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Sittengeschichte Roms

Ludwig Friedländer: Sittengeschichte Roms - Kapitel 12
Quellenangabe
typereport
authorLudwig Friedlaender
titleSittengeschichte Roms
publisherPhaidon-Verlag
year1934
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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X. Die schöne Literatur

Die folgende Betrachtung wird versuchen zu zeigen, daß die Bedeutung der Poesie für die Gesamtbildung im späteren römischen Altertum eine wesentlich andre, und zwar umfassendere und tiefer greifende war als gegenwärtig. Zu diesem Zweck ist das Verhältnis der gebildeten Welt zur Poesie, die dieser gestellten Aufgaben, die durch beides bedingte Stellung der Dichter, endlich die Ablösung der Poesie durch die Kunst der Prosa ins Auge zu fassen.

Das Verhältnis der gebildeten Welt zur Poesie war zum großen Teil durch den Jugendunterricht bestimmt, und hier wurden ganz andre Zwecke verfolgt und auf ganz andren Wegen als gegenwärtig. Wenn der heutige Jugendunterricht eine erste Orientierung auf den wichtigsten Gebieten menschlichen Wissens, ein möglichst vielseitiges Verständnis der mannigfachen wissenschaftlichen Arbeit und die Fähigkeit sich an ihr zu beteiligen bezweckt, so war er im Altertum schon darum sehr viel einfacher, weil die jetzt auf den Schulen gelehrten Wissenschaften teils gar nicht oder nur in ihren ersten Anfängen existierten, teils nicht als zur allgemeinen Bildung gehörig betrachtet wurden. Nicht zu einer möglichst großen Empfänglichkeit, sondern zur eignen Gestaltungsfähigkeit sollte der jugendliche Geist gebildet werden. Das Hauptziel des Unterrichts war die Gewinnung nicht eines umfangreichen Wissens, sondern eines virtuosen Könnens, einer möglichst vollkommnen Herrschaft über den sprachlichen Ausdruck, die Erwerbung der Kunst, das Wort zur klaren und überzeugenden Entwicklung der Gedanken, zum angemessenen und geschmackvollen, wenn möglich reichen, schönen und hinreißenden Ausdruck zu gebrauchen.

Für die Zeit der Republik, wo die Rede mit weit größerem Recht als heute das Wissen »eine Macht« heißen konnte, wo, wie Tacitus sagt, »niemand ohne Beredsamkeit zu großer Macht gelangte«, bedarf dies keiner Erläuterung. Aber wenn auch mit dem Untergange der Republik die politische Beredsamkeit verstummte, so war doch durch die lebhafte Empfänglichkeit der Südländer für das lebendige Wort und durch die ganzen Lebensgewohnheiten des Altertums ein gewisser Grad von Öffentlichkeit und Mündlichkeit für alle Verhältnisse mit Notwendigkeit bedingt, und auch in der Monarchie stand Schrift und Rede in bezug auf Wichtigkeit und Einfluß zueinander im umgekehrten Verhältnis wie in der heutigen Welt. Durch die Macht der Rede, sagt Diodor, haben die Hellenen vor den Barbaren, die Gelehrten vor den Ungebildeten den Vorrang; durch sie allein kann ein einzelner der Masse überlegen sein. Von der Beredsamkeit, sagt der ältere Seneca, ist der Übergang zu allen Kenntnissen und Fertigkeiten leicht, sie rüstet auch diejenigen aus, die sie nicht für sich selbst erzieht.

Nicht bloß für den Advokaten und Lehrer, auch für den höheren Offizier oder Beamten, für den Senator oder Staatsmann, überhaupt für jeden, der nach einer hervorragenden Lebensstellung strebte, war Beredsamkeit unentbehrlich. Der beste Maßstab für den Wert, den auch die Monarchie auf die Redekunst legte, der beste Beweis dafür, daß sie auch jetzt als das wichtigste Moment der allgemeinen Bildung galt, liegt darin, daß sie das erste Fach des Unterrichts war und lange das einzige blieb, für das zu sorgen der Staat als seine Pflicht erkannte. Die ersten von der Regierung in Rom begründeten, mit einem reichen Gehalt (von 100.000 Sesterzen = 21.750 Mark) dotierten öffentlichen Lehrstühle waren die der römischen und griechischen Beredsamkeit, und der Kaiser, der dem Budget diese Last auferlegte und Quintilian, »den Ruhm der römischen Toga«, zu der römischen Professur berief, »ihn zum höchsten Leiter der unsteten Jugend machte«, war Vespasian, der haushälterische, allen idealen Tendenzen abholde, ganz den praktischen Bedürfnissen zugewandte Regent. Bald hatten nicht bloß die größeren, sondern (wenigstens um die Mitte des 2. Jahrhunderts) auch viele kleinere Städte Italiens und der Provinzen ihre von den Kommunen angestellten Professoren der Beredsamkeit; die größten ohne Zweifel so gut wie Rom griechische und lateinische zugleich.

Die Vorbereitung zum Unterricht in der Beredsamkeit war eine sehr intensive und ganz ausschließliche Beschäftigung mit der Poesie. Der Dichter »formte schon den stammelnden Mund des Kindes«, und die Lesung und Erklärung der Dichter war der so gut wie einzige Gegenstand des eigentlichen Schulunterrichts der heranwachsenden Jugend. Daneben wurde nur etwa einige Kenntnis der Geometrie und der Musik als notwendig oder wünschenswert anerkannt; die letztere, in welcher der Unterricht sich häufig auf die Theorie beschränkte, scheint ihre Aufnahme unter die Lehrgegenstände ihrem im Altertume so viel engeren Zusammenhange mit der Poesie verdankt zu haben. Einige andre Kenntnisse wurden dem jugendlichen Geiste durch die Poesie vermittelt, namentlich aus der Geographie, Astronomie (welche daher auch in beiden Sprachen immer von neuem zum Gegenstande poetischer Darstellungen gemacht wurde), Philosophie, Literaturgeschichte und Geschichte, als deren Teile Sage und Mythologie allgemein betrachtet wurden. Zugleich sollten die Kinder auch die Lehren der Sittlichkeit und Lebensweisheit aus den Dichtern sich aneignen und einprägen, deren Sinnsprüche zu diesem Zweck wahrscheinlich in zahlreichen, besonders für den Schulgebrauch bestimmten Blütenlesen (Sentenzensammlungen) zusammengestellt waren.

Wo eine höhere Bildung bezweckt wurde, erstreckte sich der Schulunterricht selbstverständlich auch auf die griechischen Dichter. Mit Homer begann er zu allen Zeiten, was Quintilian billigt; denn wenn auch für ein volles Verständnis seiner Poesie ein reiferes Alter erforderlich sei, so werde doch jeder diese Gedichte mehr als einmal lesen. Von den übrigen griechischen Dichterwerken nennt er die Tragödien und lyrische Gedichte; ausgeschlossen will er, wie es scheint, nur solche wissen, die durch ihren Inhalt Bedenken erregen konnten, wie Elegien; ganz besonders empfiehlt er Menander, dessen Stücke schon in Ovids Zeit in Knaben- und Mädchenschulen gelesen wurden. Noch in der spätesten Zeit des Altertums wurden Homer und Menander den Knaben zum Erlernen des Griechischen in die Hand gegeben. Der Vater des Dichters Statius hielt zu Neapel eine Schule, die, wie der Sohn versichert, nicht bloß von Knaben der nächsten Städte, sondern auch aus Lucanien und Apulien besucht wurde. In dieser Schule wurden Homer, Hesiod, Epicharm, Pindar, Ibycus, Alcman, Stesichorus, Sappho, Corinna, Callimachus, Lycophron, Sophron und andere Dichter gelesen. Eine so ausgedehnte Beschäftigung mit griechischer Poesie mochte freilich außerhalb der eigentlich griechischen Länder eben nur in einer Stadt wie Neapel vorkommen, wo sich griechische Sprache und Sitte behauptet hatte; daß aber Bekanntschaft mit den bedeutendsten griechischen Dichtern bei jedem Gebildeten – also doch wohl von der Schule her – vorausgesetzt wurde, zeigt auch Senecas Erzählung von jenem Calvisius Sabinus, der, um gebildet zu scheinen, seine Sklaven die Dichter auswendig lernen ließ, aus denen er Zitate anführen wollte: wo außer Homer und Hesiod auch die neun griechischen Lyriker genannt werden.

Während wir aber über die Wahl der griechischen Dichter für den Schulunterricht nicht näher unterrichtet sind, namentlich nicht, ob und inwiefern sie in verschiednen Zeiten verschieden getroffen wurde, wissen wir, daß die lateinischen Dichter, die in der Schule gelesen wurden, im 2. Jahrhundert ganz andre waren als im ersten; und zwar erfolgte diese Veränderung auf Grund der großen Umwälzung der literarischen und Geschmacksrichtung, die sich etwa seit Neros Zeit vorzubereiten anfing und zu Anfang des 2. Jahrhunderts vollzog.

Von den lateinischen Dichtern war im 1. Jahrhundert Vergil der erste, welcher der Jugend in die Hände gegeben wurde, und seine Gedichte ebenso das Fundament und der Hauptgegenstand des lateinischen, wie die Homerischen des griechischen Unterrichts. Nächst ihm dürfte Horaz am meisten gelesen worden sein; die Büsten beider schmückten, wie es scheint, noch zu Anfang des 2. Jahrhunderts gewöhnlich die Schulstuben. Mit der Einführung der neuesten Dichter in den Schulunterricht soll der Grammatiker Q. Cäcilius Epirota, ein Freigelassener von Ciceros Freunde Atticus, vorangegangen sein, der seine Schule nach dem Tode seines Gönners, des Dichters Cornelius Gallus, 26 v. Chr. eröffnete. Hier las er Gedichte Vergils (offenbar noch vor dessen Tode 19 v. Chr.) und andrer lebender Dichter vor und erklärte sie, was ihm von einem Epigrammdichter die Benennung »Kinderfrau der Poeten im Säuglingsalter« eintrug. Doch vermutlich machte Cäcilius Epirota durch sein Beispiel nur zur Sitte, was zuvor vereinzelt geschehen war; denn Horaz erklärt es schon in einer um mehrere Jahre älteren Satire für Torheit, wenn ein Dichter den Beifall der Menge wünsche und es gern sehe, daß seine Gedichte in niedrigen Schulen gelesen werden. Allem Anscheine nach las man hier seit dieser Zeit gerade die lebenden neuesten Dichter vorzugsweise. Daß auch Lucans Epos unmittelbar nach seiner Veröffentlichung in der Schule allgemein gelesen wurde, darf man daraus schließen, daß in Vespasians Zeit von dem Redner dichterischer Schmuck, »aus dem Heiligtume des Vergil, Horaz und Lucan entnommen«, verlangt wurde; übrigens bezeugt es Sueton ausdrücklich, daß die Buchhändler übermäßige Sorgfalt auf die Ausstattung seiner Werke verwandten, sowie deren Absatz für den Dichter bewies, heißt es, daß er ein Dichter war. Es sei doch schön, sagt Martial, am besten bei Persius, wenn seine Verse hundert lockigen Kindern vordiktiert werden. Statius konnte schon am Schluß seiner Thebaide sich rühmen, daß dieses Werk, die Frucht zwölfjähriger Arbeit, bereits von der Jugend Italiens eifrig gelernt werde. Martial, dessen Gedichte ihr lasziver Inhalt natürlich für Unterrichtszwecke völlig ungeeignet machte, läßt sich von seiner scherzhaften Muse die Frage vorlegen, ob er etwa zum tragischen Kothurn übergehen oder Kriege in epischen Gedichten besingen wolle, »damit ein aufgeblasener Schulmeister ihn mit heiserer Stimme vorlese, und er heranwachsenden Mädchen und guten Jungen zum Gegenstande des Hasses werde«.

Aber damals hatte sich schon längst in den literarischen Kreisen der Streit erhoben, ob die alte oder die neue Literatur den Vorzug verdiene, und die unbedingten Anhänger der ersteren wollten natürlich die letztere auch in der Schule nicht dulden. Schon in Vespasians Zeit hatte sich eine scharfe Opposition gegen die moderne Prosa mit ihren Extravaganzen, ihrer Unnatur und Gespreiztheit gebildet, auf deren Seite Quintilian sich stellte, dessen Autorität ohne Zweifel für weite Kreise maßgebend war. Er fand beim Antritt seines Lehramts den glänzendsten Autor der Modernen, Seneca, von der Jugend allgemein und enthusiastisch bewundert, und zwar gerade wegen seiner blendenden und verführerischen Fehler, welche die Nachahmer noch vervielfachten und überboten. Quintilian erstrebte und bewirkte mit Gleichgesinnten eine Regeneration der Prosa auf der Basis des ciceronischen Stils, der allerdings, von den Schriftstellern dieser Richtung dem Bedürfnis der Zeit gemäß umgestaltet, mehr Beweglichkeit, Farbigkeit und Glanz erhielt.

Aber dies war schon damals einem Teil der Freunde des Alten viel zu wenig: sie glaubten noch um ein Jahrhundert weiter, selbst zu den Inkunabeln der römischen Literatur zurückgreifen zu müssen, um die Muster zu finden, an denen der entartete Geschmack neu erzogen werden sollte; sie priesen den alten Cato, die alten Chronisten und Redner, wie Gracchus, und die Dichter aus der Zeit der punischen Kriege, Nävius, Ennius, Plautus, Accius, Pacuvius, Lucilius und deren Zeitgenossen, und wollten sie natürlich auch in die Schule eingeführt sehen. Diese Richtung hatte ums Jahr 90 schon so weit Boden gewonnen, daß Quintilian die letzte Forderung als berechtigt anerkannte. Seine Natur war zu maßvoll, sein Blick zu frei, sein Geschmack zu fein, als daß er in diesem Streit überhaupt hätte Partei nehmen sollen; am wenigsten konnte er es für die Altertümer, vielmehr stand er seiner ganzen Richtung nach den Modernen weit näher, er teilte den Enthusiasmus für Ennius und Plautus nicht und wollte dem ersteren nur die Ehrfurcht zollen, die das durch Alter Geheiligte fordern darf, Cato und Gracchus hat er in seiner Übersicht der Musterschriftsteller nicht einmal genannt. Aber doch gab er zu, daß es zweckmäßig sei, die alten Dichter in der Schule zu lesen. Sie seien allerdings geeignet, den Geist des Knaben zu nähren und in seinem Wachstum zu fördern, obwohl ihre Stärke mehr in ihrer Naturanlage als in ihrer Kunst liege; namentlich den Reichtum des Ausdrucks zu vermehren, für welchen die Tragödie Muster des Ernstes und der Würde, das Lustspiel solche der Eleganz biete. Auch sei die künstlerische Komposition sorgfältiger als bei den meisten neueren, welche Sentenzen als die Hauptschönheit aller Dichterwerke ansähen. Sodann müsse man bei ihnen sittlichen Ernst und innerliche Kraft suchen, da der Ausdruck der Modernen zur äußersten Üppigkeit entartet sei. Endlich beruft sich Quintilian auf Cicero und andre große Redner, die doch wohl wußten, was sie taten, wenn sie in ihren Reden so viele Stellen aus Ennius, Accius, Pacuvius, Lucilius, Terentius u. a. anbrachten. Allem Anscheine nach gewann die Partei der Altertümler die Oberhand unter Hadrian: es mußte ihren Sieg entscheiden, daß der Kaiser sich offen zu ihr bekannte, dem Cicero den Cato, dem Vergil den Ennius vorzog, und unter den beiden Antoninen gelangte sie, wie es scheint, zu einer fast unumschränkten Herrschaft in der Schule und in der Literatur, wie schon allein das Ansehen, dessen eine solche Null wie Fronto als ihr extremster Vertreter sich erfreuen konnte, schließen läßt.

Auch in dieser Partei gab es natürlich verschiedne Richtungen; die ausschließlichste und unbedingte Anbetung der Alten, verbunden mit ebenso unbedingter Ignorierung und Verwerfung der Modernen, lernen wir, wie gesagt, bei Fronto kennen. In seiner Korrespondenz mit seinen fürstlichen Schülern Marc Aurel und Lucius Verus, die von Zitaten aus der alten Literatur wimmelt, wird man selbst die Namen Vergil und Livius vergebens suchen, Horaz erwähnt er einmal. Nur wo er seinen bereits auf den Kaiserthron gelangten Schüler Marcus um Erlaubnis bittet, sein altes Lehrerrecht wieder üben zu dürfen, um ihm mit unbeschreiblich komischer Angst seine ernsten Besorgnisse wegen einer gewissen Neigung zum Modernen auszusprechen, die eine seiner Reden verrate, nennt er Seneca und Lucan, um aufs dringendste vor beiden zu warnen. Es sei ja freilich bei Lucan manches Hübsche, aber auch in Kloaken werden Silberstückchen gefunden, wer werde deshalb dort herumstöbern wollen! Das Sicherste sei, sich solcher Lektüre ganz zu enthalten, denn auf schlüpfrigem Boden gleite man immer leicht aus.

Gellius stand zwar im ganzen auf demselben Standpunkt wie Fronto, auch er hat für nötig gefunden, Seneca einmal zu erwähnen, um sich stark und entschieden gegen ihn auszusprechen; es werde wohl genug sein, meint er, wenn er die mißfälligen Urteile dieses »abgeschmackten und törichten« Menschen über Ennius, Vergil und Cicero anführe; Lucan nennt er nirgends. Aber Gellius, obwohl ein großer Pedant, war doch keineswegs ohne Geschmack und nicht so borniert wie Fronto, er bewunderte Vergil nicht minder als Ennius. Sonst erwähnt er allerdings keine Dichter der Augusteischen Zeit, nur daß er dem Horaz die Ehre erweist, eine Erörterung über die Namen der Winde an eine Stelle aus seinen Oden anzuknüpfen.

So hatte sich also im Laufe von etwa 100 Jahren eine völlige Umwälzung des Geschmacks vollzogen, die im 1. Jahrhundert bewunderten und nachgeahmten Schriftsteller und Dichter wurden im 2. verachtet und ignoriert und umgekehrt. Die Zahl der Dichter, in deren Bewunderung sich beide Zeitalter vereinigten, scheint nicht groß gewesen zu sein; es gehörte dazu außer Vergil, dessen Größe auch die Altertümler nicht bestritten, besonders Catull, den auch die Modernen liebten, wie denn Martial ihn vor allen andern nachgeahmt hat. Juvenal ist der letzte der Modernen; er erinnerte sich noch lebhaft, wie Statius, der gepriesene Epiker der Partei in der Domitianischen Zeit, ganz Rom durch die Anzeige erfreute, daß er seine Thebaide vorlesen werde, wie alles zu der Vorlesung strömte, alles hingerissen war und die Sitze unter den rasenden Beifallsbezeigungen der Zuhörer zusammenbrachen. Aber ein Menschenalter später war Statius wie verschollen, und Lucan wurde, wie es scheint, schon unter Hadrian gewöhnlich nicht mehr in der Schule gelesen. Immerhin behielten manche der Modernen Freunde und Leser, wie z. B. Aelius Verus neben Ovid besonders gern Martial las, den er seinen Vergil nannte, und der bis zum Ende des Altertums zu den gelesensten Dichtern gehörte. Aber zahlreich waren die dieser Richtung angehörenden Literaturfreunde im 2. Jahrhundert schwerlich. Ennius, dem Quintilian hinlängliche Pietät erwiesen zu haben glaubte, wenn er ihn als ehrwürdige Antiquität gelten ließ, war in aller Munde. Enniusvorleser zogen in Italien von Ort zu Ort, und Gellius beschreibt, wie ein solcher ( Ennianista) im Theater von Puteoli die Annalen des Ennius vortrug und vom rauschenden Beifall des Publikums begleitet wurde. Grammatiker (Philologen) mußten vor allem in Ennius Bescheid wissen. Fronto malt sich in einem Briefe an seinen ehemaligen Schüler, den Kaiser Marc Aurel, der auf einige Tage zur Erholung nach Alsium gegangen war, aus, wie derselbe sich nach der Siesta mit angenehmer Lektüre unterhalte, wie er sich »durch Plautus ausglätte oder durch Accius anfülle oder durch Lucretius sänftige oder durch Ennius entzünde«. Plautus, dessen Witze dem Cicero fein und geistreich, dem Horaz dagegen plump und täppisch erschienen waren, ist dem Gellius »der Stolz der lateinischen Sprache«.

Daß sich die wenigen poetischen Talente, die jene Zeit hervorbrachte, in den Formen der Alten bewegten, ist fast selbstverständlich. Gellius' Freunde, die Dichter Annianus und Julius Paullus, waren in der alten Sprache und Literatur wohlbewandert, der letztere gehörte zu den gelehrtesten Männern der Zeit; auch ein andrer damals berühmter Dichter, ein Freund des Fronto, war gelehrt und in Plautus und Ennius belesen. Eine kleine, doch immerhin charakteristische Probe der altertümelnden Poesie ist in der selbstverfaßten, allerdings sehr maßvoll plautinisierenden, zierlich altmodischen Grabschrift eines M. Pomponius Bassulus erhalten, der in Aeclanum das höchste städtische Amt bekleidete. Sie lautet etwa wie folgt:

Um nicht in Trägheit hinzubrüten gleich dem Vieh,
Hab' einige von Menanders feinen Stücklein ich
Gedolmetscht, eigne auch verfaßt mit allem Fleiß.
Dies alles, übel oder wohl geraten, ist
Von mir schon lange treuen Blättern anvertraut.
Jedoch von Kümmernis und Ängsten heimgesucht
Und auch von mancher Pein des Leibes so geplagt,
Daß dies wie jenes mir Verdruß schuf ohne Maß,
Hab' endlich ich den langersehnten Tod erwählt,
Um all' der Güter willen, die er schenken mag.
In meinen Grabstein meißelt diese Inschrift ein,
Die allen künftig Lebenden zur Lehre sei,
Daß keiner, der an Lebens Klippen strandete,
Dort allzu ängstlich festgeklammert zappeln soll,
Da offen stets der ew'gen Ruhe Hafen steht.
Genug! Lebt wohl, so lang es euch zu leben frommt!

Selbstverständlich gestaltete diese so gründliche Umwälzung des Geschmacks auch den Schulunterricht gründlich um, und die modernen Dichter wurden von den alten teils ganz aus der Schule verdrängt, teils höchstens neben ihnen geduldet. In Quintilians Zeit mochten die alten schon in vielen Schulen neben den neueren gelesen werden; als Gellius in die Schule ging, las man den Ennius überall.

Aber immer blieben es doch Dichter, die der Jugend in die Hand gegeben, die in der Schule gelesen, erklärt und auswendig gelernt wurden. Die Werke der Dichter waren der damaligen Jugend nicht eine Nebenbeschäftigung, eine Unterhaltung freier Stunden, nicht zunächst Gegenstand des Genusses, sondern des Studiums. Es ist schwer, die Wirkungen eines Unterrichts zu ermessen, der die Werke der vaterländischen Dichter und der Dichter eines nahverwandten Volks als wichtigste Bildungsmittel anwandte, ja sie fast zur alleinigen Nahrung des jugendlichen Geistes machte. Notwendig füllte er das Gedächtnis mit poetischen Wendungen und Ausdrücken, regte die Phantasie durch eine Fülle von Bildern zu erhöhter Tätigkeit an, entwickelte früh das Gefühl für Formenschönheit und künstlerische Darstellung und machte es empfänglichen Geistern zur zweiten Natur. Immer aber mußten die in den Jahren der größten Empfänglichkeit in so reichem Maße aufgenommenen und fest eingeprägten Eindrücke ihre Wirkungen für das ganze Leben behalten.

Dazu kam noch der Umstand, daß die Lehrer zuweilen, vielleicht nicht selten, selbst Dichter waren und ihren Schülern Anregung und Anleitung zu poetischen Versuchen geben konnten und wirklich gaben. Gelehrsamkeit und Poesie waren in Rom ebensowenig Gegensätze wie vordem in Alexandria und wieder im Zeitalter des Humanismus, ja es war hier wie dort gewöhnlich, daß der Dichter und Gelehrte in einer Person vereinigt war, und unter den philologischen Größen Alexandrias machte Aristarch eine Ausnahme, indem er der Poesie fern blieb. Nur ein Geist, sagt der Dichter bei Petron, der mit einem gewaltigen Strom der Literatur befruchtet ist, kann eine poetische Geburt empfangen und hervorbringen. Das Lob der »Gelehrsamkeit« gehört zu den gewöhnlichsten ehrenden Prädikaten der Dichter, das freilich nicht in unserem Sinne, sondern von einem durch das Studium der besten Muster erworbenen Besitz aller Formen und Regeln der Kunst zu verstehen ist. Die ältesten Schullehrer Roms waren Dichter gewesen, Livius Andronicus, Ennius, und vermutlich war dies auch in späterer Zeit nicht selten. Valerius Cato, mit dem Beinamen »die lateinische Sirene«, der in der letzten Zeit der Republik lebte, galt besonders für die, welche sich der Poesie befleißigten, als ein sehr geeigneter Lehrer, »der Dichter nicht bloß las (d. h. erklärte), sondern auch machte«. Auch C. Melissus, den Augustus zum Vorsteher der Bibliothek in der Porticus der Octavia machte, war Dichter und erfand eine neue Gattung des römischen Lustspiels. Der Vater des Dichters Statius hatte nicht bloß in seiner Vaterstadt Neapel, sondern auch in Griechenland in poetischen Wettkämpfen den Preis davongetragen; er hatte den Brand des Kapitols im Bürgerkriege des Jahrs 69 besungen und die Absicht gehabt, den Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79, durch den Herculaneum und Pompeji verschüttet wurden, zum Gegenstande eines Gedichts zu machen; der Sohn erhielt von ihm zu seiner Thebaide Rat und Anleitung.

Aber auch ohne direkte Veranlassung mußte schon für diejenigen Knaben, die Formgefühl und Formtalent besaßen, die so intensive Beschäftigung mit der Poesie in der Schule eine hinreichende Anregung zu eignen poetischen Versuchen sein, und allem Anscheine nach waren die frühreifen Talente damals nicht nur nicht wie jetzt Ausnahmen, sondern äußerst häufig. Schon Catull hatte seine ersten Liebeslieder in der Zeit verfaßt, wo er das Knabenkleid ablegte. Noch früher begann Ovid zu dichten. Ihn zog schon als Knaben die Muse verstohlen an sich, und die Verse flossen ihm von selbst zu, lange ehe er die Männertoga erhielt; als er seine ersten Gedichte öffentlich vorlas, »keimte ihm eben der Bart«. Properz begann seine poetischen Versuche nach Anlegung der Männertoga. Lucan, der ein Lebensalter von nicht voll 26 Jahren erreichte (geb. 39, † 65), verfaßte im Alter von etwa fünfzehn Jahren ein Gedicht (Iliacon), das die Geschichte von Hectors Tod und Lösung behandelte, und ein Gedicht über die Unterwelt (Catachthonion) sowie mehrere weitere Dichtungen, im einundzwanzigsten Jahre erwarb er sich mit einem Lobgedicht auf Nero den Preis in dem von diesem gestifteten Wettkampfe, seine Pharsalia begann er bald darauf. Die Knabengedichte des Persius vernichtete seine Mutter nach seinem Tode auf den Rat des Cornutus. Auch Nero hatte schon als Knabe durch Gedichte bewiesen, daß er die Elemente der Bildung besitze, ebenso liebte Lucius Verus in demselben Alter Verse zu machen. Die von dem ersten Gordianus (wie es scheint noch vor dem Eintritt in die Rhetorenschule) verfaßten Gedichte (darunter eine Antoninias in 30 Büchern) waren noch in der Zeit Constantins vorhanden. Martial sah nicht ungern, daß die poetischen Bagatellen seiner Knabenjahre, die er selbst kaum noch kannte, im Buchladen zu haben waren; der Ruhm des früh verstorbenen Serranus war schon durch seine Knabengedichte, die Großes erwarten ließen, begründet worden. Wie der ältere Statius schon als Knabe sich an dem Wettkampf der Dichter beteiligte, so daß er allgemeine Bewunderung erregte, und die Eltern ihre Kinder auf sein Beispiel hinwiesen, so rang auch der Rhetor P. Annius Florus als Knabe mit einem Gedicht auf den dacischen Triumph, der elfjährige Q. Sulpicius Maximus im Jahre 94 mit improvisierten griechischen Hexametern um den kapitolinischen Kranz, und der dreizehnjährige L. Valerius Pudens aus Histonium erhielt ihn 106 n. Chr. nach einstimmigem Richterspruch.

Auch die poetische Improvisation, mit welcher in älterer Zeit griechische Dichter, wie Antipater von Sidon und der Antiochener Licinius Archias geglänzt hatten, und die in Strabos Zeit eine in Tarsus sehr verbreitete Fertigkeit war, dürfte in Rom häufig geübt worden sein, um so mehr, als einerseits der außerordentliche Reichtum der Dichtersprache an festen Formeln und Wendungen, sowie der allgemein zugängliche Vorrat an Bildern und Gleichnissen, Gemeinplätzen, mythologischen Parallelen ihr großen Vorschub leistete, andrerseits ihre Übung sich zur Gewinnung einer völligen Beherrschung des Ausdrucks und der Versmaße empfahl. Der aus Syrien stammende Mimograph Publilius soll die damaligen Bühnendichter zu einem Wettkampf in der Improvisation über gegenseitig aufgegebene Themen herausgefordert und durch seine Virtuosität in der in seinem Vaterlande heimischen Kunst über alle, auch seinen bedeutendsten Rivalen Laberius, den Sieg davongetragen haben. Quintilian nennt die Improvisation eine in seiner Zeit von manchen geübte Kunst. Von Lucan gab es einen (wie es scheint, infolge einer mehreren Dichtern zugleich erteilten Aufgabe) improvisierten Orpheus in Hexametern. Martial, bei dem sich eine spielende Leichtigkeit in der Behandlung der Form mit der Fähigkeit verband, die verschiedensten Tonarten anzuschlagen, hat ohne Zweifel einen nicht geringen Teil seiner Epigramme improvisiert, zum Teil bei lustigen Gelagen und über gegebene Themen. Auch die Gelegenheitsgedichte des Statius, die ihre Entstehung dem Augenblicke verdankten, waren Improvisationen, wenigstens im weiteren Sinne. Sidonius Apollinaris, der öfters kleinere Improvisationen erwähnt, teilt auch eine größere, bei einer Mahlzeit entstandene mit, wo er mit drei Freunden in der Behandlung desselben Themas, doch in verschiedenen Versmaßen, gewetteifert hatte.

Durch solche Studien vorbereitet, traten reifere Knaben und Jünglinge in die Rhetorenschule ein und studierten nun die Muster der Prosa wie früher der Poesie, zum Teil auch hier unter Anleitung der Lehrer. Natürlich übte die herrschende literarische Richtung hier dieselben Einflüsse auf die Wahl der Autoren wie in der Knabenschule. Quintilian empfahl für junge Anfänger Livius und Cicero (Sallust erst für Gereiftere) und fand bereits nötig, davor zu warnen, daß man Knaben Gracchus und Cato in die Hand gebe. Fronto dagegen empfahl dem jungen Marc Aurel diese und ihresgleichen vor allen, und der junge, damals 21- bis 22jährige Prinz (geb. 121) teilte ganz den Geschmack seines Lehrers; früh gab er das Studium des Horaz auf; er gab sich, wie er sagt, dem Cato ganz hin und war von den Reden des Gracchus höchst erbaut. Doch Cicero wurde auch von den Altertümlern als Muster anerkannt, wenn er gleich nicht ganz ein Redner nach Frontos' Herzen war und von manchen dem Gracchus nachgesetzt wurde, was den Unwillen des Gellius erregte; er behauptete auch im 2. Jahrhundert seinen Platz in der Rhetorenschule mindestens ebenso sicher wie Vergil in der grammatischen.

Ganz hauptsächlich aber bestand in der Rhetorenschule der Unterricht in den eigenen, allmählich vom Leichteren zum Schwereren fortschreitenden Übungen, welche die Schüler unter der Leitung des Lehrers anstellten, und diese knüpften an die in der grammatischen Schule aus den Dichtern gewonnenen Stoffe und Anschauungen an und waren zum Teil sehr geeignet, die dort geweckten poetischen Neigungen zu nähren und weiter zu entwickeln. Zunächst machten die Schüler schriftliche Arbeiten über gegebene Themen. Bei den Erzählungen historischer Ereignisse, in denen sie sich zuerst versuchen mußten, pflegten sie »in Nachahmung der dichterischen Freiheit« Schilderungen herbeizuziehen und übermäßig auszuführen; doch sahen vernünftige Lehrer dergleichen jugendliche Verirrungen, die immerhin Talent bewiesen, lieber als Magerkeit und Trockenheit. Die nächste Aufgabe waren Untersuchungen über Wahrscheinlichkeit und Unwahrscheinlichkeit von Sagen und sagenhaften Erzählungen: ob es glaublich sei, daß sich auf das Haupt des Valerius in seinem Zweikampfe mit einem Gallier ein Rabe gesetzt habe, der diesem mit den Flügeln ins Gesicht schlug und die Augen mit dem Schnabel aushackte; über die Schlange, die Scipio erzeugt haben sollte, oder die Wölfin des Romulus und Remus, oder die Egeria des Numa; besonders reichen Stoff bot hier die ältere griechische Geschichte. Des weiteren Lob und Tadel berühmter Männer und Anstellung von Vergleichen zwischen mehreren Helden; ferner sogenannte Gemeinplätze, d. h. besonders über Laster und Torheiten, z. B.: der Ehebrecher, der Spieler, der Ausgelassene, der Kuppler, der Schmarotzer; der blinde Ehebrecher, der arme Spieler, der ausgelassene Greis; Vergleichungen, z. B. des Stadt- und Landlebens, des Berufs des Rechtsgelehrten und des Soldaten, der Ehe- und Ehelosigkeit; Untersuchungen über die Gründe von Gebräuchen und Vorstellungen: warum Venus bei den Lacedämonieren bewaffnet dargestellt, warum Cupido als Kind, geflügelt, mit Bogen, Pfeil und Fackel gerüstet gedacht werde: Themen, die sich zum größten Teil für eine poetische Behandlung eigneten, wie denn z. B. das letzte wirklich von Properz in einer Elegie behandelt ist, und die Vorzüge des Landlebens vor der Stadt ein Lieblingsthema der Dichter waren.

Nach solchen und ähnlichen Vorbereitungen begannen die Schüler sich in Übungsreden, sogenannten Deklamationen, zu versuchen. Und zwar hielten die Anfänger Vorträge, in denen sie im Sinne irgendeiner aus der Geschichte bekannten Persönlichkeit Überlegungen darüber anstellten, wie in einer gegebenen Situation zu handeln sei, und nach Erwägung aller für und wider sprechenden Gründe eine bestimmte Entscheidung anempfahlen (Suasorien). Auch hier wurden zuweilen Personen und Situationen aus Gedichten genommen, z. B. Agamemnon überlegt, ob er Iphigenie opfern soll; doch vorwiegend aus der älteren römischen Geschichte: Hannibal überlegt (nach der Schlacht bei Cannä), ob er seine Truppen gegen Rom führen, Sulla, ob er die Diktatur niederlegen, Cicero, ob er bei Antonius Abbitte tun soll, um sein Leben zu retten. Persius hatte sich oft als Knabe Öl in die Augen gerieben, um unter dem Vorwande eines Augenübels die Schule versäumen zu können, wenn er nicht Lust hatte, die pathetische Rede des zum Selbstmorde schreitenden Cato auswendig zu lernen: eine Rede, die ein vernünftiger Lehrer nicht loben konnte, zu der aber der Vater des hoffnungsvollen Sohns seine Freunde einlud und die er selbst schwitzend vor Aufregung anhörte. Wenn solche Aufgaben, bei denen von den jungen Leuten verlangt wurde, sich in die Seelen der Menschen der Vorzeit zu versetzen und die Spannung und Aufregung ihrer entscheidenden Lebensmomente nachzuempfinden, in vollkommner Weise nur von wahren Dichtern gelöst werden konnten, so mußten sie doch die jugendliche Phantasie aufs mannigfachste anregen und zu einer der dichterischen sich nähernden Tätigkeit ausbilden.

Dies war aber in noch weit höherem Grade bei den letzten, schwersten und am längsten fortgesetzten Übungen der Rhetorenschule der Fall, die völlig dramatischer Natur waren, den sogenannten Kontroversen, d. h. Streitfällen, in denen die Schüler wie Ankläger und Verteidiger oder wie Advokaten für die eine oder für die andre Partei auftraten. In der älteren Zeit wählte man historisch bekannte Fälle oder doch solche, die sich vor kurzem wirklich ereignet hatten, von denen Sueton folgende zwei anführt. Mehrere junge Leute machten von Rom einen Ausflug nach Ostia und sahen Fischer im Begriff ihr Netz herauszuziehen, sie kauften ihnen ihren Fang im voraus ab und bezahlten das Geld; nach langem Warten kam das Netz ohne Fische in die Höhe, aber mit einem zugenähten Korbe voll Gold. Beide Parteien beanspruchen nun diesen Schatz. Oder: Sklavenhändler schifften bei Brundisium ihre Sklaven aus, und um die Zöllner um den Zoll für einen sehr schönen und kostbaren Sklaven zu betrügen, bekleideten sie ihn mit einer mit Purpur umsäumten Toga und hingen ihm eine goldene Kapsel um den Hals (Tracht und Schmuck eines freien Knaben). In Rom wird der Betrug entdeckt und die Freilassung des Knaben verlangt, da die Anlegung jener Stücke eine Verzichtleistung des Herrn auf seinen Besitz voraussetze.

Aber solche Fälle galten bald nicht mehr interessant und spannend genug. An die Stelle der Fragen über Mein und Dein traten Kriminalfälle, erdichtete an die Stelle der wirklichen; die zivilrechtlichen wie die historischen bilden einen sehr geringen Teil der erhaltnen Sammlungen von Kontroversen, und auch die historischen Fälle sind zum Teil zugunsten des Effekts entstellt. Zwar verlangten vernünftige Lehrer, daß die erdichteten Fälle sich von der Wirklichkeit nicht entfernen, jedenfalls möglichst wahrscheinlich sein sollten, aber allem Anscheine nach hatte ihr Widerstand gegen den herrschenden Geschmack, der packende und pikante Situationen, starke Würzen und drastische Effekte verlangte, so gut wie gar keinen Erfolg, wie schon die erste, aus der Zeit des Augustus stammende Sammlung von Kontroversen, die des älteren Seneca, noch mehr die folgenden, und die wiederholten Klagen über die Herrschaft des Unsinns in der Rhetorenschule zeigen. Die Hauptschuld trugen, sagt ein Schriftsteller der Neronischen Zeit, nicht die Lehrer, die, wenn sie nicht leere Klassen haben wollten, gezwungen waren, mit den Verrückten zu rasen, sondern die Eitelkeit der Eltern. Die Forderung, alle »unglaublichen und im eigentlichen Sinne des Wortes poetischen« Themen auszuschließen, fand auch Quintilian zu streng und unerfüllbar, etwas Erholung und Vergnügen müsse man den jungen Leuten gewähren, nur sollten die Gegenstände, wenn auch pathetisch und voll Schwulst, doch nicht geradezu töricht und lächerlich sein.

Beides waren nun aber die Kontroversen nur zu oft in hohem Grade. Sie lagen großenteils weit von der Wirklichkeit ab oder standen mit ihr im Widerspruch, sie setzten als Regel voraus, was höchstens Ausnahme sein konnte, sie bewegten sich an der Grenze der Möglichkeit oder jenseits dieser Grenze. Mit der Zeit schuf sich die Rhetorenschule ihre eigene, vom Leben durch eine weite, nicht auszufüllende Kluft getrennte, phantastische Welt. Ein erdichtetes Recht, erdichtete, ja unmögliche Gesetze wurden hier vorausgesetzt, es gab z. B. eine Anklage auf Undank, eine Anklage auf ein im Gesetz nicht vorhergesehenes Verbrechen. Die Personen und Zustände dieser Fiktionen waren Schatten; ihnen Realität beizulegen, sie als Abbilder des Wirklichen zu betrachten, kam niemandem in den Sinn. Man hat es auffallend gefunden, daß in den Zeiten des schlimmsten kaiserlichen Despotismus, wo der furchtbarste Druck auf den Geistern lastete und die Redefreiheit bis auf die letzte Spur vernichtet war, die Tyrannen zu den stehenden Figuren der Kontroversen gehörten, die Deklamatoren in ihren Reden Tyrannenhaß atmeten und den Tyrannenmord priesen. Aber diese Tyrannen, »die Edikte erließen, daß die Söhne ihren Vätern die Köpfe abhauen sollten«, waren ebenso unschädliche Geschöpfe wie die Puppen eines Marionettentheaters und niemandem furchtbar als dem Lehrer, »wenn in der gefüllten Klasse einer nach dem andern seinen Tyrannen umbrachte«. Wenn Caligula den Rhetor Secundus Carrinas wegen einer solchen Deklamation verbannte, Domitian den Rhetor Maternus aus demselben Grunde hinrichten ließ, so war eben Caligula zu jeder Extravaganz fähig und für Domitian kein Vorwand zu einer Gewalttat zu schlecht; beide Fälle stehen ganz vereinzelt, und es zeigt sich nirgends, daß sie einen Einfluß auf die Tyrannenthemen geübt haben.

Neben den schrecklichen Tyrannen waren die entmenschten Piraten in der Rhetorenschule besonders beliebt, die »mit Ketten rasselnd am Ufer standen«; zuweilen hatten sie liebenswürdige Töchter, wie in folgendem Thema. Ein junger Mann; der Piraten in die Hände gefallen ist, bittet vergebens seinen Vater in einem Briefe, ihn loszukaufen. Die Tochter des Piratenhauptmanns läßt ihn schwören, sie zu heiraten, wenn er frei würde. Er schwört, sie flieht mit ihm, er kommt nach Hause und heiratet sie. Hierauf wird dem Vater die Verheiratung seines Sohns mit einer reichen Waise angetragen, er verlangt, daß der Sohn darauf eingehe und die Piratentochter verstoße; da er es verweigert, verstößt er ihn. Die handelnden Personen wurden überhaupt gern in die denkbar stärksten Konflikte zwischen gleich heiligen Pflichten, gleich starken und berechtigten Empfindungen oder Neigungen versetzt. Ein Kranker verlangt von seinem Sklaven Gift, der es ihm verweigert; er verordnet im Testament die Kreuzigung des Sklaven; dieser ruft den Beistand der Tribunen an. In einem Bürgerkriege steht der Vater und der Bruder einer Frau auf der einen, der Mann auf der andern Seite, sie folgt dem letzteren. Er fällt, sie flüchtet zu ihrem Vater, der sie zurückweist und auf die Frage: wie soll ich dich versöhnen? antwortet: stirb! Sie erhängt sich vor seiner Tür. Der Sohn stellt den Antrag, den Vater für wahnsinnig zu erklären. Ein Vater von drei Söhnen verliert zwei durch den Tod und weint sich die Augen blind. Er träumt, er werde das Gesicht wiedererhalten, wenn der dritte Sohn sterbe. Er erzählt der Frau diesen Traum, sie erzählt ihn dem Sohn, der Sohn erhängt sich. Der Vater wird sehend und verstößt die Frau, diese bestreitet sein Recht dazu. Ein Mann verstößt seine Frau wegen Ehebruchs, der Sohn beider erbittet und erhält vom Vater Geld, angeblich um eine Geliebte zu unterhalten, ernährt aber damit die darbende Mutter, der Vater entdeckt es und verstößt ihn; der Sohn verteidigt sich. Auch sonst wurden möglichst grelle Kontraste gehäuft. Zu den stehenden Figuren gehören auch der Arme und der Reiche in gegenseitiger Feindschaft (einmal z. B. suchen die Bienen des Armen im Garten des Reichen Honig, dieser vergiftet die Blumen und tötet so die Bienen), während ihre Kinder sich zuweilen zärtlich lieben; edle Jungfrauen werden ins Bordell verkauft, entehrten Jungfrauen steht die Wahl zwischen der Hinrichtung des Verbrechers oder der Verheiratung mit ihm frei; edle Jünglinge sind gezwungen, sich zu dem ehrlosen Handwerke des Gladiators zu vermieten, z. B. um mit dem Handgelde das Begräbnis eines Vaters zu bestreiten. Ungeheure Schicksale treffen einzelne und ganze Länder, beliebt war namentlich die Pest, die nach dem Orakel erst aufhören soll, wenn einige Jungfrauen geopfert werden; ein Land wird von Hungersnot heimgesucht, und die Bewohner nähren sich zuletzt von den Leichen der Hingerafften. Körperliche und geistige Ausnahmezustände, wie Blindheit (und deren wunderbare Heilung) und Wahnsinn, Wunder (eine Frau bringt ein Mohrenkind zur Welt und wird des Ehebruchs beschuldigt), grausame Todesstrafen (wie Herabstürzen vom Felsen) und Folter, Mord und Selbstmord, besonders mit Strick und Gift (das »Durchschneiden des Stricks«, das »Ausgießen des Giftbechers« waren stehende Motive), scheußliche Verbrechen, wie Vatermord, Verstümmlung von Kindern, um sie betteln zu lassen und von dem Ertrage ihrer Bettelei zu leben; namentlich aber Familiengreuel aller Art (selbstverständlich sind »Stiefmütter, noch böser als im Trauerspiel«, oft gebrauchte Figuren) – von solcher Art waren die erprobtesten Ingredienzien zur Anfertigung stark wirkender und begehrter Kontroversen, bei deren Deklamation die Schule von rasendem Beifall erdröhnte.

Es ist bemerkenswert und zeigt am klarsten den novellistischen Charakter dieser Erfindungen, daß das Buch des Seneca in einer zunächst zu erbaulichen Zwecken zusammengestellten, dann aber auch als Unterhaltungsbuch im Mittelalter sehr verbreiteten Sammlung von Novellen und Anekdoten, den Gesta Romanorum, vielfach und mit sichtbarer Vorliebe benutzt ist. Die »Zauberer«, die später auch eine große Rolle in diesen Themen spielten, sind vielleicht erst später eingeführt, denn über sie klagt zuerst Quintilian, während sie bei Seneca, Petron und Tacitus noch nicht vorkommen; dagegen in der Sammlung, die Quintilians Namen trägt, findet sich Erregung von Haß durch einen Zaubertrank, eine astrologische Prophezeiung und ein wahres Prachtstück dieser Gattung: »das bezauberte Grab«. Einer Mutter, die ihren Sohn verloren hat, erscheint der Tote nächtlich im Traum. Als sie dies ihrem Mann erzählt, läßt er einen Magier das Grab bezaubern, die Erscheinungen hören auf, und die Frau klagt nun gegen den Mann »wegen übler Behandlung«. Vielleicht stammt die Zauberei aus der griechischen Rhetorenschule. In einem gegen Ende des 2. Jahrhunderts in Griechenland gebräuchlichen Thema sucht ein Magier einen andern, der seine Frau verführt hat, durch Zauber zu töten und will sich das Leben nehmen, da es ihm nicht gelingt.

In der griechischen Rhetorenschule waren die Gegenstände der Übungsreden wesentlich verschiedener Natur. Zwar wurden auch hier Kontroversen deklamiert, und allem Anschein nach in der Regel über dieselben Themen, wie denn außer den Zauberern der Tyrann, der Tyrannenmörder, die Entehrte, der Arme als stehende Figuren gelegentlich auch hier erwähnt werden. Aber als die schwerste und dankbarste Aufgabe für die vorgeschrittensten Schüler und die Meister selbst galten hier offenbar nicht Kontroversen, sondern teils an- oder abratende Reden in der Art der lateinischen Suasorien, teils Verteidigungs- und Anklagereden, teils epideiktische oder Prunkreden, von denen unten ausführlich die Rede sein wird. Diese Verschiedenheit der Methode war in der verschiedenen Geltung der Beredsamkeit bei Griechen und Römern begründet. Diesen war sie zunächst Mittel zu dem Zweck, das eigene Interesse jedem feindlichen gegenüber zu behaupten und durchzusetzen, namentlich vor Gericht; den damaligen Griechen war auch die schöne Form noch immer Selbstzweck und die Virtuosität in ihrer Handhabung ein sehr begehrter, viel bewunderter und eifrig erstrebter Vorzug.

Doch in Rom, Italien und den westlichen Ländern besuchte ohne Zweifel die überwiegende Mehrzahl der Gebildeten die lateinische Rhetorenschule teils allein, teils vorzugsweise, wenngleich die meisten großen Städte sicherlich auch Lehrer der griechischen Beredsamkeit besoldeten, und namentlich in Rom das von Hadrian begründete und fortan von den Kaisern unterhaltene und besetzte Athenäum einen eignen Lehrstuhl auch für dies Fach hatte. Übrigens darf man annehmen, daß in den westlichen Ländern auch die griechischen Rhetoren sich der in der lateinischen Schule herrschenden Methode anbequemt haben werden, und wir sehen sie ja auch bei Seneca in der Behandlung derselben Themen wetteifern und wissen, daß Isäus bei seinem Auftreten in Rom sich Kontroversenthemen zur Improvisation geben ließ. Diese Methode also, namentlich das oft jahrelang fortgesetzte Deklamieren der Kontroversen, übte auf den Charakter der damaligen römischen Bildung immer den wesentlichsten Einfluß, um so mehr, als mit diesen Studien für die meisten die Lehrjahre abschlossen und sie unmittelbar »von den Märchen der Dichter und den Epilogen der Rhetoren« ins praktische Leben eintraten, um hier das in der Schule erworbene Können zu verwerten.

Übrigens wurde in der Schule die Behandlung der rhetorischen Themen auch in poetischer Form geübt; sowohl Beispiele von versifizierten Reden bestimmter Personen in gewissen Situationen, die, wie es scheint, öfters improvisiert wurden (ήϑοποιίαι, ethicae, eine Übung für Anfänger), haben sich erhalten als Kontroversen und Suasorien in Versen. Bis zum Ausgange des Altertums blieben Methoden und Aufgaben in der griechischen wie in der lateinischen Rhetorenschule dieselben; selbst Themen, welche den heidnischen Götterglauben und Kultus voraussetzten, wurden von christlichen Schülern fort und fort behandelt: offenbar galten die sonst so streng verpönten Vorstellungen als integrierende Bestandteile des rhetorischen wie des grammatischen Unterrichts. Auch die christliche Predigt der großen Kanzelredner des 4. Jahrhunderts, Basilius, Gregor von Nazianz, Johannes Chrysostomus, steht ganz und gar unter dem Einflusse der heidnischen Rhetorenschule.

Die Wirkungen dieser allen Gebildeten gemeinsamen Unterrichtsmethode liegen in der Literatur jener Zeit zutage. Die Gefahren, Verführungen und Abwege des rhetorischen Unterrichts vermochten nur besonders gute und klare Köpfe ganz zu vermeiden. Für die Mehrzahl mußte in der Schule durch das fortwährende Streben nach Effekt, die Gewohnheit, sich in Phrasen zu berauschen und in ein permanentes Pathos hinaufzuschrauben, eine innerlich unwahre Schönrednerei bis auf einen gewissen Grad zur zweiten Natur werden: um so mehr, da hier gerade das Gekünstelte und Gesuchte, das Überraschende und Blendende, auch das Überkühne und Ungeheuerliche des lautesten Beifalls gewiß zu sein pflegte. Ganz konnten sich diesen Einflüssen der Jugendbildung auch die großen Geister jener Zeit nicht entziehen; am meisten treten sie in der Poesie des 1. Jahrhunderts hervor, die beim Mangel eigner Schwungkraft sich selten über den Stelzengang der Rhetorik zu erheben vermocht hat: mit Recht meinte Quintilian, Lucan, das bedeutendste poetische Talent dieser Zeit, verdiene mehr von den Rednern als von den Dichtern nachgeahmt zu werden. Während aber die Poesie eine rhetorische Färbung trägt, hat die Prosa eine poetische, und auch dies war eine notwendige Folge der Erziehung. Die grammatische Schule hatte den Knaben in der Welt der Poesie heimisch gemacht, die rhetorische ließ den Jüngling ihr nicht fremd werden. Es ist klar, wie sehr die ihm dort gestellten Aufgaben mit ihren melodramatischen Situationen, ihren hochromantischen Motiven und abenteuerlichen Gestalten die Phantasie beflügeln, zu poetischer Behandlung herausfordern mußten, und wie die Stoffe werden auch die Darstellungen sich oft auf der Grenze der Poesie bewegt haben oder ganz und gar poetisch gewesen sein. Der Rhetor Arellius Fuscus, ein Lehrer des Ovid, erging sich nach einer von Seneca mitgeteilten Probe gern in völlig poetischen Schilderungen und entlehnte geflissentlich vieles geradezu aus Vergil. Umgekehrt nahm Ovid manche Sätze eines andern Lehrers, des Rhetors Porcius Latro, fast wörtlich in seine Gedichte hinüber; und wenn nach Seneca seine eignen Reden in der Schule, wo er für einen guten Deklamator galt, nichts als aufgelöste Verse waren, so wird das bei vielen beanlagten Schülern der Fall gewesen sein. Auch diese Gewohnheiten der Schule pflanzten sich notwendig ins Leben fort. Man verlangt jetzt, sagt der Vertreter der Modernen im Dialog des Tacitus, von der Rede poetische Schönheit, die aus dem Heiligtume des Vergil, Horaz und Lucan stammen muß, und die Reden der Gegenwart verhalten sich zu den früheren, wie die neuen, von Gold und Marmor glänzenden Tempel zu den alten, aus rohen Bruchsteinen und unförmlichen Ziegeln aufgeführten. Auch darf man wohl dem Dichter bei Petron glauben, daß viele, die sich als Redner versucht hatten, zur Poesie übergingen, die ihnen wie ein Ruhehafen erschien, da sie glaubten, es sei leichter, ein Gedicht zu machen, als eine von hübschen Sentenzen funkelnde Kontroverse. Die Poesie war der Beredsamkeit nahe verwandt, sie wurde zu den Formen der Wohlredenheit im weitesten Sinne des Worts gezählt, und »beredt« ( facundus) gehörte zu den gewöhnlichsten ehrenden Prädikaten auch der Dichter. Infolge dieser vielfachen Wechselbeziehungen und Berührungen von Poesie und Prosa schillert die Prosa des nüchternsten und poesielosesten Volks in poetischen Farben wie kaum irgendeine andre und beweist schon allein, daß das in der Schule gewonnene innige Verhältnis zur Poesie für das Leben fortdauerte. Daß auch die siegreiche Reaktion der Altertümler diese Wirkungen zwar zu modifizieren, doch nicht aufzuheben vermochte, zeigt die so sehr poetische Prosa des Apulejus.

Schließlich ist zu erwähnen, daß die Bedeutung der Schulbildung für das öffentliche Leben seit der Mitte des 2. Jahrhunderts im Sinken begriffen ist. Je länger je mehr bahnten militärisches Verdienst und Geschäftskenntnis auch Niedriggeborenen, also oft Ungebildeten den Weg zu hohen Stellungen, die früher ausschließlich den Abkömmlingen von Familien der beiden ersten Stände offen gestanden hatten. Sodann traten in diese Stände immer mehr Männer aus Provinzen ein, die der römischen Bildung erst in geringerem Grade teilhaft geworden waren. Aus beiden Gründen hörte auch in den höheren Ständen die Schulbildung auf, als ein unumgängliches Erfordernis, ihr Mangel als schimpflich oder lächerlich zu gelten. Von Augustus erzählte man, er habe einen Konsularlegaten wegen Unbildung von seinem Posten abberufen, da er ein Wort von ihm geschrieben sah, wie es von den unteren Klassen gesprochen wurde. Doch je mehr Provinzialen in den Senat eintraten, desto öfter wird man vermutlich auch in Rom selbst bei hochgestellten Personen schlechte Aussprache und sogar Sprachfehler zu tadeln gefunden haben. Hadrian wurde im Senat als Quästor bei der Verlesung einer kaiserlichen Rede wegen seines Akzents ausgelacht. Als Marc Aurel einst im Felde in lateinischer Sprache einen Befehl erteilte, wurde er von seiner ganzen Umgebung nicht verstanden; allem Anscheine nach, weil seinen Offizieren eine gebildete Ausdrucksweise fremd war; ja der ohne alle Erziehung aufgewachsene Präfekt des Prätoriums Bassäus Rufus bemerkte dem Kaiser, der Mann, an den er sich gewandt habe, verstehe kein Griechisch; daß das letztere auch bei manchen Angehörigen der beiden ersten Stände der Fall war, läßt die Angabe Philostrats über den Beifall vermuten, den der Sophist Hadrian in Rom selbst bei denjenigen Rittern und Senatoren fand, die ihn nicht verstanden. Der hochbejahrte Konsul im Jahre 218 Oclatinius Adventus konnte nach Cassius Dio nicht lesen und war der Rede so wenig mächtig, daß er sich krank meldete, wenn er eine Verhandlung leiten sollte.

Schon um die Mitte des 2. Jahrhunderts waren in Rom selbst die Anzeichen des beginnenden Verfalls der lateinischen Sprache zahlreich und erschreckend genug. Von vielen Wörtern war die Bedeutung oder die Form zweifelhaft und bestritten, über Grundregeln der Grammatik waren die Gelehrten verschiedner Ansicht; man hörte Ausdrücke aus der Sprache der gemeinen Leute vor den Schranken von Advokaten gebrauchen. Die Barbarismen, die in der Zeit des Severus bereits in die öffentlichen Urkunden und das Gebiet der eigentlichen Steintechnik eindrangen, treten in einzelnen Privatinschriften schon früher auf. Das Gefühl der zunehmenden sprachlichen Unsicherheit und Verwirrung, das Streben, der einreißenden Barbarei entgegenzuwirken, auch das Beispiel der ganz ähnlichen Bestrebungen der Atticisten in Griechenland spornte die Kenner und Freunde der Sprache und Literatur zu eifrigen Nachforschungen in den alten Klassikern, mit denen wir die Kreise des Gellius so viel beschäftigt sehen: mit Hilfe dieser Studien hofften sie einen sicheren Boden wiederzugewinnen, Reinheit und Klarheit des Ausdrucks herzustellen. Aber diese wohlgemeinten Bemühungen konnten im besten Falle doch nur auf kleine Kreise ihre Wirkung üben: den auf dem ganzen Gebiete der lateinischen Sprache arbeitenden, seit dem 3. Jahrhundert übermächtigen, Sprache und Bildung unaufhaltsam zerstörenden Einflüssen gegenüber waren sie völlig bedeutungslos. Doch diese spätere Zeit liegt außerhalb der Grenzen dieser Betrachtung; wir kehren zu den literarischen Zuständen der beiden ersten Jahrhunderte zurück.

 

Ein zweites Moment, das mit dem Jugendunterrichte zusammenwirkte, der Poesie einen so bedeutenden Einfluß auf die damalige Gesamtbildung zu geben, war, daß diese Zeit die Erbschaft der glänzendsten Epoche der römischen Dichtung, des Augusteischen Zeitalters, antrat. Man darf nur Vergil, Horaz, Tibull, Properz und Ovid nennen (denn von manchen andern gleichzeitig gefeierten Dichtern, wie von Varius, ist uns wenig mehr als der Name geblieben), um die reiche und glänzende Fülle poetischer Produktionen zu vergegenwärtigen, die damals im engen Zeitraum eines Menschenalters nebeneinander reiften. Alle Gattungen waren hier vertreten, Heldengedicht und Scherzlied, die zärtliche oder leidenschaftliche Liebesklage und die Satire, Idyll und poetische Epistel, das beschreibende und Lehrgedicht. Selbst das Drama fehlt nicht, doch wurde hier nichts Lebensfähiges mehr geschaffen, die Zeit der dramatischen Produktion war für immer vorüber, und darum sind diese Stücke für uns völlig verschollen. Auf den sämtlichen übrigen Gebieten aber waren die Leistungen in ihrer Art vollendet. Niemand kann es in den Sinn kommen, sie zu dem Höchsten zu rechnen, was die Poesie überhaupt geschaffen hat; keinen Augenblick kann man sich über ihren Mangel an Ursprünglichkeit täuschen, nie über der reichen Begabung, dem großen Darstellungstalent, der vollendeten Anmut, dem sicheren und reinen Geschmack, der hohen Bildung dieser Dichter ihren Mangel an wahrer Genialität vergessen. Wie damals, als es Hannibal bezwungen, »der Quiriten hartem Volk« die Muse aus Griechenland gekommen war, so wollte auch die neue Poesie auf keinen andern Bahnen wandeln als auf denen der Griechen und bekannte sich laut und entschieden als ihre Schülerin. Aber teils wählte sie andre Vorbilder als jene Alten, namentlich die erreichbareren alexandrinischen, teils war seit jener Zeit das Verständnis für griechische Kunst unendlich feiner und tiefer geworden, und so gelang den Zeitgenossen des Augustus die Reproduktion des Adels und der Schönheit der griechischen Form in ganz andrer Weise als den Zeitgenossen der Scipionen und selbst noch des Sulla und Cicero, deren Werke nun neben den neuen Leistungen unbehilflich, formlos und rauh erscheinen mußten. Für jede Empfindungs- und Darstellungsweise wurden jetzt edle und mustergültige Formen auf allen Gebieten geschaffen, der Versbau, die künstlerische Komposition auf die Höhe gehoben, wie die nun gewonnene Erkenntnis der griechischen Kunst es verlangte, vor allem aber in der Sprache für die Poesie dasselbe geleistet, was Cicero in der Prosa geleistet hatte, und dies war die größte und unvergänglichste Schöpfung jener Zeit.

77. EIN NÄCHTLICHES ABENTEUER DES ZEUS.
Szene aus einer römischen Posse. Gemälde auf einem Krater aus Pästum. Rom, Vatikan

Wie Cicero der Begründer einer der fortgeschrittenen Bildung angemessenen Prosa war, so waren die Augusteischen Dichter die Schöpfer einer neuen Dichtersprache. Sie bildeten die poetische Ausdrucksfähigkeit des Lateinischen nach allen Seiten hin in einer früher kaum geahnten Weise aus, verliehen ihm Reichtum, Mannigfaltigkeit und Fülle, Schönheit und Grazie, Würde und Kraft. So haben sie nicht bloß auf die poetische und prosaische Literatur der folgenden Jahrhunderte des Altertums einen unermeßlichen Einfluß geübt, sondern auch auf die aller späteren Zeiten, und werden ihn wahrscheinlich auch in Zukunft üben, solange es überhaupt eine Literatur geben wird. Ein wahrer und echt römischer Patriotismus beseelte diese Dichter; sie wollten ihre Nation in den Besitz des Einzigen setzen, um das sie Griechenland noch zu beneiden hatten. Mit den Griechen in den bildenden Künsten oder der Kunde der Gestirne um den Preis zu ringen, das schien des großen Volks nicht würdig, das wie kein andres sich in der Kunst bewährt hatte, die Völker zu beherrschen, die Besiegten zu schonen und die Übermütigen zu bekriegen: aber ihre poetische Kunstform auch zum römischen Besitz zu machen, war ein hohes und erstrebenswertes Ziel. »Auch diesen Ruhm dem großen Volke und der vaterländischen Sprache noch anzueignen, war der große Zweck und das ernste Streben der Augusteischen Dichter«; und soweit es überhaupt gelingen konnte, ist es ihnen gelungen.

78. VORBEREITUNGEN ZU EINER KOMISCHEN OPER.
Pompeianisches Mosaik. Neapel, Nationalmuseum

Bei diesem Streben wurden sie von dem hohen Bewußtsein getragen, daß sie nicht für ein einzelnes Land und Volk, sondern für die Menschheit schufen, daß ihre Werke der Weltliteratur angehörten. Ennius war stolz gewesen, für die Beherrscher Italiens zu dichten, Vergil und seine Zeitgenossen wußten, daß sie für die Menschheit dichteten, und der Blick auf einen so unermeßlichen Horizont war in der Tat schwindelerregend. Bekannt ist die Prophezeiung des Horaz, »daß ihn die fernsten Völker kennenlernen würden«. Buchstäblich hat sich diese, buchstäblich auch Ovids Prophezeiung erfüllt, daß die von ihm im Exil an den öden Ufern des Pontus erhobenen Klagen einst, über Länder und Meere getragen, vom Aufgang bis zum Niedergang vernommen werden würden. Ja diese Dichter haben schon selbst einen Teil dieser Erfüllung erlebt. Ovid durfte sagen, daß er in der ganzen Welt gelesen werde; und Properz, daß der Ruhm seines Namens bis zu den Anwohnern des winterlichen Borysthenes gedrungen sei. In der Tat werden die Werke der lebenden Dichter überall, wo römische Schulmeister einwanderten, gelesen worden sein.

79. TRAGISCHE SZENE.
Pompeianisches Mosaik. Neapel, Nationalmuseum

80. SCHAUSPIELER IN TRAGISCHEN ROLLEN.
Freskengemälde aus Pompeii. Neapel, Nationalmuseum

Auch bei der höchsten Vorstellung von der Großartigkeit des neuen weltumfassenden Staatsorganismus, der Unermeßlichkeit seiner Hilfsmittel und der welterobernden Macht der römischen Sprache muß man erstaunen, wie schnell es den Römern gelang, »so viele zwieträchtige und barbarische Zungen durch den Verkehr zu vereinen«. Kaum mehr als zwanzig Jahre waren seit der völligen Unterwerfung Pannoniens vergangen, als Vellejus schrieb, und schon war in diesen wüsten, rauhen und ganz barbarischen Ländern (dem östlichen Teile Österreichs, besonders Ungarn) die Kenntnis römischer Sprache und vielfach auch römischer Schrift verbreitet. Ein Teil der älteren Provinzen des Westens gehörte schon zu Augustus' Zeit zu dem Gebiet der römischen Literatur. Livius begann eines seiner späteren Bücher mit der Äußerung: Ruhm habe er schon genug erworben, und er setze sein Werk nur deshalb fort, weil der unruhige Geist Nahrung verlange; und dieser Ruhm erstreckte sich damals schon über Italien hinaus, denn er bewog, wie erzählt wird, einen Spanier, aus Gades eigens nach Rom zu kommen, um Livius kennenzulernen; als er diesen Zweck erreicht hatte, reiste er sogleich wieder ab. Schon damals wurden die nach dem Absatz in Rom übriggebliebenen Exemplare neuer Werke in die Provinzen gesandt. Horaz entläßt das erste Buch seiner Episteln mit der Aussicht, wenn es von den Händen des römischen Publikums abgegriffen und schmutzig sein werde, entweder in stiller Verborgenheit den Motten als Futter zu dienen oder im Bündel nach Utica oder Ilerda (Lerida in Spanien) geschickt zu werden. Gerade die besten Bücher, die den Buchhändlern am meisten einbrachten, gingen über das Meer.

81. MUSIKANTINNEN.
Pompeianisches Freskengemälde. Neapel, Nationalmuseum

Wenn die Koryphäen der Literatur also damals in gewissem Sinne ihren Weltruhm schon erlebten, so waren sie um so mehr der vollsten und glänzendsten Befriedigung ihres Ehrgeizes in Rom selbst gewiß, wo ihre Gedichte (die sie nach der kürzlich eingeführten Sitte in größeren Kreisen vortrugen), wie wir gesehen haben, sofort in die Schule übergingen oder auch auf den Theatern unter dem Beifalle vieler Tausende gesungen wurden; wo endlich ein umfassender und tätiger Buchhandel sich deren Vervielfältigung und Vertrieb angelegen sein ließ. Vergil, der die Veröffentlichung seiner Äneide bekanntlich nicht erlebte, hatte mit seinen Erstlingsgedichten, den Eclogen, einen solchen Erfolg, daß sie auf der Bühne häufig von Sängern vorgetragen wurden; eine in den literarischen Kreisen jener Zeit viel genannte Schauspielerin Cytheris, einst die Geliebte Marc Antons, dann des Dichters Cornelius Gallus, der sie unter dem Namen Lycoris besang, soll die sechste Ecloge gesungen haben, in der Vergil den Dichterruhm seines Freunds Gallus preist. Als Vergil bei einer solchen Gelegenheit im Theater anwesend war, erhob sich das ganze Volk und begrüßte den Dichter ebenso ehrfurchtsvoll wie Augustus: in der Tat wurde eine solche Auszeichnung in der Regel sonst nur dem Kaiser und Personen aus der kaiserlichen Familie zuteil. Wenn Vergil in seiner späteren Zeit, die er größtenteils im südlichen Italien, namentlich in Neapel verlebte, ausnahmsweise nach Rom kam und sich öffentlich sehen ließ, so mußte er sich vor der Menge, die ihm folgte und ihn sich gegenseitig zeigte, in ein Haus flüchten.

82. SCHAUSPIELERIN.
Bronze aus Herculaneum. Neapel, Nationalmuseum

Allerdings ist nun der Ruhm und die Popularität Vergils bei der Mitwelt und Nachwelt und folglich auch die Wirkung seiner Poesie so groß wie die keines andern römischen Dichters und in der Tat beispiellos gewesen. Mit der Popularität Schillers kann man die seinige auch darum vergleichen, weil sich in beiden Fällen zeigt, daß das Erhabene, Ideale und Edle in der Kunst die Massen noch in höherem Grade fortzureißen vermag als selbst das Volkstümliche, obwohl man denken sollte, daß nur dies sie anziehen, jenes abstoßen und einschüchtern müsse; aber die Menschen hängen mit größerer Dankbarkeit, Ehrfurcht und Liebe an dem Geist, der sie aus ihrer Niedrigkeit zu sich emporhebt und sie mit dem Gefühle erfüllt, daß auch in ihnen etwas seiner höheren Natur Verwandtes wohnt, als an dem, der sich zu ihnen herabläßt. Vergils Poesie drang in alle Bildungskreise, in alle Schichten der Gesellschaft, auch Handwerker und Krämer führten seine Verse im Munde und gebrauchten sie als Mottos, einige Brocken aus der Äneide waren auch die Ungebildetsten imstande anzubringen, und bei ihren Gastmählern, wo die Gäste mit Jongleurkünsten, Nachahmungen von Tierstimmen, Aufführungen von Possen unterhalten wurden, hörte man doch auch Stellen aus der Äneide, allerdings abscheulich, deklamieren. Wie jetzt: die Bibel, wurde damals in schweren Lebensmomenten Vergil aufgeschlagen, und die Stelle, auf die der Blick fiel, als Schicksalsspruch betrachtet, was dann auch in der Zeit der Renaissance wieder geschehen ist. In literarischen Kreisen wurde sein Geburtstag (15. Oktober) wohl von vielen gefeiert, und Tempelorakel (wie noch im 3. Jahrhundert die von Präneste und Patavium) antworteten mit Vergilischen Versen.

83. SCHAUSPIELER IN KOMISCHER ROLLE.
Terracotta. London, British Museum

Eine so beispiellose Popularität hat nun allerdings, wie gesagt, kein andrer Dichter erreicht; aber daß auch Properz und Ovid schnell in weite Kreise drangen, zeigen die Wände von Pompeji, wo außer Vergilischen (zum Teil sichtlich von Schulknaben geschriebenen) auch Verse dieser und andrer Dichter mit dem Schreibgriffel angekritzelt sind, teils wörtlich zitiert, teils parodiert, namentlich in der Basilika, die von der eleganten Welt zum Spazierengehen benutzt wurde. Zur Erklärung ihrer Popularität mag auch an das erinnert werden, was Jakob Grimm in bezug auf die Schillers gesagt hat, »daß der Menge gerade die Poesie gefällt, die den Stil der gebildeten Gegenwart hält und auf deren Gipfel steht«, da dem Volke »gleichfalls die alte Weise der Vergangenheit fremd geworden ist, und es nun in den jetzigen Standpunkt vorschreiten und sich darin einweihen lassen will«. »Die Menge, auf die ein schönes Gedicht einwirkt, will es gerade mit allen neuen Vorteilen genießen und ist den alten zu entsagen bereit.«

84. SCHAUSPIELER ALS GEIZHALS.
Terracotta. London, British Museum

Auch im Altertume darf man bei dem Volke Italiens dieselbe überaus lebhafte und weitverbreitete Empfänglichkeit für Poesie voraussetzen wie zu Ende des 16. Jahrhunderts, wo Tassos Befreites Jerusalem so schnell populär wurde, und Montaigne erstaunt war, von Schäferinnen überall die Stanzen Ariosts zu hören. Wieviel allgemeiner mußte im 1. und 2. Jahrhundert die Verbreitung der Poesie des Augusteischen Zeitalters schon durch die Einflüsse der Schule sein, die in der neuern Zeit so gut wie ganz fehlten! Mit der Schule wirkte im Altertum das Theater zusammen, in welchem allem Anscheine nach Gedichte häufig gesungen wurden; und ihre Wirkungen beruhten zum Teil auch auf der großen Freude der Südländer am Wohllaut und Rhythmus, wie denn auch gegenwärtig das Entzücken und der Genuß selbst gebildeter Italiener an ihrer vaterländischen Poesie eine sinnliche Beimischung hat. Im Altertum war aber das Gefühl für Wohllaut und Rhythmus noch feiner und entwickelter und verlangte auch in der Prosa seine Befriedigung, allerdings bei den Griechen in noch höherem Grade als bei den Römern. Doch wie lebhaft auch bei diesen der Sinn für die bloße Schönheit des Klangs war, zeigt u. a. der Bericht Philostrats über den Beifall, den der Phönizier Hadrianus (Professor der Beredsamkeit unter Marc Aurel und Commodus) in Rom fand. Ritter und Senatoren ließen sich aus dem Theater abrufen, wenn er seine Vorträge begann, und strömten ins Athenäum, selbst solche, die nicht Griechisch verstanden: man bewunderte die wohltönende Stimme, den Tonfall, die Modulation und den Rhythmus seiner Rede und hörte ihn mit demselben Entzücken wie eine schön schlagende Nachtigall.

85. SCHAUSPIELER MIT KOMISCHER MASKE ALS ERTAPPTER SKLAVE.
Bronze. Berlin, Antiquarium

Aber auch abgesehen von allen begünstigenden Nebenumständen mußten die Wirkungen der klassischen Poesie der Augusteischen Epoche auf die gebildete Welt des folgenden Zeitalters unermeßlich sein. Diese Periode war im wesentlichen unproduktiv, besaß aber die zarte Empfänglichkeit einer hohen Kultur. In einer solchen Zeit mußte die Entstehung der zahlreichen vollendeten poetischen Kunstwerke, die Herstellung mustergültiger Formen auf den verschiedensten Gebieten, vor allem die Erschaffung einer neuen poetischen Sprache voll hinreißender Schönheit und blendenden Glanzes den Trieb der Aneignung und Nachahmung aufs stärkste und im weitesten Umfange hervorrufen. »Zum Genuß der Kunstwerke«, sagt Goethe, »haben alle Menschen eine unsägliche Neigung; der Mensch aber erfährt und genießt nichts, ohne sogleich produktiv zu werden. Dies ist die innerste Eigenschaft der menschlichen Natur selbst.« So ist in jeder hochkultivierten Zeit ein weit verbreiteter Dilettantismus eine notwendige Folge einer hohen und reichen Kunstentwicklung. Auch wir haben dies vor allem auf dem Gebiete der Poesie erlebt. Auch wir haben eine dichterische Blütezeit ohnegleichen gehabt, auch wir sind durch sie erst mit einer poetischen Sprache beschenkt worden, auch bei uns sind die Epigonen bis zum Übermaß eifrig und geschäftig gewesen, sich des ererbten kostbaren Besitztums in unaufhörlichem Gebrauch und Mißbrauch zu versichern, das Empfangene immer von neuem zu reproduzieren. Dieselben Erscheinungen würden sich auch ohne ausdrückliche Zeugnisse in der nachaugusteischen Zeit voraussetzen lassen. Die Versuchungen einer gebildeten Sprache, »die für uns dichtet und denkt«, waren damals ebenso unwiderstehlich und die Illusionen der Dilettanten über ihre Leistungen dieselben wie heute, weshalb sich unbefangenen Zuschauern des literarischen Treibens auch dieselben Wahrnehmungen aufdrängten. »Viele«, sagt ein geistreicher Schriftsteller unter Nero, »hat die Poesie in die Irre geführt. Sobald einer einen Vers richtig zustande gebracht und einen einigermaßen zarten Gedanken in eine Periode eingewebt hat, glaubt er schon auf den Helikon gestiegen zu sein«. Überdies begünstigte den Dilettantismus auch die innigere Verbindung der Poesie mit der Schule, die wohl die Folge haben mußte, daß poetische Übungen mit oder ohne Veranlassung der Lehrer mehr oder weniger allgemein stattfanden, zu keinem andern Zweck, als um eine vollendetere Herrschaft über die Form zu gewinnen und sich zur Virtuosität in blühender und schwungvoller Prosa vorzubereiten. Auch für diejenigen, die hierbei nicht der Täuschung verfielen, Reminiszenzen, Angelerntes und Anempfundenes für originell und für ihr Eigentum anzusehen, mußte es doch einen Reiz haben, die erworbne formelle Fertigkeit weiter zu üben und sich zu erhalten. Aber ohne Zweifel verführte nicht wenige die Freude an dem wirklichen oder vermeintlichen Gelingen solcher poetischen Exerzitien (die übrigens eine Hauptveranlassung zu Interpolationen der gelesensten Dichter wurden), die Beschäftigung, die nur Mittel hatte sein sollen, als Zweck zu behandeln. Selbst unter den Oden des Horaz, der doch eine fast zu strenge Selbstkritik übte, befinden sich Übungsstücke, deren Verdienst ein rein formelles ist. Wenn Horaz aber nach Quintilians Urteil der einzige des Lesens werte römische Lyriker war, so dürfen wir wohl annehmen, daß die Lyrik der nachaugusteischen Zeit ganz vorzugsweise Schul- und Dilettantenpoesie gewesen ist.

86. BACCHISCHE SZENE.
(Aus einem Theaterstück.) Gemälde auf einem Mischkrug aus Pästum. 4. Jahrhundert v. Chr. Rom, Vatikan

Mit den Einflüssen der Schule und der klassischen Poesie im Zeitalter des Augustus wirkten die politischen Zustände der Monarchie, die Interessen und Neigungen der Regierungen, der Höfe und Hofkreise zusammen, um die literarischen Neigungen, Liebhabereien und Beschäftigungen vorzugsweise der Poesie zuzuwenden. Der allgemeine Friede nach der Schlacht bei Actium und das Absterben des politischen Lebens seit der Alleinherrschaft des Augustus verschlossen die beiden Gebiete fast ganz, auf denen sich die geistige Kraft des römischen Volks während so vieler Jahrhunderte aufs reichste und kräftigste entfaltet hatte. Eine Masse von Talent, Kraft und Regsamkeit, die durch diese Revolution aus ihrer natürlichen Bahn gedrängt war, warf sich nun auf die Literatur. Aber selbst hier standen die Felder, die in der Republik am glücklichsten angebaut worden waren, nur teilweise offen: die Redefreiheit war verkümmert, die Geschichtschreibung bis zu der Zeit Nervas und Trajans, die das »seltene Glück« brachte, »daß man denken durfte, was man wollte, und sagen, was man dachte«, gefahrvoll, und dies bereits unter der toleranten Regierung des Augustus. Titus Labienus, einer der letzten Republikaner und unversöhnlicher Gegner der neuen Zustände, überschlug, als er seine Geschichte der neuesten Zeit öffentlich vorlas, große Stücke mit den Worten: »Dies wird man nach meinem Tode lesen.« Dennoch wurde über sein Werk das bisher unerhörte Urteil der Verbrennung ausgesprochen: er wollte dessen Untergang nicht überleben; wie einen lebendigen Toten ließ er sich in das Begräbnis seiner Ahnen bringen und dort einschließen. Elf Jahre nach Augustus' Tode wurde Cremutius Cordus angeklagt, weil er in seinen Jahrbüchern Brutus und Cassius die letzten Römer genannt hatte, er kam der sicheren Verurteilung durch freiwilligen Hungertod zuvor; auch seine Bücher wurden verbrannt. In solchen Zeiten bot die Poesie den friedlichen Geistern, die einen idealen Inhalt für ihr Leben suchten und der Wirklichkeit zu entfliehen strebten, ein doppelt willkommenes Asyl. Völlig sicher war freilich auch dieses nicht, die »Gemüter der Mächtigen« waren leicht gereizt, zuweilen schon durch die Wahl der Stoffe und durch scheinbare oder wirkliche Beziehungen einzelner Stellen auf die Gegenwart. So brachte unter Tiberius dem Letzten des erlauchten Geschlechts der Scaurer seine Tragödie »Atreus« den Tod, in der besonders der Vers: »Der Herrscher Torheit muß man tragen mit Geduld« strafwürdig erschien. Doch solche Gefahren drohten natürlich den Dichtern, die wirklich die Absicht hatten, sie zu vermeiden, nur in den allerseltensten Fällen und konnten den poetischen Neigungen dieses Zeitalters keinen Eintrag tun. Ausdrücklich heißt es in dem Dialoge des Tacitus, daß der Beschäftigung mit der Poesie zur Rechtfertigung hauptsächlich diene, daß sie weniger der Gefahr, Anstoß zu geben, ausgesetzt sei als die der Redner. So füllte die Poesie vor allem die große Leere aus, die der Untergang der Republik in dem Leben Roms zurückließ, und es lag in nichts weniger als in der Wandelbarkeit der menschlichen Neigungen, wie es Horaz in seiner Epistel an Augustus darstellt, daß das früher auf so ganz andre Zwecke gerichtete römische Volk nun allein von dem Eifer der Schriftstellerei glühte, daß Söhne und strenge Väter ihre Stirn mit Laub umkränzten, und Gelehrte und Ungelehrte überall Gedichte schrieben.

Die französische Literatur des ersten Kaiserreichs bietet manche Parallelen mit der damaligen. Diejenigen Dichter, die nicht (wie Fontanes und so viele andere) »sich in den vorgeschriebenen und belohnten Lobpreisungen erschöpften«, gingen (wie Delisle) »politischen und sozialen Problemen sorgfältig aus dem Wege und hielten sich an untergeordnete oder gleichgültige Stoffe«, die sie – wie zum Ersatz – in gefälliger Form behandelten, zu deren hoher Schätzung in Frankreich »diese Periode eingeschränkten Denkens und gehemmter Phantasie« wohl nicht wenig beigetragen hat. Dem Theater schenkte der Kaiser eine ganz besondere Aufmerksamkeit. Zwei Dichter wurden (1805) beauftragt, Corneille, Racine und Voltaire zu »verbessern«: doch die ausgemerzten Verse traten gerade, weil sie vermißt wurden, um so bedeutungsvoller hervor. Napoleon wollte keine Stücke aufgeführt sehen, deren Gegenstände naheliegenden Zeiten entnommen waren; die Bühne »bedürfe etwas Altertümlichkeit«; die Zeit Heinrichs IV. lag seiner Ansicht nach noch nicht fern genug, um nicht Leidenschaften zu erwecken. Aber auch der »Tiberius« von Joseph Chénier durfte nicht aufgeführt werden, weil einige Stellen darin auf die Gegenwart bezogen werden konnten, und auch in dem »Ajax« von Ugo Foscolo entdeckte die Napoleonische Polizei in Mailand (1812) politische Anspielungen, was dem Verfasser nicht geringe Unannehmlichkeiten zuzog.

In solcher Weise die Poesie uniformieren und disziplinieren zu wollen, davon war Augustus weit entfernt. Er verstand es, sie durch bereitwilliges Entgegenkommen seinen Zwecken dienstbar zu machen. Nächst der langersehnten Wohltat der »Ruhe und Ordnung«, welche die Monarchie brachte, sollten Schutz und Förderung geistiger Bestrebungen, insofern sie sich innerhalb der gezogenen Schranken hielten, die Gebildeten mit dem Cäsarentum aussöhnen, wie die Massen in Rom durch große Fortschritte in der Verbesserung ihrer materiellen Lage und durch Feste und Schaugepränge für den Verlust der Freiheit schadlos gehalten wurden. Die Pflege, die Augustus und die ihm zunächst stehenden Großen, wie Messalla und vor allen Mäcenas, der neu erblühenden Poesie angedeihen ließen und an der sich auch die Frauen des kaiserlichen Hauses beteiligten, ist mit Recht sprichwörtlich geworden. Noch folgenreicher als die Gunst dieser Kreise, denen sich auch der frondierende Asinius Pollio anschloß, wirkte wohl ihr Beispiel. Augustus stand auf der Höhe der damaligen Bildung; sein Interesse an der Literatur war ein aufrichtiges, und er bekundete es nicht bloß durch Beförderung und Unterstützung der Dichter und Schriftsteller, sondern, was mehr war, durch die lebhafte Teilnahme an ihrem Schaffen, die er an den Tag legte; »wohlwollend und geduldig« hörte er ihre Vorlesungen an. Ihm verdankte das vierte Buch der Horazischen Oden seine Entstehung, Vergils Äneide ihre Erhaltung, an ihn durfte Horaz die Epistel richten, in der er die alte und neue Poesie gegeneinanderhielt. Aber auch an eigenen Versuchen ließ es Augustus' nicht fehlen; großenteils waren diese zwar in Prosa, mit der Poesie befaßte er sich, wie Sueton sagt, »nur obenhin«. Ein größeres Gedicht in Hexametern existierte von ihm über Sicilien, und eine kleine Sammlung von Sinngedichten, die er im Bade auszudenken pflegte. Eine Tragödie »Ajax« vernichtete er vor der Vollendung; »sein Ajax«, sagte er, »habe sich in den Schwamm gestürzt«. Für einen Staatsmann, auf dem die Aufgabe lastete, die Welt in ihre Fugen einzurichten, sind dies immerhin Poesien genug. Auch Asinius Pollio, Messalla, Mäcen machten Verse; die Gedichte des letzteren lieferten nach den Berichten einen Beleg für die auch auf andern Kunstgebieten zu machende Beobachtung, daß der reinste Geschmack und die vollste Sicherheit des Urteils über fremde Leistungen nicht immer vor Geschmacklosigkeit und Affektation in eigenen Versuchen bewahrt. Mäcens poetische Spielereien zeigten, wie alles, was er schrieb, eine korrupte, schwülstige Manier, Augustus spottete über die »salbentriefenden Löckchen« seines gleichsam »mit dem Brenneisen gekräuselten« Stils. Seneca hat eine Probe davon aufbewahrt, in welcher der merkwürdige Mann die Lust an der Gewohnheit des Daseins mit einem an Heine erinnernden Zynismus malt:

Mache lahm mich an Hand und Fuß,
Lahm an Schenkel und Hüfte;
Lade Schwär' und Buckel mir auf,
Gib mir wackelnde Zähne,
Darf ich leben nur, ist's genug!
Leben laß mich, und müßt' ich
Hocken auf spitzigem Marterholz!

Tiberius, der die zur allgemeinen Bildung erforderlichen Studien mit dem größten Eifer trieb, war ein Bewunderer der Alexandriner und hatte eine besondere Liebhaberei für die mythologische Gelehrsamkeit, mit der sie ihre Werke zu putzen pflegten; in seinen griechischen Gedichten ahmte er Euphorion, Rhianus und Parthenius nach; er verfaßte ein lyrisches Gedicht in lateinischer Sprache: Klagen über den Tod des Lucius Cäsar (755 = 2 n. Chr.) – ein Ereignis, das den damals dreiundvierzigjährigen Mann dem Thron um einen großen Schritt näher brachte; auch gab es von ihm Gedichte leichtfertigen Inhalts. Schwerlich hätte eine so groß angelegte und auf die größten Zwecke gerichtete Natur wie die des Tiberius sich zu poetischem Dilettantismus herbeigelassen, wenn nicht sein Streben, sich die damalige Bildung im weitesten Umfange anzueignen, beinahe mit Notwendigkeit darauf geführt hätte. Auch der edle Germanicus fand in seinem vielbewegten Leben Muße zur Poesie, er hinterließ unter anderm griechische Lustspiele; seine Bearbeitung des astronomischen Lehrgedichts des Aratus ist noch vorhanden. Caligula beschränkte sich auf das Studium der Beredsamkeit, in der er es zu einer guten Fertigkeit brachte; Claudius verfaßte zahlreiche gelehrte Werke, doch nur in Prosa.

Nero war der erste und blieb der einzige Kaiser, der die Poesie nicht als Übung, Spiel oder zur Ausfüllung müßiger Augenblicke trieb, sondern mit dem Anspruch, in der Dichterwelt eine hervorragende Stelle einzunehmen. Ernste und gründliche Bildung war ihm fremd geblieben, teils hielt ihn sein Naturell, teils seine Umgebung davon zurück. Von dem Studium der Philosophie soll ihm seine Mutter abgeraten haben, da es für einen künftigen Regenten unzuträglich sei, von dem Studium der älteren Literatur sein Lehrer Seneca, um ihn desto länger in der Bewunderung seiner eignen Werke zu erhalten. Obgleich er vor und nach seiner Thronbesteigung (im noch nicht vollendeten siebzehnten Lebensjahre) sich vor großen Versammlungen mit Prunkreden hören ließ, mußte er sich doch seine öffentlichen Reden von Seneca schreiben lassen, was viel Aufsehen erregte: er war der erste Kaiser, der sich einer fremden Feder bediente. Je weniger aber seine Bildung wissenschaftlich war, desto vielseitiger war sein Dilettantismus in den schönen Künsten. Von seiner Beschäftigung mit der Musik, in der er seine Hauptstärke zu haben glaubte, ist bereits die Rede gewesen; er tändelte mit Meißel und Modellierstab und dichtete fast ebenso eifrig, wie er sang und spielte; die Dichtkunst sollte zugleich (wie Tacitus meint) seinen andern, einem Fürsten weniger anständigen Kunstübungen in der öffentlichen Meinung das Gegengewicht halten. Ob und wieviel Talent zur Poesie er hatte, ist nicht mit völliger Sicherheit zu entscheiden. Tacitus spricht es ihm ganz und gar ab. Nach ihm »umgab er sich mit solchen, die im Dichten eine gewisse Leichtigkeit, aber keine hervorragende Berühmtheit besaßen. Diese kamen zusammen, verbanden die mitgebrachten oder auf der Stelle gedichteten Verse zu einem Ganzen und ergänzten seine irgendwie hingeworfenen Worte. Dies zeigt auch der Charakter dieser Gedichte, die ohne Schwung und Ursprünglichkeit und nicht aus einem Gusse sind«. Man wird nicht irren, wenn man annimmt, daß so manche Gedichte der vornehmen Dilettanten, die »Elegien«, die sie während der Verdauung auf Ruhebetten von Citrusholz liegend diktierten, auf diese Art zustande kamen, da sie ohne Zweifel hier ebensogut wie auf wissenschaftlichem Gebiete die Leistungen ihrer Klienten, Sklaven und Freigelassenen als ihr rechtmäßiges Eigentum ansehen und verwerten zu können glaubten. Auch bei den Gedichten des Lucius Verus hatten, wie man sagte, seine talentvollen Freunde das Beste getan. Nero nimmt freilich Sueton in Schutz: er habe um so weniger nötig gehabt, sich mit fremden Federn zu schmücken, als ihm die Verse leicht geflossen seien. Von Neros Hand geschriebene Entwürfe, die er vor Augen gehabt hatte, waren, wie er sagt, offenbar keine Nachschriften oder Abschriften, sondern trugen alle Spuren eigener Abfassung, so vieles war ausgestrichen, übergeschrieben und hineinkorrigiert. Neros Gedichte waren zahlreich und mannigfaltig: kleine Tändeleien (in einer derselben war von Poppäas »Bernsteinhaaren« die Rede, Spottgedichte, lyrische für den Gesang zur Kithara gedichtete Poesien, darunter vermutlich auch Soli aus Tragödien, ein großes Epos Troica, in dem Paris als Held auftrat und bei einem Ringkampf unerkannt alle Ringer, selbst Hektor, überwand; ein andres Epos sollte die ganze römische Geschichte umfassen, doch scheint es nie zur Aufführung gekommen zu sein. Martial, der Nero sonst geflissentlich schmäht, spricht von seinen Gedichten mit Anerkennung. Einige zufällig erhaltene Verse zeugen wenigstens von Gewandtheit:

Wenn er der Perser Gebiet durchirrt, dann schwindet der Tigris
Tief in gähnender Kluft: fortrauschend unter dem Boden
Taucht der verlorene Strom erst auf, wo er nimmer gesucht wird.

Bei dem von Nero zum ersten Male nach griechischem Muster gestifteten Festspiel, das sich in fünfjährigen Perioden wiederholen sollte, aber nur zweimal (60 und 65) gefeiert worden zu sein scheint, bildeten die musischen Wettkämpfe den Mittelpunkt; und die Verteidiger dieser neuen Stiftung meinten, daß die Siege der Redner und Dichter ein Sporn für Talente sein würden. Doch in der Tat wollte Nero hier allein als Dichter wie als Musiker glänzen; die auf seinen Wunsch erfolgte Beteiligung der Vornehmsten sollte nur seinen Ruhm erhöhen, ihm wurde der Kranz zugesprochen. Bei der zweiten Feier las er die Troica vor. Er vermochte überhaupt keinen Dichterruhm neben dem seinigen zu dulden; Lucan, den er in seinen poetischen Kreis gezogen hatte, erregte bald seine Eifersucht; der Kaiser verließ in auffallender Weise eine Vorlesung des Dichters und untersagte ihm sogar, wie es scheint, sich öffentlich hören zu lassen. Dieser ließ sich zu offener Feindschaft gegen den Hof fortreißen und nahm Anteil an der Pisonischen Verschwörung, deren Entdeckung ihm den Tod brachte. So gefährlich es aber unter Nero war, auf wirklichen Dichterruhm Anspruch zu machen, so ratsam, ja für jeden, der zu ihm in Beziehung stand, notwendig war es, seine Teilnahme und Neigung zur Poesie zur Schau zu tragen, womöglich sich mit poetischen Versuchen sehen zu lassen, die geeignet waren, den seinen zur Folie zu dienen. Niemand, der jene Zeit kennt, kann zweifeln, daß auch dieses Bestreben die Regsamkeit auf dem Gebiete der Poesie sehr gesteigert hat. Unter den gegen Seneca von seinen Feinden erhobenen Vorwürfen war auch, daß er eifriger und häufiger Verse mache, seit Nero Liebe zur Dichtkunst zeige.

Dies änderte sich völlig unter Vespasian, der der Poesie ganz fern stand, dagegen gerade hervorragende, auch poetische Talente begünstigte und freigebig unterstützte. Titus aber, der als Knabe an Neros Hof gelebt hatte, besaß für lateinische und griechische Poesie ein leichtes, selbst zur Improvisation ausreichendes Talent und besang unter anderm einen Kometen, wie der ältere Plinius sagt, »in einem herrlichen Gedichte«. Unter Domitian wiederholten sich in vieler Beziehung der Zustände der Neronischen Zeit, ja ein noch furchtbarerer Druck lastete auf den Geistern, aber poetische Bestrebungen wurden aufrichtig gefördert und aufgemuntert; vor allem durch den im Jahre 86 gestifteten kapitolinischen Wettkampf, in dem die Talente sich frei entfalten konnten; überhaupt machte dieser zweite Nero als Kaiser auf dichterischen Ruhm keinen Anspruch, obwohl er in seiner unfreiwilligen Muße als Prinz eine eifrige Beschäftigung mit der Poesie zur Schau getragen hatte. Natürlich wurden an seinem Hofe auch seine Jugendgedichte für unübertrefflich erklärt. Quintilian sagt, es habe den Göttern zu gering geschienen, daß er weiter nichts sein sollte als der größte Dichter, und deshalb haben sie ihn durch Übertragung der Sorge für den Erdkreis von diesen Beschäftigungen abgelenkt. Ob er ein Epos über den jüdischen Krieg, von dem Valerius Flaccus spricht, auch nur begonnen hat, ist zweifelhaft: sicher dagegen, daß er den Kampf um das Kapitol in den Dezembertagen des Jahrs 69, währenddessen er in großer Gefahr geschwebt hatte, zum Gegenstand eines Gedichts machte; denn Martial erwähnt im Jahre 89 das himmlische (d. h. in der damaligen Hofsprache »allerhöchste«) Gedicht vom »kapitolinischen Kriege«. Domitian ließ sich also nicht ungern an seine poetischen Versuche erinnern, wenn er sie auch ganz aufgegeben hatte; und Martial huldigt ihm als »dem Herrn der neun Schwestern«.

Auch Domitians Nachfolger Nerva rechneten die Dichter zu den ihrigen, Plinius nennt ihn unter denen, die mutwillige, scherzhafte Kleinigkeiten geschrieben hatten. Martial bezeichnet ihn als den »Tibull unsrer Zeit«, ein aus einem Gedichte Neros, zu dessen Kreise Nerva einst gehört hatte, entlehnter Ausdruck; Martials in demütigem Kliententon auf ihn verfaßte Epigramme zeigen, daß er sich damals (in der letzten Zeit Domitians) noch gern als Dichter loben hörte. Trajans großartige Soldatennatur hatte keine poetische Faser, ihm scheint auch jedes Interesse für Poesie gefehlt zu haben; Hadrian dagegen, der allseitigste Dilettant, der je auf dem römischen Throne gesessen hat, war in Vers und Prosa gleich gewandt, auch laszive Gedichte las man von ihm; einige seiner Kleinigkeiten haben sich erhalten. Noch auf seinem qualvollen Sterbebette hatte er Laune genug zu jenen bekannten Versen, aus denen man, nach der Angabe seines Biographen, den Durchschnittswert seiner Dichtungen kennenlernen kann:

Unstetes, zärtliches Seelchen, du,
So lange des Leibes Gesellin und Gast,
Wohin, du arme, wanderst du jetzt,
Bleich, ohne Hülle, schaudernd vor Frost?
Vorbei ist Scherzen und Kosen nun!

Hadrians Beispiel scheint übrigens die Poesie an seinem Hofe zur Mode gemacht zu haben, auch sein Adoptivsohn Aelius Verus war versgewandt, der auf seine Veranlassung von Antoninus Pius adoptierte Lucius Verus hatte, wie erwähnt, sich ebenfalls als Knabe der Poesie beflissen; auch Marc Aurel hat noch im Alter von 22 Jahren (143) Hexameter gemacht, die er so liebte, daß ihnen nicht, wie seinen übrigen Versuchen, die Gefahr drohte, in Rauch aufzugehen.

Mit ihnen schließt aber diese Reihe von fürstlichen Dichtern, die wohl kaum in der Geschichte und Literatur ihresgleichen hat, und die Poesie blieb nun lange dem Hofe fern; denn der nächste Kaiser, von dem berichtet wird, daß er (griechische) Verse machte, ist erst Alexander Severus, dessen Bildung und poetischer Dilettantismus, wie der des Balbinus, der beiden älteren Gordiane, des Gallienus und Numerianus, dafür zeugt, daß auch noch im 3. Jahrhundert die alten literarischen Traditionen, die Pflege geistiger Interessen sich in einzelnen Kreisen der vornehmen Gesellschaft – gleichsam Inseln in der immer höher schwellenden Flut der Barbarei – erhielten.

Wenn nun aber in der Zeit von Augustus bis Hadrian beinahe Regel war, was sonst eine seltene Ausnahme ist, die Beschäftigung der Regenten, zum Teil in ihrer Prinzenzeit, zum Teil nach ihrer Thronbesteigung, mit der Poesie, so ist diese Erscheinung ohne Zweifel ebensowenig zufällig, wie daß die spätere Zeit der Antonine und die der Severe bis auf Alexander auch nicht einen einzigen fürstlichen Dichter aufzuweisen hat, obwohl auch diese Kaiser großenteils auf der Höhe der damaligen Bildung standen. Vielmehr teilten offenbar diese wie jene eben nur die herrschenden Richtungen und Interessen ihrer Zeit, und auch ihr Verhältnis zur Poesie war im wesentlichen kein andres als das des gebildeten Teils der Mitlebenden überhaupt. Man darf daher schon hieraus allein mit ebenso großer Sicherheit auf eine sehr allgemeine Verbreitung des poetischen Dilettantismus in der gebildeten Gesellschaft des 1., wie auf dessen starke und auffallende Abnahme gegen die Mitte des 2. Jahrhunderts schließen.

In der Tat kann nicht bezweifelt werden, daß überhaupt in der Hadrianischen Zeit eine neue geistige Strömung in der Zeitbildung die Oberhand gewann, die jene im 1. Jahrhundert herrschende Richtung auf Poesie zurückdrängte. Die Geschichte der römischen Poesie ist bis zu der Grenze der beiden Jahrhunderte an Namen ebenso reich wie in den folgenden Zeiten arm, ja fast völlig leer. Der Grund dieser Erscheinung ist nicht etwa in einer Abnahme der schöpferischen Kraft, in einer Abnahme des Originalgenies zu suchen, die Gibbon zu den charakteristischen Erscheinungen des 2. Jahrhunderts zählt, denn auch die Dichter der nachaugusteischen Zeit waren doch nur sehr gebildete und begabte Dilettanten (freilich im höheren und besseren Sinne des Worts); auch hat es an Dichtern in den spätem Jahrhunderten keineswegs ganz gefehlt. Beigetragen hat ohne Zweifel zur Abnahme der poetischen Tendenzen die Herrschaft, welche die Altertümelei in der Literatur gewann, da die Beschäftigung mit den alten Dichtern auch nicht entfernt die Anregung zu eigner Produktion und Reproduktion bieten konnte wie die mit den modernen. Sodann fiel die Wirkung fort, welche die Beschäftigung der Kaiser mit der Poesie, die, wie gesagt, selbst nur eine Wirkung der herrschenden Zeitrichtung gewesen war, als ein für die höheren Stände maßgebendes Beispiel geübt hatte, und damit ein erhebliches Motiv des poetischen Dilettantismus. Der Hauptgrund dürfte aber in dem großen Eindruck der in Griechenland entstandenen kunstvollen Prosa der Sophisten zu suchen sein, die auch die Römer mächtig zur Bewunderung und Nachahmung anregte und einen großen Teil der empfänglichen Geister in ihre Bahnen fortriß, wovon weiter unten die Rede sein wird. Außerdem ist nicht zu vergessen, daß, je mehr sich (namentlich infolge von Hadrians neuer Organisation) der Militär- und Beamtenstaat ausbildete und gliederte, je mehr Kräfte er in Anspruch nahm, je glänzendere Aussichten er in der amtlichen Laufbahn bot, desto mehr sich Talent und Streben von der schönen Literatur überhaupt ab- und dem Kriegsdienst, der Verwaltung und dem Rechtsstudium zuwandten, während Beredsamkeit, wo nicht als Zweck, so doch als Mittel, und auf andern Wegen als früher allgemein erstrebt wurde, und auch die Fachwissenschaften, darunter namentlich die mit der neu aufblühenden Rechtswissenschaft eng zusammenhängende Philologie, eine eifrige Pflege fanden.

Die neue Bedeutung, die Poesie und Literatur überhaupt mit der Begründung der Monarchie gewannen, zeigt sich hauptsächlich in folgenden drei Dingen: in der Entstehung eines ausgebreiteten Buchhandels und der Begründung öffentlicher Bibliotheken, in der Einführung öffentlicher Vorlesungen der neuen Werke (Rezitationen), endlich in der Stiftung einer ganz neuen, den Dichtern eigentümlichen Ehre, der Dichterkrönungen, dieses letzte in der Zeit Neros und Domitians, während alles übrige bereits der Zeit des Augustus angehört.

In Rom begegnen uns die Anfänge eines berufsmäßigen Buchhandels, wie ihn zuerst Alexandrien zur Entwicklung brachte, in der Zeit Ciceros. Sein Freund Atticus, der erste, von dem bekannt ist, daß er Vervielfältigung und Vertrieb von Büchern in größerem Umfange unternahm, hatte in diesem von ihm neben vielen andern betriebenen Geschäfte bereits Konkurrenten. Spätestens unter Augustus war der Buchhandel in Rom schon ein selbständiges Geschäft, bald auch in den Provinzen. Die Sortimentsbuchhandlungen lagen in Rom in den belebtesten Gegenden, sie waren an Pfeilern und Eingängen mit ausgestellten Exemplaren und Anzeigen dekoriert und bildeten (wie noch im heutigen Rom) einen Versammlungsort für Freunde der Literatur, die sich teils die neuen Bücher ansahen, teils Unterhaltung suchten. Die Sklavenarbeit setzte diese Industrie in den Stand, ihre Ware schnell, wohlfeil und massenhaft zu liefern. Hunderte von Schreibern, die gleichzeitig nach einem Diktat schrieben, leisteten, was heute eine Presse vollbringt, vielleicht in wenig längerer Zeit, wenn auch freilich sehr viel unvollkommener; die Inkorrektheit war der Hauptfehler der antiken Bücher. Da zwei Stunden jedenfalls genügten, um Martials zweites Buch nach Diktat zu schreiben, konnte ein vollständiges Exemplar seiner Epigramme in wenig mehr als dreißig Stunden geliefert werden; ein Buchhändler, der fünfzig Schreiber gleichzeitig arbeiten lassen konnte, vermochte also in zwei Monaten bequem eine Auflage von 1000 Exemplaren dieses Werkes herzustellen. Da von einer Gelegenheitsschrift, die ein rein persönliches und ganz vorübergehendes Interesse hatte, eine so starke, von dem Verfasser auf eigene Kosten veranstaltete Auflage erwähnt wird, darf man annehmen, daß große Buchhändler von beliebten und vorzüglichen Werken sehr viel größere gemacht haben.

In unsrer Zeit ist man leicht geneigt, die Leistungsfähigkeit der handschriftlichen Vervielfältigung zu gering anzuschlagen, indem man sie mit der der Presse vergleicht. Doch hat sich bei verschiedenen Gelegenheiten, wo Abschrift an Stelle des Drucks treten mußte, gezeigt, daß der Abstand zwischen den Leistungen beider nicht so groß ist, wie man gewöhnlich annimmt. Von Voltaires Pucelle wurden in Paris in einem Monat vielleicht 2000 Abschriften verbreitet. Von dem (zwei Druckbogen starken) Memorandum von Burgos an den König (Januar 1826) sollen in Spanien 5000 Abschriften zirkuliert haben. Von dem Protest der Göttinger Sieben existierten bereits am zweiten Tage, nachdem A. Oppermann das erste Exemplar erhalten hatte, Tausende von Abschriften. Kossuth ließ seine Reichstagszeitung, die er nicht drucken lassen durfte, mit dem größten Erfolge in ganz Ungarn abschriftlich verbreiten. Daß die handschriftliche Vervielfältigung im Altertum bei einer umfassenden, auf vielhundertjährigen Erfahrungen beruhenden Organisation und mit Benutzung der Sklavenarbeit ungleich mehr zu leisten vermochte, versteht sich von selbst. So konnte denn auch die Verbreitung der Bücher in weite Fernen in kurzer Zeit erfolgen. Schon Cicero sagt, er habe die Zeugenaussagen in dem Prozeß des Catilina von allen Schreibern abschreiben, in Rom verbreiten, in ganz Italien verteilen, in alle Provinzen senden lassen: so daß es keinen Ort im römischen Reiche gebe, wohin sie nicht gelangt seien. Varro hatte nach Plinius den 700 Personen, deren Porträts sich in seinem großen Bilderwerk befanden, durch dessen Versendung in alle Länder eine Art Allgegenwart verliehen. Das Buch des Sulpicius Severus über das Leben des heiligen Martinus, das der Bischof Paulinus von Trier nach Rom gebracht hatte, wurde dort sogleich allgemein begehrt, und die Buchhändler waren sehr erfreut über die guten Geschäfte, die sie damit machten; nichts wurde teurer, nichts schneller verkauft. Ein Freund des Autors, der von dort nach Afrika reiste, fand, daß es ihm vorausgeeilt war und in ganz Karthago gelesen wurde. Als er darauf nach Alexandria kam, fand er es auch hier in den Händen aller und ebenso in ganz Ägypten, dem Natrontal und der Thebaide; in der Wüste sah er einen Greis darin lesen.

Eine Vergleichung der alten Bücherpreise mit den modernen ist nicht mit Sicherheit durchführbar, weil es unmöglich ist, die Verschiedenheit der Kaufkraft des Geldes richtig in Anschlag zu bringen. Das erste Buch Martials (über 700 Verse in 118 Gedichten) kostete in elegantester Ausstattung 5 Denare (4,36 Mark), in wohlfeiler, wie es scheint, nur 6-10 Sesterzen (1,30 bis 2,18 Mark); das Buch seiner Xenien (274 Verse unter 127 Titeln), das jetzt in der Teubnerschen Ausgabe 14 Druckseiten, also noch nicht einen Druckbogen, füllt, verkaufte der Buchhändler Tryphon für 4 Sesterzen (87 Pfennig), wie Martial sagt, zu teuer, er konnte es zu 2 Sesterzen (43 Pfennig) verkaufen und doch noch einen Gewinn machen. Das führt auf einen Preis von etwa 1 Mark für den Umfang eines heutigen Druckbogens, ein Ansatz, der jedoch unter Berücksichtigung des gesunkenen Geldwertes wohl verdoppelt bis verdreifacht werden muß. Bei einem von Statius an Plotius Grypus gesandten Büchlein hatte der von dem Dichter selbst geschriebene Text nichts, der Purpurumschlag, das neue Papier und die beiden Knöpfe des Stabs, um den die Rolle gewickelt war, im ganzen einen Decussis (55 Pfennig) gekostet. Die Makulatur wanderte teils in die Schule, wo die Knaben die leergelassenen Rückseiten der Blätter zu ihren Exerzitien benutzten, teils in die Läden der Höker und Gewürzkrämer, wo sie zu Pfeffer- und Weihrauchtüten oder zum Einwickeln eingesalzener Fische diente.

Aber auch unentgeltlich waren für jedermann reiche Bücherschätze in beiden Sprachen zugänglich. Den Plan Julius Cäsars, in Rom öffentliche Bibliotheken zu stiften, der wie so mancher andre durch seinen Tod vereitelt worden war, führte Asinius Pollio aus, dem Rom die erste öffentliche (griechische und lateinische) Bibliothek verdankte, der dann Augustus zwei andre (in der Halle der Octavia und auf dem Palatin) und spätere Kaiser (namentlich Vespasian und Trajan) immer neue hinzufügten, so daß man im 4. Jahrhundert 28 zählte. Auch sie dienten natürlich zu Versammlungsorten für Freunde der Literatur. Die Räume der Bibliotheken benutzte ebenfalls Asinius Pollio zuerst, um den Größen der Literatur in einer früher unbekannten Weise zu huldigen. Ihre Statuen, mit Bücherbehältern zu ihren Füßen (wie wir deren noch von Sophokles und andern besitzen), und Büsten mit Efeu, »dem Lohn der Denkerstirnen«, bekränzt, zum Teil aus Bronze, aber auch aus Gold und Silber, schmückten diese Hallen und Säle. In der von Asinius Pollip gestifteten Bibliothek war das einzige Bildnis eines Lebenden das des Varro, doch wurde diese Ehre, wie es scheint, bald sehr allgemein. Noch Sidonius Apollinaris konnte sich rühmen, daß seine Statue unter den in der Trajansbibliothek errichteten Bildsäulen von Dichtern und Schriftstellern stand.

Doch daß öffentliche Bibliotheken die anerkanntesten, also vorzugsweise ältere Werke allgemein zugänglich machten, ein umfassender und betriebsamer Buchhandel eifrig für schnelle Verbreitung des Neuen sorgte, reichte in jener Zeit eines außerordentlich reichen und bewegten literarischen Lebens und eines ebenso regen und verbreiteten literarischen Interesses zur Vermittlung zwischen den Gebenden und Empfangenden, zwischen den Dichtern und Schriftstellern auf der einen und dem Publikum auf der andern Seite noch nicht aus: namentlich da diese Zeit noch immer in so hohem Grade an mündlichen Vortrag und lebendiges Wort gewöhnt war und das Lesen schon darum nie so allgemein werden konnte wie in den Perioden der lebhaftesten literarischen Entwicklung in neueren Zeiten, weil es bei den ohne Interpunktion und Trennung der Wörter, sicher sehr oft mit Abkürzungen, nicht selten schlecht und inkorrekt geschriebenen Texten fast immer eine Mühe war, die den Genuß beeinträchtigte. Am meisten verlor die Poesie, wenn sie nicht durch das Ohr aufgenommen werden konnte. Denn da sie (namentlich die lyrische) entweder geradezu für den Gesang mit Musikbegleitung oder doch für einen musikalischen oder dem musikalischen sich nähernden Vortrag bestimmt war, da Wohlklang und Rhythmus zu ihren wesentlichen, am allgemeinsten und feinsten empfundenen Eigenschaften gehörten: so mußten wohl Gedichte, die man las, statt sie zu hören, für die antike Empfindung etwas Wesenloses und Schattenhaftes erhalten, und selbst Prosa verlor (wenn auch in geringerem Maße) beim bloßen Lesen von ihrer Wirkung. Wenn Juvenal sagt, auf die Anzeige, daß Statius seine Thebaide vorlesen werde, sei man herbeigeströmt, um das angenehme Organ und das beliebte Gedicht zu hören, so sieht man, daß auch das erstere seine Anziehungskraft übte. Auch in der hellenistischen Periode waren die Werke der Dichter und Geschichtsschreiber, wie überhaupt alle künstlerisch angelegten, weniger für das Lesen als für das Hören in mehr oder minder großen Versammlungen bestimmt. Asinius Pollio führte die Sitte der Rezitationen, d. h. Vorlesungen neuer Werke durch ihre Verfasser vor größeren, geladenen Kreisen, in Rom ein und kam damit ohne Zweifel einem allgemeinen Bedürfnisse entgegen. Das immer zunehmende Publikum, das sich für die neuesten Erzeugnisse der Literatur aufs lebhafteste interessierte, lernte diese so aus erster Hand und in unzweifelhaft authentischer Form kennen und befriedigte zugleich die natürliche Neugier nach der Person des Autors. Gleich willkommen war es natürlich für Schriftsteller und Dichter, sich dem Publikum persönlich vorzustellen, sich von der Wirkung ihrer Werke überzeugen, aus dem Urteil der Gebildeten Nutzen ziehen, vor allem den Beifall der Mitwelt unmittelbar und in möglichst reichem Maße genießen zu können, Vorteile, die ja auch in neuester Zeit das Vorlesen eigener Werke durch die Dichter wieder stark in Aufnahme gebracht haben. Doch tritt bei den modernen, gegen Eintrittsgeld stattfindenden Vorlesungen das Moment des Gelderwerbs hinzu, das bei den antiken Rezitationen völlig fehlt.

Daß die an und für sich so höchst zweckmäßige neue Sitte sehr bald ausartete, war unvermeidlich bei der Masse der Müßiggänger, denen jede neue Ausfüllung leerer Stunden sehr erwünscht war, bei der Menge der Dilettanten und Dichterlinge, die vor allem für ihre Eitelkeit Befriedigung suchten und die dem Dilettantismus eigentümliche Nachsicht und Gunst, die sie selbst übten, selbstverständlich auch von andern erwarteten. »Ich soll dir meine Epigramme vorlesen, Celer?« so lautet ein Epigramm Martials »Ich habe keine Lust! Du wünschest nicht zu hören, sondern selbst zu lesen.« Während Dilettanten wie der jüngere Plinius selbst in der heißesten Jahreszeit nicht müde wurden, Tag für Tag Rezitationen zu besuchen und Beifall zu spenden, litten wirkliche Dichter am meisten unter der je länger je mehr um sich greifenden Vorlesewut. Schon für Horaz war das Schrecklichste der Schrecken der Dichter in seiner Raserei; er wütet wie ein Bär, dem es gelungen ist, das Gitter seines Käfigs zu durchbrechen, Gelehrte und Ungeheuer jagt der bittere Vorleser in die Flucht, wen er aber gepackt hat, den hält er fest und bringt ihn mit Lesen um, gleich dem Blutegel, der die Haut nicht losläßt, bis er sich vollgesogen hat. »Der Vorleser«, sagt Seneca, »bringt eine gewaltige Geschichte, sehr klein geschrieben, sehr enge zusammengefaltet, und wenn er einen großen Teil gelesen, sagt er: ich will aufhören, wenn es gewünscht wird. Der Zuruf: lies! lies! erschallt von seinen Zuhörern, welche doch wünschen, er möchte augenblicklich stumm werden.« Zu den Figuren des Petronischen Romans gehört ein alter, von der Wut des Improvisierens und Rezitierens besessener Dichter, der noch auf einem untergehenden Schiffe im Angesicht des Tods fortfährt, Verse zu brüllen und auf ein ungeheures Pergamentblatt zu schreiben. An allen belebten öffentlichen Orten, in Portiken, Bädern, Theatern beginnt er sofort seine Vorträge, wird aber überall durch Steinwürfe verjagt. Der Dichter mit seinem Manuskript, sagt Martial, sei furchtbarer und mehr gefürchtet als die Tigerin, der die Jungen geraubt sind, die giftigste Schlange und der Skorpion. Er hält sein Opfer auf der Straße fest, folgt ihm bis ins Bad, bis an den Tisch, bis in das geheime Gemach, weckt ihn aus dem Schlaf. Wo er sich sehen läßt, flieht alles, man meidet seine wohlbesetzte Tafel, wie der Sonnengott sich von der Mahlzeit des Thyest abwandte, um ihn entsteht eine weite Einsamkeit. Durch die Schauspiele des Amphitheaters, meint derselbe, befriedigte der Kaiser in noch höherem Grade die Ohren als die Augen des Publikums; denn solange sie dauerten, konnten die mit zuschauenden Dichter nicht vorlesen. Juvenal läßt seinen Freund Umbricius unter den Gründen, die ihn aus Rom vertreiben, außer den unaufhörlichen Bränden und Häusereinstürzen die Vorlesungen der Dichter im Monat August anführen; ihn selbst hat, wie er es in einem Ausbruch komischer Verzweiflung schildert, der Wunsch, sich für diese Qual zu rächen, zu dem Entschlusse gebracht, nun auch seinerseits das Papier nicht zu schonen, das ja doch sonst von andern verdorben würde, da es überall von Dichtern wimmele.

Wenn die Eitelkeit die Dichter verführte, die Geduld der Hörer durch die Länge und Häufigkeit ihrer Vorträge auf die Probe zu stellen, so verfielen sie überdies nur zu oft bei dem Streben, ihre Person und ihr Werk auf die vorteilhafteste Weise darzustellen, in schauspielerhafte Affektation aller Art. Eine Versuchung dazu lag schon in den hohen Ansprüchen, die an schönen Vortrag und angemessenes Gebärdenspiel gemacht, dem großen Wert, der auf beides wie auf andre Äußerlichkeiten gelegt wurde. Quintilian gibt für den angehenden Redner ausführliche Vorschriften über die Stimmbildung, über die erforderlichen Eigenschaften eines guten Organs, das die ganze Stufenleiter der Töne enthalten soll, über Vermeidung der höchsten und tiefsten Tonlagen sowie der Eintönigkeit; er warnt vor einem gesangartigen Vortrag, in den damals die meisten Redner verfielen, und behandelt ebenso ausführlich die Gestikulation und Gebärdensprache, die Tracht und die ganze äußere Erscheinung des Redners, für dessen Ausbildung er den Unterricht nicht nur eines Musikers, sondern auch eines Schauspielers empfiehlt. Selbstverständlich galten alle diese oder entsprechende Regeln auch für den Vorleser. Als der jüngere Plinius erfuhr, daß er schlecht Verse lese, beschloß er, seine Gedichte vor einem befreundeten Kreise von einem Freigelassenen vorlesen zu lassen, war jedoch im Zweifel, ob er selbst ganz wie unbeteiligt dabei sitzen oder, wie es manche machten, den Vortrag mit Gemurmel, Mienenspiel und Gestikulation begleiten solle: er glaubte aber, daß er ebenso schlecht gestikuliere wie lese, und bittet Sueton, ihm in dieser Verlegenheit Rat zu erteilen. Die Affektation der Vorleser schildert Persius, wie sie in einer glänzend weißen Feiertagstoga, wohlfrisiert, einen Ring mit großem Edelstein am Finger, ihren erhöhten Sitz einnahmen und nun mit schmachtenden Blicken und Hin- und Herwenden des Halses ihren Vortrag begannen, in den schmelzendsten Tönen, deren die durch langes Solfeggieren wohlgeschmeidigte Kehle fähig war; zuweilen erschienen sie mit einer wollenen Binde um den Hals, um die Stimme zu schonen oder eine Heiserkeit anzudeuten; in der Tat gaben sie dadurch zu erkennen, wie Martial meint, daß sie ebensowenig zu sprechen imstande waren wie zu schweigen.

Wie das Auftreten der Vorleser erinnerte auch der Beifall der Zuhörer an das Theater. Obwohl diese persönlich oder brieflich Eingeladenen größtenteils befreundet oder doch höflich genug waren, um reichlichen Beifall zu spenden, besonders wenn sie selbst schrieben und ein gleiches auch bei eignen Vorlesungen erwarteten, sorgten doch viele, vielleicht die meisten, noch für Verstärkung des Applauses durch gedungene Bravorufer und Klatscher; in Trajans Zeit geschah dies auch von Sachwaltern, doch mag die Unsitte in die Gerichtsverhandlungen erst aus den Rezitationen eingedrungen sein. Ein Gönner des Dichters stellte hier Freigelassene mit starken Stimmen zur Verfügung, die an geeigneten Stellen, namentlich an den Ecken der Bänke, ihre Plätze erhielten und auf ein von dem »Chordirektor« gegebenes Zeichen in lärmenden Beifall ausbrachen, oder es wurden applaudierende Zuhörer durch Geschenke, etwa eines getragenen Mantels, durch das Versprechen einer guten Mahlzeit (weshalb sie mit einem unübersetzbaren Wortspiel »Laodicener« genannt wurden, was im Lateinischen fast genau so klingt wie »Mahlzeitlober«), auch wohl geradezu durch Geld geworben. Wenn dieses in den Basiliken (wo die Gerichtsverhandlungen stattfanden) ganz öffentlich gezahlt wurde (Plinius erzählt, daß zwei seiner jüngeren Sklaven kürzlich für je drei Denare zu diesem Zwecke gemietet worden seien), so darf man es auch bei der Rezitation voraussetzen; die Preise werden sich nach der Fertigkeit in der Kunst des Applaudierens gerichtet haben, die sich unter anderm auch in der Modulation der Zurufe zeigte. So wurden also die Vorlesungen von den Zuhörern mit Händeklatschen, Akklamationen aller Art und Gebärden des Entzückens begleitet, man erhob sich, um dem Vortragenden zustimmende Bewunderung auszudrücken, und warf ihm Kußhände zu.

Aber auch das lebhafteste Interesse, der beste Wille und die größte Höflichkeit reichten bei den meisten nicht aus, um die Qual unaufhörlicher, oft ganze Tage (und zwar in den heißesten Monaten Juli und August) füllender Vorlesungen immer mit guter Miene durchzumachen. Plinius, dessen Begeisterung für Literatur und Schriftstellerei keine Grenzen kannte, ermüdete freilich selbst nie und lehnte nicht leicht eine Einladung zu einer Vorlesung ab, aber er hatte betrübende Wahrnehmungen zu machen. »Dieses Jahr« (97), schreibt er, »hat eine reiche Dichterernte gebracht. Im ganzen Monat April verging fast kein Tag, ohne daß jemand las. Es ist mir eine Freude, daß die Wissenschaft blüht, die Geister sich hervortun und sehen lassen. Doch kommt man zum Hören träge zusammen. Die meisten sitzen auf nahen Posten, unterhalten sich und lassen sich von Zeit zu Zeit Botschaft bringen, ob der Vorleser schon eingetreten, ob er die Vorrede gesprochen, ob er schon ein großes Stück abgerollt; dann erst kommen sie und dann auch langsam und zögernd; und doch bleiben sie nicht durch, sondern gehen vor dem Ende fort, einige versteckt und heimlich, andre offen und ohne Umstände. Die größten Müßiggänger, wenn sie auch lange zuvor eingeladen und wiederholt erinnert sind, kommen entweder gar nicht, oder wenn sie kommen, klagen sie über den verlorenen Tag, eben weil sie ihn einmal nicht verloren haben. Um so mehr Lob und Billigung verdienen die, welche von dem Eifer des Schreibens und Vorlesens der Übermut und die Trägheit der Zuhörer nicht zurückschreckt. Ein anderes Mal berichtet er einem Freunde mit großem Unwillen, daß kürzlich bei der Vorlesung eines ganz vortrefflichen Werks zwei oder drei wie stumm und taub dagesessen hätten. Welche Trägheit, Anmaßung, Unschicklichkeit, ja welche Verrücktheit, ruft er aus, den ganzen Tag damit zuzubringen, daß man jemanden beleidigt, daß man den als Feind verläßt, zu dem man als zu einem besonders Befreundeten gekommen ist.

Gewiß war die Regel Epictets nicht überflüssig, Einladungen zu Vorlesungen nicht unbedacht anzunehmen; habe man es aber getan, ihnen mit Würde und Ruhe beizuwohnen und keinen Anstoß zu geben. Plinius war ein Muster in Beobachtung aller Rücksichten. Er erzählte, wie er nach einer Vorlesung an den jungen Dichter herantrat, ihn umarmte, ihm Lob spendete, ihn zum Beharren auf dem eingeschlagenen Wege ermunterte. »Auch die Familie, die Mutter, der Bruder des jungen Mannes waren zugegen: der letztere hatte durch seine innige und lebendige, erst ängstliche, dann freudige Teilnahme die allgemeine Aufmerksamkeit erregt; auch an sie wandte sich Plinius mit seinem Glückwunsche, und zu Hause angelangt, schrieb er eines jener zierlichen Briefchen über diese kleine Begebenheit, das die Kunde von dem glücklichen Erfolge des jungen Dichters auch auswärts verbreitete.« Eine solche Vorlesung war für die literarischen Kreise das Ereignis, mit dem man sich in den nächsten Tagen beschäftigte, die weitere Verbreitung des so eingeführten Werks übernahm dann der Buchhandel.

Bei der großen Bedeutung der Rezitationen für das literarische Leben Roms darf man annehmen, daß die Kaiser sie häufig mit ihrer Gegenwart beehrten, wie dies von Augustus bereits erwähnt ist. Claudius ließ als Kaiser seine zahlreichen Werke durch einen Vorleser vortragen, Nero las bald nach seiner Thronbesteigung seine Gedichte selbst im Theater vor, was so große Freude erregte, daß ein Dankfest beschlossen und die vorgelesenen Gedichte mit goldenen Buchstaben im kapitolinischen Juppitertempel angebracht wurden. Auch Domitian ließ als Prinz sich öffentlich hören. Seit dem 2. Jahrhundert scheinen die Vorlesungen besonders im Athenäum stattgefunden zu haben, wo ein amphitheatralischer Raum dazu benutzt wurde. Pertinax hatte am Tage seiner Ermordung die Absicht gehabt, sich dahin zu begeben, um einen Dichter zu hören; Alexander Severus wohnte dort häufig den Vorträgen der griechischen und lateinischen Rhetoren und Dichter bei.

Übrigens haben auch im Mittelalter und selbst nach Erfindung der Buchdruckerkunst Dichter und Schriftsteller ihre Werke oft zuerst durch Vorlesungen bekannt gemacht. So las Giraldus Cambrensis 1200 nach seiner Rückkehr aus Irland seine Topographie dieser Insel öffentlich in Oxford vor. Die Rederijkskamers (poetische Korporationen der Niederlande) Und die italienischen Akademien des 15., 16. und 17. Jahrhunderts bieten ebenfalls Analogien zu den altrömischen Rezitationen. Bojardo las seinen Verliebten Roland am Hofe von Ferrara vor, und Frau von Sévigné spricht von den Vorlesungen Racines und andrer klassischer Autoren.

Endlich wurde auch durch die Einführung der griechischen Sitte regelmäßig wiederkehrender poetischer Wettkämpfe in Rom den Dichtern die lockende Aussicht auf die früher unerhörte Ehre der Dichterkrönung eröffnet und damit dem poetischen Ehrgeiz ein ganz neuer Sporn gegeben. Für griechische Poesie bestand ein solcher Wettkampf bereits an den Augustalien in Neapel, die im Jahre 2 n. Chr. zu Ehren des Augustus gestiftet, in vierjährigen Perioden zunächst im August, später zur Erinnerung an den Geburtstag des Augustus am 23. September gefeiert und in der griechischen Welt zu den glänzendsten und berühmtesten Festspielen dieser Art gezählt wurden. Claudius ließ hier ein griechisches Lustspiel seines Bruders Germanicus, dessen Andenken er auf jede Weise ehrte, aufführen und erteilte demselben nach dem Ausspruche der Richter den Preis, er erschien dabei in griechischer Tracht. Auch Statius erhielt hier einmal den Preis (einen Ährenkranz). In Rom war der erste poetische Wettkampf der Neronische, doch dieser war, wie bemerkt, nur zur Verherrlichung Neros bestimmt und ging für die römische Poesie so gut wie spurlos vorüber.

Desto größere Bedeutung erlangte der von Domitian im Jahre 86 gestiftete kapitolinische Agon (Wettkampf), der ebenfalls in vierjährigen Perioden abgehalten wurde: die anfangs hierbei stattfindende Bewerbung um den Preis in griechischer und lateinischer Beredsamkeit (wobei das Lob des kapitolinischen Juppiter ein stehendes Thema war) ging bald ein. Dagegen der Preis für griechische und lateinische Poesie, der in seiner Art einzig war, blieb das höchste Ziel des dichterischen Ehrgeizes im ganzen römischen Reich, und die Hoffnung, diesen aus Eichenzweigen geflochtenen Kranz nach dem Ausspruche der Richter unter der lebhaftesten Teilnahme der Zuhörer aus der Hand des Kaisers zu empfangen, führte die talentvollsten Dichter aus fernen Provinzen über das Meer in die Hauptstadt. Im Fall des Mißlingens konnten sie sich damit trösten, daß man in Rom den Provinzialen den Preis nicht gönne; der Afrikaner P. Annius Florus, der in einem der ersten Agone mit einem Gedicht über den dacischen Triumph durchfiel, versichert, die Zuhörer hätten einmütig für ihn den Preis verlangt, der Kaiser aber ihn abgelehnt, damit nicht der Kranz des großen Juppiter an Afrika falle. Natürlich war es in den literarischen Kreisen Roms ein Gegenstand häufiger Erörterungen, wer das nächste Mal den kapitolinischen Kranz erhalten werde. Auch Statius bewarb sich um ihn vergebens. Ein Collinus, der ihn im Jahre 86 erhalten zu haben scheint, ist uns gar nicht, der Tragödiendichter Scaevus (oder Scaevius) Memor, der ihn ebenfalls noch unter Domitian erhielt (ein Bruder des Satirendichters Turnus), fast nur dem Namen nach bekannt.

Zu Rom ist das Grabdenkmal eines römischen Knaben (wie es scheint von freigelaßnen Eltern), Q. Sulpicius Maximus, entdeckt worden, der im Alter von noch nicht elfeinhalb Jahren starb: laut seiner Grabschrift im kapitolinischen Agon im Jahre 94 unter 52 griechischen Dichter aufgetreten, hatte er »die Gunst, die er durch sein zartes Alter erregt, durch sein Genie zur Bewunderung gesteigert und war mit Ehren aus dem Kampf hervorgegangen«. Seine über das in der Rhetorenschule vermutlich öfter behandelte Thema: »Wie Zeus gesprochen habe, als er Helios schalt, weil dieser dem Phaethon den Wagen gab« improvisierten 43 griechischen Hexameter sind in das Monument eingehauen, »damit man nicht glaube, daß die Eltern bei ihrem Urteil durch ihre Liebe beeinflußt worden seien«; sie zeigen ein fleißiges Studium der griechischen Epik. Von zwei griechischen Epigrammen zum Lobe des Verstorbenen berichtet das eine, daß Krankheit und Erschöpfung ihn hingerafft haben, weil er Tag und Nacht seinen Geist den Musen hingab. Im Jahre 106 erhielt den Preis, wie bemerkt, nach einstimmigem Richterspruche der dreizehnjährige L. Valerius Pudens aus Histonium. Von den späteren Dichterkrönungen, obwohl diese wahrscheinlich regelmäßig in jedem vierten Jahre erfolgten und bis in die späteste Zeit des Altertums fortgesetzt wurden, wissen wir nichts.

Der Glanz und die Feierlichkeit der Festversammlung, die Anwesenheit der höchsten Personen des Hofs und der Würdenträger der Monarchie, die Erteilung des Kranzes durch die Hand des Kaisers, die weltgeschichtliche Bedeutung des Orts – alles dieses vereinigte sich, um die Ehre der Dichterkrönung in ihrer Art zu einer einzigen und berauschenden zu machen. Die Erinnerung an sie erhielt sich im Mittelalter lebendig, und der Gebrauch wurde seit dem Ende des 13. Jahrhunderts in italienischen Städten erneuert, in Padua und Prato wurden Dichter schon vor Petrarca gekrönt, und Dante hoffte im Exil, dieser Ehre einst in der Kapelle St. Johann zu Florenz teilhaft zu werden. Petrarca, der in Vaucluse gleichzeitig von der Pariser Universität und dem römischen Senat die Aufforderung erhielt, den Lorbeerkranz öffentlich zu empfangen, entschied sich dafür, ihn in Rom »über der Asche der alten Sänger« zu nehmen. Am Ostersonntage des 8. April 1341 erfolgte seine feierliche Krönung auf dem Kapitol in dem Saale des Senats durch den Senator Ursus, worauf der Dichter in Prozession nach St. Peter zog und den empfangenen Lorbeer in Demut auf den Altar des Apostelfürsten niederlegte. Die kapitolinischen Dichterkrönungen, welche die Akademie der Arkadier noch im 18. Jahrhundert an Bernardino Perfetti (1725) und der Dichterin Corilla (1776) vollzog, brachten die altehrwürdige Zeremonie in dauernden Verruf.

Neben dem kapitolinischen Wettkampf feierte Domitian noch einen andern jährlich am 19. März, dem Feste der von ihm besonders verehrten Minerva, auf seinem Landsitz bei Alba. Die Veranstaltungen und Anordnungen zu diesem Feste hatte ein durch Los zum Vorsitz bestimmtes Mitglied eines vom Kaiser gestifteten Kollegiums zu treffen; außer Bühnenspielen und prachtvollen Tierhetzen fanden auch hierbei Wettkämpfe von Rednern und Dichtern statt. Statius erhielt hier (vor dem Jahre 94) für Gedichte auf die germanischen und dacischen Feldzüge den Preis, den goldenen Olivenkranz, der aber selbstverständlich nicht so hoch geschätzt wurde wie der kapitolinische Kranz von natürlichem Eichenlaub. Ohne Zweifel hörte das Fest mit Domitians Tode auf. Über andre poetische Wettkämpfe in der späteren Zeit Roms sowie über die Erneuerung des Neronischen durch den dritten Gordian und die poetischen Agone in den Städten Italiens und der Provinzen ist nichts Näheres bekannt; doch dürfte die Zahl der letzteren keine geringe gewesen sein. Bei Petron sagt Eumolpus, er sei ein Dichter, und zwar kein unbedeutender, »wenigstens wenn etwas auf die Kränze zu geben ist, welche freilich durch Gunst auch solchen zugewandt werden, die sie nicht verdienen«. Ein römischer Ritter in Benevent wird in seiner Grabschrift »lateinischer Dichter, gekrönt bei dem Festspiele seiner Vaterstadt« genannt. Daß bei dem pythischen Agon in Karthago neben Athleten und Musikern noch gegen Ende des 4. Jahrhunderts auch Dichter auftraten, kann nach Augustins Erwähnung seiner eigenen Dichterkrönung durch den Prokonsul nicht zweifelhaft sein.

 

Es fehlte also den Dichtern in jenen Jahrhunderten weder an Gelegenheit, sich hören zu lassen und zu glänzen, noch an Teilnahme und Interesse, an Beifall, Ehre und Ruhm; alles dieses wurde ihnen vielleicht sogar in reicherem Maße zuteil als zu irgendeiner andern Zeit. Materielle Vorteile dagegen, namentlich ein Einkommen, gewährte die Poesie nicht, da die Buchhändler in einer Zeit, die noch keinen Rechtsschutz des literarischen Eigentums kannte, im Ankauf von Manuskripten sehr zurückhaltend waren und natürlich in der Regel keine hohen Preise für sie zahlen konnten. Auch die Befreiungen von städtischen Leistungen, die Lehrern und Ärzten gewährt wurden, erstreckten sich nach einem Reskript des Kaisers Philipp nicht auf die Dichter. Ein reicher Dichter mochte freilich seine Gedichte im Selbstverlage herausgeben und sich mit dem Ruhme begnügen, wie Lucan, der in marmorprangenden Gärten auf seinen Lorbeeren ruhte, oder der Konsul Silius Italicus, welcher der Poesie erst den Abend seines Lebens widmete, den er auf seinen mit zahlreichen Statuen und Büsten glänzend ausgestatteten Villen an der paradiesischen Küste Campaniens verbrachte. Doch die Poesie nicht zum Schmucke, sondern zum Inhalte des Lebens zu machen, war für jeden, der sich nicht in einer gesicherten Lebensstellung befand, äußerst bedenklich.

Trotzdem war die Zahl derer, die das Bewußtsein eines wirklichen oder eingebildeten Talents auf diesen Weg führte, offenbar sehr groß, wie es bei der ungewöhnlichen Menge und Stärke der Anregungen und Versuchungen zur Poesie auch nicht anders sein konnte; aber ihr Glück zu machen gelang freilich den wenigsten, und die nüchternen, auf praktische Zwecke gerichteten Verächter dieser brotlosen Kunst konnten sich auf die armselige Lage der meisten Poeten und deren eigne Klagen berufen. Ovid konnte von der Poesie nicht lassen, trotz der Ermahnungen seines Vaters, eine so unnütze Beschäftigung aufzugeben, selbst Homer habe nichts hinterlassen; aber obwohl er der Sorge für den Erwerb überhoben war, klagte er doch über das Los der Dichter. Einst, meinte er, in der guten alten Zeit des Ennius, war der Dichtername ehrwürdig und stand in hohem Ansehen, und reiche Schätze flossen den Dichtern zu; jetzt ist die Poesie in Mißachtung gesunken, und der Dienst der Muse wird als Müßiggang gescholten.

Wenn diese Klage in der glänzendsten Zeit der römischen Poesie von einem der ersten und gefeiertsten Dichter erhoben werden konnte, so ist es klar, daß die altrömische Geringschätzung der Dichtkunst und der Dichter zu allen Zeiten eine große Verbreitung behielt. Auch in dem Dialoge des Tacitus wird diese Ansicht mit größerer Eindringlichkeit vorgetragen, als die Poesie gepriesen wird. Außer dem Ruhme wird dort als Glück der Dichter anerkannt, daß sie, dem sorgen-, drang- und schuldvollen Getriebe der Welt entrückt, ihr Leben in der Abgeschiedenheit der Natur, in der Einsamkeit der Wälder und Haine verbringen, ihr Geist sich in reine, unschuldige Räume flüchten, an heiligen Stätten leben darf. Gerade nach der Lebensauffassung des Tacitus aber ziemte dem Manne diese Weltflucht nicht, wenn er auch der Poesie nicht so abgeneigt war wie ihr Gegner in seinem Dialog. Gedichte und Verse, läßt er den Gegner der Poesie sagen, verschaffen ihrem Urheber keinerlei Würde, bringen ihm keinen dauernden Nutzen: man erreicht damit ein kurzes Vergnügen, eitles und unfruchtbares Lob. Ja wenn der Dichter ein ganzes Jahr, in dem er manche Nacht durchwachte, mit der Vollendung eines Werks vollbracht hat, muß er noch obendrein umhergehen und bitten, daß es jemand anzuhören würdige, und das nicht einmal ohne Kosten: denn er muß ein Haus mieten, einen Hörsaal einrichten, Leihgeld für Bänke bezahlen und Einladungen herumtragen lassen: und wenn der glücklichste Erfolg seine Vorlesung krönt, so hat er seinen ganzen Lohn in einem oder zwei Tagen dahin; und alles, was er davonträgt, ist unbestimmter Beifall, leere Worte und eine kurze, momentane Freude. Selbst der Ruhm des Dichters ist ein geringer, die mittelmäßigen kennt niemand, die guten wenige, äußerst selten verbreitet sich der Ruf einer Vorlesung in der ganzen Stadt, geschweige denn in den Provinzen. Die wenigsten, die aus fernen Provinzen, wie Spanien und Kleinasien, nach Rom kommen, suchen selbst die berühmtesten Dichter auf, und wenn sie es tun, sind sie mit einer oberflächlichen Bekanntschaft zufrieden. Wie ganz anders ist in jeder Beziehung die Stellung eines hervorragenden Redners, ihm wird Reichtum, Ehre, Einfluß und Weltberühmtheit zuteil. Jener Eumolpus Petrons, der sich rühmt, ein anerkannter Dichter zu sein, antwortet auf die Frage, warum er so schlecht gekleidet sei: »Gerade deshalb.« Auch Martial rät einem Freunde, den Helikon, der nur laute, aber unfruchtbare Bravorufe zu bieten habe, zu verlassen und sich dem Forum zuzuwenden: »Dort klingt bares Geld, aber um unsere Bühnen und nichts einbringenden Sessel nur der Schall von Kußhänden.« Sah man Leute in dünnen Mänteln, so konnte man sicher sein, daß es die Ovide und Vergile des damaligen Rom waren: der rechtschaffene, gelehrte, liebenswürdige Mann ging frierend in einer braunen Kapuze einher, weil er den einen, aber freilich großen Fehler hatte, ein Dichter zu sein: wenn ein Sohn Verse machte, mochte der Vater sich nur von ihm lossagen.

Am breitesten hat Juvenal die Not und das Elend des Dichterlebens geschildert. Bevor der Kaiser (Hadrian) den trauernden Carmenen seine Huld zuwandte, war es in Rom schon so weit gekommen, daß bekannte und berühmte Dichter im Begriffe standen, zur Fristung ihres Lebens industrielle Unternehmungen der niedrigsten Art zu versuchen, eine Badestube in Gabii, einen Backofen in Rom zu pachten, oder Auktionatoren zu werden. Denn die Reichen waren nur mit ihrem Lobe freigebig; wenn ein Dichter einem reichen Gönner seine Verehrung darbrachte, erfuhr er, daß dieser selbst Verse mache und allein dem Homer wegen seines tausendjährigen Alters den Vorrang lassen müsse. Zu Luxusausgaben fehle es ihnen nie an Geld, einen zahmen Löwen konnten sie füttern, aber für den Dichter hatten sie nichts übrig, als ob dieser einen größeren Magen hätte. Höchstens liehen sie ihm ein leerstehendes, lang verschlossen und verriegelt gewesenes Haus mit stockfleckigen Wänden zu einer Vorlesung, doch nicht einmal das Geld zur Bezahlung der aufzuschlagenden Bühne, zur Miete der Sessel und Bänke gaben sie her. Was nützte aber dem armen Dichter der größte Ruhm, wenn es eben nichts als Ruhm war? Selbst der gefeierte Statius hatte nichts zu essen, wenn er nicht dem Tänzer Paris ein noch unbekanntes Libretto zu einem Pantomimus Agaue mit einer dankbaren Hauptrolle verkaufen konnte. Und doch ließ das unheilbare chronische Übel des Schreibens so viele nicht los und alterte mit dem kranken Geiste, und die Dichter hörten nicht auf, beim Scheine der nächtlichen Lampe in kleiner Zelle erhabene Gedichte zu verfassen, um ihr mageres Gesicht in einer efeubekränzten Porträtbüste verewigt zu sehen. Aber wie war es möglich, daß der Geist sich zu poetischer Begeisterung aufschwang, während der Leib darbte und Tag und Nacht an die Befriedigung seiner Bedürfnisse mahnte? Große dichterische Anschauungen konnte der Geist nicht haben, den die Sorge um Anschaffung eines Bettuchs beunruhigte; selbst Vergils Phantasie würde erlahmt sein, wenn ihm ein Sklave zur Aufwartung und eine leidliche Wohnung gemangelt hätte: und man verlangte, daß ein Rubrenus Lappa sich zur Höhe des alten Kothurns erhebe, der, um sein Trauerspiel Atreus zu schreiben, sein Geschirr und seinen Mantel hatte verpfänden müssen. Der wahren Dichterweihe konnte doch nur ein von allen Erdensorgen befreites, ganz von Sehnsucht nach der Einsamkeit der Wälder, der Grotten und Quellen der Musen erfülltes Gemüt teilhaft werden. So verflossen die zum Erwerb durch Landwirtschaft, Seefahrt und Kriegsdienst geeigneten Lebensjahre in eitlem Bemühen, ein Alter mit Nacktheit und Blöße kam heran, und der Dichter verwünschte nun trotz der erworbenen Wohlredenheit sich selbst und seine Muse. Einst war es anders, in der Zeit der Mäcenas, Cotta, Fabius brachte es vielen Gewinn, blaß auszusehen und selbst in der Karnevalszeit des Dezember nüchtern zu bleiben. Die Blässe gehörte nämlich ebenso notwendig zur Erscheinung der Gelehrten überhaupt, besonders aber der Dichter, wie der Bart zu der des Philosophen; als Oppianus übel aussah, sagt Martial, fing er an, Verse zu schreiben.

Doch die Schilderung Juvenals gibt, abgesehen davon, daß bei ihm überall die Farben zu stark aufgetragen sind, auch darum kein richtiges Bild, weil sie Not und Mangel als das unvermeidliche und ausschließliche Los der Dichter erscheinen läßt, wenn sie nicht Vermögen besaßen oder sich zu einem Erwerb entschließen konnten. Allerdings waren sie in diesem Falle wie in allen Zeiten, in denen literarische Produktion nicht unmittelbar verwertet werden kann, ganz und gar auf die Gunst und Freigebigkeit der Reichen und Mächtigen angewiesen. Aber diese wurden ihnen damals auch vielleicht in größerem Umfange zuteil als zu irgendeiner andern Zeit. Denn auch damals bestand noch die im ganzen griechischen und römischen Altertum allgemein verbreitete Ansicht, daß Reichtum, Adel und hohe Stellung große Verpflichtungen auferlege, und daß namentlich der Besitz eines großen Vermögens zu großen Leistungen verbinde, nicht bloß für öffentliche Zwecke, sondern auch zu reichlicher Mitteilung von dem eignen Überfluß an Ärmere. Fürstliche Freigebigkeit wurde besonders von den Großen Roms erwartet, und wie hätte in einer Zeit, in der das Interesse für Poesie so lebhaft und allgemein war, diese nicht den Dichtern ganz besonders zugute kommen sollen? Allerdings wurde sie nicht mehr in der großartigen Weise geübt wie ehemals. Auch klagt der jüngere Plinius, daß die gute alte Sitte, Dichter, von denen man gelobt worden, mit Geld zu belohnen, allmählich in Abnahme gekommen sei; indessen er selbst beobachtete sie und glaubte ein für ihn ehrenvolles Gedicht Martials durch das Geschenk eines Reisegelds für den in seine Heimat zurückkehrenden Dichter erwidern zu müssen, und auch sonst fehlte es Martial keineswegs an freigebigen Gönnern. Und selbst Juvenals Klagen über die Knauserei der Reichen zeigen doch, daß Unterstützung der Dichter nach wie vor gewissermaßen als eine ihrer Pflichten erschien, deren Vernachlässigung in literarischen Kreisen Unzufriedenheit erregte und ihnen üble Nachrede zuzog. Der Eintritt eines Dichters in das Klientelverhältnis zu einem der Großen vollzog sich gewöhnlich in der Form der Widmung eines oder mehrerer Werke an ihn, wodurch der Beschenkte sich moralisch verpflichtet fühlte, die Sorge für den Lebensunterhalt seines Schützlings ganz oder teilweise zu übernehmen und sich auch wohl um Veröffentlichung und Verbreitung seiner Werke zu bemühen. Vielfach haben diese Gönner auch auf die Wahl der dichterischen Stoffe, die ihre Klienten wählten, eingewirkt.

Auf der andern Seite waren die Dichter in diesen Verhältnissen keineswegs nur die Empfangenden, sie konnten sogar das ihnen Gewährte mehr als vergelten; denn Ehre und Ruhm bei der Mitwelt, ewiges Gedächtnis und Unsterblichkeit des Namens bei den Nachkommen zählten die Menschen dieser Zeit, wie des Altertums überhaupt, zu den höchsten Gütern: und wer konnte dies in vollkommenerer Weise gewähren als die Dichter? Aber auch durch das ganze Leben wollten die Großen von der Poesie geleitet sein, vor allen andern Künsten sollte sie jeden bedeutenden Moment des Daseins erhöhen und verklären. Die Auffassung, daß auch der bevorzugtesten Existenz ohne diesen Schmuck etwas fehle, blieb verbreitet und verlor sich nie ganz, wenn sie auch allmählich selten wurde. In diesem Sinne bedurften die auf die Höhe des Lebens Gestellten der Dichter und waren im eignen Interesse gern bereit, sie sich zu verpflichten und an sich zu fesseln. Nur freilich lag es in der Natur der Sache, daß die Zahl der Gunst und Freigebigkeit suchenden Poeten immer unverhältnismäßig größer war als die der Großen, die das Dichterlob zu erkaufen wünschten.

Die Kaiser gingen auch hier mit ihrem Beispiele voran. Auch sie erwarteten und verlangten natürlich von den mitlebenden Dichtern vor allem die Verherrlichung ihrer Regierung und ihrer Taten, ihrer Person und ihres Hauses, ihrer Bauten und sonstigen großen Unternehmungen, Feste und Schauspiele, und forderten, wie namentlich auch Augustus, direkt dazu auf. Sicherlich hat jede Regierung ihre eigne, ausschließlich ihrer Verherrlichung gewidmete poetische Literatur gehabt. Schon zwei Jahre nach Trajans Thronbesteigung gab es (im Gegensatz zu den »weichlichen Lobgedichten auf Domitian«) »ernste Gedichte«, in denen er gefeiert wurde. Ja die Verherrlichung des Kaisers galt so sehr als die natürlichste Aufgabe der Poesie, daß hervorragende, besonders epische Dichter, die in der Regel doch andre, hauptsächlich mythologische Stoffe als die unverfänglichsten wählten, nötig fanden, dies zu entschuldigen oder zu erklären: sie seien jener hohen Aufgabe überhaupt nicht oder jetzt noch nicht gewachsen, sie wollten es einst mit besserer Kraft versuchen usw. In der Tat hatte Statius, der sich im Eingange seiner Thebais sowie seiner Achilleis in dieser Weise äußert, bereits Gedichte über Domitians deutsche und dacische Kriege verfaßt, doch vermutlich waren sie kurz gewesen. Schon die Dichter der Augusteischen Zeit meinten solche Erklärungen abgeben zu müssen. Vergil sagt in seinem Gedicht über den Landbau, er wolle nach dessen Beendigung sich gürten zum Gesang tobender Kämpfe und des Kaisers Ruhm den spätesten Geschlechtern verkünden. Ich würde die Kriege des Kaisers besingen, sagt Properz, Mutina, Philippi, den sicilischen, perusinischen und alexandrinischen Krieg, sowie den actischen Triumph, wenn ich es vermöchte. Und noch dreihundert Jahre später verspricht Nemesianus im Eingange seines Lehrgedichts über die Jagd, einst »mit besserer Lyra« die Triumphe der Söhne des Carus zu besingen. Noch Julian der Abtrünnige sagt in seiner Lobrede auf den Kaiser Constantius, daß alle, die sich mit Literatur befassen, ihn in Vers und Prosa preisen, und daß das Lob seiner Taten den Dichtern besonders leicht falle.

Aber auch abgesehen von dem Ruhme, den sie erwarteten, erkannten die Kaiser offenbar in der Regel für sich eine gewisse Verpflichtung an, ihr Interesse an der Poesie auch durch Unterstützungen und Ehrengaben an hervorragende Dichter zu betätigen, und man war gewohnt, sie als die natürlichsten höchsten Gönner, Förderer und Beschützer der Poesie und der Poeten anzusehen, daher sich diese mit ihren Dedikationen und Huldigungen vor allen an sie wandten. Dabei verdient bemerkt zu werden, daß, während Rhetoren öfters zu einträglichen und einflußreichen Ämtern erhoben wurden, von einer solchen Beförderung und Versorgung eines Dichters kein einziges Beispiel bekannt ist. Vielmehr waren bedeutende Geldgeschenke offenbar das Gewöhnlichste.

Welche Ansprüche und Erwartungen das so entschieden kundgegebene Interesse des Augustus für die neu aufblühende Poesie in der damaligen Dichterwelt erregte, würden wir uns auch ohne die Äußerung des Horaz vorstellen können: schon sei die Hoffnung allgemein, es werde dahin kommen, daß es für Augustus nur der Nachricht bedürfe, man widme sich der Poesie, um ihn sofort zur Gewährung eines ausreichenden Unterhalts und zu der Aufforderung zu veranlassen, man möge nur ja fortfahren. Nach einer Anekdote darf man sich die Zudringlichkeit und die Unverblümtheit der Gesuche der ihn mit Widmungen und Huldigungen bestürmenden Dichter groß genug vorstellen. Ein Grieche überreichte ihm einmal mehrere Tage hintereinander, wenn er aus dem Palatium heraustrat, kleine schmeichelhafte Gedichte, ohne daß Augustus darauf zu achten schien: als er denselben wieder auf sich zukommen sah, schrieb er selbst einige Verse auf und ließ sie ihm durch einen aus seinem Gefolge überreichen. Der Grieche las sie, drückte mit Mienen und Gebärden die höchste Bewunderung aus, dann näherte er sich der Sänfte des Augustus und überreichte ihm einige Denare mit dem Bedauern, daß ihm seine Mittel nicht mehr zu geben erlaubten; dieser Einfall trug ihm ein Geschenk von 100.000 Sesterzen (21.750 Mark) ein.

Augustus bewährte, wie Horaz rühmt, auch bei seinen Spenden an die Dichter die Feinheit und Sicherheit seines Urteils, vor allem gereichten ihm die Vergil und Varius gewährten fürstlichen Geschenke zum Ruhm. Dieser hatte für seinen bei den Schauspielen zur Feier des actischen Triumphs aufgeführten Thyest eine Million Sesterzen (217.500 Mark) erhalten; Vergil wurde namentlich für das sechste Buch der Äneide, welche das Haus der Cäsaren verherrlicht, reich belohnt und soll zehn Millionen hinterlassen haben. Horaz, dem im Leben eine bescheidene Verborgenheit über alles ging, hatte sich der Anerbietungen des Augustus förmlich zu erwehren, ihm wäre Reichtum und Glanz vor allen andern zugefallen, wenn er nicht beides verschmäht hätte; sterbend setzte er Augustus zu seinem Erben ein.

Daß auch die Freigebigkeit der späteren Kaiser von den Dichtern in der Regel in großem Umfange in Anspruch genommen wurde, darf man um so mehr annehmen, als fast alle Dichter dieser Zeit sich in Dedikationen oder gelegentlichen schmeichelhaften Anreden und Erwähnungen an die Kaiser wenden; so daß also auch bei den nicht eigentlich zu der (sicherlich ungeheuer massenhaften) panegyrischen Fest- und Gelegenheitspoesie gehörigen Gedichten meist von vornherein eine Überreichung an die Kaiser, wenn nicht geradezu beabsichtigt, doch in Aussicht genommen war. Eine Probe der von bedürftigen Poeten an die Kaiser gerichteten Huldigungen geben z. B. die Eclogen des Calpurnius. Zwar hatte der Dichter einen Gönner (»Meliböus«, vielleicht C. Calpurnius Piso, † 65) gefunden, der selbst Dichter war; dieser schützte ihn vor Mangel und enthob ihn der Notwendigkeit, Rom mit der Provinz (Bätica) zu vertauschen. Aber immer klagt er noch über Armut, die ihn zwinge, an den Erwerb zu denken, und hindere, so Gutes zu leisten, wie er wohl vermöchte. Meliböus möge seine Gedichte dem Kaiser überreichen und ihm so das werden, was Mäcen dem Vergil war: er habe ja Zutritt zu den »heiligen Gemächern« des Kaisers, »des palatinischen Phöbus« (Nero). Diesen, der eben erst den Thron bestiegen hatte, läßt der Dichter von dem Gotte Faunus preisen und durch den Wechselgesang der Hirten feiern. Ihn betet die ganze Erde, alle Völker an, ihn lieben die Götter, mit seiner Regierung ist ein neues goldenes Zeitalter angebrochen, er ist ein vom Himmel gesandter Gott in Menschengestalt usw. Ein andres Gedicht beschreibt ein prachtvolles Schauspiel, das »der jugendliche Gott« in dem im Jahre 57 erbauten hölzernen Amphitheater gegeben hatte.

Daß die Kaiser die ihnen gewidmeten Poesien in der Tat nicht unbelohnt ließen, geht aus manchen, wenn auch vereinzelten gelegentlichen Nachrichten hervor, Tiberius belohnte den Ritter Clutorius Priscus glänzend für eine Elegie auf den Tod des Germanicus, die allgemeinen Beifall fand. Als nun im Jahre 21 Tiberius' Sohn Drusus erkrankte, verfaßte der Dichter, in der Hoffnung einer neuen Belohnung, für den Fall seines Todes im voraus ein neues Trauergedicht und ließ sich verleiten, es in einem großen Kreise vornehmer Frauen vorzulesen; er wurde denunziert und vom Senat wegen Majestätsverletzung zum Tode verurteilt. Auch Claudius muß gegen die Dichter freigebig gewesen sein, da die »neuen Dichter« seinen Tod betrauerten. In einem Epigramm eines in Rom lebenden griechischen Dichters heißt es: »Hätte nicht bares Geld mir der Kaiser Nero gegeben, übel, ihr Töchter des Zeus, Musen, erging' es mir dann.« Vespasian unterstützte hervorragende Dichter reichlich, namentlich erhielt der bedürftige Salejus Bassus ein Geschenk von 500.000 Sesterzen (108.750 Mark). Juvenal begrüßt den eben auf den Thron gelangten Kaiser Hadrian als die einzige Hoffnung der Dichter: er allein beschützt noch in dieser Zeit, wo sie von andern Seiten Gunst und Unterstützung nicht zu erwarten haben, die trauernden Musen, er wird nicht zulassen, daß ein Dichter in Zukunft auf eine seiner unwürdige Weise für das Brot sorgen und arbeiten müsse; möge seine Huld und Gnade, die nach würdigen Gegenständen umherblickt, für jüngere Talente ein Sporn sein. Der griechische Dichter Oppianus soll von dem Kaiser (Marc Aurel) für jeden Vers seiner vorgelesenen Gedichte ein Goldstück erhalten haben.

Nächst den Kaisern, die auch bei der größten Freigebigkeit doch nur einen geringen Teil der an sie gerichteten Wünsche und Bitten befriedigen konnten, waren es, wie gesagt, die Großen Roms, von denen die Dichter Schutz und Unterstützung erwarteten und erhielten. Doch unter all diesen Gönnern der Poesie kam keiner Mäcenas gleich, dessen Bedeutung als Diplomat, Staatsmann und Mitbegründer der neuen Ordnung schon für die nächste Generation hinter dem Ruhm zurücktrat, der edelste Beschützer der Dichter gewesen zu sein. Dazu mag außer dem einstimmigen, begeisterten Preise der bedeutendsten Dichter jener Zeit auch der Umstand beigetragen haben, daß Mäcenas in seinem späteren Alter, wo er nach Tacitus mehr den Schein des fürstlichen Vertrauens als eigentliche Macht besaß, in seiner Zurückgezogenheit von den Geschäften sein Interesse vermutlich in der Tat vorzugsweise der Literatur zuwenden konnte.

Mit bewundernswerter Sicherheit des Takts erkannte er in der Masse der Poeten die wirklich bedeutenden Talente, zum Teil lange vor ihrer Entfaltung, was in jener Zeit des wuchernden poetischen Dilettantismus an und für sich nicht leicht war und noch schwerer wurde, seit man wußte, daß poetische Begabung ein Mittel sei, die Gunst des mächtigen Manns zu gewinnen. Die Zahl derer, die sich in dieser Absicht mit größerer oder geringerer Berechtigung den Dichternamen beilegten, muß groß gewesen sein, wenn selbst die plumpe, zudringliche Gemeinheit sich dieses Mittels bedienen zu müssen glaubte; wenn Menschen sich an ihn drängten, die zu ihrer Empfehlung sich rühmten, niemand könne schneller oder mehr Verse schreiben als sie. Mäcenas wählte seine Freunde und Gesellschafter ohne Rücksicht auf Geburt, Rang und äußere Verhältnisse, aber er sah auch nicht auf Talent und Bildung allein; er wußte nicht bloß unlautere, sondern auch störende Elemente fernzuhalten. Es gab, so sagt Horaz, kein reineres, kein von Ränken freieres Haus in Rom; jeder hatte seinen Platz, und keiner suchte den andern zu verdrängen. Der Zutritt war darum nicht leicht. Horaz, der nach der Schlacht bei Philippi sich auf sein Talent angewiesen sah und, wie er sagt, durch die Not dreist genug wurde, um Verschen zu machen, wurde Mäcen durch Vergil und Varius empfohlen, diese lautersten Seelen, deren Freundschaft ihm über alles ging. Die erste Vorstellung war kurz; der damals etwa im sechsundzwanzigsten Jahre stehende Dichter war so befangen, daß er sich nur stockend über seine Verhältnisse äußern konnte, Mäcen sprach überhaupt wenig. Schon glaubte Horaz sich vergessen, als er nach drei Vierteljahren die Aufforderung erhielt, in ein vertrauliches Verhältnis zu Mäcen zu treten, das von da ab bis an den fast gleichzeitigen Tod beider über 30 Jahre ungestört dauerte. Mäcen gab dem Dichter so viel und mehr, als er bedurfte, eine sorgenfreie Lage und ein Fleckchen in reizender Einsamkeit mit Garten, Quelle und Wald, sein »süßes Versteck« im Sabinergebirge: und was er gab, gab er in der zartesten Weise. Und wenn in späteren Jahren der immer kränkelnde (namentlich an Schlaflosigkeit leidende), oft von trüben Stimmungen heimgesuchte Mann an Horaz, dessen Gesellschaft er so wenig wie möglich entbehren wollte, zu große Ansprüche machte, konnte dieser sie bei aller Feinheit und Herzlichkeit doch sehr unumwunden ablehnen, ohne daß Mäcen zürnte: noch in seinem Testament richtete er an Augustus die Bitte: »des Horatius Flaccus sei wie meiner selbst eingedenk!« Offenbar stand ihm Horaz unter den Dichtern jener Zeit am nächsten; doch alle, die er an sich zog, fesselte er nicht bloß durch Geist, Feinheit der Bildung und lebendige, anregende Teilnahme an ihren Arbeiten, sondern wohl nicht am wenigsten durch die Meisterschaft in der Kunst, die auch in neueren Zeiten die Großen Italiens vor denen anderer Länder besessen haben, mit geistig bedeutenden Menschen auf gleichem Fuße zu verkehren. So war er wie kein anderer geeignet, der Mittelpunkt eines aus dem höchsten geistigen Adel seiner Zeit gebildeten Kreises zu sein. Wie manche Paläste sich später auch den Dichtern öffneten, eine so glänzende Versammlung sah keiner mehr; aber keiner bot auch wieder denselben gastlichen Empfang wie das Haus Mäcens, das in imponierender Masse mitten in weiten Park- und Gartenanlagen auf der Höhe des Esquilin emporragte und aus seinen oberen Stockwerken einen weiten, reichen Blick auf das Getümmel der Stadt, auf die Campagna und das Gebirge, auf Tibur, Aefulae und Tusculum gewährte. Dort erhob sich später der Grabhügel Mäcens und daneben der des Horaz. Nach Mäcens Tode ging Garten und Palast in kaiserlichen Besitz über (Nero sah aus seinen Fenstern dem Brande von Rom im Jahre 64 zu), später in den des Fronto.

Wenn die Stellung der Dichter zu ihren vornehmen Beschützern später in der Regel eine Klientenstellung war, so lag dies zwar zum Teil daran, daß, je mehr der Glanz dieses unvergleichlichen Blütenalters der römischen Poesie erblaßte, auch die edle Würdigung dichterischer Größe, die zur Signatur der Augusteischen Periode gehört, sich in den hohen Kreisen verlor. Aber einen großen Teil der Schuld trugen ohne Zweifel die Dichter selbst, denen bei aller Selbstüberschätzung doch das sicher machende Gefühl des eignen Werts sowie das Selbstgefühl der Männer fehlte, »die noch die Republik gesehen hatten«; jenes Selbstgefühl, das der arme Sohn des Freigelassenen von Venusia seinem mächtigen, von etruskischen Fürstengeschlechtern stammenden Wohltäter gegenüber zu behaupten wußte. Daß dies freilich auch schon damals mittelmäßigen und von Armut gedrückten Poeten fehlte, beweist, wenn es des Beweises bedürfte, das Lobgedicht eines Ungenannten auf Messalla, ein aus Phrasen zusammengestoppeltes, dürftiges, mit mythologischer oder sonstiger Schülergelehrsamkeit überladenes, stellenweise bis zur Albernheit geschmackloses Machwerk, das dennoch der Aufbewahrung in der unter Tibulls Namen vereinigten Sammlung für wert gehalten worden ist. Der Dichter bittet, mit seinem guten Willen vorlieb zu nehmen, er sei sich seiner schwachen Kräfte, der Mangelhaftigkeit seines Gedichts wohl bewußt. Er war, wie er sagt, einst wohlhabend gewesen, dann verarmt, und stellt sich nun seinem Gönner ganz zur Verfügung; wenn Messalla sich auch nur ein wenig um ihn kümmern wolle, werde dies für ihn ebensoviel Wert haben wie das Gold Lydiens und der Ruhm Homers. Wenn dem Gepriesenen seine Verse auch nur zuweilen auf die Lippen kommen, solle ihn das Schicksal nie abhalten, dessen Lob zu singen; aber er sei bereit, noch mehr zu tun, für Messalla wolle er selbst durch die reißenden Fluten des Meers schreiten, sich allein dichten Reitergeschwadern entgegenstellen und seinen Leib den Flammen des Ätna anvertrauen.

Um die Mitte des 1. Jahrhunderts war unter den großen Häusern Roms das vornehmste und glänzendste das jenes Piso, der sich an die Spitze einer Verschwörung gegen Nero stellte, die ihn auf den Thron erheben sollte, ihm aber in der Tat den Tod brachte (65 n. Chr.); seine fürstliche Freigebigkeit scheint er ganz besonders auch den Dichtern zugewandt zu haben. Denn er selbst war der Poesie nicht fremd, die Verse flossen ihm, wie in einem Lobgedichte auf ihn gerühmt wird, leicht, auch die Kithara spielte er meisterhaft, sein ganzes Haus »ertönte von den mannigfachen Leistungen der Bewohner«, alles trieb dort Kunst und Wissenschaft. Das recht leidliche Gedicht, mit dem ein noch sehr junger Poet sich bei Piso einführen wollte, gibt eine nicht uninteressante Probe dieser Klientenpoesie. Zuerst wird der Ruhm des Geschlechts gepriesen, dann die Trefflichkeit des jetzigen Herrn, vor allem seine Beredsamkeit, die ihm bereits zuteil gewordene Ehre des Konsulats hervorgehoben; seine edle Erscheinung, sein lauterer Sinn, seine Freigebigkeit und Leutseligkeit gerühmt, ferner seine feine Bildung, sein Talent für Poesie und Musik, seine Kunst im Fechten, Ball- und Brettspiel: eine Schilderung, die im wesentlichen mit der von Tacitus gegebenen durchaus übereinstimmt. Am Schluß erklärt der Dichter, um nichts zu bitten, als daß Piso ihn der Aufnahme in sein Haus würdigen möge; denn ihn erfülle nicht Gier nach Gold, sondern nur Ruhmliebe. Er werde glücklich sein, wenn er sein Leben mit Piso verbringen und seine Gedichte mit dessen Tugenden wetteifern lassen dürfe; wolle Piso ihm die Bahn des Ruhms eröffnen, ihn aus dem Dunkel hervorziehen, so werde er hoch emporsteigen. Selbst Vergil würde vielleicht ohne einen Beschützer wie Mäcenas unbekannt geblieben sein: und Mäcenas begnügte sich nicht damit, dem einen sein Haus zu öffnen, er begründete auch den Ruhm des Varius und Horaz, unter seinem Schutz hatten die Dichter niemals ein darbendes Alter zu fürchten. Wolle Piso die Wünsche des Dichters erhören, so werde dieser ihn in wohlgerundeten Versen als seinen Mäcen besingen: er vermöge wohl einen Namen der Ewigkeit zu überliefern, wenn es erlaubt sei, etwas der Art zu versprechen. Er fühle den Mut und die Kraft, Größeres zu leisten, nur möge Piso dem Schwimmenden die Hand reichen, ihn aus der Verborgenheit emporziehen, in der seine niedere Geburt und Dürftigkeit ihn halte. Sein Geist sei stärker, als man es bei seinen Jahren erachten könne, da ihm eben der erste Flaum die Wangen bedecke und er noch nicht den zwanzigsten Sommer erlebt habe.

Nach Nero änderte sich mit der Stellung der Aristokratie auch die der von ihr abhängigen Dichter, und zwar zu deren Nachteil. Manche von den großen Familien hatten sich durch Prunk und Verschwendung zugrunde gerichtet, andre waren dem Argwohn, dem Haß oder der Habgier des kaiserlichen Despotismus zum Opfer gefallen. Mit Vespasian kamen in Rom neue Männer aus den Städten Italiens und den Provinzen herauf, die ihre aus den früheren engeren Verhältnissen mitgebrachten Lebensgewohnheiten beibehielten, und Vespasian ging mit dem Beispiel der haushälterischen Sparsamkeit voran; unter Domitian war überdies die Entfaltung von Glanz und Freigebigkeit und der Verdacht, nach einer ausgebreiteten Klientel zu streben, für die Angehörigen der ersten Kreise überaus gefährlich. So hatten die damaligen Dichter allerdings Grund, die gute Zeit nicht nur des Mäcenas, sondern auch der Seneca und Piso zurück zu wünschen. Als Martial um 63 als junger Mann nach Rom kam, stand ihm die von Ahnenbildern erfüllte Halle der Pisonen und die drei Häuser seiner Landsleute, der drei Seneca (des Philosophen, des Junius Gallio, des Annäus Mela, Vaters des Lucan), offen. Alle diese fielen in den Jahren 65 und 66, und von der großen Familie der Seneca war gegen Ende des Jahrhunderts die einzige Überlebende die Witwe Lucans, Argentaria Polla, die Martial noch im Jahre 96 durch die Anrede »Königin« als seine Patronin bezeichnet. Unter Domitian gab es solche Gönner der Literatur, wie die Piso und Seneca, wie Vibius Crispus (cons. suff. unter Nero) und Memmius Regulus (Konsul 63) nicht mehr: wenigstens sehen wir die beiden hervorragendsten Dichter, Martial und Statius, sich um die Gunst einer großen Anzahl von Personen bemühen, ohne doch erlangen zu können, was früher ein einziger gewährt hatte.

Zum Hofe hatte Martial mindestens schon unter Titus in Beziehung gestanden, von ihm hatte er die Privilegien der Väter von drei Kindern erhalten, die Domitian bestätigte; auch war er (vielleicht schon von Titus) durch Verleihung des Titulartribunats in den Ritterstand erhoben worden. Wenn wir seinen Worten Glauben schenken, so reichte sein Fürwort hin, um mehreren Petenten das Bürgerrecht zu verschaffen, aber auf die von ihm in den höchsten Tönen gepriesene Ehre, zur kaiserlichen Tafel eingeladen zu werden, hat er allem Anscheine nach vergebens gewartet, und ein Gesuch um einige tausend Sesterzen lehnte der Kaiser, wenn auch nicht ungnädig, ab. Überhaupt scheint er von ihm nie eine wirkliche Besserung seiner Umstände erlangt zu haben, um die er »weder blöde noch befangen« in immer neuen Wendungen bettelte, denn wir finden nie, daß er sich für empfangene Geschenke bedankt; nicht einmal die Vergünstigung der Leitung eines Rohrs des Marcischen Aquädukts auf sein Landgut und in sein Haus in der Stadt scheint er erhalten zu haben. Dies ist um so auffallender, als Domitian seine Gedichte gern las; sonst hätte sich Martial nicht wiederholt auf seinen Beifall berufen dürfen. Auch war er unermüdlich bestrebt, die Gunst der am Hofe einflußreichen Freigelassenen und andrer Hofleute, zum Teil durch die niedrigsten Schmeicheleien, zu gewinnen, er preist sie im allgemeinen und schmeichelt außerdem in mehreren Gedichten jedem besonders: wie dem Kämmerer Parthenius, dem Vorsteher des Amts der Bittschriften Entellus, dem Tafelaufseher Euphemus, dem Mundschenken Earinus, dem kaiserlichen Günstlinge Crispinus, dem alten, bereits in den Ruhestand versetzten Vater des Etruscus, einem Sextus, der kaiserlicher Studienrat gewesen zu sein scheint.

Doch Martial hatte während eines zwanzigjährigen Aufenthalts in Rom sich auch in der Aristokratie zahlreiche Beziehungen verschafft und suchte sie zu erhalten und zu vermehren, indem er möglichst vielen hochgestellten Männern durch ehrenvolle Erwähnung in seinen Gedichten, wie er selbst sagt, dauernden Ruhm verlieh, wenn ihm auch diese Huldigungen nichts einbrachten. Wohl infolge seines alten Verhältnisses zu den Seneca war er befreundet mit Q. Ovidius, der Cäsennius (oder Cäsonius) Maximus, einen Freund des Philosophen Seneca, nach Sicilien in die Verbannung begleitet hatte. Zu der großen Zahl von Männern des senatorischen Standes, denen Martial in seinen in die letzten 12 Jahre seines römischen Aufenthalts (86-98) und die dann noch in Spanien bis 101 oder 102 verlebte Zeit fallenden Epigrammen huldigt oder schmeichelt, bei denen er bettelt oder sich bedankt, gehören der Dichter Silius Italicus (Konsul 68) und dessen Söhne, der spätere Kaiser Nerva, der als Ankläger in Majestätsprozessen berüchtigte, reiche Redner M. Aquilius Regulus, die ungeheuer reichen Brüder (beide Konsulare) Domitius Tullus und Domitius Lucanus, der Dichter Stertinius Avitus (Konsul 92), der im Jahre 94 das Bild Martials in seiner Bibliothek aufstellen ließ, der als Schriftsteller bekannte S. Julius Frontinus (zum zweitenmal Konsul 98, zum drittenmal 100), der jüngere Plinius (Konsul 100), der Dichter Arruntius Stella (Konsul 101), L. Norbanus Appius Maximus (zweimaliger Konsul), der Besieger des L. Antonius Saturninus, Licinius Sura (zum zweitenmal Konsul 102, zum drittenmal 107), der mächtige Freund Trajans, der ehemalige Parteigänger Vespasians M. Antonius Primus aus Tolosa und mehrere andre. Natürlich suchte und fand Martial auch im Ritterstande Gönner. Diesem mögen der elegante Atedius Melior, der in seinem schönen Hause und Garten auf dem Cälius so vortreffliche Mahlzeiten gab, und andre wohlhabende Freunde des Dichters angehört haben. Aber zu seinen am häufigsten besungenen Freunden gehört auch ein Centurio Aulus Pudens, der zwar die Primipilarenstelle, aber nicht das Ziel seines Strebens, die Ritterwürde, erlangt zu haben scheint; auch mit andern Centurionen stand Martial in Beziehungen, auf die er Wert legte, wie die ehrenvollen Erwähnungen in seinen Gedichten zeigen.

Zum Teil in denselben Kreisen wie Martial bewegte sich Statius und bewarb sich zum Teil um die Gunst derselben Männer, vor allen natürlich des Kaisers; er veröffentlichte nichts, »ohne dessen Gottheit anzurufen«. Auch ihm scheinen jedoch immer von neuem wiederholte demütige Huldigungen und ins Lächerliche übertriebene Schmeicheleien von Seiten Domitians außer gnädigem Beifalle nichts eingetragen zu haben als eine Einladung zur Tafel und eine Versorgung seines Hauses bei Alba mit Wasser aus einer öffentlichen Leitung. Wie Martial schmeichelte Statius auch den kaiserlichen Freigelassenen, er besang außer Etruscus und dessen Vater und dem jungen Eunuchen Earinus namentlich den kaiserlichen Sekretär Abascantus. Von den Gönnern Martials gehörten auch zu denen des Statius Arruntius Stella, Argentaria Polla, Lucans Witwe, und Atedius Melior. Bei den von ihm, wie es scheint, häufig veranstalteten Vorlesungen fanden sich Senatoren zahlreich ein. Mehrere seiner senatorischen Gönner und Freunde hat Statius besungen, wie den bejahrten Konsular und Stadtpräfekten Rutilius Gallicus, den jungen Vettius Crispinus und Mäcius Celer; aber auch mit Männern vom Ritterstande, wie Septimius Severus, dem Urgroßvater des gleichnamigen Kaisers, und auch mit reichen Literaturfreunden, die er in seiner Vaterstadt Neapel gekannt hatte, blieb er in freundlichem Verkehr.

Doch trotz so vieler eifrig gesuchten und sorgsam bewahrten Beziehungen zu den Großen und Reichen und trotz des auch in diesen Kreisen allgemeinen Beifalls blieben beide Dichter arm. Von Statius wissen wir es durch die oben angeführte Äußerung Juvenals; er selbst war nicht so würdelos, um wie Martial fortwährend in seinen Gedichten zu klagen und zu betteln. Er besaß zwar ein Gütchen bei Alba, vermutlich das Geschenk eines Patrons, aber es war dürftig und ohne Viehstand, und daß er auf der Höhe seines dichterischen Ruhms wieder in die Heimat zurückkehren und in der Vaterstadt sein Alter verbringen wollte, dazu bewog ihn schwerlich allein der Mißerfolg bei dem kapitolinischen Agon. Auch Martial besaß ein kleines Weingut bei Nomentum, aber es war trocken, holzarm, und außer einem geringen Wein scheint nur schlechtes Obst (»bleierne Äpfel«) dort gewachsen zu sein; freilich war Martial auch nichts weniger als ein Landwirt. Wenn ihm nicht sein Freund Stella Ziegel schickte, um das Dach seines Häuschens zu decken, so regnete es ein, und der Hauptvorteil, den er von diesem Besitz hatte, war, daß er zuweilen dort von den Plagen seiner Klientenstellung sich erholen und ausschlafen konnte. In der letzten Zeit seines römischen Aufenthalts hatte er auch ein Maultiergespann zum Geschenk erhalten und besaß ein kleines Haus auf dem Quirinal, wo er früher drei Treppen hoch zur Miete gewohnt hatte. Aber eine unabhängige und sorgenfreie Existenz gewann er nicht, bis er sich im Alter von 57 Jahren entschloß, Rom, dessen Atmosphäre für ihn die Lebensluft war, zu verlassen und seine Tage in seiner Heimat Spanien zu beschließen, wo ihm die Wohlfeilheit des Lebens und die Freigebigkeit heimischer Gönner (namentlich Terentius Priscus und Marcella) den Vollgenuß der lang ersehnten Faulheit und Bequemlichkeit möglich machte.

Wenn nun schon bei dem Abhängigkeitsverhältnis der Dichter von einem Patron nur die edelste Auffassung von beiden Seiten die Gefahr der Erniedrigung für die ersteren ganz ausschließen konnte, so wuchs diese Gefahr natürlich mit der Unsicherheit und Gedrücktheit ihrer Lage, und das Beispiel Martials zeigt, daß bei minder edlen Naturen die Klientenstellung fast mit Notwendigkeit zum Mißbrauch der poetischen Begabung und zu persönlicher Herabwürdigung führte. Martial erinnert nicht bloß wiederholt seine Leser im allgemeinen und seine Gönner insbesondere daran, daß ein Dichter vor allen Dingen Geld brauche, er bettelt auch fortwährend, selbst um eine Toga, einen Mantel und dergl. Er schreibt einmal an Regulus, es fehle ihm so sehr an Geld, daß er genötigt sei, dessen Geschenke zu verkaufen; ob Regulus etwas kaufen wolle. Ja er hat es auch mit zynischer Offenheit ausgesprochen, daß seine Poesie jedem zur Verfügung stand, der sie bezahlen wollte: »Einer, den ich in meinem Gedichte gelobt habe, tut so, als ob er mir nichts schuldig sei: er hat mich angeschmiert.« Er läßt sich von dem Kaiser fragen, was es ihm denn genützt habe, daß er so vielen durch ehrende Erwähnung in seinen Epigrammen ewigen Ruhm verliehen, und antwortet: freilich nichts, aber es mache ihm doch Vergnügen. Vermutlich dachten eben nicht alle so wie der jüngere Plinius, der (wie bemerkt) für ein lobendes Gedicht Martials glaubte, sich durch Übersendung eines Reisegeldes erkenntlich erweisen zu müssen: denn welche Gabe könne größer sein als die von dem Dichter empfangene, des Ruhms, »des Preises, der Unsterblichkeit«? Doch ein großer Teil der von Martial Gepriesenen hat sicherlich für die erwiesene Ehre bezahlt, wenn auch nicht immer so viel, wie er erwartete.

Ganz hauptsächlich verwertete er sein Talent aber, wozu es sich am besten eignete, zu geistreicher und witziger Unterhaltung geselliger Kreise, und hier würdigte er es zum Teil kaum weniger herab als durch seine kriechendsten Schmeicheleien. Es war ihm freilich nicht übelzunehmen, daß er auf Bestellung oder auf gegebene Themen Gedichte lieferte, so viel man wollte; wie denn namentlich seine Xenien allem Anschein nach ursprünglich gemacht sind, um als Etiketten für Saturnaliengeschenke in reichen Häusern zu dienen. Aber da den lustigen Gästen bei den Trinkgelagen der Saturnalien und den meisten Lesern überhaupt nichts so sehr mundete wie Obszönitäten, so richtete sich Martial auch in dieser Beziehung nach dem Geschmacke seines Publikums. Die Anstandsbegriffe jener Zeit gestatteten allerdings dem Dichter jede Obszönität in eleganter Form: es ist eben die unverhältnismäßig große Menge von schmutzigen Gedichten, welche zeigt, wie sehr Martial bereit war, sich auch den gemeinsten Neigungen der Masse dienstbar zu machen, und seine Beschönigungen lassen erkennen, daß auch er sich bewußt war, die Grenze des Erlaubten überschritten zu haben.

Martial erinnert mit seiner lustigen Saturnalienpoesie trotz seines glänzenden Talents etwas an jene Vaganten der alten Zeit, die sich bei Gastmählern einzustellen pflegten und gern gesehen, aber gering geachtet waren. Den Dichter Statius bewahrte vor ähnlicher Erniedrigung die Natur seiner auf das Pathetische und Feierliche gerichteten Begabung; aber er hatte auch mehr Gefühl der eignen Würde und einen höheren Begriff von der Poesie. Die Sammlung seiner kleineren Gedichte macht uns mit der höheren Gelegenheitspoesie jener Zeit und ihren gewöhnlichen Gegenständen und Veranlassungen bekannt. Von den drei Hauptgattungen der Gedichte, bei Hochzeiten, Geburten und Todesfällen, war es die letzte, in der Statius seine besondere Stärke hatte; die vier »Trostgedichte« seiner Sammlung sind aus der großen Anzahl der überhaupt von ihm verfaßten ausgewählt. Er nennt sich »den milden Tröster der Trauernden, der so oft den Schmerz der offnen Wunden von Vätern und Müttern gelindert, liebenden Söhnen am Grabe der Väter Trost gespendet, der so viele Tränen getrocknet habe, dessen Stimme um trauervolle Grabhügel von den abscheidenden Geistern vernommen worden sei«: Offenbar hatte er also solche Gedichte in Menge geliefert. Übrigens bestellten reiche Leute auch für die Leichenfeiern von Lieblingssklaven und -freigelassenen, selbst von Lieblingstieren Klage- und Trostgedichte; Statius hat zwei solche, auf den Tod eines grünen sprechenden Papageien des Atedius Melior und eines in der Arena von einem andern wilden Tiere zerrissenen zahmen Löwen des Kaisers, in seine Sammlung aufgenommen. Überhaupt wurde offenbar in vornehmen Häusern in der Regel jedes frohe oder traurige Ereignis von den Hauspoeten und dichterischen Klienten besungen. Die Gedichte des Statius auf die Genesung des Rutilius Gallicus von schwerer Krankheit, auf das siebzehnte Konsulat Domitians, auf die Abreise des Mäcius Celer in seine Garnison in Syrien geben nur einige Beispiele der unzähligen Veranlassungen zu Gelegenheitsgedichten. Ganz besonders aber wurden Poeten zur Verherrlichung von Festen, großen Bauten, Kunstunternehmungen in Anspruch genommen. Statius erhielt nach dem Tage der Aufstellung der kolossalen Reiterstatue Domitians auf dem Forum den Befehl, dem Kaiser sein Gedicht darauf zu überreichen.

In solchen für weitere Kreise bestimmten Anpreisungen vertrat die Gelegenheitspoesie die Stelle der fehlenden Journalistik; reiche Leute bedienten sich ihrer gern, um rühmende Beschreibungen ihrer schönen Villen und Gärten, ihrer Bäder, ihrer Prachtbauten, Kunstsammlungen und Kostbarkeiten in die Öffentlichkeit gelangen zu lassen, und es fehlte wahrscheinlich nie an Dichtern, die gern bereit waren, ihren Wünschen zuvorzukommen. »Du lobst, Sabellus«, sagt Martial, »das Bad des Ponticus, der so gute Mahlzeiten gibt, in einem Gedicht von dreihundert Versen: du willst nicht baden, sondern speisen.« Aber auch ohne besondre Veranlassung von einem berühmten Dichter angesungen zu werden, war natürlich den meisten sehr erwünscht und ist auch auf direkte Aufforderung geschehen.

Je größer und vornehmer ein Haus war, desto zahlreicher werden in der Regel auch die Dichter gewesen sein, die sich beeiferten, allen bedeutenden Erlebnissen seiner Mitglieder, traurigen wie freudigen, die Weihe der Poesie zu geben. Octavia verschloß in ihrer leidenschaftlichen Trauer um ihren Sohn Marcellus ihr Ohr »den zur Verherrlichung seines Andenkens verfaßten Gedichten«. Das an die Kaiserin Livia beim Tode ihres Sohnes Drusus gerichtete Trostgedicht und die von dem gleichen Verfasser herrührenden beiden Elegien auf den Tod des Mäcenas bieten Beispiele solcher Gelegenheitsdichtungen aus Augusteischer Zeit. Bei einem Vermählungsfeste im Hause des Kaisers Gallienus trugen alle griechischen und lateinischen Dichter viele Tage hindurch Hochzeitsgedichte vor: aber »unter hundert Dichtern« gewann der Kaiser mit wenigen Versen den Preis. Selbstverständlich ist die Zahl 100 hier nicht buchstäblich zu nehmen; liefen doch nach der Geburt des Königs von Rom in weniger als acht Tagen über 2000 Oden, Hymnen und sonstige poetische Huldigungen in den Tuilerien ein, die von Napoleon mit 100.000 Francs honoriert wurden. Wenn nun auch die Beteiligung der Dichter an der Verherrlichung von Festen im Kaiserhause natürlich am größten war, so scheint sie doch überhaupt in den vornehmen Häusern Roms groß gewesen zu sein, und man erfreute sich wohl nach römischem Geschmack auch hierbei an der Masse der dargebrachten Kunstleistungen. Bei dem Hochzeitsfest des Stella und der Violentilla fordert Statius die ganze »Schar« der Poeten auf, in verschiednen Weisen des Gesanges zu wetteifern, wie ein jeder der Lyra mächtig sei, vor allem aber die Elegiendichter, die Sänger der Liebe. Von der gewiß nicht kleinen Zahl von Gedichten, mit denen die damaligen Poeten Roms dieser Aufforderung entsprechend die Hochzeit ihres vornehmen Kollegen in allen Tönen besangen, ist uns (außer dem des Statius) nur das des Martial erhalten.

Wie hier haben aber auch sonst bei den verschiedensten Veranlassungen beide Dichter für dieselben gemeinsamen Gönner und Freunde Gedichte über dieselben Themen geliefert. Beide haben den Tod des Lieblingsfreigelassenen des Atedius Melior und des alten Vaters des Claudius Etruscus beweint, beide das von dem letztern erbaute kostbare Bad und die kleine Lysippische Bronzestatue des Novius Vindex gerühmt, beide der Witwe Lucans Gedichte zur Feier seines Geburtstags überreicht; und als der Eunuch und Mundschenk Domitians Flavius Earinus sein abgeschnittenes Haar in einem mit Edelsteinen besetzten Behältnisse nebst seinem Spiegel an den Tempel des Äsculap zu Pergamum sandte, verfaßte Statius auf seinen Wunsch über dies Ereignis ein längeres, Martial dagegen sechs kleine Gedichte. Wenn wir nun die beiden einzigen Dichter jener Zeit, deren Gelegenheitsgedichte wir kennen, so oft und geflissentlich dieselben Gegenstände behandeln sehen, dürfen wir wohl annehmen, daß außergewöhnliche Veranlassungen in der Regel auch eine Menge von Poeten begeisterten, und daß es dann kleine und große Gedichte in allen Versmaßen regnete.

Obwohl nun Statius und Martial so vielfach in denselben Häusern aus und ein gingen, und jeder oft genug Zeuge des Beifalls gewesen sein muß, den der andre erntete, erwähnt doch keiner jemals den andern, während beide sonst zahlreichen dichterischen Kollegen das reichste Lob spenden. Offenbar liebten sie einander nicht, was bei dem tiefen innerlichen Gegensatz ihrer Naturen auch kaum sein konnte, selbst wenn der alternde spanische Dichter bei dem neuen Ruhme des Neapolitaners, der den seinen zu verdunkeln drohte, sich jeder mißmutigen und eifersüchtigen Regung hätte erwehren können. Er hat sich aber wiederholt wegwerfend über große mythologische Epopöen geäußert, wenn er auch die Thebaide des Statius nie genannt hat. Sie würden freilich allgemein gepriesen und bewundert, aber seine Epigramme würden gelesen. Dort seien nur ungeheuerliche Ausgeburten der Phantasie zu finden, er greife ins volle Menschenleben; ihn müsse lesen, wer sich selbst, wer seine Zeit verstehen wolle. Wer Epigramme für Tändeleien halte, verkenne ihr Wesen: in Wahrheit tändle der Dichter, der Fabeln und Sagen behandle. Die Figuren der Epopöen seien Riesen, aber tönerne; er schaffe kleine Figuren, aber sie seien lebendig. Von seinen kleinen Büchern sei Schwulst und Bombast fern, und seine Muse stolziere nicht in einem verrückten, aufgebauschten Schleppkleide. Möchten denn immerhin jene ernsten, überstrengen Leute, welche die Mitternacht noch bei der Lampe findet, die hochtragischen, erhabenen Gegenstände der griechischen Mythologie behandeln; er wolle echt römische Gedichte mit Witz würzen und sei zufrieden, gleichsam eine bescheidene Hirtenflöte zu spielen, wenn ihr Ton die Trompetenstöße so mancher übertreffe. Gegenüber diesen Äußerungen aber, die in denselben Jahren getan wurden, in denen Statius vor großen Kreisen die letzten Gesänge seiner Thebaide und die ersten der Achilleis unter rauschendem Beifall vorlas, hat der letztere sich zu keinem mißfälligen Urteil über Epigramme herbeigelassen. Von seinen eignen »in der Art von Epigrammen« verfaßten kleinen Gedichten spricht er als von unbedeutenden, gelegentlich hingeworfenen Bagatellen; man hatte getadelt, daß er dergleichen herausgegeben, aber er war der Meinung, daß auch der Scherz seine Berechtigung habe. Am Schlusse seiner Thebaide klagt er über die Nebelwolken, die der Neid auftürmt, um ihren Glanz zu verdunkeln.

In jener Zeit wurde Neid und Eifersucht der Dichter gegeneinander nicht bloß, wie zu allen Zeiten, durch ihre leicht gereizte Eitelkeit, ihre Selbstüberschätzung und Ruhmsucht hervorgerufen: auch ihre Klientenstellung, ihre wetteifernden und sich notwendig oft kreuzenden Bemühungen um die Gunst und den Beifall der Großen, von denen ihre Existenz abhing, waren nur zu sehr geeignet, die häßlichen Leidenschaften unedler Naturen aufzuregen, und haben gewiß oft genug zu Hetzereien, Verfolgungen und Verleumdungen, zu Ränken und Kabalen aller Art geführt. Martial hatte von Feinden, Neidern und mißgünstigen Kritikern verschiedner Art zu leiden. Die Kritik, die in den literarischen Kreisen Roms geübt wurde, war überhaupt nichts weniger als wohlwollend, manche (Neider, wie Martial sagt) tadelten noch die Unanständigkeit seiner Epigramme; größer war vermutlich, wie zu allen Zeiten, die Zahl derer, die lebende Dichter überhaupt nicht anerkannten und nur die älteren lobten. Im allgemeinen sah Martial den Tadel der Dichter als einen Beweis mehr für die Allgemeinheit des Beifalls an, den er fand, und wollte mit Recht lieber, daß seine Gerichte den Gästen, als daß sie den Köchen gefielen. Unter denen, die »vor Neid bersten wollten«, daß ihn ganz Rom las, daß man sich ihn mit Fingern zeigte, daß er bei vielen ein gern gesehener Gast, daß er zu einiger Wohlhabenheit gelangt war, befand sich auch ein jüdischer Dichter, der überall seine Gedichte tadelte und sie nichtsdestoweniger plünderte. Aber daß dieser und andre Plagiatoren seine Verse für die ihrigen ausgaben und vorlasen, machte Martial wenig Sorge, besonders da der Abstand der Seinigen von dem Fremden so groß war, daß man den Diebstahl sofort bemerken mußte. Viel schlimmer, und nicht bloß für seinen Dichterruhm, sondern für seine ganze Stellung, war, worüber er wiederholt klagt, daß anonyme Dichter aus sicherer Verborgenheit unter seinem Namen giftige Schmähungen und pöbelhafte Verunglimpfungen gegen edle Männer und Frauen verbreiteten. Diese Perfidie konnte ihm um so eher in der Meinung seiner Gönner schaden, als er ohnedies fortwährend besorgen mußte, daß Personen, an deren Gunst ihm gelegen war, den Spott seiner Epigramme auf sich bezogen; daher seine wiederholten Beteuerungen, daß er nie eine bestimmte Person im Auge habe.

Außer solchen und ähnlichen Einblicken, die uns Martials Gedichte in das Treiben der Kreise gestatten, welche sich in dem »Klub der Dichter« ( schola poetarum) oder in der Säulenhalle des Quirinustempels zusammenfanden, geben sie noch manche andre Belehrungen über die damaligen literarischen Interessen und Bestrebungen. Durch sie, durch die gleichzeitigen Gedichte des Statius (90-96) und die sich an beide unmittelbar anschließenden Briefe des jüngeren Plinius (97-108/109) kennen wir namentlich das Verhältnis der gebildeten Gesellschaft zur Poesie in der Zeit Domitians, Nervas und zum Teil in der früheren Trajans genauer als in irgendeiner andern Periode. Doch die Erscheinungen, die hierbei wie überhaupt auf literarischem Gebiet als charakteristisch hervortreten, sind nicht etwa dieser Periode besonders eigentümlich, sondern dürfen im wesentlichen für die ganze Zeit von Augustus bis Hadrian vorausgesetzt werden. Auch hier bestätigt sich die Wahrnehmung, daß der Poesie eine höhere Wichtigkeit, ein größerer Einfluß auf die Gesamtbildung zugestanden wurde als gegenwärtig.

Zunächst erhält man den Eindruck einer übermäßigen Emsigkeit und Produktivität auf dem ganzen Gebiet der poetischen Literatur, dessen sämtliche Felder von Dichtern und Dilettanten wetteifernd angebaut wurden; wie ja auch Juvenal in seinem Verzweiflungsausbruch über die unaufhörlichen Rezitationen Gedichte der verschiedensten Art nennt, die man täglich anhören müsse: der eine liest eine Theseide, der andre römische Lustspiele, der dritte Elegien vor, eine Tragödie Telephus, ein endloser Orest nehmen den ganzen Tag in Anspruch, unaufhörlich hallen die Säulen und Platanen eines von den Vorlesern benutzten Peristyls wider von den Schilderungen der Centaurenkämpfe, des Totengerichts, der Erbeutung des goldenen Vließes. Manche versuchten sich in mehreren Gattungen zugleich. Ein Varro z. B. war nach Martial als Tragiker und Mimendichter, als Lyriker und Elegiker gleich ausgezeichnet, nicht minder vielseitig scheint der Gaditaner Canius Rufus gewesen zu sein. Manilius Vospicus schrieb lyrische und epische Gedichte, Satiren und Episteln, Pollius Felix Hexameter, Epoden oder Distichen und Iamben. Außer den gangbarsten Gattungen werden auch seltenere und ungewöhnlichere, wie die Aristophanische Komödie und der Mimiambus, erwähnt; viele dichteten griechisch. Daß wir übrigens aus Martial, Statius und Plinius doch nur einen kleinen Teil der damaligen Dichter kennenlernen, ist selbstverständlich; nach Quintilians Äußerungen scheint die Zahl der namhaften Satiriker und lyrischen Dichter nicht klein gewesen zu sein.

Von allen Gattungen aber dürfte die epische diejenige gewesen sein, der sich die meisten zuwandten, besonders das mythologische Epos: wie auch aus jener Zeit hauptsächlich große Epopöen sich erhalten haben, die außer dem Punischen Kriege des Silius sämtlich zur letzteren Art gehören, die Argonautica des Valerius Flaccus, die Thebaide und Achilleide des Statius. Auch nach Juvenals Äußerungen über die Rezitationen darf man ein Vorwiegen des Epos annehmen. Seine Gegenstände waren die unverfänglichsten: der Dichter, der Äneas mit Turnus kämpfen ließ, war sicher, nirgends Anstoß zu geben, und über einen verwundeten Achill oder einen ertrinkenden Hylas konnte sich niemand beschweren. Sodann leitete auch die Schule notwendig die dichterischen Bestrebungen auf das Gebiet der griechischen Sage hin. Auch schien die Fülle des in ihr enthaltenen poetischen Stoffs vermutlich die Behandlung, für die man überdies (auch außer Vergil) die zahlreichsten, besonders alexandrinischen Muster hatte, zu erleichtern und den Mangel an Erfindung und Gestaltungskraft zu ersetzen. Dann bot diese Gattung den weitesten Spielraum zur Entwicklung aller Vorzüge, die auch ein minder begabter Dilettant sich aneignen konnte, wie Schönheit der Sprache und Tadellosigkeit des Versbaus, rhetorisches Pathos, vor allem lebhafte Schilderung. Schon Horaz spricht von Naturschilderungen, die als »Purpurlappen« angewendet würden, um manche Blößen in großen Gedichten zu verdecken: »Ein Hain und Altar der Diana, der sich schlängelnde Lauf einer Quelle durch lachende Gefilde, der Rheinstrom, der Regenbogen«; Seneca nennt als derartige Gemeinplätze der Dichter den Ätna und die Sonnenauf- und -untergänge. Juvenal sagt, niemandem sei sein eignes Haus so bekannt wie ihm die Höhle des Vulkans und der Hain des Mars. Der Dichter des Ätna erklärt, er wolle einen ungewohnten Weg betreten, denn die alten Sagen seien schon zu oft behandelt. Jedermann kenne das goldene Zeitalter besser als seine eigne Welt. Wer habe nicht den Argonautenzug, den Trojanischen Krieg, das Schicksal der Niobe, des Atridenhauses, die Abenteuer des Kadmos, die verlassene Ariadne besungen? In ähnlicher Weise kündigt Nemesianus zu Ende des 3. Jahrhunderts im Eingange seines Gedichts über die Jagd an, nicht »auf dem bekannten Pfade« wandeln zu wollen. Er zählt eine lange Reihe von mythologischen Gegenständen auf: »Dies alles hat schon eine Menge großer Dichter vorausgenommen, und die alten Sagen der Vorzeit sind schon allbekannt.« Von größter Bedeutung war endlich auch die Autorität Vergils, dessen maßgebende Form man hier am leichtesten reproduzieren zu können meinte. Übrigens ist zu glauben, daß von seinen Werken nicht bloß die Äneide, sondern auch seine Eclogen und sein Gedicht vom Landbau zahlreiche Nachahmungen hervorriefen. Columella machte den Gartenbau nur deshalb zum Gegenstande eines Gedichts, weil »der göttliche Maro«, »der am höchsten zu verehrende Dichter«, seine Nachfolger zur poetischen Behandlung dieses Teils der Landwirtschaft ausdrücklich aufgefordert hatte. Martials Freund Julius Cerealis hatte außer einer »Gigantenschlacht« auch ländliche Gedichte verfaßt, »die dem ewigen Vergil nahekamen«. Auch die von dem Gegenkaiser des Septimus Severus, Clodius Albinus, verfaßten Georgica waren wohl ein Gedicht.

Doch die Mehrzahl der Gebildeten, welche die Poesie nicht zu ihrem Berufe machten, sondern nur, wie Atticus, den Reiz nicht entbehren wollten, den sie dem Leben verleiht, die ihre poetischen Beschäftigungen zur Erholung, Zerstreuung und Unterhaltung oder zur Übung trieben, hatte natürlich zu langatmigen epischen Dichtungen in der Regel keine Zeit. Der jüngere Plinius empfiehlt einem Freunde, der sich zum Redner ausbildete, zuweilen auch etwas Historisches oder einen Brief zu schreiben. »Man darf sich auch manchmal an einem Gedicht erholen, nicht an einem zusammenhängenden, langen, fortlaufenden (denn dies kann nur bei ganz freier Zeit ausgeführt werden), sondern an den geistreichen Kleinigkeiten, die für Beschäftigung und Arbeit jeder Art eine passende Abwechslung bieten. Man nennt sie Tändeleien; aber diese Tändeleien erzielen zuweilen größeren Ruhm als der Ernst. Daher haben die größten Redner, ja die größten Männer sich in dieser Weise teils geübt, teils ergötzt, oder vielmehr beides zugleich. Denn es ist erstaunlich, wie bei diesen Kleinigkeiten der Geist sich zugleich spannt und doch auch erfrischt, denn hier ist Raum für den Ausdruck von Liebe, Haß, Zorn, Witz, Mitleid, kurz allem, was im Leben und auch auf dem Forum und vor Gericht vorkommt. Sie bieten auch denselben Vorteil wie andre Gedichte, daß man sich um so mehr an der Prosa erfreut, sobald man von dem Zwange des Versmaßes entbunden ist, und sie lieber schreibt, nachdem der Vergleich gezeigt hat, daß sie leichter ist.«

Auch abgesehen von diesen poetischen Exerzitien bestand die Dilettantenpoesie und selbst die der eigentlichen Dichter ohne Zweifel zum großen, wenn nicht zum größten Teil in Reproduktionen der klassischen römischen oder griechischen Muster und war im letzteren Fall wohl sehr oft nur mehr oder minder freie Übersetzung. Und diese Reproduktion war keineswegs eine unbewußte. Während gegenwärtig auch die poetischen Dilettanten nach dem Schein der Originalität um so mehr strebten, je weniger sie einer wirklichen fähig sind, lag dies Streben den römischen Dichtern der späteren Zeit um so ferner, als es ja das Ziel ihrer größten Vorgänger von jeher gewesen war, die Blüten der griechischen Poesie auf den heimischen Boden zu verpflanzen. Und war in der ganzen antiken Kunst auf allen Gebieten die Ehrfurcht vor der Tradition groß, so daß die einmal gefundenen und als mustergültig anerkannten Formen gleichsam die Kraft von bindenden Gesetzen hatten, gegen die kein Künstler sich aufzulehnen wagte, die jede Willkür ausschlössen; erschien Nachahmung, Kopie und Reproduktion als berechtigt und zulässig, und Fleiß und Studium bis zu einem gewissen Grade als ausreichender Ersatz für mangelnde Ursprünglichkeit: so gilt dies alles ganz besonders von der römischen Poesie der ganzen nachaugusteischen Zeit, für welche nichts so charakteristisch ist wie die beispiellose Häufigkeit der Nachahmungen und Wiederholungen, der Anklänge und Reminiszenzen jeder Art. Gab es doch sogar »Ovidische« und »Vergilische Dichter«, d. h. wie es scheint solche, die ihre Gedichte nur in Wendungen, Phrasen und Versen Ovids und Vergils verfaßten.

Der unermeßliche Einfluß des letzteren auf die spätere Poesie, vor allem aber auf das Epos ist bereits hervorgehoben worden. Wie Ennius und Vergil Homer nachgestrebt hatten, so dichteten die späteren Epiker unter dem Banne des Zaubers, den Vergil auf ihre ganze Zeit übte. Silius Italicus verehrte sein Bild von denen aller andern großen Männer, feierte seinen Geburtstag gewissenhafter als den eignen, betrat sein Grabmal zu Neapel wie einen Tempel. Statius, der am Schlusse seiner Thebaide für sie die Unsterblichkeit erfleht, fügt hinzu, sie möge sich begnügen, der göttlichen Äneide von fern zu folgen und ihre Fußspuren mit heiliger Scheu zu verehren. Und auch auf andern Gebieten gereichte es den Dichtern zum höchsten Lobe, ein großes Vorbild mit Glück nachgeahmt zu haben. Passennus Paulus, ein Freund des jüngeren Plinius, eiferte überhaupt den Alten nach, kopierte, reproduzierte sie, vor allen Properz, aus dessen Familie er stammte und dem er gerade in der Gattung am nächsten kam, in welcher Properz sich besonders auszeichnete; seine Elegien waren ein »ganz im Hause des Properz geschriebenes Buch«. Später wandte er sich zur Lyrik, indem er den Horaz mit derselben Treue wiedergab.

Für die große Zahl derer, die ihre dichterische Lust an Kleinigkeiten, Epigrammen, poetischen Tändeleien aller Art büßten, war offenbar Catull das auch damals wie ja schon in der Augusteischen Zeit am allgemeinsten kopierte Vorbild; selbst die Epigramme eines Dichters wie Martial, der doch zu den originellsten der späteren gehörte, sind von Reminiszenzen an ihn voll: er sende seine kleinen Gedichte an Silius, sagt er, wie vielleicht auch der zärtliche Catull gewagt habe, dem großen Vergil sein mit der Klage über den toten Sperling beginnendes Gedichtbuch zu senden. Dieses Sperlingsgedicht Catulls ist für alle ähnlichen Gegenstände das unvermeidliche Muster gewesen und allem Anschein nach unendlich oft nachgeahmt worden: Stella, so schmeichelt Martial, habe in seiner »Taube« Catull um so viel übertroffen, wie die Taube größer sei als der Sperling. Der Spanier Unicus, ein Verwandter Martials, schrieb Liebesgedichte wie die Catulls an Lesbia oder Ovids an Corinna. Der Freund des Plinius, Pompejus Saturnius, der als Redner und Geschichtsschreiber ausgezeichnet war, machte nebenbei auch Verse »wie Catullus oder Calvus, voll Anmut, Süßigkeit, Bitterkeit, Leidenschaft; unter das Zärtliche und Spielende mischte er etwas Strenges ein: auch dies wie Catullus oder Calvus«. Es würde also höchst unbillig sein, ihn weniger bewundern, weil er noch lebe. Einen andern Freund, Sentius Augurinus, hörte Plinius mit dem größten Vergnügen, ja mit Bewunderung drei Tage hintereinander seine kleinen Gedichte vorlesen; alles war darin fein, vieles erhaben, vieles anmutig, vieles zart, vieles von Süßigkeit, vieles voll Galle: in mehreren Jahren, meinte Plinius, sei in dieser Gattung nichts Vollendeteres geschrieben worden, falls ihn nicht das Lob parteiisch mache, das der Dichter ihm selbst gespendet habe. Denn er hatte gesagt, er singe in kurzen Versen, wie einst Catull und Calvus und die Alten. Aber wozu diese nennen? Plinius, der ja auch Verschen machte, gelte ihm allein soviel wie alle Früheren.

Das Beispiel des Plinius, der erst als Konsular und im Alter von mehr als vierzig Jahren »die Pfade Catulls« zu wandeln begann und die Entstehungsgeschichte dieses »einigermaßen spät eingetretenen Liederfrühlings« mit größter Ausführlichkeit erzählt, zeigt aufs deutlichste, wie damals jede lebhafte Teilnahme an der Literatur auch die nüchternsten und poesielosesten Naturen zur Poesie mit Notwendigkeit hinzog. In Versen hatte er sich schon früher mehrfach versucht, wie dies in einer Zeit, deren Bildung so sehr mit poetischen Elementen gesättigt war, bei seinem von jeher auf literarische Auszeichnung gerichteten Streben kaum anders sein konnte. »Du sagst«, schreibt er an einen Freund, »du habest meine Hendekasyllaben gelesen, und fragst, wie ich dazu gekommen sei, dergleichen zu schreiben, da ich doch, wie du meinst, ein ernster und, wie ich selbst zugebe, gerade kein törichter Mann bin. Niemals (denn ich muß etwas weit ausholen) bin ich in der Poesie fremd gewesen. Ich habe sogar im Alter von vierzehn Jahren ein griechisches Trauerspiel geschrieben. Wie war es? fragst du. Das weiß ich nicht, genug, es hieß Trauerspiel. Dann auf der Rückkehr aus dem Kriegsdienst, als ich auf der Insel Ikaria durch widrige Winde zurückgehalten wurde, schrieb ich lateinische Elegien auf jene See und die Insel selbst. Ich habe mich auch einmal in Hexametern versucht, in Hendekasyllaben jetzt zum erstenmal, deren Veranlassung und Ursprung folgender ist. Auf meiner Villa bei Laurentum ließ ich mir einmal das Buch des Asinius Gallus über die Vergleichung seines Vaters und des Cicero vorlesen; darin kam ein Epigramm des Cicero auf seinen Lieblingsfreigelassenen Tiro vor. Als ich mich darauf mittags zur Siesta zurückzog (denn es war im Sommer) und der Schlaf sich nicht einstellen wollte, fing ich an zu bedenken, daß die größten Redner diese literarische Tätigkeit zum Vergnügen geübt und sich zum Ruhm angerechnet haben. Ich sann nach, und zu meiner Überraschung gelang es mir, obwohl ich so lange außer Übung gewesen war, in äußerst kurzer Zeit beides, was mich zum Schreiben angeregt hatte, in Versen auszudrücken.« Die Hexameter, in denen er auseinandersetzt, wie er sich durch Ciceros Beispiel veranlaßt fühle, sich in Gedichten ausgelassen und schalkhaft zu zeigen, sind durch und durch prosaisch und unbeholfen, die Hendekasyllaben werden vermutlich in noch abschreckenderer Weise gezeigt haben, was entsteht, wenn »einen Pendanten es juckt, locker und lose zu sein«. »Ich machte mich darauf«, fährt er fort, »an elegische Gedichte; auch diese brachte ich nicht minder schnell zustande; durch meine Fähigkeit ließ ich mich verführen, noch andre hinzuzufügen, und als ich in die Stadt zurückkam, las ich sie meinen Bekannten vor und fand Beifall. Später versuchte ich verschiedne Versmaße, wenn ich gerade Zeit hatte, besonders auf der Reise. Zuletzt beschloß ich nach dem Beispiele so vieler, eine Sammlung von Hendekasyllaben besonders abzuschließen, und es tut mir nicht leid. Sie wird gelesen, abgeschrieben, auch gesungen und sogar von Griechen, die aus Liebe zu diesem Büchlein Latein gelernt haben, bald zur Kithara, bald zur Lyra vorgetragen. Doch wozu diese Ruhmredigkeit? Freilich, Dichtern ist etwas Schwärmerei gestattet, und doch rede ich ja nicht von meinen eignem Urteile, sondern von dem andrer, das, sei es nun richtig oder unrichtig, mir angenehm ist. Ich kann nur wünschen, daß auch die Nachwelt ebenso urteilen oder ebenso irren möchte.« Späterhin hat Plinius noch eine Sammlung kleiner Gedichte in verschiednen Versmaßen, wenn nicht herausgegeben, so doch zur Herausgabe vorbereitet. Die Vorlesung dauerte auf den Wunsch der Zuhörer zwei Tage, denn Plinius machte es nicht wie andre, die einen Teil überschlugen und dies den Zuhörern als eine Wohltat anrechneten; er las alles, denn es war sein Wunsch, alles zu verbessern, und wie konnte er dies, wenn er nur Ausgewähltes der Kritik seiner Freunde unterwarf? So schnell konnten damals Dilettanten, die der Wunsch einer geistreichen Unterhaltung in müßigen Stunden, Nachahmungstrieb, literarische Belesenheit, Versgewandtheit, das Beispiel andrer, das Streben nach allseitiger Vervollkommnung zu poetischen Versuchen geführt hatte, sich einbilden, Dichter zu sein, wenn sie so eitel wie Plinius und wie er vornehm oder reich waren: doch an Gunst und Nachsicht fehlte es überhaupt bei einer so allgemeinen Verbreitung des Dilettantismus nicht leicht.

Es war aber damals offenbar keine Ausnahme, daß Männer von Stande, in hoher Stellung, in geschäftsvollen Ämtern selbst noch im höheren Alter ihre Mußestunden der Poesie widmeten. Wenn Plinius den glänzenden Erfolg, den Calpurnius Piso mit seinen elegischen Gedichten über die Sternbilder gehabt habe, mit der Bemerkung berichtet, er erzähle es um so lieber, je schöner es bei einem jungen Manne, je seltener bei einem vom Adel sei: so ist dies so zu verstehen, daß freilich unter der Masse von Dichtern, die sich monatelang Tag für Tag hören ließen, verhältnismäßig wenige aus vornehmeren Familien gewesen sein, und besonders, daß die Dilettanten der höheren Stände selten zu größeren poetischen Unternehmungen Zeit und Trieb gehabt haben werden. Von den Konsularen jener Zeit kennen wir als poetische Dilettanten, außer Plinius und Silius Italicus, Stertinius Avitus, Arruntius Stella und den hochbejahrten Arrius Antoninus; auch der bis zum Amte des Stadtpräfekten aufgestiegene Rutilius Gallicus war Dichter. Vestricius Spurinna, der die höchsten Ämter (das Konsulat zwei- oder dreimal) verwaltet hatte und durch eine Ehrenstatue in Triumphaltracht (wahrscheinlich von Nerva) ausgezeichnet worden war, widmete im Alter von 77 Jahren zwischen dem Spaziergange und dem Bade täglich einige Zeit der Abfassung lyrischer Gedichte in griechischer und lateinischer Sprache, die nach Plinius vortrefflich waren. Der Ritter Titinius Capito, der unter Domitian, Nerva, Trajan das höchst geschäftsvolle Amt eines kaiserlichen Sekretärs bekleidete, war nebenbei auch eine Hauptstütze der Literatur, Gönner und Beförderer aller Schriftsteller und Dichter, er gab sein Haus zu Vorlesungen her, er besuchte die Vorlesungen andrer, er las selbst und schrieb auch ausgezeichnete Gedichte auf große Männer. Der Freigelassene Parthenius, Oberkämmerer Domitians und noch unter Nerva einflußreich, war nach Martial ein Geliebter des Apoll und der Musen; wer trank reichlicher aus ihrer Quelle als er? Leider hatte er zur Poesie zu wenig Zeit. Daß der poetische Dilettantismus auch in den höheren Ständen der Städte Italiens verbreitet war, lassen die Beispiele des Puteolaners Pollius Felix, des Comensers Caninius Rufus voraussetzen. Er gehörte damals nicht etwa zu den Symptomen eines geistigen Klärungsprozesses der unreifen Jugend, zu den Entwicklungskrankheiten: die Poesie begleitete einen sehr großen Teil der Gebildeten durch das Leben. Sie wurde nicht bloß geübt, um das geistige Leben zu veredeln und zu schmücken, sondern auch weil sie als wesentliches Bildungsmittel geschätzt war, und die Fähigkeit, die poetische Form zu handhaben, galt daher auch als Beweis einer höheren Bildung. Wie auch Frauen der höheren Gesellschaftskreise dieser allgemeinen Neigung folgten, sehen wir an Sulpicia, die »die Schlüpfrigkeit der damals modernen Hendekasyllaben- und Sotadeenpoesie mitmachte« und in ihren Gedichten »in gesuchter Ehrbarkeit die Geheimnisse ihres ehelichen Lagers preisgab«. Sogar Menschen von der Klasse, die der Trimalchio des Petron repräsentiert, glaubten eigne Gedichte aufweisen zu müssen, um als gebildet erscheinen zu können: um so begreiflicher ist es, daß kluge Dichter, die das Geld dem Ruhm vorzogen, für ihre Verse zuweilen Käufer fanden.

 

Während nun im Anfange des 2. Jahrhunderts die Richtung auf die Poesie in der Zeitbildung noch so mächtig wirkte, daß auch prosaische Naturen wie Plinius sich ihrem Einflusse nicht entziehen konnten, trat schon in der Zeit Hadrians der große Umschwung ein, durch den die Prosa wieder so sehr das Übergewicht gewann, daß nicht nur die Poesie mehr und mehr aufhörte, das Hauptgebiet der literarischen Bestrebungen für Dilettanten und Künstler zu sein, sondern selbst poetisch beanlagte Geister wie Apulejus sich der Prosaschriftstellerei vorzüglich zuwandten. Dieser Umschwung vollzog sich, wie bereits bemerkt, hauptsächlich unter dem Einflusse der sogenannten zweiten Sophistik.

Die vollendete Kunst des griechischen Vortrags, deren Virtuosen mit dem alten Namen der Sophisten bezeichnet wurden, tritt seit dem Ende des 1. Jahrhunderts mit besonderer Deutlichkeit als für das allgemeine geistige Leben bestimmende Kraft in den Vordergrund; und die Bedeutung, die sie gewann, die große Zahl der Talente, die sich ihr zuwandten, die allgemeine, leidenschaftliche, ans Unglaubliche grenzende Bewunderung, die sie in der griechischen Welt hervorrief – alles dies beweist, daß sie dort nicht bloß dem Zeitgeschmacke völlig entsprach, sondern auch eine tief empfundene Leere im geistigen Leben in einer für die große Mehrzahl der Gebildeten befriedigenden Weise ausfüllte. Der unersättliche Drang nach immer neuer, geistreicher Unterhaltung, die Empfänglichkeit für Kunst lebte in der alternden Nation mit unverminderter Stärke fort; aber das reine und sichere Gefühl für wahre Kunst, das in den Jahrhunderten griechischer Geistesblüte sich auf allen Gebieten an einer so wunderbaren Fülle der herrlichsten Schöpfungen hatte bilden können, war verlorengegangen.

Die Kunst der Sophisten, die dem entarteten Geschmacke der späteren Jahrhunderte so sehr zusagte, war eine Afterkunst. Sie schuf schwer zu handhabende, bis ins Kleinste ausgebildete Formen, genaue und kleinliche Regeln für »jede Art des Stils, jede Art Gedankenform, Satzbildungen und Rhythmen«; auch auf die Korrektheit des Ausdrucks, die man durch Studium und (nicht selten verkehrte und pedantische) Nachahmung der alten, besonders attischen Muster zu erreichen strebte, wurde großer Wert gelegt. Die Virtuosität der Sophisten bestand (wie die der Meistersinger) zum großen Teil in der scheinbar mühelosen Überwindung der technischen Schwierigkeiten ihrer Kunst: »Wenn Polemo eine Periode drechselte, brachte er das letzte Kolon derselben mit Lächeln vor, um zu zeigen, wie leicht es ihm wurde.« Die in dem gebildeten Publikum je länger je mehr verbreitete Kenntnis der Technik der neuen Prosakunst schärfte das Verständnis und erhöhte die Bewunderung der Zuhörer. Vor allem aber bewunderte man die Kunst der Improvisation, die freilich nicht alle Sophisten erreichen konnten, und auf die einer der größten, Herodes Atticus, mehr Wert gelegt haben soll als auf seinen konsularischen Rang und seine Abstammung aus einer konsularischen Familie. Dazu kam eine studierte Deklamation, die nur zu oft wie Auftreten, Mienenspiel und Gebärden ins Theatralische fiel oder sich dem musikalischen Vortrage zu sehr näherte.

Alles dies aber, verbunden mit der auch damals noch unersättlichen Empfänglichkeit des griechischen Ohrs für den Zauber kunstvoller Rede, erklärt vielleicht noch nicht hinreichend die erstaunlichen Erfolge dieser Prunkreden, deren anspruchsvolle Formenkünstelei durch den Mangel an wahrem Inhalt auf uns immer abstoßend wirkt, und die es überdies oft genug mit ihrer süßlichen Affektation, ihrer gespreizten Unnatur, ihrem Schwulst und Bombast nur zu einer widerlichen Karikatur jener alten großartigen Beredsamkeit bringen, die sie in erneuerter Gestalt reproduzieren wollen. Der Enthusiasmus für die Sophisten und ihre Leistungen, der sich auch in Ehrenbezeigungen aller Art kundgab, das Zuströmen der bildungsbeflissenen Jugend zu den Städten, wo sie sich als Lehrer niederließen, die Bedeutung, die man ihnen zugestand, die sie als Strafredner, Ermahner und Versöhner aufzutreten berechtigte, und ihre eigne, an Verrücktheit grenzende Einbildung von der Wichtigkeit und Wirkung ihrer Tätigkeit: alles dieses wäre wenigstens in diesem Grade nicht möglich gewesen, wenn die Sophistik nicht auch der Nationaleitelkeit der Griechen eine neue, lang entbehrte Befriedigung geboten hätte. Die Griechen »hatten noch immer die Neigung, sich für die große Nation zu halten«, und wurden in dem Stolze, die Lehrer auch der Römer gewesen zu sein, von diesen bestärkt; nun hatte Griechenland eine neue glänzende Bildungsform hervorgebracht, aufs neue auf dem Gebiete der Literatur den Ton angegeben. Aber was der Sophistik vor allem die leidenschaftliche Teilnahme der griechischen Welt gewann, war, daß sie die Verherrlichung der großen Vorzeit Griechenlands zu ihrer Hauptaufgabe machte: die herabgekommene Nation kannte keine größere Freude, als sich in diesen Erinnerungen zu spiegeln.

Die Themen der Improvisation wurden von den Sophisten wie von ihren Zuhörern am liebsten aus der griechischen Geschichte gewählt. »Die Taten der Vorfahren waren durch die Geschichte überliefert, und diese konnte man feiern. Aber ihre Reden bei hundert Gelegenheiten waren nicht überliefert. Also konnte man reden, was sie hätten reden können, und was man ihnen hätte erwidern können, und was sie bei der oder jener Gelegenheit, wo sie gar nicht geredet, hätten sie geredet, würden geredet haben. Einige solche Themen waren zum Beispiel: Demosthenes nach der Schlacht bei Chäronea. Wie verteidigte sich Demosthenes gegen die Anklage des Demades, vom Perserkönig mit fünfzig Talenten bestochen zu sein? Rede an die Griechen nach Beendigung des Peloponnesischen Kriegs als eines Bürgerkriegs, daß man die Tropäen niederreißen müsse. Beratung der Lacedämonier, ob man die aus Sphakteria ohne Waffen heimkehrenden Spartiaten in Sparta wieder aufnehmen dürfe. Ob man Sparta, das nach Lykurgs Gesetzen ohne Mauer sein sollte, beim Herannahen der Perser mit einer Mauer schützen solle.« »Die meisten dieser genannten Themata und ähnliche waren beliebt: man hörte sie gern, und die Sophisten behandelten sie wetteifernd. Aber keine trugen es davon über die sogenannten medischen oder attischen Themata. In jenen ließ man den Darius und Xerxes ihre barbarischen Prahlereien gegen die Griechen sprechen. In den attischen waren es Salamis und Marathon mit ihren einzelnen Akten und Helden, die gefeiert wurden. Das schildert Lucian, indem er einem Rhetor den spöttischen Rat gibt, worauf es ankomme. ›Vor allem erwähne Marathon und Cynägirus, ohne welche nichts geschehen darf; immer laß den Athos beschiffen und den Hellespont beschreiten, die Sonne werde von den Pfeilen der Perser verfinstert, Xerxes fliehe, Leonidas werde bewundert, immer lese man die Schrift des Othryades und nenne Salamis, Artemision und Platää‹.« Noch in der Leichenrede auf Proäresius, einen berühmten Sophisten des 4. Jahrhunderts, hieß es: »O Marathon und Salamis! Welche Posaune eurer Tropäen habt ihr verloren!«

Diese Rhetorik strebte nach einer Alleinherrschaft im Gebiet der redenden Künste. Sie wollte die Poesie verdrängen oder vielmehr in ihr eigenes Gebiet hinüberziehen. In dieser Neigung scheint jene Vermischung des prosaischen und poetischen Stils der Rede und des Ausdrucks zu wurzeln, jene poetische Prosa, die wir in fast allen Erzeugnissen der damaligen und späteren Sophistik wahrnehmen. Aber auch der Gegenstände der Poesie glaubten die Rhetoren sich bemächtigen zu können. In Festreden auf Götter und Heroen, die man auch geradezu »Hymnen« nannte, in Lobreden auf bedeutende und mächtige Menschen der Gegenwart und Vergangenheit konnte man einen Ersatz für die Lyrik großen Stils der Vorzeit erblicken. Auch in der Gattung der »Beschreibungen« knüpfte man an die Schilderungen der Dichter wetteifernd an. Dieses Bestreben, eine eigne rhetorische Poesie zu erschaffen, trieb denn auch aus dem Boden der neuen Sophistik dessen eigentümlichste Blüte hervor: ihre Neugestaltung des griechischen Liebesromans.

Obwohl nun die Bedeutung dieser Kunst für die griechische Welt eine wesentlich nationale war, übte sie doch auch auf die römische große Wirkungen, vermöge der althergebrachten Ehrfurcht der Römer vor der Autorität der Griechen auf dem ganzen geistigen und namentlich literarischen Gebiet, ihrer Abhängigkeit von griechischem Urteil, ihrem Streben, sich griechische Bildung anzueignen, das damals vielleicht eifriger war als in irgendeiner früheren Zeit. Wie sie von jeher bei den Griechen in die Schule gegangen waren, seit sie angefangen hatten, ihre Beredsamkeit zur Kunst auszubilden, so bemühten sie sich auch damals eifrig, von den neuesten Vervollkommnungen der griechischen Darstellungskunst Vorteil zu ziehen. Junge Männer reisten aus Italien und den westlichen Ländern zahlreich nach Athen und andern griechischen Bildungsstätten, um sich durch Hören der gefeiertsten Lehrer den feinsten Schliff anzueignen; aber diese traten auch selbst auf ihren Kunstreisen regelmäßig in Rom und andern großen Städten des Westens auf oder ließen sich dort für die Dauer nieder, und namentlich den Lehrstuhl der griechischen Beredsamkeit am Athenäum in Rom inne zu haben, rechneten auch die berühmtesten sich zur Ehre.

Zur Erhöhung ihres Ansehens bei den Römern trug auch das Interesse bei, das die Kaiser für sie kundgaben, die Auszeichnungen und Geschenke, die sie ihnen reichlich zuteil werden ließen, der Wert, den sie auf den von ihnen den Thronfolgern zu erteilenden Unterricht legten, die hohen Stellungen, zu denen sie sie beförderten (namentlich die griechische Abteilung des kaiserlichen Sekretariats), die Höflichkeit, Nachsicht und Geduld, mit der sie ihre lächerliche Prätention und selbst Insolenz ertrugen; sowie anderseits schon allein dieses ganze Verhalten der Kaiser gegen die Sophisten eine in der gebildeten römischen Gesellschaft sehr verbreitete hohe Achtung für ihre Leistungen voraussetzen läßt, welche die Kaiser nicht minder teilten als andre in der Zeitbildung herrschende Richtungen und Interessen.

Hadrian, zugleich der größte Verehrer der Griechen und der eifrigste literarische Dilettant, war auch ein besondrer Freund der Sophisten, deren Lebensbeschreiber Philostrat ihm das Lob erteilt, daß er von allen früheren Kaisern am meisten Sinn dafür hatte, ausgezeichnete Talente zu fördern. Das von Trajan dem berühmten Polemo verliehene Recht der Abgabenfreiheit bei allen seinen Reisen dehnte er auf dessen Nachkommen aus, nahm ihn in die Akademie (das Museum) zu Alexandria auf, bezahlte für ihn unaufgefordert eine Schuld von 250.000 Denaren usw. Ob diese Angabe zuverlässig ist, muß freilich dahingestellt bleiben, um so mehr, als andres, was Philostrat erzählt, offenbar abgeschmackt erfunden oder doch lächerlich übertrieben ist; daß es Glauben fand, zeigt die kindische Einbildung der Sophisten von ihrer Wichtigkeit und ihrer Stellung zu den Kaisern. Polemo soll einst Hadrians Nachfolger Antoninus Pius, als dieser noch Prokonsul von Asia war, in der gröbsten Weise bei Nacht aus seinem Hause gewiesen haben; um nun Polemo gegen eine etwaige Rache von Seiten des Antonius zu schützen, habe Hadrian in seinem Testament ausdrücklich gesagt, daß Polemo ihm zur Adoption des Antoninus geraten, auch habe dieser nach seiner Thronbesteigung dem Polemo alle Ehre erwiesen!

Von solchen und ähnlichen Geschichten ist das Buch des Philostrat voll. Der Sophist Aristides machte Marc Aurel bei einem Aufenthalte desselben in Smyrna seine Aufwartung nicht früher, als bis der Kaiser nach ihm verlangte; er habe, sagte er, seine Studien nicht unterbrechen wollen. Als Smyrna später durch ein Erdbeben zerstört worden war, gab er durch seine (noch vorhandene, ganz aus Exklamationen bestehende) »Klage über Smyrna« Veranlassung zur Wiederherstellung der Stadt. Bei der schönen Stelle: »Die Abendwinde wehen über eine Öde« hatte Marc Aurel Tränen vergossen. Obwohl es nun unmöglich ist, zu entscheiden, wieviel in der angeführten Darstellung Philostrats im einzelnen Wahrheit und wieviel Lüge oder doch Entstellung, Übertreibung und Einbildung ist, so kann doch weder die auffallende Höflichkeit der Kaiser im 2. und zum Teil im 3. Jahrhundert gegen die Sophisten noch ihr Interesse für deren Kunst bezweifelt werden: hiernach allein würde schon, wie gesagt, dasselbe für die gebildete Welt Roms vorauszusetzen sein.

Es fehlt aber auch sonst nicht an unverdächtigen Zeugnissen für das große Interesse, das diese an den Sophisten nahm. Einer der Begründer der neuen Kunst, der Assyrer Isäus, trat (wohl kurz vor dem Jahre 100) in Rom auf; welchen Eindruck er mit seinem gewaltigen Redeflusse machte, zeigt die Schilderung des jüngeren Plinius: »Dem Isäus war ein großer Ruf vorangegangen, größer hat er sich bewährt. Da ist höchste Fertigkeit, Reichtum, Fülle. Er spricht immer nur aus dem Stegreif und doch ebenso, als hätte er es lange geschrieben. Sein Ausdruck ist echt griechisch, ja attisch. Die Vorreden sind zierlich, einschmeichelnd, bisweilen würdig und in höherem Ton. Dann läßt er sich mehrere Kontroversthemen geben, überläßt aber den Zuhörern die Wahl, oft auch die Bestimmung, ob er für oder gegen reden solle. Er erhebt sich, macht den Mantelwurf, beginnt. Augenblicklich ist ihm alles zur Hand: entlegene Gedanken stellen sich ihm zu Gebote und die Worte: und was für Worte! Ausgesuchte und gebildete. Viel Belesenheit, viel schriftliche Übung ist in diesen unvorbereiteten Ergüssen ersichtlich. Seine Einleitung ist dem Gegenstande angepaßt, seine Widerlegung scharf, seine Beweisführung energisch, das Schmuckwerk erhaben. Kurz, er lehrt, unterhält, ergreift. Häufig sind bei ihm die sogenannten Enthymemata, häufig die Syllogismen; und diese scharf umgrenzt und abschließend. Was er aus dem Stegreif gesprochen, faßt er, streckenweit wiederholend, zusammen und irrt sich mit keinem Wort. Zu solcher Fertigkeit hat er es durch frühe Übung gebracht. Denn Tag und Nacht treibt, hört und spricht er nichts anderes. Er ist über das sechzigste Jahr hinaus und immer noch bloß ein Mann der Schule.« Nach dieser Schilderung darf man den Angaben Philostrats buchstäblich Glauben beimessen, daß die Feindschaft der beiden Sophisten Favorinus und Polemo dadurch genährt wurde, daß Konsuln und Söhne von Konsuln teils für diesen, teils für jenen Partei nahmen; daß der Sophist Hadrianus solche Bewunderung erregte, daß Ritter und Senatoren sich ins Athenäum drängten, um ihn zu hören, und selbst solche, die des Griechischen unkundig waren.

Daß die großen, durch den griechischen Lehrstuhl in Rom energisch unterstützten Wirkungen der sophistischen Beredsamkeit in der gebildeten römischen Welt nicht ohne Einfluß auf die dortigen literarischen Bestrebungen blieben, zeigen selbst die geringen Überbleibsel der römischen Literatur in der nachhadrianischen Zeit des 2. Jahrhunderts deutlich genug. Ja, vielleicht sind diese Überbleibsel auch darum so gering, weil manche Römer sich durch den Glanz der neuen griechischen Prosa verführen ließen, griechisch statt lateinisch zu schreiben. Bei Marc Aurel ist, wie vorher bei dem Volsinier Musonius, die Wahl der ersten Sprache zwar ohne Zweifel durch das Studium der Originalwerke griechischer Philosophen veranlaßt worden; doch daß der Arelatenser Favorinus und der Pränestiner Claudius Aelianus nach dem Ruhme strebten, nicht in ihrer Muttersprache, sondern in der griechischen als Stilkünstler zu glänzen, wie sie denn in der Tat zu den hervorragenden griechischen Sophisten gezählt wurden: das gehört zu den unzweideutigsten Symptomen des Einflusses der griechischen Sophistik auf die literarischen Kreise der römischen Welt. Römische Prosaschriftsteller besitzen wir aus dieser Zeit nur drei, von denen Gellius, der nichts als eine Sammlung von gelehrten Ergötzlichkeiten bieten wollte, kaum den Namen eines Schriftstellers verdient, aber doch auch in der studierten Eleganz, besonders seines Erzählens, wohl die Nachahmung gleichzeitiger griechischer Muster verrät; sein großer Freund Herodes, dieser »durch anmutigen Geist und griechische Beredsamkeit berühmte Mann«, hatte ähnliche Sammlungen gelehrter Art herausgegeben. Fronto, der Bewunderer des Polemo, hat sich in mehreren Formen versucht, in denen die Sophisten ihre Kunst zur Schau stellten; außer der zierlichen Erzählung gehörten dazu besonders Briefe, die teils im eignen Namen, teils im Namen und Charakter der verschiedensten Personen, Stände, Klassen geschrieben wurden; von Fronto haben wir auch griechisch geschriebene. Auch seine Lobreden auf den Staub, den Rauch und die Faulheit sind Versuche in der bei den Sophisten beliebten Aufgabe, schädliche, verächtliche und unnütze Dinge zu preisen.

Apulejus endlich, der in Athen, wie er selbst sagt, griechische Bildung im weitesten Umfange sich aneignete, hat es geradezu zu seiner Lebensaufgabe gemacht, in der Kunst der lateinischen Prosa dasselbe zu leisten wie die Sophisten in der griechischen. Die Verbindung der Philosophie mit der Beredsamkeit, durch die er hauptsächlich sein großes Ansehen bei der Mitwelt und Nachwelt gewann, war auch bei den griechischen Sophisten nicht ungewöhnlich; wie sie reiste er von Ort zu Ort und ließ sich mit wohlvorbereiteten Vorträgen hören (eine Sammlung sorgfältig ausgearbeiteter Glanzstellen und Einleitungen hat sich erhalten); wie sie verwertete er seine Kunst auch vor Gericht. Auch sein Hauptwerk, der Roman des in einen Esel verwandelten Lucius, ist ein sophistisches Schau- und Prachtstück. Denn auch diese Form wurde (wie bemerkt) von den Sophisten benutzt, um die Vorzüge der prosaischen Darstellungskunst auf verschiedenen Gebieten zu entfalten: auch hier war die Darstellung der Zweck, der Gegenstand nur das Mittel. Wie die griechischen Romane besteht auch der des Apulejus aus lose aneinandergeknüpften Szenen und Abenteuern aller Art, die dem Darsteller Gelegenheit bieten, seine Kunst bald in komischen und tragischen, schmutzigen und schaudervollen Geschichten, bald in Schilderungen von Naturszenen und Kunstwerken, bald in Dialogen und Reden zu entfalten.

Wenn der Versuch des Apulejus, die griechische Sophistik in die römische Literatur zu verpflanzen, der schlagendste Beweis der ungemeinen Wirkung ist, welche die neue griechische Kunst auf die gebildete Welt auch des Westens übte, so zeigt zugleich seine ganze Schriftstellerei, wie die Herrschaft dieser Form notwendig die bisherige Bedeutung der Poesie beeinträchtigte. Daß Apulejus eine poetisch beanlagte Natur war, wird niemand bestreiten; er war es wohl in höherem Grade als der größte Teil der uns bekannten nachaugusteischen Dichter; schon die Wahl eines Volksmärchens (Amor und Psyche) zum Gegenstand der Darstellung und dessen liebevolle Behandlung zeigt ein in jener Zeit wohl sehr seltenes Verständnis auch für die wilden Blumen der Poesie, welche die poetischen Kunstgärtner und deren Bewunderer hochmütig ignorierten. Allerdings hat sich nun Apulejus auch in Gedichten aller Art versucht, wie er sagt, Epen, Lyrisches, Komödien, Tragödien, Satiren und Rätsel geschrieben; aber seinen Ruhm suchte und fand er doch in der Prosaschriftstellerei. Hundert oder fünfzig Jahre früher würde er höchstwahrscheinlich als Dichter geglänzt haben, aber wie die herrschende Richtung der früheren Zeit stark genug gewesen war, selbst nüchterne Pedanten wie Plinius auf poetische Pfade zu locken, so zog jetzt die Prosakunst unwiderstehlich das Talent an und vermochte es selbst aus der ihm zusagenden Sphäre zu reißen. Freilich hat es Apulejus in ungewöhnlicher Weise verstanden, die Doppelnatur des poetisierenden Rhetors, des in Prosa darstellenden Dichters festzuhalten.

Mit der Wiedergeburt der antiken Kultur gewann die römische Poesie der Augusteischen und nachaugusteischen Zeit aufs neue eine so hohe Geltung, wie sie nur je im Altertum besessen. Während Homer, Pindar, Aeschylus, Sophokles, Theokrit Jahrhunderte hindurch wenig gekannt und noch weniger verstanden wurden, waren Vergil, Horaz, Ovid, Juvenal allgemein als höchste Muster anerkannt. Mit der Herstellung der Geltung der römischen Dichtung und ihres Einflusses auf die Gesamtbildung kehrten aber auch manche Erscheinungen wieder, die in dem Verhältnisse der gebildeten Welt des späten Altertums zur Poesie ihren Grund hatten. Zunächst stellte der Humanismus die innige Verbindung der Poesie mit der Wissenschaft und Gelehrsamkeit her; auch ihm galt ihr Studium als wichtiges, ja unentbehrliches Bildungsmittel, die Virtuosität in der Handhabung ihrer Formen und ihres Ausdrucks als feinste Blüte edler Bildung: »Poeten« hießen geradezu die Humanisten in befreundeten wie in feindlichen Kreisen, und nicht mit Unrecht. »Wer nicht die Poesie getrieben hat«, sagt Melanchthon in einem Brief an Micyllus 1526, »der hat in keinem wissenschaftlichen Fach ein rechtes Urteil, und auch die Prosa derer, welche nicht von der poetischen Kunst einen Geschmack haben, hat keine Kraft.« Die Poesie galt den Humanisten als erlernbare Kunst, die, wie jede andere, durch Fleiß und Übung von jedermann erworben werden könne. Zugleich erhielt sie die Aufgabe zurück, das Leben der Bevorzugten zu schmücken und jedem bedeutenden Moment eine höhere Weihe zu geben. Zum Teil haben diese Richtungen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts und selbst darüber hinaus fortgewirkt. Die Poesie blieb ein regelmäßiger Unterrichtsgegenstand an den Universitäten und begleitete oft genug Männer, die eine höhere Bildung erworben hatten, durchs Leben, indem sie ihnen in Mußestunden eine geziemende Ergötzung und Erholung bot: auch die offizielle wie die nicht offizielle Gelegenheitspoesie behielt eine gegenwärtig kaum noch verständliche Bedeutung und Breite. Erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts vollzog sich jene große geistige Revolution, die der Poesie wie der Kunst überhaupt das hohe Ziel steckte, die Befreierin des menschlichen Gemüts von den dunklen Mächten der Leidenschaft zu werden. Diese gewaltige Bewegung, die aus Künstlichkeit, Konvenienz und Formenwesen so mächtig zur Natur zurückstrebte, die das Verständnis der Griechen, Shakespeares und der Volkspoesie erschloß: sie hat, wie sie das ganze Verhältnis der gebildeten Welt zur Poesie völlig umgestaltete, auch die Schätzung der römischen Dichter sehr herabgedrückt, doch freilich weit weniger bei den romanischen als bei den germanischen Völkern.

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