Anfertigung eine eigne Werkstatt erbaut worden war, und mehrere seiner Begleiter ähnliche Schüsseln von geringerem Gewicht. In einem Columbarium an der Appischen Straße, neben dem Grabmal der Scipionen, ist die Grabschrift eines Dispensateurs der kaiserlichen Hauptkasse im lugdunensischen Gallien gefunden worden, der ein Sklave des Tiberius war. Sie ist ihm von sechzehn seiner eignen Sklaven ( vicarii) gesetzt, die ihn auf der Reise nach Rom begleiteten, wo ihn der Tod überraschte. Ein solches Reisegefolge läßt auf die Größe des ganzen Haushalts schließen. Es bestand aus drei Sekretären ( a manu), zwei Kämmerern ( a cubiculo), zwei Köchen, zwei Begleitern beim Ausgehen ( pedisequi), zwei Silberdienern ( ab argento), einem Arzt, einem Garderobier, einem Geschäftsführer ( negotiator), einem Ökonomen ( sumptuarius) und einem Ungenannten.

Es versteht sich, daß nicht alle Dienste, deren die Hofhaltung bedurfte, von Freigelassenen oder Sklaven des kaiserlichen Hauses versehen werden konnten, am wenigsten die, welche Kunst oder wissenschaftliche Bildung erforderten. Unter denen, welche im Dienste des Hofs standen, ohne zum kaiserlichen Hause zu gehören, werden am häufigsten die Leibärzte, die Hofastrologen und die Prinzenlehrer genannt.

Die Lehrer in der kaiserlichen Familie waren zuweilen Männer von Stande. Seneca war bereits Senator, als er zur Erziehung des damals achtjährigen Nero berufen wurde; wahrscheinlich auch Fronto, als er den Unterricht Marc Aurels (damals M. Annius Verus) und L. Verus (damals L. Ceionius Commodus) übernahm. Man darf annehmen, daß in der Regel Männer gewählt wurden, die einen großen Ruf in ihrem Fache genossen; als Domitian den Unterricht der Enkel seiner Schwester Domitilla Quintilian übertrug, hatte dieser schon zwanzig Jahre zu Rom die Beredsamkeit gelehrt. Der berühmte Theodorus von Gadara war der Lehrer des Tiberius in der Beredsamkeit. Zu den Lehrern Marc Aurels gehörten die Sophisten Alexander von Cotyäum und Herodes Atticus. Waren die Lehrer geringeren Standes, so wurden sie wohl in das kaiserliche Haus aufgenommen. Als Augustus den berühmten Philologen Verrius Flaccus zum Lehrer seiner Enkel machte, ließ er ihn mit seiner ganzen Schule in sein Haus ziehen, nur unter der Bedingung, keine neuen Schüler anzunehmen, und gab ihm ein Jahresgehalt von 100.000 Sesterzen. Der Stoiker Apollonius, den Antoninus Pius zum Unterricht des jungen Marc Aurel aus Chalcis berufen hatte, weigerte sich, in den Tiberianischen Palast zu ziehen, wo Marc Aurel wohnte; der Schüler müsse zum Lehrer kommen: ein Verlangen, dem der Thronerbe wirklich entsprach. Pertinax ließ, offenbar ausnahmsweise, seinen Sohn die allgemeinen Schulen und Übungsplätze besuchen. Von drei Prinzenlehrern ist bekannt, daß sie zum Konsulat gelangten, Seneca (56), Fronto (143), beide nur als suffecti, und Herodes Atticus als ordentlicher Konsul (143). Konsularische Insignien erhielten Quintilian auf Verwendung von Domitians Vetter Flavius Clemens und ein Titianus, wahrscheinlich der Lehrer des jüngeren Maximinus.

Obwohl das kaiserliche Haus ein ärztliches Personal besaß, das sowohl wegen der vielen zur Hofhaltung dienenden Palaste und Besitzungen, welche die erforderliche Dienerschaft enthalten mußten, als auch wegen der vielen Spezialitäten der damaligen Medizin äußerst zahlreich war, so hing doch die Wahl der Leibärzte vom Vertrauen, das Vertrauen vom Rufe ab; und die ärztlichen Diener des Hauses wurden vermutlich nur zu untergeordneten Hilfsleistungen verwendet. Die Leibärzte der ersten Kaiserzeit erhielten ein Jahrgehalt von 250.000 Sesterzen (54.375 Mark); Q. Stertinius rechnete es dem Kaiserhause als Opfer an, daß er mit dem Doppelten zufrieden war, da er mit Aufzählung der von ihm behandelten Familien nachwies, daß ihm die Stadtpraxis 600.000 (130.500 Mark) eingetragen habe. Der Bruder dieses Stertinius, C. Stertinius Xenophon, erhielt von Claudius ein gleiches Gehalt, und obwohl beide ihr Vermögen durch große Bauten zur Verschönerung von Neapel erschöpft hatten, hinterließen sie doch 30 Mill. Sest. (6½ Mill. Mark), ein andrer kaiserlicher Arzt, Arruntius, ebensoviel allein. Nach dem Tode des Leibarztes Demetrius fragte der damals im germanischen Kriege an der Donau befindliche Kaiser Marc Aurel bei dem Chef des kaiserlichen Finanzamtes an, welcher Arzt gegenwärtig in kaiserlicher Besoldung stehe, und als er erfuhr, daß Galen während der ganzen Zeit die Bereitung der Mittel geleitet habe, befahl er, diesem auch die Anfertigung des Theriaks aufzutragen. Unter Alexander Severus erhielt nur ein Hofarzt Gehalt, die übrigen, deren Zahl sich bis auf sechs belief, nur Naturallieferungen. In den letzten Jahrhunderten des Altertums nahmen die kaiserlichen Leibärzte ( archiatri sacri Palatii) eine sehr angesehene Stellung ein, in welcher sie noch von Theoderich bestätigt wurden.

Gewöhnlich waren die Ärzte auch am römischen Hofe Griechen, wie der Arzt des Tiberius Charikles, die beiden Ärzte Neros namens Andromachus (Vater und Sohn, der Vater aus Kreta), der Trajans Crito (der ihn beim deutschen Feldzuge begleitete), der Hadrians Hermogenes, Marc Aurels Demetrius, und Galenus, der des Commodus. Vermutlich erhielten diese kaiserlichen Ärzte für ihre Dienste in der Regel das Bürgerrecht, wenn sie es noch nicht besaßen, wie ein Ti. Claudius Alcimus und ein Ti. Claudius Menecrates. Der Freigelassene Antonius Musa wurde für eine Herstellung des Augustus im Jahre 22 v. Chr. mit einer Bildsäule, den goldnen Ringen und Abgabenfreiheit für sich und seine Kunstgenossen belohnt. Der bereits erwähnte Leibarzt des Claudius, C. Stertinius Xenophon, ein Asklepiade aus Kos, der mit seiner ärztlichen Tätigkeit ein kaiserliches Hausamt verband, erwirkte für seinen Bruder und Oheim das Bürgerrecht und das Militärtribunat (d. h. den Ritterrang), für sich selbst außer dem letztern noch eine wichtige militärische Stellung (Praefectus fabrum) und die Auszeichnung des Goldkranzes und des Lanzenschafts beim Britannischen Triumph (44 n. Chr.; ohne Zweifel hatte er Claudius auf dem Feldzuge begleitet; seiner Heimat verschaffte er (53) die Steuerfreiheit. Seine dankbaren Landsleute setzten ihm und den Seinigen Statuen und schlugen zu seinem Gedächtnis Münzen mit seinem Bildnis. Er war es, der im Einverständnis mit Agrippina (54) die Vergiftung des Claudius ausgeführt haben soll. Auf seinen Denkmälern heißt er nicht bloß wie üblich »Kaiserfreund«, sondern auch »Freund des Claudius« und nach dessen Ermordung »Freund des Nero«.

Die Ärzte wurden überhaupt von ihren Feinden der Giftmischerei geziehen, und nicht minder des Ehebruchs mit fürstlichen Frauen, zu denen ihr Amt ihnen freien Zutritt gab. Plinius erinnert an Vettius Valens, unter Claudius als Arzt berühmt und Liebhaber Messalinens, mit welcher er zusammen im Jahre 48 hingerichtet wurde, und an Eudemus, den Arzt von Tiberius Schwiegertochter Livia, der Mitwisser ihres ehebrecherischen Verhältnisses mit Sejan war und selbst mit ihr in Ehebruch lebte. Daß die kaiserlichen Ärzte unter ihren Kollegen in Rom ein gewisses Ansehen genossen, ist selbstverständlich. Galen rühmt sich, den Rhetor Diomedes, der in der Straße der Sandalenmacher wohnte, in kurzer Zeit hergestellt zu haben, dessen Übel selbst die angesehensten Hofärzte nicht erkannt und falsch behandelt hatten.

Auch Astrologen werden an diesen Höfen selten gefehlt haben; fast immer waren es Griechen oder Orientalen. Zwar beschwor die Astrologie gerade für den Thron große und eigentümliche Gefahren herauf. Ihre Prophezeiungen weckten schlummernde Leidenschaften, regten gefährliche Gedanken auf und gaben Gläubigen zu ihren Taten den Mut des Fatalismus. Den Kaiser Claudius hatten die Astrologen, nach Senecas Pasquill auf seine Vergötterung, an jedem Tage und zu jeder Stunde sterben lassen. Othos Mut ließ auch nach der Adoption des Piso durch Galba die ihn stets umgebenden Wahrsager und Chaldäer nicht sinken, besonders ein Ptolemäus, der ihm früher prophezeit hatte, daß er Nero überleben und selbst zur Regierung gelangen würde, und sich nun darauf berief, daß seine Prophezeiung zur Hälfte schon erfüllt sei. Die Chaldäer, sagt ein christlicher Schriftsteller des 3. Jahrhunderts, richten die Herrscher zugrunde, indem sie ihnen Bangigkeit einflößen, und ermutigen Untertanen, Großes zu wagen. Darum erfolgten immer von neuem strenge Verbote der Astrologie, Ausweisungen und Bestrafungen der Chaldäer, aber immer gleich vergeblich. Die Kaiser selbst zogen fast sämtlich Astrologen zu Rat, und mehrere waren in die Geheimnisse dieser Afterwissenschaft aufs tiefste eingeweiht, wie Hadrian und Severus, vor allem Tiberius. Dem Astrologen Thrasyllus, der bis zu Tiberius' Tode der unzertrennliche Begleiter des Kaisers blieb, legte man am Hofe einen unbedingten Einfluß auf den sonst so verschlossenen Monarchen bei. Vespasian, der diesem Aberglauben besonders ergeben war, bewilligte dem ephesischen Astrologen Barbillus zu Gefallen der Stadt Ephesus die Einrichtung eines periodischen (in Inschriften öfters als Barbilleen erwähnten) Festspiels, eine Bevorzugung, die er sonst keiner Stadt zuteil werden ließ. Es war dies derselbe berühmte Astrolog, auf dessen Rat Nero beim Erscheinen eines Kometen im Jahre 65 mehrere Häupter der Aristokratie hinrichten ließ, um so die ihm angeblich drohende Gefahr abzuwenden. Auch Poppäa hatte viel mit Astrologen geheimen Verkehr gepflogen: sie waren für sie »die unseligen Werkzeuge der fürstlichen Ehe« gewesen. Nicht selten lag das Schicksal fürstlicher Geschlechter in den Händen der Astrologen. Tiberius ließ viele Personen töten, nachdem er ihre Geburtsstunde erforscht und daraus ihren Charakter und ihre bevorstehende Laufbahn erkannt hatte; Domitian den Metius Pomposianus, weil man allgemein sagte, daß ihm seine Nativität die Kaiserwürde verheiße. Auch Caracalla unterrichtete sich aus den Horoskopen der ersten Männer an seinem Hofe, ob sie ihm feindlich oder freundlich gesinnt seien; nach diesen Ermittlungen verhängte er Todesurteile und verlieh Ehrenbezeigungen. Der Untertan, dem sein Horoskop nach der Aussage der Chaldäer den Thron verhieß, hatte in der Regel nur zwischen Verschwörung und eignem Verderben die Wahl. So soll der Tod Nervas aus diesem Grunde bereits von Domitian beschlossen und nur durch einen ihm wohlwollenden Astrologen abgewendet worden sein, der den Kaiser glauben machte, Nerva habe nur noch wenige Tage zu leben.

3. Die Freunde, Begleiter und Gesellschafter des Kaisers

Diejenigen Männer des Senatoren- und Ritterstandes, welche die nähere Umgebung des Kaisers bildeten, hießen seine Freunde. Sie wurden vorzugsweise in den bereits unter Augustus aus Senatoren gebildeten kaiserlichen Staatsrat berufen. Tiberius »verlangte vom Senat außer seinen alten Freunden und Vertrauten zwanzig von den Ersten des Staates als seine Räte in den öffentlichen Geschäften«. Unter den spätern Kaisern wird nur von Alexander Severus die Bestellung eines gleichartigen Staatsrats berichtet. Doch wurden bei der Entscheidung wichtiger politischer und militärischer Fragen wohl in der Regel von den Kaisern hervorragende Männer des Senatoren- und Ritterstandes zu Rat gezogen, und zwar, wie natürlich, vorzugsweise aus dem Kreise der Freunde. Die Großen ( proceres, sämtlich oder fast sämtlich Konsulare, außerdem die beiden Präfekten des Prätoriums), die in einer Satire Juvenals Domitian in Eile auf sein Schloß zu Alba zum Rat beruft, »als wolle er ihnen etwas über die Chatten oder die wilden Sicambrer mitteilen, oder als sei von dem andern Ende der Welt eine erschreckende Nachricht gekommen«, und die er dann über die beste Zubereitungsart eines großen Seefisches befragt, werden vom Dichter wiederholt als seine »Freunde« bezeichnet.

Während aber derartig geordnete und kollegialische Verhandlungen eines für den besonderen Fall gebildeten Rats nicht gerade häufig vorgekommen zu sein scheinen, haben die Kaiser von Augustus ab das alte Herkommen, Rechtsurteile nicht ohne Zuziehung von Freunden und Beratern und nach Anhörung ihrer Meinung zu fällen, regelmäßig befolgt. In einer solchen von Claudius berufenen Versammlung waren unter 25 Senatoren 16 Konsulare. Bis auf Trajan entbehrte dieser Rat der dauernden Organisation. Seit Hadrian aber treten die Mitglieder desselben ( consilium, nach Diocletian consistorium) als angestellte und, wenigstens seit Commodus, wahrscheinlich aber schon früher, besoldete Räte ( consiliarii Augusti) auf; und wenn in diesen Rat, aus dem die Kaiser für jede einzelne Verhandlung die Beisitzer auswählten, selbstverständlich vorzugsweise Juristen gezogen wurden, so werden darin auch die Freunde und Begleiter immer zahlreich gewesen sein, besonders aus dem Ritterstande. Vermutlich sind die demselben angehörigen Haus- und Hofbeamten schon früh regelmäßig zugezogen worden; »seit dem Ende des 2. Jahrhunderts scheinen die Präfekten der Garde sogar eine leitende Stelle in demselben eingenommen zu haben«.

Teils als Mitglieder des ständigen oder nach Bedürfnis zusammentretenden politischen kaiserlichen Rats, teils als nicht offizielle Ratgeber übten die Freunde vielfach einen bestimmenden Einfluß auf das jedesmalige System der Regierung aus: so, um nur diese zu nennen, Mäcenas und Agrippa als Freunde des Augustus, Sejan des Tiberius, Seneca in Neros früherer und Tigellinus in seiner spätern Zeit. Sie galten allgemein als die für die wichtigsten Entschließungen maßgebenden Personen und waren es in der Regel auch wirklich. Als im ersten Jahre von Neros Regierung der Krieg mit den Parthern bevorstand, hieß es in Rom, bei der Wahl des Feldherrn werde sich zeigen, ob der Kaiser redliche Freunde habe oder nicht. Es gibt, heißt es bei Tacitus, kein wichtigeres Werkzeug für einen guten Regenten als Freunde. Der Kaiserbiograph Marius Maximus behauptete sogar, der Staat sei sicherer und besser daran, wenn der Kaiser, als wenn die Freunde des Kaisers schlecht seien; ein Schlechter könne von vielen Guten im Zaume gehalten werden: gegen viele Schlechte vermöge ein Guter nichts. Dio von Prusa sagt in einer seiner paränetischen Reden an Trajan, dem Regenten seien seine Freunde nützlicher als die Augen: denn er könne durch sie bis an die Grenzen der Erde sehen; als die Ohren: denn er könne durch sie alles hören, was ihm zu wissen not tue; als Zunge und Hände: durch sie könne er mit allen Menschen reden und alle Taten ausführen, durch sie vieles zu gleicher Zeit tun, über vieles zugleich beratschlagen, an vielen Orten zugleich sein. Er sei aber auch imstande, sich die zuverlässigsten und fähigsten Freunde zu wählen, da niemand gleich ihm belohnen könne. »Denn wer kann mehr Würden verleihen? Wer bedarf mehr Beamte? Wer ist imstande, bedeutendere Stellungen zu vergeben? Wer kann wie er einen andern mit der Führung eines Kriegs beauftragen? Von wem können glänzendere Ehren erwiesen werden? Wessen Tafel steht in größerm Ansehen? Und wenn die Freundschaft käuflich wäre, wer hat größern Überfluß an Geld, so daß niemand seine Gaben zu erwidern imstande ist?« Trajan war auf den Rat vieler Freunde schon fast entschlossen, nicht Hadrian, sondern Neratius Priscus zu seinem Nachfolger zu ernennen. Antoninus Pius »bestimmte weder über die Provinzen noch über irgendwelche Staatsgeschäfte etwas, ohne es vorher den Freunden vorzutragen, und verfaßte seine Schreiben ihrer Ansicht gemäß«. Als er sein Ende herannahen sah, berief er »Freunde und Präfekten«, bestätigte vor ihnen Marc Aurel als seinen Nachfolger und empfahl ihnen denselben. Marc Aurel »beriet stets mit den Vornehmsten ( optimates) Kriegs- wie Friedensangelegenheiten. Seine Ansicht dabei war immer diese: Es ist billiger, daß ich den Rat so vieler und solcher Freunde befolge, als daß so viele und solche Freunde sich meinem Willen fügen.

Selbstverständlich waren die kaiserlichen Freunde ebenso allgemein angesehen wie gefürchtet. Der jüngere Plinius sagt, er habe als sehr junger Mann (unter Titus oder Domitian) die Führung eines Prozesses übernommen, »und zwar gegen die Mächtigsten im Staat und sogar gegen Freunde des Kaisers«. »Ich werde ein Freund des Kaisers sein«, heißt es bei Epictet, »solange ich es bin, wird niemand zu nahe zu treten wagen.« Natürlich wurde die Macht, die diese Stellung verlieh, nicht selten mißbraucht. Der Biograph des Alexander Severus schilderte dessen mit der Verwaltung der innern wie der äußern Angelegenheiten betraute Freunde als Muster von kaiserlichen Freunden überhaupt, und zwar durch Aufzählung der Fehler, Laster und Verbrechen, von denen sie frei waren, und die offenbar Männern in dieser Stellung am häufigsten vorgeworfen wurden. Dazu gehören Dieberei, Herrschsucht, Nachgiebigkeit zum Bösen, Wollust, Grausamkeit, Hintergehung des Kaisers, über den seine Freunde spotteten, und dessen Ansehen sie durch Käuflichkeit, Lüge und Erdichtung bloßstellten.

Das Verhältnis der Freunde gewann schon an den ersten Höfen feste Formen, die zunächst an die altrömische Sitte des täglichen Morgenempfangs in den großen Häusern anknüpften. Schon C. Gracchus und M. Livius Drusus sollen ihre Partei so organisiert haben, daß sie sie in drei Klassen schieden, von denen sie die Mitglieder der ersten allein und im geheimen empfingen, die der zweiten in größerer Anzahl, die der dritten in Masse. Ebenso unterschied man am kaiserlichen Hofe Freunde »erster und zweiter Vorlassung« ( primae et secundae admissionis). Diese Rangordnung hing nicht sowohl vom Stande als vom persönlichen Verhältnis zum Kaiser ab. Zu den Freunden gehörten (abgesehen von den Verwandten und Jugendfreunden des Kaisers) vor allen die Ersten des senatorischen Standes, namentlich die Stadtpräfekten, Konsuln und Konsulare, aber auch jüngere Männer, die erst im Beginn ihrer Laufbahn waren, und denen sich hier die Aussicht auf eine glänzende Zukunft eröffnete. So erhielt Lucan die Quästur erst, als er von Nero aus Athen berufen und unter seine Freunde aufgenommen worden war, und der spätere Kaiser Otho (geb. 32) nahm als Genosse von Neros Ausschweifungen schon im Jahre 55 (ebenfalls vor der Bekleidung der Quästur) unter seinen Freunden eine hervorragende Stelle ein. Aber auch aus dem zweiten Stande wählten die Kaiser ihre Umgebung, und wenn Augustus gerade vorzugsweise Rittern wie Mäcenas, Proculejus, Sallustius Crispus Macht und Einfluß eingeräumt hatte, um das Ansehen des Senats herabzudrücken, so ist ähnliches auch noch in späterer Zeit geschehen, wo dies nicht mehr die Absicht sein konnte. Die diesem Stande angehörigen hohen Präfekten, namentlich der Statthalter von Ägypten, der Präfekt des Prätoriums und die dem Stadtpräfekten untergebenen Präfekten der Nachtwachen (der die Feuer- und Sicherheitspolizei handhabte) und der für Rom so hochwichtigen Getreideverwaltung, waren kraft ihres Amtes immer Freunde des Kaisers.

Mit der Zeit wurde die Benennung Freund ein vom persönlichen Verhältnis unabhängiger, mit gewissen hohen Ämtern unzertrennlich verbundener Titel. In einem Reskript des Sever und Caracalla vom Jahre 201 wird den Bürgern einer Stadt in Mösien eine gewisse Immunität bestätigt, desgleichen allen künftig unter die Bürger Aufgenommenen, »jedoch nur dann, wenn sie unser Freund, der jedesmalige Konsularagent, des Bürgerrechts für würdig erklärt haben wird«. Aber schon in der ersten Zeit Marc Aurels haben vielleicht alle Konsularagenten den Titel »Freund des Kaisers« geführt. Eine zwischen 163 und 165 gesetzte Inschrift meldet, daß die beiden regierenden Kaiser eine Straße bei Abila wiederhergestellt haben »durch Julius Verus, prätorischen Legaten der Provinz Syrien und ihren Freund«. Selbst die Prokuratoren von Provinzen scheinen kraft dieser Eigenschaft auf diesen Ehrentitel Anspruch gehabt zu haben. Auch in dieser Titulatur wurden vielleicht schon in den ersten Jahrhunderten Abstufungen eingeführt. Im Kurialstil des 4. und 5. Jahrhunderts erhalten die drei höchsten Reichsbeamten (der Praef. praetorio, Praef. urbi und Magister militum) die Titulatur parens (Vater), andre zur ersten Rangklasse gehörige (der Magister officiorum, die Comites rerum privatarum und sacrarum largitionum) die Anrede frater (Bruder); Beamte geringern Ranges (wie ein Konsular von Picenum, ein Präfekt von Ägypten, der Magister memoriae) werden in den erhaltenen Erlassen nur mit einem Freundschaftsprädikat, namentlich carissime (Teuerster), angeredet. Anfänge dieser offiziellen Anreden sind vielleicht schon darin zu erkennen, daß Trajan in seinen Schreiben an den jüngern Plinius als kaiserlichen Legaten von Bithynien diesen stets mit »Teuerster« anredet und daß Commodus den Präfekten des Prätoriums Julianus »Vater« nannte; gewiß aber, wenn Alexander Severus (im Jahre 222) den Juristen Ulpian als Getreidepräfekten seinen Freund, als Präfekten des Prätoriums dagegen in demselben Jahre seinen Vater ( parentem) nennt. Didius Julianus spendete bei dem ersten Empfange des Senats und Ritterstandes die Anreden »Sohn, Bruder und Vater« je nach dem Alter der Angeredeten ganz allgemein. Übrigens liegt es in der Natur der Sache, daß die Bezeichnung »Freund« häufiger von den Kaisern andern erteilt wurde, als daß sich jemand selbst so nannte oder von dritten so genannt wurde, was namentlich im Geschäftsstil und auf Inschriften selten ist.

Die Freunde stellten sich bei dem Kaiser in der Regel an jedem Morgen zur Aufwartung ein und wurden oft zur Tafel gezogen. Hadrian lud die Seinigen stets zu seinen Gastmählern. Antoninus Pius ließ sie sowohl an seinen kleinen wie an seinen großen Tafeln teilnehmen. Marc Aurel zahlt unter die Dinge, die er von seinem Vater gelernt habe, daß er seinen Freund nicht den Zwang auferlegte, mit ihm speisen zu müssen, und denen gegenüber, welche abgehalten waren, ein unverändertes Betragen bewahrte; aber gerade das, was er sich als Verdienst anrechnete, ward übel aufgenommen und in der Entfernung der Freunde von der gemeinsamen Gesellschaft und den Mahlzeiten eine Bestärkung des höfischen Hochmuts gefunden. Bei Alexander Severus speisten einige Freunde täglich, ohne besonders eingeladen zu werden. Zur Bedienung der Freunde, von denen manche auch in Rom für die Dauer oder zeitweise im kaiserlichen Hause gewohnt zu haben scheinen, war eine Abteilung der Hofdienerschaft ( a cura amicorum) bestimmt.

Für jede Reise oder Expedition wählten die Kaiser aus der Zahl der Freunde ihre Begleiter ( comites), und dies Gefolge ( cohors amicorum) entspricht ganz dem der Provinzialstatthalter in der Republik. Daher konnten die Kaiser »Begleiter« im technischen Sinne nur bei Reisen außerhalb Italiens haben, und wenn Caligula sich auf seinem Triumphlager über die von Bajä nach Puteoli geschlagene Schiffbrücke von der »Kohorte der Freunde« auf leichten gallischen Wagen begleiten ließ, so spielte er hier eben den aus dem Kriege zurückkehrenden Imperator. L. Verus wurde bei seinem Auszuge zum Partherkriege von Marc Aurel mit einem Gefolge kaiserlicher Freunde vom Senatorenstande ausgestattet. Natürlich galt die als hohe Gunst angesehene Wahl zum Begleiter als Befehl; Marc Aurel legte auch hierin, wie er selbst bemerkt, seinen Freunden keinen Zwang auf. Galba genoß als Mitglied der Kohorte des Claudius die hohe Ehre, daß die Expedition um einen Tag verschoben wurde, da er unpäßlich war.

Auf der Reise wohnten die Freunde mit dem Kaiser zusammen, oder es wurde doch für ihre Wohnung gesorgt; Vespasian, der als Begleiter Neros auf der Reise in Griechenland sich dessen Ungnade zuzog; ward aus der gemeinsamen Wohnung fortgewiesen. Im kaiserlichen Feldlager ward stets ein besondrer Platz in unmittelbarer Nähe des kaiserlichen Zelts für die Begleiter abgesteckt. Natürlich wurden sie für die Dauer der Reise besoldet. Schon in Ciceros Zeit war es allgemeiner Gebrauch, daß die Provinzialstatthalter ihren Offizieren und Begleitern eine im Verhältnis zu Rang und Dienstzeit bemessene Gratifikation verabreichten. Es galt als Beweis von Tiberius' Sparsamkeit, daß er als Prinz seinen Begleitern auf Reisen und Feldzügen keine Gratifikation, sondern nur die an Stelle der Naturalverpflegung getretenen Tagegelder gab. Nur einmal machte er ein Geldgeschenk, zu dem Augustus die Mittel hergab: die erste Klasse der Begleiter erhielt je 600.000, die zweite je 400.000 Sesterzen (130.500, bzw. 87.000 Mark). Auch die Geringfügigkeit der Gratifikationen des Augustus an seine Freunde wurde gerügt. Caligulas Reisebegleiter waren zu so großem Aufwand genötigt, daß sie sich zugrunde richteten. Daß das Gefolge nicht selten den durchzogenen Gegenden sehr zur Last war, läßt schon die Vergleichung annehmen, die Plinius zwischen Domitians und Trajans Reisen anstellt. Bei den letzteren gab es »keinen Tumult, keinen Übermut in bezug auf die Quartiere, der Proviant war derselbe wie für die übrigen, dazu das Gefolge in straffer Haltung und gehorsam«. Antoninus Pius, dessen Reisen sich niemals über Italien hinaus erstreckten, bemerkte, selbst das Gefolge eines zu sparsamen Fürsten sei für die Provinzialen noch drückend.

Die Tätigkeit der kaiserlichen Begleiter wurde immer durch besondern Auftrag des Kaisers bestimmt. Im Felde wurden sie zuweilen zu militärischen Zwecken verwandt und dann auch nach glücklich beendetem Feldzuge bei Verteilung von militärischen Auszeichnungen mitbedacht. Ihre gewöhnliche Verwendung dürfte jedoch wohl gewesen sein, dem Kaiser bei der Rechtspflege und Verwaltung zu assistieren. Männer vom Ritterstande scheinen zu dieser Stellung nicht zugelassen worden zu sein, vom senatorischen, aber schon Quästoren und selbst junge Leute, die zum Eintritt in den Senat sich erst gemeldet hatten.

Die Kaiser erwiesen den Freunden auch ihrerseits bis auf einen gewissen Grad die Höflichkeiten des Umgangs und verkehrten mit ihnen, je leutseliger sie waren oder zu scheinen wünschten, desto mehr wie Privatpersonen. Tiberius stand im Anfange seiner Regierung seinen Freunden vor Gericht bei, fand sich bei ihren Opferschmäusen ein, besuchte sie in Krankheiten ohne Wache und hielt bei einem von ihnen die Leichenrede. Claudius dagegen machte seine Besuche nie ohne Begleitung der Wache, und dies blieb in der Folge die Regel, von der allerdings einzelne Kaiser, wie Trajan, Ausnahmen machten; wenn Galba als Kaiser bei Otho speiste, ließ dieser, scheinbar um den Fürsten zu ehren, jedem Mann der wachthabenden Kohorte ein Goldstück reichen. Nero, der seinen Freunden gleich zu Anfang seiner Regierung ungeheure Reichtümer zuwarf, mutete ihnen auf der andern Seite eine ebenso kolossale Verschwendung zu, wenn er sich z. B. bei ihnen zur Tafel ansagte: bei einem solchen Gastmahl kosteten die Rosen allein mehr als 4 Millionen Sesterzen (870.000 Mark). Für den erkrankten römischen Ritter Cossinus, der zu seinen Freunden gehörte, ließ er einen Arzt aus Ägypten kommen. An Sever und Caracalla wird die Bereitwilligkeit gelobt, mit der sie ihren Freunden von den oft seltenen und für Privatpersonen unerreichbaren Medikamenten mitteilten, die in den kaiserlichen Magazinen aufbewahrt wurden. Besondere Leutseligkeit wird auch von Trajan gerühmt, der an Jagden und Gelagen, Unternehmungen, Ratschlägen und Scherzen seiner Freunde teilnahm, sie in Krankheiten besuchte (was noch Ausonius hervorhebt) und ihre Häuser ohne Wache betrat. Er wurde, sagt Plinius, von ihnen wahrhaft geliebt, weil er selbst sie liebte, er versagte sich sogar die Erfüllung eigner Wünsche, um die ihrigen zu erfüllen. Einem Präfekten des Prätoriums erteilte er die erbetene Entlassung, obwohl er ihn sehr gern behalten hatte: und so ereignete sich »das Unerhörte, daß, als der Kaiser und sein Freund Verschiedenes wollten, der Wille des Freundes geschah«. Noch weiter als Trajan erstreckte Hadrian in seiner Popularitätssucht die Herablassung. Er machte Krankenbesuche sogar bei einigen römischen Rittern und Freigelassenen, erteilte Trost und Rat und besuchte Gastmähler seiner Freunde. Er tauschte mit ihnen an den Saturnalien Geschenke aus, sandte ihnen auf der Jagd erbeutetes Wildbret, fuhr selbviert mit ihnen und besuchte sie in ihren Palästen in der Stadt und auf dem Lande; ein Ritter wird in einer ihm zu Ehren gesetzten Inschrift »Gastfreund des göttlichen Hadrian« genannt. Einer seiner Freunde, Platorius Nepos, blieb ungestraft, als er in einer Krankheit den Kaiser, der ihn besuchen wollte, nicht vorließ. Bei Gastmählern ihrer Freunde erschienen auch Antoninus Pius und Alexander Severus, der letztere überdies am Krankenbette nicht bloß derer vom ersten und zweiten Range, sondern auch Tieferstehender. Manche Kaiser nahmen ein freies Wort, selbst eine Zurechtweisung von ihren Freunden nicht übel. Vespasian gestattete den seinen einen hohen Grad von Freimütigkeit und ertrug namentlich von Licinius Mucianus erstaunlich viel. Als Antoninus Pius einst seinen Freund Valerius Homullus (Konsul 152) bei einem Besuche fragte, woher er die Porphyrsäulen in seinem Palast habe (die nur aus den kaiserlichen Porphyrbrüchen am Roten Meer stammen konnten), antwortete dieser: in einem fremden Hause muß man taub und stumm sein.

Sehr große Geschenke der Kaiser an die Freunde waren häufig. Nero bereicherte, wie bemerkt, durch Schenkungen die ersten seiner Freunde unmittelbar nach dem Tode des Britannicus (55). Man rügte, daß Männer, die auf Würde Anspruch machten, in einer solchen Zeit Paläste und Villen wie eine Beute unter sich teilten. Gemeint ist besonders Seneca, der im Jahre 62 den ihm von Anklägern vorgeworfnen ungeheuren Reichtum in einem Schreiben an Nero damit entschuldigt, daß er seine Gaben nicht habe ablehnen dürfen. Er stellt sie nun zur Verfügung des Kaisers, der ihn darauf in einem beschwichtigenden Schreiben auffordert, alles Empfangene, Gärten, Einkünfte, Villen, zu behalten. Auch Trajan teilte nach Plinius gleich nach seiner Thronbesteigung freigebig die am schönsten gelegenen Landgüter aus und »betrachtete nichts mehr als das Seine, als was er durch seine Freunde besaß«. Hadrian »bereicherte seine Freunde auch ohne ihr Ansuchen, ihre Bitten schlug er niemals ab«. Antoninus Pius verwendete sein bedeutendes Privatvermögen, sobald er zur Regierung kam, zu Geschenken an das Heer und an seine Freunde. Marc Aurel war besonders gegen seine Jugendfreunde freigebig und machte namentlich die reich, die er wegen ihres Stands nicht zu hohen Stellungen erheben konnte; Severus bezahlte nicht nur die Schulden seiner Freunde, sondern, »leidenschaftlich in Liebe wie in Haß«, überhäufte er sie mit Reichtümern und schenkte mehreren namentlich prachtvolle Paläste, unter welchen der der Parther und des Lateranus noch im 4. Jahrhundert zu den hervorragendsten Roms gehörten. Von den Freunden Julians des Abtrünnigen lehnten die besten die ihnen gebotenen Geschenke, »Land, Pferde, Paläste, Silber und Gold«, ab, andre erwiesen sich habgierig. Auf der andern Seite forderte die Sitte, daß die Freunde den Kaiser im Testamente bedachten, um so mehr, als ihm von allen Begüterten Vermächtnisse ausgesetzt zu werden pflegten. Augustus, der auf die in den Testamenten niedergelegten »letzten Urteile« übertriebenen Wert legte und Freude und Mißfallen nicht verhehlte, je nachdem sie nach seiner Erwartung oder gegen dieselbe ausfielen, hatte in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens durch Vermächtnisse seiner Freunde 1400 Mill. Sesterzen (über 300 Mill. Mark) erhalten; er selbst setzte an dritter Stelle mehrere Freunde und Verwandte zu Erben ein.

Was von den Höflingen als höchste Ehre eifrig erstrebt wurde, erschien außerhalb stehenden, vollends philosophischen Betrachtern als erdrückende Last und die Stellung eines kaiserlichen Freunds als die allerunglückseligste, voll Zwang, Unruhe und Qual jeder Art. Natürlich waren sie genötigt, sich allen Launen, Neigungen und Liebhabereien der Kaiser anzubequemen. Selbst der Schlaf, sagt Epictet, ist ihnen nicht gegönnt. Die Nachricht weckt sie, daß der Kaiser schon wacht, schon erscheint, dann folgen Aufregungen und Sorgen. Sind sie nicht zu Tische geladen, so macht es ihnen Kummer; sind sie es, so speisen sie wie Sklaven bei ihrem Herrn, immer bedacht, nichts Törichtes zu sagen oder zu tun. Und was fürchten sie denn? Wie Sklaven die Peitsche zu erhalten? Wie sollte es ihnen so gut werden? Vielmehr, wie für so hochgestellte Männer, für Freunde des Kaisers ziemt, den Kopf zu verlieren. Selbst beim Bade und den Leibesübungen fehlt ihnen die Ruhe. Kurz, wer kann so stumpf oder so unwahr sein, um sein Geschick nicht um so mehr zu bejammern, je mehr er ein Freund des Kaisers ist?

In der Tat war die Stellung der kaiserlichen Freunde nicht bloß meist schwierig, sondern auch nur zu oft gefahrvoll. Immer von neuem bestätigte der plötzliche und jähe Sturz der Gewaltigsten die Unsicherheit der Despotengunst. Selten, sagt Tacitus, sei die Macht der Günstlinge beständig, sei es, daß Sättigung die Fürsten ergreift, wenn sie alles gewährt, oder jene, wenn sie alles erlangt haben. Eprius Marcellus, dem unter Vespasian im Senat die Freundschaft Neros vorgehalten wurde, erwiderte, er habe darunter nicht weniger gelitten als andre unter der Verbannung. Seneca sagt in einer unter dem Eindruck der eben vergangenen Herrschaft Caligulas verfaßten Schrift, als jemand einst einen an einem Königshofe grau gewordnen Höfling fragte, wie er das erreicht habe, was am Hofe das Seltenste sei, das Alter, habe er geantwortet: indem ich Beleidigungen empfing und dafür dankte. Oft waren dem Kaiser die sogenannten Freunde im Innersten verhaßt, und Domitians Hof war nicht der einzige, an dem »die Blässe der unseligen hohen Freundschaft« die Gesichter der Großen bedeckte. Der Unwille und das Mißtrauen der Fürsten war leicht erregt und Verleumdung und Intrigue am Hofe unaufhörlich geschäftig. Wenige Kaiser hatten ein so unerschütterliches Vertrauen zu ihren Freunden wie Trajan zu Licinius Sura, gegen den man seinen Argwohn auf alle Weise zu erregen gesucht hatte. Trotzdem besuchte er ihn unangemeldet, schickte die Wache fort, ließ sich von Suras Sklaven die Augen mit Salbe bestreichen und den Bart abnehmen, nahm ein Bad und speiste dort. Am andern Tage sagte er zu Suras Gegnern: wenn er mich hätte töten wollen, so hätte er es gestern getan. Sueton rühmt Augustus' Beständigkeit in der Freundschaft, da, wenn auch die Verhältnisse zu seinen Freunden bisweilen gestört wurden, mit Ausnahme des Salvidienus Rufus und Cornelius Gallus keiner derselben gestürzt sei, sondern sie Macht und Reichtum bis an ihr Ende behalten hätten; doch ist hier Fabius Maximus vergessen, dessen Ungnade allerdings erst kurze Zeit vor Augustus' Tode erfolgte. Titus »wählte solche Freunde, daß auch seine Nachfolger sie als für sich und den Staat unentbehrlich beibehielten und sich ihrer vorzugsweise bedienten«. Dagegen blieben von sämtlichen Freunden und Räten des Tiberius nur zwei oder drei vor dem Untergange bewahrt. Caligula lohnte sogar denen, die ihm zum Thron verholfen hatten, mit dem Tode. Claudius wird in dem Pasquill des Seneca in der Unterwelt von einem derer, die er dorthin vorausgesandt hat, mit dem Zuruf: »Mörder aller Freunde!« empfangen. Höchst unbeständig war Hadrian in seiner Freundschaft. Bald überhäufte er seine Freunde mit Wohltaten, bald horchte er begierig auf Einflüsterungen zu ihrem Schaden und hatte Spione in ihren Häusern, die ihn von all ihrem Tun und Reden unterrichteten. Die er am höchsten erhoben hatte, behandelte er später als Feinde, und mehrere endeten durch Hinrichtung oder Selbstmord. Julian sagt in seiner Lobrede auf den Kaiser Constantius, daß von dessen Freunden keiner über Ungnade, Schädigung, Verlust oder Zurücksetzung irgendwelcher Art je zu klagen gehabt habe. Selbst diejenigen, die sich nach ihrer Erhebung zu dieser Stellung derselben unwürdig zeigten, seien nicht bestraft, sondern nur entfernt worden. Ein Teil der kaiserlichen Freunde habe ein hohes Alter erreicht, sie seien bis zu ihrem Lebensende im Besitz ihrer Ämter geblieben und hätten ihr Vermögen Söhnen, Freunden oder Verwandten hinterlassen; andre, der Anstrengungen und Feldzüge müde, lebten nach ehrenvoller Entlassung glücklich. Manche, die (noch nicht alt) gestorben seien, wurden allgemein zu den Glücklichen gerechnet.

Die Ungnade des Kaisers traf wie ein vernichtender Schlag. Wer so unglücklich gewesen war, sie sich zuzuziehen, wurde von dem Zutritt zu dem kaiserlichen Hause ausgeschlossen, gleichsam in Befolgung der altrömischen Sitte, beim Bruch der Freundschaft das Haus zu verbieten. Ein solcher Ausspruch wurde wie das härteste Urteil empfunden. D. Junius Silanus, des Ehebruchs mit Augustus' Enkelin Julia überführt, erkannte in der Ausschließung aus dem Umgange des Fürsten einen Wink zur Selbstverbannung (im Jahre 8 n. Chr.). Tiberius erlaubte ihm im Jahre 20 auf die gewichtige Fürbitte seines Bruders M. Silanus (Konsul 19) die Rückkehr, erklärte aber, daß er gegen ihn dieselbe Gesinnung hege wie sein Vater, und jener lebte zwar fortan in Rom, aber ohne Ehrenstellen zu erlangen. Oft hatten die von der kaiserlichen Ungnade Betroffnen noch Schlimmres zu gewärtigen. Von Cornelius Gallus, der aus niederm Stande bis zur Präfektur Ägyptens aufgestiegen war, sich in dieser Stellung aber Augustus' Unwillen zuzog, so daß er ihm sein Haus und seine Provinzen verbot, fielen sogleich seine bisherigen Anhänger ab, zahlreiche Ankläger erhoben sich gegen ihn, und der Senat beschloß eiligst seine Verbannung und Einziehung seiner Güter; doch Gallus kam der Ausführung des Urteils durch Selbstmord zuvor. Der Konsular Fabius Maximus, einer der vertrautesten Freunde des Augustus, verriet ein wichtiges Geheimnis, dessen einziger Mitwisser er war, seiner Gemahlin; Augustus erfuhr es und bezeigte ihm seine Ungnade, und das Gerücht nannte das bald darauf erfolgte Ende des Maximus ein freiwilliges. Sextus Vistilius, ein Mann von prätorischem Range, hatte dem ältern Drusus nahe gestanden und war deshalb von Tiberius unter seine Freunde aufgenommen worden. Als der Kaiser ihn von seinem Umgange ausschloß, versuchte er mit altersschwacher Hand sich zu töten, verband dann die geöffneten Adern und bat schriftlich um Gnade; als eine ungnädige Antwort erfolgte, löste er den Verband. Der nachherige Kaiser Vespasian befand sich als Konsular auf Neros griechischer Reise in dessen Gefolge und zog sich die Ungnade des Kaisers zu, in dem er sich öfters während seines Gesanges entfernte oder einschlief. Er wurde nicht bloß von der Hausgenossenschaft Neros, sondern auch vom öffentlichen Empfange ausgeschlossen. Als er voll Verwirrung ausrief, was er beginnen, wohin er gehen solle, antwortete ihm einer der Freigelassenen, indem er ihn forttrieb, mit einer Verwünschung. Vespasian, der das Äußerste befürchtete, verbarg sich in einem kleinen und abgelegenen Orte, und so gelang es ihm, sich der fernern Beachtung des Kaisers zu entziehen. Zuweilen fand die Entfernung aus der Nähe des Kaisers in der Form einer ehrenvollen Verbannung statt. So sandte Nero den nachherigen Kaiser Otho, früher seinen begünstigsten Freund, obwohl er erst die Quästur bekleidet hatte, als Statthalter nach Lusitanien, um dessen Gemahlin Poppäa ungestört zu besitzen.

Doch trotz der bittersten Erfahrungen übte die Atmosphäre des Hofes auf die meisten, die einmal in ihr gelebt hatten, eine fast unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Epictet erzählt, daß ein älterer Mann, der damals die hohe Stellung eines Getreidepräfekten bekleidete, früher einmal verbannt gewesen sei. Als er aus dem Exil zurückkehrte, beteuerte er, den kurzen Rest seines Lebens ganz in Ruhe verbringen zu wollen; und da Epictet prophezeite, er werde andern Sinnes werden, sobald er nur die Luft von Rom atme, vermaß er sich, wenn er je noch einen Fuß an den Hof setze, möge jener von ihm denken, was er wolle. Doch kaum in Rom angelangt, erhielt er ein Handschreiben des Kaisers, das ihn augenblicklich alle seine Vorsätze vergessen ließ, und er übernahm in der Folge ein geschäftvolles Amt nach dem andern.

Mit dem Tode des Kaisers verloren die Freunde keineswegs immer ihre Stellung; vielmehr scheinen sie dieselbe in der Regel auch an dem neuen Hofe behalten zu haben, falls nicht das Verhältnis ein rein persönliches gewesen war, oder falls nicht ein gründlicher Wechsel in den Grundsätzen der Regierung und in den Personen erfolgte. Sonst empfahl außer andern Rücksichten die Pietät dem neuen Regenten, die Freunde seines Vorgängers möglichst ehrenvoll zu behandeln; war dieser unter die Götter versetzt worden, so wurden die Priester des neuen Gottes vermutlich in der Regel aus dem Kreise der ihm zunächst Stehenden ernannt. So verfuhren z. B. Marc Aurel und L. Verus bei der Ernennung der Priester des Antoninus Pius. Es war eine geflissentliche Verletzung der Pietät, wenn Domitian und Commodus, dieser die Freunde seines Vaters, jener die seines Vaters und Bruders vom Hofe entfernten und verfolgten. Gewaltsame Umwälzungen führten allerdings den Sturz der Freunde um so sicherer herbei, je inniger sie mit dem Kaiser verbunden gewesen waren; so ließ z. B. Severus die Freunde des Didius Julianus gleich nach dessen Tode anklagen, ächten und hinrichten. Doch kam es in ähnlichen Fällen zuweilen vor, daß die Freunde des gefallenen Kaisers zu dem neuen in dasselbe Verhältnis traten. Einen der treusten Anhänger Galbas, den designierten Konsul Marius Celsus, nahm Otho unter seine Vertrautesten auf, und dieser klug berechnete Schritt verwandelte nicht nur einen seiner Gegner in einen unbedingten und zuverlässigen Freund, sondern stimmte auch die Aristokratie günstig. Dagegen duldete Nerva aus übergroßer Milde die verhaßtesten Freunde Domitians an seinem Hofe. Als einst einer derselben, Fabricius Vejento, bei Tafel gegenwärtig war, kam das Gespräch auf eine andre verrufene Persönlichkeit aus der Domitianischen Zeit, und der Kaiser selbst warf die Frage auf: Was würde ihm geschehen, wenn er heute lebte? Er würde in unsrer Gesellschaft speisen, antwortete der unter Domitian (von 93-96) verbannt gewesene Junius Mauricius.

Es ist bereits erwähnt worden, daß die Freunde zuweilen Jugendgespielen der Kaiser gewesen waren. Dies hatte zum Teil darin seinen Grund, daß Kinder vornehmer Familien wie auch auswärtiger Fürsten am Hofe erzogen wurden; man darf wohl annehmen gewöhnlich, da sich eine solche Einrichtung in vielen Beziehungen als höchst zweckmäßig erweisen mußte. Augustus nahm, wie bereits bemerkt, den Philologen Verrius Flaccus mit seiner ganzen Schule in den Palast auf; eine große Anzahl fremder Königskinder ließ er zusammen mit seinen Enkeln erziehen und unterrichten. So wurde Agrippa, der Enkel Herodes' des Großen, mit Tiberius' Sohne Drusus zusammen erzogen, sein gleichnamiger Sohn am Hofe des Claudius. Marc Aurel wuchs am Hofe Hadrians auf. Claudius hatte eingeführt, daß bei jeder Mahlzeit seine Kinder mit edlen Knaben und Mädchen zu den Füßen der Erwachsenen sitzend aßen, wobei man wohl zunächst an Kinder zu denken hat, die am Hofe erzogen wurden. Zu diesen gehörte Titus, dessen Vater Vespasian schon unter Claudius durch Narcissus' Gunst hoch gestiegen war; er wurde als Gefährte des Britannicus in denselben Gegenständen, von denselben Lehrern unterrichtet; sie waren innig befreundet, und Titus soll den Giftbecher gekostet haben, aus dem Britannicus den Tod trank. Nicht selten entwickelten sich aus dieser Jugendgenossenschaft dauernde Freundschaften; von Marc Aurels am meisten begünstigten Freunden waren zwei von senatorischem, zwei vom Ritterstande seine Mitschüler gewesen. Ein kaiserlicher Freigelassener P. Aelius Epaphroditus, der heilgymnastischer Lehrer »der vornehmen Knaben« ( pueri eminentes) war, gehörte wohl zu der für diese am Hofe erzogenen Kinder bestimmten Dienerschaft.

 

Wenn die Kaiser sich des Rats und der Unterstützung ihrer Freunde aus den beiden ersten Ständen vorzugsweise für die Geschäfte bedienten, so zogen sie in der Regel eine Anzahl von Personen ohne Rücksicht auf ihre Herkunft wegen ihrer geselligen Vorzüge und Talente, wegen ihrer Bildung und Kenntnisse vorübergehend oder dauernd an ihren Hof: also Gelehrte, Philosophen, Dichter, Künstler, je nach der persönlichen Neigung der Fürsten, auch mehr oder minder gewerbsmäßige Spaßmacher. Diese kaiserlichen Gesellschafter ( convictores, συμβαῖιωί Freunde im weitern Sinne des Wortes genannt) waren oft Ausländer, besonders Griechen; auch die bereits erwähnten Leibärzte, Hofastrologen und Prinzenlehrer gehörten zum Teil zu dieser Klasse. Wohl in der Regel waren sie besoldet: Lucian sagt, daß von den damals angesehensten Philosophen einer sich vom Kaiser für seine Gesellschaft bezahlen ließ, dadurch aber auch genötigt war, trotz seines Alters die kaiserlichen Reisen mitzumachen wie ein indischer oder scythischer Soldknecht. Vielleicht sind auch hierin die Diadochenhöfe, an welchen Philosophen stehende Figuren gewesen zu sein scheinen, das Vorbild des römischen gewesen.

Am Hofe des Augustus war unter andern Griechen ausnahmsweise bevorzugt der Philosoph Didymus Areus aus Alexandria (ein Eklektiker), der stete Begleiter und Hausgenosse des Kaisers, dessen Fürbitte den Alexandrinern nach der Schlacht bei Actium Verzeihung erwirkt haben soll. Seneca läßt ihn gegen Augustus' Gemahlin sich den beständigen Begleiter ihres Mannes nennen, »dem alle geheimen Regungen eurer Gemüter bekannt sind«. Er soll ihn bestimmt haben, den Sohn Kleopatras und Cäsars, Cäsario, töten zu lassen. Auch die Söhne des Areus, Dionysius und Nikanor, blieben am Hofe in ähnlichem Verhältnis; Augustus bediente sich ihrer, um seine Kenntnis der griechischen Literatur zu erweitern; der letztere ist vielleicht der auf mehreren gleichzeitigen athenischen Inschriften verherrlichte Julius Nikanor, der dort vom Volke, dem Rat des Areopags und der Sechshundert als ein neuer Homer und Themistokles gepriesen wird, weil er die von den Athenern aus Geldnot verpfändete oder verkaufte Insel Salamis für sie zurückkaufte, und weil er epischer Dichter war. Auch der durch Areus bei Augustus eingeführte Peripatetiker Xenarch aus Seleucia in Cilicien blieb bis zu seinem Alter in einer ehrenvollen Stellung. Ferner lebte der Stoiker Athenodorus aus Tarsus, der in Apollonia Augustus Lehrer gewesen war, längere Zeit am Hofe des kaiserlichen Schülers, der ihm die alte Pietät zu beweisen fortfuhr und seinen Wunsch der Heimkehr in seine Vaterstadt erst erfüllte, nachdem Athenodor sich hatte bewegen lassen, seinen Aufenthalt in Rom noch um ein Jahr zu verlängern. Auch der gelehrte und geistvolle Damascener Nikolaos, Aristoteliker, ein vielseitiger und fruchtbarer Schriftsteller und Dichter, der sich wiederholt am römischen Hofe in Angelegenheiten König Herodes' des Großen aufhielt, besaß Augustus' Gunst in hohem Grade. Der aus Alexandria im Jahre 55 v. Chr. als Kriegsgefangener nach Rom gekommene Geschichtschreiber Timagenes, den der ältere Seneca »glücklich bis zur Freundschaft des Kaisers« nennt, verscherzte diese durch die Zügellosigkeit seines Witzes, dem er bei Gastmählern und auf Spaziergängen freien Lauf ließ und den er selbst gegen den Kaiser, seine Gemahlin und Familie richtete; als Augustus ihm endlich sein Haus verbot, nahm Asinius Pollio ihn in das seinige auf. Ein gern gesehener Tischgenosse war bei Augustus der Sänger Tigellius, wie er es schon bei Cäsar und Kleopatra nicht bloß wegen seiner Kunst, sondern auch wegen seiner Unterhaltungsgabe gewesen war; seine Künstlerlaunen wurden mit Nachsicht ertragen. Auch Horaz versuchte Augustus in seine Gesellschaft zu ziehen, aber vergeblich. Daß der Dichter die Stelle eines Sekretärs bei ihm ablehnte, nahm er nicht nur nicht übel, sondern fuhr fort, ihm seine Freundschaft förmlich aufzudrängen. Er schrieb an ihn unter anderm: »Mache Ansprüche an mich, als seist Du mein Gesellschafter ( convictor) geworden; denn dies Verhältnis habe ich mit Dir gewünscht, sofern es Deine Gesundheit erlauben sollte« und: »Wenn Du meine Freundschaft übermütig verschmäht hast, so vergelte ich es nicht mit gleichem Hochmut«.

Tiberius, der eine umfassende und gründliche Bildung besaß, umgab sich schon vor seiner Thronbesteigung mit einem Kreise von Griechen, welche bei der oben erwähnten Beschenkung der Freunde gleichfalls (mit einer Spende von 200.000 Sesterzen = 43.500 Mark) bedacht wurden. Sie blieben an seinem Hof und wurden z. B. um ihre Meinung befragt, als der vor den Kaiser beschiedene ägyptische Steuermann Thamus berichtete, wie die Kunde von dem Tode des großen Pan von dessen Mitdämonen mit lautem Wehklagen aufgenommen worden sei. Tiberius ließ sich von diesen Hofgelehrten nach Capri begleiten, um sich durch ihre Gespräche zu zerstreuen. Unter diesen befand sich der bereits erwähnte Astrolog Thrasyllus und der Arzt Charikles, von dessen Rat Tiberius sich leiten ließ, obwohl er nicht sein Leibarzt war. Dieser ergriff kurz vor Tiberius' Tode sich beurlaubend seine Hand, wie um sie zu küssen, und fühlte ihm dabei den Puls. Tiberius bemerkte es und blieb, um seine Schwäche zu verbergen, ungewöhnlich lange bei Tisch, »wie um dem scheidenden Freunde Ehre zu erweisen«. Doch besondern Gefallen fand Tiberius, der in der Literatur beider Sprachen gelehrte Kenntnisse besaß, an Philologen, die er bei Tafel mit schwierigen oder nicht zu beantwortenden Fragen in Verlegenheit zu setzen liebte (mit denen man ihre Gelehrsamkeit auch sonst in Ernst und Scherz gern auf die Probe stellte), z. B. wer die Mutter der Hecuba gewesen, welchen Mädchennamen Achill unter den Töchtern des Lycomedes geführt, was die Sirenen gesungen hatten. Aus diesen boshaften Spielereien ward zuweilen furchtbarer Ernst. Als er erfuhr, daß der Philologe Seleucus sich bei seinen Dienern nach seiner Lektüre erkundigte, um sich auf die zu erwartenden Fragen vorzubereiten, entfernte er ihn zuerst aus seinem Hause und zwang ihn dann, sich den Tod zu geben. Nero umgab sich mit Versmachern, die ihn bei seinen poetischen Versuchen unterstützen mußten; auch widmete er, wie Tacitus sagt, den Lehrern der Weisheit nach Tisch einige Zeit, um die Vertreter entgegengesetzter Prinzipien zum Gezänk aneinanderzuhetzen, und es gab deren, die bei aller Strenge in Reden und Mienen sich gerne zu solcher Belustigung des Fürsten gebrauchen ließen. Dio von Prusa wurde von Trajan so ausgezeichnet, daß man ihn oft im kaiserlichen Wagen sah. Hadrian prunkte mit seinem vertrauten Umgange mit einem großen Kreise von Philosophen, Philologen, Rhetoren, Musikern, Malern, Mathematikern und Astrologen; eine hervorragende Stellung nahm in diesem Kreise der Arelatenser Favorinus ein. Der große griechische Sprachforscher Aelius Herodianus, der in bezug auf die Tiefe und den Umfang seiner Forschung mit Jakob Grimm verglichen worden ist, war mit dem Kaiser Marc Aurel befreundet und schrieb seine Akzentlehre auf dessen Aufforderung.

Unter den Gesellschaftern der Kaiser waren Witzbolde, Lustigmacher, Possenreißer häufige, vielleicht stehende Figuren, natürlich mußten sie oft auch ihre Person zur Unterhaltung des Hofs preisgeben. Juvenal sagt, wer in seiner Zeit als Parasit sein Leben fristen wolle, müsse mehr dulden, als Sarmentus oder der niedrige Gabba an der Tafel Cäsars (des Augustus) sich habe gefallen lassen. Der erstere war ein ehemaliger Sklave oder Freigelassener des bei Philippi getöteten M. Favonius, von etrurischer Abkunft, der sich durch Schönheit und Witz beliebt machte. Von dem zweiten erzählt Plutarch, daß er sich bei Tische schlafend stellte, um nicht zu sehen, wie Mäcenas mit seiner Frau liebäugelte; als aber ein Sklave Wein entwenden wollte, zu diesem sagte: Ich schlafe nur für Mäcenas (eine schon bei Lucilius vorkommende Anekdote). Gabbas Witz rühmt Martial; aber, sagt er an einer andern Stelle, wenn jetzt der alte Gabba, der durch seinen Cäsar glücklich war, aus dem Elysium wiederkehrte, so wurde jeder, der ihn und Capitolinus um die Wette scherzen hörte, sagen: »bäuerischer Gabba, schweige«; Capitolinus war also ein Lustigmacher Trajans, dessen derbe Soldatennatur an den Späßen der Possenreißer mehr Gefallen finden mochte als an edlerer Unterhaltung. Claudius hatte, als er unter Tiberius verachtet in Verborgenheit lebte, »seine träge Muße durch die Gesellschaft von Possenreißern erheitert«; einer derselben, Julius Pälignus, der durch Schwache des Geistes und Mißgestalt des Körpers gleich verächtlich, aber bei ihm besonders beliebt war, hatte nach seiner Thronbesteigung die Stelle eines Prokurators von Cappadocien erhalten. Am Hofe Neros nahm Vatinius eine für den dort herrschenden Geist charakteristische Stellung ein. In einer Schusterbude zu Benevent aufgewachsen, mißgestaltet, von possenhafter Komik, war er anfangs als Gegenstand des Gespöttes am Hofe aufgenommen worden. Durch niedrige Servilität wußte er sich bei Nero beliebt zu machen; durch Anschuldigungen und Verleumdungen aller Rechtschaffenen erlangte er so große Macht, daß er an Einfluß, Vermögen und Gewalt zu schaden selbst die übrigen Schlechten an diesem Hofe hinter sich ließ und mit den ruchlosesten und mächtigsten Freigelassenen Neros in einer Reihe genannt ward. Commodus hatte einige unsaubere Possenreißer mit scheußlichen Gesichtern und noch scheußlicheren Namen und Beschäftigungen wegen ihrer schamlosen Frechheit mit großen Reichtümern beschenkt; Pertinax ließ ihre Namen mit Angabe ihres Vermögens veröffentlichen.

4. Das Zeremoniell

a) Der Morgenempfang

Zu den Vorrechten der Freunde, wenn auch vielleicht nur der Freunde erster Klasse, gehörte ganz besonders, daß sie dem Kaiser an jedem Morgen ihre Aufwartung machen durften, ein Brauch, der in dem Lever des französischen Hofzeremoniells seine letzten Nachklange hinterlassen hat. Fabius Maximus erfuhr die Ungnade des Augustus dadurch, daß dieser ihm auf seine Anrede bei dem gewöhnlichen Morgenbesuch »sei gegrüßt, Cäsar« antwortete »lebe wohl, Fabius«. Der ältere Plinius, ein Freund des Vespasian, besuchte diesen, wie es scheint, in der Regel täglich vor Tagesanbruch, wo Vespasian bereits Audienz erteilte. Auch dieses Recht war zugleich eine Pflicht, die man wohl kaum ohne dringende Gründe ungestraft versäumen konnte, obwohl natürlich auch hierin nicht alle Kaiser gleich streng waren. Fronto rühmt sich, die Liebe seines Zöglings Marcus Cäsar zu besitzen, obwohl er »weder in der Morgendämmerung immer nach eurem Hause kommt, noch täglich seine Aufwartung macht«.

Häufig stellten sich auch die Senatoren zur Morgenaufwartung bei dem Kaiser, als dem ersten ihres Stands, ein, teils einzeln, teils die ganze Körperschaft. Solche Aufwartungen fanden gewiß besonders bei freudigen und feierlichen Veranlassungen regelmäßig statt. Als Nero im Jahre 63 in Antium von Poppäa eine Tochter geboren wurde, begab der ganze Senat sich dorthin, um ihn zu beglückwünschen. Thrasea allein, der Führer der Opposition, ward nicht vorgelassen; er ertrug diese Beschimpfung, die ein Vorbote seines drohenden Untergangs war, mit unbewegtem Gemüt. Augustus litt es nie, daß der Senat ihm an Sitzungstagen aufwartete, sondern begrüßte dann die Senatoren in der Kurie, wobei sie ihren Platz behalten mußten; im hohen Alter verbat er sich die Aufwartungen überhaupt. Tiberius lud die Senatoren im Anfange seiner Regierung ein, ihn insgesamt zu besuchen, um nicht einzeln dem Gedränge ausgesetzt zu sein. Zuweilen wurden, wie es scheint, auch die Frauen und Kinder der senatorischen Familien dem Kaiser vorgestellt. Augustus soll dem spätern Kaiser Galba, da er ihm als Knabe unter seinen Altersgenossen aufwartete, seine künftige Herrschaft vorausgesagt haben. Unter den Personen, die sich zum Empfange bei Claudius einstellten, werden Frauen, Knaben und Mädchen erwähnt.

Zuweilen empfingen die Kaiser außer den Senatoren auch die Ritter; hin und wieder wurde auch der dritte Stand zugelassen. Bei solchen Gelegenheiten wurden Bittschriften überreicht, und die Kaiser waren mehr oder weniger bemüht, sich gnädig zu erweisen, wie z. B. Augustus gegen einen Bittsteller, der seine Eingabe zu überreichen zögerte, scherzend bemerkte, er tue ja, als ob er einem Elefanten eine kleine Münze geben wolle. Nero bewies im Anfange seiner Regierung im namentlichen Anreden von Personen aus allen Ständen ein vorzügliches Gedächtnis. In außergewöhnlichem Maße zugänglich war Vespasian. Den ganzen Tag stand die Tür des Palastes in den Sallustischen Garten, wo er zu wohnen pflegte, offen, und jedermann nicht bloß vom Senat, sondern auch von den übrigen Ständen wurde vorgelassen. Alexander Severus nahm nur achtbare und gut beleumundete Personen zur Aufwartung an und ließ durch den Herold bekanntmachen, daß niemand den Kaiser begrüßen solle, der sich eines Unterschleifs bewußt sei, sonst würde er im Falle der Entdeckung mit dem Tode bestraft werden.

Der allgemeine Empfang ( publica, promiscua salutatio) scheint gewöhnlich an Feiertagen stattgefunden zu haben. Wahrscheinlich gehörte dazu der Tag des Regierungsantritts. Fronto entschuldigt sich in einem Schreiben an Antoninus Pius mit seinem Rheumatismus wegen Nichterscheinens zur Gratulation an diesem Tage. Besonders festlich war der Empfang am ersten Januar. Der Palast war dann prächtig geschmückt (Nero wurde in weißen, mit Gold durchwirkten Teppichen bestattet, deren er sich am letzten Neujahrstage bedient hatte), und die Kaiser nahmen Neujahrsgeschenke an, auch in Geld ( strenae, franz. étrennes), und erwiderten sie. Augustus verwendete das Geld zum Ankauf von Statuen, die er in die Stadtbezirke verteilte. Tiberius pflegte im Anfange seiner Regierung eigenhändig jede Gabe mit einer vierfachen zu erwidern, aber da er den ganzen Januar hindurch von Personen belästigt wurde, die am Neujahrstage nicht hatten zu ihm gelangen können, hörte er überhaupt auf zu geben und verließ am ersten Januar die Stadt. Auch beschränkte er den Austausch der Neujahrsgeschenke auf diesen einen Tag. Caligula erklärte sich zur Annahme durch ein Edikt bereit, um seinen Schatz zu füllen, und empfing persönlich die Gaben, die eine aus allen Ständen gemischte Masse aufschüttete, auf dem Vorplatze des Palastes. Diesen Mißbrauch hob Claudius durch ein Edikt auf; doch ist die Sitte überhaupt schwerlich ganz in Abgang gekommen.

Bei den Kaiserinnen hat ein feierlicher Empfang ganzer Körperschaften und Stände offenbar nur ausnahmsweise stattgefunden. Berichtet wird es nur von dreien, die an der Regierung wirklich Anteil nahmen oder doch als Mitregentinnen erscheinen wollten. Von Livia sagt Cassius Dio, sie habe sich, nachdem ihr Sohn zur Herrschaft gelangt war, gewaltig über alle frühern Frauen erhoben, so daß sie zu allen Zeiten die Aufwartung des Senats und derer aus den übrigen Ständen, die sich vorzustellen wünschten, annahm und dies in die öffentlichen Tagesberichte eintragen ließ; ähnliches erzählt er von Agrippina, die unter Claudius dem Empfange von Gesandten und andern Regierungshandlungen (wohl immer von einem Hofstaat von edlen Frauen umgeben) beigewohnt hatte und dies auch unter Nero beanspruchte; im Jahre 55 wies ihr dieser eine andre Wohnung an, damit der Morgenempfang bei ihr aufhöre. Julia Domna, der ihr Sohn Caracalla während seiner Abwesenheit einen Teil der Regierung übertragen hatte, »empfing öffentlich alle Vornehmsten«. Daß die meisten hochgestellten Männer den Kaiserinnen einzeln ihre Ehrfurcht bezeigten, muß natürlich zu allen Zeiten gewöhnlich gewesen sein; von Frauen versteht es sich ohnehin von selbst. Alexander Severus verbot Frauen von üblem Ruf, vor seiner Mutter und Gemahlin zu erscheinen. Noch in der Zeit des Hieronymus drängte sich die Menge der Aufwartenden zur Gemahlin des Kaisers.

An Empfangstagen war auf dem Vorplatze des Palastes immer eine große Menge aus allen Ständen versammelt, die der Meldung harrte, daß der Kaiser die Aufwartung annehme. Gellius berichtet einige Unterhaltungen gelehrter Freunde wie Favorinus, Fronto, Sulpicius Apollinaris u. a., die während des Wartens dort stattfanden. Aber auch an andern Tagen war es hier wohl selten leer. Das Getümmel vor dem Palaste vergleicht Apollonius von Tyana bei Philostrat mit dem vor einem öffentlichen Bade, das fortwährende Ein- und Ausgehen von solchen, die Huldigungen teils empfangen, teils darbringen, gleiche dem Ab- und Zuströmen der bereits Gebadeten und der noch Ungebadeten. Außer der großen Anzahl derer, die ihr Amt oder Geschäft dorthin rief, trieben sich hier viele herum, die den Kaiser beim Ausgehen und Herabsteigen vom Palatin sehen, begrüßen, ihm Bittschriften überreichen wollten; und es gab Leute, die wohl zehnmal am Tage die heilige Straße nach dem Palaste zu hinaufliefen, um andern einzubilden, daß sie Bekanntschaften am Hofe hätten.

Der Empfang fand in der ersten Frühe statt, welches in Rom überhaupt die für Besuche gewöhnliche Zeit war. Daher stellten sich viele schon in der Dämmerung ein. Verspasian ließ, wie gesagt, Freunde sogar vor Tagesanbruch vor und unterhielt sich mit ihnen im Bett und während des Ankleidens. Da nun auch die Schauspiele am frühen Morgen begannen, brachten die Kaiser, um diejenigen, die sie sprechen wollten, nicht zu weiten Wegen zu nötigen, oft die vorhergehenden Nächte in einem dem Schauplatz nahegelegenen Hause eines Freigelassenen zu, oft mehrere hintereinander, wie Tiberius, oder nahmen an solchen Tagen überhaupt keine Aufwartung an, wie Hadrian.

Im Palaste zog immer eine ganze Kohorte der Prätorianer (1000 Mann) unter dem Kommando eines Tribunen zur Wache auf (und zwar in der Friedenstracht, der Toga), und ein Posten war wohl gewöhnlich am Eingange aufgestellt. Wenigstens führt Cassius Dio besonders an, daß in den geöffneten Türen von Vespasians Palaste keine Wache stand; doch gewiß fand dieses Beispiel bei manchen der späteren Kaiser Nachahmung, so vermutlich bei Nerva und Trajan. Aber als am 22. Januar 205 Plautianus in den Palast gerufen wurde, um das Todesurteil zu empfangen, ließen »die Wächter am Gitter« nur ihn ein und wiesen seine Begleiter zurück. Agrippina hatte im Anfange von Neros Regierung außer einer Wache von Prätorianern noch eine berittene germanische Leibwache zu ihrem eignen Dienst, und diese Germani corpore (oder corporis) custodes begegnen vielfach bei allen Mitgliedern des Kaiserhauses bis auf Galba, der sie auflöste.

Zuweilen mußten sich die zum Empfange Erscheinenden eine Untersuchung gefallen lassen, ob sie Waffen bei sich trügen. Augustus ließ selbst Senatoren untersuchen, als er den Senat purifizierte und eine Anzahl Mitglieder ausstieß. Am strengsten war die Untersuchung unter dem sehr ängstlichen Claudius. Erst spät und mit Mühe ward er bewogen, zuzugeben, daß Frauen und unerwachsene Knaben und Mädchen nicht betastet wurden, und daß den Begleitern und Schreibern der Vorgelassenen nicht die Behälter der Griffel und Schreibrohre abgenommen wurden. In der Tat wurde bei einem großen Empfange im Jahre 47 ein römischer Ritter mit einem Dolch ergriffen. Denjenigen, die freien Zutritt bei ihm hatten, gab Claudius einen goldnen Ring mit seinem Bildnisse, eine Einrichtung, welche zu großen Mißbräuchen Veranlassung wurde. Vespasian hob die Durchsuchung schon während des Bürgerkrieges auf; unter Claudius' nächsten Nachfolgern scheint sie also fortbestanden zu haben. Wie es die spätern Kaiser in dieser Beziehung hielten, ist nicht bekannt; in Cassius Dios Zeit scheint keine Untersuchung stattgefunden zu haben.

Im Innern des Palastes war eine Abteilung der kaiserlichen Hofdienerschaft ( ab admissione, admissionales) tätig, welche die Ordnung aufrechterhielt und die Aufwartenden meldete und einführte. Das Amt mußte schon wegen der fortwährend Audienz nachsuchenden Gesandten aus allen Provinzen zahlreich besetzt sein; Philo nennt einen Homilos, der diese einzuführen hatte und durch welchen Caligula der jüdischen Gesandtschaft Gehör zusagte; natürlich gehörten auch Dolmetscher dazu. Auch hier waren die Schwierigkeiten der Zulassung verschieden. Der jüngere Plinius schildert den Empfang bei Trajan im Gegensatz zu dem bei seinem Vorgänger. »Hier gibt es keine Regel, keine Stufenfolge von Beschimpfungen; nicht, wenn man schon tausend Schwellen überschritten hat, noch andre weitere, die verschlossen bleiben und Widerstand leisten. Tiefe Ruhe herrscht vor und hinter dir, am meisten aber in deiner Nähe; so geräuschlos und rücksichtsvoll wird überall verfahren, daß man zu einem kleinen und beschränkten Hausstande aus dem kaiserlichen Palaste das Muster der Ruhe und Bescheidenheit mitbringt.« Noch in den Zeiten des überhandnehmenden orientalischen Pomps gab Alexander Severus wie einer von den Senatoren Audienz; die Vorhänge des kaiserlichen Kabinetts waren zurückgeschlagen, und nur die Diener zugegen, die den Dienst an der Tür hatten: »während man früher den Kaiser nicht begrüßen konnte, weil man ihn gar nicht sah«.

Sowohl die Kaiser als die ihnen aufwartenden Personen erschienen beim Empfange in der Toga; und diese Sitte erhielt sich bis zum 4. Jahrhundert. Es war ein Zeichen der Umwandlung des Kaisertums in eine Militärherrschaft, wenn Gallienus zu Rom in der Kriegstracht ( chlamys) mit kostbaren, von Edelsteinen funkelnden Schnallen Audienzen gab. Marc Aurel und Alexander Severus trugen sogar auch in den übrigen Städten Italiens die Toga. Höchstens vor Freunden konnte der Kaiser sich in der Tunika sehen lassen; was namentlich von Antoninus Pius als Zeichen größter Ungezwungenheit im Umgange berichtet wird. Doch hatte auch Marc Aurel von Junius Rusticus gelernt, »nicht in der Toga im Hause umherzuwandeln, noch dergleichen zu tun«. Es war eine gröbliche Verletzung der Sitte, daß Nero die Senatoren in einer geblumten Tunika mit einem Musselintuche um den Hals empfing; denn, sagt Cassius Dio, auch in diesen Dingen übertrat er das Herkommen, so daß er auch ungegürtete Tuniken bei öffentlichem Erscheinen anzog. Auch Commodus empfing den Senat in einer weißseidenen, golddurchwirkten Tunika mit Ärmeln. Caracalla teilte das Kleidungsstück, von dem er diesen Namen erhielt, massenweise unter das Volk aus und ließ es in dieser Tracht vor sich erscheinen. Macrinus hatte die Absicht, ein ähnliches Geschenk im Namen seines Sohnes zu machen, um ihm die Gunst des Volkes zu erwerben.

Die Freunde erster Klasse waren während der Republik einzeln empfangen worden: inwiefern dieser Gebrauch in der Kaiserzeit festgehalten worden ist, darüber sind wir so gut wie gar nicht unterrichtet. Gelegentlich wird erwähnt, daß Einzelaudienzen häufig zur Verbreitung falscher Nachrichten mißbraucht wurden, weshalb Alexander Severus niemanden ohne Zeugen vorließ als seinen Präfekten Ulpian, die übrigen Freunde aber zusammen empfing.

Die Freunde, wenigstens die Freunde erster Klasse, wurden vom Kaiser mit einem Kusse begrüßt: so wurde z. B. Otho von Galba am Morgen des Tags, der für diesen der letzte sein sollte, »wie gewöhnlich« mit einem Kusse empfangen. Diese Art der Begrüßung scheint erst unter Augustus aufgekommen zu sein, und zwar anfangs nur unter den Vornehmen. Denn als in der Mitte von Kaiser Claudius' Regierung ein ansteckender Gesichtsausschlag in Rom eingeschleppt wurde, litten, wie Plinius sagt, unter diesem Übel weder die Frauen, noch die Sklaven, noch die mittlern und untern Stände, sondern nur die Vornehmen ( proceres), hauptsächlich durch die schnelle Übertragung vermittels des Kusses. An einer andern Ausschlagskrankheit hatte Tiberius gelitten: noch in Galens Zeit gab es eine Pastille des Kaisers Tiberius gegen Flechten, und wenn Tacitus unter den Gründen, die den Kaiser bewogen, im Jahre 26 Rom zu verlassen, die Entstellung seines Gesichts durch Geschwüre und Pflaster erwähnt, so durften dies die Folgen jener Krankheit gewesen sein. Ob jedoch das Edikt, wodurch Tiberius »die täglichen Küsse« beim Empfange am Hofe abschaffte, durch jene ansteckende Krankheit veranlaßt wurde, ist ungewiß. Die Art, wie Valerius Maximus das Verhalten des Kaisers in diesem Punkte rechtfertigt, zeigt, daß es übel aufgenommen worden war. »Auch die Könige von Numidien sind nicht zu tadeln, die nach der Sitte ihres Volkes keinem Menschen einen Kuß gaben. Denn was auf eine erhabene Höhe gestellt ist, muß von niedrigem und allgemeinem Gebrauch befreit sein, damit es um so verehrungswürdiger sei.« Aus den Kreisen der Aristokratie verbreitete sich die Sitte des Küssens dann in die übrigen. In Domitians Zeit (vielleicht schon früher) war sie bereits allgemein, und Martial klagt wiederholt, daß man den Küssen in Rom nirgends entfliehen könne.

13. POMPEII.
Haus des Bankiers Lucius Caecilius Jucundus

Vielleicht haben die Großen Roms die, wie gesagt, allem Anschein nach dort früher unbekannte Sitte aus dem Orient eingeführt. Am persischen Hof war es ein Vorrecht der Verwandten, den König zu küssen, und Alexander, der manche Einrichtungen des persischen Hofes an den seinigen übertrug, von dem sie dann die Diadochen, namentlich die Seleuciden und Ptolemäer, entlehnten, scheint auch das Recht, den König zu küssen, als eine Auszeichnung der Freunde festgehalten zu haben. Die Nachahmung solcher Formen orientalischer Höfe, die der römischen Sitte nicht zuwiderliefen, kann um so weniger auffallen, als bereits unter Caligula »einige die barbarische Sitte der Niederwerfung aufs Antlitz in Italien einführten, indem sie das Wesen der römischen Freiheit entstellten«. Der Vater des Kaisers Vitellius betete bei seiner Rückkehr aus Syrien Caligula wie einen Gott an, indem er nach Art der Betenden mit verhülltem Haupte vor ihm erschien und sich herumdrehte, dann sich niederwarf. Caligula, »ein Mensch, der dazu geboren schien, die Sitten eines freien Staates durch persische Knechtschaft umzugestalten«, ließ den alten Konsularen Pompejus Pennus, nachdem er ihm das Leben geschenkt hatte, seinen linken, vergoldeten und mit Perlen besetzten Pantoffel küssen. Diese Huldigung wurde ihm von andern freiwillig geleistet, wie vom Konsul Pomponius Secundus unmittelbar vor seiner Ermordung; und daß unter ihm die fußfällige Anbetung (προσχύνηστς) öfters vorgekommen war, geht daraus hervor, daß Claudius sie ausdrücklich verbot. Auch Domitian verlangte wieder unwürdige Huldigungen, denn von Trajan rühmt Plinius, daß er nicht (wie sein Vorgänger) seine Mitbürger nötige, seine Knie zu umfassen, noch den Kuß mit der Hand erwidere. Der Jurist P. Juventius Celsus, im Jahre 95 als Verschworener gegen Domitian angeklagt, verlangte eine geheime Audienz; in dieser adorierte er ihn und nannte ihn Herr und Gott. Doch ging Domitian wohl nicht so weit wie Caligula. Epictet sagt, wenn man jemanden zwingen wollte, die Füße des Kaisers zu küssen, würde er dies für ein Übermaß der Tyrannei halten. Erst Elagabal ließ sich wieder wie ein Perserkönig adorieren, was dann Alexander Severus aufhob. Später wurden untertänige Huldigungen immer gewöhnlicher, und in der letzten Zeit des Altertums war der Kuß des Kaisers eine sehr hohe und seltene Ehre.

14. Garten eines pompeianischen Hauses

Am römischen Hofe hatten aber auf die Ehre des Kusses auch die Mitglieder des Senatorenstandes als Standesgenossen des Kaisers Anspruch. In Plinius' Schilderung von Trajans Einzug als Kaiser in Rom heißt es: »Allen war es erfreulich, daß du den Senat mit einem Kusse empfingest, wie du mit einem Kusse von ihm Abschied genommen hattest; erfreulich, daß du die Zierden des Ritterstandes durch die Ehre namentlicher Anrede auszeichnetest, ohne eines Erinnerers zu bedürfen; erfreulich, daß du deine Klienten beinahe zuerst begrüßtest und Zeichen von Vertraulichkeit hinzufügtest.« Man darf annehmen, daß die hier beobachteten Unterschiede bei der Begrüßung der Stände auch für den Empfang am Hofe galten: nur daß die Ritter, die zu den höchsten Ämtern oder unter die Freunde erhoben waren, dieselbe Ehre genossen, auf welche den Senatoren ihr Stand das Anrecht gab. Daß Tiberius die Sitte des Kusses förmlich abschaffte, ist bereits erwähnt. Caligula »küßte nur sehr wenige. Denn den meisten, selbst den Senatoren, reichte er die Hand oder den Fuß zum Kusse. Und deshalb statteten ihm diejenigen, die von ihm geküßt waren, sogar im Senate Dank ab, obwohl alle sahen, daß er die Pantomimen täglich küßte«. Nero legte seinen Haß gegen den Senat auch dadurch an den Tag, daß er bei der Rückkehr von seiner griechischen Reise sowie beim Aufbruch keinen von den Senatoren küßte, nicht einmal ihre Grüße erwiderte. Solche Verletzungen der Sitte waren um so anstößiger, je weniger bedeutend und je allgemeiner diese Gunstbezeigung der Kaiser gegen Männer des ersten Standes war. Selbst bei dem absichtlich kalten Empfange Agricolas nach der Rückkehr von Britannien bei Domitian, dessen unbürgerlichen Hochmut Plinius rügt, fand eine kurze Umarmung statt, obwohl Agricola nicht einmal eines Gespräches gewürdigt wurde. Die Reihenfolge der Umarmungen bestimmte sich ohne Zweifel nach dem Range. Marc Aurel zeichnete den ihm sehr nahe stehenden Junius Rusticus, den er zweimal zum Konsul ernannte, dadurch aus, daß er ihn vor dem Präfekten des Prätoriums küßte, der also sonst in jener Zeit den ersten Anspruch auf diese Ehre hatte; Julianus, der unter Commodus die Präfektur bekleidete und den dieser ermorden ließ, war vom Kaiser oft öffentlich umarmt, geküßt und Vater genannt worden. Übrigens war es in der Regel ohne Zweifel nicht möglich, daß alle bei einem Empfange Anwesenden der Umarmung teilhaftig wurden. Fronto erwähnt, daß sein kaiserlicher Schüler L. Verus ihn zuerst in sein Schlafgemach vorgelassen habe, um ihn, »ohne einen andern zu kränken«, küssen zu können, und verbreitet sich nach seiner Weise ausführlich darüber, daß er, dem der Kaiser seinen Mund und seine Rede zur Bildung anvertraut, eine besondere Anwartschaft auf seinen Kuß habe; überhaupt hielt er das Küssen für eine Ehre, welche die Menschheit der Eloquenz erwies. Wie genau schon im 2. Jahrhundert die Abstufung der kaiserlichen Begrüßungen geregelt war, und welcher Wert von den mit denselben Beehrten darauf gelegt wurde, zeigt die Grabschrift eines Prätors A. Plotius Sabinus, in der es nach Aufzählung seiner Ämter in absteigender Reihe heißt, daß »er die zweite Begrüßung des Kaisers Antonius Pius hatte«. Im 4. Jahrhundert war auch die Audienzordnung ( ordo salutationis) der hohen Beamten aufs genaueste geregelt, und namentlich bestimmt, welche Personen den Anspruch hatten, von ihnen mit einem Kuß empfangen zu werden. In den Provinzen hatten z. B. die Kurialen, die in ihrer Heimatstadt alle ihnen auferlegten Leistungen vollbracht hatten, den Anspruch auf den Kuß des Statthalters und das Recht, bei ihm zu sitzen.

In der Regel pflegten die Kaiser in den ersten Jahrhunderten den ersten Stand bei öffentlichen Empfangsfeierlichkeiten durch große Höflichkeit auszuzeichnen; desto schwerer und tiefer wurde die Nichtachtung empfunden, die einzelne ihnen geflissentlich bewiesen. Daß Cäsar den ganzen Senat, der ihm Ehrendekrete überbrachte, sitzend empfing, wurde als ein Schimpf aufgenommen und mit unversöhnlichem Hasse erwidert; denn von jeher hatte es zu den Rechten der Senatoren gehört, um den Magistrat zu sitzen, während die übrigen Bürger ständen. Um so höflicher waren Augustus und Tiberius, der letztere bis zur Ehrerbietung, und die einzigen Kaiser in den beiden ersten Jahrhunderten, die ihren Widerwillen gegen den Senat auch in ihrem Betragen kundgaben, waren außer Caligula und Nero etwa noch Domitian und Commodus. Plinius schildert den Gegensatz in der Art des Empfanges bei Domitian und bei Trajan. Dort erschien man voll Angst und zögernd, als ob man einer Lebensgefahr entgegenginge, und auf die Begrüßung folgte allgemeine Flucht und Öde; Entsetzen und Drohungen umschwebten die Pforte, die Vorgelassenen waren in nicht geringerer Angst als die Ausgeschlossenen. Der Kaiser selbst furchtbar von Ansehen und beim Zusammentreffen; man wagte nicht, ihn anzureden noch anzugehen. Trajan dagegen empfing alle mit Güte, erwartete sie, verbrachte einen großen Teil seiner so sehr in Anspruch genommenen Zeit mit ihnen; sie erschienen sorglos und heiter vor ihm und wenn es ihnen gelegen war; es kam vor, daß man an Tagen, wo der Kaiser empfing, durch etwas Dringendes zu Hause gehalten wurde; eine Entschuldigung war unnötig. Solche Leutseligkeit zog den Empfang sehr in die Länge; Antoninus Pius pflegte sich in seinem Alter durch einen Imbiß von trocknem Brote dazu zu stärken. Pertinax »erwies sich stets gegen solche, die ihn besuchten und ansprachen, höflich«. Alexander Severus nötigte bei dem Morgenempfang alle Senatoren zum Sitzen. Dagegen Caracalla ließ sie in den Winterquartieren zu Nicodemia zuweilen den ganzen Tag vor seinem Palast warten und nahm dann auch nicht einmal abends die Aufwartung an. Von Elagabal berichtet Cassius Dio als unanständig, daß er Senatoren im Bett empfing.

b) Die öffentlichen Gastmähler

Außer den öffentlichen Audienzen veranstalteten die Kaiser auch, und zwar häufig, sogenannte öffentliche Gastmähler ( convivia publica), an denen eine sehr große Anzahl von geladenen Personen teilnahm. Claudius ließ zuerst auch hierbei eine Wache aufziehen, und dies geschah noch in der Zeit des Alexander Severus. Ein Ritter Pastor, dessen Sohn Caligula hatte hinrichten lassen, wurde von ihm am selben Tage zu einem solchen Mahl unter Hunderten von Gästen geladen. Bei Claudius, der diese ungeheuren Tafeln liebte, speisten dann meistens 600 Personen; Alexander Severus mochte sie nicht: es komme ihm vor, äußerte er, als ob er im Zirkus oder im Theater äße. Nicht bloß Senatoren und Ritter wurden dazu geladen, sondern auch Personen des dritten Standes. Augustus, der eine sorgfältige Auswahl unter den Ständen und Personen traf, soll außer Menas nie einen Freigelassenen an seine Tafel gezogen haben, und auch diesen erst, nachdem ihm das Recht der Ingenuität verliehen war. Er selbst hatte geschrieben, er habe einmal einen Mann eingeladen, der bei ihm als Ordonnanz gedient hatte. Daß die Ausschließung der Freigelassenen von Augustus' Tafel so ausdrücklich bemerkt wird, läßt darauf schließen, daß die spätern Kaiser weniger streng waren, zum Teil schon deshalb, weil der Stand immer mehr Einfluß und Ansehen gewann.

Die Senatoren bewirteten überdies die Kaiser nicht bloß mit den Rittern zusammen, sondern auch öfters besonders. Bei Otho speisten in den ersten Tagen seiner Regierung achtzig Senatoren, von denen einige auch ihre Frauen mitgebracht hatten. Überhaupt scheinen die Frauen der Senatoren öfters an diesen Mahlzeiten teilgenommen zu haben. Caligula lud die edelsten Frauen mit oder ohne ihre Männer ein und schickte zuweilen denen, die ihm gefielen, im Namen ihrer abwesenden Männer den Scheidebrief. Claudius fragte an der Tafel P. Scipio, den Gemahl der im Kerker auf Messalinas Antrieb zum Selbstmord getriebenen Poppäa Sabina, der Mutter der Gemahlin des Nero, warum er seine Frau nicht mitgebracht habe. Pertinax lud gleich am ersten Tage seiner Regierung die Magistrate und die Vornehmsten ( proceres) des Senats zu Tische, welche Sitte ( consuetudinem) Commodus hatte in Abgang kommen lassen. Auch hierbei erwiesen die Kaiser dem Senat große Höflichkeit, vor allem den Konsuln. Wenn Tiberius diese bewirtete, empfing er sie bei ihrer Ankunft an der Tür und begleitete sie ebenso beim Fortgehen. Ihr gewöhnlicher Platz scheint zu beiden Seiten des Kaisers gewesen zu sein. Auch Hadrian empfing die Senatoren, die zu seiner Tafel kamen, stehend. Wenn Tiberius seine Tischgäste entließ, stellte er sich in die Mitte des Tricliniums, einen Liktor neben sich, und sagte jedem einzelnen Lebewohl.

Zur kaiserlichen Tafel gezogen zu werden, rechneten selbst die Höchstgestellten sich zur Ehre. Tiberius, der seine Opfer in Sicherheit einzuwiegen liebte, erhob den Drusus Libo, nachdem er seinen Tod beschlossen hatte, zur Prätur und zog ihn wiederholt zur Tafel. Wenn freilich der spätere Kaiser Vespasian für eine solche Einladung Caligula seinen Dank vor dem ganzen Senat abstattete, so war dies ein Beweis ungewöhnlicher Untertänigkeit. Noch höher wurde diese Auszeichnung von Geringeren geschätzt. Martial erklärt, wenn er zugleich von Domitian und von Juppiter zu Tische geladen wurde, so würde er nicht zaudern, selbst wenn der Himmel näher und der Kaiserpalast ferner wäre. Statius, der schon früher am Minervafest gekrönt worden war, verdankte eine solche Einladung wahrscheinlich seinem Dichterruhm. Er hat für die Ehre, zum ersten Mal zu »der allerheiligsten Mahlzeit« geladen worden zu sein, seinen Dank in einem langen, überschwenglichen Gedichte ausgedrückt. Er glaubte an der Tafel Juppiters zu sein, dieser Tag war der erste seines Daseins, die Schwelle seines Lebens. War es ihm wirklich gestattet, dies Antlitz beim Becher zu schauen und in Gegenwart des Kaisers seinen Platz zu behalten? Caligula erfuhr, daß ein reicher Provinziale seine mit den Einladungen beauftragten Diener mit 200.000 Sesterzen (43.500 Mark) bestochen habe, um durch sie an seiner Tafel einen Platz zu erhalten; er nahm es nicht übel, daß diese Ehre so hoch angeschlagen wurde, und ließ ihm am andern Tage bei einer Auktion eine Kleinigkeit für denselben Preis überreichen, mit der Botschaft: er solle heute beim Kaiser auf dessen eigne Einladung speisen. Gelegentlich kamen bei diesen großen Gastmählern in so gemischter Gesellschaft ärgerliche Dinge vor. An Caligulas Tafel geriet ein Gast (ein Mann von prätorischem Range, der später bei Galba so einflußreiche T. Vinius) in Verdacht, einen goldnen Becher gestohlen zu haben; er wurde am folgenden Tage wieder geladen und ihm ein irdener vorgesetzt.

Das Benehmen der Kaiser gegen die Gäste war natürlich verschieden. Augustus behandelte die seinen mit der größten Freundlichkeit. Er forderte sie zur Teilnahme am Gespräch auf, wenn sie schwiegen oder sich mit gedämpfter Stimme unterhielten, und sorgte für Unterhaltung durch Vorträge, Tänzer und Possenreißer; oft erschien er erst nach dem Beginn der Tafel und zog sich vor der Beendigung zurück, ohne daß die Gäste sich stören lassen durften. Auch von Titus wird gerühmt, daß seine Gastmähler mehr angenehm als verschwenderisch waren. Von denen Domitians haben wir zwei ganz entgegengesetzte Schilderungen, von Statius, der in dem oben erwähnten Gedichte von der Gnade des Kaisers, ihn eines Platzes an seiner Tafel zu würdigen, wie berauscht erscheint, und von dem jüngern Plinius, der seinem Unmut über die hochmütige Behandlung, welche die Senatoren dort zu ertragen hatten, Luft macht. Statius schildert die Pracht der unzähligen Säulen aus kostbarem Marmor, die unermeßlichen Räume, die Gewölbe, deren Höhe der ermüdete Blick kaum erreicht, das vergoldete Deckengetäfel – hier hieß der Kaiser die Senatoren und Ritter an tausend Tischen sich niederlassen. Aber er hat weder das reiche Mahl, noch die Citrustische mit Elfenbeinfüßen, noch die Dienerscharen – nur Ihn, Ihn allein zu betrachten hat er Zeit gefunden, wie er in heiterer Majestät die Strahlen des eignen Glanzes milderte usw. Nach Plinius pflegte sich Domitian schon vor Mittag in einsamem Prassen zu übernehmen, so daß er unter seinen Gästen als Zuschauer und Aufmerker dasaß; mit allen Zeichen der Übersättigung ließ er die Speisen viel mehr vorwerfen als vorsetzen, und nachdem er mit sichtbarer Überwindung die Nachäffung eines gemeinsamen Mahles durchgemacht, zog er sich wieder zu seiner heimlichen Schwelgerei zurück. Bei Trajan dagegen bewunderte man nicht das Gold und Silber, noch die ausgesuchte Feinheit der Küche, sondern seine Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit; an seinem Tische gab es keine Verrichtungen ausländischen Aberglaubens, keine obszöne Ausgelassenheit, sondern gütige Aufforderung, anständige Scherze und Auszeichnung wissenschaftlicher Bestrebungen. Er liebte gemeinsame Mahlzeiten, forderte zum Gespräch auf und erwiderte es, und seine Leutseligkeit verlängerte die Dauer der Tafel, wenn seine Mäßigkeit sie abkürzte – in der Tat gehörte diese allerdings nicht zu Trajans Tugenden, er war vielmehr ein starker Trinker. Als Plinius mit andern nach Centumcellä in den kaiserlichen Rat berufen worden war, zog Trajan sie täglich zur Tafel, welche für eine fürstliche einfach war. Zuweilen hörte man musikalische Aufführungen, zuweilen wurde die Nacht mit den angenehmsten Gesprächen hingezogen. Beim Fortgehen erhielt man Gastgeschenke. An der Tafel Domitians waren die Gäste aber nicht bloß einer unfreundlichen, sondern gelegentlich sogar einer schmählichen Behandlung ausgesetzt. Domitian lud die Ersten des Senats und der Ritterschaft zur Mahlzeit; der Saal war schwarz ausgeschlagen, die Diener schwarz gleich Gespenstern, die Speisen wie bei Leichenmählern in schwarzen Gefäßen, neben jedem Gast eine Tafel mit seinem Namen und ein brennender Kandelaber wie in Gräbern. Nachdem die Geladenen so geängstigt nach Hause gesandt waren und jeden Augenblick das Todesurteil erwarteten, empfingen sie kostbare Geschenke. Elagabal ließ seine Freunde, wenn sie betrunken waren, einschließen und wilde Tiere zu ihnen hineinbringen, die durch Ausbrechen der Zähne unschädlich gemacht waren, worüber viele aus Schreck gestorben sein sollen; geringeren Freunden ließ er bei der Tafel mit Luft gefüllte Polster unterlegen, die dann plötzlich entleert wurden, so daß die Gäste unter den Tisch fielen.

Die Bewirtung war bei Augustus sehr einfach, von drei, höchstens sechs Gängen, bei Tiberius, der durch sein Beispiel die Sparsamkeit allgemein zu befördern wünschte, sogar kaum anständig, dagegen bei dem sonst so haushälterischen Vespasian köstlich, um die Verkäufer von Nahrungsmitteln zu unterstützen; doch dies nur bei seinen öffentlichen Gastmählern, während er in seinen eignen Mahlzeiten ein Beispiel der Sparsamkeit gab. Die ungeheure Verschwendung, mit der Commodus kaiserliche Gastmähler gegeben hatte, führte Pertinax auf ein gewisses Maß zurück. Alexander Severus beobachtete an großen Tafeln dieselbe Einfachheit wie im kleinsten Kreise. Was in Rom sehr gewöhnlich bei großen Mahlzeiten geschah, daß nämlich die Gäste nach ihrem Range und Stande verschieden bewirtet wurden, scheint an der kaiserlichen Tafel nicht üblich gewesen zu sein. Wenigstens Hadrian ließ, um etwaige Unterschleife der Küchenbeamten zu entdecken, auch die auf andern, selbst den letzten Tischen aufgetragenen Speisen sich vorsetzen.

Wenn sich die kaiserliche Tafel in Hinsicht auf die Bewirtung von denen der Vornehmen unmöglich wesentlich unterscheiden konnte, so war dies dagegen in Hinsicht des Tafelgeschirrs, der Ausstattung und Bedienung der Fall, obwohl diese Unterschiede sich ohne Zweifel erst allmählich (schwerlich vor dem Ende des 1. Jahrhunderts) feststellten und zu verschiednen Zeiten verschieden gewesen sein mögen. Wir haben darüber, wie über so viele ähnliche Dinge, nur zerstreute und beiläufige Nachrichten. Wie andre Kaiser (so Caligula, Nerva, Trajan, Antoninus Pius, Pertinax) veranstaltete auch Marc Aurel, um die Kosten des markomannischen Krieges zu decken, eine große Auktion von wertvollen Gegenständen der kaiserlichen Haushaltung, worunter sich namentlich auch goldne, kristallene und murrhinische Trinkgefäße befanden. Später gestattete er den Käufern, das Gekaufte für den gezahlten Preis zurückzugeben, wobei er ihnen aber völlige Freiheit ließ und namentlich den Vornehmen erlaubte, ihre Gastmähler mit derselben Ausstattung und demselben Tafelgeschirr, wie er selbst, auszurichten und sich goldner Überzüge auf den Speisesofas zu bedienen; doch soll der erste Untertan der von dieser letztern Erlaubnis Gebrauch machte, der spätere Kaiser Elagabal gewesen sein. Mit Gold gestickte oder gewirkte Tafeltücher ließ zuerst Hadrian auflegen, was dann Elagabal nachahmte, der außerdem auch solche anwandte, auf denen Bilder der aufzutragenden Speisen gewebt oder gestickt waren. Auf der Tafel des Alexander Severus sah man ganz einfache, nur mit scharlachroten Streifen gezierte Tafeltücher, Gallienus dagegen ließ stets mit Goldstoff decken. Der Gebrauch goldner Geschirre bei Tafel scheint ein kaiserliches Vorrecht gewesen zu sein, seit Tiberius im Jahre 16 ihren Gebrauch bei Privatpersonen auf Opferhandlungen beschränkt hatte. Aurelian erteilte ausdrücklich die Erlaubnis, daß man sich ihrer bedienen dürfe.

Auch in der Tracht gab es manches, was mit der Zeit als eine der kaiserlichen Dienerschaft ausschließlich zustehende Auszeichnung angesehen wurde. Schon Domitian nahm es noch als Prinz übel auf, daß der Schwiegersohn seines Bruders seine Diener in Weiß kleidete, und drückte sein Mißfallen durch den bekannten Homerischen Vers: »Nimmer Gedeihen bringt Vielherrschaft: nur einer sei Herrscher!« – was freilich als Beweis seines unbürgerlichen Hochmuts berichtet wird. Marc Aurel hatte von seinem Vater gelernt, daß man am Hofe leben könne, ohne einer Trabantenbegleitung und besonders ausgezeichneter Kleider sowie des ganzen übrigen Pompes zu bedürfen. Auch hier wurde eine bestimmte Etikette gewiß erst spät eingeführt. Von Aurelian wird es ausdrücklich bemerkt, daß er seinen Sklaven als Kaiser keine andre Tracht gab als zuvor. Besonders scheint das Gold die Tracht der Hofdiener ausgezeichnet zu haben; Alexander Severus, dessen Hofhaltung von gesuchter Einfachheit war, ließ auch bei öffentlichen Mahlzeiten seine Diener nicht in goldgestickten Kleidern erscheinen, wie er auch keine goldnen Geschirre auf die Tafel bringen ließ. Noch in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts gehörten goldgestickte Tuniken zu der besonderen Tracht der kaiserlichen Diener.

Die Gäste erschienen wie bei den Morgenaufwartungen in der Toga, mindestens noch unter Marc Aurel. Septimius Severus, von diesem zur Tafel geladen, erschien im Pallium statt in der Toga. Es wurde ihm eine Toga des Kaisers gereicht, was dann als Vorzeichen seiner späteren Herrschaft galt. Vermutlich hat sich aber auch hier der Gebrauch des römischen Staatskleides bis in eine sehr späte Zeit erhalten. Daß Senatoren und Ritter nicht ohne den Purpurstreif an der Tunika erschienen, ist selbstverständlich; die Magistrate scheinen überdies für die kaiserliche Tafel ihre Insignien angelegt zu haben. Als im Jahre 69 ein Gastmahl Othos durch einen Soldatenaufruhr gestört wurde, warfen die anwesenden Magistrate ihre Insignien fort, um unerkannt fliehen zu können. Bei der Mahlzeit selbst ließ man die Toga vermutlich von der Schulter herabfallen, wie dies Hadrian nach dem Berichte seines Biographen getan zu haben scheint. Daß Soldaten in ihrer kriegerischen Tracht erschienen, soll in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts Sitte geworden sein.

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