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Sittengeschichte Roms

Ludwig Friedländer: Sittengeschichte Roms - Kapitel 3
Quellenangabe
typereport
authorLudwig Friedlaender
titleSittengeschichte Roms
publisherPhaidon-Verlag
year1934
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160513
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I. Die Stadt Rom



1. u. 2. ROM
Traiansforum und Basilica Ulpia. – Forum Romanum und Palatin. Rekonstruktionsversuche von Brühlmann-Wagner

Noch gegen Ende der Königszeit glich Rom trotz seiner bereits beträchtlichen Ausdehnung, welche durch den Gang der Servianischen Mauer bezeichnet ist, in manchen wesentlichen Zügen einem Pfahldorf. Noch wurden im Innern der Stadt Landwirtschaft und Viehzucht getrieben. Um die aus Lehm, Stroh oder Holz aufgeführten Wohnstätten lag Unrat von Menschen und Vieh und zerbrochenes Haus- und Ackergerät umher. Auf den ungepflasterten Straßen wandelte man im Sommer in Staubwolken, im Winter im Kot.

Die Mängel der späteren Anlage der Stadt werden von den Alten auf den nach dem gallischen Brande (390 v. Chr.) planlos und tumultuarisch betriebenen Neubau zurückgeführt. Die Quartiere waren unregelmäßig, die Gassen eng und gewunden, die Häuser standen vielfach in gedrängten Massen. Ziegeldächer wurden nur sehr allmählich allgemein, die Deckung mit Holzschindeln erhielt sich bis zum Kriege mit König Pyrrhus (284 v. Chr.): ein Beweis für den damaligen Waldreichtum Italiens, in dem Rom in der Folgezeit mit seinen aus Fachwerk hoch aufgetürmten, so oft abbrennenden Miethäusern gewaltig aufräumte. Noch viel später wurde ein Anfang zur Pflasterung der städtischen Straßen gemacht; die erste bekannte Fahrstraße ist 237 v. Chr. angelegt worden. Begann nun Rom auch nach und nach seinen dorfartigen Charakter abzulegen (wie z. B. schon vor 310 v. Chr. die hölzernen Buden der Fleischer am Forum den Geschäftslokalen der Geldwechsler gewichen waren), so erfolgten doch die Verschönerungen so langsam und vereinzelt, daß noch am Hofe Philipps von Mazedonien (174) die römerfeindliche Partei über das unschöne Aussehen der weder durch öffentliche noch durch Privatbauten glänzenden Hauptstadt Italiens spotten konnte. Ihre Ausstattung mit ansehnlichen Bauwerken war damals erst seit kurzem in Angriff genommen worden. Die Errichtung von Basiliken, die, an die Stelle der Buden tretend, allmählich »einen die Hauptlinien des Forums umgrenzenden steinernen Hallenbau von gleichmäßiger architektonischer Dekoration« bildeten, hatte um 185 mit der von M. Porcius Cato erbauten begonnen, auf welche 180 und 170 die des Fulvius Nobilior und Sempronius Gracchus folgten. Durch den ersteren erhielt Rom in dem für seine Baugeschichte epochemachenden Zensorenjahre 179 auch einen großen Zentralmarkt für Lebensmittel mit einem kuppelgedeckten Schlachthause in der Mitte und ringsumlaufenden Verkaufshallen. Der erste von Q. Metellus Macedonicus (Konsul 143) erbaute »Marmortempel« war wahrscheinlich mit geraubten Säulen und andern Werkstücken ausgestattet.

»Durch das allmähliche Anwachsen der Stadt im Marsfelde vollzog sich eine große Transformation. Nach kleinen Anfängen hatte hier die Anlage der schnurgeraden Via Flaminia und des Circus Flaminius Epoche gemacht, ihr war die Periode des Portikenbaus im südlichen Teile gefolgt, dann diejenige der Pompejusbauten. Den Monumentalbauten folgend schob sich jedesmal auch der private Anbau vor, und vermutlich wurde das Straßennetz, anschließend an Via Flaminia, Portiken, Zirkus usw., auch rechtwinklig angelegt, wie wir es dann in den Resten aus der Kaiserzeit sehen. Der Gegensatz zwischen Altstadt und Neustadt in der Ebene muß schon gegen Ende der Republik ein sehr großer gewesen sein.«

Nachdem schon sehr viel früher (vielleicht bald nach dem zweiten punischen Kriege) durch die Entfestigung Roms ein Haupthindernis der Stadterweiterung beseitigt war, machte der Fortschritt derselben bereits unter Sulla die Vorschiebung der sakralrechtlichen Stadtgrenze (des Pomerium) nötig.

Wenn nun aber auch seit der Sullanischen Zeit je länger, je mehr stattliche Häuser gebaut wurden, so blieben die Straßenzüge doch dieselben und der Charakter ihrer Fronten im großen und ganzen der alte, und noch im Jahre 63 konnte Rom mit seinen nicht besonders guten Straßen, die sich an den Hügeln hinauf- und zu den Tälern hinabzogen, mit seinen hohen Häusern und sehr schmalen Seitengassen sich durchaus nicht mit Capua, jenem »andern Rom«, messen, das in der Ebene weit ausgebreitet lag und noch in Domitians Zeit nicht zu weit hinter der Hauptstadt zurückstand. Diese machte auch unter Augustus nicht den Eindruck einer planmäßig angelegten, sondern einer zufällig entstandenen Stadt. In den fünfunddreißig Jahren vom Tode Sullas bis zum Tode Cäsars (78-44 v. Chr.) hatte sich Rom mit zahlreichen prachtvollen öffentlichen und Privatbauten geschmückt, in welchen Feldherren, Offiziere, Zivilbeamte und Geschäftsmänner ihre in jener Zeit der großen Eroberungen und Erwerbungen im Orient und Okzident erbeuteten Reichtümer sehen ließen, so daß das Haus des Lepidus, das im Jahre 78 als das prächtigste von ganz Rom galt, im Jahre der Ermordung Cäsars kaum den hundertsten Platz in der Rangfolge hätte beanspruchen können. Cicero glaubte schon im Jahre 70 Rom eine schöne und reich geschmückte Stadt nennen zu dürfen; wenn auch freilich nach Plutarchs Urteil alle Bauten Roms vor der Kaiserzeit sich mit denen des Perikles zu Athen nicht vergleichen ließen, und Sueton ohne Zweifel mit Recht sagt, daß Augustus die Stadt Rom überhaupt nicht der Würde der römischen Herrschaft gemäß geschmückt fand.

Unter Augustus nahm das Bauwesen in Rom einen neuen großartigen Aufschwung. Diesen bewirkte nicht bloß das durch den Weltfrieden wiederkehrende Gefühl von Sicherheit, der steigende Wohlstand, das Wachstum der Bevölkerung, das Zuströmen der Kapitalien, das den durch die Bürgerkriege stark in die Höhe getriebenen Zinsfuß im Jahre 29 v. Chr. von zwölf Prozent wieder auf vier herabdrückte, sondern namentlich auch das von dem Kaiser ausgehende Streben, Rom mit dem Glanz und der Pracht auszustatten, welche die Würde einer Hauptstadt der Welt erfordere. Erst jetzt wurde das edle Material der Brüche von Carrara massenhaft bei Bauten verwendet. Erfolgte nun die Verschönerung Roms damals zunächst in umfassendster Weise durch öffentliche Anlagen und Denkmäler, so wurden doch auch vielfache, zum Teil durch diese bedingte Regulierungen und Erweiterungen des Straßennetzes vorgenommen. Ferner kann kein Zweifel sein, daß der so entschiedene Wunsch und Wille des Monarchen für die Großen, die Kapitalisten, die Unternehmer auch bei Privatbauten maßgebend war, und daß schnell zahlreiche glänzende Privathäuser und Paläste entstanden, die zum Teil die älteren in Schatten stellten. Bei dem soliden Bau des Palastes eines Piso äußerte Augustus befriedigt: er baue so, als ob Rom ewig stehen werde.

3. LEGIONÄR IN VOLLER RÜSTUNG.
Bronzestatuette, London, British Museum

Überhaupt dürfen wir glauben, daß der Wunsch des Augustus auf die architektonische Neugestaltung Roms nicht minder schnelle und nachdrückliche Wirkungen geübt hat als der Wunsch und das Beispiel so mancher Regenten für moderne Hauptstädte. In der Baugeschichte Neapels begann mit der Regierung des spanischen Vizekönigs Pietro de Toledo (1532-1553) eine neue Epoche; der Stadt Rom drückte Sixtus V. (1585-1590) den Stempel seines Geistes auf. Daß Stockholm zu Ende des 16. Jahrhunderts durch die Zahl seiner Steinhäuser in Nordeuropa einzig dastand (sogar mehr als London besaß), hatte ein Befehl Gustav Wasas (1523-1560) bewirkt, den Johann III. (1568-1592) energisch durchsetzte: schon 1582 waren dort unter 658 Wohnungen 429 Steinhäuser. Den durch den Vorgang Ludwigs XIV. seit 1661 veranlaßten Privatbauten verdankte Paris die Entstehung zweier neuen Städte um St. Sulpice und das Palais Royal, welche die alte übertrafen. In Moskau, wo noch gegen Ende des 17. Jahrhunderts rohgezimmerte Holzhäuser zum Ersatz der jährlich durch Feuersbrünste zerstörten Hunderte oder Tausende auf den Märkten zu kaufen waren, übte das Beispiel des von dem Fürsten Golizin gebauten Palasts eine solche Wirkung, daß, während er an der Spitze der Geschäfte stand (1682-1689), nicht weniger als 3000 steinerne Häuser aufgeführt wurden. August der Starke verwandelte Dresden, das er als eine kleine, hölzerne Stadt vorgefunden hatte, in eine steinerne und (nach Lady Montague 1716) die hübscheste von ganz Deutschland. Warschau arbeitete sich erst unter Stanislaw August, der es zur Residenz wählte, aus seinem elenden Zustande hervor und wurde von ihm wie von den Magnaten mit zahlreichen Palästen und andern bedeutenden Gebäuden geschmückt. Die Verschönerung Berlins erfolgte unter Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. durch große Aufwendungen von Staatsmitteln und Regelung der zum Teil zwangsweise angeordneten Privatbauten; dann durch eine sehr lebhafte Entwicklung der Bautätigkeit nach dem Siebenjährigen Kriege. In ähnlicher Weise wie diese Residenzen hat auch Rom durch seinen ersten Monarchen einen neuen architektonischen Charakter erhalten: es hat sich unter und durch Augustus »aus einer Lehmstadt in eine Marmorstadt« verwandelt. Schon dreißig Jahre nach der Schlacht von Actium sprach Ovid von dem goldenen Rom, das die Schätze der ganzen Welt besitze.

»Die zentralen Quartiere der Stadt sind schon unter Augustus und seinen nächsten Nachfolgern großenteils dem Privatbau entzogen worden durch Monumentalbauten: die zehnte Region durch die Kaiserpaläste, die elfte durch die Vergrößerung des Zirkus, die vierte durch Anlage der Kaiserfora. Zum Ersatz verwandelten sich Cälius und Aventin in elegante, von der Aristokratie bevorzugte Stadtteile.«

Die Straßenzüge Roms hat jedoch die Augusteische Zeit wohl nur zu einem sehr geringen Teile angetastet oder umgestaltet. Denn unter Tiberius klagte man, daß die Höhe der Häuser so groß und die Straßen so eng seien, daß es weder einen Schutz gegen Feuersgefahr noch eine Möglichkeit gebe, bei einem Einsturz nach irgendeiner Seite hin zu entkommen. Nach dem Neronischen Brande (64 n. Chr.), der an demselben Tage ausbrach wie der Gallische (am 19. Juli oder vielmehr in der Nacht vom 18. zum 19.) und in sechstägigem Wüten von den vierzehn Regionen der Stadt drei ganz in Schutt und Asche legte, von sieben nur wenige halbverbrannte Ruinen übrigließ, erstand Rom völlig neu. Die Häuser wurden nun bis zu einer gewissen Höhe ganz feuerfest, aus gabinischem und albanischem Stein aufgeführt, mit freien Plätzen versehen und minder hoch gebaut, die Quartiere wurden planmäßig, die Straßen breiter und gerader angelegt und mit Arkaden eingefaßt. Daß dieser Neubau bei Neros Tode (68) noch nicht vollendet war, ist sehr natürlich. Noch Vespasian fand die Stadt durch alte Brände und Einstürze verunstaltet, und eine im Jahre 71 gesetzte Inschrift rühmt, daß er die durch die Vernachlässigung früherer Zeiten entstellten Straßen auf seine Kosten wiederhergestellt habe.

Der von den flavischen Kaisern zu Ende geführte Neubau, der mehr als zwei Dritteile der Stadt umfaßte, vermochte die alten Übelstände nur zum Teil zu beseitigen. Nach den übereinstimmenden Äußerungen der Alten blieben die Häuser auch nach dem großen Brande sehr hoch.

Füge man zu der Ausdehnung und dem Umfange Roms, sagt Plinius, die Höhe der Häuser hinzu, so könne sich keine andre Stadt in der Welt an Größe vergleichen. Denn der Umfang Roms, der nach der Vermessung des Jahres 74 sich auf 13.200 Schritt (= 19.536 m) belief, blieb wohl hinter dem von Alexandria und vielleicht auch dem von Antiochia zurück, aber jene beiden Städte hatten minder hohe Häuser.

Aristides sagt in seiner Prunkrede zum Lobe Roms: wie ein starker Mann andre über sich in die Höhe hebt und trägt, so trägt Rom Städte auf Städten, die es über sich in die Höhe erhoben hat. Könnte man sie auf dem Boden ausbreiten, so würde die ganze Breite Italiens bis zum Adriatischen Meer davon wie von einer zusammenhängenden Stadt ausgefüllt werden. In der Tat bestand der Hauptgrund zum Aufsetzen zahlreicher Stockwerke noch lange mindestens in derselben Stärke fort: die (besonders in der Altstadt) außerordentliche Bevölkerungsdichtigkeit einerseits, sowie die Beschränktheit und die hohen Preise des Areals andrerseits; der Bauplatz für das Forum Cäsars hatte an Entschädigungen von Haus- und Grundbesitzern über 17½ Millionen Mark gekostet. Rom hatte höhere Häuser als die modernen Großstädte nördlich der Alpen.

Während die Berliner Bauordnung von 1860 die Maximalhöhe der Straßenfronten nur 36 Fuß (= 11,30 m) bei der gleichen Straßenbreite und eine größere Höhe nur bei einer entsprechend größeren, die Wiener nur 14,10 m (bei höchstens vier Stockwerken), die Pariser höchstens 20 m (bei einer gleichen Straßenbreite) gestattet, bestimmte Augustus die Maximalhöhe der Vorderhäuser auf 70 römische Fuß = 20,72 m, was 6-7 Stockwerke, Trajan angeblich auf 60 römische Fuß = 17,76 m, was 5-6 Stockwerke zuläßt. Beide schwerlich streng aufrechterhaltenen Bestimmungen erstreckten sich gar nicht auf Hinterhäuser und Hofgebäude, welche also ohne Zweifel vielfach höher gebaut wurden. Bei Martial hat ein armer Schlucker »200 Stiegen« zu seiner Kammer zu steigen. Außerdem waren die Maximalhöhen bei jeder Straßenbreite zulässig, und in bezug auf diese stand Rom hinter den modernen Großstädten sehr zurück. Während in Berlin die Durchschnittsbreite sämtlicher Straßen 22 m beträgt, scheint in Rom die der großen Hauptstraßen nur 5 bis 6,50 m betragen zu haben, also geringer gewesen zu sein als die unterste der Pariser Skala von 7,80, bei welcher dort nur eine Häuserreihe von 11,90 zulässig ist. Eine durch ihre Läden so belebte Straße wie der Vicus Tuscus in Rom hatte eine Pflasterbreite von nur 4,48, der Vicus Jugarius von nur 5,50 Meter. Hatte Tyrus nach Strabo in der Tat noch höhere Häuser als Rom, so war dies durch seine Lage auf einem engen Inselfelsen bedingt.

Lange und zugleich gerade Straßen hatte Rom im Marsfelde, wie die dem südlichen Teil des Corso entsprechende Via lata und die der Via dei Coronari entsprechende, die von der Engelsbrücke bis Piazza Colonna führt, einige auch im übrigen Teil, wie den Vicus patricius (Via urbana) und Alta Semita (Via del Venti Settembre), doch konnten diese Straßen, die einen prachtvollen Anblick gewährt haben müssen, wegen der Abwechslung von Tal und Hügeln nicht zahlreich sein, besonders da die Täler großenteils durch die Fora und andre öffentliche Anlagen eingenommen waren. Großartige Prospekte, wie sie Alexandrien und Antiochia mit ihren fast meilenlangen, rechtwinklig durchschnittenen Prachtstraßen boten, hat Rom nie gehabt. Infolge der durch die Bodennatur bedingten Notwendigkeit haben sich in den Straßenzügen des mittelalterlichen Rom bis auf die Tage Sixtus' V., ja zum Teil noch auf die unsrigen, die uralten Straßenzüge zum großen Teil erhalten. Die dürftigen und zum Teil zerrissenen Bruchstücke des kapitolinischen Stadtplans aus dem Anfange des 3. Jahrhunderts zeigen fast zu gleichen Teilen Überreste geradlinig-rechtwinklig und unregelmäßig gebauter Quartiere und weisen (gewiß nicht zufällig) eine ganze Skala der verschiedensten Straßenbreiten auf.

Übrigens wurde die architektonische Wirkung der Straßen Roms nach modernen Begriffen durch manche Eigentümlichkeiten der antiken Bauart beeinträchtigt: z. B. häufige Abweichungen der Häuserfronten von der geraden Linie, unregelmäßige und vereinzelte Fenster in den oberen Stockwerken, ungleiche Höhe der verschiedenen Teile derselben Häuser, ganz besonders aber durch die große Häufigkeit der An- und Vorbauten, die gerade die lebhaftesten Straßen am meisten verengten. Wo sich Arkaden an den Fronten entlang zogen, konnte sich der Verkehr in ihnen ansiedeln; doch diese hatten sicherlich nur die größeren Straßen. In den übrigen waren die Tabernen, Buden, Läden, Werkstätten und Schenkstuben in die Straße hineingebaut, wie auch in Pompeji in den Verkehrsstraßen jedes Haus gegen die Straßenseite einige mit gemauerten Ladentischen versehene Buden hat. Bei dem Gedränge und Gewühl der römischen Straßen machte sich der Übelstand ihrer Verengung durch diese Vorbauten zuweilen so fühlbar, daß eine Abhilfe nötig ward. Ganz Rom, sagt Martial (im Jahre 92), war eine große Taberne geworden, alle Straßen von Krämern und Händlern, Fleischern, Schenkwirten und Barbieren in Beschlag genommen, man sah keine Hausschwellen mehr. Hier hingen am Pfeiler der Schenke angekettete Weinflaschen, dort schwang mitten im dichtesten Gedränge der Barbier sein Schermesser, dampfende, rußgeschwärzte Garküchen nahmen die ganze Breite einer Straße ein, und Prätoren waren gezwungen, durch den Kot des Fahrdamms zu wandeln. Domitian schränkte die Tabernen ein, und nun wurden die Straßen, die bloße Pfade gewesen waren, für den Verkehr wieder wegsam. Doch blieben die hölzernen Vorbauten der Häuser zahlreich, wie Herodian bei der Beschreibung eines Straßenkampfs zwischen dem Volk und den Prätorianern im Jahre 238 ausdrücklich sagt: sie verbreiteten das von den letzteren angelegte Feuer schnell über einen sehr großen Teil der Stadt. Im Jahre 368 beseitigte der Stadtpräfekt Prätextatus die Balkone und Erker der oberen Stockwerke durchaus, doch wohl wegen ihrer Feuergefährlichkeit, die vermutlich noch dadurch erhöht wurde, daß sie in der Regel Vorhänge hatten, auch wohl aus Sicherheitsgründen.

Aber trotz aller Mängel seiner Straßen und seiner Lage war Rom eine Stadt ohnegleichen. Noch Claudian durfte sagen, daß der Himmel nichts Erhabeneres erblicke, daß kein Auge ihre Weite, kein Geist ihre Schönheit, kein Mund ihr Lob in sich fassen könne; und noch hundert Jahre später rief der Afrikaner Fulgentius bei ihrem Anblicke aus: »Wie schön muß das himmlische Jerusalem sein, wenn schon dies irdische Rom in solcher Herrlichkeit erstrahlt!« Ein Lobredner Roms (Callinicus aus Petra in Arabien) im 3. Jahrhundert vergleicht die Entbehrung derer, die es nicht sehen, mit der der Blinden, die die Sonne nicht kennen; nur wer Rom kennt, kann sagen, daß er wahrhaft gelebt hat, sein Los unterscheidet sich von dem jener andern mehr als das der Geweihten von dem der Unreinen. Was hauptsächlich zusammenwirkte, um den Eindruck zu einem überwältigenden zu machen, war dies: das ungeheure, ewig wechselnde Gewühl einer aus allen Ländern zusammengeströmten Bevölkerung, das verwirrende und berauschende Treiben eines wahrhaften Weltverkehrs, die Großartigkeit, Pracht und Menge der öffentlichen Anlagen und Bauten, endlich die unermeßliche Ausdehnung der Stadt. Von welchem Standpunkt, fragt Aristides, vermöchte man so viel mit Gebäuden bedeckte Höhen oder in Städte verwandelte Täler oder vielmehr so viel in eine Stadt zusammengefaßtes Land vollkommen zu überschauen? Wo man sich auch befindet, man ist immer in der Mitte. In der Tat, wer damals von der Höhe des Kapitols hinabschaute, dessen Blick verlor sich in einem Gewirr von Prachtgebäuden, Palästen und Denkmälern jeder Art, das zu seinen Füßen sich meilenweit über Tal und Hügel in unabsehbare Ferne hinbreitete. Wo jetzt sich eine ruinenerfüllte Einöde gegen das Albanergebirge hin erstreckt, über der Fieberluft brütet, war damals eine durchaus gesunde, überall angebaute, von lebenwimmelnden Straßen durchschnittene Ebene. Nach keiner Seite hin hatte die Stadt eine eigentliche Grenze, es gab kein gewisses Kennzeichen, nach dem man hätte bestimmen können, wie weit sie reichte, und wo ein neues Gebiet anfing. Überall griffen ihre Ausläufer in die Campagna hinaus und verschlangen nach und nach die zahlreichen umliegenden Flecken und Ortschaften, und ihre Vorstädte verloren sich in neuen Anlagen prachtvoller Landhäuser, Tempel und Monumente, deren marmorne Zinnen, Giebel und Kuppeln aus dem dunkeln Grün der Haine und Gärten hervorleuchteten.

Unter den öffentlichen Anlagen übertrafen die des Marsfeldes alle übrigen an Ausdehnung, während sie an Pracht und Großartigkeit keinen nachstanden. Den gewaltigen Eindruck der hier unter Augustus entstandenen Marmorstadt hat Strabo geschildert. Die weite, auf drei Seiten von der Windung des Stromes umschlossene Ebene, deren ungeheure Fläche sowohl den Wagenrennen und Reitern ausreichenden Platz bot wie auch einer unzähligen Menge, die sich in Leibesübungen tummelte, ihr immergrüner Grasboden, die Prachtgebäude und Denkmäler ringsum, ein Labyrinth säulengetragener Hallen, Kuppeln und Giebeldächer, unterbrochen von dem Grün der Lusthaine und Baumgänge; als Begrenzung die Kuppen der jenseits über dem Flusse im Halbkreise aufsteigenden Hügel, deren Abhänge bis an das Ufer hinabreichten – das war ein Anblick, von dem man sich schwer trennen konnte, der die übrige Stadt wie einen Anhang erscheinen ließ. Betrat man aber die eigentliche Stadt und erblickte nun die Fora, eines neben dem andern ausgebreitet, von Säulengängen und Tempeln eingefaßt, und das Kapitol mit seinen Bauwerken und den Palatin und die Kolonnade der Livia, so mochte man leicht das außerhalb Gesehene vergessen. Eine solche Stadt, schließt Strabo bewundernd seine Schilderung, ist Rom. Was von dieser Herrlichkeit in den Bränden unter Nero und Titus verlorenging, ward wiederhergestellt oder ersetzt und die alten Anlagen noch durch neue vermehrt. Man konnte das ganze Marsfeld unter Dächern von Säulengängen durchschreiten; die gesamte Längenausdehnung der 10 hauptsächlichsten Portiken der neunten Region (Circus Flaminius) ist auf 4500 Meter berechnet worden, das durch sie vor Sonne und Regen geschützte Areal auf 27.500 Quadratmeter, das gesamte von ihnen umfaßte auf etwa 100.000, die Zahl ihrer Säulen auf etwa 2000. In diesen Portiken fand man Angaben ihrer Länge nach Fußen, und wievielmal man sie auf und ab schreiten mußte, um eine Strecke von 1000 Schritt (1480 m) oder eine größere zurückzulegen. Plinius sagt, schon in jedem einzelnen seiner Wunderwerke erscheine Rom auch hierin als Überwinderin des Weltalls, durch ihre Gesamtheit aber und Vereinigung an einem Ort entstehe eine Größe wie die einer zweiten Welt neben der jetzigen. In der letzten Zeit der Republik hatte man vor allem den an der offenen Ostseite Roms von König Servius ausgeführten kolossalen, 50 Fuß (fast 15 m) breiten Wall, die ungeheuren Unterbauten des Kapitols und das System der Kloaken bewundert, dessen sieben unterirdische, auf einen Punkt zusammengeleitete Hauptarme (wie Plinius sagt) mit starkem Gefälle strömend alles unaufhaltsam mit sich forttragen, und dessen Wölbungen dem Druck der ungeheuersten Lasten, den Erschütterungen der Einstürze und Erdbeben noch immer Widerstand leisten. In Plinius' Zeit waren die prachtvollsten Bauten Roms der von Julius Cäsar ausgebaute große Zirkus, das Forum des Augustus, die unter ihm erneuerte Basilika des Paulus mit Säulen aus phrygischem Marmor und das Diribitorium des Agrippa im Marsfelde mit einem Dache von noch nie gesehener Spannungsweite, endlich der von Vespasian erbaute Tempel des Friedens.

In dem halben Jahrhundert von Vespasian bis Hadrian erreichte Rom seinen höchsten Glanz, wenn auch unter den Antoninen und später noch vieles zu seiner Verschönerung geschehen ist, so namentlich von Severus und Caracalla; die von dem letzteren in der Gegend seiner Thermen angelegte Via nova galt als die schönste Straße Roms. Damals aber entstanden die Wunderwerke, welche die spätesten Nachkommen nicht minder als die Zeitgenossen anstaunten, in gedrängter Reihenfolge. Ammian schildert den Eindruck, den Rom auf den Kaiser Constantius machte, der es im Jahre 357 zum ersten Male sah, und nennt in dieser Schilderung fast ohne Ausnahme nur Bauten, die aus jener Zeit stammen. Als der Kaiser auf das Forum kam, die berühmte Stätte der alten Macht, war er stumm vor Bewunderung. Wohin auch seine Augen sich wandten, sah er sich von dem dichten Gedränge der Wunderwerke geblendet. Indem er sodann allmählich die einzelnen Teile der Stadt musterte, auf den Höhen der sieben Hügel, auf deren Abhängen und in der Ebene, meinte er immer, das, was er eben gesehen, müsse unter allem übrigen das größte sein. Der Juppitertempel auf dem Tarpejischen Felsen strahlt wie Göttliches vor Menschlichem. Die Bäder sind in der Ausdehnung von Provinzen angelegt. Die Masse des (Flavischen) Amphitheaters, ein mächtiger Bau aus tiburtinischem Stein, ragt so hoch, daß der Blick kaum bis zur äußersten Höhe hinaufreicht. Der herrliche Rundbau des Pantheons mit prachtvoller, hoher Überwölbung, die riesenhaften Ehrensäulen, zu deren Spitzen im Innern Treppen hinaufführen, und welche die Bildsäulen früherer Fürsten tragen, der Tempel der Göttin Roma, das Forum des Friedens, das Theater des Pompejus, das Odeum, das Stadium, all diese Zierden der Stadt wetteifern an Schönheit, Pracht und Großartigkeit miteinander. Als er aber zum Forum Trajans gekommen war und diese Anlage erblickte, die unter dem ganzen Himmel nicht ihresgleichen hat und wohl auch von den Göttern als wundervoll anerkannt werden würde, stand er wie betäubt, indem er seinen Geist durch die gigantischen Räume hinschweifen ließ, die weder mit Worten beschrieben werden können, noch für Sterbliche zum zweiten Male erreichbar sind.

Den Plan dieser glänzendsten Anlage des kaiserlichen Rom lassen ihre bedeutenden Reste im ganzen noch erkennen. Eine Basilika von riesenhaften Verhältnissen, dahinter die des Kaisers Taten verkündende hundert Fuß (29 m) hohe Säule bildeten den Hintergrund und idealen Sammelpunkt eines freien Platzes, der für den vom Forum des Augustus Eintretenden links und rechts von Säulenhallen begrenzt war, hinter denen sich symmetrisch halbkreisförmige Bauten ansteigend an den Abhang dort des Kapitols, hier des Quirinals anschlossen; als einzigen Schmuck trug der Platz in seiner Mitte das Reiterstandbild des Kaisers. Die Basilika war ein säulengetragener Hallenbau, ihr wahrscheinlich zweistöckiger, von einer Doppelhalle umgebener, nach dem Kapitol und Quirinal durch halbkreisförmige Exedren abgeschlossener Mittelsaal hatte die (nachmals in der Basilika von S. Paolo fuori le mura fast genau wiederholte) Breite von 29 Metern = 100 röm. Fuß; die aus Holz konstruierte Decke war außen mit vergoldeten Bronzeplatten belegt, Granit, einheimischer und fremder Marmor verschwenderisch angewandt. Zu beiden Seiten (östlich und westlich) der Säule standen wahrscheinlich die Gebäude einer doppelten (lateinischen und griechischen) Bibliothek; hinter der Säule (nördlich) machte ein von Hadrian erbauter Tempel Trajans den Abschluß. Je länger, je mehr füllte sich das Trajansforum mit Statuen verdienter Staatsbeamten, besonders aus vergoldeter Bronze, deren von der Zeit der Antonine bis ins 6. Jahrhundert hinabreichende Postamente zum Teil noch vorhanden sind. »Denkt man sich zu all diesem die Dachfirsten der umlaufenden Hallen und der Basilika mit vergoldeten Rossen und Trophäen besetzt, die Gestalten gefangener und trauernder Barbaren, deren einige erhalten sind, an dem den Eingang bildenden Triumphbogen und sonst aus Marmor und Porphyr; erinnert man sich ferner der üppigen und kühnen Ornamentik der erhaltenen Friesstücke, so gewinnt man eine deutliche Vorstellung von der wahrhaft königlichen Formenpracht, welche diesen streng symmetrisch gegliederten Prunkplatz erfüllt haben muß«.

Umfassende Beschreibungen der Stadt Rom nach ihren 14 Regionen besitzen wir erst aus der Mitte des 4. Jahrhunderts: zwei wenig verschiedene Bearbeitungen einer amtlichen, zwischen 312 und 315 verfaßten Urkunde, der allem Anschein nach ein Stadtplan zugrunde lag. Diese Beschreibungen haben zwei Anhänge, deren erster gewisse Hauptklassen der öffentlichen Monumente aufzählt (die 6 Obelisken, 8 Brücken, 11 Thermen, 19 Wasserleitungen usw.), während der zweite ein Register zu den Regionenbeschreibungen gibt, in welchem die Gesamtsummen der in den 14 Regionen enthaltenen Monumente, Gebäude und Anstalten angegeben sind: 2 Zirkusanlagen, 2 Amphitheater, 3 Theater, 4 Gladiatorenschulen, 5 Naumachien, 36 marmorne Bögen, 37 Tore, 290 Magazine und Speicher, 254 öffentliche Bäckereien, 1790 Einfamilienhäuser und Paläste, 46.602 Mietswohnungen usw. Die erste Benutzung findet sich in dem Kalender des Polemius Silvius (448 n. Chr.), wo auch sieben »Hauptwunder« Roms aufgezählt werden, die offenbar den sieben Weltwundern gegenübergestellt werden sollten. Die sieben (gewiß sehr verschieden angegebenen) Wunder sind dort folgende: die Kloaken, die Aquädukte, das (Flavische) Amphitheater (Kolosseum), das (von Domitian erbaute) Odeum, die Thermen und die Höhe des Janiculums (an der Aqua Paola), von welcher also damals wie jetzt die Ciceroni die Besucher der ewigen Stadt »die sieben Hügel und das ganze Rom« anstaunen ließen.

Aber es war nicht diese unvergleichliche Herrlichkeit der Bauten und Anlagen allein, die Rom zu einer Stadt der Wunder machte. Wer durch ihr endloses Gebiet wanderte, sah sich auf Schritt und Tritt von immer neuen Schauspielen gefesselt. Überall wurde der Blick von den Werken älterer und neuerer Kunst festgehalten, die in verwirrender, unübersehbarer Fülle ganz Rom schmückten. Die Wände der Hallen und Tempel prangten im Farbenschmuck der Mauergemälde und Bildtafeln, und ihre Räume wie die der Bäder sowie Straßen und Plätze waren noch im 4. Jahrhundert von Erz- und Marmorbildern erfüllt. Damals gab es noch 3785 öffentlich ausgestellte Bronzestatuen von Kaisern und Feldherren, so daß die Gesamtzahl der öffentlich ausgestellten plastischen Werke wohl auf mehr als 10.000 veranschlagt werden kann. Rechnet man dazu die im Innern der Gebäude befindlichen, so begreift man, daß noch zwei Jahrhunderte später nach gar manchen neuen Verwüstungen Cassiodor sagen konnte: in Roms Mauern scheine noch ein zweites Volk von Statuen zu wohnen.

Überall waren die Massen der Gebäude von dem Grün der Gärten und Parks unterbrochen und eingefaßt, und zu allen Zeiten des Jahres sah man frisches Laub in Fülle. Der Esquilin war von den Gärten des Mäcenas, Pallas, Epaphroditus, Torquatus und andern wie von einem ungeheuren Park bedeckt; die Gärten der Acilier, des Lucull, Sallust füllten die ganze Fläche des Monte Pincio und der angrenzenden Täler, so daß sich von Porta del Popolo bis Santa Croce in Gerusalemme ein einziger, kolossaler, nur von den Thermen Diocletians unterbrochener Park erstreckte. Auch die weiten Bezirke der Paläste schlossen häufig Gärten ein, mit herrlichen alten Bäumen, von Vogelgesang erfüllt; besonders waren Lotosbäume (das heißt Zürgelbäume) wegen ihrer breiten Schattendächer in Stadtgärten beliebt: die sechs Lotosbäume im Garten des Redners Crassus auf dem Palatin, die im Jahre 92 v. Chr. ebenso hoch wie der Palast geschätzt wurden, gingen erst 150 Jahre später im Neronischen Brande zugrunde. Selbst von den Dächern und Balkonen streuten Blumen und Sträucher ihren Duft. Besonders auf dem rechten Tiberufer und den umgebenden Hügeln breiteten sich zahlreiche, zum Teil kaiserliche Gärten aus. Mehrere dieser Anlagen standen dem Volke offen; überdies luden, namentlich im Marsfelde, Lorbeer- und Platanengänge zum Lustwandeln unter dichten Schattendächern ein; in der prachtvollen, auf dem Plateau zwischen der Nordostseite der Trajansthermen und der Kirche S. Martino ai Monti gelegenen Kolonnade der Livia gab in Plinius' Zeit das Laub eines einzigen ungeheuren Weinstocks, mit dem dort im Freien errichtete Spaliere bezogen waren, den Wandelnden Schatten. Der dritte Gordian hatte beabsichtigt, unter dem Monte Pincio auf dem Marsfelde einen großen Garten mit Lorbeer-, Myrten- und Buchspflanzungen von 1000 Fuß Länge und 500 Breite (296 x 148 m) anzulegen, in seiner ganzen Länge von einem Gange durchschnitten, der mit Mosaik gepflastert und durch Reihen von Säulen mit Statuetten eingefaßt sein sollte. Auf den beiden Langseiten sollten Säulenhallen, auf den kürzeren einerseits eine Basilika und Thermen für den Sommer, andrerseits Thermen für den Winter den Abschluß bilden. Doch kam dieser Plan nicht zur Ausführung, und in Constantins Zeit war der Raum mit Privatgärten und Privatgebäuden gefüllt.

Aber vielleicht seinen schönsten Schmuck hatte auch das alte Rom in der Menge und Schönheit seiner Wasserwerke, zugleich ein Schatz von unermeßlichem Wert für die Wohlfahrt seiner Bewohner, der manche Übelstände der Bauart und Lage ausglich. Die Quellen der Gebirge, in unterirdischen Röhren oder auf gewaltigen Bogenreihen (unter Nerva in einer Gesamtlänge von etwa 430 Kilometer) in die Stadt geleitet, ergossen sich rauschend aus künstliche Grotten, breiteten sich wie Teiche in weiten, reichverzierten Behältern aus oder stiegen plätschernd in den Strahlen prächtiger Springbrunnen auf, deren kühler Hauch die Sommerluft erfrischte und reinigte. Wolle man die Fülle der Wasser ermessen, sagt Plinius, die zum öffentlichen Gebrauch in Bädern, Teichen, Kanälen, Palästen, Gärten, vorstädtischen Landhäusern fließen, die Entfernungen, die sie zurücklegen, die aufgeführten Bögen, durchgrabenen Berge, nivellierten Täler, so werde man gestehen, daß es auf der ganzen Welt nie etwas Staunenswerteres gegeben habe. Auch Galen rechnet zu den Hauptvorzügen Roms die Menge und Schönheit der Quellen, »von denen keine übelriechendes, schädliches, schmutziges oder hartes Wasser hat«. Die sämtlichen Leitungen lieferten, nachdem es Frontin gelungen war, ihre Ergiebigkeit fast zu verdoppeln, eine Wassermenge, die bei der niedrigsten Schätzung auf 675.000 Kubikmeter veranschlagt wird. Die bis ins 3. Jahrhundert sich noch stetig vermehrende Wassermasse machte nicht allein in wachsendem Maße den Aufenthalt in allen großen öffentlichen Anlagen zu einer genußreichen Erholung, sondern veranlaßte auch eine stetige Vermehrung der öffentlichen durch die Niedrigkeit des Preises (von 1 Quadrans = 1½ Pfennig) jedermann zugänglichen Badeanstalten und Brunnen. Die Stadtbeschreibung des 4. Jahrhunderts gibt 856 Bäder (außer 11 Thermen) an, Wasserbassins mit Röhrenbrunnen (deren unter Nerva 591 gewesen waren) 1352. Ein großer Teil dieser Bassins war mit Kunstwerken verziert (wie eines der von Agrippa angelegten mit einer Wasserschlange) und danach benannt, z. B. Brunnen des Orpheus, Ganymed, Prometheus; einen von obenher überflossenen und gebadeten Kegel nannte das Volk »die schwitzende Zielsäule«. Die Ruine dieser letzteren am Kolosseum und die großartige, Trofei di Mario genannte Ruine eines monumentalen Brunnens sind fast die einzigen Überbleibsel, die sich »von dieser offenbar überschwenglichen Pracht« erhalten haben. Außerdem nennt der zweite Anhang der Stadtbeschreibung 15 Nymphäen, d. h. Quellengebäude, in denen Wasser sprang oder floß, gewiß mit reicher Ornamentierung, von deren Anlage die sogenannte Grotte der Egeria eine Vorstellung geben kann, so wie Acqua Paola, Fontana di Trevi und die Termini von den mit bildlichem Schmuck ausgestatteten Bassins. Das erst von Sixtus V. ganz zerstörte Septizonium des Severus, ein dreistöckiger, säulenreicher Prachtbau, an der Südwestecke des Palatin, aus drei fast halbkreisförmigen Nischen bestehend, rechts und links durch vorspringende Flügel abgeschlossen, scheint eine »verdreifachte Fontana Trevi« gewesen zu sein. »Wer in der heißen Jahreszeit an diesen künstlichen Cascatellen das Volk hat ausruhen und abends inmitten der Steinmassen, welche die eingesogene Sonnenglut wieder ausstrahlen, erfrischende Bergluft atmen sehen, wird den Stolz begreifen, mit dem man unter Nerva sich rühmen konnte, die Ursachen beseitigt zu haben, welche in früherer Zeit die römische Luft zu einer bleischweren und verderbenbringenden gemacht hatten«. »Die Krone des ganzen Systems aber bildete die Versorgung der Privathäuser mit laufendem Wasser«. Seit die Verwaltung der Leitungen in Jahre 11 v. Chr. kaiserlich geworden war, hörte nicht bloß die bis dahin übliche Entrichtung einer Miete für die Wasserbenutzung von Privatpersonen gänzlich auf, sondern es konnte auch jedermann ohne Rücksicht auf den Charakter des Konsums die Erlaubnis erhalten, Wasser in sein Haus abzuleiten, und schon in Strabos Zeit »besaß fast jedes Haus in Rom Reservoirs, Röhrenleitungen und reichlichen Wasserzufluß«.

Fast jeden jener Zeit bekannten Genuß und Luxus ermöglichte der Welthandel, der Kaufhallen, Läden und Magazine Roms mit den köstlichsten und seltensten Erzeugnissen der fernsten Länder, den prächtigsten und mühseligsten Werken der Gewerbetätigkeit und des Kunstfleißes aller Völker füllte. Plinius nennt den Tiber »den gefälligsten Händler mit allen Dingen, die auf der Erde erzeugt werden«. »In Rom konnte man die Güter der ganzen Welt in der Nähe prüfen«: spanische Wolle und chinesische Seide, künstliche bunte Gläser und feine Leinwand aus Alexandria, Wein und Austern der griechischen Inseln, den Käse der Alpen und die Seefische des Schwarzen Meeres. In Magazinen und Läden lagerten heilsame Kräuter aus Sizilien und Afrika, arabische Spezereien und Wohlgerüche, die Perle von den Bänken der Bahreininseln und der Smaragd aus den Gruben des Ural, schöngemaserte Scheiben kostbaren Holzes, am Atlas gewachsen, und riesige Balken und Blöcke farbigen Marmors, in den Gebirgen der verschiedensten Provinzen gebrochen; von dem kolossalen Umfang dieser letzten Lieferungen hat die Entdeckung des Marmorlagers am Aventin mit etwa 1000 Steinmassen aus mindestens 40 Brüchen eine Vorstellung gegeben. Zu euch, heißt es in der erwähnten Lobrede des Aristides auf Rom, kommt aus allen Ländern und allen Meeren, was die Jahreszeiten hervorbringen, und was alle Zonen tragen, was Flüsse und Seen, und was die Arbeit der Hellenen und Barbaren erzeugt. Wenn also jemand willens ist, alles dies zu schauen, so muß er entweder die ganze Welt durchreisen oder sich in dieser Stadt aufhalten. Denn was bei allen Völkern erzeugt und bereitet wird, das ist hier zu allen Zeiten im Überfluß vorhanden. So viel Lastschiffe kommen hierher aus allen Ländern im ganzen Sommer und Herbst, daß die Stadt einer allgemeinen Werkstatt der ganzen Erde gleicht. So viel Ladungen aus Indien und dem glücklichen Arabien kann man hier sehen, daß man glauben sollte, in Zukunft seien dort die Bäume für immer entblößt, und jene Völkerschaften müßten hierher kommen, um von ihren eigenen Erzeugnissen zu verlangen, was sie etwa bedürfen. Babylonische Gewänder und Kleinodien aus dem innern, von Barbaren bewohnten Asien kommen hier in viel größerer Menge und leichter her, als wenn sie von einer Insel des Archipels nach Athen zu schaffen wären. Kurz alles kommt hier zusammen, was Handel und Schiffahrt bringt, was der Ackerbau gewinnt, der Bergbau zutage fördert, was alle Künste, so viel es deren gibt, schaffen, alles, was auf der Erde geboren wird und wächst.

Überhaupt empfand man in Rom tausendfältig, daß man im Mittelpunkte eines Weltreichs war. Wie von einer hohen Warte übersah man hier die ganze Erde. Von ihren fernsten Grenzen kamen auf allen Straßen ununterbrochene Nachrichten »wie von Vögeln getragen« nach dem Sitze der Weltherrschaft, so daß der hier thronende Kaiser imstande war, die ganze Welt durch Sendschreiben zu regieren. Von den Hauptorten erhielten die Kaiser vielleicht (wenigstens zeitweise) fortlaufende Tagesberichte; Caligula las die ihm aus Alexandrien gesandten lieber als alles übrige. War in Oberägypten Regen gefallen oder hatte in Kleinasien die Erde gebebt, waren die Legionen am Rhein aufrührerisch gewesen oder hatte der parthische Hof seine Stellung gegen Rom geändert: man sprach davon bald nachher auf dem Forum und dem Marsfelde, bei Gastmählern und geselligen Zusammenkünften. War irgendwo eine unerhörte Naturseltenheit entdeckt worden, so wurde sie an den Kaiser gesandt und in Rom öffentlich ausgestellt. Künstler kamen aus allen Ländern, um ihre Kunst und ihre Werke zu zeigen oder um sich um den Kranz in den großen römischen Wettkämpfen zu bewerben, Dichter und Redner, Philosophen und Gelehrte, um sich öffentlich hören zu lassen. Die Fähigsten und Hochstrebendsten aus der Jugend aller Länder drängen sich aus der provinziellen Verborgenheit nach dem Glanz und Licht der Weltstadt, »die die Blicke aller Götter und Menschen auf sich wandte«, die dem Ehrgeiz das weiteste Feld eröffnete, die zu Ausbildung und Studium wie zu Erholung und Genuß die großartigsten Anstalten bot.

In den Sälen und Hallen zahlreicher Bibliotheken (die Stadtbeschreibung gibt 28 an) konnte der Freund der Wissenschaft und Literatur sich in kostbaren Pergamenten und Papyrusrollen satt schwelgen und in den Kreisen der Gelehrten, die sich dort und an andern öffentlichen Orten, wie im Tempel des Friedens und in den Thermen des Trajan, versammelten, Anregung und Förderung jeder Art, zu seinen Studien eine Fülle von Hilfsmitteln wie an keinem andern Orte finden und in zahlreichen Hörsälen den Vorträgen von Meistern aller Fächer beiwohnen. Große literarische Unternehmungen, die nirgends unter so günstigen Verhältnissen und zum Teil nur hier ausgeführt werden konnten, veranlaßten ohne Zweifel fortwährend fremde Gelehrte zu dauerndem Aufenthalt in Rom, wie schon in Augustus' Zeit Dionys von Halikarnaß und Diodor. Anstalten von unvergleichlicher Pracht und Großartigkeit standen in den kaiserlichen Thermen auch dem Geringsten zur Erholung und Ergötzung offen, wo zu jeder Jahreszeit Bäder aller Art vom Schwimmbassin bis zum Dampfbade für Tausende bereit und zu Leibesübungen, zur Unterhaltung und Erfrischung Räume von mehr als königlichem Glanz bestimmt waren. Die älteren Thermen, unter denen die des Nero die prächtigsten gewesen zu sein scheinen, da sie mehrfach als Inbegriff des höchsten Glanzes genannt werden, wurden wenigstens an Umfang durch die des Caracalla und Diocletian weit übertroffen. Die Angaben, daß die ersteren 1600, die letzteren fast doppelt so viel marmorne Badesessel enthielten, scheint aus derselben amtlichen Quelle geflossen zu sein wie die Stadtbeschreibung mit ihren Anhängen. Alle Wunder aber, welche die Wunderstadt in sich faßte, wurden noch überboten durch ihre Schauspiele, auf der Bühne, im Zirkus, in der Arena: hier wurde, was nur die ausschweifendste Phantasie ersinnen konnte, zur überwältigenden Wirklichkeit.

Doch das größte unter allen Schauspielen Roms war seine Bevölkerung, für welche, wie Seneca in der ersten Zeit des Claudius schreibt, die Häuser der unermeßlichen Stadt kaum ausreichten: wo die Ernte aller Länder verzehrt wird, die Straßen für eine gleichzeitig in drei Theater strömende Menge Raum bieten sollen und man erdrückt wird, sobald den unablässig gleich einem reißenden Wasser fortgewälzten Menschenstrom ein Hindernis zurückstaut. Die letzte im Jahre 56 getane Äußerung ist vielleicht durch die Erinnerung an ein Erdbeben im Jahre 51 veranlaßt, bei dem infolge des Hin- und Herflüchtens ein Gedränge entstand, in dem die Schwächeren erdrückt wurden. Die Schmalheit und Gewundenheit der Straßen in der vorneronischen Zeit mußte solche Vorfälle doppelt gefährlich machen, doch berichtet werden Unglücksfälle, die dadurch herbeigeführt waren, nur bei zwei außerordentlichen Veranlassungen. Als Caligula vom Dache der Basilika Julia Geld streute, kamen im Gedränge 32 Männer, 47 Frauen und ein Eunuch um; als er auf die in der Nacht zum Zirkus strömende Menge, die seinen Schlaf gestört hatte, mit Knütteln einhauen ließ, mehr als 20 Ritter, ebensoviel Frauen und überdies eine unzählbare Menge. Außerdem meldet eine Grabschrift, daß eine Frau und ein dreizehnjähriger Knabe, erdrückt von der an oder auf dem Kapitol sich drängenden Menge, den Tod gefunden haben.

Das Menschengewühl, das die Straßen und Plätze der Stadt füllte, war ein sehr gemischtes. Je mehr Rom der Mittelpunkt der Welt wurde, desto mehr strömten hier alle Nationen zusammen. Schon Q. Cicero nannte Rom eine aus der Vereinigung der Völker gebildete Gemeinde. Aber eine eigentliche Masseneinwanderung aus den Provinzen begann erst seit dem Untergange der Republik, die nun in wechselnder, aber bis auf Constantin wohl schwerlich auf die Dauer abnehmender Stärke Rom überflutete und seine Bevölkerung mit den Bestandteilen aller Länder der alten Welt mischte. Nicht von eignen Bürgern belebt, sondern von der Hefe der ganzen Welt erfüllt nennt es Lucan; seine Bevölkerung heißt bei Herodian im 3. Jahrhundert eine bunt zusammengeflossene, und noch der Kaiser Konstantin staunte beim Anblick des römischen Volks, »mit welcher Schnelligkeit alles, was es von Menschen auf der ganzen Erde gibt, nach Rom zusammengeströmt sei«. Je länger, je mehr ward Rom eine »gemeinsame Stadt«, »ein Versammlungsort des Erdkreises«, »eine Weltherberge«, und mit glücklich gewähltem Ausdruck hat es einer seiner griechischen Lobredner, der Sophist Polemo (in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts), »ein Kompendium (ἐπιτομή) der Welt« genannt.

Noch bunter ward das Gemisch durch die Menge der unaufhörlich ab- und zuströmenden Fremden. Die in Rom sich aufhaltenden Angehörigen auswärtiger Gemeinden aus allen Teilen des Reiches waren vielfach zu Vereinen zusammengeschlossen, welche ein eignes Lokal in der Nähe des Concordientempels am oberen Forum besaßen; Tarsus, Sardes, Tiberias, Noricum, Vienna sind in noch erhaltenen Denkmälern dieser Örtlichkeit vertreten. Römische Kurtisanen empfingen, wie Martial behauptet, Besuche von Parthern und Germanen, Ciliciern und Kappadociern, Ägyptern und Nubiern, Juden, Dakern und Alanen. Bei ungewöhnlichen Veranlassungen, wie namentlich großen Schauspielen, erreichte die Zahl der Fremden auch eine außerordentliche Höhe. Schon bei dem von Augustus veranstalteten Schauspiel eines Schiffskampfes (2 v. Chr.) war nach Ovid die ganze Welt in der Stadt, bei der Einweihung des Flavischen Amphitheaters nach Martial Zuschauer von den fernsten Völkern beisammen, Sarmaten und Sicambrer, Araber, Sabäer und Äthiopen. Aber auch sonst war stets die Zahl der Fremden in der Stadt sehr groß, die auf die stärksten menschlichen Neigungen eine unwiderstehliche Anziehungskraft übte, »für Tugend wie für Laster die höchsten Preise zahlte«, doch freilich vor allem Glücksrittern und Betrügern jeder Art das ergiebigste Feld bot. Der rechtschaffene, zuverlässige Mann konnte dort nach Martial auf eine gesicherte Existenz überhaupt nicht rechnen; noch weniger durfte einer hoffen, sein Glück zu machen, der weder Kuppler noch Zechbruder, noch Ankläger und Denunziant sein, weder die Frau eines Freunds verführen, noch den Minnesold alter Weiber erwerben, weder beim Kaiserpalast »Dunst verkaufen«, noch sich als Beifallsklatscher für musikalische Virtuosen vermieten konnte.

So schwirrten in Rom hundert Sprachen, drängten sich die Formen und Farben aller Rassen, die Trachten aller Völker durcheinander. Mohrensklaven führten Elefanten aus den kaiserlichen Zwingern vorüber. Dort sprengte ein Trupp blonder Germanen von der kaiserlichen Leibwache in glänzender Rüstung. Hier trugen Ägypter mit kahlgeschornen Köpfen in linnenen Talaren die große Göttin Isis in Prozession. Hinter einem griechischen Gelehrten ging ein junger Nubier, mit Bucherrollen beladen. Orientalische Fürstensöhne in hohen Mützen und weiten, bunten Gewändern schritten mit ihrem Gefolge in schweigsamem Ernst durch die Menge, und tätowierte Wilde aus Britannien bestaunten die Wunder der neuen Welt, die sie umringten.

Zuweilen erregte ein ungewöhnlich fremdartig aussehender Zug, der sich durch die Straßen bewegte, die allgemeine Aufmerksamkeit, und man vernahm, dies seien Gesandte aus einem fernen Barbarenlande, von dem kaum der Name bekannt war, und sie seien gekommen, um dem Kaiser die Unterwerfung oder Bundesgenossenschaft ihres Volks freiwillig anzubieten. Schon Augustus empfing, wie er sich selbst rühmt, zahlreiche Gesandtschaften von Völkern, die nie zuvor mit Rom in Verkehr gestanden hatten. Darunter waren Gesandte von den Cimbern und Charyden Jütlands und den Semnonen im Osten der Elbe, von den Stämmen der sudrussischen Steppen bis zum jenseitigen Ufer des Don, Gesandte aus Medien und Parthien, von tscherkessischen und georgischen Fürsten, von Häuptlingen Britanniens und von Häuptlingen des Fezzan und mehrere Gesandtschaften aus Indien; eine derselben war, wie man in Rom erzählte, vier Jahre unterwegs gewesen.

Die Zahl der Bevölkerung Roms läßt sich nur sehr ungefähr veranschlagen. Wenn sie auch großen Schwankungen unterworfen war, dürfte sie doch in der Zeit von Augustus bis Trajan (mit Ausnahme von Zeiten, wo Seuche und Bürgerkrieg wüteten) im Steigen begriffen gewesen sein und bis zu den großen Epidemien unter Marc Aurel und Commodus nicht merklich abgenommen haben. Mit Wahrscheinlichkeit kann man annehmen, daß sie schon am Anfang der Kaiserzeit mehr als eine Million betrug und bis in das zweite Jahrhundert hinein auf anderthalb Millionen wuchs.

Im Genuß der überschwenglichen Fülle von Vorteilen, Anregungen und Schauspielen, welche die Weltstadt bot, befanden sich die höchsten und niedrigsten Schichten der Bevölkerung am wohlsten. Die ungeheure Mehrzahl der männlichen freien Einwohner wurde auf Staatskosten ganz oder teilweise ernährt; die Großen fanden hier Raum und Mittel zu einer fürstlichen Existenz wie sonst nirgends auf der Welt. Den Schattenseiten des Lebens in Rom waren am meisten die mittleren Klassen ausgesetzt. Dazu gehörte die Höhe der Preise für alle Lebensbedürfnisse im Vergleich zu der Wohlfeilheit in den Munizipien Italiens und den Provinzen. Vor allem war die Wohnungsnot in Rom größer als in den modernen Großstädten, weil dort die Möglichkeit, das Areal der Peripherie des Stadtgebiets zu bebauen, bei dem Fehlen einer genügenden Verbindung derselben mit dem Zentrum durch allgemein zugängliche Verkehrsmittel sehr beschränkt war; selbst der Wagenverkehr innerhalb der Stadt war für Personen nur in den letzten Tagesstunden erlaubt. Ein unverhältnismäßig großer Teil des städtischen Bauareals wurde aber durch die Raumverschwendung des damaligen Bauluxus für eine kleine Minderheit in Anspruch genommen, und einen ebenfalls sehr bedeutenden Teil verschlangen die öffentlichen Anlagen (die Kaiserfora z. B. 6 Hektar), Straßenregulierungen und -erweiterungen. Der Umbau und die Verschönerungen Roms durch die Cäsaren steigerten die Wohnungsnot in ähnlicher Weise wie der Umbau von Paris durch Napoleon III. Endlich trug zur Steigerung der Wohnungsnot noch sehr die (schon von Crassus im größten Stil betriebene) Häuserspekulation und die Monopolwirtschaft des gewerbsmäßigen Hausbesitzertums bei, wobei die Häuser (wie die lodging-houses englischer Großstädte) von den Besitzern vielfach an Pächter und von diesen wieder an Afterpächter vergeben wurden, und der hohe Unternehmergewinn dieser Mittelspersonen natürlich ebenfalls von den Mietern bezahlt werden mußte. In den Pandekten wird beispielsweise einmal der Gewinn des Pächters auf mehr als 30 Prozent, der des Afterpächters ein andres Mal auf 20 veranschlagt; in Wirklichkeit sind ohne Zweifel noch höhere Gewinne vorgekommen. In Cäsars Zeit scheint der Preis der Wohnungsmieten in Rom durchschnittlich viermal so hoch gewesen zu sein als in den Städten des übrigen Italiens. Die Familien der unteren Klassen scheinen dort etwa 2000, hier 500 Sest. (435 und 108 Mark) jährlich für ihre Wohnungen gezahlt zu haben. Doch in Rom steigerten sich unter der Einwirkung der angegebenen Verhältnisse und mit den wachsenden Ansprüchen die Preise ohne Zweifel noch sehr, wenn es auch übertrieben sein mag, was Juvenal sagt, daß man Haus und Garten in Sora, Fabrateria oder Frusino für eine Summe kaufen konnte, die man dort für eine finstere Wohnung als Jahresmiete zahlte.

Aber auch die Preise aller andern zum Leben notwendigen Dinge waren sehr hoch, namentlich die des Holzes und der Nahrungsmittel für die Armen kaum erschwinglich, und »nichts war in Rom umsonst«; überdies war jeder, der nicht gerade zu den untersten Klassen gehörte, durch die Verhältnisse unaufhörlich zu einem an sich nicht notwendigen Aufwande gezwungen. Die Sitte verlangte auch von Geringeren einen gewissen Glanz in der äußeren Erscheinung, der häufig ihre Kräfte überstieg, bei Geschäftsleuten am meisten. Man schämte sich, von Ton zu speisen, konnte sich öffentlich nicht anders als in der Toga zeigen, und viele nicht ohne eine Anzahl von Begleitern und Sklaven. Eine glänzende Armut, eine kostspielige Hungerleiderei war sehr verbreitet, Schwindel und Bankerotte an der Tagesordnung. Bei Martial heißt es (im Jahre 86): Jener, den ihr dort mit langsamen Schritten schlendern seht, im elegantesten Mantel von Violettpurpur mit einem Gefolge von Klienten und Pagen und einem nagelneuen Tragsessel hinter sich, hat soeben an der Bank des Wucherers Cladus für acht Sesterzen (etwa 1,75 Mark) einen Ring verpfändet, um zur Nacht speisen zu können. Bankerott zu machen, sagt Juvenal etwa 40 Jahre später, kostet die meisten nicht mehr, als aus einem Stadtviertel ins andre zu ziehen. Die Scham kennt man kaum noch. Geht das vor den Augen der Gläubiger verpraßte Geld auf die Neige, so reisen sie nach Bajä, um Austern zu schmausen, und bedauern nichts weiter, als daß sie ein Jahr lang die Zirkusspiele entbehren müssen. Gegen den trügenden Schimmer des römischen Lebens kontrastierte die munizipale und provinzielle Einfachheit und Anspruchslosigkeit nicht minder als die Sittenstrenge, die sich namentlich in den Städten des oberen Italiens erhielt, gegen die Verderbnis und Zügellosigkeit, die in Rom sich nicht zu verbergen strebte, ja ihre Orgien mit beleidigender Öffentlichkeit feierte.

In Rom war unaufhörlich Lärm und Getümmel. Schon Horaz klagte über das Tag und Nacht fortwährende Geräusch, über das Gewühl und Gedränge in den Straßen der Stadt, aus deren »Fluten und Stürmen« er gern in die Stille und Einsamkeit der Sabiner Berge flüchtete. Aber während des ersten Jahrhunderts stieg die Bevölkerung und die Lebendigkeit des Verkehrs noch sehr, und vielleicht erreichte sie in der Zeit, wo Martial und Juvenal sie schilderten, ihre größte Höhe. Schon vor Tage riefen die Bäcker ihre Waren aus, ohne Zweifel auch die Hirten, die aus der Umgegend in die Stadt gekommen waren, ihre Milch; dann begannen die Kinderschulen im Chor zu buchstabieren, und die Hämmer und Sägen der Werkstätten setzten sich in Bewegung. Nun schleppten knarrende Wagen ungeheure Steinblöcke und Baumstämme, deren Last den Boden erschütterte, schwerbeladene Lasttiere und Träger rannten die Fußgänger an, von allen Seiten wurde man gedrängt, gestoßen, auf die Füße getreten, und Diebe hatten es in diesem Gewühl leicht, Beute zu machen. Hier, sagt Martial (ums Jahr 100), klappert der Wechsler mit dem schlechten Gelde Neros auf seinem schmutzigen Tisch, dort hämmert ein Arbeiter spanischen Goldsand auf einem Amboß. Ohne Unterlaß ertönt das Geschrei einer Prozession rasender Bellonapriester, das Geschwätz des Schiffbrüchigen, der, ein mit Binden umwickeltes Stück des Wracks in der Hand, Almosen heischt, des Judenjungen, den seine Mutter zum Betteln angewiesen hat, der Ruf des triefäugigen Händlers vom andern Tiberufer, der Schwefelfäden für zerbrochnes Glas feilbietet. Gaukler, manche mit abgerichteten Tieren – Juvenal nennt einen auf einer Ziege reitenden, einen Spieß schwingenden Affen in Soldatentracht –, marsische Schlangenfresser und Schlangenbändiger lockten Zuschauer für ihre Vorstellungen an. Hausierer mit Kleidern, Leinwand und andern Waren, Herumträger von Erbsenbrei und rauchenden Würsten, Fleischer, die ein »den Nasen furchtbares« Rinderviertel nebst dem Fuß, den Därmen und der roten Lunge ausboten, rühmten kreischend ihre Ware, jeder in seiner besonderen Melodie.

Auch bei Nacht hörte der Lärm nicht auf. In den weitläufigen Palästen, wo die Schlafzimmer weit von der Straße entfernt lagen, schlief man ruhig, in den Mietwohnungen desto schlechter. Das Gerassel der Reisewagen, die den größten Teil des Tags in der Stadt nicht fahren durften, störte den festesten Schlaf, wenn sie in scharfer Wendung die Ecken der schmalen Straßen umfuhren. Dazu kam das Toben scharenweise umherziehender Raufbolde, Nachtschwärmer und Nachtschwärmerinnen, unter denen sich zuweilen Frauen von hohem Stande befanden (wie Augustus' Tochter Julia), oder Ständchen von Liebenden, die bei ihren Schönen Einlaß erbaten oder zu erzwingen suchten.

Waren alle Hauser verriegelt, alle Tabernen geschlossen und still geworden, dann waren die leeren, ganz unbeleuchteten Straßen für den einsamen Wanderer ebenso unheimlich wie gefährlich. Oft begegnete man Totenbahren, auf denen die Leichen der Armen bei Nacht zum Scheiterhaufen geschafft wurden. Obwohl Rom seit dem Jahre 6 n. Chr. eine zugleich als Feuerwehr dienende Polizeimannschaft ( vigiles) von 7 Kohorten (zu je 1000 Mann) besaß, deren jede zwei Regionen bewachte und in jeder derselben ein Wachtlokal hatte, und deren Patrouillen ohne Zweifel allnächtlich unter Fackelbeleuchtung ihre Bezirke durchzogen, war doch die Unsicherheit zu allen Zeiten groß, Diebstähle und Einbrüche gewöhnlich. Plinius sagt, daß die Fenster, an denen die kleinen Leute sonst Grünes und Blumen zu ziehen pflegten (auch bei Tage), mit Läden verschlossen würden, wozu das »schlimme Räuberwesen einer unzählbaren Menge« genötigt hatte; vermutlich war nach dem Bürgerkriege im Jahre 69 die Unsicherheit ungewöhnlich groß geworden. Als Privatnachtwächter werden, wie Juvenal es schildert, Hausbesitzer häufig ihre Sklaven verwendet haben, Cassius Dio erwähnt, daß sie Glocken trugen, mit denen sie sich gegenseitig Zeichen gaben. Auch räuberische Anfälle waren nicht selten; Liebende wurden nach Tibull bei ihren nächtlichen Wanderungen durch den Schutz der Venus davor behütet. Manchem drohte der Dolch eines gedungenen Banditen; diese zogen sich massenweise nach Rom, wenn ihre sonstigen Schlupfwinkel, z. B. in den pontinischen Sümpfen und dem Fichtenwalde südlich vom Volturnus, von Soldaten besetzt waren. Andres hatte der Arme zu fürchten, der sich mit seinem Lichtstumpfe selbst nach Hause leuchtete oder von einem einzigen Sklaven leuchten ließ, wenn er mit einem jungen Herrn von Stande zusammentraf, der in streitlustiger Stimmung von einem späten Gelage heimkehrte. Nächtlicher Straßenunfug gehörte zu den stehenden Vergnügungen der vornehmen Jugend. Die Unglücklichen, die in ihren Weg gerieten, wurden angehalten, auf ausgebreiteten Mänteln geprellt (ein Soldatenspaß) oder sonst mißhandelt. Von den Dächern stürzten Ziegel, aus den Fenstern der oberen Stockwerke wurden Becken ausgegossen oder schadhafte Gefäße herabgeworfen, die krachend auf dem Pflaster zerbrachen.

Ernstere Gefahren drohten den Bewohnern der Miethäuser. Diese waren meist von Spekulanten aufs gewissenloseste gebaut. Die Spekulation war lockend, aber gefährlich; sie warf im günstigen Falle einen sehr hohen Gewinn ab, aber bei den in Rom so häufigen Bränden konnte sehr leicht das Kapital verlorengehen. Die Unternehmer suchten also ohne Zweifel so zu bauen, daß sie schon aus dem Mieterträge weniger Jahre einen Überschuß erzielt oder wenigstens das Kapital gedeckt haben konnten. Sie beuteten den Baugrund sowohl durch die Aufführung möglichst zahlreicher Stockwerke als durch die möglichste Verengung und Verkleinerung der Räume der Einzelwohnungen bis aufs äußerste aus und waren vorzugsweise darauf bedacht, die Herstellungskosten auf das niedrigste Maß herabzusetzen: eine Bauweise, die auch ihrerseits die Feuergefährlichkeit sehr steigerte. »Die dünnen Mauern und Wände der übereinandergetürmten Mietwohnungen, welche weder gegen die Hitze noch gegen die Kälte genügenden Schutz gewähren konnten, bestanden aus Holz oder Fachwerk; und mit besonderer Vorliebe bediente man sich des sogenannten Netzwerks, welches um seines schönen Aussehens willen den Zwecken der vor allem auf den äußeren Schein gerichteten Spekulation besonders entsprach, aber freilich auch der Solidität des Hausbaus wesentlichen Abbruch tat, da die Mauern bei dieser Bauweise sehr leicht Sprünge und Risse bekamen. Ein Teil unsrer Furcht, sagte Seneca, sind unsre Dächer; selbst aus den mit Gemälden geschmückten Sälen der großen Paläste floh man entsetzt, wenn man ein Knistern hörte. Ein großer Teil der Miethäuser war baufällig, die notwendigsten Ausbesserungen wurden vernachlässigt und ungenügend ausgeführt; wenn der Hausverwalter die wankende Mauer gestützt und einen alten klaffenden Riß durch Überstreichen verdeckt hatte, versicherte er den Mietern, sie könnten ruhig schlafen, während der Einsturz bereits über ihnen schwebte. Einstürze gehörten daher neben den Bränden schon in der letzten Zeit der Republik zu den eigentümlichen Übeln Roms. Catull rühmt spöttisch als Vorzug der Bettelarmut, daß sie keines von beiden zu fürchten habe. Strabo nennt beide Arten von Unglücksfällen unaufhörlich, die Furcht davor konnte Ängstliche in Trajans Zeit wohl aus Rom vertreiben, und auch in den späteren Jahrhunderten hat sich hierin vermutlich nichts geändert. Noch Symmachus berichtet in einem Briefe als Stadtneuigkeit, daß beim Einsturz eines Hauses in der Trajansstraße die Bewohner ums Leben gekommen seien.

Die Feuersbrünste, die in dem heutigen, fast durchweg aus Stein und Backstein gebauten Rom so gut wie unerhört sind, waren im alten Rom nicht bloß äußerst häufig, sondern auch dreifach gefährlich wegen der oben beschriebenen Bauart, der Höhe der Häuser und der Schmalheit der Straßen, besonders wegen der zahlreichen hölzernen An- und Vorbauten, die vorzugsweise die Brände nährten und mit furchtbarer Schnelligkeit unaufhaltsam verbreiteten. Durch die Stadtgeschichte Roms zieht sich außer unaufhörlichen kleinen Bränden eine Reihe ungeheurer Feuersbrünste, und die Hügel wuchsen allmählich durch den immer aufs neue sich häufenden Schutt der Ruinen. Im Jahre 6 n. Chr. veranlaßten zahlreiche, mit großen Verlusten verbundene Brände Augustus zur Errichtung der schon erwähnten, 7000 Mann starken Feuerwehr; doch scheint sie (wohl wegen der großen Unvollkommenheit der Vorrichtungen zum Löschen) verhältnismäßig wenig ausgerichtet zu haben. Unter Tiberius waren außer mehreren kleineren zwei große Brände: im Jahre 27 brannte der Cälius, im Jahre 36 der Aventin und der anstoßende Teil des großen Zirkus ab; Tiberius ersetzte beidemal den Schaden nach Möglichkeit, das zweitemal betrug der Ersatz 100 Millionen Sesterzen (21,75 Millionen Mark). Auch Caligula leistete im Anfang seiner Regierung vielen für Brandschaden Ersatz, und Claudius beteiligte sich bei der Feuersbrunst des Jahres 54, die namentlich die Vorstadt Aemiliana (im Marsfelde) in Asche legte, energisch an der Leitung der Lösch- und Rettungsarbeiten. In dem Neronischen Brande gingen, »außer einer unermeßlichen Zahl von Miethäusern, Paläste alter Feldherren unter, die noch mit der feindlichen Beute geschmückt, und Göttertempel, die von den Königen und dann in den gallischen und punischen Kriegen gelobt und geweiht worden waren, und was immer Sehenswertes und Merkwürdiges sich aus dem Altertum erhalten hatte«. »Die durch so viel Siege erworbenen Schätze, die Meisterwerke der griechischen Künste, dann die alten und unentstellten (literarischen) Schöpfungen großer Geister«, alles das blieb unersetzlich, wie groß auch die Schönheit der wiedererstehenden Stadt war. Auf den Neronischen Brand folgte unter Titus im Jahre 80 eine Feuersbrunst, die drei Tage und Nächte im Marsfelde wütete. Die Brände, meinte Plinius, seien eine Strafe für den Luxus, der freilich doch nicht aufhörte, Kostbarkeiten zu häufen, damit möglichst viel im Feuer zugrunde ginge. Martial sagt (im Jahre 90) zum Ruhme der hauptsächlich zur Herstellung des in jenem Brande Zerstörten unternommenen Bauten Domitians, daß Rom gleich dem Phönix sich durch Feuer neu verjüngt habe, und bittet Gott Vulkan, fortan die Stadt zu schonen, die ja doch nicht bloß eine Stadt des Mars, sondern auch der Venus sei. Eine Feuersbrunst unter Antoninus Pius vernichtete 340 Wohngebäude. Gellius berichtet, wie er einst unter demselben Kaiser als junger Mensch mit andern Schülern den Rhetor Julianus nach Hause begleitet habe. In der Gegend des Cispischen Bergs (einer Höhe des Equilinus) sahen sie ein Miethaus mit vielen hohen Stockwerken brennen und bereits die ganze Nachbarschaft von einer gewaltigen Feuersbrunst ergriffen; wobei einer der Anwesenden bemerkte, daß er sich längst in der Stadt angekauft haben würde, da die Einkünfte städtischer Grundstücke so hoch seien, wenn ein Mittel gegen die unaufhörlichen Brände in Rom gefunden werden könnte. Der größte Brand nächst dem Neronischen brach im Jahre 192 unter Commodus in der Nähe des Friedenstempels aus, zerstörte zuerst die dortigen Magazine ägyptischer und arabischer Waren und zog sich dann nach dem Palatin hinüber. Alle Anstrengungen, ihm Einhalt zu tun, waren umsonst, er erlosch nicht eher, bis er einen großen Teil der Stadt dem Boden gleichgemacht und ungeheure Reichtümer verschlungen hatte, aus Mangel an Nahrung. Damals gingen namentlich kostbare Bücherschätze unter. Außer den großen Bibliotheken auf dem Palatin verbrannte unter anderm eine Niederlage in der heiligen Straße, in der sich ein Teil von Galens Büchern befand. Der zwischen 203 und 211 angefertigte kapitolinische Stadtplan enthält bereits die Neubauten, durch welche Severus und Caracalla das Zerstörte herstellten oder ersetzten. Der oben erwähnte, bei Gelegenheit des Straßenkampfes im Jahre 237 oder 238 ausgebrochene Brand legte ebenfalls einen großen Teil der Stadt in Asche. Ein großer Brand am Forum unter Carinus veranlaßte Diocletian zu einer Erneuerung des Platzes und der umgebenden Gebäude.

Auch zerstörenden Naturereignissen, die sich in längeren oder kürzeren Zwischenräumen wiederholten, war Rom in hohem Grade ausgesetzt. Erdbeben waren nicht selten, so in den Jahren n. Chr. 5, 15, 51, 57, 68; sie waren öfters von Überschwemmungen begleitet. Diese ereigneten sich aber auch sonst häufig genug, und der Tiber trat nirgends so weit aus als in der Stadt, eine Erscheinung, welche die Erfahrungen des neueren Rom bestätigt haben. »Sowohl ober- als unterhalb Roms«, sagt Moltke, »ist sein Stromtal von einem Talabhang zum andern durchschnittlich ¼ deutsche Meile breit. Zwischen dem Aventin und dem südlichen Fuß des Janiculus, da wo die jetzige Stadtmauer herabsteigt, treten sich die Höhen auf 1000 Schritt nahe. Hier muß natürlich jedesmal eine Stauung eintreten, wenn nach heftigen Regengüssen im Gebirge Tiber, Nera, Velino, Anio, Paglia und so viele andre Zuflüsse ihre schnellen Fluten herabführen.« »Ganz besonders erschwerend kommen noch die Verhältnisse an der Tibermündung in Betracht, wo bei starkem Scirocco der Fluß seine Wassermassen nur höchst langsam ins Meer ergießen kann.« An der umfassendsten Fürsorge für die Regulierung der Ufer und des Strombetts ließen es die Kaiser nicht fehlen. Das von Augustus dafür eingesetzte Amt bestand fort und wurde regelmäßig von Konsularen verwaltet. Im Jahre 15 wurde im Senat über die Ableitung der Flüsse und Seen verhandelt, die dem Tiber Wasser zuführen, doch vergeblich. Eine bei Ostia gefundene Inschrift meldet, daß im Jahre 46 bei Gelegenheit des dortigen Hafenbaus Claudius Rom durch Ziehung von Gräben aus dem Tiber bis ans Meer von der Gefahr der Überschwemmung befreit habe. Auch Trajan hatte in der ersten Hälfte seiner Regierung einen Ableitungskanal angelegt, vielleicht denselben, der noch jetzt in Wirksamkeit ist: trotzdem überschwemmte im Jahre 108 oder 109 der Fluß weit und breit das flache Land, und ein dadurch herbeigeführtes Steigen des Anio verbreitete die Verwüstung noch sehr viel weiter. Und so überfluteten, trotz aller Bemühungen und Vorsichtsmaßregeln, seine gelben Gewässer im Frühling oder Herbst, von Stürmen rückwärts gestaut, von Regengüssen geschwellt, immer aufs neue die Niederungen Roms und erreichten zuweilen höher gelegene Stellen, zerstörten die alte hölzerne Brücke und rissen in plötzlichem Steigen Menschen und Tiere zahlreich mit sich fort. Tagelang standen dann ganze Stadtteile unter Wasser, so da nur die höher gebauten Häuser herausragten, und wurden mit Kähnen befahren, die auch den Abgeschnittenen Nahrung zuführten. Sank der Strom wieder in sein Bett zurück, so folgten Einstürze der unterwühlten Gebäude, Seuchen und Hunger; der letztere, weil die Überschwemmungen sehr häufig die großen in den Speichern am Flußhafen aufgehäuften Kornvorräte vernichteten, wie das Plutarch für das Jahr 69 ausdrücklich bezeugt. Noch Gregor von Tours berichtet von einer Überschwemmung Roms, in der unter anderm die der Kirche gehörigen Speicher mit großen Getreidevorräten zerstört wurden.

Das alte Rom hatte unter den Nachteilen der Lage am Fluß schwerer zu leiden als das heutige, weil seine seitdem durch Bauschutt erhöhten Niederungen tiefer lagen (im Marsfelde um 1-2, auf dem Forum um 6-12 Meter), während die Höhe des Flußbetts nicht in demselben Maße zugenommen hat. Natürlich trug auch dieser Umstand zur Häufigkeit der Überschwemmungen im Altertum nicht wenig bei. Die Geschichtsschreiber haben ohne Zweifel nur die größten derselben und auch diese wohl nur unvollständig verzeichnet, unter Augustus fünf, in den Jahren 27, 23, 22, 13 v. Chr. und 5 n. Chr. Bei der vorletzten konnte man in das neue Theater des Cornelius Balbus, das dieser gerade mit Schauspielen einweihte, nur in Kähnen gelangen; bei der letzten wurde die Stadt 7 oder 8 Tage lang mit Kähnen befahren, und die Zahl der umgekommenen Menschen wie der eingestürzten Häuser war beträchtlich. Unter Tiberius werden zwei Überschwemmungen erwähnt, im Jahre 15 und 36. Eine der größten war im März 69, wo die Flut, von der Masse der Trümmer zurückgedrängt, auch hochgelegene, sonst selbst bei hohem Wasserstande sichere Orte erreichte, viele Menschen auf den Straßen fortriß, andre in Buden und Schlafzimmern überraschte. Otho, dessen Ausmarsch durch diese Überschwemmung verzögert wurde, fand in einer Entfernung von 20 Meilen (30 km) von Rom die Straße durch eingestürzte Gebäude gesperrt. Auch in der Zeit von Nerva bis Marc Aurel verging keine Regierungsperiode, ohne daß Rom mindestens einmal von einer großen Wassernot heimgesucht worden wäre.

Aber nicht bloß infolge von Überschwemmungen trat in Rom Hungersnot ein. Auch die angelegentlichste Fürsorge der Kaiser vermochte nicht immer die Zufälle abzuwenden, die in der überfüllten, ganz auf den Ertrag überseeischer Ernten angewiesenen Stadt Mangel und Teuerung herbeiführten und mit ihnen die Gefahr des Aufruhrs. Ein Hauptgrund, weshalb der Privathandel nicht abhalf, war, daß die großen, den Getreideländern aufgelegten Naturalleistungen für den Export wenig übrig ließen. Ägypten deckte unter Vespasian durch seine Abgaben den Bedarf Roms an Korn auf vier Monate; die Provinz Afrika lieferte das für die übrigen acht Monate ausreichende Getreide. Außerdem war es für den Privathandel unmöglich, die Konkurrenz mit dem Fiskus auszuhalten, der das teils als Abgabe gelieferte, teils durch seine Agenten in den Provinzen eingekaufte Getreide zuweilen sogar unter dem Wert verkaufte, weshalb auch die Versuche der Kaiser, die Getreidespekulation der Privaten durch Auszeichnungen und Privilegien zu ermutigen, keinen erheblichen Erfolg haben konnten. Die Maßregeln der Kaiser für eine ausreichende Kornzufuhr waren allerdings die umfassendsten. Eine eigene Getreideflotte für Ägypten war schon im Anfang der Kaiserzeit errichtet worden, zu der unter Commodus eine zweite für Afrika kam. Den Hafen Roms, Ostia, in dem die Schiffe im Winter nicht hatten landen können, baute Claudius mit ungeheuren Kosten aus und verlegte dahin zum Schutze der Magazine eine Kohorte der römischen Feuerwächter. Trajan fügte einen zweiten, sicheren Hafen hinzu, und der an diesem neu aufblühende Ort Portus überflügelte Ostia durch seine günstigere Lage. In Rom selbst wurden je länger, desto größere Vorräte angelegt. Schon Tiberius erinnerte in einem Schreiben an den Senat im Jahre 32, um wieviel größer die Getreidezufuhr unter ihm sei als unter Augustus, und aus welchen Provinzen sie komme. Unter Trajan waren so große Vorräte aufgespeichert, daß bei einer Mißernte in Ägypten aus Rom Getreide dorthin gesandt werden konnte. Auch unter Marc Aurel wurde den Städten Italiens bei einer Hungersnot aus Rom Korn verabfolgt. Severus hinterließ einen auf sieben Jahre ausreichenden Vorrat. Aber trotz alledem kehrten in den beiden ersten Jahrhunderten Teuerungen unter guten wie unter schlechten Regierungen immer von neuem wieder, teils wegen der Zufälle, denen der überseeische Transport ausgesetzt war, teils weil die Vorräte in den römischen Speichern verdarben oder durch Feuer und Wasser zugrunde gingen (im Jahre 62 ließ Nero das durch Alter verdorbene Korn in den Tiber werfen, um das Volk über die Hinlänglichkeit der Vorräte zu beruhigen; in der Tat stieg der Preis nicht, obwohl 200 Kornschiffe im Hafen durch Sturm, 100 andre auf dem Fluß durch Brand zerstört wurden; teils endlich infolge von großen Unterschleifen oder Untreue der Beamten: wie nach Cassius Dio die große Teuerung im Jahre 189 durch den Getreidepräfekten Papirius Dionysius noch gesteigert wurde, um den kaiserlichen Kämmerer Cleander, der sie durch seine Unterschleife hauptsächlich verschuldet hatte, dem Hasse des Volkes preiszugeben. Bei einer zum Teil infolge der Tiberüberschwemmung ausgebrochenen, durch Mißernten verlängerten Not, die während der Jahre 5 bis 8 andauerte, stieg der Preis des Brotkorns auf das Fünf- bis Sechsfache des gewöhnlichen; die Monatsration eines Erwachsenen (5 Modi, 43,6 Liter), deren Durchschnittspreis etwa 5 Denar (4 Mark 35 Pf.) war, wurde für 27½ Denar (23 Mark 87 Pf.) verkauft; eine in neuerer Zeit unerhörte Steigerung. Alle zum Verkauf nach Rom gebrachten Sklavenfamilien und Gladiatorenbanden sowie sämtliche Fremde, mit Ausnahme der Ärzte und Lehrer, und sogar ein Teil der im Privatbesitz befindlichen Sklaven wurde ausgewiesen, Augustus selbst und andre entließen den größten Teil ihrer Dienerschaft. Trotzdem gelang es nur durch außerordentliche Anstrengungen, einem drohenden Aufruhr vorzubeugen. Im Jahre 19 war abermals eine Teuerung. Tiberius setzte auf die Beschwerden des Volks einen Maximalpreis für das Getreide an und zahlte den Kornhändlern auf jeden Modius zwei Sesterzen (43,5 Pf.) zu. Im Jahre 32 kam es wieder wegen der hohen Preise fast bis zum Aufruhr. Die Menge äußerte ihre Forderungen mehrere Tage lang wegen der Abwesenheit des Kaisers (auf Capri) in stürmischerer Weise als gewöhnlich. Die Verwendung vieler Fahrzeuge zum Bau von Caligulas Brücke von Bajä nach Puteoli (39) tat der Schiffahrt so großen Eintrag, daß im Jahre 41 wieder eine Teuerung ausbrach, die den Kaiser Claudius zum Bau des Hafens von Ostia veranlaßte. Eine zweite entstand unter des letzteren Regierung durch Mißernten im Jahre 52. Damals war nur noch auf 15 Tage Getreide vorhanden, ein Tumult erhob sich, und Claudius entkam mit Mühe dem wütenden Volke. Glücklicherweise war der Winter milde, und die Aufmunterung, die der Kaiser der Schiffahrt und dem Kornhandel durch große Prämien zuteil werden ließ, erwies sich als hinreichend wirksam. Im Jahre 68 wurde kurz vor Neros Ende bei einer Hungersnot der Unwille des Volks durch die Meldung eines alexandrinischen Schiffs gesteigert, das für die kaiserliche Ringschule Nilsand brachte. Die durch die große Überschwemmung im Jahre 69 verursachte, durch Mangel an Erwerb bei der allgemeinen öffentlichen Unsicherheit vermehrte Not ist bereits erwähnt worden. In den sämtlichen Regierungsperioden von Hadrian, unter welchem die Not sich über das ganze Reich oder einen großen Teil desselben erstreckt zu haben scheint, bis Commodus wurde Rom mindestens je einmal von Hunger oder Teuerung heimgesucht. Auch hierin änderte sich wahrscheinlich in den späteren Zeiten nichts. Ammian z. B. unterläßt, wo er auf Rom zu sprechen kommt, fast nie, den Erfolg oder Mißerfolg der Präfekten auf dem Gebiet der Getreideverwaltung hervorzuheben, und meistens sind es Mißerfolge, die er zu verzeichnen hat. Die damals bei Teuerungen übliche Massenausweisung der Fremden wird auch in der früheren Kaiserzeit (wie unter Augustus) ein beliebtes Mittel gewesen sein, die Schwierigkeit der Ernährungsfrage zu vermindern.

Auch die Keime verheerender Volkskrankheiten hafteten von jeher an diesem Boden. Die Ungesundheit der Lage Roms ist weltbekannt. Die Wirkung der Kanalnetze im Innern der Tuffhügel, welche im Altertum die Feuchtigkeit des Bodens und damit die Malariaerzeugung in hohem Grade verminderten, scheint weit mehr der Campagna zugute gekommen zu sein als der Stadt selbst, in welcher natürlich auch die Absperrung der im Boden verbreiteten Malariakeime durch das Straßenpflaster und die Fundamente der Gebäude aller Art immer nur eine unvollkommene sein konnte. Dort als am Haupte des Weltalls, sagt Ammianus Marcellinus, hat auch die Wut der Krankheiten größere Gewalt, und die gesamte Heilkunde erlahmt in dem Versuch, sie zu lindern. Schon die ältesten Ansiedler hatten dem Geiste des Fiebers Altäre errichtet, und das Fieber ist zu allen Zeiten in Rom endemisch gewesen; am meisten waren (nach Galen) die Menschen dort mit dem drittehalbtägigen behaftet. Die gefährlichste Zeit war, wie heutzutage, der Frühherbst, die Monate August und September. Dazu mußten sich in einer so gedrängt wohnenden Bevölkerung schädliche Einflüsse in Menge erzeugen und ins unendliche vermehren. Galen sagt, man könne in Rom täglich unzählige Gelbsüchtige und (ohne Zweifel infolge des Fiebers) Wassersüchtige sehen. Überhaupt fanden Ärzte hier das reichste Material für ihre Studien. Eine Form der Schulterverrenkung, die Hippokrates gar nicht beobachtet hatte, sah Galen in Rom viermal; freilich war auch Rom um ein Vielfaches größer als die Städte, in denen Hippokrates sich aufgehalten hatte. Eine ungesunde Blässe war die gewöhnliche Gesichtsfarbe der Städter. Martial schreibt an einen Domitius, der nach Oberitalien reiste, nach seiner Rückkehr werde die Schar seiner blassen Freunde ihn gar nicht wiedererkennen und die Frische seiner Wangen mit Neid betrachten; aber möge er auch noch so sonnenverbrannt zurückkommen, so werde ihm Rom bald die Farbe rauben, welche die Reise ihm gegeben habe. Eine schwere Luft lagerte über der Stadt, von den Gerüchen unzähliger rauchender Küchen geschwängert, deren verpestete Dämpfe sich mit Staubwolken vermischten; sobald man die Stadt im Rücken hatte, fühlte man sich erleichtert. Mag auch die große Erweiterung der Wasserversorgung durch Frontin die Wirkung der schädlichen Einflüsse vermindert haben: sie völlig aufzuheben, war unmöglich.

Im kaiserlichen wie im republikanischen Rom haben große Epidemien, oft in erschreckend kurzen Zwischenräumen einander folgend, zahllose Opfer hingerafft (unter der Bezeichnung der Alten »Pesten« oder »Pestilenzen« ist niemals die orientalische Beulenpest, sondern Seuchen der verschiedensten Art zu verstehen). Unter Augustus herrschten besonders in den Jahren 23 und 22 v. Chr. in Rom und ganz Italien verheerende Krankheiten. Bei der großen Seuche im Herbste des Jahrs 65 n. Chr. blieb kein Geschlecht, kein Stand noch Alter verschont, die Häuser waren voll von Leichen, die Straßen von Leichenzügen. In die Bücher der Todesgöttin Libitina, bei deren Tempel die Leichenbesorger ihren Standort und ihre Niederlage hatten, wurden während dieses einen Herbstes 30.000 Bestattungen eingetragen; dies kann aber nur ein Bruchteil der sämtlichen sein. Denn abgesehen davon, daß der Apparat der Libitina bei großen Epidemien lange nicht ausreichte, können Sklaven und ganz Unvermögende wohl unmöglich durch sie bestattet worden sein, am wenigsten bei einer so ungeheuren Sterblichkeit. Auch auf den Ausbruch des Vesuv (im Jahre 79) folgte im Jahre 80 eine verheerende Volkskrankheit in Rom, »wie es kaum je eine gegeben hatte«. An vielen Tagen sollen etwa 10.000 Todesfälle in die tägliche Sterbeliste ( ephemeris) eingetragen worden sein, aus welcher (wenigstens in späterer Zeit) Übersichten der Altersklassen der Verstorbenen angefertigt wurden. Die Zahl von 10.000 täglichen Todesfällen ist nicht unglaublich, da in Palermo (mit damals etwa 168.000 Einwohnern) vom 3. bis 13. Juli 1837 täglich über 1000, am 10. 1803 Menschen starben.

Doch die furchtbarste, weil am längsten dauernde und am weitesten verbreitete aller Epidemien nicht bloß Roms, sondern der Alten Welt überhaupt, war die in Babylonien ausgebrochene, in Ionien schon 162 wütende, von dem aus dem Orient zurückkehrenden Heere des L. Verus in den Westen eingeschleppte, welche durch einen sehr großen Teil des römischen Reichs bis nach dem Rhein und Gallien vordrang, die Lager der Legionen verheerte und ganz Italien dermaßen entvölkerte, daß Dörfer, Städte und Felder nach dem Hinsterben der Bebauer und Bewohner zu ruinenerfüllten oder waldbewachsenen Einöden wurden. Die Seuche ergriff Rom im Jahre 167 oder 168 und raffte viele Tausende hin, auch eine große Anzahl aus den höchsten Ständen. Haufenweise wurden die Leichen auf Lastwagen aus der Stadt geschafft, die Toten des gemeinen Volks ließ Marc Aurel auf öffentliche Kosten begraben. Galen sagt, daß die Seuche der von Thucydides beschriebenen sehr ähnlich war, in beiden bedeckten sich die Körper der Kranken mit schwarzen Pusteln, sie hatten heftigen Husten, Heiserkeit und übelriechenden Atem: man glaubt, daß beides Blatternepidemien waren. Die Seuche dauerte viele Jahre, in denen sie vermutlich bald stärker, bald schwächer auftrat; sie herrschte noch beim Tode Marc Aurels (180), der vielleicht selbst daran starb und den der Gedanke an ihre Verheerungen auf dem Sterbebette beschäftigte; und die Krankheit, die in Rom unter Commodus (etwa 187-189) wütete, ist wohl ihr letzter heftiger Ausbruch gewesen. Nach Cassius Dio starben damals in Rom an einem Tage oft 2000 Menschen. Schon damals ging das bei verheerenden Seuchen so leicht auftauchende Gerücht, die Krankheit werde von eigens dazu gedungenen Menschen (durch Stechen mit vergifteten Nadeln) geflissentlich verbreitet.

So zahlreiche, mannigfache und furchtbare Übel erinnerten auch in dem »goldenen, heiligen, ewigen« Rom immer von neuem an das Wort Varros: das Land ist göttlichen Ursprungs, die Städte von Menschenhand gebaut.

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